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Verkehr II

Da das Bismarck-Archipel eine Inselwelt darstellt ist na-türlich das Schiff die entscheidende Verbindung inner-halb des Archipels wie auch nach außerhalb. Dafür ist der Bau von Anlegestellen für Seeschiffe für den ständig wachsenden Verkehr notwendig. So hat Herbertshöhe, die Hauptstadt von Deutsch Neuguinea, nur eine offene kleine Reede mit einer Ankergelegenheit für nur zwei Schiffe. Die ungeschützte Reede ist oft auch bei ungün-stigen Winden starker Dünung ausgesetzt, was beim Beladen mit Kopra- und Entladen von Gütern beim heftigen Rollen und Arbeiten des Schiffes zum Verlust manchen Sackes Kopra und wertvoller Ladungsstücke führt. Auch Kollisionen, besonders bei Nacht, kommen auf diesem beschränkten Liegeplatz vor. Deshalb ent-schließt sich der Gouverneur einen neuen Hafenplatz für seine Hauptstadt zu suchen.

Am 1. Oktober 1905 geht der neue Hafen Simpsonhafen in der Blanche-Bucht in Betrieb. Der Norddeutsche Lloyd hat dort eine Pier mit einem Kostenaufwand von 700.000 Mark erbaut. Die große Pier für Hochseeschiffe ersetzt die unzulängliche Reede des nahen Herberts-höhe. Von Simpsonhafen verkehrt nun der Dampfer Sumatra für die Verbindung mit den Hafenplätzen auf Neuguinea und dem Bismarck-Archipel auch für touristische Rundreisen im Archipel. Für den Verkehr zu den Pflanzern, Firmen und Missionsstationen im weiten Umkreis wird der kleine Dampfer Langeoog von Simpsonhafen aus eingesetzt.

Die Weser-Zeitung schreibt am 1. Oktober 1905: »Den Reisenden ist durch die Gründung der Linie im Bis-marck-Archipel eine vorzügliche Gelegenheit geboten, Land und Leute in unseren hochinteressanten Kolonien in der Südsee bequem und in verhältnismäßig kurzer Zeit kennen zu lernen, und zweifellos wird die Gelegen-heit von den Passagieren der Austral-Japan-Reichspost-dampferlinie des Norddeutschen Lloyd viel benutzt wer-den, um die Fahrt in Simpsonhafen zu unterbrechen und eine Rundtour im Bismarck-Archipel mit dem Dampfer Sumatra zu machen.«

Über den neuen Hafen Simpsonhafen verkehrt nun die Austral-Japan-Linie des Norddeutschen Lloyd zwischen den beiden Endpunkten der Reichspostdampferlinien von Deutschland: Sydney und Yokohama. Die Austral-Japan-Linie läuft von Sydney über Simpsonhafen, Friedrich-Wilhelms-Hafen, Manila, Hongkong, Yoko-hama nach Kobe und rückkehrend von Kobe über Moji, Hongkong, Manila, Friedrich-Wilhelms-Hafen, Simp-sonhafen nach Sydney und wird auch gleich von vielen Passagieren genutzt.

Seit 1909 fährt die Sumatra auch die deutschen Inseln in der Südsee an. Im »Inseldienst« läuft das Schiff alle drei Monate alle wichtigen Plätze und Faktoreien in der Kolonie Deutsch Neuguinea an und macht außerdem regelmäßig verschiedene Rundreisen.

1909 wird auch die Hauptstadt von Deutsch Neuguinea von Herbertshöhe nach Rabaul am Simpsonhafen ver-legt und Simpsonhafen ist nun der Hafen von Rabaul.


Die großen Handels- und Plantagengesellschaften, die Neuguinea-Kompagnie, Hernsheim & Co, die Forsayth-Gesellschaft, die zahlreichen Missionsstationen und selbständigen Pflanzer benötigen immer mehr Schiffs-raum, um ihre Produkte der Verwertung zuzuführen.

Nach Rabaul, das als günstiger Knotenpunkt immer größere Wichtigkeit als Hafenstadt erlangt, strömen von allen benachbarten Inselgruppen, die mit jedem Jahr durch neue Siedlungen erschlossen werden und zur Entwicklung entsprechende Verbindungen verlan-gen, mit den Kopraschonern der verschiedenen Gesell-schaften, mit den Lloyddampfern Langeoog, Meklong und Sumatra, mit dem Schlepper Roland und seinen Leichtern, mit den Dampfern Siar und Madang der Neuguinea-Kompagnie all die wertvollen Ausfuhrgüter zusammen, die nicht von den Reichspostdampfern in ihren Zwischenhäfen mitgenommen werden können. Der Dampfer Germania der Jaluit-Gesellschaft läuft von Hongkong über Jaluit nach Rabaul, ab und an ankern auch zwei englische Dampfer in Rabaul, der ganze tur-nusmäßige Reise- und Frachtverkehr, die Verbindung mit der großen Welt, liegt aber ganz in den Händen des Norddeutschen Lloyd mit seiner Austral-Japan-Linie, der die Reichspostdampfer Prinz Waldemar und Prinz Sigismund, beide seit 1904, sowie seit 1907 auch die Coblenz auf der Route Japan, Hongkong, Manila, Rabaul, Sydney stellt. Jeweils alle vierzehn Tage läuft ein Dampfer dieser NDL-Linie Japan-Sydney Rabaul an. Der Reichspostdampfer Manila bedient von Singapur aus die wichtigsten Häfen von Niederländisch Indien und Deutsch Neuguinea.

Die Reisezeit für Post und Passagiere per Schiff zwischen Europa und Rabaul braucht etwa sechs Wochen und geht durch den Suezkanal. Über die Transsibirische Eisenbahn kann bei günstigem Anschluß die Reisedauer 35 Tage betragen.



Franz Boluminski, von 1900 bis zu seinem Tod 1913 Stationsleiter von Nord-Neumecklenburg mit Sitz in Käwieng, läßt von der Bevölkerung der Dörfer an der Ostküste der Insel eine befestigte Straße bauen, um eine Verbindung zwischen den Pflanzungen zu schaffen, auf denen vor allem Kokospalmen zur Kopra-Gewinnung angebaut werden. Die Straße bekommt den Namen »Kaiser-Wilhelm-Chaussee«. Jedes Dorf wird mit dem Bau und der Unterhaltung eines Teilabschnitts der Straße beauftragt. Boluminski veranstaltet Wettbewer-be unter den Dörfern mit Belohnungen und Straf-androhungen. Wenn ein Abschnitt nicht gepflegt und ausgebessert wird, muß die Dorfbevölkerung seinen Wagen mit dem Pferd über die Löcher in der Straße tragen. Trotz dieser ungewöhnlichen Methoden genießt »Baron Boluminski« große Popularität auf der Insel.

An der Straße sind Rasthäuser angelegt. Diese Rasthäu-ser  sind aus einfachem Buschmaterial errichtet. Tische, Klappstühle und Pritschen zum übernachten sind in ihnen vorhanden.

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Wirtschaft III


Die Witu-Inseln – auch Französische Inseln genannt – gehören zum Bismarck-Archipel. Diese kleine Insel-gruppe ist trotz ihrer geringen Größe von gerade 96 qkm Landfläche wirtschaftlich ungewöhnlich bedeutend. Die größte der Inseln mit 53 qkm ist Witu, auch Garowe genannt. An den Seiten dieser Vulkaninsel liegen zwei kleine natürliche Häfen, Wituhafen und Peterhafen, wovon Peterhafen an der Ostküste der eigentliche Hafen der Insel ist. Peterhafen hat eine enge Einfahrt durch das vorgelagerte Riff und dann eine noch engere Einfahrt durch die tiefste Stelle der Kraterwand des schief eingesunkenen Kraters, der den kleinen Hafen bildet, der gerade genug Platz für ein Schiff und dessen An- und Ablegemanöver bietet. Der kreisrunde Krater-hafen ist traumhaft schön, mit seinem glasklaren, stillen Wasser und steilen bewaldeten Berghängen.

Der Reichspostdampfer Manila fährt Peterhafen regel-mäßig an und hat als schwerfälliges Einschraubenschiff beim Manövrieren im Hafen vorsichtig genug zu sein. Eine alte morsche Landungsbrücke, nicht für ein großes Schiff wie die Manila gedacht, wird zunächst von dem Postdampfer benutzt, bis diese Landungsbrücke schon beim zweiten Besuch des Schiffes in Peterhafen bei einem leichten Seebeben, das auch das Schiff erbeben läßt, unheimlich lautlos in den Fluten versinkt. Von da ab ankert die Manila im Hafen und Kopra und Kakao werden im Fährbetrieb mit Booten umgeladen. Große Trupps von Plantagenarbeitern helfen beim Festmachen und Be- und Entladen des Schiffes, welches von der fruchtbaren Insel auch große Mengen von frischem Proviant, auch sehr viele Tropenfrüchte, besonders alle Sorten von Bananen, übernimmt.

Auch viel frischer Fisch kommt in den Kühlraum des Schiffes, der während des Aufenthaltes der Manila im Hafen von einem Boot aus von den Einheimischen zwischen Riff und Hafeneinfahrt mit Dynamit gefischt wird. Ein Schwarzer im Bootsbug dirigiert die Ruderer zu einem Fischschwarm in der Lagune und setzt dann den Zün-der der Dynamitpatrone mit seiner Pfeife in Brand. Mit dumpfen Knall explodiert die Bombe im Wasser und nach kurzer Zeit schwimmt eine Unmenge betäub-ter und toter Fische an der Wasseroberfläche. Sämtliche Jungs springen vom Boot ins Wasser und werfen die Fische ins Boot.

Witu ist von dichtem fast undurchdringlichem Urwald mit mächtigen Baumriesen bestanden, hat aber auch bedeutende Kokosplantagen, wahrscheinlich die besten in ganz Deutsch Neuguinea. Sie gehören der Neuguinea-Kompagnie. Die Neuguinea-Kompagnie legt auch auf zwei Nachbarinseln Kokosplantagen an und kauft Han-delskopra von den Einheimischen. Um 1905 kommen 30 % der Kopraexporte der Neuguinea-Kompagnie von die-ser kleinen Inselgruppe. 1908 exportiert die Firma 340 t Kopra von den Inseln und um 1912 um die 450 t. Auf Witu besteht auch die größte Kakaoplantage der Neu-guinea-Kompagnie. 1908 werden 1,9 t Kakao von Peter-hafen, der auch Sitz der Kompagnie auf Witu ist, ver-laden und um 1912 bereits 7 t.

Für die Arbeitskolonnen auf den Plantagen werden im-mer Chinesen und Malaien als Aufseher eingesetzt. Sie waren in den Anfangsjahren der Kolonialzeit geholt wor-den, als unter der einheimischen Bevölkerung kaum brauchbare Kräfte zu finden waren, diese aber in fast unbeschränkter Zahl in China und Niederländisch Indien zu finden waren. Sie waren den Einheimischen in handwerklichem Können, Auffassungsgabe und Ar-beitsmoral weit überlegen.

Bei der Volkszählung von 1913 auf den Witu-Inseln er-gibt sich eine Gesamtbevölkerung von 2194 Seelen. Die Volkszählung fand für die Besteuerung der Bevölkerung statt, von der nun jährlich eine Kopfsteuer von je 10 Mark erhoben wird.

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Die Menschen I

Im Bismarck-Archipel ist der Kannibalismus sehr stark verbreitet und es werden regelrechte Fleischversor-gungsfahrten von den einheimischen Handelsfahrern unternommen. Bei oft monatelangen Fahrten mit ihren Auslegerbooten wird auch geraubt und Menschenver-pflegung wird tot oder lebendig ins Boot geladen und dient als willkommene Marschverpflegung.

Heinrich Schnee, von 1898 bis 1900 Richter und stell-vertretender Gouverneur in Deutsch Neuguinea, wird Zeuge des kannibalischen Treibens der Eingeborenen. An der Ostseite der Gazelle-Halbinsel war ein Kanu mit 13 Mann gestrandet. Die Bewohner der umliegenden Dörfer nahmen die günstige Gelegenheit sofort wahr und schlugen elf der Schiffbrüchigen tot. Zwei ent-kamen. Die Toten wurden am Strand wie üblich mit Sand abgerieben, gewaschen und ausgestellt, bis alle Freunde und Interessenten durch die Trommel herbeigerufen und versammelt waren. Die Leichen wurden zum Teil an andere Dörfer weiter im Inland verkauft. Beim Verkauf gilt, daß eine Leiche nur dann gekauft wird, wenn nach-gewiesen werden kann, daß das Opfer gehetzt und waid-gerecht mit dem Speer getötet worden ist. Die Zuberei-tung erfolgt in der bei Schweinen angewandten Weise. Der Körper wird in Stücke geschnitten, die einzelnen Stücke werden in Blätter gewickelt und dann auf heißen Steinen geröstet.

Die beiden entkommenen Gestrandeten berichten in Herbertshöhe von der Ermordung ihrer Kameraden. Sofort bricht die Polizeitruppe auf, zusammen mit Dr. Schnee und Regierungssekretär Warnecke, um die Dör-fer zu bestrafen. Es gelingt, sie zu überraschen.

Schnee: »Mehrere Eingeborene wurden … getötet, an-dere gefangengenommen. – Unsere Polizeijungen blick-ten auf die Virua [Leichname, die gegessen werden/ Menschenfleisch] als auf etwas ihnen durchaus Ge-wohntes. Auf Befragen gaben die … von den Salomon-inseln stammenden Polizeijungen an, daß in ihrer Hei-mat Menschenfleisch genau auf die gleiche Art zuberei-tet werde.

Die Angelegenheit fand … ihren Abschluß darin, daß den Dörfern die Zahlung größerer Muschelgeldbeträge und die Anlage eines breiten Weges auferlegt wurde.«  

In dem 1912 erschienenen Werk Unsere Kolonien ist vermerkt: »Vor allem die Bewohner der Nordküste der Gazelle-Halbinsel frönten früher dem Kannibalismus in furchtbarer Weise.« Es wird aber auch festgestellt, daß »diese scheußliche Gewohnheit schon etwas nachge-lassen hat.«

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Siedlungen und Städte I

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Expeditionen I

1907 wollen der Landmesser Fröhlich und Wilhelm Damköhler das Land vom Huon Golf zur Astrolabe-Bai durchqueren. Damköhler ist ein im Buschleben erfah-rener Mann, der nach einem Schiffsunglück von den Bewohnern der Insel Long Island, vor der Küste von Kaiser-Wilhelms-Land gelegen, als Sklave gefangen gehalten worden war. Zufällig kommt eine Gruppe von deutschen Anwerbern von Arbeitskräften in die Nähe des Dorfes, »um dort vielleicht noch mehr Leute zur Anwerbung zu bewegen«, wie der daran beteiligte Regierungsarzt Dr. Wendland schreibt. »Als wir aber einen Fußpfad einschlagen wollten, der augenscheinlich zu einer größeren Siedlung führte, traten uns die Ein-geborenen sofort mit drohenden Gebärden ihre Speere schwingend entgegen und redeten erregt in ihrer uns unverständlichen Sprache auf uns ein.

Da wir am Strand eben noch ganz freundschaftlich mit-einander verkehrt hatten, konnten wir uns ihre plötzli-che feindliche Haltung gar nicht erklären und ver-suchten weiterzugehen. Doch schon kamen aus dem Busch Pfeile geflogen, die zwar keinen verletzten, uns aber bewogen umzukehren.« In eben diesem Dorf war Damköhler gefangen, der dann natürlich befreit worden wäre, wie die Insulaner mit Recht befürchteten. Nach einem Jahr Gefangenschaft gelingt Damköhler schließ-lich die Flucht mit einem Kanu.

Bei ihrer Expedition vom Huon Golf zur Astrolabe-Bai durchqueren Fröhlich und Damköhler die in Luftlinie gemessene Strecke von 200 km in 17 Tagen und entdek-ken bisher unbekannte Stämme und Landstriche.

1909 ist Wilhelm Damköhler zusammen mit dem Deut-schen Oldörp vom Huon Golf unterwegs ins Landesin-nere. Eines Nachmittags werden sie von einer etwa 30 Mann starken Horde überfallen. Die beiden Deutschen können etwa 20 Angreifer erschießen. In dem 1911 erschienenen Band 2 des Lexikonwerkes DAS ÜBER-SEEISCHE DEUTSCHLAND findet sich als Beschrei-bung des Ereignisses:

»Damköhler war bespickt mit Pfeilen, 4 staken im Ober-arm, 1 in der Brust, 1 im Unterleib, 3 im rechten Bein, 2 im linken. Herrn Oldörp saßen 3 Pfeile in der Brust, 1 Pfeil im rechten Ober- und 1 im linken Unterschenkel. Damköhlers Wunden waren tödlich, da die im Oberarm sitzenden, mit Widerhaken versehenen Pfeile die Schlagader zerrissen hatten.«

Wilhelm Damköhler verblutet an seinen Verletzungen, während Oldörp nach sechs Tagen das Ausgangslager an der Küste erreichen kann.


Zum Abschluß seiner Expeditionen in Deutsch Neugui-nea macht Georg Friederici 1910 mit einem weißen Begleiter und dreißig Schwarzen einen zwölftägigen Marsch am Strand, oft im Regen, von Berlinhafen nach dem 120 Kilometer entfernten Hollandia im nieder-ländischen Teil von Neuguinea. In einem Brief schreibt er:

»Und wahrlich, es ist nicht immer leicht, nicht immer eine reine Freude, im Archipel, auf den Salomonen und Neuguinea zu arbeiten. Manches Mal in wüsten, schein-bar der Kultur für immer verschlossenen Wildnissen, auf stiefelvernichtendem, scharfen Gestein, im Wasser unten und oben, unfähig, durch andauernde Sturzregen zu arbeiten, von Ungeziefer aufgefressen, mit Haut-krankheiten belastet, angeekelt durch die Kanaken, wel-che häufig stark auf die Nerven fallen. Manches Mal habe ich mich da gefragt, wie ich nur so ein Narr sein konnte, mich freiwillig in derart gottverlassene Gegen-den zu begeben. Aber solche Augenblicke der Entmuti-gung sind schnell vorüber und vergessen. Wenn die Sonne des Südens wieder durchgebrochen ist mit soviel Wärme, mit soviel Licht, wenn der Wanderer halbwegs getrocknet und leidlich gesättigt abends am Lagerfeuer sitzt, umgeben von denselben Kanaken, die doch auch wieder gut sind und unter ihrer braunen Haut ein menschliches Herz haben…«


Im Frühjahr 1909 verhandelt das Reichskolonialamt mit der niederländischen Regierung über die Festlegung der gemeinsamen Grenze im Westen des Kaiser-Wil-helmslandes zwischen Deutsch Neuguinea und Nieder-ländisch Neuguinea. Die Landeskundliche Kommission des Reichskolonialamtes plante schon seit längerem eine große Forschungsexpedition nach Neuguinea; »sie mußte aber zurückgestellt werden, weil die hierfür er-forderlichen großen Mittel nur durch mehrjährige Rücklagen aus dem Afrikafonds bereitgestellt werden konnten«. Daher wird beschlossen, eine wissenschaft-liche Forschungsexpedition auszusenden, die neben der landeskundlichen Erforschung des Grenzgebietes auch die Vermessung der Grenze durchführen soll.

Im Februar 1910 beginnt die Deutsch-niederländische Neuguinea-Grenzexpedition. Expeditionsleiter und Grenzkommissar ist der Zoologe und Anthropologe Leonhard Schultze. Fünf Deutsche und sechs Holländer sind die weiteren Teilnehmer der Expedition. Im Februar/März 1910 ist die Expedition an der Mündung des Tami-Flusses. Dort ist sie vom Reichspostdampfer Manila angelandet worden. Doch schon bald nach ihrer Anlandung ist die Expedition fast gescheitert.

Der Hauptstützpunkt wurde gleich an der Landungsstel-le an der Flußmündung errichtet. Mehrere der schwar-zen Soldaten der Begleitmannschaft erklären den Wei-ßen aber, daß die Regenzeit bevorstünde und dann das Lager an der Flußmündung von den Wassermassen des Flusses weggeschwemmt würde. Aus Erfahrung mit dem Wissen der Eingeborenen wird schon im strömen-den Regen das Lager auf eine Erhöhung in der Nähe von Kap Germania verlegt. Natürlich wird zuerst das wich-tigste Material vom alten zum neuen Lagerplatz ge-tragen. Als nur noch geringe, nicht so wichtige Lasten verlegt werden müssen bricht im Morgengrauen eine Wasserlawine mit mächtigen Baumstämmen durch das Flußbett. Von der sicheren Höhe beobachten alle das stundenlange Naturschauspiel. Der alte Lagerplatz wird von den Wassermassen ins Meer gespült.

Als die Manila zwei Monate nach der Anlandung der Expedition noch einmal zu ihrer Versorgung die Fluß-mündung anfährt, ankert sie über der Stelle des ur-sprünglichen Lagerplatzes.    

Bei dem Versuch von der Tami-Flußmündung in dem sehr dünn besiedelten, dicht bewaldeten und äußerst regenreichen Gebiet auf dem Landweg vorzudringen, kommen die Teilnehmer der Expedition nicht weit. Man will zwar auch in freundschaftliche Beziehungen zu den umliegenden Stämmen treten, aber sämtliche Einwoh-ner fliehen und nehmen alle Schweine und Lebens-mittel mit, sodaß man auch keine Möglichkeit hat frischen Proviant zu erhandeln und Träger anzuwerben. Kasuare, straußenähnliche große Laufvögel, und über drei Kilo schwere Krontaube können aber in großer Zahl geschossen werden. Trotzdem kommt man nur etwa 40 Kilometer landeinwärts und kann soweit auch die Gren-ze vermessen. Daher wird beschlossen, den Kaiserin-Augusta-Fluß, auch Sepik genannt, und dessen Oberlauf mit dem Dampfschiff Pionier, einer Dampfschaluppe, und mehreren Kähnen mit Einheimischen zu erkunden. Sechs Tage fahren die Expeditionsteilnehmer flußauf-wärts. Am 19. Juli 1910 sieht sich die Expedition zur Umkehr gezwungen, da das Niedrigwasser eine Weiter-fahrt verhindert.

Im Herbst unternimmt die Grenzexpedition einen er-neuten Versuch, den Sepik stromauf vorzudringen. Den Forschungsreisenden stehen das holländische Kano-nenboot Edi, die Dampfer Pelikan und Java sowie die Dampfboote Pionier und Grenzjäger zur Verfügung. Am 10. September 1910 beginnt die Fahrt. Schon am 13. Sep-tember können die Dampfschiffe die Reise wegen Nie-drigwasser nicht mehr fortsetzen. Der Regierungsdamp-fer Pelikan bleibt dort, Edi und Java kehren zur Fluß-mündung zurück. Am 19. September 1910 muß dann auch die Pionier wegen des unzureichenden Wasser-standes umkehren. Die Boote werden gerudert oder von dem kleinen und wendigen Dampfboot Grenzjäger ge-schleppt.

Nachdem am 3. Oktober 1910 am Ufer ein Lager aufge-schlagen wurde, erreicht man am 20. Oktober das Ge-birge. Die Expedition überwindet eine enge Felspforte, in der das Wasser über eine eineinhalb Meter hohe Stufe strömt. Mit den flachen Booten der Einheimischen kann die Reise fortgesetzt werden. Am 30. Oktober werden die Stromschnellen im engen Flußbett so reißend, daß der Rückweg angetreten werden muß. Die deutsche Gruppe ersteigt einen Berg von fast 1500 m Höhe namens Peri-patus, wo sie sich vom 2. bis 13. November »zur Gewin-nung eines Überblicks über das Gebirge im Bereich der durchfahrenen Strecke des Sepik-Oberlaufs« aufhält. Am 26. November 1910 trifft die Expedition wieder an der Flußmündung ein. Im Februar 1911 werden die Arbeiten beendet: »Die Lage des Grenzmeridians konnte der Terrain- und Verpflegungsschwierigkeiten wegen nur in der Küstenregion am Tami-Fluß und am Kaiserin-Augusta-Fluß bestimmt werden«.

Der Sepik wurde auf einer Länge von 960 km erkundet. 1914 werden die Forschungs- und Vermessungsergeb-nisse sowie die daraus erstellten Karten veröffentlicht.

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Allgemeine Ereignisse I

1904 haben die Häuptlinge und Zauberer der Umgebung von Friedrich-Wilhelmshafen, die über das weitreichen-de Netzwerk der Seeverbindungen der Leute auf der Insel Bilibili in der Astrolabe-Bai gut miteinander ver-bunden sind, beschlossen, die Herrschaft in Friedrich-Wilhelmshafen an sich zu reißen. Ihr Unmut besteht unter anderem in der Pflichtarbeit von vier Wochen jedes Jahr. So mußten die Tamul, wie die Einheimischen an der Astrolabe-Bai genannt werden, den Sumpf rings um Friedrich-Wilhelmshafen zuschütten, zur Beseiti-gung der Malariagefahr durch diese Moskito-Brutstätte. Ob die Tamul aber den Sinn dieser Maßnahme ver-standen haben, der selbst den Deutschen erst seit kurzem klar ist, ist stark zu bezweifeln. Und wenn die Arbeiter dann nach Ansicht des Aufsehers nicht hart genug gearbeitet hatten, wurden bei Feierabend im Auftrag des Bezirksamtmanns auch noch ›Liebesgaben‹ verteilt: Zehn Hiebe auf die blanke Rückseite mit dem daumendicken Stock der Rotangpalme.

So war in Monaten ein gut durchdachter Plan für die Ermordung der Deutschen mit allen zur Verfügung stehenden waffenfähigen Männern, die mit ihren Kanus schnell beweglich sind, entstanden. Jedem Stamm wer-den seine Angriffsziele zugeteilt. Der Zeitpunkt soll nach der Abfahrt eines regulären Dampfers sein, denn die Weißen würden nach dem üblichen Besäufnis an Bord gefechtsunfähig in den Betten liegen.

Als erstes soll die Schutztruppe in Friedrich-Wilhelms-hafen massakriert und dann die Europäer ausgeschaltet werden. Der 26. Juli 1904 ist als Tag des Aufstandes gewählt. Schon früh am Morgen sind Hunderte von Tamul überall in Friedrich-Wilhelmshafen unauffällig verteilt. Auch ihre Bewaffnung aus Speeren, Pfeil und Bogen und Keulen fällt den Weißen nicht weiter auf, da sie die Waffen normalerweise gegen Tabak und anderes eintauschen. Weil aber soviele Eingeborene in den Plan eingeweiht sind, eingeweiht werden mußten, ist der Verrat beinahe abzusehen. Stunden vor der Ausführung bekommt der Hausjunge des Regierungsarztes Dr. Hoff-mann Gewissensbisse – sein geliebter Master Hoffmann soll natürlich auch erschlagen werden – und er gesteht alle Einzelheiten des Überfalls und die Namen der Rädelsführer seinem Herrn. Hoffmann läßt sich sofort von seiner Hospitalinsel Beliao nach Friedrich-Wil-helmshafen rudern und eilt zur Kaserne. Auf dem Weg dahin trifft er mehrere Deutsche, die von einer Gruppe von Schwarzen in ein Gespräch verwickelt sind. Hoff-mann warnt sie, doch die meisten glauben ihm nicht und einer sagt im Spott zu ihm: „Vergiß nur nicht, die Brille abzunehmen, bevor dich die Tamul in den Koch-topf stecken; die armen Kerle könnten sich sonst an den Glassplittern den Magen verderben.“ 

Der Aufstandsbeginn verzögert sich, weil die Tamul auf die Verstärkung durch die Bilibili-Leute warten, die nach ihrem Eintreffen mit einem üblicherweise als Signalhorn benutzten riesigen Schneckenhaus den Angriffsbefehl geben sollen. Die Bilibili-Leute sind we-gen eines ungewöhnlich starken Gegenwindes noch auf See vor der Küste. So werden die Tamul in Friedrich-Wilhelmshafen ungeduldig und eine Gruppe beschließt nicht mehr länger zu warten und mit der Ermordung des Kiabs den Anfang zu machen. Das Wort Kiab ist abgeleitet vom Wort Kapitän. In Friedrich-Wilhelms-hafen ist der Kiab der Bezirksamtmann Wilhelm Stuck-hardt. Sechs Tamul treten bei dem etwas abseits liegenden Haus von Stuckhardt auf die Veranda und bieten scheinbar ihre Speere und anderes zum Tausch an. Einer stellt sich wie zufällig hinter den Amtmann und hebt seine Steinkeule zum tödlichen Schlag. Da springt ihn die Dogge Stuckhardts wütend an. Gleich-zeitig erscheint auch die von Hoffmann alarmierte Polizeitruppe und sofort nehmen die Verschwörer Reißaus. Das ist auch für die anderen das Signal zum Rückzug und jeder sucht so schnell wie möglich in seinem Dorf unterzutauchen.

Am nächsten Tag erscheint in dieser angespannten Lage rein zufällig das Kanonenboot Möwe in Friedrich-Wil-helmshafen. Der Bezirksamtmann läßt sofort unter den Schwarzen verbreiten, daß er das Kriegsschiff wegen des gestrigen Vorfalls herbeigezaubert habe. Gegen solche Zauberei kann man wohl keinen Kampf gewinnen!  

Noch einen Tag später erscheint der Reichspostdampfer Manila fahrplanmäßig. Das Schiff wäre nach der Pla-nung für den Aufstand bereits in der Dallmannpassage, der Zufahrt nach Friedrich-Wilhelmshafen, von den Aufständischen abgefangen und erobert worden.

Die Hauptschuldigen werden teils in ihren Dörfern gefangen, teils stellen sie sich freiwillig auf Auffor-derung des Kiabs. Sechs Hauptverschwörer werden nach einem kriegsgerichtlichen Urteil öffentlich er-schossen, die anderen deportiert oder gehen ins Ge-fängnis. Die Bilibili-Leute müssen ihre Insel verlassen und werden auf dem der Insel gegenüberliegenden Fest-land angesiedelt, wo man sie besser kontrollieren kann.  

Empfinden viele der Deutschen und anderen Europäer in Friedrich-Wilhelmshafen das Ereignis als eine ange-nehme Unterbrechung ihres nicht selten eintönigen ko-lonialen Daseins, so ist doch auf Jahre noch das Sicher-heitsgefühl und Vertrauen in den als selbstverständlich angenommenen Frieden erschüttert. Andererseits hat das für die Einheimischen ganz unerwartete Zuschlagen der Weißen und die Verurteilung der Führer des Auf-standes eine starke Wirkung nicht noch einen Versuch zu wagen.

Über ihre Signaltrommeln hatten die Eingeborenen das Scheitern des Aufstandes in kürzestes Zeit bis in das 150 km entfernte Finschhafen gemeldet, lange bevor durch die Ankunft eines Schiffes von Friedrich-Wilhelms-hafen die Weißen in Finschhafen von dem Aufstands-versuch erfahren haben, und so ist wohl auch ein Aus-greifen des Aufstandes verhindert worden.


Paradiesvögel kommen nur in Neuguinea und in Nord-australien vor. Von den 43 Arten kommen aber 39 wie-derum nur in Neuguinea vor. Da bei den europäischen Damen Hüte mit Paradiesvogelfedern in Mode sind, ist die Paradiesvogeljagd ein einträgliches Geschäft. Doch die Jagd ist eine entbehrungsreiche Angelegenheit. Wochenlang im feuchten Urwald herumzustreifen, fern jeglicher Zivilisation und umgeben von Steinzeitmen-schen, ist nur etwas für hartgesottene Abenteurer. So kommt der Paradiesvogeljäger Felix Umlauft, ein Öster-reicher, alle paar Wochen nach Friedrich-Wilhelmsha-fen, um die Bälge der erlegten Vögel mit dem nächsten Schiff nach Deutschland zu versenden oder sie auch schon gleich vor Ort zu verkaufen. Doch einmal kommt es zwischen dem Hund von Umlauft und den Kötern in einem Eingeborenendorf zu einer Balgerei, die schließ-lich in einer Auseinandersetzung zwischen den Dörflern und Umlauft endet, weil Umlaufts Hund einen Dorf-bewohner ins Bein gebissen hat und der den Hund dafür mit seinem Speer einen Hieb versetzt, auf daß der Hund jaulend davonzieht. Darauf schießt Umlauft den Gebisse-nen nieder und verwundet auch noch zwei weitere Dorf-bewohner schwer. Die Dörfler flüchten in den nahen Busch und schießen dem sich ebenfalls zurückziehen-den Umlauft noch ein paar Pfeile hinterher. Über den Vorfall ist ein Gerichtstermin anberaumt.

Umlauft treibt inzwischen der Plan um Neuguinea zu durchqueren, was bis dahin noch niemandem gelungen ist. Bei einem solchen Versuch sind die Deutschen Ehlers und Piering 1896 nach unsäglichen Strapazen kurz vor Erreichen des Zieles von zwei ihrer schwarzen Begleiter ermordet worden. Von den 43 Expeditionsteil-nehmern konnten nur 13 mehr verhungert als lebend die Südküste erreichen. Doch zunächst steht der Prozeß an, der denn aber ohne Umlauft stattfindet. Umlauft stirbt vorher an Lungenentzündung. Der Hergang der Ereignisse in dem Dorf bleibt dem Gericht verborgen, nur ein Missionar kann vom Diener von Umlauft, der schon sterbenskrank beim Missionar eingeliefert wor-den war, den wirklichen Hergang erfahren, als der Diener aus Angst bei seiner Aussage vor der hohen Gerichtsbarkeit nur wirre Angaben gemacht hat und das Urteil schon längst ausgeführt ist. Bei den ewigen Zwis-tigkeiten der Eingeborenen untereinander hatten sich die Nachbardörfer des Dorfes mit dem Umlauft-Zwi-schenfall schon lange bei der deutschen Verwaltung beklagt und ohne eine andere Aussage als den Unsinn von Umlaufts Diener wurde eine Strafexpedition losge-schickt und das Dorf abgebrannt.

In der »Denkschrift über die Entwicklung der Schutzge-biete Afrikas und der Südsee im Jahre 1908/1909« für die Reichstagsabgeordneten heißt es: »Auf den Paradiesvo-geljäger Umlauft und seinen eingeborenen Diener, die in den Bergen der Ray-Küste ihrer Beschäftigung nach-gingen, wurden hinterrücks Pfeilschüsse abgegeben, die glücklicherweise ihr Ziel nicht erreichten.«


Rudolf Karlowa ist von 1906 bis 1908 Bezirksamtmann vom Kaiser-Wilhelmsland und sitzt in Friedrich-Wil-helmshafen. Er ist gleich mit Befriedungsaktionen ge-gen die Fehden zwischen den Küstenbewohnern, welche Melanesier sind, und den Inlandbewohnern, die Papua sind, beschäftigt. Da die Deutschen die Melanesier ge-gen die Papua unterstützen, stehen die Melanesier auf deutscher Seite.

Nach einem Strafzug gegen die kriegerischen Orokosa, einem Papua-Stamm nordwestlich von Friedrich-Wil-helmshafen, erzählt Karlowa abends in einem Restau-rant der Stadt den gespannt lauschenden Europäern davon. Die Papua sind bei ihren Kriegszügen gegen die Melanesier auf Menschenfleisch aus. Gefangene oder Tote werden im Triumph in die Heimatdörfer ge-schleppt. Gefangene, die schwer verwundet sind, wer-den genauso wie Schweine mit zusammengebundenen Händen und Füssen ungeachtet der Schmerzen stun-denlang an einer Stange getragen, bis ihr Brüllen schließlich beim Absengen über dem Feuer erstirbt.

„Solche scheußlichen Abschlachtereien konnten wir natürlich nicht dulden. Nach ergebnislosen Friedens-bemühungen blieb mir mit meinen zwanzig braven Polizeijungen also nichts weiter übrig, als mit Waffen-gewalt gegen die Orokosa vorzugehen. Die Annäherung meiner kleinen Truppe war natürlich längst durch Trommelsignale angekündigt worden. Es kam zu einem blutigen Gefecht, bei dem wir uns ganz überraschend hart verteidigen mußten. Die Übermacht war einfach zu groß. Die Jungen schossen wie die Teufel! Es gab kriti-sche Augenblicke, als bei dem Geheul und der Masse der Angreifer meinen Leuten die Knie weich wurden. Da half nur eiserne Disziplin – und dann natürlich unsere Gewehre! Der Gegner hatte die Wirkung der Feuerwaf-fen unterschätzt und zog sich schließlich an den Wald-rand zurück. Auf dem Kampfplatz blieben zahlreiche Tote und Verletzte.

Nun erschien, viel zu spät, der melanesische Kriegs-haufen, unsere lieben Verbündeten. Sie brachen in ein Freudengeheul aus. Nicht nur wegen des Sieges, son-dern vor allem wegen des verlockenden Fleisches, das ja auf dem Kampfplatz herumlag. Schon machten einige Anstalten, sich der Toten und Verwundeten zu bemäch-tigen. Das gab es natürlich nicht. Ich mußte auch hier einschreiten.

Die geschlagenen Orokosa hatten unsere Macht zu spü-ren bekommen und wußten, was sie künftig davon zu halten hatten. Zum Zeichen des Friedens übersandten sie ein Schwein. Sie erklärten sich zu einer Bußezahlung bereit und versprachen Frieden halten zu wollen.“

Nicht immer gelingt ein militärisches Eingreifen so gut. Schon bald muß Karlowa mit seinen zwanzig Polizeisol-daten nach Osten in die Gegend von Finschhafen zum Markham-Fluß aufbrechen. Dort siedelt nördlich des Flusses der berüchtigte Stamm der Lae Womba, der stets an seinen eßbaren Nachbarn interessiert ist. Die Lae Womba haben nun das vor kurzem zum Christen-tum missionierte Dorf Lakamo überfallen, in dem sich die Bewohner zur Morgenandacht in der Kirche ver-sammelt hatten, und nahmen alles, tot oder lebendig, zum großen Festschmaus mit.

Die Strafexpedition von Karlowa gegen die Lae Womba endet erfolglos, da sie sich tief in den Urwald zurückge-zogen haben.


Über die Verhältnisse von Kaiser-Wilhelms-Land im Jahr 1909 schreibt ein Offizier des Kolonialkriegsschiffes Cormoran:

»Zunächst kamen wir aus dem Staunen nicht heraus. Denn so über alle Begriffe gewaltig und doch primitiv hatten wir trotz aller Vorbereitungen durch Erzählungen und Lektüre uns die Natur und das Leben in der Südsee, speziell auf Neuguinea, das wir zuerst bereisten, nicht vorgestellt. Vergebens suchten wir in den Buchten und Häfen, die wir zuerst anliefen, nach einer Spur von Zivilisation, obwohl die Plätze hochtrabende Namen tru-gen wie „Berlin-Hafen“, „Potsdam-Hafen“ oder „Hansa-Bucht“ und doch kein Adreßbuch brauchten, weil nur e i n Pflanzer oder e i n Missionar als einziger Europäer in hundert Kilometer Umkreis in ihnen wohnte. Diese tap-feren Pioniere, die zwei- bis dreimal im Jahr ein weißes Gesicht zu sehen bekamen, wenn draußen in der Bucht der Postdampfer für eine Stunde ankerte, erwarben sich unsere ganze Hochachtung, selbst wenn sie manchmal durch den ständigen Umgang mit den auf tiefster Kul-turstufe stehenden Papuanegern, wie man da draußen sagte, etwas „verkanakert“ waren. Äußerlichkeiten fie-len nicht ins Gewicht gegenüber der Freude, die wir machten und empfingen, und gegenüber dem Gefühl des Nützlichseins und der Hilfe, die unsere bloße Anwe-senheit bei dem einsamen Landsmann erzeugte. Denn abgesehen von den unvorstellbaren Entbehrungen und klimatischen Gefahren lebten diese Pioniere ständig unter direkter Bedrohung ihres Lebens durch die wil-den Kannibalenstämme im Inneren des Landes. Manch einer von ihnen ist da auf der Strecke geblieben, und wir selbst haben während unserer Südseezeit mehrfach ret-tend oder, wo es leider zu spät war, rächend und Exem-pel statuierend eingreifen müssen…

Nirgendwo in der Welt paßte wohl der Ausdruck „Schutzkreuzer“ für unser Schiff so gut wie in Neugui-nea. Wir waren als die Greenhörner, als die wir kamen, zuerst erstaunt über die Wichtigkeit, die die Landsleute an der Küste unseren kurzen Besuchen beimaßen. Erst allmählich drangen wir in die Geheimnisse dieses merk-würdigen Landes ein. Der Schlüssel zu ihnen war die Geisterfurcht und der große Aberglaube der Eingebore-nen, die die Pflanzer und die Missionare sich zunutze machten, weil sie es ohne sie gar nicht hätten wagen können, sich allein unter den Kanaken anzusiedeln.

Was uns als Kinder der „Schwarze Mann“ war, das war für die Eingeborenen das „manowar“ (Pidgin-englisch von man of war = Kriegsschiff). Da der ungefähre Zeit-punkt unseres Kommens den Pflanzern bekannt war, konnten sie rechtzeitig Kapital daraus schlagen. Sie machten das geschickterweise so, daß sie nicht etwa diesen Zeitpunkt vorher ausposaunten, sondern indem sie – kurz bevor der erwarteten Ankunft eines Kriegs-schiffes – den Kanakern androhten, ein „manowar“ zur Bestrafung aller möglichen Sünden kommen zu lassen.

Sie taten so, als brauchten sie nur auf den Knopf zu drücken, und der Kreuzer war da, und benutzten diese vermeintliche Zauberkraft den harmlosen Naturkin-dern gegenüber (die sowieso schon in der Macht des Weißen etwas Geisterhaftes erblickten) zum Ausbau ihrer Stellung.

So kam es, daß wir fast überall, wohin wir fuhren, den Büttel spielen mußten, sei es, daß wir einen Demonstra-tionszug mit dem Landungscorps durch die landein-wärts gelegenen Dörfer machten und die Häuptlinge coram publico verwarnten, sei es, daß uns der ansässige Landsmann als Schiedsrichter bei Streitfragen heran-zog, oder sei es sogar, daß wir direkt eingreifen und die Übeltäter und Unruhestifter mit militärischer Gewalt festnehmen und an Bord unseres Schiffes zur nächsten Regierungsstation befördern mußten.

Ich kann nur wiederholen, wir kamen in eine neue Welt, in die wir uns erst ganz allmählich hineinge-wöhnen mußten. Tag für Tag, Woche für Woche lernten wir zu. So klug und überlegen der Weiße gegenüber den Eingeborenen war – die Überlegenheit hörte wenige hundert Meter landeinwärts von der Küste auf. Da näm-lich begann der Urwald…«


Im Juli 1912 sind an der Hansa-Bucht, etwa 200 km westlich von Friedrich-Wilhelmshafen, drei Chinesen und zehn eingeborene Paradiesvogeljäger im Dienste eines deutschen Ansiedlers von Einheimischen ver-speist worden. Der Bezirksamtmann von Kaiser Wil-helmsland hat deshalb von Rabaul Polizeitruppen kom-men lassen und das Kriegsschiff SMS Cormoran übernimmt am 8. August 1912 in Friedrich-Wilhelms-hafen diese einheimische Polizeitruppe aus zwei deut-schen Polizeimeistern, sechzig farbigen Soldaten und sechzig Trägern mit mehrmonatiger Verpflegung. Die Polizeisoldaten sind mit einem Lendentuch und einer khakifarbenen Militärmütze bekleidet, mit Rucksack, Seitengewehr und Gewehr Modell 71 ausgerüstet und bereit für einen langen Einsatz im Busch.

Die Cormoran landet die Truppe an einer Europäer-siedlung in der Hansa-Bucht, zur Bestrafung der Kan-nibalen. Die bereits dort befindliche Polizeitruppe von zwanzig Mann unter dem Regierungsbeamten Assistent Beyer schifft sich gleichzeitig wieder ein. Beyer hat die Schuldigen ohne Mühe gefunden und, sich keiner Schuld bewußt, erzählt einer der Menschenfresser Beyer über das Festmahl „es sei endlich mal wieder ein wirklich schönes Fest gewesen“.

Die Steinzeitmenschen sehen im Gegenteil die Vogel-jagd der Fremden als einen Eingriff in die Rechte in ih-rem Jagdrevier und die Fremden selbst als gute Fleisch-mahlzeit.


1912 kommt es in Friedrich-Wilhelmshafen zu einem weiteren Aufstandsversuch der Einheimischen gegen die deutsche Herrschaft. Der Grund liegt in einer ge-planten Landnahme der Deutschen. Durch den zwangs-weisen Ankauf eines Teils ihres Landbesitzes bei Frie-drich-Wilhelmshafen von der deutschen Verwaltung, die das Land für die weitere Entwicklung der Stadt und ihres Umlandes braucht, ist der Landbesitz der Einhei-mischen auf die für sie vorgesehenen Reservate be-schränkt.

Der Aufstand soll mit der Übernahme des Gewehrdepots der Polizeitruppe beginnen. Enden soll der Aufstand mit der Verteilung der weißen Frauen an die Häuptlinge. Wieder wird als Zeitpunkt des Losschlagens der Morgen nach der Abfahrt des Postdampfers gewählt, weil dann die Weißen nach dem Besäufnis auf dem Schiff ihren Rausch ausschlafen.

Paul Ebert, Kommandant des in der Südsee stationierten Kriegsschiffes Cormoran, zur Wahl des Zeitpunktes für den Beginn des Aufstandes: »Eine Begründung, die tief Blicken ließ, einer gewissen Komik nicht entbehrte und der Beobachtungsgabe der Schwarzen alle Ehre mach-te.«

Aber auch diese »sehr gefährliche Verschwörung der benachbarten Eingeborenendörfer« wird aus den eige-nen Reihen verraten. Die Haupträdelsführer werden festgenommen und auf das Bismarck-Archipel ver-bannt. Die beteiligten Dörfer Siar, Ragetta, Panutibun, Beliao und Jakob werden an der Rai-Küste und bei Kap Croisilles angesiedelt und ihr Landbesitz bei Friedrich-Wilhelmshafen wird eingezogen.


Mit der Entdeckung von Gold am Wariafluß ganz im Osten von Kaiser-Wilhelms-Land, im Grenzgebiet zu Britisch Neuguinea, wird die Gegend, die sonst besten-falls Paradiesvogeljäger aufsuchen, ein Tummelplatz für Abenteurer und um die Verhältnisse vor Ort unter Kon-trolle zu bekommen wird dort 1908 am Adolfhafen, in den der Morobe mündet, eine Station eingerichtet. Wie üblich heißt auch hier eine Bucht Hafen, weil sie als Hafen nutzbar ist.

Im November 1908 geht der Dampfer Manila auf seine reguläre Fahrt von Rabaul nach Singapur. An Bord hat er auch einen Polizeimeister, 30 eingeborene Polizisten und 50 angeworbene Arbeiter für die neue Station, wo der Stationsleiter bereits seit Monaten mit einer kleinen Truppe Vorarbeiten geleistet hat. Dieses Vorauskom-mando war mit dem notwendigen Material vom Regie-rungsdampfer Seestern angelandet worden. Zum weite-ren Aufbau der Station hat die Manila nun zwei große Boote, Baumaterial, allerhand Werkzeug zum Abholzen der bewaldeten Höhen und auf dem Vordeck zwölfhun-dert Planken für den Bau von Häusern und Schuppen dabei. Die neue Station wird auch gleich in den regel-mäßigen Fahrplan der Manila aufgenommen.

Die Station wird ständig ausgebaut. Ein hölzerner Leuchtturm wird errichtet, Kokospflänzlinge werden gesetzt, ein breiter Reit- und Fahrweg zum Waria in Richtung Britisch Neuguinea wird gebaut, ein Kranken-haus für die Eingeborenen eingerichtet und die ersten Händler siedeln sich am Schiffsanlegeplatz an neben dem Gouvernementsschuppen für Vorräte und Boote. Die Station selbst liegt auf den Hügeln ringsherum.

Vom Ufer zu den Stationsgebäuden auf den Hügeln ist eine breite Straße angelegt und mit bunten Kroton- und Zitronellagräsern eingefaßt. In Serpentinen geht die Straße nach oben. Für Bequeme ist ein Rikschafahr-dienst eingerichtet. Dafür wurde eine alte chinesische Rikscha importiert und ein paar einheimische Jungens ziehen und schieben das Gefährt in einer Viertelstunde hügelhoch. Bezahlung: Eine Stange Tradetabak und die Jungs antworten: „Dankesöön!“

Die Station wird am 1. April 1910 zum dritten Stations-bezirk mit Namen Morobe des Kaiser-Wilhelms-Landes erhoben. Am Sitz der Station wird  auch eine Postagen-tur eingerichtet und die Neuendettelsauer Missionsge-sellschaft betreibt eine Missionsstation. Der Stations-leiter arbeitet mit seinem englischen Pendant auf der anderen Seite der Grenze zusammen, das auch deshalb, weil die Goldsucher am Warifluß hauptsächlich Austra-lier sind, eine wilde, verwegene Gesellschaft, und vom britischen Teil Neuguineas herüberkommen.


Bei einem Landgang 1909 im neu in den Fahrplan des Reichspostdampfers Manila aufgenommenen Adolf-hafen ist der Kapitän des Dampfers, Hans Minssen, selbst auf Entdeckungstour im Gebiet. Er rudert mit einem Boot des Dampfers und mit vier bewaffneten Polizeisoldaten der Station zur Sicherheit und auch als Ruderer mit zwei abenteuerlustigen Passagieren mit Tauschartikeln wie Streichhölzern, Tabak, bunten Glas-perlen, Angelhaken, Armreifen aus Porzellan und roten Lavatops – Lendentüchern – in den Morobe hinein, in ein zwei Stunden entferntes Papuadorf. Auf dem Weg dahin kommt ihnen ein seefähiges Kanu mit einem Dutzend Steinzeitmenschen darin entgegen. Sie sind mit der Landestracht, einem Bastschurz, bekleidet und ihre Ohren und Nasen sind durchbohrt und darin sind Muschelschalen und Bastringe eingehängt. Das Boot wird herangewunken für einen Tauschhandel.

Die Wilden haben Speere, Bogen und Pfeile, einige Kokosnüsse, Jams und andere Feldfrüchte dabei für einen Handel in der Station und mit dem eingetroffenen Schiff. Minssen ist an einer großen wunderschönen Schildplattschale interessiert, in der Gemüse liegt, aber die Eingeborenen wollen sie nicht tauschen. Als Min-ssen mitgebrachtes Butterbrot aus Pergamentpapier und einer alten Zeitung auspackt kommt Bewegung in die Verhandlungen. Jetzt nimmt sich der Älteste der Kanuleute die alte Zeitung und mit einem fragend Blick, ob Minssen mit dem Tausch einverstanden ist, reicht er ihm die Schale. Der verdutzte Kapitän ist natürlich sofort einverstanden und bekommt so doch noch die Schild-plattschale. Der Älteste schaut zufrieden und sogleich verschwindet das Kanu.

Da die Steinzeitmenschen wohl kaum Lesen können bleiben die Weißen staunend zurück. Einer der Einge-borenen-Polizisten erklärt die Sachlage. Die Einheimi-schen sind leidenschaftliche Raucher und ziehen selbst Tabak. Die leichtgetrockneten Blätter rollen sie zusam-men und nehmen als Deckblatt dünne Maishülsen oder Baumblätter. Papier aber ist für sie das idealste Deck-blatt, weil es nicht den Beigeschmack der Maishülsen oder Blätter hat.

Paradiesvögel gibt es am Fluß, wie Minssen seinen Passagieren versprach, keine zu sehen. Wahrscheinlich sind schon alle von Paradiesvogeljägern abgeschossen. Nur Papageien sind zu sehen, diese aber in allen mög-lichen Größen und Farben. Obwohl Minssen den beiden Passagieren abrät werden einige geschossen. In den meisten Fällen werden dann diese Bälge doch wieder weggeworfen.

Das eigentliche Ziel, das Dorf von dreißig Hütten auf starken Pfählen rund um den Marktplatz, wird noch besucht und die mitgebrachten Handelswaren gegen Schmuck und Waffen getauscht.

Als die Tauschhandelsgesellschaft auf die Manila zu-rückkehrt, setzt dort eine wilde Jagd nach Papier aller Art ein. Jeder versucht, soviel wie möglich davon zu sammeln und rudert an Land, um damit die Eingebo-renen zu beglücken und dafür allerhand begehrte Dinge einzutauschen. Selbst die Rollen aus den WCs ver-schwinden spurlos und werden von den Wilden beson-ders begehrt.

Der chinesische Oberkoch der Manila macht das beste Geschäft. Für zwei Rollen Klopapier tauscht er eine fette Sau mit ihrem Ferkel ein. Doch schon ein halbes Jahr später sind die Wilden nicht mehr so wild auf Papier, sondern auf Geld. Schon eine normale Schildplattschale kostet nun 30 Mark.

Auf einer anderen Tour im Urwald beim Adolfhafen ist Minssen mit seinem Obermaschinisten und dem Schießjungen des Stationsleiters als Lotsen und Fach-mann mit einem kleinen Boot auf Paradiesvogeljagd in den Sümpfen des Waria. Statt eines Paradiesvogels schießen sie einen Nashornvogel. Der erschossene Vo-gel stürzt, sich in der Luft überschlagend, ins Dickicht und die Suche nach ihm geht los. Auf der Erde krie-chend, über gefallene, morsche Stämme hinwegklet-ternd, festgehalten durch nadelscharfe Dornen von Ro-tang und anderen Schlingpflanzen, deren Berührung Gesicht und Hände aufreißen und schmerzende Wun-den verursachen, arbeiten sich die drei Vogeljäger lang-sam vorwärts. Kein Schritt ist zu gewinnen ohne den steten Gebrauch des Buschmessers. Meter für Meter muß mit Gewalt dem Dickicht abgerungen werden. Der Nachttau im dicken Untergestrüpp ist noch nicht von der Sonne aufgesogen, sondern rieselt in Tropfen an Zweigen und Schlinggewächsen herab, stärker nässend als Regen. Zu all dieser Plage kommt noch der Schweiß, der infolge der ungewohnten Arbeit in erstickender schwüler Luft aus allen Poren dringt. Endlich meldet der Zuruf des Schießjungen, daß er den Vogel geborgen habe. Er hat ihn in einer Baumkrone entdeckt, während die beiden deutschen Schiffsoffiziere nur am Boden suchten.

Und To Kaur, der Schießjunge, hilft den beiden Jägern noch einmal. Sie haben jetzt fürchterlichen Durst, aber das Boot mit den Getränken darin ist für die Jagd nach dem Vogel schon lange zurückgelassen. To Kaur schlägt mit dem Buschmesser eine Liane durch und zeigt grinsend auf das in schneller Folge aus der Schnittfläche heraustropfende klare Wasser. Der Not gehorchend, versuchen die beiden Weißen die Flüssigkeit und es schmeckt herrlich. Minssen: »Die Europäer hatten wie-der etwas vom Wilden gelernt.«


Die Goldfunde am Waria ziehen hauptsächlich Aus-tralier, Deutsche aber auch andere Nationalitäten an und der Postdampfer Manila bringt die Erfolgreichen aus dem Dschungel weg, während die Glücklosen der Urwald verschluckt. Die Goldsucher sind gestählte Naturen aus Muskeln und Knochen. Nur mit einem leichten Zelt und dem notwendigsten Gerät ausgerüstet, als Proviant höchstens dreißig Pfund Reis und ein paar Konserven, sind diese wagemutigen Abenteurer oft monatelang unterwegs. Strapazen und Krankheiten schrecken sie nicht. Ständig in Gefahr von Eingebo-renen erschlagen zu werden, sind sie allein auf sich selbst, auf ihre Ausdauer und ihre Geistesgegenwart angewiesen. Sie durchstreifen Wildnisse, die noch nie ein Weißer betreten hat, nur die Sonne als Kompaß. Bald wird in Quarzgängen gesprengt, bald versuchen sie ihr Glück mit der mühseligen Arbeit des Goldwaschens. Immer getrieben von ihrem Traum vom schnellen Reichtum. Wer es nach Morobe zurück schafft, unter-scheidet sich wenig von einer wandelnden Leiche. Mit langem Bart, abgerissen und verwildert, bedeckt mit Wunden und Schwären aller Art und halb verhungert kommen sie an. Kapitän Minssen von der Manila möchte so einen Goldfund einmal mit eigenen Augen sehen und fragt einen Goldgräberpassagier, ob er das Ergebnis seiner Suche sehen dürfe. Der Goldgräber ge-leitet Minssen in seine Kabine, die er mit drei anderen Reisenden teilt. Gleichmütig zeigt er auf eine alte schadhafte Ledertasche, die unverschlossen auf dem Sofa liegt. Mehr als zwanzig Kilo Gold befinden sich darin. Erst durch längeres Zureden kann der Kapitän den Goldsucher/Goldfinder dazu veranlassen, die Tasche versiegeln zu lassen und dem Zahlmeister des Schiffes zur Aufbewahrung in seinem Geldschrank zu übergeben.


Im August 1911 spazieren zwei deutsche Marineoffiziere in der Nähe der Polizeistation Morobe am Adolfhafen herum. Die beiden kommen an den höchst primitiv gebauten Bretterbuden zweier deutscher Goldsucher vorbei. Die Offiziere werden verlegen gegrüßt und mit lauernden Blicken gemustert. „Tag – Wohl vom Kriegs-schiff?“

„Ja, wir sind vom Cormoran, was machen Sie denn hier?“

„Gold suchen.“

„Gibt’s denn hier Gold?“

„Gold – massenhaft. Wir haben neulich da an der Mün-dung des Morobéflusses Sand gewaschen, hier, in eini-gen Stunden hatten wir das gefunden – hier.“

Der Ältere zieht einen Lederbeutel heraus und schüttet von dem Inhalt einige Goldkörner in seine Hand, reines schweres Gold. Zwei Körner sind groß wie Haselnuß-kerne.

„Aber länger konnten wir da nicht waschen, dann muß-ten wir weg. Im Busch wurde es lebhaft. Die Schwarzen kamen!“

„Sind sie denn da so gefährlich?“

„Wir haben’s nicht gewagt, länger dort zu bleiben, wir sind davongerudert. Zwei Speere mit der Obsidianspitze – Sie kennen ja die freundlichen Mordinstrumente – flogen uns nach – damned! – Aber sie trafen nicht.“

Die Obsidiansteinspitzen der Speere sind furchtbare Waffen. Sie zersplittern in der Wunde in eine Menge kleiner Teilchen wie sprödes Glas und rufen kaum zu heilende Eiterungen hervor.    

„Viele von uns sind schon den Fluß hinaufgegangen, aber keiner ist zurückgekommen.“

Auch diese beiden Goldsucher werden eines Tages nicht zurückkommen.


Ein Goldgräber, der nur unter dem Namen Fred bekannt ist und gleich gut Deutsch, Englisch, Französisch und Holländisch spricht, dessen Herkunft aber unbekannt ist, hat seinen Stützpunkt in Morobe. Er ist ein finsterer, verschlossener, gefährlicher Bursche über den die dun-kelsten Gerüchte umlaufen.

Eingeborene entfernter Stämme schicken Ankläger zum Stationsleiter von Morobe und daraus ergibt sich das Bild, daß Fred ein Tyrann im Dschungel ist der mit dem Revolver regiert, die Eingeborenen zu Lastenträ-gerdiensten zwingt, sie mißhandelt und dann ohne Be-zahlung fortjagt und sie ihrem Schicksal zwischen feind-lichen Kannibalenstämmen überläßt. Mehrere Schwar-ze hat er erschossen, weil sie ihre Frauen vor ihm schüt-zen wollten. Zeugen und sichere Beweise liegen schließ-lich für eine Verhaftung von Fred vor.

Für die Beamten in der Kolonie ist es von besonderer Wichtigkeit das Vertrauen der Eingeborenen zu gewin-nen, was besonders erfolgreich ist, wenn die Schwarzen sehen, das Weiße für Verbrechen gegen Schwarze be-straft werden. Der Polizeimeister von Morobe zieht mit mehreren schwarzen Soldaten los Fred zu verhaften. Doch Fred zieht seinen Revolver. Der Polizeimeister hat den großen Aufstand in Deutsch Südwestafrika 1904/05 mitgemacht und ist ein erfahrener Soldat. Er zieht schneller und schießt Fred ins Herz.


Im August 1911 ankert das Kriegsschiff Cormoran in Adolfhafen und sein Kommandant Paul Ebert erkundet die Gegend. Er sieht im innersten Winkel der Bucht ein außerordentliches Naturschauspiel. Ein ganz schmaler, etwa acht Meter breiter Durchstich führt zu einem schätzungsweise 15 Quadratkilometer großen Wasser-becken, Martha Müller-See genannt. Bei Ebbe und Flut strömt das Wasser mit großer Gewalt durch den schma-len Durchstich. Eine vorzügliche, natürliche Gelegen-heit für die Anlage eines Sägewerkes, das die großen Holzbestände im umliegenden Urwald nutzen kann.    

Bei einer Wanderung in der Gegend zu einem Einge-borenendorf ist der Weg mühsam. Ebert:

»Mit Freuden begrüßte ich daher die Gelegenheit, eines des Weges kommenden Sohn des Landes mittels Zei-chensprache zu fragen, wie lange wir noch bis zum nächsten Dorfe gebrauchen würden. Daß der Zeiger meiner vorgehaltenen Taschenuhr ihm unverständlich bleiben würde, überraschte mich nicht weiter. Aber nun war er an der Reihe, mich in Verlegenheit zu setzen mit seiner Methode, die Uhrzeit anzugeben. Er stellte sich nämlich aufrecht hin und wies auf seinen eigenen Schatten, indem er mir klarmachte, daß wir am Ziele unserer Wanderung sein würden, wenn der Schatten sich um die von ihm bezeichnete Strecke verkürzt haben würde. Die Zeit, als ich die Helden meiner Lederstrumpfgeschichten auf dem Kriegspfade dem weißen Bruder in der bilderreichen Sprache des letzten Mohikaners in ähnlicher Weise Auskunft erteilten, lag zu weit zurück, als daß ich mit dem verkürzten Schatten etwas anzufangen gewußt hätte, aber ich muß gestehen, daß ich mich durch diesen Sohn der Wildnis etwas beschämt fühlte; wir sogenannten Kulturmenschen ha-ben infolge unserer bequemen technischen Hilfsmittel es leider verlernt, die einfachen und uns jederzeit vor Augen liegenden Zeichen der Natur richtig zu deuten.«

Angekommen in dem ziemlich primitiven Dorf handelt Ebert verschiedene, schmucklose aus schwerem, dunk-len Hartholz hergestellte Speere ein. Als Tauschmittel dient der deutschen Wandergruppe Stangentabak und Zeitungspapier, das die Eingeborenen zum drehen ihrer Glimmstengel benutzen. Nach dem Handel läßt die Wandergruppe als Abschiedsgeschenk einen nicht in Souvenirs umgesetzten Stoß Zeitungspapier auf dem Dorfplatz liegen, zur Freude der Dorfgemeinde. Ein nahegelegenes, aus Buschmaterial errichtetes Rasthaus der Regierung dient als Stätte für das mitgebrachte Mittagessen. Auf dem Rückweg kann Ebert noch eine originale winkelförmige Steinaxt wohl zum Aushöhlen von Baumstämmen für Kanus von einem zufällig daher-kommenden Eingeborenen erwerben. Wo die weißen Händler auftauchen, so rings um Adolfhafen, ver-schwinden solche selbstgefertigten Werkzeuge schnell und werden durch europäische Hobelmesser oder Stemmeisen ersetzt.

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Wirtschaft II

Wie im Bezirk Eitape ist auch im Bezirk Friedrich-Wilhelms-Hafen die Unternehmungslust der sehr er-wünschten Kleinsiedler seit etwa 1910 außerordentlich rege geworden. Die Zahl der weißen Ansiedler hat mit 234 1912 gegen 196 1911 einen Zuwachs von 38 Köpfen genommen. Das verfügbare Küstenland von Friedrich-Wilhelms-Hafen bis Kap Croisilles an der Astrolabe Bai muß fast ganz vergeben werden, um den gestellten An-trägen auf Landüberlassung genügen zu können. Selbst in weiterer Entfernung, bei Sarang und am Hatzfeldt-Hafen, sind Pflanzungen gegründet worden.

All diese Ansiedler rechnen damit, daß die Einkünfte der Paradiesvogeljagd ihnen über die Zeit der reinen Kosten beim Aufbau ihrer Pflanzungen hinweghelfen werden. Würde ihnen diese Einnahmequelle verschlos-sen, so wären sie verloren. Um welche Summen es sich bei dieser Einnahme handelt, erläutert die Tatsache, daß beispielsweise der im Juni 1912 an der Hansa-Bucht ermordete Peterson innerhalb eines einzigen Monats mit seinen farbigen Jagdgehilfen Paradiesvogelbälge im Wert von zusammen 4000 Mark erbeutet hat, und daß ein anderer Paradiesvogeljäger im Laufe eines Jahres 30.000 Mark an dieser Art der Jagd verdient hat. Auch die Regierung erzielt hieraus erhebliche Einnahmen, so im Bezirk Friedrich-Wilhelms-Hafen im Jahr 1911 an Gebühren für Paradiesvogeljägerscheine 21.415 Mark und an Ausfuhrzoll für Bälge 18.845 Mark.

Aber wegen der Auseinandersetzungen zwischen den Weißen und den Steinzeitmenschen im Kaiser-Wil-helms-Land um die Paradiesvogeljagd, die zuweilen im Verspeisen der farbigen Vogeljäger der Weißen durch die Einheimischen endet, wird von der deutschen Ver-waltung in Betracht gezogen, die Paradiesvogeljagd ganz zu verbieten. Doch die wirtschaftliche Entwicklung vom deutschen Teil von Neuguinea verbietet vorläufig ein völliges Verbot der Paradiesvogeljagd.

Die Jagd völlig zu verbieten ist also ohne schwere Schä-den für die Wirtschaft vom Kaiser-Wilhelms-Land nicht durchführbar. Dagegen sucht man eine Einschränkung der Abschusses der Vögel dadurch zu erreichen, daß man die gewerbsmäßige Ausführung der Jagd nur sol-chen Pflanzern gestattet, die sich gleichzeitig im Kaiser-Wilhelms-Land ansiedeln und das Land urbar machen. Außerdem wird eine periodische Schonzeit eingeführt, und ferner werden drei große Schonbezirke geschaffen, sodaß die Erhaltung aller Arten gewährleistet ist.

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Die Siedler

Haben die Plantagengesellschaften Kapital im Hinter-grund für ihre Unternehmungen sieht die Lage für klei-ne Siedler gänzlich anders aus. Meist sind sie schon etwa als ehemalige Angestellte einer Pflanzungsgesellschaft mit den Verhältnissen vor Ort vertraut und haben kleine Ersparnisse und Zuschüsse von Verwandten im fernen Deutschland.

Ohne eine finanzielle Basis ist die Anlage einer Pflan-zung aussichtslos, da erst nach Jahren aus ihr erste Ein-nahmen zu erzielen sind. Es muß also zunächst Land, notwendige Ausrüstung und Werkzeug gekauft und schwarze Arbeiter angeworben werden. Meist ist ein Boot ebenso unbedingte Voraussetzung und mit dem Boot können auch Fahrten für zahlende Kunden ge-macht werden.

Um den Pionieren den Anfang zu erleichtern erhalten sie von der Regierung gegen Entrichtung einer jährli-chen Gebühr einen Paradiesvogeljagdschein und damit das Recht, zwei Schießjungen in den weiter einwärts lie-genden Urwald zu schicken. Die schwarzen Jungen ge-hen dann in den Dschungel zur Paradiesvogeljagd und bringen nach ein/zwei Wochen vielleicht nur Wildtau-ben und sonstige Beute für die Küche, vielleicht aber auch ein Dutzend oder mehr der wertvollen Bälge, die mit dem nächsten Dampfer nach Deutschland geschickt werden und deren Erlös die Pflanzung über Wasser hält.

Perlmutt, vom Strand gesammelt, kann auch zusätzli-ches Geld einbringen. Tauschgeschäfte mit den umlie-genden Dörfern liefert Handelskopra und entsprechen-den Verdienst beim Weiterverkauf an die Handelsge-sellschaften. Ist die Handelskopra auch nicht so wertvoll wie die in der Dörre verarbeitete Kokosnuß, so bringt sie doch schnell dringend benötigtes Bargeld.

Einfachste Hütten mit Attap gedeckt, den großen Blät-tern der Nipapalme, bieten wenig mehr als einen Regen-schutz für den Pflanzer und seine Arbeiter. Dann beginnt das Roden des Landes. Jeder Fuß breit Boden muß dem Urwald abgerungen werden. Mit Dynamit sprengt man Baumstümpfe und Wurzelwerk. Feuer vernichtet die vertrockneten Baumleichen und ihre Asche düngt den Boden – dann kann das Pflanzen beginnen. Mit den Jahren werden erste Holzbauten errichtet, die aber noch keineswegs europäischen Ansprüchen genü-gen.

Das Essen für Weiße und Eingeborene besteht aus Jams, Taro, Reis und Büchsenfleisch. Büchsenfleisch gibt es aber nur an Festtagen an denen eine »Tin geschlachtet« wird, wie man in der Kolonie das Öffnen einer Konser-vendose nennt.

Das ganze Unternehmen heißt für den Pionier Arbeit von früh bis spät, ein Kampf mit den Eingeborenen und dem Klima. Ob der Pflanzer gesund ist oder mit vierzig Grad Fieber unter schweren Malariaanfällen leidet, immer muß er auf dem Posten sein. Alles muß er selbst überwachen; denn wenig wird geschafft, wenn das Auge des Herrn nicht überall nach dem Rechten schaut und lobende und ermahnende Worte die Schwarzen an-treiben. Erholungsurlaub, auch wenn er noch so nötig wäre, fällt in dieser Aufbauzeit völlig aus. Jeder Pfennig muß gespart werden, kommt der Pflanzung zugute und der Reparatur und dem Ersatz von Gerät und Werkzeug. Nach etwa zehn Jahren, wenn der Pflanzer solange durchgehalten hat, trägt die Pflanzung sich selbst und beginnt Gewinn abzuwerfen.

Eine andere Sorte Weiße sind die Trader, die Händler, die mit Tauschhandel mit den Eingeborenen in wenigen Jahren das Vermögen machen wollen, welches ihnen ein angenehmes Leben für den Rest ihrer Tage ermöglichen soll. Tabak, Eisenwaren, Stoffe und was sonst noch und nicht zuletzt Alkohol sind ihre Waren gegen Handels-kopra, Schildpatt, Perlmutter, Muscheln und Trepang. Ein Trader in seinem Gebiet ist allein unter Eingebo-renen fern von allen Weißen und jeglicher Hilfe. Ganz auf sich allein gestellt, muß er immer bereit sein, Leben und Eigentum mit der Waffe in der Hand gegen Stein-zeitmenschen, wie gegen gewöhnliche Kriminelle unter den Eingeborenen, zu verteidigen.

Eine besonders schlafraubende Angelegenheit für die Weißen ist Vollmond, weil dann die Einheimischen überall die ganze Nacht auf der Garamut, einer großen Holztrommel mit dumpfem Klang, das Tum-Tum-Tum der Trommel erschallen lassen und dazu Tanzgesänge erklingen. Hat der Weiße dazu einen Malariaanfall liegt er schweißgebadet, mit schmerzendem Kopf und häm-merndem Puls auf seinem Lager und erlebt die Nacht-stunden als eine endlose Qual.


Die häufigen Erdbeben in Neuguinea, wie auch im deutschen Wirtschafts- und Verwaltungszentrum auf der Gazelle-Halbinsel im Bismarck-Archipel, zwingen zu einer angepaßten Bauweise. Um die 20 bis 40 Erdbeben erleben die Bewohner durchschnittlich im Jahr. Deshalb sind die Wohnbauten der Weißen nur leichte Holz-häuser, errichtet auf Tragpfeilern, auch deshalb auf Tragpfeilern, um Insekten wie den Sandfliegen sowohl das Eindringen in die Häuser zu verwehren als auch die Zerstörung der Bauten durch Termitenbefall zu er-schweren. Durch das Einstreichen der Pfosten und Fuß-böden mit Carbolineum kann man Ameisen und Termi-ten einigermaßen vom Zerstören des Holzes abhalten. Um Betten, Tische und Schränke ameisenfrei zu halten stellt man ihre Beine in alte Konservendosen, die mit Petroleum gefüllt sind.

Ein typisches koloniales Wohnhaus in der Südsee ist durchweg aus Holz gebaut und ruht auf Pfählen mit steinernen Füßen. Zwischen Erdboden und Fußboden des Hauses befindet sich aus genannten Gründen ein Freiraum von etwa ein 1-1½ m. Rings um das Haus, oder zumindest an den Längsseiten, läuft eine breite Veran-da, die in ausgiebiger Weise zu Wohnzwecken genutzt wird, und während des größten Teils des Tages den Bewohnern als Aufenthaltsraum dient.

Das Normalhaus besteht aus drei Räumen, einem mitt-leren Hauptwohnraum, und zwei zu beiden Seiten an-schließende Nebenwohnräume, von denen einer als Speisezimmer und der andere als Schlafzimmer ge-braucht wird. Vom großen Mittelraum führen zwei gegenüberliegende breite, meist offen gehaltene Türen ins Freie beziehungsweise auf die Veranda, sodaß ein ständiger erfrischender Luftzug ermöglicht ist. Ein grö-ßeres derartiges Tropenhaus ist mit mehr Zimmern ausgestattet oder auch zweistöckig.

Unentbehrlich ist der von jedem Tropenbewohner meist mehrere Male am Tag in Anspruch genommene Bade-raum. Wirtschafts- und Küchenräume sind meist in ei-nem besonderen Nebengebäude untergebracht, ebenso die Wohngelasse der schwarzen Dienerschaft.

Eine schwierige Aufgabe bildet die Wasserversorgung. Man ist auf Regenwasser angewiesen, das durch Rinnen vom Wellblechdach aus in große, bei jedem Hause ste-hende, blecherne, oben verdeckte Tanks geleitet wird, sofern nicht größere Zisternen im Gebrauch sind. Die ausschließliche Verwendung von Holz als Baumaterial ist durch die klimatischen Verhältnisse geboten. Jede steinerne Konstruktion verbietet sich durch die häufi-gen Erdbeben.   

Sitzen die Deutschen beim Bier, wenn ein Erdbeben einsetzt, greifen sie zuerst zum Bier, um das Glas und seinen Inhalt zu retten. Wird das Beben stärker gehen sie mit ihren Biergläsern nach draußen, bis das Beben vorüber ist.

Grundproblem beim Biertrinken ist das Kühlen des kostbaren Getränkes. Bessere Örtlichkeiten wie gute Hotels benutzen eine 5%ige Salpeterlösung. Damit ge-lingt es, die Flaschen um 5 bis 6 Grad herunterzukühlen. Die sonst übliche Methode Bier zu kühlen besteht in Strohhülsen um die Flaschen, auf die ständig Wasser tropft. Ein Segen sind da die großen Schiffe. Wenn eines im Hafen anlegt kommen alle Deutschen in der Nähe an Bord und erfreuen sich am Bier, welches von der bord-eigenen Eismaschine gekühlt wird.


Mit der Ankunft von mehr Auswanderern erfährt auch das soziale Leben der Weißen eine Verbesserung. Die Pflanzersgattin Emmy Müller schreibt 1910: »Wir haben jetzt schon unsere Teekränzchen, Tennisspiele, musika-lischen Aufführungen unter Musikfreunden, hin und wieder eine Reitpartie oder Picknicks und größere Fest-lichkeiten als willkommene Unterbrechung des hiesi-gen, sonst stillen und arbeitsreichen Daseins.«

Eine weitere Unterhaltung bietet das Grammophon mit seinen Schallplatten, das auch in den Kolonien Einzug hält. Paul Ebert, von 1911 bis 1913 Kommandant des in der Südsee stationierten Kreuzers Cormoran, berichtet über ein Erlebnis, als sein Schiff an seinem Liegeplatz bei Rabaul liegt: »Einmal stutzte ich: Klar und deutlich klangen Melodie und Text eines bei meiner Abfahrt aus Deutschland [März 1911] dort gerade hochmodernen Tingeltangelliedes an mein Ohr. Die schwarze Insassin eines der herumlungernden Kanus entpuppte sich als Sängerin, weiß der Teufel, wo und von wem sie das auf-geschnappt hatte; wahrscheinlich war eines der zahlrei-chen Grammophone, die den jungen und alten weißen Ansiedlern die langen Abendstunden der Tropen ver-treiben halfen, ihr Lehrmeister gewesen.«


Die deutsche männliche Bevölkerung ist üblicherweise in leichte schneeweiße Anzüge mit Tropenhelm beklei-det. Das unterscheidet sie auch deutlich im Aussehen von der Eingeborenenbevölkerung in Stadt und Land und etwa bei der Begrüßung eines anlegenden Schiffes, wenn die farbigen Arbeiter ebenfalls auf der Landungs-brücke stehen für die anfallenden Arbeiten zum Fest-machen des Schiffes mit Tauen und den folgenden Ent-ladungsarbeiten.


Das Ereignis für alle Deutschen ist das Eintreffen des Reichspostdampfers, sofern sie in der Nähe eines An-laufhafens des Dampfers wohnen. Es ist die einzige größere Abwechslung alle ein oder zwei Monate. Je nach Größe des Hafens mehr oder weniger laut und bunt. Die deutsche männliche Bevölkerung ist üblicherweise in leichte schneeweiße Anzüge mit Tropenhelm bekleidet. Das unterscheidet sie auch deutlich im Aussehen von der Eingeborenenbevölkerung in Stadt und Land und etwa bei der Begrüßung eines anlegenden Schiffes, wenn die farbigen Arbeiter ebenfalls auf der Landungs-brücke stehen für die anfallenden Arbeiten zum Fest-machen des Schiffes mit Tauen und den folgenden Entladungsarbeiten.

Besonders wichtig für die Kolonisten ist bei der Ankunft eines Dampfers die Post aus der Heimat. Freudige Rufe künden von guten Nachrichten von zu Hause, ein an-derer erbleicht ob des Unglücks oder Todes eines Fami-lienangehörigen und anstatt in fröhlicher Gesellschaft zu zechen, schleicht er still in eine einsame Ecke des Schiffes, um alleine zu sein in seinem Kummer. Ver-träumt durchfliegt ein anderer die eng beschriebenen Blätter. Reisende versuchen von den Alteingesessenen Auskunft über die Verhältnisse ihres Bestimmungsortes zu erlangen. Glücksstrahlende Urlauber verhandeln schon jetzt mit dem Obersteward über einen guten Kabi-nenplatz für die bevorstehende Heimreise und erkun-digen sich nach dem Namen des Anschlußdampfers und alle einschlägigen Einzelheiten, obwohl vielleicht noch Monate bis zum Urlaub vergehen. Laute Unterhaltun-gen, Lachen und Aufträge an die chinesischen Stewards, die immer neue Fuhren kühlen Bieres heranschleppen. Schwarze Jungs suchen ihre Herren, bringen Meldun-gen, verlangen Auskunft oder rufen zum Ladungsemp-fang, denn die Winden haben längst ihre Arbeit begon-nen und schwingen Lasten über die Seite in die Boote.

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Schiffsverkehr

Neuguinea, die zweitgrößte Insel der Welt, und seine anliegenden Inseln werden als Teil des Kontinentes Aus-tralien angesehen. Die beiden Teile der Kolonie Deutsch Neuguinea, die zur australischen Welt gehören, sind das Kaiser-Wilhelms-Land und das Bismarck-Archipel. Bei-de bilden auch wirtschaftlich gesehen eine einheitliche Welt und so sind sie auch durch Reichspostdampfer, die regelmäßig der Reihe nach Häfen im Kaiser-Wilhelms-Land und im Bismarck-Archipel anlaufen, verbunden und über weitere Häfen im nicht-deutschen Bereich, Hongkong, Singapur oder Sydney als Endhäfen, mit dem Weltverkehr. Auf diesen drei Linien verkehren die Reichspostdampfer, um den australischen Teil von Deutsch Neuguinea mit der Welt zu verbinden.

Die größeren Häfen auf diesen Routen haben Kais und/oder Piers, die kleineren oft nur eine geschützte Reede mit einer hölzernen Rampe oder nur einen Strand von dem aus Waren und Menschen mit Booten vom Schiff zum Strand und umgekehrt befördert werden.

Eine solche Reise auf den Fahrgäste und Fracht beför-dernden Schiffen ist für Passagiere in der ersten oder zweiten Klasse mit einem Kajütplatz eine angenehme Fahrt, die als Gäste mitfahrenden Eingeborenen können sich für ihr weniges Geld aber nur einen Platz auf den Decksplanken leisten. Für sie werden aber gegen Sonne und Regen Planen aufgespannt. Zu den Deckspassagie-ren gehören zum Beispiel finishtimer, die ihren dreijäh-rigen Arbeitsvertrag erledigt haben und mit ihrer mit Schloß versehenen Kiste, in der ihre erworbenen Kost-barkeiten geschützt liegen, in die Heimat zurückkehren. Andere Decksgäste sind die Wallfahrer nach Mekka aus Holländisch Indien. Da oft Schweine an Deck als lebende Frischfleischreserve mitgenommen werden, müssen natürlich die Schweine und die mohammedanischen Pilger so weit wie nur möglich voneinander getrennt werden, um die schweineverachtenden Mohammeda-ner nicht zu verärgern.

Im ›Feldlager‹ der Gäste auf Deck herrscht schon am frühen Morgen ein eifriges Waschen, Schmoren und Teekochen und ein vielstimmiges Palaver, während die Kajütpassagiere noch in ihren Kojen liegen. Aus Ge-päckstücken, Strohmatten und Decken haben die halb-nackten braunen Bordgäste Buden für ihre Familien oder Reisegruppen errichtet und Kochen auf Kohle-feuern ihre Mahlzeiten, die sie selbst mit an Bord ge-bracht haben oder in den Häfen von fliegenden Händ-lern kaufen, die die eingelaufenen Schiffe umlagern, denn den Decksgästen wird nur Trinkwasser für die Reise geboten.

Aber auch für die besser betuchten Tropenreisenden mit Vollverpflegung an Bord wird es unangenehm, wenn der Dampfer an einem Kohlenpier festmachen muß, um neu zu Kohlen. Um den schwarzen Staubwolken beim Kohlen zu entgehen, flüchten sie an Land, während einen Tag lang – Tag und Nacht – hunderte von Tonnen Kohlen von Kulis in Bambuskörben in die Bunker des Schiffes geschüttet werden. Erst nach dem großen Rei-nemachen kehren die Gäste aus der ersten und zweiten Klasse von ihrem Landausflug zurück.

An Bord ist zwar das Glücksspiel für die malaiische und chinesische Mannschaft verboten, aber die leiden-schaftlichen Spieler finden immer wieder Plätze an Bord, wo sie unbeobachtet dem Glücksspiel nachgehen können. Dadurch kommt es zuweilen zu Schlägereien der Malaien und Chinesen untereinander. Die weiße Crew muß dann gegen beide Parteien mit Gewalt vor-gehen, um die malaiischen Matrosen und das chinesi-sche Maschinenpersonal wieder zur Vernunft zu brin-gen.

Sind Rinder oder Pferde an Hafenplätzen ohne jede Anlandemöglichkeit von Bord zu bringen, wird ein Teil der Reeling abmontiert und alle scharfen Kanten ringsrum mit weichen Matten gepolstert, damit wild-werdende Tiere sich nicht auf Deck verletzen. Die Tiere werden dann zur Bordkante geführt und einfach ins Wasser gestoßen, von wo sie dann zum Strand schwim-men – soweit die Theorie, der ein ausgewachsener Bulle aber oft nicht zu folgen vermag. So haben die aus sicherer Entfernung zuschauenden Passagiere ihren Spaß, wenn braune und gelbe Gestalten der Decks-mannschaft versuchen ein widerstrebendes Hornvieh von Bord zu schubsen, insbesondere wenn ein Bulle in seiner Wut den Kopf senkt und mit seinen Hörnern zum Angriff übergeht. Ist das Rindvieh endlich über Bord – seine Hörner sind mit einem langen Tau um-wickelt, dessen anderes Ende einem Boot zugeworfen wurde, das das Tier ans Boot zieht und neben sich her zum Strand schwimmen läßt – muß das an Land ange-kommene Rindvieh, das das Tau hinter sich herschleift, eingefangen werden und viele Männer stürzen sich auf das Tau, um das wegrennende Tier zu Stillstand zu bringen. Dabei können schon mal ein Dutzend Schwarze eine Weile durch den Sand geschleift werden.                       

Bei jedem Anlegen oder Ankern des Schiffes nutzen die Passagiere die Gelegenheit an Land zu gehen. Bei den Einheimischen kann man bei den Landgängen auch oft für Tabak, Glasperlen, Streichhölzer, Taschenspiegel, Angelhaken und dergleichen interessante Souvenire eintauschen. Die Besatzung tut das Gleiche, aber als Handelsobjekt zum Weiterverkauf der Souvenire wie Speere, Schildplatt und Schildkrötenpanzer an Reisende etwa in Singapur mit gutem Gewinn.


Aus den Mitteilungen der Gesellschaft für Erdkunde und Kolonialwesen zu Straßburg im Elsaß [zugleich Abteilung Straßburg der Deutschen Kolonialgesell-schaft] für das Jahr 1913 finden wir an Auskünften, daß von außerordentlicher Wichtigkeit die Schaffung von Landwegen auf den Inseln und im Kaiser Wilhelmsland ist, da die dürftigen Fußpfade der Eingeborenen natür-lich einem Verkehr größerem Maßstabs in keiner Wei-se genügen. Tatsächlich sind auf einigen kleineren und größeren Inseln schon zahlreiche Wege angelegt wor-den. Stellenweise sind, wie auf Nordwest-Neumecklen-burg dank dem ungewöhnlichen Verwaltungsgeschicks des im April 1913 durch einen Schlaganfall verstorbenen Bezirksamtmanns von Neumecklenburg-Nord, Franz Boluminski, sogar ausgezeichnete Straßen in großer Länge erbaut worden. In den letzten Jahren haben auch in den deutschen Salomonen, auf Neu Hannover, auf den Fischer- und Gardener-Inseln, auf der Gazellehalb-insel und einzelnen Teilen des Kaiser Wilhelmslandes die Wegebauten sehr erfreuliche Fortschritte gemacht. Aber ganz besonders im Kaiser Wilhelmsland, wo zwar einzelne Flüsse brauchbare Verkehrswege darstellen, sind die Binnenverbindungen noch äußerst dürftig.

Die Bedeutung des Baues von Straßen für die Verwal-tung und die Wirtschaft sieht man in Nordneumeck-lenburg, wo die neu angelegte Straße zu außerordent-lichen Fortschritten bei der Befriedung, der Erhebung der Kopfsteuer und der wirtschaftlichen Nutzbarma-chung geführt hat.

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Wirtschaft I

Noch als kaiserlicher Beamter der Kolonie Neuguinea sorgt Albert Hahl 1899 dafür, daß das Recht, Land von den lokalen Dorfgemeinschaften zu erwerben oder un-bewohntes Gebiet einfach in Besitz zu nehmen, aus-schließlich beim Gouvernement liegt, das beim Weiter-verkauf genau darauf achtet, daß keine Besitzrechte der Einheimischen verletzt werden.

Seit 1902 ist Hahl dann Gouverneur und seit 1903 wer-den darüber hinaus die bestehenden Besitzverhältnisse auf ihre Richtigkeit überprüft. So werden zwischen 1903 und 1914 über 5.740 ha, die bereits in den Besitz euro-päischer Pflanzer übergegangen waren, wieder an die Dorfgemeinschaften zurückgegeben und insgesamt 70 unveräußerliche Reservate mit einer Gesamtgröße von 13.115 ha geschaffen.

Jedem Neuguineer muß mindestens ein Hektar Land zum Siedeln und Bebauen zur Verfügung stehen. Auf diesem Land sollen dann vornehmlich sogenannte »Cash Crops«, exportfähige Waren der Landwirtschaft, also in Deutsch Neuguinea vor allem Kokosnußpalmen, gesetzt werden. Auf diese Weise will Hahl erreichen, daß die Neuguineer selbst am kolonialen Wirtschafts-system teilhaben und nicht gezwungen sind, auf euro-päischen Plantagen zu arbeiten.

1914 kommt fast die Hälfte des Kopra-Exportes von der Gazelle-Halbinsel aus dem Anbau der Einheimischen, während die Festland-Bevölkerung um Friedrich-Wil-helmshafen durch den Verlust ihrer Ländereien zur Arbeit auf den Plantagen gezwungen ist.

Hahl erstellt auch detaillierte Bestimmungen für die einheimischen Arbeiter hinsichtlich Lohn, Dauer der Arbeit und medizinischer Versorgung.


Die wirtschaftliche Erschließung Deutsch Neuguineas hängt entscheidend von Seeverbindungen und guten Wegen und Straßen auf den Inseln ab. Die Ausnutzung des Bodens und der natürlichen Reichtümer ist bis in die ersten Jahre des zweiten Jahrzehnts des neuen Jahr-hunderts nur auf vielen der kleineren Inseln durchge-führt, während auf den größeren und auf Neuguinea selbst die ökonomische Ausnutzung noch nicht ins Innere vorgedrungen ist. Aber die Herstellung von leistungsfähigen Verkehrsverbindungen ist nur eine der Grundbedingungen für eine gedeihliche Entwicklung der Kolonie. Vor allem ein gutes Verhältnis zu den Ein-geborenen ist wichtig für die wirtschaftliche Entwick-lung, denn die Eingeborenen stellen die Arbeitskraft für die Wirtschaft. Gouverneur Hahl und seine Beamten auf den vorgeschobenen Posten haben dafür die beste Arbeit geleistet mit einer vorsichtigen und menschen-freundlichen Politik, wenngleich auch 1912 und 1913 eine Zunahme von Morden und Überfällen zu ver-zeichnen ist, die aber eben im Zusammenhang mit der sich beschleunigenden Erschließung des Inneren der Inseln zu sehen sind und dem dadurch vermehrten Zusammentreffen von Weißen und Steinzeitmenschen.


Fast überall in der Kolonie gibt es einen Arbeitskräfte-mangel. In den Anfangsjahren der Kolonie hatte man deshalb Chinesen und Malaien nach Deutsch Neu-guinea geholt. Aber der Ausfall durch Krankheiten, insbesondere durch Malaria, bei diesen Arbeitern war erschreckend hoch, weil die Chinesen und Malaien den schwierigen klimatischen Bedingungen weniger ge-wachsen sind. Deshalb mußte man auf die Anwerbung von einheimischen Kräften übergehen. Von den geblie-benen Chinesen und Malaien sind viele nun in Auf-sichtspositionen über die angeworbenen einheimischen Arbeiter.

Bei der Anwerbung darf keinerlei Zwang ausgeübt wer-den, alles ist dazu gesetzlich geregelt. Jugendliche unter 14 Jahren dürfen nur für leichtere Arbeiten herangezo-gen werden. Und jeder Arbeiter muß vor und nach Ab-lauf seines Vertrages ärztlich untersucht werden, auch deshalb, damit sich keine ansteckenden Krankheiten verbreiten.

Je mehr Plantagen entstehen, desto mehr Arbeiter wer-den benötigt. Dafür müssen immer neue Gebiete für die Anwerbung erschlossen werden. Gleichzeitig ist es not-wendig genügend Leute in den Dörfern zu belassen für die Feldarbeit, damit keine Hungersnot entsteht. Die Jüngeren haben meist nichts dagegen von den schwar-zen oder weißen Anwerben geworben zu werden, weil sie die Lust auf das Neue in einer anderen Welt treibt und sie dafür auch noch bezahlt werden. Die Älteren in den Dörfern sehen die Anwerber nicht so gern. Sie wissen um den Verlust von Arbeitskräften für die Feld-arbeit und die Jungen werden zum Schutz vor Überfällen aus anderen Dörfern gebraucht. Ja selbst innerhalb ei-nes Dorfes bekämpfen sich zuweilen verschiedene Sip-pen und jeder an die Anwerber verlorene Mann ist dann auch eine Schwächung der eigenen Stärke.

Ist die Anwerbung in einem Dorf erfolgreich, so zahlt der Werber ein Handgeld in Form von Äxten, Busch-messern, bunten Lappen oder Tabak an die Familie oder den Big Fellow Man, wie man die Beherrscher der Dörfer auf Pidgin-Englisch nennt. Alle aus Eisen hergestellten Geräte, insbesondere natürlich Beile, sind für die Stein-zeitmenschen besonders wertvoll und begehrenswert. Den Angeworbenen wird später am Bestimmungsort ein Vertragstext vorgelesen (laut Berliner Vorschrift in Gegenwart von »zwei Zeugen, die fließend deutsch und englisch« sprechen). Tatsächlich sieht es so aus, daß dem Neuangeworbenen das Wichtigste durch einen Dolmetscher in seiner Stammessprache mehr schlecht als recht erklärt wird. Anschließend soll der Angewor-bene das Dokument unterzeichen, was natürlich für einen völlig schreibunkundigen Menschen unmöglich ist. Deshalb malt der Beamte mit dem Federhalter drei Kreuze aufs Papier und der ängstlich danebenstehende Steinzeitmensch wird aufgefordert durch eine Berüh-rung des seltsamen Tintenstiftes seinerseits den Vertrag anzuerkennen.

Darauf folgt die Routineimpfung gegen Pocken. Der Angeworbene wird später die entstehende Narbe durch die Impfung als Spezialtätowierung ansehen, die ihn über die anderen seines Stammes erhebt. Die Ange-worbenen benennen sich auch in Pidgin-Englisch als boy, während die in der Heimat zurückgebliebenen als kanaka eingestuft werden oder auch als kanaka belong bush. Sie sind jetzt eben eine Stufe höher gestiegen.

Natürlich sucht jeder Arbeitgeber seine Leute gut zu verpflegen; denn andernfalls spricht sich das schnell herum, und niemand geht mehr zu ihm trotz schönster Versprechungen und hoher Lohnangebote. Alles ver-gessen und verzeihen Black-fellow-boys dem Master, nur nicht Sparsamkeit in der Eingeborenenküche.

Die Leistungen dieser Arbeiter können allerdings nicht mit denen eines weißen Arbeiters verglichen werden. Deshalb ist man in Neuguinea gezwungen, recht viele Arbeiter zu halten.  

Allgemein werden die jungen Leute auf drei Jahre ver-pflichtet, was oft zu Mißverständnissen führt, da ihnen ein Zeitraum von einem Jahr oder drei Jahren vollkom-men unbekannt ist. Die zurückgebliebene Dorfbevöl-kerung und die Angeworbenen glauben aus den drei erhobenen Fingern des Anwerbers drei Monde zu er-kennen. Wenn also die Vertragsarbeiter nach drei Mo-naten nicht wieder im Dorf erscheinen ist die Erregung und Enttäuschung groß. Kommt ein Anwerber dann wie-der in dieselbe Gegend ist er in Lebensgefahr. Es kann passieren, daß die Männer des Dorfes ihn erschlagen, weil sie meinen, er komme, um wieder junge Leute als Braten für einen Festschmaus zu holen.

Aufgrund dieser Erfahrungen läßt die Neuguinea Kom-pagnie die Erstangeworbenen aus einer Gegend nur ein paar Monate auf den Plantagen arbeiten und bringt sie dann reichlich mit Waren entlohnt in die Heimat zu-rück, woraufhin sofort andere bereit sind, sich ebenfalls anwerben zu lassen.

Trotz aller Vorschriften über die Anwerbungen von der deutschen Verwaltung kommen leider immer wieder unsaubere Geschäfte und Übergriffe gegen Dorfbe-wohner vor, wenn sich niemand anwerben lassen will. Der Richter ist weit weg und die deutsche Inselwelt in der Südsee zieht sich über tausende Kilometer hin.  

Für die Angeworbenen auf jeder Plantage gibt es für jede Gruppe einer Insel oder eines Stammes einen Obmann, der aus dem Stamm oder von der selben Insel kommt und sich als intelligent gezeigt hat, auf daß man ihn zum Vertrauensmann seiner Gruppe ernennen kann. Dieser Obmann zeigt seinen Leuten etwa anhand eines Stockes, mit jedem vergangenen Mond eine Kerbe eingeritzt, die Vertragsdauer an. Sind dreizehn Kerben eingeritzt, also ein Jahr vergangen, beginnt er eine neue Reihe. Drei Reihen voll, Vertrag erledigt.

Das Kerben in Holz oder Stein kennen die Eingebore-nen. Einem Deutschen wird erklärt: „Masta, es ist Tradi-tion bei uns, schöne Dinge in Form einer Kerbe fest-zuhalten. Das machen wir schon immer so. Eine Kerbe für jeden verspeisten Feind.“

Ist die Vertragszeit abgelaufen kaufen die glücklichen Heimkehrenden im Plantagenladen meist zu überhöh-ten Preisen Eisenbeile, Hacken, Hohlbeile zum Kanu-bau, Messer, Taschenspiegel, farbige Baumwollstoffe, bunte Glasperlen, Hüte, Spazierstöcke und anderen Klimbim. Eine abschließbare Holzkiste ist das Trans-portmittel für all diese Schätze. Haben die Vertrags-arbeiter nach langer Bootsfahrt ihr Dorf erreicht, sind all ihre Schätze nach dem Begrüßungsfest in das Eigentum der Großfamilie, der Sippe, des Dorfes übergegangen und die Männer sind so arm wie vor ihrer Abreise zur Arbeit bei den Weißen.


Aus den Mitteilungen der Gesellschaft für Erdkunde und Kolonialwesen zu Straßburg im Elsaß von 1913 über »Das Schutzgebiet Deutsch-Neu-Guinea in der Gegenwart« ergibt sich ein anschauliches Bild der Arbeitskräftelage in der Kolonie. So ist ein Haupt-problem für die europäische Plantagenwirtschaft die Anwerbung von genug Arbeitskräften. Auf allen Inseln sucht man Arbeiter für die Plantagen zu gewinnen und verpflichtet sie für drei Jahre und wenn sie den Vertrag verlängern sind sie sogar sechs Jahre von ihrer Heimatinsel weg. Diese lange Abwesenheit hat natürlich Folgen für das Leben der Inselbevölkerung, wenn ein Teil der erwachsenen männlichen Bevölkerung im Dienst von Weißen entfernt von ihren Inseln und ihren Familien stehen. So sind etwa 1911 an der Ostküste der Salomoneninsel Buka 28 % der erwachsenen männ-lichen Bevölkerung zwischen 17 und 35 Jahren ange-worben und auf Jahre von ihrem Zuhause weg. Dazu wird auch vermehrt die Anwerbung von Frauen betrieben. Um dem entgegenzuwirken hat die deutsche Ver-waltung anfänglich für Nord- später auch für Süd-Neumecklenburg die Anwerbung unverheirateter Mäd-chen ganz verboten und die Anwerbung verheirateter Frauen nur noch gemeinsam mit ihren Männern ge-stattet.

Im August 1913 werden in der Gardener Gruppe 2007 männliche Personen und 1476 weibliche Personen ge-zählt. Die Zahl der männlichen Angeworbenen und nicht auf der Insel befindlichen Personen beträgt 421, der weiblichen 44. Ähnlich sehen die Verhältnisse auf an-deren Inselgruppen aus. Neben den allgemeinen Nach-teilen der Arbeit weit entfernt von Heimat und Familie kommt die Krankheitsverschleppung hinzu.

Bei der Gouvernementsratssitzung des Schutzgebietes Neu Guinea am 13. November 1913 wird festgestellt, daß aus Stichproben der letzten 26 Jahren die Sterblichkeit der Angeworbenen von einem Viertel und noch höher auf ihren Arbeitsstellen auf 3 % bis 1½ % gesunken sei. Es wird beschlossen, daß eine demnächst auszurüstende Expedition die Gesundheitsverhältnisse der Eingebore-nen genauer untersuchen soll.

Ein weiteres Problem bei der Arbeiteranwerbung sind die örtlichen Gewohnheiten wie im größten Teil des Bismarck-Archipels und in den deutschen Salomonen, wo nach Stammesüberlieferungen Feldarbeit Sache der Frauen ist und so die Männer dieser Gegenden nur außerhalb dieser Regionen Landarbeit annehmen, um keinen Prestigeverlust zu erleiden und dafür zu Plan-tagen weit entfernt von ihrer Heimatgegend transpor-tiert werden müssen. Durch sorgfältige Vorkehrungen und Bestimmungen der Kolonialregierung hat sich das Ansehen der Kontraktarbeit bei den Einheimischen ver-bessert und es gelang bisher den Arbeitskräftebedarf für den Pflanzer, den Kaufmann und die Phosphatgesell-schaft zu decken.

Auch durch das immer weitere Vorschieben der Verwal-tung in bisher von der Welt der Weißen noch unbe-rührte Gebiete wurden neue Anwerbemöglichkeiten geschaffen. So wurden 1910 im Kaiser-Wilhelmsland, dem Bismarck-Archipel und den deutschen Salomonen 6428 Arbeitskräfte angeworben, 1911 7542 und 1912 8261. 1912 konnten im Inselgebiet dazu 1007 Arbeitskräfte angeworben werden, dem ersten Jahr, in dem Anwer-bungen im deutschen Mikronesien statistisch erfaßt wurden. Die weitere günstige Entwicklung der Wirt-schaft, absehbar etwa an der Nachfrage an Land von Europäern für Plantagen, wird auch weiterhin eine ver-mehrte Anzahl von Arbeitskräften benötigen oder man wird durch Betriebsverbesserungen mit weniger Arbei-tern mehr leisten müssen, denn ein Mangel an Arbei-tern ist schon jetzt spürbar.

Um nicht auf Chinesen, Malaien oder gar Neger als Arbeitskräfte zurückgreifen zu müssen, und sie folglich nach Deutsch Neuguinea zu importieren, bleibt nur noch das weite unerschlossene Inland des Kaiser Wil-helm Landes als Reservoir für die Anwerbung.

Als letzte Möglichkeit bleibt durch beste Gesundheits-fürsorge und alle möglichen Maßnahmen, wie etwa die vorgeschlagene Steuerverminderung oder Steuerbefrei-ung für kinderreiche Väter, die Bevölkerung zu vermeh-ren für die zukünftige Sicherung der notwendigen Ar-beiterschaft im Schutzgebiet.