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Jap

Die vier großen vulkanischen Jap-Inseln bestehen außer den Sandstränden mit Kokospalmen hauptsächlich aus zerklüfteter Hügellandschaft, die ungeeignet ist für Plantagenwirtschaft. Jap, als größte Insel, hat eine Fläche von 56 qkm und die ganze Inselgruppe, einschließlich zehn winziger Koralleninseln, eine Fläche von 100 qkm. Jap ist der Sitz der deutschen Verwaltung der Westkaro-linen mit den Marianen und den Palau-Inseln.

Die beiden Inseln Jap (56 qkm) und Tomil (23 qkm) liegen unmittelbar nebeneinander und sind nur durch einen über einen Kilometer langen und teilweise nur zehn Meter breiten Kanal getrennt. Die Trennung in zwei Inseln erfolgt erst 1901 durch ein Erdbeben.

Der Hafen von Jap wird Tomil-Hafen genannt und von beiden Inseln halb und halb als Bucht gebildet. Tomil-Hafen trägt mit seinen zahlreichen Buchten einen fjord-artigen Charakter. Dichtes Mangrovengebüsch säumt den Strand. Im Hafen liegt die kleine Insel Tarang mit einer primitiven Landungsbrücke. Auf der Insel befin-det sich das Kohlenlager der Westkarolinen-Gesell-schaft, wo Kriegs- und Handelsschiffe mit Hilfe einge-borener Arbeiter ihren Kohlenvorrat auffüllen. Die 1911 gegründete Westkarolinen-Gesellschaft übernimmt das Unternehmen des erfolgreichen Südseegeschäftsmanns David Dean O’Keefe, der auf Tarang seinen Firmensitz hatte. O’Keefe ist schon 1901 auf einer Seefahrt mit einem seiner Schoner verschollen und seine Familie führte das Geschäft weiter.

Am Hafen liegt die Regierungsstation, die Kabelstation der deutsch-niederländischen Telegraphengesellschaft und die Hauptniederlassung der Westkarolinen-Gesell-schaft.

Die Landungsstelle für Boote bei der Kolonie, der Euro-päersiedlung, befindet sich auf der Halbinsel Blelatsch, der alten spanischen Festung, die durch einen Damm mit dem Festland verbunden ist, wo die Gebäude des Bezirksamts und verschiedene andere sich befinden. Ein sanft ansteigender Weg führt von dort aus zu den Häu-sern der Telegraphengesellschaft und zur Wohnung des Bezirksamtmanns, von wo aus sich eine schöne Aus-sicht über das anmutige Hafenbild bietet.

Von der Kolonie führt in nördlicher Richtung, teilweise am Strand entlang, ein hübscher, sauberer Weg in etwa einer halben Stunde zum Hospital und der gleichfalls auf einer luftigen Anhöhe gelegenen Wohnung des Regierungsarztes. An der Ostseite des Hafens liegt der Ort Tomil. Ein mehrere hundert Meter langer Stein-damm ist hier schnurgerade in das seichte Wasser des Riffs eingebaut. Das Dorf hat sehr sauber gepflasterte, mit Zäunen und Zierpflanzen eingefaßte Wege. Ein gro-ßes Bootshaus beherbergt schön gearbeitete Fahrzeuge. Die Kanus der Jap-Leute sind entweder aus einem einzi-gen Baumstamm hergestellt, oder aus einzelnen Teilen durch feste Verschnürung zusammengesetzt. An beiden Enden befinden sich schön geschwungene, hochragen-de Aufsätze. Dreieckige Mattensegel dienen zur Fortbe-wegung, soweit nicht gepaddelt wird.


Auf den Spazierwegen rund um Tomil-Hafen bietet sich reichlich Gelegenheit, das Leben der Eingeborenen zu betrachten. Begegnet man einem Jap-Eingeborenen, ob Mann oder Frau, so bleibt er abgewandten Hauptes ehrerbietig stehen, bis man vorbeigegangen ist. Frauen treten wohl auch in das Gebüsch am Wege. Eine Aufmerksamkeit wie sie auch bei den Einheimischen von den im Rang niedrigeren Stehenden dem im Rang Höheren erwiesen wird.

Die Kleidung der Männer besteht nur aus einer Scham-binde, die zwischen den Beinen durchgezogen und um die Hüften geschlungen wird und entweder aus euro-päischen Stoffen oder aus einem gewebten Pflanzenstoff besteht. Die Kleidung der Frauen besteht aus einem bau-schigen Rock aus langen, schmalen Blättern, der sich in einem mächtigen Wulst um die Hüften legt. Die Kinder sind meist nackt. Vielfach werden aus Pandanuß-Blät-tern gefertigte spitze Hüte getragen. Als Regenschirm dient häufig ein breites Blatt.

Die Frauen belassen den Oberkörper nackt, was die evangelischen Missionaren um die Jahrhundertwende dazu bringt, ihnen buntbedruckte Hemden zum ver-hüllen ihres Busens zu schenken. Für die Mütter sind die Hemden aber unpraktisch und so schneiden sie Löcher in die Hemden, auf daß ihre Brüste frei liegen für das Stillen ihres Babys.

In den Händen der meisten Jap-Bewohner sieht man einen aus dem Wedel der Kokospalme hergestellten Korb, den die Männer unter dem Arm oder in der Hand, die Frauen meist an einer Schnur über die Schulter tragen. Die letztere Tragweise ist wahrscheinlich not-wendig, weil der breite Rockwulst ein zwangloses herun-terhängen der Hände ausschließt. Der Inhalt des Korbes bildet in erster Linie die zum Betelkauen notwendigen Utensilien, nämlich Betelnüsse, Pfefferblätter und eine Büchse mit pulverisiertem Korallenkalk. In den Händen der Männer sieht man häufig das überall in der Südsee gebräuchliche Beil aus einem winkelförmigen Holzstiel mit daran festgebundener Klinge. Letztere wurde früher durch ein Muschelstück gebildet, heutzutage meist durch ein Hobeleisen.

Als Schmuck werden, wie auch sonst in der Südsee, Tätowierungen angewendet. Als Haarschmuck dienen bei den Männern Holzkämme, von denen vielfach aller möglicher Zierat, wie Hahnenfedern und dergleichen, herabhängt. Die Frauen tragen oft Blumen im Haar, an den Armen Ringe aus einer Muschelschale oder meh-rere Ringe aus Kokosschale. Auch Fingerringe verschie-denster Art sind beliebt.

Sehr charakteristisch sind die Häuser der Jap-Leute durch das in zwei mächtige Giebel als Schutz vor dem starken Wind vorspringende Dach. Die Häuser stehen auf einem etwa einen Meter hohem Steinfundament. Es gibt gewöhnliche Familienhäuser und die großen Abais für die unverheirateten Männer.

Die Bildung einer Familie auf Jap beginnt mit dem Aus-zug eines zum Mann werdenden Jungen aus der elter-lichen Hütte in ein Abai, ein Männerhaus von impo-nierender Größe, das zu jeder Dorfgemeinschaft gehört. Dort empfangen die Jungen die allnächtlichen Besuche der jungen Mädchen, die probeweise reihum gehen. Im Laufe vieler Tropennächte stellen sich dann die Paare heraus, die am besten zueinander passen. Dann verläßt der junge Mann das Männerhaus und begründet mit seiner erprobten Partnerin einen eigenen Hausstand.

Es bestehen verwirrende Grundbesitzverhältnisse auf Jap. Um Ordnung in das Durcheinander zu bringen werden von der deutschen Verwaltung Grundbücher angelegt, die Grundstücke vermessen und den Besitzern Urkunden ausgestellt.

Die deutsche Kolonialverwaltung von Jap und dem Be-zirk der Westkarolinen residiert in der alten spanischen Zitadelle. Ein quadratisches Bauwerk aus Korallenblök-ken mit vier Meter hohen Mauern. In der Festung liegen die vor Jahrhunderten üblichen Festungsanlagen wie Kasematten, Kerker, Kammern für Munition, Waffen und Vorräte. Der übrig gebliebene Raum ist bis zur Höhe der Mauerkrone mit gestampfter Erde aufgefüllt. Darauf stehen die aus importierten Ziegelsteinen errichteten Wohnungen für Kommandant, Offiziere und Soldaten. Die Deutschen bauen darauf noch aus importiertem Schnittholz bescheidene Büros und ein einfaches Kran-kenhaus.

Der Marktplatz und die Hauptstraße von Colonia, der geschäftliche Mittelpunkt der Insel, liegen auch bei der Zitadelle.


Eine Besonderheit von Jap ist das Steingeld. Die Steine können von Handtellergröße bis zu vier Metern Durch-messer haben und über fünf Tonnen wiegen. Tausende der Steingeldscheiben stehen überall auf den Inseln am Wegesrand oder um die Häuser herum. Es muß − nach der Tradition − immer auf dem Rand stehend, das heißt angelehnt an Bäume, Häuser und so weiter, aufbewahrt werden.

Das Steingeld wird ausschließlich von Männern benutzt. Wenn ein Stein den Besitzer wechselt, läßt der neue Ei-gentümer den Stein gewöhnlich aufgrund des Gewichts und der damit entstehenden Schwierigkeiten des Trans-ports dort, wo er ist. Wem welcher Stein gehört, wird einfach im Gedächnis festgehalten. Die Eigentumsrech-te an den Scheiben sind den ansässigen Dorfältesten bekannt.

Diese Geldsteine wurden von den Palau-Inseln, von de-ren Hauptinsel Babeldaob, welche 450 Kilometer süd-westlich von Jap liegt, herbeigeschafft. Diese Entfernung wurde mit Auslegerbooten in einer fünftägigen Reise überwunden. Dort brachen und bearbeiteten die Japesen unter mühsamsten Arbeitsbedingungen mit einfachs-ten Mitteln die Steine. Durch die Steine wurde ein Loch geschlagen, so daß man sie mit Hilfe von einem durch-gezogenen Rundholz zum Meer transportieren konnte. Hier wurden sie auf Bambusflöße oder Kanus geladen. Besonders große Steine wurden im Meer aufgestellt und das Floß drumherum gebaut. Dann wurde das Floß von mehreren Kanus mit Mattenbesegelung und Paddeln nach Jap gezogen. Der Transport nach Jap dauerte drei bis vier Wochen und es kam auch vor, daß Geldsteine auf dem Transport verloren gingen.

Die mühsame Herstellung und der lange Transport von Palau nach Jap begrenzten die Anzahl und Größe der Steine und erhöhten ihren Wert. Mit ihnen kann unter anderem Land erworben werden. Der Wert ergibt sich aus verschiedenen Faktoren wie: Größe, natürliche Schönheit, Form, Geschichte der »Münze«, Alter, wie schwierig es war, sie herzustellen, ob jemand beim Transport in Gefahr oder ums Leben gekommen ist und die soziale Stellung der Beteiligten.

Es gab eine Inflation beim Steingeld als der Transport der Steine gefahrlos und billig wurde. Als der Ameri-kaner David Dean O’Keefe in den 1870er Jahren Han-delsstationen für Kopra gründete verkehrte er mit sei-nen Schiffen auch zwischen Palau und Jap. Seitdem gibt es auf Jap sehr große Steine mit nur wenig Prestige und der materielle Wert des Steingeldes ist nicht mehr vor-handen. Das Geld für den alltäglichen Gebrauch besteht aus tellergroßen Muschelschalen, von denen jeweils zehn an einem Strick aus Kokosfasern hängen. So hat eine Jap-Frau bald noch größere Mühe, das Geld zum Markt zu tragen, als die gekaufte Ware nach Hause zu bringen.


Mitte Juli 1911 besucht der Kreuzer Cormoran Jap. Merk-würdigerweise ist kein Mensch zu sehen. Die Landungs-brücke, an der sich sonst beim Einlaufen eines Schiffes alles versammelt, Weiß und Braun, ist leer. Auch bei den Europäerhäusern der Jaluitgesellschaft zeigt sich kein Mensch. Ist hier alles ausgestorben?

Ein Offizier der Cormoran wird als Kundschafter an Land geschickt und klopft am ersten Haus an.

„Um Himmels willen,“ sagt der Bewohner, „kommen Sie schnell herein. Der Polizeimeister ist verrückt gewor-den. Er wohnt dort in dem Hause auf dem kleinen Hügel und schießt mit seinem Gewehr auf jeden Menschen, der sich blicken läßt. Manchmal knallt’s den ganzen Tag, wie auf’m Schießstand. Solang’ es hell ist, wagt sich kein Mensch mehr aus dem Hause. Es ist schon der dritte Polizeimeister, der hier verrückt wird. Auf der kleinen Insel, nichts zu tun, keine Bewegung, glühende Hitze und immer in dem Gedanken: ‚Meine beiden Vorgänger sind auch verrückt geworden’, – da kann man sich gar nicht wundern. Befreien sie uns nun, bitte, von diesem Wahnsinnigen, damit man wieder seines Lebens froh werden und in die Office gehen kann!“

Der Kundschafter begibt sich, hinter Palmen gedeckt gegen das Polizeimeisterhaus, zurück an Bord. Am Nachmittag holt ein Kommando des Kriegsschiffes den Polizeimeister aus seinem Haus und verbringt ihn an Bord. Nun ist er der friedlichste Mensch von der Welt und wird später in Begleitung eines Sanitätsmaaten nach Hamburg gebracht, ohne daß seine Mordgier noch einmal zutage getreten wäre.


Jap ist der Sitz des Bezirksamtes der Westkarolinen und auch Versorgungsstation und Basis für deutsche Kriegs-schiffe. Ein Besatzungsmitglied der Cormoran schreibt 1912:

»Am 14. Februar kamen wir in Jap an. Mittags bekamen wir endlich wieder einmal Post. Sie war für uns ein-gelagert worden. Auch für mich war viel Post und sogar ein Paket dabei. Nachmittags war die Freude schon wie-der vorüber, denn wir übernahmen Kohlen bis 8 Uhr abends.«

Das Bekohlen der Dampfschiffe ist harte Arbeit und äu-ßerst schmutzig dazu.

Jap dient auch für die infanteristische Ausbildung der Landungskorps der Kriegsschiffe und hat dafür einen Übungsplatz.