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Wirtschaft I

Noch als kaiserlicher Beamter der Kolonie Neuguinea sorgt Albert Hahl 1899 dafür, daß das Recht, Land von den lokalen Dorfgemeinschaften zu erwerben oder un-bewohntes Gebiet einfach in Besitz zu nehmen, aus-schließlich beim Gouvernement liegt, das beim Weiter-verkauf genau darauf achtet, daß keine Besitzrechte der Einheimischen verletzt werden.

Seit 1902 ist Hahl dann Gouverneur und seit 1903 wer-den darüber hinaus die bestehenden Besitzverhältnisse auf ihre Richtigkeit überprüft. So werden zwischen 1903 und 1914 über 5.740 ha, die bereits in den Besitz euro-päischer Pflanzer übergegangen waren, wieder an die Dorfgemeinschaften zurückgegeben und insgesamt 70 unveräußerliche Reservate mit einer Gesamtgröße von 13.115 ha geschaffen.

Jedem Neuguineer muß mindestens ein Hektar Land zum Siedeln und Bebauen zur Verfügung stehen. Auf diesem Land sollen dann vornehmlich sogenannte »Cash Crops«, exportfähige Waren der Landwirtschaft, also in Deutsch Neuguinea vor allem Kokosnußpalmen, gesetzt werden. Auf diese Weise will Hahl erreichen, daß die Neuguineer selbst am kolonialen Wirtschafts-system teilhaben und nicht gezwungen sind, auf euro-päischen Plantagen zu arbeiten.

1914 kommt fast die Hälfte des Kopra-Exportes von der Gazelle-Halbinsel aus dem Anbau der Einheimischen, während die Festland-Bevölkerung um Friedrich-Wil-helmshafen durch den Verlust ihrer Ländereien zur Arbeit auf den Plantagen gezwungen ist.

Hahl erstellt auch detaillierte Bestimmungen für die einheimischen Arbeiter hinsichtlich Lohn, Dauer der Arbeit und medizinischer Versorgung.


Die wirtschaftliche Erschließung Deutsch Neuguineas hängt entscheidend von Seeverbindungen und guten Wegen und Straßen auf den Inseln ab. Die Ausnutzung des Bodens und der natürlichen Reichtümer ist bis in die ersten Jahre des zweiten Jahrzehnts des neuen Jahr-hunderts nur auf vielen der kleineren Inseln durchge-führt, während auf den größeren und auf Neuguinea selbst die ökonomische Ausnutzung noch nicht ins Innere vorgedrungen ist. Aber die Herstellung von leistungsfähigen Verkehrsverbindungen ist nur eine der Grundbedingungen für eine gedeihliche Entwicklung der Kolonie. Vor allem ein gutes Verhältnis zu den Ein-geborenen ist wichtig für die wirtschaftliche Entwick-lung, denn die Eingeborenen stellen die Arbeitskraft für die Wirtschaft. Gouverneur Hahl und seine Beamten auf den vorgeschobenen Posten haben dafür die beste Arbeit geleistet mit einer vorsichtigen und menschen-freundlichen Politik, wenngleich auch 1912 und 1913 eine Zunahme von Morden und Überfällen zu ver-zeichnen ist, die aber eben im Zusammenhang mit der sich beschleunigenden Erschließung des Inneren der Inseln zu sehen sind und dem dadurch vermehrten Zusammentreffen von Weißen und Steinzeitmenschen.


Fast überall in der Kolonie gibt es einen Arbeitskräfte-mangel. In den Anfangsjahren der Kolonie hatte man deshalb Chinesen und Malaien nach Deutsch Neu-guinea geholt. Aber der Ausfall durch Krankheiten, insbesondere durch Malaria, bei diesen Arbeitern war erschreckend hoch, weil die Chinesen und Malaien den schwierigen klimatischen Bedingungen weniger ge-wachsen sind. Deshalb mußte man auf die Anwerbung von einheimischen Kräften übergehen. Von den geblie-benen Chinesen und Malaien sind viele nun in Auf-sichtspositionen über die angeworbenen einheimischen Arbeiter.

Bei der Anwerbung darf keinerlei Zwang ausgeübt wer-den, alles ist dazu gesetzlich geregelt. Jugendliche unter 14 Jahren dürfen nur für leichtere Arbeiten herangezo-gen werden. Und jeder Arbeiter muß vor und nach Ab-lauf seines Vertrages ärztlich untersucht werden, auch deshalb, damit sich keine ansteckenden Krankheiten verbreiten.

Je mehr Plantagen entstehen, desto mehr Arbeiter wer-den benötigt. Dafür müssen immer neue Gebiete für die Anwerbung erschlossen werden. Gleichzeitig ist es not-wendig genügend Leute in den Dörfern zu belassen für die Feldarbeit, damit keine Hungersnot entsteht. Die Jüngeren haben meist nichts dagegen von den schwar-zen oder weißen Anwerben geworben zu werden, weil sie die Lust auf das Neue in einer anderen Welt treibt und sie dafür auch noch bezahlt werden. Die Älteren in den Dörfern sehen die Anwerber nicht so gern. Sie wissen um den Verlust von Arbeitskräften für die Feld-arbeit und die Jungen werden zum Schutz vor Überfällen aus anderen Dörfern gebraucht. Ja selbst innerhalb ei-nes Dorfes bekämpfen sich zuweilen verschiedene Sip-pen und jeder an die Anwerber verlorene Mann ist dann auch eine Schwächung der eigenen Stärke.

Ist die Anwerbung in einem Dorf erfolgreich, so zahlt der Werber ein Handgeld in Form von Äxten, Busch-messern, bunten Lappen oder Tabak an die Familie oder den Big Fellow Man, wie man die Beherrscher der Dörfer auf Pidgin-Englisch nennt. Alle aus Eisen hergestellten Geräte, insbesondere natürlich Beile, sind für die Stein-zeitmenschen besonders wertvoll und begehrenswert. Den Angeworbenen wird später am Bestimmungsort ein Vertragstext vorgelesen (laut Berliner Vorschrift in Gegenwart von »zwei Zeugen, die fließend deutsch und englisch« sprechen). Tatsächlich sieht es so aus, daß dem Neuangeworbenen das Wichtigste durch einen Dolmetscher in seiner Stammessprache mehr schlecht als recht erklärt wird. Anschließend soll der Angewor-bene das Dokument unterzeichen, was natürlich für einen völlig schreibunkundigen Menschen unmöglich ist. Deshalb malt der Beamte mit dem Federhalter drei Kreuze aufs Papier und der ängstlich danebenstehende Steinzeitmensch wird aufgefordert durch eine Berüh-rung des seltsamen Tintenstiftes seinerseits den Vertrag anzuerkennen.

Darauf folgt die Routineimpfung gegen Pocken. Der Angeworbene wird später die entstehende Narbe durch die Impfung als Spezialtätowierung ansehen, die ihn über die anderen seines Stammes erhebt. Die Ange-worbenen benennen sich auch in Pidgin-Englisch als boy, während die in der Heimat zurückgebliebenen als kanaka eingestuft werden oder auch als kanaka belong bush. Sie sind jetzt eben eine Stufe höher gestiegen.

Natürlich sucht jeder Arbeitgeber seine Leute gut zu verpflegen; denn andernfalls spricht sich das schnell herum, und niemand geht mehr zu ihm trotz schönster Versprechungen und hoher Lohnangebote. Alles ver-gessen und verzeihen Black-fellow-boys dem Master, nur nicht Sparsamkeit in der Eingeborenenküche.

Die Leistungen dieser Arbeiter können allerdings nicht mit denen eines weißen Arbeiters verglichen werden. Deshalb ist man in Neuguinea gezwungen, recht viele Arbeiter zu halten.  

Allgemein werden die jungen Leute auf drei Jahre ver-pflichtet, was oft zu Mißverständnissen führt, da ihnen ein Zeitraum von einem Jahr oder drei Jahren vollkom-men unbekannt ist. Die zurückgebliebene Dorfbevöl-kerung und die Angeworbenen glauben aus den drei erhobenen Fingern des Anwerbers drei Monde zu er-kennen. Wenn also die Vertragsarbeiter nach drei Mo-naten nicht wieder im Dorf erscheinen ist die Erregung und Enttäuschung groß. Kommt ein Anwerber dann wie-der in dieselbe Gegend ist er in Lebensgefahr. Es kann passieren, daß die Männer des Dorfes ihn erschlagen, weil sie meinen, er komme, um wieder junge Leute als Braten für einen Festschmaus zu holen.

Aufgrund dieser Erfahrungen läßt die Neuguinea Kom-pagnie die Erstangeworbenen aus einer Gegend nur ein paar Monate auf den Plantagen arbeiten und bringt sie dann reichlich mit Waren entlohnt in die Heimat zu-rück, woraufhin sofort andere bereit sind, sich ebenfalls anwerben zu lassen.

Trotz aller Vorschriften über die Anwerbungen von der deutschen Verwaltung kommen leider immer wieder unsaubere Geschäfte und Übergriffe gegen Dorfbe-wohner vor, wenn sich niemand anwerben lassen will. Der Richter ist weit weg und die deutsche Inselwelt in der Südsee zieht sich über tausende Kilometer hin.  

Für die Angeworbenen auf jeder Plantage gibt es für jede Gruppe einer Insel oder eines Stammes einen Obmann, der aus dem Stamm oder von der selben Insel kommt und sich als intelligent gezeigt hat, auf daß man ihn zum Vertrauensmann seiner Gruppe ernennen kann. Dieser Obmann zeigt seinen Leuten etwa anhand eines Stockes, mit jedem vergangenen Mond eine Kerbe eingeritzt, die Vertragsdauer an. Sind dreizehn Kerben eingeritzt, also ein Jahr vergangen, beginnt er eine neue Reihe. Drei Reihen voll, Vertrag erledigt.

Das Kerben in Holz oder Stein kennen die Eingebore-nen. Einem Deutschen wird erklärt: „Masta, es ist Tradi-tion bei uns, schöne Dinge in Form einer Kerbe fest-zuhalten. Das machen wir schon immer so. Eine Kerbe für jeden verspeisten Feind.“

Ist die Vertragszeit abgelaufen kaufen die glücklichen Heimkehrenden im Plantagenladen meist zu überhöh-ten Preisen Eisenbeile, Hacken, Hohlbeile zum Kanu-bau, Messer, Taschenspiegel, farbige Baumwollstoffe, bunte Glasperlen, Hüte, Spazierstöcke und anderen Klimbim. Eine abschließbare Holzkiste ist das Trans-portmittel für all diese Schätze. Haben die Vertrags-arbeiter nach langer Bootsfahrt ihr Dorf erreicht, sind all ihre Schätze nach dem Begrüßungsfest in das Eigentum der Großfamilie, der Sippe, des Dorfes übergegangen und die Männer sind so arm wie vor ihrer Abreise zur Arbeit bei den Weißen.


Aus den Mitteilungen der Gesellschaft für Erdkunde und Kolonialwesen zu Straßburg im Elsaß von 1913 über »Das Schutzgebiet Deutsch-Neu-Guinea in der Gegenwart« ergibt sich ein anschauliches Bild der Arbeitskräftelage in der Kolonie. So ist ein Haupt-problem für die europäische Plantagenwirtschaft die Anwerbung von genug Arbeitskräften. Auf allen Inseln sucht man Arbeiter für die Plantagen zu gewinnen und verpflichtet sie für drei Jahre und wenn sie den Vertrag verlängern sind sie sogar sechs Jahre von ihrer Heimatinsel weg. Diese lange Abwesenheit hat natürlich Folgen für das Leben der Inselbevölkerung, wenn ein Teil der erwachsenen männlichen Bevölkerung im Dienst von Weißen entfernt von ihren Inseln und ihren Familien stehen. So sind etwa 1911 an der Ostküste der Salomoneninsel Buka 28 % der erwachsenen männ-lichen Bevölkerung zwischen 17 und 35 Jahren ange-worben und auf Jahre von ihrem Zuhause weg. Dazu wird auch vermehrt die Anwerbung von Frauen betrieben. Um dem entgegenzuwirken hat die deutsche Ver-waltung anfänglich für Nord- später auch für Süd-Neumecklenburg die Anwerbung unverheirateter Mäd-chen ganz verboten und die Anwerbung verheirateter Frauen nur noch gemeinsam mit ihren Männern ge-stattet.

Im August 1913 werden in der Gardener Gruppe 2007 männliche Personen und 1476 weibliche Personen ge-zählt. Die Zahl der männlichen Angeworbenen und nicht auf der Insel befindlichen Personen beträgt 421, der weiblichen 44. Ähnlich sehen die Verhältnisse auf an-deren Inselgruppen aus. Neben den allgemeinen Nach-teilen der Arbeit weit entfernt von Heimat und Familie kommt die Krankheitsverschleppung hinzu.

Bei der Gouvernementsratssitzung des Schutzgebietes Neu Guinea am 13. November 1913 wird festgestellt, daß aus Stichproben der letzten 26 Jahren die Sterblichkeit der Angeworbenen von einem Viertel und noch höher auf ihren Arbeitsstellen auf 3 % bis 1½ % gesunken sei. Es wird beschlossen, daß eine demnächst auszurüstende Expedition die Gesundheitsverhältnisse der Eingebore-nen genauer untersuchen soll.

Ein weiteres Problem bei der Arbeiteranwerbung sind die örtlichen Gewohnheiten wie im größten Teil des Bismarck-Archipels und in den deutschen Salomonen, wo nach Stammesüberlieferungen Feldarbeit Sache der Frauen ist und so die Männer dieser Gegenden nur außerhalb dieser Regionen Landarbeit annehmen, um keinen Prestigeverlust zu erleiden und dafür zu Plan-tagen weit entfernt von ihrer Heimatgegend transpor-tiert werden müssen. Durch sorgfältige Vorkehrungen und Bestimmungen der Kolonialregierung hat sich das Ansehen der Kontraktarbeit bei den Einheimischen ver-bessert und es gelang bisher den Arbeitskräftebedarf für den Pflanzer, den Kaufmann und die Phosphatgesell-schaft zu decken.

Auch durch das immer weitere Vorschieben der Verwal-tung in bisher von der Welt der Weißen noch unbe-rührte Gebiete wurden neue Anwerbemöglichkeiten geschaffen. So wurden 1910 im Kaiser-Wilhelmsland, dem Bismarck-Archipel und den deutschen Salomonen 6428 Arbeitskräfte angeworben, 1911 7542 und 1912 8261. 1912 konnten im Inselgebiet dazu 1007 Arbeitskräfte angeworben werden, dem ersten Jahr, in dem Anwer-bungen im deutschen Mikronesien statistisch erfaßt wurden. Die weitere günstige Entwicklung der Wirt-schaft, absehbar etwa an der Nachfrage an Land von Europäern für Plantagen, wird auch weiterhin eine ver-mehrte Anzahl von Arbeitskräften benötigen oder man wird durch Betriebsverbesserungen mit weniger Arbei-tern mehr leisten müssen, denn ein Mangel an Arbei-tern ist schon jetzt spürbar.

Um nicht auf Chinesen, Malaien oder gar Neger als Arbeitskräfte zurückgreifen zu müssen, und sie folglich nach Deutsch Neuguinea zu importieren, bleibt nur noch das weite unerschlossene Inland des Kaiser Wil-helm Landes als Reservoir für die Anwerbung.

Als letzte Möglichkeit bleibt durch beste Gesundheits-fürsorge und alle möglichen Maßnahmen, wie etwa die vorgeschlagene Steuerverminderung oder Steuerbefrei-ung für kinderreiche Väter, die Bevölkerung zu vermeh-ren für die zukünftige Sicherung der notwendigen Ar-beiterschaft im Schutzgebiet.