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Die Deutschen und ihre Verwaltung II

Als die Übernahme der spanischen Inseln im Pazifik durch Deutschland und die USA absehbar ist unter-nimmt ein Kriegsschiff der Ostasiatischen Kreuzerdi-vision eine Inspektionsfahrt in das zukünftige deutsche Kolonialgebiet. Im Sommer 1898 macht die Kreuzer-korvette Arcona eine Reise in die Inselgruppen der Marianen, Karolinen und Palau-Inseln. Man stellt fest, daß auf den Palau-Inseln keine Deutschen leben, nur auf der Hauptinsel Korror findet sich etwas: »Als Über-bleibsel der früher hier vertretenen Hamburger Firma Caesar Godeffroy lebt noch deren Agent, ein alter west-indischer Neger, hier.«

Auch auf den Marianen leben keine Deutschen. Auf den Westkarolinen in Jap finden sich drei Deutsche: »ein Hamburger Jude und dessen Angestellte, zwei frühere Matrosen«.

Auf der Hauptinsel der Ostkarolinen, auf Ponape, sind ebenfalls drei Deutsche ansässig.

Auf Ponape werden während dieses Einsatzes der Arco-na auch Einheimische bestraft, die ein Besatzungsmit-glied eines deutschen Handelsschoners ermordet hat-ten.

1902 gibt es eine erneute Inspizierung der nun deut-schen Inseln durch den Kleinen Kreuzer Cormoran. Begleitet vom kaiserlichen Bezirksamtmann für die In-selgruppen kommt man zu kaum anderen Ergebnissen als 1898.


Am 25. Juli 1899 gehen in Genua acht Passagiere an Bord des Reichspostdampfers Preußen für die Reise nach Singapur. Die acht Fahrgäste sind die deutsche Verwal-tung der nun deutsch gewordenen spanischen ostindi-schen Inselgruppen der Palauinseln, der Karolinen und der Marianen. Es handelt sich um den neuen Vize-gouverneur von Deutsch Neuguinea, Albert Hahl, der gleichzeitig den Bezirk der Ostkarolinen übernimmt, Arno Senfft, der nun Bezirksamtmann der Westkaro-linen ist, und Georg Fritz, der den Bezirk der Marianen übernimmt. Dazu kommen noch zwei Polizeiaufseher, ein Arzt und zwei Sanitäter. Im August erreichen sie Singapur und steigen dort um auf den vom Auswärtigen Amt gecharterten Dampfer Kudat. Von Deutschland kommend trifft auch das nagelneue Kanonenboot Jaguar in Singapur ein, um die Kudat militärisch bei ihrer Weiterfahrt in die Inselwelt zu begleiten. Die Kudat legt noch in Makassar in Niederländisch Indien an, für die Anbordnahme von 40 angeworbenen Einhei-mischen für den Polizeidienst auf den neuen deutschen Inseln im Pazifik.

Am 13. September kommen die Schiffe in Herbertshöhe an, der Hauptstadt von Deutsch Neuguinea. Der neue deutsche Kolonialbesitz ist der Kolonie Deutsch Neu-guinea unterstellt. In Herbertshöhe werden die neuen Verwalter der ehemaligen spanischen Inseln „Caro-linenonkels“ genannt. Heinrich Schnee, Richter und Stellvertretender Gouverneur von Deutsch Neuguinea, schreibt: »Also es entspann sich hier eine mächtige Feierei, als die Carolinenonkels nebst Kriegsschiff auf-tauchten. Die Wogen der patriotischen Begeisterung überfluteten bisweilen die durch gute Getränke schon sanft umnebelten Gemüter der Anwesenden.«

Am 29. September verlassen die beiden Schiffe Her-bertshöhe. Schnee: »Es war auch höchste Zeit, daß die Feierei endlich ein Ende erreicht hat. Jeden Tag war eine Fete.« Auf der Jaguar fährt auch der Gouverneur von Deutsch Neuguinea, Rudolf von Bennigsen, mit und ein spanischer Übergabekommissar begleitet die Deut-schen. Zusätzliches deutsches Personal und melanesi-sche Polizeisoldaten aus Deutsch Neuguinea für die deutschen Neuerwerbungen fahren auch mit. Bennig-sen ist selbst erst am 1. April 1899 zum Gouverneur von Deutsch Neuguinea und dem Inselgebiet der Karolinen, Palauinseln und Marianen ernannt worden.

Am 13. Oktober 1899 ist feierliche Flaggenhissungen auf Ponape in den Ostkarolinen, am 3. November auf Jap in den Westkarolinen und am 17. November auf Saipan in den Marianen. Ponape ist mit 334 qkm die größte der neu erworbenen Inseln und nun Sitz des Vizegouver-neurs von Deutsch Neuguinea.

Hatten die Spanier viele hundert Soldaten auf den Inseln, sind jetzt nur noch die wenigen angeworbenen Kolonialpolizisten nach der jeweiligen deutschen Über-nahme auf den Inseln. Die abreisenden Spanier auf Ponape warnen die vier nach Ponape versetzten Deut-schen – Albert Hahl, Regierungsarzt Max Girschner, Hafenmeister Heinrich Martens und Sekretär Albert Vahlkamp – und sagen ihnen, daß sie sich glücklich schätzen sollten, wenn sie mit ihren 46 Mann Polizei nach einer Woche noch nicht von den Ponapesen ver-nichtet wären.

Die Deutschen wollen keine Gewaltherrschaft wie die Spanier, sondern ein Zusammenarbeiten mit der einhei-mischen Bevölkerung. Als Beweis der deutschen Absich-ten wird ein Fest für die Bevölkerung auf Kosten der neuen deutschen Kolonialverwaltung gegeben und die spanische Festung auf Ponape für den freien Zutritt der Einheimischen geöffnet. Doch noch am selben Abend der Festlichkeiten stürmen bewaffnete Ponapesen in das Arsenal der Festung, um von den Spaniern konfiszierte Waffen und Munition wieder an sich zu bringen. Doch die Polizeisoldaten aus Neuguinea können den Einbruch der Ponapesen in die Waffenkammer verhindern und noch in der selben Nacht werden die Waffen abtrans-portiert und in tiefem Wasser versenkt.

Albert Hahl, Vizegouverneur von Deutsch Neuguinea, macht demonstrativ ohne Polizeischutz lange Wande-rungen auf Ponape. Die Gerichtsbarkeit geht bis auf besonders schwere Fälle in die Hände der Ponapesen. Als Hahl in einem Streitfall unter Einheimischen der Landschaft U auf der Insel entscheiden soll, wer der neue Häuptling von U sein soll, läßt er einfach das Volk über die beiden Kontrahenten abstimmen, wen sie denn als ihren neuen Führer haben wollen.


Die Reichspost hat bei ihren Überlegungen zur Verle-gung eines deutschen Telegraphenkabels im Westpazi-fik erkannt, daß der Besitz der etwa 700 km südöstlich der Philippinen gelegenen Insel Tobi für Deutschland günstig für die Verlegung und den Betrieb eines solchen Kabels wäre und hat deshalb beim Auswärtigen Amt um die Inbesitznahme dieser Insel gebeten. Am 6. Dezember 1900 schickt der Chef der Kolonialabteilung des Aus-wärtigen Amtes, Direktor Oscar Stübel, dem Gouver-neur von Deutsch Neuguinea, Rudolf von Benningsen, die geheime Weisung sofort die Insel Tobi und die in der Nähe liegenden Riffe in Besitz zu nehmen. Tobi liegt über 600 km südwestlich der deutschen Inselgruppe Palau und etwa 300 km nördlich der nächsten Insel von Niederländisch Indien. Der Mangel an einem geeigne-ten Schiff erschwert das Unternehmen. Am 17. März 1901 meldet Bennigsen nach Berlin, daß auf den Inseln Sonsorol, Pul und Merir die deutsche Flagge gesetzt wurde, aber aufgrund seiner geringen Reichweite der dafür eingesetzte kleine Regierungsdampfer Stephan von Jap aus nicht auch noch Tobi und das Helen Riff erreichen konnte.

Am 9. April 1901 verläßt die Stephan erneut Jap und erreicht nun Tobi am 12. April. Als das Schiff die Insel erreicht wird es von einer beträchtlichen Anzahl klei-nerer und größerer vollbesetzter Kanus begrüßt. Der Häuptling der Insel ist sehr angetan von der deutschen Inbesitznahme der Insel und vor dem Haus des Häupt-lings findet die offizielle Übernahme und die Flaggenhis-sung statt. Zwei eingeborene Polizisten von Jap, die der Sprache der Tobianer mächtig sind und deshalb von Jap mitgebracht wurden, sind die Übersetzer zwischen den Deutschen und den Tobianern.

Der Bezirksamtmann der Westkarolinen, Arno Senfft, beschreibt in seinem Bericht an Benningsen, daß die kleine Insel Tobi von nicht einmal einem Quadratkilo-meter Größe als dicht mit Kokospalmen bepflanzt und gut bevölkert ist mit geschätzten 500-600 gesunden Menschen. Die Männer groß und stark, die Frauen schön. Die zahlreichen Kanus sind gut gebaut und liegen vor Regen und Sonne geschützt in Schuppen. Senfft beschreibt weiter, daß er einige Tobianer mit nach Jap genommen hat und wenn sie sich als Arbeiter bewähren ist Tobi ein guter Ort für die Arbeiteranwerbung.

Nach der Besitzergreifung von Tobi fährt Senfft mit der Stephan das Helen Riff an, welches 75 km östlich von Tobi liegt. Das Helen Riff ist ein Atoll von 25 km Länge und 10 km Breite und die Lagune darin hat eine Größe von 103 qkm. Die einzige Insel des Atolls ist die winzige Insel Helen, alles andere über Wasser sind sich ver-schiebende Sandbänke. Auf der Rückfahrt nach Jap be-sucht Senfft noch einmal die Inseln Pul und Sonsorol und nimmt einige der Leute von dort als Arbeiter mit nach Jap.


Leben um 1900 etwa 50 Deutsche auf den deutschen Südseeinseln sind es 1910 etwa 100 und dann steigt die Zahl der Deutschen auf den Pazifikinseln jedes Jahr um gut 50 an. Für 1911 gibt die Statistik insgesamt 239 Weiße an, darunter 139 Deutsche und 44 Frauen. Für den 1. Januar 1913 weist die Statistik 459 Weiße auf den deut-schen Südseeinseln aus, davon 259 Deutsche und 75 erwachsene Frauen. Zu den Weißen werden auch die etwa 100 Japaner gezählt.   


Als im Dezember 1913 der Stationsleiter Winkler von Palau die über 600 Kilometer weit im Südwesten der Palau-Inselgruppe entfernt liegende palmenreiche Insel Tobi besucht, wird ihm vom Häuptling berichtet, daß von den ungefähr 700 Einwohnern 166 Männer, 120 Frauen und 102 Kinder – also mit 388 Menschen etwa die Hälfte der Bevölkerung – an Dysenterie gestorben sei.


Die Verwaltung der deutschen Südseeinseln ist geteilt in das Schutzgebiet der Marshall-Inseln und in die Bezirke Westkarolinen mit den Palau-Inseln, Ostkarolinen und Marianen. Diese drei Bezirke unterstehen dem Schutz-gebiet Deutsch Neuguinea. Diese Aufteilung ergibt sich dadurch, daß die Marshall-Inseln schon deutsche Kolo-nie sind als 1899 die Karolinen und die Marianen Spanien von Deutschland abgekauft werden und diese Inselgruppen der Verwaltung von Deutsch Neuguinea unterstellt werden. So ist der Bezirksamtmann des Bezir-kes der Ostkarolinen auch gleichzeitig Vizegouverneur von Deutsch Neuguinea.   

Nach der Übernahme des Schutzgebietes der Marshall-Inseln in das Schutzgebiet Deutsch Neuguinea 1906 wird die Verwaltung der Inselwelt von Deutsch Mikronesien neu geordnet und vereinfacht. Zunächst wird die Landeshauptmannschaft der Marschall-Inseln auf Sai-pan zu einem Bezirksamt und das Bezirksamt von Nauru der Marshall-Inseln zu einer Station heruntergestuft. Am 1. April 1911 wird das Bezirksamt der Marshall-Inseln ebenfalls herabgestuft zu einer Station. An Stelle der Bezirksämter der Marianen auf Saipan, der Westkaro-linen auf Jap und der Ostkarolinen auf Ponape bleibt nur noch das Bezirksamt Jap für die Westkarolinen und die Marianen und das Bezirksamt Ponape für die Ostkaro-linen, die Marshall-Inseln und Nauru. Aber auch diese Struktur soll noch einmal verändert werden und die beiden Bezirksämter sollen zu Stationen herabgestuft werden.

Die Herabstufung der Bezirksämter zu unselbständige-ren und mit weniger Personalaufwand und Kosten ver-sehenen Stationen heißt aber auch Mehrarbeit für das Gouvernement in Rabaul, wird aber möglich durch die sich verbessernden Kommunikationsmöglichkeiten in dem riesigen und von der Verwaltung von Deutsch Neu-guinea in Rabaul weit entfernt liegenden Gebiet von Deutsch Mikronesien. Zum Regierungsdampfer Komet kommen Boote, die dem Gouvernement oder den Sta-tionen unterstellt sind, und 1913 der Dampfer Kolonial-gesellschaft der Kaiserin-Augustastrom-Expedition, der in Regierungshände übergeht als Geschenk der Deut-schen Kolonialgesellschaft. Doch die Entfernungen sind gewaltig. Von Rabaul, wo auch der Regierungsdampfer stationiert ist, nach Ponape sind es etwa 2200 km, noch etwas weiter nach Jaluit in den Marshall-Inseln und fast 3000 km bis zu den nördlichsten Marianen-Inseln. Die Bereisung mit den Dampfern würde allein keine große Verbesserung der Verwaltungsaufgaben bringen, aber die elektronischen Verbindungen machen es möglich. Jap, mit der Verwaltung der Westkarolinen, das bereits durch Unterseekabel weltweit verbunden ist, hat 1914 bereits auch Funkverbindung mit Angaur auf den Palau-Inseln, Rabaul, Nauru und Apia auf Samoa. Der weitere Ausbau des Funkverkehrs wird dann auch die Verwal-tung vereinfachen und die Bezirksämter von Jap und Ponape können auf Stationen herabgestuft werden.