Aus einer Beschreibung der Besetzung von Kiautschou:
»Am 13. November 1897 waren unsere drei Schiffe S.M.S. Kaiser, Prinzess-Wilhelm und Cormoran unter dem Kommando des Admirals von Diederichs vor Tsingtau eingetroffen und auf Reede vor Anker gegangen. Der Admiral hatte die Ordre, einen genau bestimmtem Rayon chinesischen Gebiets zu besetzen, dabei aber so weit irgend möglich jedes Blutvergiessen zu vermeiden. Einzelne Offiziere des Geschwaders gingen bereits am 13. an Land, und die Chinesen, von denen ca. 1500 Mann in den fünf befestigten Lagern von Tsingtau standen, zeigten sich ihnen gegenüber sehr entgegenkommend. Die Offiziere wurden sogar eingeladen, lehnten jedoch ab und begaben sich bald wieder an Bord zurück.
Am nächsten Morgen, dem 14. November, mit Tages-anbruch schifften dann S.M.S. Kaiser und Prinzess-Wilhelm ein gemeinsames Landungskorps von ca. 500 Mann nebst Bootsgeschützen an der festen Landungs-brücke aus und besetzten sofort das Brückenlager. S.M.S. Cormoran, der in die Innenbucht beordert war, und von dort das Strand- und Höhenlager mit seinen Geschützen beherrschen konnte, landete hier 100 Mann, die ohne weiteres die in der Nähe gelegenen Munitions- und Pulverschuppen, in denen die Chinesen auch ihre Artillerie-Munition aufbewahrten, besetzten.
Das Hauptlandungskorps hatte sich unterdessen ohne Aufenthalt nach rechts gewandt, um die Höhen zu besetzen, von denen aus man das befestigte Artillerie- und Ostlager einsehen und somit leicht unter Feuer nehmen konnte. Dabei mussten Teile dieser Abteilung das Unterdorf passieren, in dem das Yamen, die Wohnung des dort kommandierenden chinesischen Generals lag.
General Tschang befand sich zufällig auf dem Platze vor seiner Behausung und hatte von dem eigentlichen Vor-haben des deutschen Ausschiffungskorps noch immer nicht die geringste Kenntnis. Er glaubte vielmehr, es handele sich um ein Uebungsmanöver, begrüsste den kommandierenden Offizier der kleinen Abteilung sehr zuvorkommend und drückte ihm durch den Dolmet-scher seine Zufriedenheit darüber aus, dass seinen Untergebenen sich so unerwartete Gelegenheit bot, ein Manöver derart vortrefflicher europäischer Truppen mitanzusehen und auf diese Art viel zu lernen.
Sehr interessant war an verschiedenen Stellen auch das Zusammentreffen der deutschen Abteilungen mit exer-zierenden chinesischen Soldaten, von denen kleinere Trupps nach deutschem Reglement und deutschen Kommandos von ihren Unteroffizieren gedrillt wurden. Unter letzteren befanden sich mehrere, die ihre Aus-bildung direkt von deutschen Instrukteuren erhalten hatten; hier und da sprachen diese Leute sogar deutsch und kamen nun neugierig heran, um sich die deutschen Soldaten möglichst genau anzusehen. Sie zeigten ihre Waffen vor, machten Griffe mit dem Gewehr, etc., etc. und wären am liebsten wohl gleich mitgelaufen, um nichts von den anscheinend bevorstehenden Exerzitien oder Übungen der Deutschen zu verlieren. Sie alle ahnten natürlich erst recht nicht, was ihnen in den nächsten Stunden bevorstand! —
Dank der langwierigen chinesischen Förmlichkeiten nahm der Austausch der gegenseitigen Höflichkeits-phrasen zwischen General Tschang und dem Über-bringer des inhaltsschweren Briefes des Admirals von Diederichs geraume Zeit in Anspruch. Und das war sehr erwünscht! — Hatten doch die übrigen deutschen Abteilungen während dessen ihr Ziel, die die Lager beherrschenden Höhen erreicht, und dort die befoh-lenen Positionen ungestört einnehmen können. Die wichtigste davon war eine Felskuppe, die unmittelbar neben dem Artillerie-Lager ca. 80 Fuss emporstieg. Von hier aus konnte eine handvoll sicherer Schützen das ganze Lager in Schach halten und besonders auch die offenen Geschützschuppen nebst Geschützen vollkom-men unter Feuer nehmen. Jeder etwaige Versuch der Chinesen, ihre Artillerie herauszuziehen und in Tätig-keit zu setzen, wäre nunmehr für die Betreffenden sicherer Tod gewesen. Auf einer anderen dominieren-den Höhe war unterdessen eine Signalstation errichtet und dort auch die Flagge des Admirals gesetzt worden und somit der Moment gekommen, den Chinesen über den Ernst ihrer Lage und die Aussichtslosigkeit eines etwaigen Widerstandes die Augen zu öffnen.
Ein Offizier vom Stabe des Admirals überbrachte nun dem chinesischen Truppenbefehlshaber ein Schreiben, das nach den nötigen Auseinandersetzungen die Auf-forderung enthielt, binnen 3 Stunden sämtliche Lager unter Hinterlassung aller Geschütze nebst Munition zu räumen und seine Truppen landeinwärts bis hinter eine genau bestimmte Linie zurückzuziehen. Zum Schluss des Briefes wurde dem General noch dringend ans Herz gelegt, sich ins Unvermeidliche zu fügen, damit un-nötiges Blutvergiessen vermieden würde. Ihre sonstigen Waffen, jedoch ohne Munition, durften die Chinesen mitnehmen, desgleichen auch ihr Hab und Gut.
Im ersten Moment war General Tschang wie vom Donner gerührt und vermochte sich garnicht in den Ernst der Situation hinein zu finden. Er glaubte, der Dolmetscher habe ihm das Schreiben des Admirals nicht richtig übersetzt. Als er endlich vom Gegenteil überzeugt war und sich nun über seine furchtbare Lage klar wurde, entsandte er Parlamentäre zum Admiral, die um Aufschub baten, weil er erst Befehle in Peking einholen müsse. Das schlug Admiral von Diederichs rundweg ab und betonte in seiner Antwort, er werde unweigerlich die Befehle seines kaiserlichen Kriegs-herrn ausführen. Nur die Frist verlängerte der Admiral von 3 auf 4 Stunden, damit die chinesischen Soldaten ihr Eigentum zusammenpacken konnten.
Als General Tschang sich noch immer nicht zu ent-schliessen vermochte, wurde er darauf aufmerksam gemacht, dass sämtliche Lager sich im Bereich der schweren Schiffsgeschütze befänden, also jeder Wider-stand fruchtlos sein würde, und das gab schliesslich bei ihm den Ausschlag. Er fügte sich in das Unabänderliche. Die zahlreichen, auf den Wällen der Chinesen wehen-den roten Fahnen gingen alle zugleich nieder, und gegen Mittag zogen die Chinesen in kleineren geschlossenen Trupps landeinwärts ab.
Unmittelbar darauf wurden die verlassenen Lager von unsrer Marine besetzt. Dann ging auf dem Ostlager (den jetzigen Bismarckkasernen) unter präsentiertem Ge-wehr der sämtlichen deutschen Truppenabteilungen die deutsche Flagge hoch. Sie wurde vom Kreuzer Prinzess-Wilhelm sofort mit 21 Schuss salutiert und zum Schluss einer kurzen markigen Ansprache des Admirals von Diederichs an seine Marinemannschaften, mit 3 fachen Hurra’s auf Kaiser Wilhelm begrüsst.
Gleichzeitig mit dem vom Geschwader-Chef an General Tschang abgesandten Brief waren in Tsingtau zahl-reiche Proklamationen in chinesischer Sprache ange-schlagen worden, in welchen der Admiral die Bevöl-kerung aufforderte, sich ruhig zu verhalten, ihnen andrerseits aber vollen Schutz zusicherte, denn, — hiess es in denselben — „wir kommen als euere Freunde zu Euch“! . . . . „Leset und gehorchet“! schloss nach chinesischem Brauch die Proklamation. Die mächtigen Plakate wurden von neugierigem Volk viel umstanden, studiert und besprochen. Die Leute fanden sich auch schnell in die veränderte Lage hinein und fügten sich willig, zumal ihre neuen Herren ihnen sofort Arbeit bei hohem Lohn gaben.
…
Alle Beamten verblieben in ihren Stellungen und hatten weiter zu arbeiten, sich aber bei allen Fragen an den deutschen Militärgouverneur Kapitän zur See Zeye zu wenden. Im Besonderen durfte kein Besitzwechsel von Grundeigentum ohne Erlaubnis stattfinden.
Kapitän z. S. Zeye wurde der Dienst als Militärgouver-neur übertragen.
Diese Proklamationen wurden in allen Lagern, in Tapau-tau, Kiautschou wie Kaumi durch Anschlag bekannt ge-macht. Dolmetscher Krebs vom deutschen Generalkon-sulat in Schanghai leistete hierbei wertvolle Dienste; er vermittelte den Verkehr mit den Chinesen und besorgte die Bekanntgabe an die Dorfschulzen.
In den verschiedenen Lagern fanden unsere Mann-schaften entsetzlichen Schmutz und viel Ungeziefer vor. Ganze Bootsladungen von Besen und andern Reini-gungsgerätschaften waren notwendig, um den Aufent-halt in ihnen für Nichtchinesen möglich zu machen; aber unverdrossen wurde die Arbeit bewältigt.«