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Wirtschaft I

Noch als kaiserlicher Beamter der Kolonie Neuguinea sorgt Albert Hahl 1899 dafür, daß das Recht, Land von den lokalen Dorfgemeinschaften zu erwerben oder un-bewohntes Gebiet einfach in Besitz zu nehmen, aus-schließlich beim Gouvernement liegt, das beim Weiter-verkauf genau darauf achtet, daß keine Besitzrechte der Einheimischen verletzt werden.

Seit 1902 ist Hahl dann Gouverneur und seit 1903 wer-den darüber hinaus die bestehenden Besitzverhältnisse auf ihre Richtigkeit überprüft. So werden zwischen 1903 und 1914 über 5.740 ha, die bereits in den Besitz euro-päischer Pflanzer übergegangen waren, wieder an die Dorfgemeinschaften zurückgegeben und insgesamt 70 unveräußerliche Reservate mit einer Gesamtgröße von 13.115 ha geschaffen.

Jedem Neuguineer muß mindestens ein Hektar Land zum Siedeln und Bebauen zur Verfügung stehen. Auf diesem Land sollen dann vornehmlich sogenannte »Cash Crops«, exportfähige Waren der Landwirtschaft, also in Deutsch Neuguinea vor allem Kokosnußpalmen, gesetzt werden. Auf diese Weise will Hahl erreichen, daß die Neuguineer selbst am kolonialen Wirtschafts-system teilhaben und nicht gezwungen sind, auf euro-päischen Plantagen zu arbeiten.

1914 kommt fast die Hälfte des Kopra-Exportes von der Gazelle-Halbinsel aus dem Anbau der Einheimischen, während die Festland-Bevölkerung um Friedrich-Wil-helmshafen durch den Verlust ihrer Ländereien zur Arbeit auf den Plantagen gezwungen ist.

Hahl erstellt auch detaillierte Bestimmungen für die einheimischen Arbeiter hinsichtlich Lohn, Dauer der Arbeit und medizinischer Versorgung.


Die wirtschaftliche Erschließung Deutsch Neuguineas hängt entscheidend von Seeverbindungen und guten Wegen und Straßen auf den Inseln ab. Die Ausnutzung des Bodens und der natürlichen Reichtümer ist bis in die ersten Jahre des zweiten Jahrzehnts des neuen Jahr-hunderts nur auf vielen der kleineren Inseln durchge-führt, während auf den größeren und auf Neuguinea selbst die ökonomische Ausnutzung noch nicht ins Innere vorgedrungen ist. Aber die Herstellung von leistungsfähigen Verkehrsverbindungen ist nur eine der Grundbedingungen für eine gedeihliche Entwicklung der Kolonie. Vor allem ein gutes Verhältnis zu den Ein-geborenen ist wichtig für die wirtschaftliche Entwick-lung, denn die Eingeborenen stellen die Arbeitskraft für die Wirtschaft. Gouverneur Hahl und seine Beamten auf den vorgeschobenen Posten haben dafür die beste Arbeit geleistet mit einer vorsichtigen und menschen-freundlichen Politik, wenngleich auch 1912 und 1913 eine Zunahme von Morden und Überfällen zu ver-zeichnen ist, die aber eben im Zusammenhang mit der sich beschleunigenden Erschließung des Inneren der Inseln zu sehen sind und dem dadurch vermehrten Zusammentreffen von Weißen und Steinzeitmenschen.


Fast überall in der Kolonie gibt es einen Arbeitskräfte-mangel. In den Anfangsjahren der Kolonie hatte man deshalb Chinesen und Malaien nach Deutsch Neu-guinea geholt. Aber der Ausfall durch Krankheiten, insbesondere durch Malaria, bei diesen Arbeitern war erschreckend hoch, weil die Chinesen und Malaien den schwierigen klimatischen Bedingungen weniger ge-wachsen sind. Deshalb mußte man auf die Anwerbung von einheimischen Kräften übergehen. Von den geblie-benen Chinesen und Malaien sind viele nun in Auf-sichtspositionen über die angeworbenen einheimischen Arbeiter.

Bei der Anwerbung darf keinerlei Zwang ausgeübt wer-den, alles ist dazu gesetzlich geregelt. Jugendliche unter 14 Jahren dürfen nur für leichtere Arbeiten herangezo-gen werden. Und jeder Arbeiter muß vor und nach Ab-lauf seines Vertrages ärztlich untersucht werden, auch deshalb, damit sich keine ansteckenden Krankheiten verbreiten.

Je mehr Plantagen entstehen, desto mehr Arbeiter wer-den benötigt. Dafür müssen immer neue Gebiete für die Anwerbung erschlossen werden. Gleichzeitig ist es not-wendig genügend Leute in den Dörfern zu belassen für die Feldarbeit, damit keine Hungersnot entsteht. Die Jüngeren haben meist nichts dagegen von den schwar-zen oder weißen Anwerben geworben zu werden, weil sie die Lust auf das Neue in einer anderen Welt treibt und sie dafür auch noch bezahlt werden. Die Älteren in den Dörfern sehen die Anwerber nicht so gern. Sie wissen um den Verlust von Arbeitskräften für die Feld-arbeit und die Jungen werden zum Schutz vor Überfällen aus anderen Dörfern gebraucht. Ja selbst innerhalb ei-nes Dorfes bekämpfen sich zuweilen verschiedene Sip-pen und jeder an die Anwerber verlorene Mann ist dann auch eine Schwächung der eigenen Stärke.

Ist die Anwerbung in einem Dorf erfolgreich, so zahlt der Werber ein Handgeld in Form von Äxten, Busch-messern, bunten Lappen oder Tabak an die Familie oder den Big Fellow Man, wie man die Beherrscher der Dörfer auf Pidgin-Englisch nennt. Alle aus Eisen hergestellten Geräte, insbesondere natürlich Beile, sind für die Stein-zeitmenschen besonders wertvoll und begehrenswert. Den Angeworbenen wird später am Bestimmungsort ein Vertragstext vorgelesen (laut Berliner Vorschrift in Gegenwart von »zwei Zeugen, die fließend deutsch und englisch« sprechen). Tatsächlich sieht es so aus, daß dem Neuangeworbenen das Wichtigste durch einen Dolmetscher in seiner Stammessprache mehr schlecht als recht erklärt wird. Anschließend soll der Angewor-bene das Dokument unterzeichen, was natürlich für einen völlig schreibunkundigen Menschen unmöglich ist. Deshalb malt der Beamte mit dem Federhalter drei Kreuze aufs Papier und der ängstlich danebenstehende Steinzeitmensch wird aufgefordert durch eine Berüh-rung des seltsamen Tintenstiftes seinerseits den Vertrag anzuerkennen.

Darauf folgt die Routineimpfung gegen Pocken. Der Angeworbene wird später die entstehende Narbe durch die Impfung als Spezialtätowierung ansehen, die ihn über die anderen seines Stammes erhebt. Die Ange-worbenen benennen sich auch in Pidgin-Englisch als boy, während die in der Heimat zurückgebliebenen als kanaka eingestuft werden oder auch als kanaka belong bush. Sie sind jetzt eben eine Stufe höher gestiegen.

Natürlich sucht jeder Arbeitgeber seine Leute gut zu verpflegen; denn andernfalls spricht sich das schnell herum, und niemand geht mehr zu ihm trotz schönster Versprechungen und hoher Lohnangebote. Alles ver-gessen und verzeihen Black-fellow-boys dem Master, nur nicht Sparsamkeit in der Eingeborenenküche.

Die Leistungen dieser Arbeiter können allerdings nicht mit denen eines weißen Arbeiters verglichen werden. Deshalb ist man in Neuguinea gezwungen, recht viele Arbeiter zu halten.  

Allgemein werden die jungen Leute auf drei Jahre ver-pflichtet, was oft zu Mißverständnissen führt, da ihnen ein Zeitraum von einem Jahr oder drei Jahren vollkom-men unbekannt ist. Die zurückgebliebene Dorfbevöl-kerung und die Angeworbenen glauben aus den drei erhobenen Fingern des Anwerbers drei Monde zu er-kennen. Wenn also die Vertragsarbeiter nach drei Mo-naten nicht wieder im Dorf erscheinen ist die Erregung und Enttäuschung groß. Kommt ein Anwerber dann wie-der in dieselbe Gegend ist er in Lebensgefahr. Es kann passieren, daß die Männer des Dorfes ihn erschlagen, weil sie meinen, er komme, um wieder junge Leute als Braten für einen Festschmaus zu holen.

Aufgrund dieser Erfahrungen läßt die Neuguinea Kom-pagnie die Erstangeworbenen aus einer Gegend nur ein paar Monate auf den Plantagen arbeiten und bringt sie dann reichlich mit Waren entlohnt in die Heimat zu-rück, woraufhin sofort andere bereit sind, sich ebenfalls anwerben zu lassen.

Trotz aller Vorschriften über die Anwerbungen von der deutschen Verwaltung kommen leider immer wieder unsaubere Geschäfte und Übergriffe gegen Dorfbe-wohner vor, wenn sich niemand anwerben lassen will. Der Richter ist weit weg und die deutsche Inselwelt in der Südsee zieht sich über tausende Kilometer hin.  

Für die Angeworbenen auf jeder Plantage gibt es für jede Gruppe einer Insel oder eines Stammes einen Obmann, der aus dem Stamm oder von der selben Insel kommt und sich als intelligent gezeigt hat, auf daß man ihn zum Vertrauensmann seiner Gruppe ernennen kann. Dieser Obmann zeigt seinen Leuten etwa anhand eines Stockes, mit jedem vergangenen Mond eine Kerbe eingeritzt, die Vertragsdauer an. Sind dreizehn Kerben eingeritzt, also ein Jahr vergangen, beginnt er eine neue Reihe. Drei Reihen voll, Vertrag erledigt.

Das Kerben in Holz oder Stein kennen die Eingebore-nen. Einem Deutschen wird erklärt: „Masta, es ist Tradi-tion bei uns, schöne Dinge in Form einer Kerbe fest-zuhalten. Das machen wir schon immer so. Eine Kerbe für jeden verspeisten Feind.“

Ist die Vertragszeit abgelaufen kaufen die glücklichen Heimkehrenden im Plantagenladen meist zu überhöh-ten Preisen Eisenbeile, Hacken, Hohlbeile zum Kanu-bau, Messer, Taschenspiegel, farbige Baumwollstoffe, bunte Glasperlen, Hüte, Spazierstöcke und anderen Klimbim. Eine abschließbare Holzkiste ist das Trans-portmittel für all diese Schätze. Haben die Vertrags-arbeiter nach langer Bootsfahrt ihr Dorf erreicht, sind all ihre Schätze nach dem Begrüßungsfest in das Eigentum der Großfamilie, der Sippe, des Dorfes übergegangen und die Männer sind so arm wie vor ihrer Abreise zur Arbeit bei den Weißen.


Aus den Mitteilungen der Gesellschaft für Erdkunde und Kolonialwesen zu Straßburg im Elsaß von 1913 über »Das Schutzgebiet Deutsch-Neu-Guinea in der Gegenwart« ergibt sich ein anschauliches Bild der Arbeitskräftelage in der Kolonie. So ist ein Haupt-problem für die europäische Plantagenwirtschaft die Anwerbung von genug Arbeitskräften. Auf allen Inseln sucht man Arbeiter für die Plantagen zu gewinnen und verpflichtet sie für drei Jahre und wenn sie den Vertrag verlängern sind sie sogar sechs Jahre von ihrer Heimatinsel weg. Diese lange Abwesenheit hat natürlich Folgen für das Leben der Inselbevölkerung, wenn ein Teil der erwachsenen männlichen Bevölkerung im Dienst von Weißen entfernt von ihren Inseln und ihren Familien stehen. So sind etwa 1911 an der Ostküste der Salomoneninsel Buka 28 % der erwachsenen männ-lichen Bevölkerung zwischen 17 und 35 Jahren ange-worben und auf Jahre von ihrem Zuhause weg. Dazu wird auch vermehrt die Anwerbung von Frauen betrieben. Um dem entgegenzuwirken hat die deutsche Ver-waltung anfänglich für Nord- später auch für Süd-Neumecklenburg die Anwerbung unverheirateter Mäd-chen ganz verboten und die Anwerbung verheirateter Frauen nur noch gemeinsam mit ihren Männern ge-stattet.

Im August 1913 werden in der Gardener Gruppe 2007 männliche Personen und 1476 weibliche Personen ge-zählt. Die Zahl der männlichen Angeworbenen und nicht auf der Insel befindlichen Personen beträgt 421, der weiblichen 44. Ähnlich sehen die Verhältnisse auf an-deren Inselgruppen aus. Neben den allgemeinen Nach-teilen der Arbeit weit entfernt von Heimat und Familie kommt die Krankheitsverschleppung hinzu.

Bei der Gouvernementsratssitzung des Schutzgebietes Neu Guinea am 13. November 1913 wird festgestellt, daß aus Stichproben der letzten 26 Jahren die Sterblichkeit der Angeworbenen von einem Viertel und noch höher auf ihren Arbeitsstellen auf 3 % bis 1½ % gesunken sei. Es wird beschlossen, daß eine demnächst auszurüstende Expedition die Gesundheitsverhältnisse der Eingebore-nen genauer untersuchen soll.

Ein weiteres Problem bei der Arbeiteranwerbung sind die örtlichen Gewohnheiten wie im größten Teil des Bismarck-Archipels und in den deutschen Salomonen, wo nach Stammesüberlieferungen Feldarbeit Sache der Frauen ist und so die Männer dieser Gegenden nur außerhalb dieser Regionen Landarbeit annehmen, um keinen Prestigeverlust zu erleiden und dafür zu Plan-tagen weit entfernt von ihrer Heimatgegend transpor-tiert werden müssen. Durch sorgfältige Vorkehrungen und Bestimmungen der Kolonialregierung hat sich das Ansehen der Kontraktarbeit bei den Einheimischen ver-bessert und es gelang bisher den Arbeitskräftebedarf für den Pflanzer, den Kaufmann und die Phosphatgesell-schaft zu decken.

Auch durch das immer weitere Vorschieben der Verwal-tung in bisher von der Welt der Weißen noch unbe-rührte Gebiete wurden neue Anwerbemöglichkeiten geschaffen. So wurden 1910 im Kaiser-Wilhelmsland, dem Bismarck-Archipel und den deutschen Salomonen 6428 Arbeitskräfte angeworben, 1911 7542 und 1912 8261. 1912 konnten im Inselgebiet dazu 1007 Arbeitskräfte angeworben werden, dem ersten Jahr, in dem Anwer-bungen im deutschen Mikronesien statistisch erfaßt wurden. Die weitere günstige Entwicklung der Wirt-schaft, absehbar etwa an der Nachfrage an Land von Europäern für Plantagen, wird auch weiterhin eine ver-mehrte Anzahl von Arbeitskräften benötigen oder man wird durch Betriebsverbesserungen mit weniger Arbei-tern mehr leisten müssen, denn ein Mangel an Arbei-tern ist schon jetzt spürbar.

Um nicht auf Chinesen, Malaien oder gar Neger als Arbeitskräfte zurückgreifen zu müssen, und sie folglich nach Deutsch Neuguinea zu importieren, bleibt nur noch das weite unerschlossene Inland des Kaiser Wil-helm Landes als Reservoir für die Anwerbung.

Als letzte Möglichkeit bleibt durch beste Gesundheits-fürsorge und alle möglichen Maßnahmen, wie etwa die vorgeschlagene Steuerverminderung oder Steuerbefrei-ung für kinderreiche Väter, die Bevölkerung zu vermeh-ren für die zukünftige Sicherung der notwendigen Ar-beiterschaft im Schutzgebiet.

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Verwaltung I

Für eine wirkungsvolle und reibungslose Verwaltung ernennt Gouverneur Albert Hahl, der von 1902 bis 1914 das Amt führt, auf Neuguinea und dem Bismarck-Archipel »farbige Ortsvorsteher«, die Luluais, die die Brücke zwischen der deutschen Verwaltung und den Einheimischen bilden. Meist ist der Luluai ein früherer Arbeiter der Neuguinea Kompagnie und spricht Pidgin-Englisch. So kennt er die Verhältnisse bei Weiß und Schwarz und kann sich mit beiden verständigen. Durch seine ehemalige Anstellung bei den Weißen hat er automatisch einen höheren Rang bei der Bevölkerung.

Der Titel Luluai ist geschickt gewählt, bedeutet er doch in der Sprache der Tolai ›Kämpfer‹, ›Held‹. Um die Be-deutung der Luluais gegenüber der Bevölkerung weiter zu heben bekommen sie eine Dienstmütze, eine Art Marschallstab und einen Ausweis mit einem großen Amtsstempel.

Die kleineren Verwaltungsangelegenheiten und die nie-dere Rechtssprechung ist den Luluais übertragen. Sie regeln Rechtsstreitigkeiten in Übereinstimmung mit den traditionellen Gebräuchen. Das System eingebore-ner Mitverwaltung durch die Luluais erweist sich als sehr wirksam für die innere Sicherheit der Kolonie und die Erschließung des Hinterlandes.

Mit der Möglichkeit von freiwerdendem einheimischen Personal, das unter deutscher Führung stand und ent-sprechend gedrillt ist, gewöhnlich aus dem Polizeidienst in ihre Dörfer zurückkehrende Söldner, gibt Hahl diese Leute den Luluais als ›Tultuls‹, als einheimische Assis-tenten bei.

Das Luluai-System setzt die willkürliche Herrschaft der bisherigen Oberhäupter im Land außer Kraft und ersetzt sie durch ein für alle Einheimischen gleich geltendes Recht.

Bei der Einführung der Luluais sind auch die Missionen mit ihren Landes- und Sprachkenntnissen als Mittler zwischen den Farbigen und der deutschen Verwaltung wichtig. Ein Luluai wird für seine Tätigkeit bezahlt und hat als Leistung für die koloniale Gesellschaft von Weiß und Farbig unbezahlte Arbeit seiner Untergebenen, meistens für Wegebau, als Steuerleistung zu stellen und hat seit 1906 auch die Kopfsteuer einzusammeln. Von der Kopfsteuer können die Luluais 10 % für sich be-halten. Dieser Anreiz führt natürlich dazu, daß die Lulais von selbst alle Steuerpflichtigen erfassen und sie Be-steuern, um selbst höchstmögliche Einnahmen zu erzie-len. Das Luluai-System trägt auch zur Einfügung der einheimischen Bevölkerung in die deutsche Kolonial-wirtschaft bei. 

Das Luluai-System kann nur in den unmittelbar die wei-ßen Siedlungen umgebenden Bereichen verbreitet wer-den, da es sich schließlich auf die Macht der deutschen Verwaltung stützt, die soweit reicht, wie die Polizeisol-daten der Kolonialverwaltung wirken können. Mit der Erweiterung des deutschen Einflusses von den von Wei-ßen besiedelten Küstengebieten von Neuguinea und den Inseln des Bismarck-Archipels erweitert sich auch das Gebiet unter der Verwaltung von Luluais ins Inland der Inseln und von Neuguinea.


Gouverneur Hahls Strategie zur Entwicklung der Ko-lonie besteht in einem Stufenplan. Zunächst werden Regierungsstationen als sichtbares Zeichen deutscher Herrschaft gegründet. Dann folgt die Ernennung von Luluais für die verwaltungstechnische Durchdringung des Gebietes der Regierungsstation. Danach erfolgt die Einführung einer vierwöchigen Arbeitspflicht für alle Männer. Die Arbeitspflicht wird hauptsächlich im Stra-ßenbau abgeleistet. Anschließend erfolgt anstelle der Arbeitspflicht die Erhebung der Kopfsteuer durch den Luluai. Die Durchführung der einzelnen Schritte wird flexibel gehandhabt.

Zur Einschüchterung von Dörfern, die ihren Pflichten, wie zum Beispiel Wegebau, nicht gut genug nachkom-men, gibt es eine besondere Methode, wenn diese Dör-fer an der Küste liegen. Der örtliche Polizeimeister, im Wissen, daß in nächster Zeit ein Kriegsschiff vor Ort eintreffen wird, erklärt den Leuten in Pidgin-Englisch: „Ihr faul gewesen. Wenn Kriegsschiff kommt, dann wird Kapitän das Stück Sonne, das er vom großen Geist be-kommen hat, in den Busch und in eure Hütten hinein-leuchten lassen, und der große Geist wird sehen kön-nen, was ihr des nachts im Busche treibt.“

Kommt nun das Kriegsschiff vorbei, strahlt es nachts mit seinem Scheinwerfer in das Dorf und seine Um-gebung. Kaum ist der Scheinwerfer aufgeblitzt und sein Lichtkegel schweift herum, schreit es aus hundert angsterfüllten Kehlen im Busch und in den Palm-blatthütten, durch deren dünne Wände das starke Scheinwerferlicht hindurchdringt. Männer, Frauen und Kinder rennen in Todesangst durcheinander und das Ansehen des Polizeimeisters und die Disziplin der Einheimischen sind gewaltig gewachsen.


Aus einem Bericht des Vermessungsschiffes SMS Planet von seiner großen Forschungsfahrt von 1906:

»Die Beruhigung der eingeborenen Bevölkerung schrei-tet stets vorwärts; dort wo Regierungsstationen sind, ist der Friede gesichert, aber auch nur dort. Besonders Neuguinea ist in dieser Hinsicht unsicher. Selbst an der Küste, wo die beiden Regierungsstationen Friedrich-Wilhelms-Hafen und Eitape sowie die Missionssta-tionen die Küstenvölker in Ruhe halten, kann durch plötzlichen Einbruch eines Stammes der Bergvölker der Friede jederzeit gestört werden. Hie Bergstamm, hie Küstenstamm; beide bekriegen sich in grimmiger Fehde wie auf den Admiralitätsinseln die Manus mit den Usiai. Kannibalismus ist außerhalb der Machtsphäre der Re-gierung noch in vollem Gange; schon in der Sprache einzelner Stämme gibt sich dies kund; so findet man auf der Gazellehalbinsel für Gras den Ausdruck Kumba na virua = Lager für die Aufzuessenden oder auch poka na virua = wo man die Aufzuessenden zerwirkt

Das innere von Neuguinea ist ein völlig unsicheres Ge-biet, in das der Arm der Regierung noch nicht reicht. Gelegentliche Strafzüge der Polizeitruppe sind nahezu erfolglos, da sich die Eingeborenen sofort in das unweg-same Innere flüchten. Vermehrung der Polizeistationen und Wegebau werden hier erst Besserung schaffen. Vor-läufig wird mit stetem Grenzkrieg zu rechnen sein.

Irgendwelche Verbände unter den Eingeborenen – Sippen – fehlen. Es fehlt bei den Wilden der Begriff des einheitlichen Zusammenwirkens. … Allmählich kommt Ordnung in diese ungeordneten Zustände und bereits sind durch die Regierung Verbände eingeführt mit ei-nem Oberhaupt (luluai), der auch äußerlich durch Ver-leihung eines Stabes mit silbernem Kopf kenntlich ge-macht ist. Weiter geschieht die Erziehung der Eingebo-renen durch Frohne, Kopfsteuer, Schutzländereien, An-bauzwang unter Aufsicht, Pflege der Gesundheit und Errichtung von Handwerkerschulen neben den Missi-onsschulen.«


Zuweilen ergibt sich ein Problem bei der Anwerbung von Arbeitskräften von Küstenstämmen. Wenn die jun-gen kräftigen Männer auf Plantagenarbeit gehen sind ihre Dörfer den im Inland in den Bergen lebenden Stäm-men schutzlos ausgeliefert. Einige Bergstämme nutzen die Gelegenheit und überfallen diese Küstenstämme. Dann muß die deutsche Verwaltung mit Polizeistraf-aktionen gegen diese Bergstämme vorgehen.

Der Bezirksamtmann Full mit Sitz in Herbertshöhe er-zählt 1908: „Geges aus Buntur, der war kein Freund der Weißen. Er überfiel die Küstendörfer, die zu uns halten, und nahm stets reiche Beute an Menschenfleisch mit zurück in die Berge. Bei unserer Gegenaktion wurden er und acht seiner Leute erschossen. Wir selbst hatten keine Verluste. Wie wir dann hörten, hatte er die Leichen immer ausnehmen lassen und die Körperhöhle mit Bananen und Taro gefüllt, genauso wie bei uns zu Hause die Weihnachtsgänse gefüllt werden.“


Die Missionen sind Träger der Schulbildung als Teil ihrer selbstgestellten Aufgabe der Missionierung der Eingeborenen. Die Eingeborenen haben aber ihre eige-nen Vorstellungen über ihre Missionierung. Eine Ge-schichte besagt, daß in einer Missionskirche auf Neu-pommern die Kirchgänger nach jedem Gottesdienst ein Stück des vielbegehrten Stangentabaks erhielten. Der neu herausgekommene Bischof schafft diesen Brauch ab und muß sehr bald eine starke Abnahme des Kirchenbesuches erleben. Er reist deshalb auf die Dörfer und erkundigt sich nach dem Grund, worauf er prompt überall dieselbe Antwort erhält: „No more tobacco, no more hallelujah.“


1913 ist man in der topographischen Erforschung Deutsch Neuguineas so weit, daß die Schaffung einer 17 Blatt-Karte von Kaiserwilhelmsland und dem Bismarck-archipel im Maßstab 1 : 300.000 in Angriff genommen werden kann, aber weite Flächen werden auf den Karten noch leer bleiben. Deutsch Neuguinea ist von allen deut-schen Kolonien noch am wenigsten erforscht, auch we-gen seiner schwer zugänglichen Gebirgswelten. Desglei-chen zeigt auch ein Vergleich der Landverkehrswege und der wirtschaftlichen Entwicklung, daß es gegenüber den übrigen Kolonien entschieden zurückliegt, und das-selbe gilt von der politischen Befriedung der Eingebo-renenbevölkerung, die allerdings oft noch auf Steinzeit-niveau lebt und folglich unendlich fern einer europäi-schen Vorstellung von Gesellschaftsordnung ist, der sie sich nun einfügen soll. Deutsch Neuguinea hat eben mit seinen Steinzeitmenschen von allen deutschen Kolo-nien die zurückgebliebenste Bevölkerung.   

Der Ethnologe Karl Sapper schreibt 1913: »Wie wäre es, wenn man der Regierung des Schutzgebiets dauernd einen erfahrenen taktvollen Ethnologen, der volles Ver-ständnis für die Eingeborenen besäße, als Berater in allen Eingeborenen-Angelegenheiten beigäbe?«

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Missionen

Das Küstengebiet des nördlichen Kaiser-Wilhelms-Landes bis zur Astrolabebai im Westen ist Missions-gebiet der evangelischen Neuendettelsauer Mission. Die Mission hat 15 Stationen aufgebaut, die von ihren Missionaren mit deren Frauen betrieben werden. Sie sucht die Jugend im Lande durch Sonntagsgottesdienste und Schulen zu christianisieren. Dafür werden die Eingeborenensprachen erforscht und durch Verfassen von christlichen Liedern in diesen Sprachen und die Übersetzung von Bibelgeschichten immer mehr Lehr-mittel für den religiösen Unterricht gewonnen.

Die Schulen der Neuendettelsauer Mission sind soge-nannte Kostschulen. Die Kostschüler treten freiwillig ein und erhalten Unterricht, freie Kost und Bezahlung. Täglich werden etwa drei Stunden Unterricht abge-halten und im übrigen werden die Schüler zur Arbeit angehalten.

Ein Problem bei der Christianisierung und dem Schul-betrieb sind die außerordentlich vielen verschiedenen Sprachen in Neuguinea und so führt die Neuendettels-auer Mission die Jabim-Sprache als Standardsprache in ihren Missionsstationen als Kirchen- und Schulsprache ein.

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Anmerkung

Die gleich nördlich von Australien liegende Insel Neu-guinea wird dem Kontinent Australien zugerechnet, während die im weiten Pazifik liegenden deutschen Inselgruppen keine geographische Verbindung zu Neu-guinea oder Australien haben.

Geographisch beschreibt man Neuguinea und die anlie-gende Inselwelt als Melanesien, weshalb der deutsche Anteil auch Deutsch Melanesien genannt wird, während die deutschen Inselgruppen weit nördlich davon zu Mikronesien gehören und auch als Deutsch Mikrone-sien bezeichnet werden.

Auch rassisch sind die Menschen in Melanesien und Mikronesien verschieden. Die Melanesier haben eine schwarze negroide Erscheinung, während die Mikrone-sier braune Menschen mit mehr europäisch-anmuten-den Gesichtszügen sind.

Da der deutsche Teil von Neuguinea mit dem anliegen-den Bismarck-Archipel auch eine wirtschaftliche Ein-heit bilden werden sie als australische Welt der deut-schen Südsee beschrieben.

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Die Menschen

Über das ganze Gebiet des Kaiser-Wilhelms-Landes und des Bismarck-Archipels – also des deutschen Anteils an der Insel Neuguinea und den Neuguinea vorgelagerten Inseln – gibt es bei den Einheimischen Kannibalismus; mal stärker, mal schwächer ausgeprägt. Einen Toten nicht aufzuessen „ist reine Verschwendung, das Fleisch ist doch da“, hören die Missionare. 90 Prozent aller Opfer des Kannibalismus fallen in dafür extra geführten Kriegen an. Dabei geht es nicht nur darum, die Kraft des Gefangenen zu sich zu nehmen, sondern einfach um Fleisch. Denn in Neuguinea fehlen Schlachttiere. Die wilden Schweine sind tabu. Nächtliche Dorfkriege füllen den Kochtopf.

Es gibt aber auch berechnete Morde in Friedenszeiten, wo man mit Magie herauszufinden versucht, wer schuld ist an Mißernten, Stürmen und Krankheiten und der herausgefundene Täter wird von der Gemeinschaft auf-gegessen. Zuweilen werden aber einfach auch nur die Schwächsten, welche ohne Hausmacht im Stamm sind, aufgegessen. Die Deutschen hören von unfaßbaren Bes-tialitäten an den Opfern, bevor sie geschlachtet werden.

Von der deutschen Verwaltung wird die Menschenfres-serei mit scharfen Maßnahmen unterdrückt. Gouver-neur Albert Hahl bestraft im Fall von Kannibalismus das ganze Dorf. Diese Strafmaßnahme hat er sich von den einheimischen Stämmen abgeschaut. Bei den Stammes-verbänden gilt immer nur die Gemeinschaft, nicht der Einzelne. Aber die deutsche Herrschaft ist auf die Küs-tenzonen begrenzt und im Inneren von Kaiser-Wil-helms-Land und auf den Inseln wird der alte Brauch selbstverständlich weiter betrieben. Doch auch in den unter deutscher Verwaltung stehenden Gebieten geht die Menschenfresserei weiter, nur eben nun im Gehei-men.

Dafür typisch ist der Fall eines Beamten, der auf einer Reise eine Schule besucht und einen kleinen Schüler leutselig und gewiß der Antwort fragt: „Na Kleiner, du hast doch wohl noch kein Menschenfleisch gegessen?“ Zum Schrecken und Entsetzen des verantwortlichen Lehrers erhält der Beamte aber die stolze Antwort: „Oh doch, vor vierzehn Tagen in den Ferien zu Hause!“

Sofort wird eine Untersuchung eingeleitet und findet als Ergebnis, daß der Junge im weit entfernten Heimatdorf als geehrter Gast und zukünftiger Tull-Tull (Regierungs-vertreter) an einem üppigen Feindesbratenschmaus teil-genommen hat. Das Dorf muß schwere Buße bezahlen. Die Herkunft des Opfers kann nicht geklärt werden. Man geht davon aus, daß die Dorfbewohner aus Schaden klug und vorsichtiger geworden sind, aber kaum gebes-sert.

Eine andere Sitte bei den Einheimischen auf Neuguinea und im Bismarck-Archipel ist die Witwenerdrosselung. Auf ihren eigenen Wunsch hin wird nach dem Tod des Ehemanns die Witwe erdrosselt. Hatte sie es gut bei ihrem Ehemann geht sie davon aus, daß sie es auch im Jenseits gut bei ihm haben wird. Die deutsche Ver-waltung geht mit aller Strenge gegen diesen Brauch an, aber wo der Arm der Polizeigewalt nicht hinreicht und im Geheimen wird die Witwenerdrosselung weiter be-trieben. 

Eine weitere Merkwürdigkeit für den Europäer ist die Zauberei bei den Einheimischen. Halten die Weißen die Zauberer für Scharlatane gibt es doch genug magische Ereignisse, die auch ein ›vernünftiger‹ Deutscher nicht einfach abtun kann. Unbegreiflich bleibt, wenn ein Ein-heimischer von einem Zauberer zum Tode verflucht wird, ohne daß der Betroffene davon weiß, aber trotzdem dann dahinsiecht und stirbt.


Kapitän Hans Minssen vom Reichspostdampfer Manila schreibt über die Eingeborenen: »Sämtliche Eingebore-nen besitzen aus erklärlichen Gründen mehr Kenntnis vom Körper und Knochenbau, Lage der wichtigsten inneren Teile wie Herz, Lunge, Magen, kurz, anatomi-sche Kenntnisse, als der Durchschnittseuropäer. Ohne Zweifel würde es auch fördernd auf unser Allgemein-wissen wirken, wenn wir wie der Kanake gute Nachbarn und dergleichen auf ihren Nährwert und Vitamingehalt abschätzen würden.«

Minssen schreibt auch: »Schädel- und Gehirnoperatio-nen stellen durchaus keine Seltenheit dar und gelingen häufig. Knochenbrüche werden mit Bambusplatten fachmännisch geschient und ein fester Verband von Bast oder Rotangstreifen darüber befestigt. Brüche im dicken Fleisch, zum Beispiel solche des Oberschenkels, behandelt der schwarze Herr Professor weniger freund-lich. Wie jeder berühmte Chirurg muß auch er seine Freude am Schneiden soviel wie möglich betätigen. Ein kräftiger tiefer Schnitt bis zum gebrochenen Knochen legt die Bruchstelle frei. Durch die Wunde zwängt er eine Bambusschiene, legt sie auf die zusammengefügten Knochenenden und schließt dann die Fleischlappen fest darüber. Die Wunde wird mit Heilkräutern verbunden und darauf das gebrochene Glied fest umwickelt, und das alles ohne Narkose. Ungefähr zehn Tage bleibt dieser Verband unberührt. Dann wird die Schiene herausge-nommen. … Kunstfehler kommen natürlich auch vor. Dann heißt es: Operation gelungen, Patient an der ver-kehrten Beschwörungsformel verstorben.«