Neuguinea, die zweitgrößte Insel der Welt, und seine anliegenden Inseln werden als Teil des Kontinentes Aus-tralien angesehen. Die beiden Teile der Kolonie Deutsch Neuguinea, die zur australischen Welt gehören, sind das Kaiser-Wilhelms-Land und das Bismarck-Archipel. Bei-de bilden auch wirtschaftlich gesehen eine einheitliche Welt und so sind sie auch durch Reichspostdampfer, die regelmäßig der Reihe nach Häfen im Kaiser-Wilhelms-Land und im Bismarck-Archipel anlaufen, verbunden und über weitere Häfen im nicht-deutschen Bereich, Hongkong, Singapur oder Sydney als Endhäfen, mit dem Weltverkehr. Auf diesen drei Linien verkehren die Reichspostdampfer, um den australischen Teil von Deutsch Neuguinea mit der Welt zu verbinden.
Die größeren Häfen auf diesen Routen haben Kais und/oder Piers, die kleineren oft nur eine geschützte Reede mit einer hölzernen Rampe oder nur einen Strand von dem aus Waren und Menschen mit Booten vom Schiff zum Strand und umgekehrt befördert werden.
Eine solche Reise auf den Fahrgäste und Fracht beför-dernden Schiffen ist für Passagiere in der ersten oder zweiten Klasse mit einem Kajütplatz eine angenehme Fahrt, die als Gäste mitfahrenden Eingeborenen können sich für ihr weniges Geld aber nur einen Platz auf den Decksplanken leisten. Für sie werden aber gegen Sonne und Regen Planen aufgespannt. Zu den Deckspassagie-ren gehören zum Beispiel finishtimer, die ihren dreijäh-rigen Arbeitsvertrag erledigt haben und mit ihrer mit Schloß versehenen Kiste, in der ihre erworbenen Kost-barkeiten geschützt liegen, in die Heimat zurückkehren. Andere Decksgäste sind die Wallfahrer nach Mekka aus Holländisch Indien. Da oft Schweine an Deck als lebende Frischfleischreserve mitgenommen werden, müssen natürlich die Schweine und die mohammedanischen Pilger so weit wie nur möglich voneinander getrennt werden, um die schweineverachtenden Mohammeda-ner nicht zu verärgern.
Im ›Feldlager‹ der Gäste auf Deck herrscht schon am frühen Morgen ein eifriges Waschen, Schmoren und Teekochen und ein vielstimmiges Palaver, während die Kajütpassagiere noch in ihren Kojen liegen. Aus Ge-päckstücken, Strohmatten und Decken haben die halb-nackten braunen Bordgäste Buden für ihre Familien oder Reisegruppen errichtet und Kochen auf Kohle-feuern ihre Mahlzeiten, die sie selbst mit an Bord ge-bracht haben oder in den Häfen von fliegenden Händ-lern kaufen, die die eingelaufenen Schiffe umlagern, denn den Decksgästen wird nur Trinkwasser für die Reise geboten.
Aber auch für die besser betuchten Tropenreisenden mit Vollverpflegung an Bord wird es unangenehm, wenn der Dampfer an einem Kohlenpier festmachen muß, um neu zu Kohlen. Um den schwarzen Staubwolken beim Kohlen zu entgehen, flüchten sie an Land, während einen Tag lang – Tag und Nacht – hunderte von Tonnen Kohlen von Kulis in Bambuskörben in die Bunker des Schiffes geschüttet werden. Erst nach dem großen Rei-nemachen kehren die Gäste aus der ersten und zweiten Klasse von ihrem Landausflug zurück.
An Bord ist zwar das Glücksspiel für die malaiische und chinesische Mannschaft verboten, aber die leiden-schaftlichen Spieler finden immer wieder Plätze an Bord, wo sie unbeobachtet dem Glücksspiel nachgehen können. Dadurch kommt es zuweilen zu Schlägereien der Malaien und Chinesen untereinander. Die weiße Crew muß dann gegen beide Parteien mit Gewalt vor-gehen, um die malaiischen Matrosen und das chinesi-sche Maschinenpersonal wieder zur Vernunft zu brin-gen.
Sind Rinder oder Pferde an Hafenplätzen ohne jede Anlandemöglichkeit von Bord zu bringen, wird ein Teil der Reeling abmontiert und alle scharfen Kanten ringsrum mit weichen Matten gepolstert, damit wild-werdende Tiere sich nicht auf Deck verletzen. Die Tiere werden dann zur Bordkante geführt und einfach ins Wasser gestoßen, von wo sie dann zum Strand schwim-men – soweit die Theorie, der ein ausgewachsener Bulle aber oft nicht zu folgen vermag. So haben die aus sicherer Entfernung zuschauenden Passagiere ihren Spaß, wenn braune und gelbe Gestalten der Decks-mannschaft versuchen ein widerstrebendes Hornvieh von Bord zu schubsen, insbesondere wenn ein Bulle in seiner Wut den Kopf senkt und mit seinen Hörnern zum Angriff übergeht. Ist das Rindvieh endlich über Bord – seine Hörner sind mit einem langen Tau um-wickelt, dessen anderes Ende einem Boot zugeworfen wurde, das das Tier ans Boot zieht und neben sich her zum Strand schwimmen läßt – muß das an Land ange-kommene Rindvieh, das das Tau hinter sich herschleift, eingefangen werden und viele Männer stürzen sich auf das Tau, um das wegrennende Tier zu Stillstand zu bringen. Dabei können schon mal ein Dutzend Schwarze eine Weile durch den Sand geschleift werden.
Bei jedem Anlegen oder Ankern des Schiffes nutzen die Passagiere die Gelegenheit an Land zu gehen. Bei den Einheimischen kann man bei den Landgängen auch oft für Tabak, Glasperlen, Streichhölzer, Taschenspiegel, Angelhaken und dergleichen interessante Souvenire eintauschen. Die Besatzung tut das Gleiche, aber als Handelsobjekt zum Weiterverkauf der Souvenire wie Speere, Schildplatt und Schildkrötenpanzer an Reisende etwa in Singapur mit gutem Gewinn.
Aus den Mitteilungen der Gesellschaft für Erdkunde und Kolonialwesen zu Straßburg im Elsaß [zugleich Abteilung Straßburg der Deutschen Kolonialgesell-schaft] für das Jahr 1913 finden wir an Auskünften, daß von außerordentlicher Wichtigkeit die Schaffung von Landwegen auf den Inseln und im Kaiser Wilhelmsland ist, da die dürftigen Fußpfade der Eingeborenen natür-lich einem Verkehr größerem Maßstabs in keiner Wei-se genügen. Tatsächlich sind auf einigen kleineren und größeren Inseln schon zahlreiche Wege angelegt wor-den. Stellenweise sind, wie auf Nordwest-Neumecklen-burg dank dem ungewöhnlichen Verwaltungsgeschicks des im April 1913 durch einen Schlaganfall verstorbenen Bezirksamtmanns von Neumecklenburg-Nord, Franz Boluminski, sogar ausgezeichnete Straßen in großer Länge erbaut worden. In den letzten Jahren haben auch in den deutschen Salomonen, auf Neu Hannover, auf den Fischer- und Gardener-Inseln, auf der Gazellehalb-insel und einzelnen Teilen des Kaiser Wilhelmslandes die Wegebauten sehr erfreuliche Fortschritte gemacht. Aber ganz besonders im Kaiser Wilhelmsland, wo zwar einzelne Flüsse brauchbare Verkehrswege darstellen, sind die Binnenverbindungen noch äußerst dürftig.
Die Bedeutung des Baues von Straßen für die Verwal-tung und die Wirtschaft sieht man in Nordneumeck-lenburg, wo die neu angelegte Straße zu außerordent-lichen Fortschritten bei der Befriedung, der Erhebung der Kopfsteuer und der wirtschaftlichen Nutzbarma-chung geführt hat.