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Im August 1911 kommt es zu einem Streik auf den Mar-shall-Inseln, dem ersten Streik in ganz Deutsch Neugui-nea überhaupt.

Die Löhne auf den Marshall-Inseln zählen schon zu den höchsten im ganzen Schutzgebiet, aber aufgrund der günstigen Bedingungen für die Arbeiter zum Zeitpunkt des Streiks fordern sie eine Erhöhung des Tageslohns von zwei Mark auf vier Mark.

Die Streikenden nutzen einen günstigen Moment aus, als vor Jabor gleichzeitig drei Dampfer der Burns-Philp-Linie, der Motorschoner Atlas und der Reichspostdamp-fer Germania liegen und abgefertigt werden müssen. Die Forderung der Streikenden muß teilweise bewilligt werden.


Anfang Januar 1912 fährt der Kreuzer Cormoran die Atolle Eniwetok und Ujelang an. Der Stationsleiter von Jaluit hatte eine Requisition an den Kommandanten der Cormoran gerichtet, weil schwere Stürme über Eniwe-tok und das 120 Seemeilen nordöstlich davon gelegene Ujelang gezogen sein sollen und man will vorsichts-halber den Atollen einen Besuch abstatten, um die Lage dort zu erkunden. Es muß befürchtet werden, daß die Einwohner zu Schaden gekommen sind oder mindes-tens an Nahrungsmittelknappheit leiden. Der Komman-dant der Cormoran nimmt die Requisition an und so werden dem Kriegsschiff von der Regierungsstation Jaluit Proviant für diese Atolle mitgegeben.

Eniwetok hat eine Lagune von rund 1000 qkm Fläche mit einem Durchmesser von bis zu 37 Kilometern, die umsäumt ist von 40 Inseln mit zusammen 6 qkm Land-fläche mit einigen hundert Einwohnern. Am 3. Januar erreicht die Cormoran die Hauptinsel Eniwetok vom Atoll Eniwetok. Kommandant Paul Ebert schreibt über die Einfahrt in die Lagune:

»Obgleich wir hier nirgends unter 20 Meter Wassertiefe feststellten, war bis auf den Grund in dem kristallklaren Wasser alles auf das deutlichste erkennbar. Mehrfach boten sich aufregende Momente, wenn das Schiff, sich auf der langen Ozeandünung mächtig hebend und sen-kend, über riesige Korallenblöcke dahinfuhr, die dicht unter dem Kiel zu liegen schienen und deren Berührung für den braven Cormoran unfehlbare Vernichtung be-deutet hätte.«

Die Jaluit-Gesellschaft ließ die Inseln von den Eingebo-renen mit Kokospalmen bepflanzen. Die Bewohner wer-den zweimal jährlich mit Lebensmitteln versorgt und die Kopra abgeholt und so sind die früher unsicheren Ernährungsverhältnisse der Eingeborenen nun gesi-chert.

Kommandant Ebert: »Gegen achteinhalb Uhr früh ka-men wir dann glücklich nördlich der Hauptinsel [Eni-wetok] zu Anker, und ich begab mich alsbald mit einer Jolle in Begleitung einiger Offiziere und Leute an Land.

An der Landungsstelle war die etwa 40 Köpfe umfas-sende Einwohnerschaft mit ihrem Häuptling Piter ver-sammelt. Es war ein faules, habgieriges und ungefälliges Volk, das uns bei der Abfahrt nicht einmal beim Zuwas-serbringen unseres Bootes behilflich sein wollte. Teil-weise wurde noch die alte Mattentracht getragen, wie auch die Segelkanus noch mit Mattensegeln ausgerüs-tet waren. Von einem stärkeren Sturm hatte man nichts gemerkt. Eine Wanderung über die Insel zeigte uns in guter Verfassung dastehende Kokospflanzungen. Auf-fallend war die ziemlich beträchtliche Höhe der Insel – bis zu sieben Metern. – Geradezu jämmerlich waren die Wasserverhältnisse. Ein unsauberes, roh gebuddeltes Loch von etwa Metertiefe, mit schmutzigem Brackwas-ser gefüllt, diente gleichzeitig als Trink- und Wasch-platz. Für die Ungeheuerlichkeit dieses Zustandes schien unseren eingeborenen Begleitern jedes Ver-ständnis zu fehlen.

Auf der Rückfahrt zum Schiff wurden wir von einem schrecklichen Fliegenschwarm hartnäckig verfolgt, des-sen wir uns durch heftiges Schlagen und Wedeln mit den Kleidungsstücken zu entledigen suchten, um die Eindringlinge nicht mit an Bord zu schleppen.«

Die Cormoran erhält Besuch von einem Kanu von Eni-wetok-Bewohnern für ein Tauschgeschäft von tobacco gegen rote Korallenzweige. Gut mit Tabak versorgt klet-tern die Eniwetoker wieder in ihr längsseits angebunde-nes Kanu und freundlich winkend segeln sie heimwärts.

Am 4. Januar erreicht die Cormoran Ujelang, ein 13 See-meilen langes Atoll mit einem Dutzend Inseln und der Hauptinsel Ujelang. Der Erste Offizier geht mit einigen anderen Offizieren an Land und sie finden Herrn Schnuhr und seine Leute wohlauf. Ujelang ist allerdings von zwei schweren Stürmen getroffen worden. 850 Kokospalmen sind umgeweht und die Brotfrucht-bäume. Von allen stehen gebliebenen Palmen sind sämtliche Kokosnüsse und Blüten herabgeweht.

Herr Schnuhr ist sehr überrascht von dem Besuch. Nor-malerweise kommt einmal im Jahr Kapitän Olsen mit seinem Schoner der Jaluit-Gesellschaft vorbei, holt die Kopra ab und bringt Lebensmittel, Tabak, Mehl und Konserven. Als dem Deutschen klar wird, daß dieses Kriegsschiff tatsächlich seine Inseln anläuft, läßt er sich noch schnell die Haare von einer alten Frau schneiden, ein Junge wetzt währenddessen Rasiermesser und sucht die Seife, ein anderer weißt die ziemlich verschimmel-ten Schuhe mit Schlemmkreide und ein Mädchen holt den weißen Tropenanzug aus seiner Kiste und bügelt ihn schnell auf einer Decke auf dem Fußboden. Die Stube wird ausgefegt und die von den vielen Hühnern zerzauste nähere Umgebung der Hütte glatt gefegt und auch die Kanaker binden sich für den Staatsempfang ein Lavalava um. Schnell wird noch die schwarzweißrote Reichsflagge gehißt und schon ist auch das Boot des Kriegsschiffes am Landesteg.  

Normalerweise trägt Herr Schnur nur Lavalava und Strohhut auf seinem braungebrannten Körper. Er ist ganz und gar ein Südseeinsulaner geworden, der vor 28 Jahren Deutschland verlassen hat und seit 15 Jahren auf Ujelang wohnt. Er hat ein Palmenblätterhäuschen, das ihm völlig reicht, und Arbeiter aus Jaluit und Ponape für die Kokosplantage. Als König in seinem kleinen Insel-reich ist er bestens mit allem vertraut, er weiß, auf wel-cher Insel die Riesenschildkröten gefangen werden können und paßt auf, daß für seinen Mittagstisch, wenn von ihm gewünscht, eine Schildkröte serviert wird, ohne das der Bestand dadurch gefährdet ist. So weiß er wo die Kokoskrabben für seinen Speiseteller zu finden sind und Jams, Bananen und Kokosmilch gibt es genug. Auch Hühner werden gehalten und Fisch gibt es selbstver-ständlich auch genug und sein Dienstpersonal kümmert sich um alles.

Seine Tageszeitung ist sein Barometer, das er täglich ab-liest und danach sein Volk auf die verschiedenen Arbei-ten verteilt, wie Kokosnüsse öffnen, das Fleisch heraus-schneiden und zum Trocknen ausbreiten, Fischernetze flicken und dergleichen. So ist der Inselkönig glücklich mit seinem Leben und sein einziges ernsthaftes Pro-blem hat er auf seine Weise gelöst. Wenn der Schoner einmal im Jahr so im Juni vorbeikommt bringt er vier-hundert Flaschen Bier mit. Eigentlich reichen Schnuhr 365 Flaschen und in Schaltjahren 366. Aber der Schoner kommt natürlich nicht pünktlich und so hält er einen kleinen Biervorrat in Reserve. Das Problem ist nun die Kühlung des Bieres. Deshalb hat er in seiner einfachen Bretterhütte als einzigen Schmuck unter Glas und Rah-men eine Winterlandschaft an der Wand hängen. Davor ist ein kleines Wandbrett auf das morgens die schwarze Mary eine volle Bierflasche vor die Schneelandschaft stellt. Abends bildet sich der Inselherr dann ein, daß das Bier gut gekühlt zum trinken ist.

In diese glückliche Welt des Insulaners bricht nun das Kriegsschiff ein. Die Eingeborenen staunen, daß sich ihr Herr am Steg unbewaffnet den landenden Soldaten ent-gegenstellt. Erstaunt ist der Inselherr, daß es ein deut-sches Kriegsschiff ist, hat er doch in dieser Weltferne einen Kreuzer der meerebeherrschenden englischen Flotte erwartet.

Schnuhr führt die gelandeten Offiziere und Matrosen über seine Insel und schließlich sitzen die Offiziere mit ihm am Tisch. Die Herren der Handelsgesellschaft auf Jaluit hatten den Offizieren gesagt: „Der sitzt schon seit fünfzehn Jahren in Ujelang, der muß mal runter, das hält ja kein Mensch aus!“

„Also Herr Schnuhr, Sie kommen doch mit uns? Sie sind bis Ponape unser Gast. Sehen sie mal, so gut paßt das nie wieder. Sie bleiben dann in Ponape ein paar Tage, dann kommt gerade der Postdampfer, mit dem gehen sie nach Jaluit, und dann fahren Sie in sechs Wochen mit Käpt’n Olsen wieder zurück!“

„Nein, nein, das ist gänzlich ausgeschlossen. Sehen sie mal, auf Ponape und Jaluit sind lauter fremde Men-schen, – was soll ich dort, hab’ ja gar nischt dort ver-loren. – Und wer soll denn hier den Tabak an die Arbeiter verteilen, – nein, das ist gänzlich ausgeschlossen. Vielen Dank, aber lassen Sie mich, bitte, hier. Lassen Sie mich, bitte, in Ujelang! Was soll ich bei den fremden Men-schen?“

Zufälligerweise hatte Schnur für diesen Tag Auftrag ge-geben eine Riesenschildkröte und ein paar Kokoskrab-ben, die übrigens wie Hummer schmecken, zu holen und nun schenkt er diese Gaben der Natur mit einigen Eiern seinen Besuchern, die ihn natürlich auf seiner Insel belassen.

Der glückliche Schnur winkt dem davondampfenden Schiff noch lange mit seinem Strohhut frohe Abschieds-grüße nach.  

Die wertvollen meteorologischen Beobachtungen von Schnuhr für die Deutsche Seewarte in Hamburg werden vom Kommandanten der Cormoran der Seewarte zuge-stellt.

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Siedlungen

Jaboran

Jaboran ist die Europäer-Siedlung auf der Nordspitze der Insel Jabor im Jaluit-Atoll. Das Jaluit-Atoll besteht aus 91 Inseln mit 11 qkm Landfläche. Das Atoll umschließt eine Wasserfläche von 690 qkm. Jabor ist die größte Insel des Jaluit-Atolls. Jaboran liegt an der Südostdurchfahrt zur Lagune von Jaluit. Jaboran verfügt über mehrere Lan-dungsbrücken sowie eine Post- und Kohlenstation. Hier befindet sich die Hauptniederlassung der Jaluit-Gesell-schaft und Niederlassungen von Missionsgesellschaf-ten. Jaboran ist auch der Sitz der Regierungsstation für die Marshall-Inseln.

Die weiße Bevölkerung auf der Insel Jabor beläuft sich auf etwa 30 Personen. Es sind Regierungsbeamte, die Angehörigen der Missionen und die Angestellten der Jaluit-Gesellschaft, des einzigen europäischen Unter-nehmens, das auf Jaluit besteht.

Das ›Germania-Hotel‹ und die Wohnhäuser der Deut-schen bilden die Treffpunkte des gesellschaftlichen Lebens in Jaboran. Bei einem Bierabend beim Stations-leiter können auch eingeborene Häuptlinge mit ihren Frauen geladen sein und junge Mädchen führen Tänze unter Begleitung ihres Gesanges vor.

Am Strand von Jaboran entlang läuft eine Häuserreihe der Weißen und Hütten der Eingeborenen. Die Nieder-lassung der Eingeborenen liegt an der nördlichsten Spitze von Jabor mit der Residenz des alten Häuptlings Litokwa.

Die Hundehütten ähnlichen Aufbauten der Auslieger-boote, die auf den Booten als Schlafplätze dienen, sieht man auch häufig an Land vor den Hütten der Ein-heimischen stehen. Ein Weg nach Süden von Jaboran führt nur eine halbe Stunde wegs bis zur ›American town‹, eine verlassene Handelsniederlassung einer Firma aus San Francisco, wo die australische Burns-Philp-Linie ein Kohlenlager unterhält.

Von einem vor Jabor vor Anker liegendem Schiff kann man bis auf den Grund des durchsichtigen, klaren Was-ser der Lagune schauen und zahllose Schwärme von Fischen beobachten, darunter große, bläulich strah-lende Exemplare, die nachts wie ein Widerschein der Sterne im Wasser leuchten. Auch Seeschlangen kann man beobachten.