Richter Heinrich Schnee über die Händler auf entfern-ten Stationen um 1900:
»Es ist ein raues Leben, das die meisten dieser auf entlegeneren Stationen wohnenden Händler oder »Tra-der«, wie sie mit dem englischen Wort oft bezeichnet werden, führen. Sie sitzen fern abgeschieden von aller Kultur auf einem kleinen, von Busch geklärten Stück-chen Land, allein auf sich und ein paar schwarze Jungen angewiesen. Beständige Gefahr umgibt sie; sie sind nie sicher vor den verräterischen Kanakern und können selbst ihren eigenen Leuten nicht immer trauen. Ihr einziger sicherer Schutz ist schliesslich ihre eigene Büchse. Die Kanaker sind durchschnittlich feige und scheuen sich, den bewaffneten Europäer anzugreifen. Doch dafür sind sie heimtückisch, habgierig und mord-lustig. Wehe dem einsamen Händler, der auch nur ein-mal die Vorsicht ausser acht lässt und den Eingeborenen vertraut! Schon mancher hat seine Unachtsamkeit mit dem Leben bezahlen müssen.
Doch auch im Dasein des Händlers gibt es Lichtseiten. Wenn das Schiff, das ihm Waren gebracht hat, abge-fahren ist, so ist er allein, ein König in seinem Bereich. Er ist unbedingter Herrscher über seine schwarzen Jungen, Herr seiner Zeit. Niemand kann ihm gebieten; zu arbeiten braucht er nur, wenn und soweit es ihm beliebt. Esswaren, Konserven und dergleichen und die erste Zeit nach Abfahrt des Schiffes auch der geliebte Gin (Branntwein) stehen ihm reichlich zur Verfügung. Ein Weib kann er sich gewöhnlich ohne Mühe von den umwohnenden Stämmen kaufen, was ja nach Eingebo-renenbegriffen heiraten bedeutet. Wenn er Glück hat, kann er durch den Handel mit den Eingeborenen in einigen Jahren ein gutes Stück Geld und allmählich vielleicht ein kleines Vermögen erwerben. Der Handel ist allgemein noch Tauschhandel; die Eingeborenen bringen Kopra, den geschnittenen Kern der Kokosnuss oder sonstige Produkte, wie Schildpatt, Muscheln und dergleichen und erhalten dafür Waren, hauptsächlich in Stangen gepressten Tabak, Messer, Beile und Zeug-stoffe. Solche Händler, welche es im Laufe der Jahre zu Wohlstand gebracht haben und selbständig auf eige-nem Grund und Boden ihr Geschäft weiter betreiben, gibt es allerdings nur ganz wenige. Die meisten kommen auf keinen grünen Zweig; auch solche, die auf ihrer Handelsstation ganz gut verdient haben, verschleudern bisweilen ihre Ersparnisse in unglaublich kurze Zeit bei einem Aufenthalt in den Grossstädten Australiens und müssen dann wieder von vorn anfangen. Manche Händ-ler kommen überhaupt aus den Schulden bei ihren Firmen gar nicht heraus, sei es, dass die Konkurrenz anderer Handelsstationen schon zu gross ist, oder dass sie mit den Eingeborenen nicht auskommen können oder sonst das Geschäft nicht verstehen, oder endlich, dass sie jeden Verdienst allzu schnell durch die Kehle gleiten lassen. Die Möglichkeit, ohne schwere körper-liche Arbeit Geld zu verdienen, ist immerhin für jeden Händler gegeben.
Dass dieses Leben trotz aller Gefahren für manche ver-lockend ist, erscheint nicht wunderbar, wenn man damit etwa das beschwerliche Leben eines Matrosen auf ei-nem kleinen Segelschiff in der Südsee vergleicht. Man-cher Matrose hat es denn auch in der Tat vorgezogen, seinen Beruf mit dem eines Händlers zu vertauschen. Daneben finden sich Leute der verschiedensten Klassen und Stände, frühere Kaufleute, Pflanzer, Goldgräber. Auch verbummelte Söhne aus guter Familie gibt es bisweilen darunter. So lebte — und starb — auf einer kleinen Inselgruppe im Archipel, die nur jährlich zwei- bis dreimal von einem Segelschiff besucht wurde, der Sohn eines reichen Engländers, dem letzterer testamen-tarisch eine jährliche Rente unter der Bedingung ausge-setzt hatte, dass er sich niemals wieder dem Weichbild von London auf eine bestimmte Zahl von Meilen nähern würde. Auf einer anderen Insel starb mit Hinterlassung eines kleinen Vermögens ein deutscher Händler, der sich Smith nannte, dessen wirklicher Name und Her-kunft aber nie aufgeklärt worden sind. Auf ein Aufgebot in deutschen Zeitungen meldeten sich zwar verschie-dene Schmidts, Schmids, Schmitts und selbst Schmitz. Doch wurde festgestellt, dass der Verstorbene mit kei-nem der früher ausgewanderten Verwandten der ver-schiedenen Schmidts identisch sein konnte, so dass schliesslich der Nachlass des Smith dem Fiskus zufiel.
Bedenklichere Elemente unter den Händlern waren ei-nige ehemalige Sträflinge aus Neukaledonien, die an-geblich wegen politischer Verbrechen aus Frankreich deportiert waren und ihre Zeit in Neukaledonien abge-arbeitet hatten. Es kam auch vor, dass zur Zeit des spanisch-amerikanischen Krieges [1898] ein Kutter mit einigen angeblichen Spaniern an Bord in den Archipel kam. Die Leute, die spanisch und daneben zum Teil französisch sprachen, gaben an, sie seien von den Philippinen geflüchtet und durch Wind und Strömun-gen abgetrieben worden. Wie sich nachher heraus-stellte, waren es entflohene Deportierte aus Neukale-donien gewesen, welche den Kutter in Noumea, der Hauptstadt dieser französischen Kolonie, gestohlen hatten. Später wurde der Archipel wiederholt das Ziel entflohener Deportierter, die indessen meist aus dem deutschen Schutzgebiet abgeschoben wurden.
Konflikte zwischen Händler und Eingeborenen sind in den entlegeneren Gegenden nichts Seltenes. Die Ur-sache von Angriffen der letzteren ist in manchen Fällen darin zu suchen, dass die Weissen Gebräuche und An-schauungen der Eingeborenen verletzen, und insbeson-dere durch unvorsichtiges Benehmen in Weiberange-legenheiten die Rache der Familie oder des Ehemanns eines eingeborenen Weibes auf sich ziehen. Die Händ-ler kennen meist sehr wenig von den Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen, unter denen sie leben, eigentümlicherweise häufig genug auch dann, wenn sie längere Zeit an einem Platz wohnen. Neben Fällen unbeabsichtigter Verletzungen der Eingeborenenan-schauungen sind auch solche von Willkür und Gewalt-tat einzelner Händler vorgekommen. Doch sind gerade verschiedene Händler, welche als roh und gewalttätig bekannt waren und denen aus früheren Zeiten Über-griffe und selbst Tötungen von Eingeborenen nachge-sagt wurden, nicht von den Kanakem ermordet worden, während eine Reihe von Weissen, welche die Einge-borenen nachgewiesenermassen freundlich behandelt hatten, von letzteren hinterlistig ermordet worden sind, in einzelnen Fällen selbst von ihren eigenen Arbeitern.
In ersteren Fällen ist es sicher lediglich der Furcht der Kanaker und der Vorsicht, und eventuell den rück-sichtslosen vorbeugenden Gewalttaten der Weissen zuzuschreiben, dass diese unbehelligt blieben. Die Todesfurcht ist überall unter den Eingeborenen im höchsten Masse verbreitet. Erfahrungsmässig greift selbst eine überlegene Schar von Kanakern den auf den Angriff gerüsteten bewaffneten Europäer nicht leicht an, ausser wenn es hinterrücks geschehen kann.
In Fällen der letzteren Art mögen die Gründe für die Mordtaten der Eingeborenen bisweilen darin gelegen haben, dass der Weisse unbewusst Eingeborenen-bräuche verletzt hatte, oder aber mit dem Tode eines Kanakers derart verknüpft war, dass nach Eingebore-nenbegriffen die Sippe des Verstorbenen Blutrache an ihm zu nehmen hatte. Der Tod eines Menschen erfor-dert Sühnung durch den Tod des Veranlassers, ohne dass dabei ein Verschulden des letzteren nach euro-päischen Begriffen vorzuliegen braucht. Es genügt ein Zusammenhang, der dem Kanaker den Tod seines Verwandten als durch einen anderen herbeigeführt erscheinen lässt. Die Kämpfe der Eingeborenen unter-einander bieten Beispiele genug für diese Auffassung. Bei Ermordungen von Europäern lassen sich derartige etwaige Gründe im allgemeinen nicht oder nicht mit Sicherheit feststellen, da auch im Falle des Überlebens farbiger Arbeiter von diesen gewöhnlich keine ausrei-chenden Angaben über die Beziehungen der Ermorde-ten zu den Eingeborenen zu erhalten sind. Doch ist z. B. auf den oben erwähnten Kapitän Wawn aus solcher Veranlassung ein Überfall erfolgt. Wawn war nach sei-nen Angaben 1883 mit den Eingeborenen in Nodup auf der Gazellehalbinsel in freundlichen Verkehr getreten und hatte einen Mann von dort als Führer mit nach der kleinen Insel Watom genommen. Der Nodupmann wur-de ohne Verschulden des Weissen von den Watomleu-ten ermordet. Nach Wawns Rückkehr nach Nodup ver-hielten sich die Eingeborenen zunächst anscheinend friedlich, machten dann aber einen plötzlichen Überfall auf ihn und seinen weissen Begleiter und verwundeten beide schwer, so dass sie nur mit Mühe im Boot zum Schiff fliehen konnten.
Aller Wahrscheinlichkeit nach haben diese Anschauun-gen der Eingeborenen über Blutrache auch den Tod des Forschungsreisenden Ehlers herbeigeführt, der be-kanntlich im Jahre 1895 bei dem Versuch der Durch-querung Neu-Guineas von einem seiner Begleiter, dem Buka (Salomonsinsulaner) Ranga ermordet wurde. Auf der ungenügend vorbereiteten Expedition waren eine Reihe von Bukas aus der Heimat des Ranga, der die-selben zur Teilnahme an der Expedition veranlasst hatte, an Entkräftung und Krankheiten gestorben. Ranga war als Veranlasser des Todes dieser Eingeborenen bei Rückkehr in seine Heimat der Blutrache ihrer Ver-wandten verfallen. Er nahm seinerseits deshalb Rache an dem Weissen. So lauteten nach der Darstellung eines dem Ranga nahestehenden Eingeborenenweibes die ei-genen Angaben des Mörders über die Motive seiner Tat.
In manchen Fällen mag feindseliges Verhalten von Eingeborenen gegen Weisse auch auf frühere Konflikte mit solchen insbesondere auch auf die in der Zeit vor Errichtung der deutschen Schutzherrschaft nicht selten vorgekommene gewaltsame Wegführung von Eingebo-renen als Arbeiter (Kidnapping) zurückzuführen sein.
Doch auch nach Berücksichtigung dieser Möglichkeiten bleiben eine ganze Anzahl von Ermordungen übrig, in welchen zweifellos keine anderen Motive als Habsucht und Mordlust der Eingeborenen vorlagen. Der Besitz sol-cher Gegenstände, deren Erlangung den Kanakern er-wünscht ist, ganz besonders aber von Gewehren, ver-bunden mit Unvorsichtigkeit des Europäers, die den Angriff auf ihn als gefahrlos erscheinen liess, hat in vielen Fällen den Tod des letzteren herbeigeführt. Ich habe im ganzen den Eindruck gewonnen, dass abge-sehen von den der beständigen Kontrolle der Verwal-tung unterworfenen und den von den Missionen be-einflussten Eingeborenen, die Kanaker des Bismarck-Archipels den Weissen, wie überhaupt jeden Fremden, nicht zum eigenen Stamme Gehörigen, stets zu ermor-den suchen, wenn sie davon Vorteile für sich erwarten und glauben, es ohne eigene Gefahr tun zu können. Im Verkehr mit den Eingeborenen ausserhalb der gesicher-ten Gebiete ist die äusserste Vorsicht geboten, selbst den eigenen Arbeitern oder Polizeijungen gegenüber, sofern man sich in oder nahe der Heimat derselben be-findet, so dass die Möglichkeit der Unterstützung durch ihre Stammesgenossen und der eventuellen straflosen Entweichung nach vollbrachter Tat gegeben ist.«
Heinrich Schnee: »Im März 1900 wurden wir durch ein äusserst trauriges Ereignis in Aufregung versetzt. Eines Abends fand bei dem Gouverneur von Bennigsen ein Diner statt, zu welchem der Kommandant und einige Offiziere SMS Möwe, sowie einige Ansiedler mit ihren Frauen eingeladen waren. Das Diner verlief sehr ange-regt, nach dem Essen zog sich ein Teil der Gesellschaft auf die breite Veranda zurück, während in dem langen Esszimmer an zwei Tischen Skatpartien veranstaltet wurden. Ich sass mit an dem einen Skattisch, als wir plötzlich durch einen Schuss von der anderen Seite des Zimmers, an welcher der zweite Skattisch stand, auf-geschreckt wurden. Wir standen auf und näherten uns dem anderen Tisch, über welchem eine kleine Rauch-wolke schwebte. Drei der am zweiten Tisch sitzenden Herren waren gleichfalls aufgesprungen, während der vierte, der Zahlmeister Below von SMS Möwe an-scheinend ruhig sitzen blieb. Der eine von den drei Herren fühlte sich leicht am linken Arm verletzt und äusserte einige Worte des Ärgers über die schwarzen Jungen, in dem Glauben, unvorsichtig abgebranntes Feuerwerk sei die Ursache seiner Verletzung. Der Zahlmeister Below neigte sich inzwischen langsam vornüber und wurde von den beiden neben ihm stehenden Herren aufgefangen. Auf Fragen, ob er verletzt sei, gab er keine Antwort. Als er dann rückwärts auf den Boden gelegt wurde, quoll ein breiter Blutstrom aus seiner Brust hervor. Nach kurzer Zeit, und ohne dass der Verwundete nochmals die Besinnung erlangt hätte, trat der Tod ein. Wie später die Untersuchung ergab, hatte eine aus einem Gewehr aus unmittelbarer Nähe abgeschossene Kugel das Herz durchbohrt.
Wir alle standen von jähem Entsetzen gelähmt. Ganz plötzlich und unerwartet, ohne das geringste Vorzei-chen, war der bleiche Tod in unsere Mitte getreten. Einer unserer Gefährten, mit dem wir noch eben in fröhlicher Unterhaltung beisammen gesessen hatten, war plötzlich durch das Blei eines Mörders aus dem Hinterhalt dahingerafft worden. Jeden Augenblick mussten wir erwarten, dass dem ersten mörderischen Geschoss noch weitere folgen und noch mehr Opfer aus unserer Mitte erfordern würden.
Während die beiden anwesenden Ärzte um den Ster-benden beschäftigt waren, stellten wir durch Befragen der farbigen Diener fest, dass einer von den einge-borenen Dienern des Gouverneurs, ein Buka von Bou-gainville (Salomonsinseln) Namens Barossa, den töt-lichen Schuss abgegeben hatte und dann weggelaufen war. Gleichzeitig wurden die wenigen vorhandenen Waffen in Bereitschaft gesetzt und versucht, für die anwesenden Damen einen sicheren Platz ausfindig zu machen, ein schwieriges Unternehmen in einem auf allen Seiten mit einem Überfluss von Fenstern und Türen versehenen einstöckigen Tropenhaus. Ferner wurde einer der farbigen Diener nach der etwa zehn Minuten entfernt am Strande liegenden Polizeistation geschickt, um einen Teil der Polizeitruppe heraufzu-holen. Die Jungen sträubten sich anfangs hinunterzu-gehen aus Angst, von dem Mörder abgefangen und niedergeschossen zu werden, schliesslich aber entle-digte sich mein Neumecklenburgerjunge Bilas seiner ihn weithin sichtbar machenden weissen Kleidung und schlüpfte wie ein dunkler Schatten unter Vermeidung des Weges den steilen Abhang hinunter.
Während wir in dumpfem Schweigen harrten, jeden Augenblick gewärtig, dass der Mörder aus dem Dunkel der das Haus rings umgebenden Pflanzung ein weiteres Geschoss in unsere Mitte senden würde, ertönte plötz-lich ein Schuss auf der Rückseite des Hauses. Als wir hinausgingen, sahen wir auf dem Platz zwischen dem Wohnhaus und den Nebengebäuden den gänzlich un-bekleideten Barossa sich im Todeskampfe winden. Ein durch den grausigen Vorfall nervös gewordenes Mit-glied unserer Gesellschaft verursachte zwar einen Mo-ment neue Aufregung durch den Ruf, es erfolge ein allgemeiner Angriff von Kanakern, dem auch Barossa zum Opfer gefallen sei, doch bald wurde ausser Zweifel gestellt, dass der Bukajunge den ersten mörderischen Schuss abgegeben und nun sich selbst erschossen hatte, so dass damit das blutige Drama seinen Abschluss er-reicht hatte.
Der Mörder, ein schöner, ebenmässig gebauter Buka von fast tintenschwarzer Hautfarbe, war früher Polizeisoldat gewesen und war bei verschiedenen Gelegenheiten, besonders bei dem oben erzählten Kampf mit den Napaparleuten auf der Gazellehalbinsel, durch seine Wildheit aufgefallen. An dem betreffenden Abend hatte er anfangs noch bei Tisch mit bedient, bekam aber dann einen Fieberanfall und wurde deshalb vom Gouverneur von Bennigsen zu Bett geschickt. Wie die spätere ge-nauere Untersuchung ergab, war er in seinen, in einem Nebengebäude befindlichen Schlafraum gegangen. Von dort sah er, wie sein Weib, eine Eingeborene von Neumecklenburg, sich in die hinter dem Haus gelegene Kokosnusspflanzung begab. Wahrscheinlich hatte sie dort ein Stelldichein mit einem anderen Bukajungen verabredet. Barossa schlich dem Weibe mit einer Büchsflinte des Gouverneurs, deren Büchsenlauf er mit einer gestohlenen Militärpatrone etwas kleineren Kali-bers geladen hatte, nach und erreichte sie in der Pflan-zung. Nach einigen Worten schlug Barossa sein Weib mit dem Kolben nieder, so dass es ohnmächtig zu Boden fiel. Ein anderer Bukajunge, der mutmassliche Lieb-haber des Weibes, war Zeuge dieser Szene, wagte aber aus Angst nicht, sich zu regen. Barossa lief nun, dass Gewehr schussbereit in den Händen haltend, auf das Haus zu, in dem wir sassen. Die draussen stehenden farbigen Diener stoben bei seinem Nahen auseinander. Barossa sprang auf die schmale, nur etwa einen halben Meter hohe Veranda und schoss durch die offene Tür in das Zimmer hinein, in welchem wir sassen. Das Ge-schoss durchbohrte den Oberkörper des unmittelbar vor der Tür mit dem Rücken nach dieser sitzenden Zahlmeisters Below, streifte den ihm gegenübersitzen-den Pflanzer Kolbe, der sich in dem Augenblick gerade etwas zur Seite geneigt hatte, am linken Arm und fand sein Ende im Anprall an einen metallenen Lampen-halter am anderen Ende des Zimmers.
Barossa lief, nachdem er den Schuss abgefeuert hatte, wieder zu dem Platz in der Pflanzung zurück, wo sein Weib lag, dass eben wieder zum Bewusstsein zurückzu-kommen begann. Der Bukajunge sagte ihr nun, wie sie später angab: »Sein Leib sei heiss, er wolle kämpfen, wie er das in seiner Heimat gewohnt gewesen sei. Er habe eben einen Weissen erschossen, wen, wisse er nicht; er müsse nun gleichfalls sterben, vorher wolle er aber sie, sein Weib töten«. Die Frau war inzwischen ganz zum Bewusstsein gekommen und ergriff nun schleunigst die Flucht in der Richtung auf das Haus des Gouverneurs zu, von Barossa verfolgt. Es gelang ihr, vor ihrem Ver-folger anzukommen und um das Haus herum nach der Vorderfront zu laufen. Barossa blieb nun zwischen Wohnhaus und Nebengebäuden stehen, setzte das Ge-wehr auf seine Brust und drückte ab. Die Kugel drang von der linken Brust aus schräg nach unten durch seinen Körper. Nach wenigen Minuten trat der Tod ein.
Am nächsten Morgen fand unter Beteiligung der Offi-ziere und Mannschaften des Kriegsschiffs, sowie sämt-licher Weisser von Herbertshöhe und Umgegend die feierliche Beisetzung des im blühendsten Mannesalter auf so grausame Weise aus dem Leben gerissenen, allgemein beliebten Zahlmeisters statt. Ein Kreuz unter Palmen bezeichnet die Stelle, an der der Hingemordete fern von der Heimat die letzte Ruhe gefunden hat.
Die alsbald eingeleiteten Vernehmungen der Polizei-jungen und farbigen Arbeiter ergaben, dass Barossa schon wiederholt Anfälle gehabt hatte, in welchen er andere Farbige hatte töten wollen. Da es seinen Ge-fährten jedesmal gelungen war, ihn festzumachen, ehe er Schaden anrichten konnte und er, wenn der Anfall vorüber war, immer ruhig und vernünftig gewesen war, hatten sie keine Anzeige darüber erstattet. Als Beru-higungsmittel bei solchen Anfällen hatten dem Barossa seine Hausgenossen Korallenkalk über den Kopf und in den Mund geschüttet, worauf angeblich der Rasende sich beruhigte.
Nach Angabe von Bukajungen kommt der Fall in ihrer Heimat nicht selten vor, dass ein Mann plötzlich gestört ist, einen Speer ergreift und einen jeden ihm Begeg-nenden niederstösst, bis er selbst erschlagen wird. Diese Raserei soll meist nach einem Fieberanfall eintreten und überwiegend leicht erregbare Leute befallen. Die Bukas nennen diesen Zustand »popóluan«. Sie glauben, dass in den Betreffenden ein böser Geist hineinfährt.
…
Die Europäer, die durch langjährigen Verkehr mit den farbigen Arbeitern vertraut geworden sind, beurteilen bisweilen solche Vorfälle mit einer erstaunlichen Kalt-blütigkeit. Ein Herr in der Neulauenburggruppe hatte auf seiner Station einen sonst guten und brauchbaren Neumecklenburger, der aber alle paar Monate einmal einen Anfall bekam und auf seine Umgebung mit einem Beil oder sonst einer Waffe, die er bei der Hand hatte, losging. Trotzdem der Weisse selbst einmal im eiligsten Tempo vor dem ihn mit geschwungenem Beil verfol-genden Eingeborenen hatte flüchten müssen, als der Anfall gelegentlich in einem unerwarteten Moment eintrat, behielt er den gefährlichen Mann doch als Arbeiter auf seiner Station bei.
Vereinzelt kommt es auch vor, dass Eingeborene sich künstlich in einen Zustand von Raserei versetzen, indem sie aufregende Mittel zu sich nehmen. Ein Neumeck-lenburger Arbeiter der Pflanzung Rabaul bei Matupi, der eines Tages seine Gefährten mit einem Messer anfiel, sollte nach Angaben der letzteren einen Stoff »tua«, der als Fischgift benutzt wird, zu sich genommen haben. Näheres über dieses Mittel ist mir nicht bekannt gewor-den.«
Heinrich Schnee: »Im April 1900 war ein mit 13 Ein-geborenen von der Südküste Neupommerns besetztes Kanu bei Kabanga an der Ostküste der Gazellehalbinsel gestrandet. Die Südküstenleute gingen an Land und setzten am Ufer ihren Weg nach Süden zu fort. Als die Dunkelheit anbrach, machten sie Halt und zündeten ein Feuer an, wodurch die Aufmerksamkeit der umwohnen-den Kanaker erregt wurde. Nachdem letztere, ohne sich selbst sehen zu lassen, vorsichtig die Anwesenheit der fremden Eingeborenen festgestellt hatten, hielten sie eine Beratung ab und beschlossen, sich diese Gelegen-heit, Menschenfleisch zu bekommen, nicht entgehen zu lassen. Nachdem gehöriger Zuzug von den umliegenden Ortschaften herbeigekommen war, wurde der Lager-platz der Südküstenleute umstellt, dann fielen plötzlich die Kannibalen mit Speeren und Keulen über die nichts ahnenden Opfer her. Mit Ausnahme von zweien, denen es gelang, in den Busch zu entkommen, wurden sämt-liche Südküstenleute erschlagen. Die Leichen wurden zum Teil von den Bewohnern der Küstendörfer gefres-sen, zum Teil aber an andere Dörfer weiter im Inland verkauft. Es wurden dabei für den Leichnam zwischen drei und fünf Faden Tabu gezahlt, ein Preis, welcher in dieser Gegend für ein ausgewachsenes Schwein gezahlt wird. Zum Transport wurden die Leichen an Stangen gebunden, wie dies bei Schweinen üblich ist. Auch die Zubereitung erfolgte in der bei Schweinen angewandten Weise. Der Körper wurde in Stücke geschnitten, die einzelnen Stücke wurden in Blätter eingewickelt und dann auf heissen Steinen geröstet.
Den beiden entkommenen Südküstenleuten gelang es, am folgenden Tage Herbertshöhe zu erreichen. Die An-gaben der beiden Eingeborenen, welche noch vor Angst zitterten und durch den Dolmetscher kaum zum Spre-chen gebracht werden konnten, wurden durch Mittei-lungen von ortskundigen Eingeborenen der Gazelle-halbinsel ergänzt, da die Kunde von dem gelungenen Überfall und grossen Menschenfrass schnell zu den benachbarten Stämmen durchgedrungen war. Es gelang ohne Schwierigkeit, mit den Örtlichkeiten vertraute Führer zu erhalten, so dass ich noch an demselben Nachmittag in Begleitung des Sekretärs Warnecke und des weissen Polizeiunteroffiziers mit der Polizeitruppe zu einer Strafexpedition aufbrechen konnte. In dem Buschdorf Tawui wurde übernachtet; am anderen Mor-gen gingen wir dann auf beschwerlichem Pfade durch den dichten Busch gegen das nächste, im Innern be-legene Dorf Menebonbon vor, dessen Bewohner an dem Überfall in Kabanga mit beteiligt gewesen waren. Es ge-lang, überraschend an die Niederlassungen heranzu-kommen, die Kanaker ergriffen nach geringem Wider-stand die Flucht. Mehrere Eingeborene wurden bei dem Vorgehen getötet, andere gefangen genommen. Auf un-serer Seite wurde nur ein Polizeijunge durch einen Speerwurf verwundet.
Dann ging es weiter zu den Küstendörfern Rakaru und Kabanga, deren Bewohner aber schon durch das Schies-sen aufmerksam geworden waren und vor unserer An-kunft die Flucht ergriffen hatten. In Rakaru wurden an einzelnen Stellen erloschene Feuer mit noch heissen Steinen gefunden, wie sie auf der Gazellehalbinsel all-gemein zum Rösten von Fleisch von den Eingeborenen verwandt werden. Auf einer der Feuerstellen lagen in Blätter eingewickelte Gegenstände. Von den Polizeijun-gen wurde ich bedeutet, dass dies »Wirua«, Menschen-fleisch, sei. Ich liess eins der Blätterpäckchen öffnen, worauf ein Stück geröstetes Fleisch, etwa von dem Um-fange einer ausgestreckten Mannshand, zum Vorschein kam. Das Fleisch sah ziemlich hellfarbig aus, etwa wie Kalbfleisch, und konnte auch im Geruch mit gebra-tenem Kalbfleisch verglichen werden. Bei Öffnen des Bündels fiel das Fleisch auseinander und es trat nun ein menschliches Schulterblatt zu Tage, ein Anblick, der bei uns Weissen ein lebhaftes Gefühl des Ekels erregte. Unsere Polizeijungen blickten auf die Wirua (es ist dies in der Sprache der Küsteneingeborenen auf der Gazelle-halbinsel sowohl die Bezeichnung für »Menschen-fleisch«, wie für »gewaltsam getötet werden« und »Leiche eines Erschlagenen«) als auf etwas ihnen durch-aus gewohntes. Auf Befragen gaben die aus Nordneu-mecklenburg und den Salomonsinseln stammenden Polizeijungen an, dass in ihrer Heimat Menschenfleisch genau auf die gleiche Art zubereitet werde.
Die Angelegenheit fand, wie beiläufig bemerkt werden mag, später dadurch ihren Abschluss, dass den am Überfall beteiligten gewesenen Dörfern die Zahlung grösserer Muschelgeldbeträge und die Anlage eines breiten Weges auferlegt wurde, welche Forderungen sie auch erfüllten.«
Heinrich Schnee: »Infolge unserer Verspätung [Schnee mit dem Südseereisenden Dr. Alexander Pflüger durch schweren Sturm bei der Rückfahrt mit Missionsdampfer Gabriel von der Insel Neumecklenburg nach Herberts-höhe] versäumten wir leider das Abschiedsfest für den grossen Forscher Geheimrat Koch, der nach Beendi-gung seiner Malariaforschungen im Schutzgebiet mit dem Reichspostdampfer München die Heimreise nach Deutschland antrat. Geheimrat Koch hatte auf seiner Malariaexpedition nach längerem Aufenthalt in Kaiser-Wilhelmsland auch einige Monate im Bismarck-Archi-pel geweilt und sowohl auf der Gazellehalbinsel, wie auf Neumecklenburg und den anliegenden Inseln Untersu-chungen angestellt. Um letzteres zu ermöglichen, hatte der berühmte Forscher sich nicht gescheut, in Gemein-schaft mit dem Kaiserlichen Gouverneur von Bennigsen eine wochenlange Fahrt auf einem mangelhaften, jeden Komforts baren und obendrein noch durch sein Schlin-gern berüchtigten Südseekahn zu machen. Auf die welt-bekannten Ergebnisse der Malariaexpedition einzuge-hen, liegt ausserhalb des Rahmens dieses Buches [Heinrich Schnee, Bilder aus der Südsee, Berlin 1904] Für uns, die wir fern von der Heimat und Zivilisation im Archipel wohnten, bedeutete der Besuch des grossen Gelehrten eine mächtige, geistige Anregung und eine bleibende Erinnerung für das Leben.
Im folgenden Monat, September 1900, hatte ich mich zum Verlassen des Schutzgebietes zu rüsten, da ich in-zwischen meine Versetzung als Referent und Bezirks-rich-ter beim Gouvernement von Samoa erhalten hatte. [Dazu schreibt Dr. Pflüger: »Freilich wollen wir nicht den unglaublichen Mißgriff der Regierung [in Berlin] ver-schweigen, die unlängst den Dr. Schnee, nachdem er sich trefflich in die Verhältnisse eingearbeitet, die Ge-wohnheiten und Sprachen der Eingeborenen studiert und das Vertrauen und den Respekt der Leute gewon-nen hatte, schleunigst — nach Samoa versetzte, nur damit sein Nachfolger wieder von vorne anfangen kann. Man hofft im Archipel allgemein, daß sehr trifftige Gründe diesen unnötigen Personenwechsel veranlaßt haben. Nicht etwa Gründe der Art, wie sie eine gewisse Behörde veranlaßten, einem Kriegsschiff auf die Bitte um die Gestellung von frischem Maschinenöl nach Dar-es-Salaam [Ostafrika] zu antworten: das sei nicht nötig, da ja ein großes Quantum davon in Swakopmund liege [Westafrika] und man nur mal eben dahin zu fahren brauche. Swakopmund liegt aber auf der anderen Seite von Afrika.«]
Kurz vor meiner Abreise ereignete sich in Herbertshöhe das heftigste Erdbeben, welches, soweit die Kenntnis der Weissen reichte, bis dahin auf der Gazellehalbinsel stattgefunden hat. Kleinere Erdbeben sind in Herberts-höhe sehr häufig, selbst so starke Stösse, dass Lampen und Gläser umgeworfen wurden, kamen wiederholt vor. Am 11. September 1900 sass ich morgens beim Früh-stück, als ich durch ungewöhnlich starke, langanhal-tende Stösse aufgeschreckt wurde. Ich begab mich aus meinem, auf einem Hügel belegenen einstöckigem Hause ins Freie. Die Bewegung der Erde wurde so heftig, dass ich Mühe hatte, mich aufrecht zu erhalten. Das auf Zementpfeilern stehende Holzhaus wurde so stark er-schüttert, dass ich jeden Augenblick erwartete, es würde zusammenfallen. Die im Wohnzimmer befindliche Hän-gelampe wurde in gewaltigem Bogen hin- und herge-schleudert, so dass sie beinahe die Decke berührte. Doch nach etwa einer Minute hörten die Erdbeben auf, ohne dass das Haus beschädigt war. Als ich in letzteres wieder hineinging, fand ich meine Teetasse zwar unversehrt auf dem Tische stehen, doch war der Tee durch das heftige Erdbeben bis auf einen kleinen Rest hinausgeschleudert worden.
Als ich nach Beendigung meines Frühstücks an den etwa zehn Minuten entfernten Strand hinunterging, sah ich ein Hin- und Rückfluten des Meeres am Strande, die letzten Ausläufer einer durch das Erdbeben verursach-ten Flutwelle. Nach den Schilderungen der Augenzeu-gen war das Meer 50 bis 60 m weit zurückgetreten, hatte sich dann als langgestreckte Welle auf das Ufer zu ge-stürzt, und war darauf wieder zurückgewichen, um als kleinere Welle auf das Ufer zurück zu kommen. Das Hin-und Herfluten dauerte noch eine ganze Weile, bis schliesslich das Meer wieder in derselben spiegelglatten Fläche erglänzte, wie vor dem Erdbeben. Irgend welchen Schaden hatte die Flutwelle in Herbertshöhe nicht ange-richtet, das hohe Ufer war nirgends überflutet worden. Kleinere Erdbeben fanden noch den ganzen Tag statt. Die einstöckigen Holzhäuschen hatten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auch den heftigen Stössen gut widerstanden. Eine Missionsstation am Varzin war zu-sammengefallen, im übrigen bestand der angerichtete Schaden in der Hauptsache nur in der Zerstörung von Gläsern und sonstigen zerbrechlichen Gegenständen. An einzelnen Stellen war der breite, um die Blanche-bucht herumführende Weg durch Erdrutsche verschüt-tet worden.
Flutwellen sind im Archipel öfter vorgekommen. Am 13. März 1888 richtete eine durch vulkanische Vorgänge auf der kleinen, Neu-Guinea vorgelagerten Vulkaninsel hervorgerufene Flutwelle an der Westküste von Neu-pommern verheerende Wirkungen an. Die Beamten der Neu-Guinea-Kompagnie von Below und Hunstein, wel-che auf einer Expedition begriffen, an der Westküste Neupommerns gelandet waren, wurden von der Flut-welle überrascht und fanden mit einer Anzahl ihrer farbigen Begleiter dabei den Tod.
Im Jahre 1899 trat an der Ostküste von Neumecklenburg eine Flutwelle auf, welche einige am Strande stehende Koprahäuser von Händlerstationen wegriss, im übrigen aber keinen Schaden anrichtete, wenigstens nicht im Bereich der wenigen, zerstreut lebenden weissen Händ-ler. Einer der letzteren, den ich wenige Wochen, nach-dem ihm die Flutwelle sein Koprahaus weggerissen hatte, besuchte, gab mir, noch ganz unter dem Eindruck des überraschenden Naturereignisses stehend, eine ge-naue Schilderung davon. Er habe auf der Veranda seines Hauses gestanden — dasselbe war auf dem ansteigen-den Strand in etwa 3 m Höhe über dem Meeresspiegel und gegen 30 m vom Meeresufer entfernt auf 1½ m hohen Holzpfählen erbaut — als er plötzlich auf der spiegelglatten Meeresfläche von ferne eine hohe Welle mit rasender Geschwindigkeit habe auf sich heranrollen sehen, ohne indes das geringste Geräusch zu hören. Ehe er, vor Schrecken gelähmt, auch nur einen Entschluss habe fassen können, sei die Welle auch schon heran-gekommen, habe den Strand überflutet und sei unter seinem Hause hinweggerollt, mit ihrem Kamm nahezu die untersten, auf den Pfosten ruhenden Querbalken berührend. Glücklicherweise hielten die Pfosten den Anprall aus, nur das seitwärts am Strande befindliche, nicht auf Pfählen stehende Koprahaus wurde von der Welle weggerafft.
Ich selbst habe, abgesehen von der oben erwähnten Erdbebenwelle in Herbertshöhe, einmal eine Welle gesehen, welche wahrscheinlich eine Flutwelle war. Gelegentlich einer Fahrt um Neumecklenburg befanden wir uns mit dem Motorschuner Mascotte in dem schmalen Albatrosskanal zwischen Neumecklenburg und der Baudissininsel. Die See war nur ganz wenig bewegt. Ich stand neben dem Führer des Schiffes, Kapitän Macco, auf der Kommandobrücke, als wir plötzlich eine mächtige runde Welle, etwa wie eine hohe Dünungswelle ohne Brecher aussehend, auf das Schiff zurollen sahen. Die Welle überragte dem An-schein nach um ein geringes die Höhe des Schiffsbugs. Der Kapitän gab einen Laut der Überraschung von sich und schien ein Kommando abgeben zu wollen, doch ehe dies möglich war, war die Welle auch schon heran, das Schiff wurde vorn emporgehoben, machte dann eine elegante Neigung und war über die Welle hinwegge-glitten, ehe wir auch nur Zeit hatten, unser Erstaunen über die ungewöhnliche Erscheinung zu äussern. Weitere Wellen ähnlicher Art folgten nicht. Da die See im übrigen ziemlich ruhig war, so dürfte es sich um eine durch Erdbeben oder eine unterseeische Eruption ver-ursachte Flutwelle gehandelt haben.«
Auf der Gazelle-Halbinsel, dem östlichen Teil der gro-ßen Insel Neupommern – ein Zentrum der deutschen Wirtschaft in der Kolonie Neuguinea – leben an der Küste eingewanderte Melanesier, die Tolai, und im Landesinneren die papuanische Urbevölkerung der Baininger. Die Melanesier unternehmen Beutezüge ins bergige Innere der Gazelle-Halbinsel, um sich bei den Bainingern mit Sklaven und Menschenfleisch zu ver-sorgen. Die Opfer müssen zunächst Feldarbeit leisten. Bei den zahlreichen Festen der Tolai werden sie dann geschlachtet und anschließend neue Menschen im In-land geraubt. Wenn man bei den Missionaren hört, daß wieder ein Zug mit gefangenen Baininger-Leuten unter-wegs ist, versucht man zumindest die gefangenen Kin-der zu retten und freizukaufen. Diese gelten wie Span-ferkel als zarte Leckerbissen.
Als die Tolai von der kleinen Insel Massawa wieder Baininger auf ihre Insel verschleppt haben, schickt die Missionsstation Wunamarita am Weberhafen, ganz im Westen der Gazelle-Halbinsel, ein Boot, um die Kinder freizukaufen. Die Missionare der Herz-Jesu-Mission aus Hiltrup in Westfalen können nur ein etwa vierjähriges Kind kaufen. Die Massawa-Insulaner bedauern, daß die Missionare nicht früher gekommen seien. Vor einem Monat hätten sie noch viele Kinder zu verkaufen gehabt. Da sie aber wegen der häufigen Stürme nicht fischen konnten, hätten sie die Kleinen aufgegessen. Für das nächste Mal wollen sie aber einige aufbewahren, ver-sichern sie den Missionaren.
Gouverneur Albert Hahl will der Sache ein Ende ma-chen und fordert die Massawa-Insulaner auf, ihre Skla-ven freizulassen. Als diese nicht nachgeben und gar mit Gewalt drohen läßt Hahl die Baininger-Sklaven befreien und nimmt den Insulanern ein beträchtliches Stück Land weg. Für die befreiten Sklaven baut die Herz-Jesu-Mission mitten im Urwald die Missionsstation und das Dorf Sankt Paul. Zwei der befreiten Sklaven führen nun aber eine Gruppe an, die am 13. August 1904 die Missi-onsstation angreifen und zehn Patres und Schwestern ermorden, einschließlich einer unbekannten Zahl von christlichen Bainingern. Zur Strafe werden mit Tolai-Polizisten Feldzüge gegen die Baininger geführt und erst nach Monaten kehrt wieder Ruhe in der Gegend ein.
Die Missionsstation Sankt Paul wird noch 1904 wieder-eröffnet und Gouverneur Hahl nimmt nun auch den Bainingern Land weg und siedelt dort im Urwald mit bis zu 80 m hohen Baumriesen im Hochland auf 600 m Höhe deutsche Bauernfamilien an. Im Schutze einer Polizeistation roden die Deutschen den Urwald und bauen bei guten klimatischen Bedingungen in der Höhenlage eine Siedlung auf. 1908 wird auch die Straße von der Siedlung zur Küste fertiggestellt.
Zu den Witu-Inseln gehört auch die fruchtbare, bergige und zum Teil wild zerklüftete Vulkaninsel Witu, die größte Insel der Gruppe. In der Mitte der Insel liegt der riesige Krater Johann Albrecht-Hafen mit einem Durch-messer von fünf Kilometern. Johann Albrecht-Hafen ist aber kein Hafen, weil der tiefe Krater kein ankern zuläßt und durch die mehrere hundert Meter hohen steilen Kraterwände kein Bau einer Landungsbrücke möglich ist. Benannt ist der Kratersee nach dem kleinen deut-schen Dampfer Johann Albrecht, der 1898 als erstes Schiff in das ungewöhnliche Gewässer eingefahren ist. Die Johann Albrecht ist wiederum benannt nach Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, der seit 1895 Präsi-dent der Deutschen Kolonialgesellschaft ist.
Als die Yacht Delphin, ein Schiff der Kolonialverwaltung von Deutsch Neuguinea, einmal in den Krater einfährt empfinden die Teilnehmer der Fahrt den Kratersee als unheimlich und die Stille bedrückend. Alle sind froh als sie wieder auf dem freien blauen Ozean sind.
Anders erleben Passagiere des Reichspostdampfers Ma-nila bei einem Landgang den Krater. Haben die Wande-rer eine für Besucher als Ausblick vom Buschwerk frei-geschlagene Stelle am Rand des Kraters erreicht schau-en sie in eine azurblaue Flut tief unten inmitten des grünen Kessels in seiner überwältigenden Größe. In der lautlosen Stille des Naturschauspiel dämpfen auch die Besucher ihre Stimmen.
Im November 1903 kommt es zu einem Überfall eines Witu-Dorfes auf die Weißen und ihre chinesischen und schwarzen Arbeiter. Die alteingesessenen Händler Han-sen und Rauer können fliehen, während Döll und Rein-hard am Strand gespeert werden. Einige Chinesen und Schwarze werden ebenfalls ermordet. Rauer kann sich mit einer schweren Speerwunde im Arm mit seiner ein-heimischen Frau Maluke in einem Kanu auf die offene See retten und erreicht schließlich in entbehrungs-reicher und riskanter zehntägiger Fahrt mit dem Kanu das 350 km entfernte Herbertshöhe, um Hilfe zu holen. Das Gouvernement schickt sofort eine Strafexpedition mit dem Regierungsdampfer Seestern. Die beiden toten Deutschen werden unter einem Gedenkstein am Strand beerdigt, während die eigentliche Arbeit der Strafexpe-dition bereits weitgehend auf landesübliche Art erledigt worden ist. Die Täter waren noch vor Eintreffen der Strafexpedition auf die Halbinsel Villaumez vom Kaiser Wilhelmsland auf Neuguinea geflohen und sind dort fast alle von ihren Landsleuten verspeist worden. Nur wenige entkamen, darunter die beiden Rädelsführer Gegilo und Baleki. Beide werden später gefaßt und öffentlich gehenkt.
Peter Hansen, ein Berliner, kann sich bei dem Überfall im November 1903 mit Hilfe einer schwarzen Mary, wie die Deutschen ihre einheimischen Freundinnen nen-nen, retten und harrt Wochen aus, bis die Seestern ihn abholt. Hansen bleibt aber schließlich als Plantagenver-walter der Neuguinea-Kompagnie auf Witu, wo er meh-rere einheimische Frauen besitzt. Er hat sie teils gekauft, teils von Dörfern für seine tatkräftige Unterstützung bei kriegerischen Auseinandersetzung mit anderen Dörfern geschenkt bekommen.
Einmal hatte er die Balangori-Leute bei einem Kriegszug gegen die Lama-Leute unterstützt. Dabei gelang es ihm, einen weithin bekannten Speerwerfer der Lama zu tö-ten. Als der Kampf vorüber war, schnitt er dem toten Krieger nach alter Tradition den Wurfarm ab und gab ihn den Balangori-Leuten, sodaß sie ihn braten und seine Wurfkraft in sich aufnehmen konnten.
Schon am nächsten Tag nach dem Kampf war wieder tiefster Frieden zwischen beiden Dörfern eingekehrt und Hansen bekam von den Lama-Leuten als Freund-schafts- und Friedensgeschenk Maluke, die Witwe des tags zuvor von ihm getöteten Speerwerfers. Er gab Malu-ke an den Händler Rauer weiter, der sie zur Frau nahm.
Verheiratet ist Hansen mit einer Polynesierin. 1908 hat er einen Frauenbestand aus insgesamt neun Damen mit einer nicht genau zu ermittelnden Kinderzahl von etwa einem Dutzend.
Nach Peter Hansen ist auch Peterhafen auf Witu be-nannt.
In einer Missionsschule gleich bei Herbertshöhe, bis 1909 die Hauptstadt von Deutsch Neuguinea, entsteht um die Jahrhundertwende eine Mischsprache, die schließlich von den Sprechern Unserdeutsch genannt wird. Unserdeutsch ist eine Sprache aus Pidgin-Englisch und Deutsch und hat ihren Anfang um das Jahr 1900 in der katholische Herz-Jesu-Mission Vunapopenahe Her-bertshöhe. Die Missionare aus Hiltrup in Westfalen füh-ren in Vunapope auch eine Schule für Mischlingskin-der europäisch-melanesischer Herkunft. Diese Kinder werden von den Missionaren aus der näheren und fer-neren Umgebung angenommen oder aufgekauft, weil sie als Halbwaisen oder Waisen aufwachsen und als Mischlinge in der Eingeborenenwelt aus der Sicht der Missionare besonders benachteiligt sind und kommen in das Waisenhaus in Vunapope.
Die Mütter der Kinder sind meist einheimische Frauen, während die Väter aus Asien oder Europa stammen, meist aus Deutschland. Die Väter sind Beamte, Händler und Abenteurer.
Die meist noch sehr jungen Kinder sprechen bei ihrer Ankunft in der Missionsstation die Einheimischen-sprache und Pidgin-Englisch und werden nun in Hoch-deutsch unterrichtet. Außerhalb des Unterrichts vermi-schen die Kinder das in der Schule gelernte Deutsch mit dem sonst verbreiteten Pidgin-Englisch, was als Schul-sprache selbst untersagt ist. So entsteht eine Mischspra-che, deren Wortschatz im Wesentlichen auf das Deut-sche, deren Grammatik aber auf Pidgin-Englisch basiert.
Weil die Kinder weder von den Weißen, noch von den Schwarzen als vollwertig und dazugehörig anerkannt werden, bleiben sie unter sich und ihre Sprache wird ein wichtiges verbindendes Merkmal für sie. Dazu sind sie meistenteils nicht nur in der Schule, sondern auch in der Freizeit zusammen und lernen landwirtschaftliche und handwerkliche Tätigkeiten in der Missionsstation, bei der sie auch auf deren Plantagen und Handwerks-betrieben arbeiten. So ist Unserdeutsch eine ausschließ-lich von den Mischlingen der Gazelle-Halbinsel gespro-chene Sprache.
1908 beginnt in Herbertshöhe, der Hauptstadt von Deutsch Neuguinea, die Zukunft des Landverkehrs, das erste Automobil trifft ein! Es ist der Wagen des Gou-verneurs Albert Hahl. Für die 30 km von Herbertshöhe in die baldige neue Hauptstadt Rabaul benötigt der Gouverneur mit seinem Motorfahrzeug nun nur noch eine Stunde. Die Schwarzen nennen das Gefährt Busch-dampfer.
1909 wird Rabaul Hauptstadt von Deutsch Neuguinea und auch der Gouverneur zieht nach Rabaul um. 1905 war noch der Umzug der Regierung nach Rabaul schon für 1907 geplant.
Am 3. November 1909 findet aus Anlaß der 25. Wieder-kehr der deutschen Flaggenhissung an der Blanche-Bucht, an der Rabaul liegt, zum Zeichen der Besitzer-greifung der Insel Neu Pommern in Anwesenheit des Kleinen Kreuzers Cormoran eine Feier statt. Am 6. November ist ein Teil der Besatzung des Kriegsschiffes bei der Grundsteinlegung für einen Turm zu Ehren von Bismarck in Toma südwestlich von Herbertshöhe zuge-gen.
Eine Freizeitbeschäftigung der Deutschen an der Blanche-Bucht sind Segelboottouren am Wochenende zu den umliegenden Inseln bis zur Insel Neulauenburg und den umliegenden kleineren Inseln bei Neulauen-burg, wie etwa Mioko, die 30-40 km entfernt liegen.
Wind und Wetter sind aber nicht immer so, wie man es sich vorher vorgestellt hat, und dann kommen die Herren statt am Sonntagabend erst am Montag zurück.
Eine Dreiergruppe kommt überhaupt nicht mehr zu-rück. Man hat sie nie wiedergesehen. Verschollen auf See oder irgendwo gestrandet und gefressen von den Einheimischen.
1911 kommt die norwegische Kohlenbark Fram vor der Südspitze des Inselchens Matupi fest und der Kapitän bittet den Kommandanten der SMS Cormoran, die im nur wenige Kilometer entfernten Rabaul liegt, um Hilfe. Der Klüverbaum des festgekommenen Segelschiffes ragt fast bis in das Wohnhaus des Leiters der Firma Hernsheim & Co. Ein Schlepper kommt, um den Segler freizuschleppen, aber natürlich für eine entsprechende Gebühr.
Der norwegische Kapitän zum Schlepperkapitän: „Nee, nee, der deutsche Kreuzer Cormoran wird mich gleich abschleppen, der macht’s umsonst. Um vier Uhr hat der Kommandant von Cormoran mir versprochen hier zu sein.“
„Ach was – Bluff – der kommt doch nicht!“ schreit der Schlepperkapitän, der natürlich sein Geschäft machen will.
„Nee, der kommt.“
Um vier kommt die Cormoran angedampft und ankert bei dem verunglückten Segler. Leutnant Witschetzky und ein paar Matrosen der Cormoran rudern zur Bark, um die Abschleppleine an Deck zu geben, doch von deren Besatzung ist keiner auf Deck. Schließlich klet-tern ein paar Matrosen auf die Fram und finden die Besatzung schwer vom Genever angeschlagen unter Deck. Doch sie schaffen es die Leine festzumachen und der vom Genever nicht mehr ganz sicher auf den Beinen stehende Kapitän des Seglers schüttelt dem Leutnant des deutschen Kriegsschiffes mit tränenden Augen dankbar die Hand.
Die Dampfventile, der Cormoran fauchen und die Hei-zer arbeiten vor den Kesseln, was sie können. Langsam kommt Bewegung in die Bark und schnell ist das Segel-schiff wieder flott.
Auch der Navigationsoffizier der Cormoran kommt an Bord des Seglers und nach einer Besichtigung sagt er zum Leutnant Witschetzky: „Ein unerhörter Leicht-sinn, ein unerhörter Leichtsinn! Die haben nur eine einzige Übersichtskarte von der ganzen Südsee und einen Atlas an Bord, sonst nichts, nicht eine einzige Spezialkarte. Auf ihrer Karte ist die ganze Bucht von Matupi so groß wie ein Fingernagel! So fahren diese Leute zur See! Und dann wundern sie sich, wenn sie den Weg nicht finden und festkommen.“