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Umsiedlungen

Mitte Februar 1911 ist der Aufstand auf Ponape nieder-geschlagen. Die Anführer der Jokojs werden erschossen. Der Stamm der Dschokadsch-Leute wird zunächst nach Jap und Angaur deportiert und schließlich ins Dorf Palau auf Babeltaob, der Hauptinsel der Palau-Gruppe, ver-bracht. Das Gebiet der Jokojs auf Dschokatsch wird mit Karolinern besiedelt. Das Lehensrecht der anderen auf Ponape lebenden Stämme wird aufgehoben und die Lehensmänner zu freien Eigentümern ihres Landes ge-macht. Ebenso werden die Naturalabgaben an die ehe-maligen Lehnsherren aufgehoben und dafür die Kopf-steuer an die deutsche Verwaltung eingeführt. Der We-gebau, der ein Hauptanlaß für den Aufstand war, und von der einheimischen Bevölkerung geleistet werden mußte, wird wieder aufgenommen. Ende 1911 werden noch einmal aufrührerische Elemente der Inselbevöl-kerung in die Verbannung geschickt.

Der Völkerkundler Karl Sapper schreibt 1913 über die Deportation der Dschokadsch-Leute und weitere Um-siedlungen auf den Pazifikinseln durch die deutsche Verwaltung:

»Es ist ja für den Europäer so außerordentlich schwer, den Eingeborenen und seine Einrichtungen ganz und gar zu verstehen, und darum ist ein Eingreifen in ihre sozialen Verhältnisse namentlich dann, wenn nicht zu-vor eine eingehende ethnologische Untersuchung der-selben stattgefunden hat, immer eine Tat, die unter Umständen trotz der besten Absichten seitens der Euro-päer doch dem Eingeborenen oder wenigstens einem Teil derselben Gewalt antun und damit den Keim der Unzufriedenheit in sein Herz setzen könnte!«

Über die Deportation der Jokojs schreibt Sapper weiter: »Aber dieselbe hatte gewisse gesundheitliche Folgen, die zeigen, wie vorsichtig man bei Transplantation von Menschen und Volksstämmen vorgehen muß. Die Karo-linier (Mortlock-Leute), die von Saipan aus nach Dscho-kadsch (Ponape) übersiedelten, schleppten dort eine in Saipan seit lange heimische Augenkrankheit ein, eben-so angeworbene Zentralkarolinier nach Nauru; die Dschokadsch-Leute ihrerseits brachten die Augen-krankheit zunächst nach Jap und dann nach Palau, wo sie sich weiter verbreitete. Wohl ist gegen die Krank-heit, namentlich dank der Untersuchungen von Dr. Le-ber und Dr. von Prowaczek, eine sichere Bekämpfungs-weise gefunden worden, so daß sie bei ärztlicher Be-handlung meist gutartig verläuft, aber der Fall an sich zeigt eben doch überzeugend, daß aus der Verpflanzung eines Volksstammes auch manche nicht gewünschte Folgen erwachsen können.

Angesichts dieser Erfahrungen an sich aber muß man einer weitausgreifenden Maßregel der Kolonialregie-rung von Deutsch-Neuguinea mit einiger Sorge entge-gensehen: es ist daß die seit Jahren ins Auge gefaßte und zum Teil schon durchgeführte Transplantation der Bevölkerung der niedrigen Inselchen Mikronesiens nach größeren hohen Inseln des Archipels. Der offizielle Bericht von 1911/12 schreibt darüber: »es war vor allem immer wieder das entsetzliche Elend und die vollkom-mene Hilflosigkeit dieser Insulaner nach den Taifunen, die von Zeit zu Zeit über die niedrigen Inseln hinweg-brausen und zusammen mit der nachfolgenden Flut-welle alles vernichten, die den Gedanken nahelegten, diese Leute an weniger gefährdete Plätze zu bringen. Die Inselbewohner hängen aber mit einer rührenden Liebe und bewundernswürdigen Zähigkeit an ihrer Heimat, und mehrere Versuche, ihnen günstige Wohnsitze zu-zuweisen, sind fehlgeschlagen. Trotzdem ist zu hoffen, daß es in vorsichtiger geduldiger Arbeit gelingen wird, die Verlegung der Wohnplätze durchzuführen. Im Be-richtsjahr ist wiederum an einigen Plätzen mit dieser Aufgabe begonnen worden. Es sind in Ponape in der Landschaft Dschokadsch Zentralkaroliner angesiedelt worden, die sich zunächst auch ganz wohl fühlen, dann sind von anderen Inseln der Zentralkarolinen Eingebo-rene nach Saipan gesandt worden. Dort sitzen seit lan-gem schon stamm- und sprachverwandte Leute, von de-nen die Neuankömmlinge sofort aufgenommen worden sind.

Die Zusammenschiebung auf den großen Inseln wird nicht nur die Taifungefahr mindern, sondern vor allem auch den Lebensmut dieser in ihrer Vereinsamung und Abgeschlossenheit verkümmernden Inselbewohner wiederherstellen; es wird eine größere Blutmischung möglich sein, als auf den kleineren verkehrslosen Atollen und auch die Verwaltung wird besser in der Lage sein, sich mit dem Schicksal dieser liebenswürdigen und intelligenten Bevölkerung zu befassen. Das Land, das durch die Versiedlung frei wird, soll zusammen mit dem jetzt brachliegenden in intensive Plantagenkultur genommen und zu diesem Zweck an kapitalkräftige Un-ternehmer verpachtet werden«.

Es ist ein sorgfältig durchdachtes Programm, das in diesen Worten zum Ausdruck gelangt, ein Programm, das durchaus von menschenfreundlichen Motiven be-herrscht wird, zugleich aber auch den Vorteil der Ver-waltung ins Auge faßt. So sehr ich all dies anerkenne, so muß ich doch meinerseits hinzufügen, daß es sich hier um ein Experiment handelt, von dessen gutem Ausgang ich mich noch nicht habe überzeugen können.«

Sapper fügt dem hinzu: »Aber werden dann nicht die Arbeiter dieser Gesellschaft, die doch wohl wieder Mi-kronesier sein werden und zwar als angeworbene junge Männer geradezu die Blüte ihrer jeweiligen Heimatsbe-völkerung darstellen, eben den Gefahren von Taifunen und mangelnder ärztlicher Hilfe überliefert werden müssen, denen man die ursprüngliche Bevölkerung entreißen will? Es ist schwer, bei solcher Sachlage einen entscheidenden Vorteil aus der Transplantation heraus-zurechnen, selbst wenn man zugibt, daß diese Arbeiter-bevölkerung nur je einen Teil des Jahres auf der betref-fenden Insel weilen müßte. Alles in allem halte ich das Projekt, wie schon erwähnt, für ein Experiment von zweifelhaftem Erfolge und sollte meinen, daß es für die Gesamtbevölkerung Mikronesiens sicherere Früchte trüge, wenn man sie auf ihren angestammten Inseln be-ließe, solange sie nicht selbst den dringenden Wunsch einer Übersiedlung zeigen …«

In einer weiteren Anmerkung hält Sapper fest: »Wenn im amtlichen Bericht von 1912/13 es als eine Aufgabe der Verwaltung angesprochen wird, eine soziale Umgestal-tung der Stämme im Inselgebiet vorzunehmen, nament-lich das Ansehen der Frau in der Familie zu heben und dergleichen mehr, so ist bei der Ausführung dieser Ideen allergrößte Vorsicht notwendig und vorherige gründliche ethnologische Untersuchung der Gebräuche unentbehrlich.«

»Unbedenklich erscheint« Sapper »dagegen die Versie-delung«, die 1912 amtlich gemeldet wird. So wurden in den Westkarolinen östlich von Jap 495 von Taifunen betroffene Bewohner der Ullulsi-Gruppe von neun auf vier Eilande konzentriert, die 616 Menschen zählende Bevölkerung der vorher sechs bewohnten Oleai-Inseln wurden auf die drei Inseln Fallalap, Natagal und Fallalis zusammengezogen und in der Ifalik-Gruppe wurden die 241 Einwohner von zwei Inseln auf der Insel Flalap zusammengeführt.

Auch die Franzosen führen auf ihren Südseeinseln gleichermaßen Umsiedlungen durch.