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Expeditionen I

1907 wollen der Landmesser Fröhlich und Wilhelm Damköhler das Land vom Huon Golf zur Astrolabe-Bai durchqueren. Damköhler ist ein im Buschleben erfah-rener Mann, der nach einem Schiffsunglück von den Bewohnern der Insel Long Island, vor der Küste von Kaiser-Wilhelms-Land gelegen, als Sklave gefangen gehalten worden war. Zufällig kommt eine Gruppe von deutschen Anwerbern von Arbeitskräften in die Nähe des Dorfes, »um dort vielleicht noch mehr Leute zur Anwerbung zu bewegen«, wie der daran beteiligte Regierungsarzt Dr. Wendland schreibt. »Als wir aber einen Fußpfad einschlagen wollten, der augenscheinlich zu einer größeren Siedlung führte, traten uns die Ein-geborenen sofort mit drohenden Gebärden ihre Speere schwingend entgegen und redeten erregt in ihrer uns unverständlichen Sprache auf uns ein.

Da wir am Strand eben noch ganz freundschaftlich mit-einander verkehrt hatten, konnten wir uns ihre plötzli-che feindliche Haltung gar nicht erklären und ver-suchten weiterzugehen. Doch schon kamen aus dem Busch Pfeile geflogen, die zwar keinen verletzten, uns aber bewogen umzukehren.« In eben diesem Dorf war Damköhler gefangen, der dann natürlich befreit worden wäre, wie die Insulaner mit Recht befürchteten. Nach einem Jahr Gefangenschaft gelingt Damköhler schließ-lich die Flucht mit einem Kanu.

Bei ihrer Expedition vom Huon Golf zur Astrolabe-Bai durchqueren Fröhlich und Damköhler die in Luftlinie gemessene Strecke von 200 km in 17 Tagen und entdek-ken bisher unbekannte Stämme und Landstriche.

1909 ist Wilhelm Damköhler zusammen mit dem Deut-schen Oldörp vom Huon Golf unterwegs ins Landesin-nere. Eines Nachmittags werden sie von einer etwa 30 Mann starken Horde überfallen. Die beiden Deutschen können etwa 20 Angreifer erschießen. In dem 1911 erschienenen Band 2 des Lexikonwerkes DAS ÜBER-SEEISCHE DEUTSCHLAND findet sich als Beschrei-bung des Ereignisses:

»Damköhler war bespickt mit Pfeilen, 4 staken im Ober-arm, 1 in der Brust, 1 im Unterleib, 3 im rechten Bein, 2 im linken. Herrn Oldörp saßen 3 Pfeile in der Brust, 1 Pfeil im rechten Ober- und 1 im linken Unterschenkel. Damköhlers Wunden waren tödlich, da die im Oberarm sitzenden, mit Widerhaken versehenen Pfeile die Schlagader zerrissen hatten.«

Wilhelm Damköhler verblutet an seinen Verletzungen, während Oldörp nach sechs Tagen das Ausgangslager an der Küste erreichen kann.


Zum Abschluß seiner Expeditionen in Deutsch Neugui-nea macht Georg Friederici 1910 mit einem weißen Begleiter und dreißig Schwarzen einen zwölftägigen Marsch am Strand, oft im Regen, von Berlinhafen nach dem 120 Kilometer entfernten Hollandia im nieder-ländischen Teil von Neuguinea. In einem Brief schreibt er:

»Und wahrlich, es ist nicht immer leicht, nicht immer eine reine Freude, im Archipel, auf den Salomonen und Neuguinea zu arbeiten. Manches Mal in wüsten, schein-bar der Kultur für immer verschlossenen Wildnissen, auf stiefelvernichtendem, scharfen Gestein, im Wasser unten und oben, unfähig, durch andauernde Sturzregen zu arbeiten, von Ungeziefer aufgefressen, mit Haut-krankheiten belastet, angeekelt durch die Kanaken, wel-che häufig stark auf die Nerven fallen. Manches Mal habe ich mich da gefragt, wie ich nur so ein Narr sein konnte, mich freiwillig in derart gottverlassene Gegen-den zu begeben. Aber solche Augenblicke der Entmuti-gung sind schnell vorüber und vergessen. Wenn die Sonne des Südens wieder durchgebrochen ist mit soviel Wärme, mit soviel Licht, wenn der Wanderer halbwegs getrocknet und leidlich gesättigt abends am Lagerfeuer sitzt, umgeben von denselben Kanaken, die doch auch wieder gut sind und unter ihrer braunen Haut ein menschliches Herz haben…«


Im Frühjahr 1909 verhandelt das Reichskolonialamt mit der niederländischen Regierung über die Festlegung der gemeinsamen Grenze im Westen des Kaiser-Wil-helmslandes zwischen Deutsch Neuguinea und Nieder-ländisch Neuguinea. Die Landeskundliche Kommission des Reichskolonialamtes plante schon seit längerem eine große Forschungsexpedition nach Neuguinea; »sie mußte aber zurückgestellt werden, weil die hierfür er-forderlichen großen Mittel nur durch mehrjährige Rücklagen aus dem Afrikafonds bereitgestellt werden konnten«. Daher wird beschlossen, eine wissenschaft-liche Forschungsexpedition auszusenden, die neben der landeskundlichen Erforschung des Grenzgebietes auch die Vermessung der Grenze durchführen soll.

Im Februar 1910 beginnt die Deutsch-niederländische Neuguinea-Grenzexpedition. Expeditionsleiter und Grenzkommissar ist der Zoologe und Anthropologe Leonhard Schultze. Fünf Deutsche und sechs Holländer sind die weiteren Teilnehmer der Expedition. Im Februar/März 1910 ist die Expedition an der Mündung des Tami-Flusses. Dort ist sie vom Reichspostdampfer Manila angelandet worden. Doch schon bald nach ihrer Anlandung ist die Expedition fast gescheitert.

Der Hauptstützpunkt wurde gleich an der Landungsstel-le an der Flußmündung errichtet. Mehrere der schwar-zen Soldaten der Begleitmannschaft erklären den Wei-ßen aber, daß die Regenzeit bevorstünde und dann das Lager an der Flußmündung von den Wassermassen des Flusses weggeschwemmt würde. Aus Erfahrung mit dem Wissen der Eingeborenen wird schon im strömen-den Regen das Lager auf eine Erhöhung in der Nähe von Kap Germania verlegt. Natürlich wird zuerst das wich-tigste Material vom alten zum neuen Lagerplatz ge-tragen. Als nur noch geringe, nicht so wichtige Lasten verlegt werden müssen bricht im Morgengrauen eine Wasserlawine mit mächtigen Baumstämmen durch das Flußbett. Von der sicheren Höhe beobachten alle das stundenlange Naturschauspiel. Der alte Lagerplatz wird von den Wassermassen ins Meer gespült.

Als die Manila zwei Monate nach der Anlandung der Expedition noch einmal zu ihrer Versorgung die Fluß-mündung anfährt, ankert sie über der Stelle des ur-sprünglichen Lagerplatzes.    

Bei dem Versuch von der Tami-Flußmündung in dem sehr dünn besiedelten, dicht bewaldeten und äußerst regenreichen Gebiet auf dem Landweg vorzudringen, kommen die Teilnehmer der Expedition nicht weit. Man will zwar auch in freundschaftliche Beziehungen zu den umliegenden Stämmen treten, aber sämtliche Einwoh-ner fliehen und nehmen alle Schweine und Lebens-mittel mit, sodaß man auch keine Möglichkeit hat frischen Proviant zu erhandeln und Träger anzuwerben. Kasuare, straußenähnliche große Laufvögel, und über drei Kilo schwere Krontaube können aber in großer Zahl geschossen werden. Trotzdem kommt man nur etwa 40 Kilometer landeinwärts und kann soweit auch die Gren-ze vermessen. Daher wird beschlossen, den Kaiserin-Augusta-Fluß, auch Sepik genannt, und dessen Oberlauf mit dem Dampfschiff Pionier, einer Dampfschaluppe, und mehreren Kähnen mit Einheimischen zu erkunden. Sechs Tage fahren die Expeditionsteilnehmer flußauf-wärts. Am 19. Juli 1910 sieht sich die Expedition zur Umkehr gezwungen, da das Niedrigwasser eine Weiter-fahrt verhindert.

Im Herbst unternimmt die Grenzexpedition einen er-neuten Versuch, den Sepik stromauf vorzudringen. Den Forschungsreisenden stehen das holländische Kano-nenboot Edi, die Dampfer Pelikan und Java sowie die Dampfboote Pionier und Grenzjäger zur Verfügung. Am 10. September 1910 beginnt die Fahrt. Schon am 13. Sep-tember können die Dampfschiffe die Reise wegen Nie-drigwasser nicht mehr fortsetzen. Der Regierungsdamp-fer Pelikan bleibt dort, Edi und Java kehren zur Fluß-mündung zurück. Am 19. September 1910 muß dann auch die Pionier wegen des unzureichenden Wasser-standes umkehren. Die Boote werden gerudert oder von dem kleinen und wendigen Dampfboot Grenzjäger ge-schleppt.

Nachdem am 3. Oktober 1910 am Ufer ein Lager aufge-schlagen wurde, erreicht man am 20. Oktober das Ge-birge. Die Expedition überwindet eine enge Felspforte, in der das Wasser über eine eineinhalb Meter hohe Stufe strömt. Mit den flachen Booten der Einheimischen kann die Reise fortgesetzt werden. Am 30. Oktober werden die Stromschnellen im engen Flußbett so reißend, daß der Rückweg angetreten werden muß. Die deutsche Gruppe ersteigt einen Berg von fast 1500 m Höhe namens Peri-patus, wo sie sich vom 2. bis 13. November »zur Gewin-nung eines Überblicks über das Gebirge im Bereich der durchfahrenen Strecke des Sepik-Oberlaufs« aufhält. Am 26. November 1910 trifft die Expedition wieder an der Flußmündung ein. Im Februar 1911 werden die Arbeiten beendet: »Die Lage des Grenzmeridians konnte der Terrain- und Verpflegungsschwierigkeiten wegen nur in der Küstenregion am Tami-Fluß und am Kaiserin-Augusta-Fluß bestimmt werden«.

Der Sepik wurde auf einer Länge von 960 km erkundet. 1914 werden die Forschungs- und Vermessungsergeb-nisse sowie die daraus erstellten Karten veröffentlicht.