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Allgemeine Ereignisse II




Auf der Gazelle-Halbinsel, dem östlichen Teil der gro-ßen Insel Neupommern – ein Zentrum der deutschen Wirtschaft in der Kolonie Neuguinea – leben an der Küste eingewanderte Melanesier, die Tolai, und im Landesinneren die papuanische Urbevölkerung der Baininger. Die Melanesier unternehmen Beutezüge ins bergige Innere der Gazelle-Halbinsel, um sich bei den Bainingern mit Sklaven und Menschenfleisch zu ver-sorgen. Die Opfer müssen zunächst Feldarbeit leisten. Bei den zahlreichen Festen der Tolai werden sie dann geschlachtet und anschließend neue Menschen im In-land geraubt. Wenn man bei den Missionaren hört, daß wieder ein Zug mit gefangenen Baininger-Leuten unter-wegs ist, versucht man zumindest die gefangenen Kin-der zu retten und freizukaufen. Diese gelten wie Span-ferkel als zarte Leckerbissen.

Als die Tolai von der kleinen Insel Massawa wieder Baininger auf ihre Insel verschleppt haben, schickt die Missionsstation Wunamarita am Weberhafen, ganz im Westen der Gazelle-Halbinsel, ein Boot, um die Kinder freizukaufen. Die Missionare der Herz-Jesu-Mission aus Hiltrup in Westfalen können nur ein etwa vierjähriges Kind kaufen. Die Massawa-Insulaner bedauern, daß die Missionare nicht früher gekommen seien. Vor einem Monat hätten sie noch viele Kinder zu verkaufen gehabt. Da sie aber wegen der häufigen Stürme nicht fischen konnten, hätten sie die Kleinen aufgegessen. Für das nächste Mal wollen sie aber einige aufbewahren, ver-sichern sie den Missionaren.

Gouverneur Albert Hahl will der Sache ein Ende ma-chen und fordert die Massawa-Insulaner auf, ihre Skla-ven freizulassen. Als diese nicht nachgeben und gar mit Gewalt drohen läßt Hahl die Baininger-Sklaven befreien und nimmt den Insulanern ein beträchtliches Stück Land weg. Für die befreiten Sklaven baut die Herz-Jesu-Mission mitten im Urwald die Missionsstation und das Dorf Sankt Paul. Zwei der befreiten Sklaven führen nun aber eine Gruppe an, die am 13. August 1904 die Missi-onsstation angreifen und zehn Patres und Schwestern ermorden, einschließlich einer unbekannten Zahl von christlichen Bainingern. Zur Strafe werden mit Tolai-Polizisten Feldzüge gegen die Baininger geführt und erst nach Monaten kehrt wieder Ruhe in der Gegend ein.

Die Missionsstation Sankt Paul wird noch 1904 wieder-eröffnet und Gouverneur Hahl nimmt nun auch den Bainingern Land weg und siedelt dort im Urwald mit bis zu 80 m hohen Baumriesen im Hochland auf 600 m Höhe deutsche Bauernfamilien an. Im Schutze einer Polizeistation roden die Deutschen den Urwald und bauen bei guten klimatischen Bedingungen in der Höhenlage eine Siedlung auf. 1908 wird auch die Straße von der Siedlung zur Küste fertiggestellt.


Zu den Witu-Inseln gehört auch die fruchtbare, bergige und zum Teil wild zerklüftete Vulkaninsel Witu, die größte Insel der Gruppe. In der Mitte der Insel liegt der riesige Krater Johann Albrecht-Hafen mit einem Durch-messer von fünf Kilometern. Johann Albrecht-Hafen ist aber kein Hafen, weil der tiefe Krater kein ankern zuläßt und durch die mehrere hundert Meter hohen steilen Kraterwände kein Bau einer Landungsbrücke möglich ist. Benannt ist der Kratersee nach dem kleinen deut-schen Dampfer Johann Albrecht, der 1898 als erstes Schiff in das ungewöhnliche Gewässer eingefahren ist. Die Johann Albrecht ist wiederum benannt nach Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, der seit 1895 Präsi-dent der Deutschen Kolonialgesellschaft ist. 

Als die Yacht Delphin, ein Schiff der Kolonialverwaltung von Deutsch Neuguinea, einmal in den Krater einfährt empfinden die Teilnehmer der Fahrt den Kratersee als unheimlich und die Stille bedrückend. Alle sind froh als sie wieder auf dem freien blauen Ozean sind.

Anders erleben Passagiere des Reichspostdampfers Ma-nila bei einem Landgang den Krater. Haben die Wande-rer eine für Besucher als Ausblick vom Buschwerk frei-geschlagene Stelle am Rand des Kraters erreicht schau-en sie in eine azurblaue Flut tief unten inmitten des grünen Kessels in seiner überwältigenden Größe. In der lautlosen Stille des Naturschauspiel dämpfen auch die Besucher ihre Stimmen.    

Im November 1903 kommt es zu einem Überfall eines Witu-Dorfes auf die Weißen und ihre chinesischen und schwarzen Arbeiter. Die alteingesessenen Händler Han-sen und Rauer können fliehen, während Döll und Rein-hard am Strand gespeert werden. Einige Chinesen und Schwarze werden ebenfalls ermordet. Rauer kann sich mit einer schweren Speerwunde im Arm mit seiner ein-heimischen Frau Maluke in einem Kanu auf die offene See retten und erreicht schließlich in entbehrungs-reicher und riskanter zehntägiger Fahrt mit dem Kanu das 350 km entfernte Herbertshöhe, um Hilfe zu holen. Das Gouvernement schickt sofort eine Strafexpedition mit dem Regierungsdampfer Seestern. Die beiden toten Deutschen werden unter einem Gedenkstein am Strand beerdigt, während die eigentliche Arbeit der Strafexpe-dition bereits weitgehend auf landesübliche Art erledigt worden ist. Die Täter waren noch vor Eintreffen der Strafexpedition auf die Halbinsel Villaumez vom Kaiser Wilhelmsland auf Neuguinea geflohen und sind dort fast alle von ihren Landsleuten verspeist worden. Nur wenige entkamen, darunter die beiden Rädelsführer Gegilo und Baleki. Beide werden später gefaßt und öffentlich gehenkt.

Peter Hansen, ein Berliner, kann sich bei dem Überfall im November 1903 mit Hilfe einer schwarzen Mary, wie die Deutschen ihre einheimischen Freundinnen nen-nen, retten und harrt Wochen aus, bis die Seestern ihn abholt. Hansen bleibt aber schließlich als Plantagenver-walter der Neuguinea-Kompagnie auf Witu, wo er meh-rere einheimische Frauen besitzt. Er hat sie teils gekauft, teils von Dörfern für seine tatkräftige Unterstützung bei kriegerischen Auseinandersetzung mit anderen Dörfern geschenkt bekommen.

Einmal hatte er die Balangori-Leute bei einem Kriegszug gegen die Lama-Leute unterstützt. Dabei gelang es ihm, einen weithin bekannten Speerwerfer der Lama zu tö-ten. Als der Kampf vorüber war, schnitt er dem toten Krieger nach alter Tradition den Wurfarm ab und gab ihn den Balangori-Leuten, sodaß sie ihn braten und seine Wurfkraft in sich aufnehmen konnten.

Schon am nächsten Tag nach dem Kampf war wieder tiefster Frieden zwischen beiden Dörfern eingekehrt und Hansen bekam von den Lama-Leuten als Freund-schafts- und Friedensgeschenk Maluke, die Witwe des tags zuvor von ihm getöteten Speerwerfers. Er gab Malu-ke an den Händler Rauer weiter, der sie zur Frau nahm.

Verheiratet ist Hansen mit einer Polynesierin. 1908 hat er einen Frauenbestand aus insgesamt neun Damen mit einer nicht genau zu ermittelnden Kinderzahl von etwa einem Dutzend.

Nach Peter Hansen ist auch Peterhafen auf Witu be-nannt.


In einer Missionsschule gleich bei Herbertshöhe, bis 1909 die Hauptstadt von Deutsch Neuguinea, entsteht um die Jahrhundertwende eine Mischsprache, die schließlich von den Sprechern Unserdeutsch genannt wird. Unserdeutsch ist eine Sprache aus Pidgin-Englisch und Deutsch und hat ihren Anfang um das Jahr 1900 in der katholische Herz-Jesu-Mission Vunapopenahe Her-bertshöhe. Die Missionare aus Hiltrup in Westfalen füh-ren in Vunapope auch eine Schule für Mischlingskin-der europäisch-melanesischer Herkunft. Diese Kinder werden von den Missionaren aus der näheren und fer-neren Umgebung angenommen oder aufgekauft, weil sie als Halbwaisen oder Waisen aufwachsen und als Mischlinge in der Eingeborenenwelt aus der Sicht der Missionare besonders benachteiligt sind und kommen in das Waisenhaus in Vunapope.

Die Mütter der Kinder sind meist einheimische Frauen, während die Väter aus Asien oder Europa stammen, meist aus Deutschland. Die Väter sind Beamte, Händler und Abenteurer.

Die meist noch sehr jungen Kinder sprechen bei ihrer Ankunft in der Missionsstation die Einheimischen-sprache und Pidgin-Englisch und werden nun in Hoch-deutsch unterrichtet. Außerhalb des Unterrichts vermi-schen die Kinder das in der Schule gelernte Deutsch mit dem sonst verbreiteten Pidgin-Englisch, was als Schul-sprache selbst untersagt ist. So entsteht eine Mischspra-che, deren Wortschatz im Wesentlichen auf das Deut-sche, deren Grammatik aber auf Pidgin-Englisch basiert.

Weil die Kinder weder von den Weißen, noch von den Schwarzen als vollwertig und dazugehörig anerkannt werden, bleiben sie unter sich und ihre Sprache wird ein wichtiges verbindendes Merkmal für sie. Dazu sind sie meistenteils nicht nur in der Schule, sondern auch in der Freizeit zusammen und lernen landwirtschaftliche und handwerkliche Tätigkeiten in der Missionsstation, bei der sie auch auf deren Plantagen und Handwerks-betrieben arbeiten. So ist Unserdeutsch eine ausschließ-lich von den Mischlingen der Gazelle-Halbinsel gespro-chene Sprache.


1908 beginnt in Herbertshöhe, der Hauptstadt von Deutsch Neuguinea, die Zukunft des Landverkehrs, das erste Automobil trifft ein! Es ist der Wagen des Gou-verneurs Albert Hahl. Für die 30 km von Herbertshöhe in die baldige neue Hauptstadt Rabaul benötigt der Gouverneur mit seinem Motorfahrzeug nun nur noch eine Stunde. Die Schwarzen nennen das Gefährt Busch-dampfer.

1909 wird Rabaul Hauptstadt von Deutsch Neuguinea und auch der Gouverneur zieht nach Rabaul um. 1905 war noch der Umzug der Regierung nach Rabaul schon für 1907 geplant.

Am 3. November 1909 findet aus Anlaß der 25. Wieder-kehr der deutschen Flaggenhissung an der Blanche-Bucht, an der Rabaul liegt, zum Zeichen der Besitzer-greifung der Insel Neu Pommern in Anwesenheit des Kleinen Kreuzers Cormoran eine Feier statt. Am 6. November ist ein Teil der Besatzung des Kriegsschiffes bei der Grundsteinlegung für einen Turm zu Ehren von Bismarck in Toma südwestlich von Herbertshöhe zuge-gen.


Eine Freizeitbeschäftigung der Deutschen an der Blanche-Bucht sind Segelboottouren am Wochenende zu den umliegenden Inseln bis zur Insel Neulauenburg und den umliegenden kleineren Inseln bei Neulauen-burg, wie etwa Mioko, die 30-40 km entfernt liegen.

Wind und Wetter sind aber nicht immer so, wie man es sich vorher vorgestellt hat, und dann kommen die Herren statt am Sonntagabend erst am Montag zurück.

Eine Dreiergruppe kommt überhaupt nicht mehr zu-rück. Man hat sie nie wiedergesehen. Verschollen auf See oder irgendwo gestrandet und gefressen von den Einheimischen.


1911 kommt die norwegische Kohlenbark Fram vor der Südspitze des Inselchens Matupi fest und der Kapitän bittet den Kommandanten der SMS Cormoran, die im nur wenige Kilometer entfernten Rabaul liegt, um Hilfe. Der Klüverbaum des festgekommenen Segelschiffes ragt fast bis in das Wohnhaus des Leiters der Firma Hernsheim & Co. Ein Schlepper kommt, um den Segler freizuschleppen, aber natürlich für eine entsprechende Gebühr.

Der norwegische Kapitän zum Schlepperkapitän: „Nee, nee, der deutsche Kreuzer Cormoran wird mich gleich abschleppen, der macht’s umsonst. Um vier Uhr hat der Kommandant von Cormoran mir versprochen hier zu sein.“

„Ach was – Bluff – der kommt doch nicht!“ schreit der Schlepperkapitän, der natürlich sein Geschäft machen will.

„Nee, der kommt.“

Um vier kommt die Cormoran angedampft und ankert bei dem verunglückten Segler. Leutnant Witschetzky und ein paar Matrosen der Cormoran rudern zur Bark, um die Abschleppleine an Deck zu geben, doch von deren Besatzung ist keiner auf Deck. Schließlich klet-tern ein paar Matrosen auf die Fram und finden die Besatzung schwer vom Genever angeschlagen unter Deck. Doch sie schaffen es die Leine festzumachen und der vom Genever nicht mehr ganz sicher auf den Beinen stehende Kapitän des Seglers schüttelt dem Leutnant des deutschen Kriegsschiffes mit tränenden Augen dankbar die Hand.

Die Dampfventile, der Cormoran fauchen und die Hei-zer arbeiten vor den Kesseln, was sie können. Langsam kommt Bewegung in die Bark und schnell ist das Segel-schiff wieder flott.

Auch der Navigationsoffizier der Cormoran kommt an Bord des Seglers und nach einer Besichtigung sagt er zum Leutnant Witschetzky: „Ein unerhörter Leicht-sinn, ein unerhörter Leichtsinn! Die haben nur eine einzige Übersichtskarte von der ganzen Südsee und einen Atlas an Bord, sonst nichts, nicht eine einzige Spezialkarte. Auf ihrer Karte ist die ganze Bucht von Matupi so groß wie ein Fingernagel! So fahren diese Leute zur See! Und dann wundern sie sich, wenn sie den Weg nicht finden und festkommen.“


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Verkehr II

Da das Bismarck-Archipel eine Inselwelt darstellt ist na-türlich das Schiff die entscheidende Verbindung inner-halb des Archipels wie auch nach außerhalb. Dafür ist der Bau von Anlegestellen für Seeschiffe für den ständig wachsenden Verkehr notwendig. So hat Herbertshöhe, die Hauptstadt von Deutsch Neuguinea, nur eine offene kleine Reede mit einer Ankergelegenheit für nur zwei Schiffe. Die ungeschützte Reede ist oft auch bei ungün-stigen Winden starker Dünung ausgesetzt, was beim Beladen mit Kopra- und Entladen von Gütern beim heftigen Rollen und Arbeiten des Schiffes zum Verlust manchen Sackes Kopra und wertvoller Ladungsstücke führt. Auch Kollisionen, besonders bei Nacht, kommen auf diesem beschränkten Liegeplatz vor. Deshalb ent-schließt sich der Gouverneur einen neuen Hafenplatz für seine Hauptstadt zu suchen.

Am 1. Oktober 1905 geht der neue Hafen Simpsonhafen in der Blanche-Bucht in Betrieb. Der Norddeutsche Lloyd hat dort eine Pier mit einem Kostenaufwand von 700.000 Mark erbaut. Die große Pier für Hochseeschiffe ersetzt die unzulängliche Reede des nahen Herberts-höhe. Von Simpsonhafen verkehrt nun der Dampfer Sumatra für die Verbindung mit den Hafenplätzen auf Neuguinea und dem Bismarck-Archipel auch für touristische Rundreisen im Archipel. Für den Verkehr zu den Pflanzern, Firmen und Missionsstationen im weiten Umkreis wird der kleine Dampfer Langeoog von Simpsonhafen aus eingesetzt.

Die Weser-Zeitung schreibt am 1. Oktober 1905: »Den Reisenden ist durch die Gründung der Linie im Bis-marck-Archipel eine vorzügliche Gelegenheit geboten, Land und Leute in unseren hochinteressanten Kolonien in der Südsee bequem und in verhältnismäßig kurzer Zeit kennen zu lernen, und zweifellos wird die Gelegen-heit von den Passagieren der Austral-Japan-Reichspost-dampferlinie des Norddeutschen Lloyd viel benutzt wer-den, um die Fahrt in Simpsonhafen zu unterbrechen und eine Rundtour im Bismarck-Archipel mit dem Dampfer Sumatra zu machen.«

Über den neuen Hafen Simpsonhafen verkehrt nun die Austral-Japan-Linie des Norddeutschen Lloyd zwischen den beiden Endpunkten der Reichspostdampferlinien von Deutschland: Sydney und Yokohama. Die Austral-Japan-Linie läuft von Sydney über Simpsonhafen, Friedrich-Wilhelms-Hafen, Manila, Hongkong, Yoko-hama nach Kobe und rückkehrend von Kobe über Moji, Hongkong, Manila, Friedrich-Wilhelms-Hafen, Simp-sonhafen nach Sydney und wird auch gleich von vielen Passagieren genutzt.

Seit 1909 fährt die Sumatra auch die deutschen Inseln in der Südsee an. Im »Inseldienst« läuft das Schiff alle drei Monate alle wichtigen Plätze und Faktoreien in der Kolonie Deutsch Neuguinea an und macht außerdem regelmäßig verschiedene Rundreisen.

1909 wird auch die Hauptstadt von Deutsch Neuguinea von Herbertshöhe nach Rabaul am Simpsonhafen ver-legt und Simpsonhafen ist nun der Hafen von Rabaul.


Die großen Handels- und Plantagengesellschaften, die Neuguinea-Kompagnie, Hernsheim & Co, die Forsayth-Gesellschaft, die zahlreichen Missionsstationen und selbständigen Pflanzer benötigen immer mehr Schiffs-raum, um ihre Produkte der Verwertung zuzuführen.

Nach Rabaul, das als günstiger Knotenpunkt immer größere Wichtigkeit als Hafenstadt erlangt, strömen von allen benachbarten Inselgruppen, die mit jedem Jahr durch neue Siedlungen erschlossen werden und zur Entwicklung entsprechende Verbindungen verlan-gen, mit den Kopraschonern der verschiedenen Gesell-schaften, mit den Lloyddampfern Langeoog, Meklong und Sumatra, mit dem Schlepper Roland und seinen Leichtern, mit den Dampfern Siar und Madang der Neuguinea-Kompagnie all die wertvollen Ausfuhrgüter zusammen, die nicht von den Reichspostdampfern in ihren Zwischenhäfen mitgenommen werden können. Der Dampfer Germania der Jaluit-Gesellschaft läuft von Hongkong über Jaluit nach Rabaul, ab und an ankern auch zwei englische Dampfer in Rabaul, der ganze tur-nusmäßige Reise- und Frachtverkehr, die Verbindung mit der großen Welt, liegt aber ganz in den Händen des Norddeutschen Lloyd mit seiner Austral-Japan-Linie, der die Reichspostdampfer Prinz Waldemar und Prinz Sigismund, beide seit 1904, sowie seit 1907 auch die Coblenz auf der Route Japan, Hongkong, Manila, Rabaul, Sydney stellt. Jeweils alle vierzehn Tage läuft ein Dampfer dieser NDL-Linie Japan-Sydney Rabaul an. Der Reichspostdampfer Manila bedient von Singapur aus die wichtigsten Häfen von Niederländisch Indien und Deutsch Neuguinea.

Die Reisezeit für Post und Passagiere per Schiff zwischen Europa und Rabaul braucht etwa sechs Wochen und geht durch den Suezkanal. Über die Transsibirische Eisenbahn kann bei günstigem Anschluß die Reisedauer 35 Tage betragen.



Franz Boluminski, von 1900 bis zu seinem Tod 1913 Stationsleiter von Nord-Neumecklenburg mit Sitz in Käwieng, läßt von der Bevölkerung der Dörfer an der Ostküste der Insel eine befestigte Straße bauen, um eine Verbindung zwischen den Pflanzungen zu schaffen, auf denen vor allem Kokospalmen zur Kopra-Gewinnung angebaut werden. Die Straße bekommt den Namen »Kaiser-Wilhelm-Chaussee«. Jedes Dorf wird mit dem Bau und der Unterhaltung eines Teilabschnitts der Straße beauftragt. Boluminski veranstaltet Wettbewer-be unter den Dörfern mit Belohnungen und Straf-androhungen. Wenn ein Abschnitt nicht gepflegt und ausgebessert wird, muß die Dorfbevölkerung seinen Wagen mit dem Pferd über die Löcher in der Straße tragen. Trotz dieser ungewöhnlichen Methoden genießt »Baron Boluminski« große Popularität auf der Insel.

An der Straße sind Rasthäuser angelegt. Diese Rasthäu-ser  sind aus einfachem Buschmaterial errichtet. Tische, Klappstühle und Pritschen zum übernachten sind in ihnen vorhanden.

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Wirtschaft III


Die Witu-Inseln – auch Französische Inseln genannt – gehören zum Bismarck-Archipel. Diese kleine Insel-gruppe ist trotz ihrer geringen Größe von gerade 96 qkm Landfläche wirtschaftlich ungewöhnlich bedeutend. Die größte der Inseln mit 53 qkm ist Witu, auch Garowe genannt. An den Seiten dieser Vulkaninsel liegen zwei kleine natürliche Häfen, Wituhafen und Peterhafen, wovon Peterhafen an der Ostküste der eigentliche Hafen der Insel ist. Peterhafen hat eine enge Einfahrt durch das vorgelagerte Riff und dann eine noch engere Einfahrt durch die tiefste Stelle der Kraterwand des schief eingesunkenen Kraters, der den kleinen Hafen bildet, der gerade genug Platz für ein Schiff und dessen An- und Ablegemanöver bietet. Der kreisrunde Krater-hafen ist traumhaft schön, mit seinem glasklaren, stillen Wasser und steilen bewaldeten Berghängen.

Der Reichspostdampfer Manila fährt Peterhafen regel-mäßig an und hat als schwerfälliges Einschraubenschiff beim Manövrieren im Hafen vorsichtig genug zu sein. Eine alte morsche Landungsbrücke, nicht für ein großes Schiff wie die Manila gedacht, wird zunächst von dem Postdampfer benutzt, bis diese Landungsbrücke schon beim zweiten Besuch des Schiffes in Peterhafen bei einem leichten Seebeben, das auch das Schiff erbeben läßt, unheimlich lautlos in den Fluten versinkt. Von da ab ankert die Manila im Hafen und Kopra und Kakao werden im Fährbetrieb mit Booten umgeladen. Große Trupps von Plantagenarbeitern helfen beim Festmachen und Be- und Entladen des Schiffes, welches von der fruchtbaren Insel auch große Mengen von frischem Proviant, auch sehr viele Tropenfrüchte, besonders alle Sorten von Bananen, übernimmt.

Auch viel frischer Fisch kommt in den Kühlraum des Schiffes, der während des Aufenthaltes der Manila im Hafen von einem Boot aus von den Einheimischen zwischen Riff und Hafeneinfahrt mit Dynamit gefischt wird. Ein Schwarzer im Bootsbug dirigiert die Ruderer zu einem Fischschwarm in der Lagune und setzt dann den Zün-der der Dynamitpatrone mit seiner Pfeife in Brand. Mit dumpfen Knall explodiert die Bombe im Wasser und nach kurzer Zeit schwimmt eine Unmenge betäub-ter und toter Fische an der Wasseroberfläche. Sämtliche Jungs springen vom Boot ins Wasser und werfen die Fische ins Boot.

Witu ist von dichtem fast undurchdringlichem Urwald mit mächtigen Baumriesen bestanden, hat aber auch bedeutende Kokosplantagen, wahrscheinlich die besten in ganz Deutsch Neuguinea. Sie gehören der Neuguinea-Kompagnie. Die Neuguinea-Kompagnie legt auch auf zwei Nachbarinseln Kokosplantagen an und kauft Han-delskopra von den Einheimischen. Um 1905 kommen 30 % der Kopraexporte der Neuguinea-Kompagnie von die-ser kleinen Inselgruppe. 1908 exportiert die Firma 340 t Kopra von den Inseln und um 1912 um die 450 t. Auf Witu besteht auch die größte Kakaoplantage der Neu-guinea-Kompagnie. 1908 werden 1,9 t Kakao von Peter-hafen, der auch Sitz der Kompagnie auf Witu ist, ver-laden und um 1912 bereits 7 t.

Für die Arbeitskolonnen auf den Plantagen werden im-mer Chinesen und Malaien als Aufseher eingesetzt. Sie waren in den Anfangsjahren der Kolonialzeit geholt wor-den, als unter der einheimischen Bevölkerung kaum brauchbare Kräfte zu finden waren, diese aber in fast unbeschränkter Zahl in China und Niederländisch Indien zu finden waren. Sie waren den Einheimischen in handwerklichem Können, Auffassungsgabe und Ar-beitsmoral weit überlegen.

Bei der Volkszählung von 1913 auf den Witu-Inseln er-gibt sich eine Gesamtbevölkerung von 2194 Seelen. Die Volkszählung fand für die Besteuerung der Bevölkerung statt, von der nun jährlich eine Kopfsteuer von je 10 Mark erhoben wird.

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Die Menschen I

Im Bismarck-Archipel ist der Kannibalismus sehr stark verbreitet und es werden regelrechte Fleischversor-gungsfahrten von den einheimischen Handelsfahrern unternommen. Bei oft monatelangen Fahrten mit ihren Auslegerbooten wird auch geraubt und Menschenver-pflegung wird tot oder lebendig ins Boot geladen und dient als willkommene Marschverpflegung.

Heinrich Schnee, von 1898 bis 1900 Richter und stell-vertretender Gouverneur in Deutsch Neuguinea, wird Zeuge des kannibalischen Treibens der Eingeborenen. An der Ostseite der Gazelle-Halbinsel war ein Kanu mit 13 Mann gestrandet. Die Bewohner der umliegenden Dörfer nahmen die günstige Gelegenheit sofort wahr und schlugen elf der Schiffbrüchigen tot. Zwei ent-kamen. Die Toten wurden am Strand wie üblich mit Sand abgerieben, gewaschen und ausgestellt, bis alle Freunde und Interessenten durch die Trommel herbeigerufen und versammelt waren. Die Leichen wurden zum Teil an andere Dörfer weiter im Inland verkauft. Beim Verkauf gilt, daß eine Leiche nur dann gekauft wird, wenn nach-gewiesen werden kann, daß das Opfer gehetzt und waid-gerecht mit dem Speer getötet worden ist. Die Zuberei-tung erfolgt in der bei Schweinen angewandten Weise. Der Körper wird in Stücke geschnitten, die einzelnen Stücke werden in Blätter gewickelt und dann auf heißen Steinen geröstet.

Die beiden entkommenen Gestrandeten berichten in Herbertshöhe von der Ermordung ihrer Kameraden. Sofort bricht die Polizeitruppe auf, zusammen mit Dr. Schnee und Regierungssekretär Warnecke, um die Dör-fer zu bestrafen. Es gelingt, sie zu überraschen.

Schnee: »Mehrere Eingeborene wurden … getötet, an-dere gefangengenommen. – Unsere Polizeijungen blick-ten auf die Virua [Leichname, die gegessen werden/ Menschenfleisch] als auf etwas ihnen durchaus Ge-wohntes. Auf Befragen gaben die … von den Salomon-inseln stammenden Polizeijungen an, daß in ihrer Hei-mat Menschenfleisch genau auf die gleiche Art zuberei-tet werde.

Die Angelegenheit fand … ihren Abschluß darin, daß den Dörfern die Zahlung größerer Muschelgeldbeträge und die Anlage eines breiten Weges auferlegt wurde.«  

In dem 1912 erschienenen Werk Unsere Kolonien ist vermerkt: »Vor allem die Bewohner der Nordküste der Gazelle-Halbinsel frönten früher dem Kannibalismus in furchtbarer Weise.« Es wird aber auch festgestellt, daß »diese scheußliche Gewohnheit schon etwas nachge-lassen hat.«