Die Pflanzenwelt Ponapes ist entsprechend dem feucht-heißen Tropenklima außerordentlich üppig, Kokos- und Steinnußpalmen, Brotfrucht- und Mangobäume liefern der Bevölkerung Früchte und die enormen Knollen der Yams werden viel angebaut und auch die viel kleinere Taro, eine andere Knollenfruchtart.
Im April 1905 fegt ein gewaltiger Taifun über Ponape, welcher die Waldbestände der Insel schwer trifft. Die überall im neu emporwuchernden, dichten Busch ver-streut liegenden, vermodernden Baumriesen machen im Verein mit den engverschlungenen Lianen und der Gebirgslandschaft ein Vordringen außerhalb gebahnter Wege fast unmög-lich.
Hatte die spanische Verwaltung auf Ponape 800 Sol-daten stationiert im ständigen Kleinkrieg der Inselstäm-me gegen die Besatzer, so will die deutsche Verwaltung nach dem Kauf der Karolinen von Spanien 1899 die ge-gen die Weißen aufgebrachte Bevölkerung durch fried-liche Mittel gewinnen. Nur 46 farbige Polizeisoldaten werden auf Ponape stationiert und die spanische Fes-tung im Hauptort Kolonia wird für die Inselbevölkerung zum freien Zutritt geöffnet.
Es gibt fünf Stämme, die in den selbständigen Land-schaften Dschokadsch, Not, U, Ronkiti und Metalanim leben. Mit der Deportation der Dschokatsch-Leute von Ponape nach ihrem Aufstand Ende 1910 scheidet Dscho-kadsch als selbständige Landschaft aus.
Ein kompliziertes Lehenssystem über den Landbesitz gibt zu häufigen Streitigkeiten Veranlassung, sodaß der Bezirksamtmann Hermann Kersting vereinfachte Grundbesitzverhältnisse einführen will. Dafür nutzt er erfolgreich die Oberhäuptlinge mit ihrer Autorität, die auch die obersten Lehnsherren sind. Die Landreform im Jahre 1910 verleiht 1100 Familien Grundbesitz und be-freit die Einheimischen von der Leibeigenschaft und Abhängigkeit von den traditionellen Häuptlingen. Auch wird das Recht der Häuptlinge beschnitten, Hand- und Spanndienste sowie Nahrungsmittelabgaben und Ge-schenke bei den Gemeindefesten einzufordern, deren Anzahl von 22 auf eins im Jahr verringert wird. Die Häuptlinge behalten die Kontrolle über ihre ange-stammten Bereiche wie Streitschlichtung und Steuer-eintreibung.
Eine weitere Änderung der Verhältnisse ergibt sich von selbst. Die Frauen tragen nun meist europäische Stoffe, statt der einheimischen aus Bananenfasern hergestell-ten Webstoffe.
1914 wird die Eingeborenenbevölkerung der Insel auf rund 4000 Seelen geschätzt. Zur selben Zeit besteht die weiße Bevölkerung auf Ponape aus den Beamten, den Missionaren der beiden dort tätigen Missionsgesell-schaften sowie einigen Händlern und sonstigen An-siedlern und beträgt etwa 30 Personen.
Die Liebenzeller Mission hat auf Ponape in der Land-schaft Metalanim beim Dorf Etienlan eine Station mit einem Predigerhaus und einer geräumigen Holzkirche.
Die wirtschaftlichen Verhältnisse auf der Insel be-schreibt das Deutsche Kolonial-Lexikon:
»Größere europäische Unternehmungen, vor allen Din-gen Plantagen, bestehen auf Ponape noch nicht. Es sind vielmehr nur einige kleinere Kokospflanzungen ange-legt worden, denen aber irgendeine Bedeutung für die Ausfuhr nicht zukommt. Der Handel auf Ponape liegt in der Hauptsache, wie auf den übrigen Inseln der Ost-karolinen, in den Händen der Jaluit-Gesellschaft, die am Langer-Hafen (Santiago-Hafen), eine Zweigniederlas-sung errichtet hat. Außer der Jaluit-Gesellschaft sind noch einige Händler auf der Insel tätig. Das Hauptaus-fuhrprodukt ist die Kopra, daneben gelangen in gerin-gem Maße Muscheln und Schildpatt zur Ausführung. Der Anlage größerer Plantagen steht die ständige Taifungefahr besonders hindernd, im Wege. So hat im Jahre 1905 ein Taifun fast die gesamten Fruchtbäume der Insel zerstört.«
Albert Hahl, der als Vizegouverneur von Deutsch Neu-guinea von 1899 bis 1901 auf Ponape residiert, welche mit 334 qkm die größte der Karolineninseln ist, versucht auf dem internationalen Markt verkaufbare landwirt-schaftliche Produkte – cash crops – auf Ponape einzu-führen. Er bringt Kaffee, Baumwolle, Kakao, Kautschuk, Hanf, Vanille und andere Pflanzen nach Ponape. Er ver-sucht die einheimische Bevölkerung für den Anbau die-ser Geld erwirtschaftenden Pflanzen zu begeistern, doch ohne Erfolg. So bleiben diese Pflanzen in Hahls Ver-suchsgärten. Seine Bemühungen Viehzucht einzuführen zeigen mehr Erfolg, wenn auch nur bei dem portugie-sischen Siedler Joaquin Kilmete und dem einheimi-schen Geschäftsmann Henry Nanpei, der die Viehzucht seinen verschiedenen Geschäftszweigen hinzufügt.
Hahl sieht sich nicht als einen Mann, der im Büro sitzt und viel Tinte verbraucht, sondern als einen Macher, der die Verhältnisse in dem von ihm verwalteten Land verbessert. So wird die bei der Übernahme der Kolonie von Spanien mitgebrachte Polizeitruppe zur Arbeit bei den von ihm eingeleiteten Baumaßnamen herangezo-gen, da er Einheimische für solche Arbeiten nicht ge-winnen kann. So werden Regierungsgebäude instandge-setzt oder neugebaut, Wohnhäuser für die wenigen deutschen Beamten errichtet, wie für den Polizeichef, den Arzt und für Hahl selbst, das Krankenhaus wird vergrößert und Arbeiten an den Straßen in und bei der ›Kolonie‹ durchgeführt. Die ›Kolonie‹ liegt innerhalb des von den Spaniern errichteten, zum großen Teil noch erhaltenen Festungsmauergürtels und ist das Wohnge-biet der Weißen. Das Wohnhaus des Bezirksamtmanns liegt allerdings etwa zehn Minuten außerhalb der Ring-mauer; ein wohlgepflegter, von frischem Grün eingefaß-ter Weg führt dorthin.
Eine breite Riffpassage führt zum Hafen von Ponape. Für Dampfschiffe ist die Einfahrt keine Schwierigkeit, aber kann für einen Segler zu seinem Ende führen, wenn plötzlich Windstille auftritt und die dauernde starke Brandung das Schiff auf das Riff treibt und es dort zer-schellt, wie es zum Beispiel Ende 1911 einer norwegi-schen Bark geschieht.
Ein deutscher Marineoffizier beschreibt den Hafen von Ponape:
»Tagaus, tagein sieht das Seemannsauge den glatten Horizont, und nur ganz wenig erheben sich die flachen Atolle der Karolinen über den Meeresspiegel. Wie ent-zückt waren wir da, als wir an einem prächtigen Sonnentag in den von Bergen umschlossenen Ponape-Hafen einliefen! Vor uns das grüne hüglige Ponape selbst mit den weißen Häusern der Kolonie, rechts schließt sich daran das schroffe Felsennest Dschokadsch und auf der anderen Seite das anmutige Inselchen Langar mit einer Handelsniederlassung darauf. Wenn der Hafen von Ponape so auch einen sehr geräumigen Eindruck macht, so ist doch für Schiffe nicht viel Platz darin, denn zahlreiche weitverzweigte Korallenriffe, die hell smaragdgrün durch den dunklen Meeresspiegel schimmern, engen das Fahrwasser ein.«
Sofort mit der Übernahme der Verwaltung auf Ponape wird der in spanischen Zeit blühende Handel mit Waffen und Alkohol bekämpft. In den ersten ein-zwei Jahren der deutschen Verwaltung ist immer ein deut-sches Kriegsschiff in der Nähe und an der Südseite der Insel werden zwei gut bewaffnete Posten eingerichtet. Damit bricht der Handel amerikanischer Walfänger mit den Schmuggelgütern zusammen.
Das Deutsche Kolonial-Lexikon beschreibt die Verwal-tung des Bezirks der Ostkarolinen, auch Bezirk Ponape genannt, auf Ponape:
»Der Bezirksamtmann des Bezirks Ponape hat seinen Sitz auf Ponape selbst und zwar in Messenieng in der Nähe des Santiagohafens. Zu seiner Unterstützung ist ihm das nötige Unterpersonal, bestehend aus einem Sekretär, einem Polizei- und Hafenmeister beigegeben. Auch ein Regierungsarzt ist auf Ponape zur Ausübung des Gesundheitsdienstes stationiert. Eine aus Melane-sen zusammengesetzte Polizeitruppe sorgt für die Auf-rechterhaltung der Ordnung auf der Insel. Außer dem Bezirksamt befinden sich noch das Bezirksgericht, das Seemannsamt, das Strandamt und das Standesamt für die Ostkarolinen in Ponape. Der Bezirksamtmann nimmt die Geschäfte dieser Behörden im Nebenamt wahr. Das Obergericht für Ponape befindet sich in Rabaul auf Neu-pommern im Bismarckarchipel. Der Hafen von Ponape ist für den Auslandsverkehr geöffnet. Den Verkehr der Insel mit der Außenwelt vermittelt der Reichspostdamp-fer Germania der Jaluit-Gesellschaft, der hier jährlich sechsmal vorläuft. An das Welttelegraphennetz ist Ponape noch nicht angeschlossen, dagegen besteht daselbst eine Postanstalt. Die Missionierung der Insel erfolgt durch die protestantische Liebenzeller Mission, sowie die Rheinisch-Westfälische Ordensprovinz der Kapuziner. Beide Missionen haben auf der Insel Statio-nen und im Anschluß daran Kirchen und Eingebore-nenschulen errichtet. Eine Regierungsschule besteht auf Ponape noch nicht.«
Von Truk hat man im Juli 1914 auf dem Ostasiatischen Kreuzergeschwader auch den Pastor Uhlich, Leiter einer evangelischen Mission auf den Karolinen, nach Ponape mitfahren lassen. »Und weiter sprach Pastor Uhlich von einer wundersamen Periode höchster Kultur, die sich in einer längst entschwundenen und vergessenen Zeit hier abgespielt hat. M e t a l a n i m heißt diese Stätte, da sich die Ruinen großzügig angelegter Paläste befinden, jetzt nur noch durcheinander liegende Gesteinsblöcke von unheimlicher Größe. Wie kamen die hierher nach der weltentlegenen Insel Ponape?« Auch heute gibt es keine Antwort auf die Frage des deutschen Marineoffiziers Joachim Lietzmann, der diese Sätze aufschrieb.
Metalanim ist ein Südsee-Inselchen mit einer verlas-senen Stadt darauf unmittelbar an Ponape anliegend und künstlich aufgeschüttet. Dafür wurden 800.000 Tonnen Basalt über 50 Kilometer über See verfrachtet. Nach der Sage der Einheimischen wurden die Steine von amphibischen Weltraum-Göttern durch die Luft beför-dert.
Metalanim, auch Nanmatal oder Nan Madol genannt, wird 1907 dem deutschen Bezirksamtmann Victor Berg zum Verhängnis, als er Gräber in Nan Madol öffnet und zwei bis drei Meter große menschliche Skelette findet. Am nächsten Morgen, dem 30. April 1907, stirbt Berg. Der deutsche Arzt auf Ponape kann keine Todesursache feststellen. Offiziell wird Sonnenstich und Erschöpfung als Todesursache angeben. Die Eingeborenen sind si-cher, daß übernatürliche Kräfte zum Schutz der Gräber den Eindringling getötet haben.
Der Völkerkundler Paul Hambruch nimmt in den Jahren 1909 und 1910 an der Hamburger Südsee-Expedition von 1908 bis 1910 teil. Dabei sind ihm die ethnographischen Untersuchungen Mikronesiens übertragen, insbeson-dere von Nauru und Ponape. Für die Forschung über Ponapes Ruinenstadt Nanmatal werden Hambruchs Arbeiten die Grundlage für alle zukünftigen Forschun-gen über die rätselhafte verlassene Stadt.
In der zweiten Julihälfte 1914 liegt das Ostasiatische Kreuzergeschwader mit seinen beiden stärksten Schif-fen, den Panzerkreuzern Scharnhorst und Gneisenau, vor Ponape, der größten Karolineninsel. Vom Flaggschiff Scharnhorst werden aus Tsingtau mitgebrachte Grab-steine für die gefallenen deutschen Soldaten vom Auf-stand von 1910 auf der Insel an Land gegeben und auf-gestellt.
Von den seemännisch schwierigen Schiffsliegeplätzen nahe von Untiefen vor der Insel fahren die Besatzungen auf Barkassen fast eine halbe Stunde bis zu einer fluß-aufwärts gelegenen Landungsbrücke für ihre Landgän-ge und zur routinemäßigen Infanterieausbildung mit Übungsmärschen und Schießen auf dem Schießstand von Ponape.
Auf Ponape selbst ist eine Polizeitruppe aus Neuguinea stationiert. »Herrliche hohe Gestalten von edlem Wuchs«, wie ein Deutscher sie beschreibt, und deshalb aus Neuguinea »um zu verhindern, daß sie im Falle von Unruhen mit den Aufständischen gemeinsame Sache machen«.
Erst im Juni 1914 waren 800 Mann in Tsingtau als Ablösemannschaften aus Deutschland neu an Bord von Scharnhorst und Gneisenau gekommen – routinemäßig wird die Hälfte der Besatzungen ausgetauscht – und hier in den Gewässern von Ponape werden immer wieder ›Klar Schiff zum Gefecht!‹-Übungen durchgeführt, um die Kriegsbereitschaft der Schiffe nach dem Mann-schaftswechsel wiederherzustellen.
Die Offiziere des Kreuzergeschwaders lassen es sich zwi-schen den Übungen gut gehen auf Ponape. »Mit den am Ort befindlichen deutschen Beamten und Kaufleuten knüpften wir rege Beziehungen an. Der Bezirksamt-mann selbst war abwesend. Sein Stellvertreter aber hielt uns sein stets gastfreies Haus offen. Beim Genuß köst-licher Wassermelonen saßen wir oft in angeregtem Gespräch mit ihm auf seiner Veranda, tief zu unseren Füßen die lachende Landschaft mit den weißen Häusern der Niederlassung, und dahinter das sich in unermeß-liche Weite dehnende blaue Meer, auf dem sich unsere stattlichen Schiffe wie Kinderspielzeug ausnahmen.
Eines Abends führten uns vor seiner Villa die Eingebo-renen ihre Tänze vor. Besonderen Eindruck machten unter den Palmen im Purpurscheine roter Lampions der Tanz der Polizeisoldaten. Dumpf dröhnten die Trom-meln, und schwermütig waren die Gesänge, als die Hühnengestalten, wild bemalt und einen kriegerischen Helm auf dem schwarzen Haar, langsam und würdevoll im Kreise ihre phantastischen Bewegungen ausführten.
Der Zuschauer geriet durch all das Geheimnisvolle in eine wahre Märchenstimmung, und dieser setzte Pastor Uhlich wiederum die Krone auf. Aus dem Hintergrunde erschollen plötzlich wie aus Engelsmunde mehrstim-mige Harmonien. Die große Schar der Missionskinder war es, die uns auch hier mit heimatlichen Liedern überraschte.
»Deutschland, Deutschland über alles!« Es war das rech-te Lied, das uns mit auf den Heimweg gegeben wurde. Denn soeben hatten die elektrischen Wellen die Kunde von der bevorstehenden Kriegserklärung Österreichs an Serbien zu uns getragen.«