Kategorien
August 1914 in Rabaul und Umgebung

In Rabaul, der Hauptstadt von Deutsch Neuguinea, ist im Juli/August 1914 natürlich auch das Geschehen in Euro-pa Gesprächsthema. Man hatte in Rabaul schon einmal im Juli 1911 Kriegszustand. Im Zuge der Zweiten Marok-kokrise befürchtete man in der Hauptstadt von Deutsch Neuguinea es könne ein Krieg begonnen haben, ohne daß man davon wüßte. Zu der Zeit verfügte Rabaul noch über keine Funkstation und auch der im Hafen liegende Kreuzer Cormoran hatte keine Funkanlage. Deshalb rüstete man sich entsprechend und die Cormoran wurde unauffällig in Kriegszustand versetzt, um nicht durch offene Maßnahmen die Gerüchteküche in Rabaul noch weiter anzuheizen. Auf dem Vulkan Mutter wurde ein Beobachtungsposten eingerichtet mit einem Signal-masten, angeblich für Schießübungen des Kriegsschif-fes, aber tatsächlich um die Anfahrt feindlicher Kriegs-schiffe beobachten zu können. Der Posten gab über Flag-gensignale seine Meldungen weiter. Für den Telefonver-kehr Rabaul-Matupi wurde ein Nachtdienst eingerich-tet. Die Cormoran war wegen der unsicheren Lage von Rabaul zu ihrem Versorgungsstützpunkt Matupi verlegt worden. Tatsächlich wurden Schießübungen des Schif-fes angesetzt, um dadurch das Schiff in Gefechtsbereit-schaft zu versetzen. Schließlich meldete der Posten auf der Mutter »Kriegsschiff, Nationalität unbekannt, von Norden!« In Rabaul rasselten die Trommeln, Pflanzer und Kaufleute ergriffen die Gewehre und Flinten, Hör-ner schmetterten, die schwarzen Polizeisoldaten traten an. Doch dann erkannte man oben auf der Mutter die von den Marshallinseln kommende Germania der Jaluitgesellschaft. Alarm abgeblasen. An diesem 23. Juli traf der Dampfer Germania mit den neuesten Nach-richten in Rabaul ein und brachte eine Klärung der Lage. Der Kriegszustand konnte aufgehoben werden. Der Beobachtungsposten auf der Mutter, bestehend aus einem Offizier und zwei Signalgästen der SMS Cormo-ran und vier Polizeisoldaten packten Zelt und Signal-mast wieder ein, kletterten ins Tal und weiter gings nach Rabaul. Der Trupp war in trauriger Stimmung, denn die Aufregung des Krieges war vorbei. Trotzdem hatte die militärische Anspannung eine Nachwirkung. Die eigent-lich für einen späteren Zeitpunkt im Ausbildungs-programm der Besatzung vorgesehenen Schießübungen des Schiffes, die nun lagebedingt vorgezogen und vor-bereitet waren, wurden jetzt durchgeführt. Tag und Nacht war nun die sonst so stille Blanche-Bucht vom Donner der Geschütze der Cormoran erfüllt.

Am 28. Juli 1914 empfängt die Funkstation des vor Ra-baul liegenden Vermessungsschiffes Planet der Marine eine Pressemeldung über ein Ultimatum von Österreich an Serbien, das bei Nichteinhaltung zum Krieg führen werde und Meldungen über den Kriegsausbruch zwi-schen Österreich und Serbien folgen in den nächsten Tagen. Am 1. August trifft der Reichspostdampfer Coblenz in Rabaul ein auf seiner Fahrt von Sydney nach Kobe. Er hat, wie üblich, australische Zeitungen dabei, die auch die letzten Telegramme aus Europa bespre-chen. Die Kommentatoren in den Zeitungen aus Sydney hoffen, daß der Konflikt zwischen Österreich und Ser-bien sich nicht ausweitet, weil sonst desaströse Auswir-kungen auf die Wirtschaft von Australien zu erwarten seien.

Am 3. August verläßt die Coblenz Rabaul wieder und auch die Planet geht am selben Tag wieder auf Fahrt. Funkmeldungen über die Verschlechterung der politi-schen Lage in Europa über die Planet werden vom Gou-vernement nicht veröffentlicht, um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen. Am 5. August um 22 Uhr 15 trifft aber eine Funkmeldung aus Nauru in der Funkstation Bitakapa – der Regierungs-Funkstation für die Haupt-stadt Rabaul bei Herbertshöhe – ein, die den Kriegs-ausbruch zwischen Deutschland einerseits und England, Frankreich und Rußland andererseits meldet. So wird am 6. August der Kriegszustand für das Schutzgebiet verkündet und am Mittag des 6. wechselt die Regierung ihren Sitz von Rabaul ins Inland nach Toma, etwa 15 km landeinwärts von Herbertshöhe.

Am gleichen Tag wird auch der private Telefon- und Telegrammverkehr auf der Leitung Rabaul-Herberts-höhe-Funkstation Bitakapa gestoppt. Die Beendigung des privaten Telefonverkehrs wird entsprechend dem § 5 der Ausführungsbestimmungen für Telefongebühren vom 26. März 1900 und dem § 1 der Telegrammbe-stimmungen vom 16. Juni 1904 durchgeführt.

Aus waffenfähigen Deutschen wird eine Schutztruppe für die 8 Kilometer im Inland von Herbertshöhe ent-fernt liegende Funkstation gebildet, um auf jeden Fall die Funkverbindung für die Regierung von Deutsch Neuguinea aufrecht zu erhalten. Die etwa 50 eingezo-genen Deutschen werden mit einheimischen Polizeisol-daten auf sechs Stationen im Umkreis verteilt, zu denen auch Bitapaka gehört. Beobachtungsposten auf hoch ge-legenen Standorten zur Beobachtung der See vor feind-lichen Schiffsannäherungen werden eingerichtet.

Durch den Empfang von vorteilhaften Kriegsnachrich-ten geht man von einer kurzen Kriegsdauer aus. Im Falle einer Besetzung der militärisch völlig schutzlosen Kolo-nie durch Feindstreitkräfte glaubt man an eine schnelle Wiederherstellung der deutschen Verwaltung. Auch weiß man, daß das Ostasiatische Kreuzergeschwader voll einsatzbereit ist und erwartet sein Eingreifen bei einem feindlichen Angriff auf Rabaul und seine Um-gebung, dem politischen und wirtschaftlichen Zentrum der Kolonie.

Am 12. August erscheint ein australisches Kriegsschiff-geschwader vor Herbertshöhe und landet Trupps von Soldaten. Ein Trupp marschiert mittags zum Postamt und zerstört die Telefonanlage einschließlich der öffent-lichen Telefonzelle. Der kommandierende australische Offizier entschuldigt sich sehr höflich beim deutschen Leiter der Post für die Tat, zu der er eben Befehl habe. Alle gelandeten Trupps schiffen sich wieder ein und das australische Geschwader verläßt Herbertshöhe. Außer der Telefonanlage gibt es keine Zerstörungen, wenn auch der Kommandeur eines Trupps Fragen nach dem Standort der Funkanlage stellte, er suchte offensichtlich die Funkanlage in Bitapaka, aber er bekam keine Aus-kunft und marschierte mit seinem Trupp unverrichteter Dinge wieder ab.

Sofort beginnt die Wiederherstellung der Telefonanlage und eine Telefonleitung zum Gouvernement in Toma ist auch hergestellt. Die einzige ernsthafte Auswirkung des Krieges ist das Erliegen des internationalen Schiffsver-kehrs. Ansonsten gehen die Wochen friedlich dahin. Irgendwelche Geheimhaltungspflichten zur Sicherung gegen feindliche Agenten werden von der deutschen Bevölkerung nicht eingehalten. So ist etwa der Vertei-digungsplan für die Funkstation Bitapaka mit Schützen-gräben und Landminen in Rabaul gut bekannt, weil ein nach Kriegsbeginn eingezogener Soldat bei einem Be-säufnis in Rabaul ausgiebig davon erzählt hat.

Am 14. August kommt über die Komet, die Regierungs-yacht des Gouvernements von Deutsch Neuguinea, Post aus Wilhelmshafen nach Rabaul. Die Komet selbst liegt seit dem 14. August in Komethafen im Westen der Insel Neupommern. Am 20. August kommt die Siar, ein Dampfer der Neuguinea Kompagnie, nach Rabaul und hat ebenfalls Post aus Deutschland an Bord. Am 31. August läuft das Motorboot Samoa in Rabaul ein und bringt die Nachricht, daß das Gouvernement der Kolo-nie Samoa in Apia alle wichtigen Dokumente und Geld-bestände mit dem Dampfer Staatssekretär Solf nach Pago Pago, einem Hafen der neutralen USA in den Samoa-Inseln, verbracht hat. So erwartet man in Rabaul, daß die Regierung von Deutsch Neuguinea dasselbe mit wichtigen Dokumenten und Werten der Kolonie tun wird. Das Postamt von Rabaul hat bereits alles Wichtige in Säcken und Kisten verpackt für den Abtransport durch die Komet ins neutrale Niederländisch Indien. Die Komet liegt derzeit in Komethafen, ist kriegsbe-dingt mit einem Geschütz ausgerüstet worden und hat zusätzlich 40 schwarze Polizeisoldaten an Bord.

Es wird in Rabaul bekannt, daß die deutschen Kriegs-schiffe Cormoran und Geier der Australstation Anfang September Käwieng auf der Nachbarinsel Neumecklen-burg angelaufen haben und Wehrpflichtige zur Verstär-kung ihrer Besatzungen aufgenommen haben.

Am 10. September verläßt der Motorschoner Kalili Ra-baul, um mit Zwischenstop in Käwieng nach Niederlän-disch Indien zu gehen. Die Kalili hat Post für Deutsch-land an Bord und soll für deutsche Firmen im Schutz-gebiet in der neutralen holländischen Kolonie Einkäufe tätigen. Normalerweise würden die Reichspostdampfer diese Aufgaben erledigen, aber die großen deutsche Schiffe können nun nicht mehr im Krieg internationale Gewässer befahren und gehen in neutralen Staaten in Internierung, um nicht in Feindeshand zu fallen, und so schickt man die kleine Kalili, die sonst eigentlich nur im Küstendienst steht, auf die hohe See.

Das Marine-Post-Büro in Rabaul hat noch drei kleine Säcke mit Post liegen. Ein Schiff von Tsingtau, das Peil-boot III, ein Boot für Seevermessungen der Marine von der Australstation, soll die Militärpost abholen. Und so geht auch die Zeit um Ende August und Anfang Septem-ber 1914 in Rabaul, im Bismarck-Archipel und im Kaiser-Wilhelmsland friedlich dahin.

Kategorien
Expeditionen II

1908/09 sind Professor Dr. Karl Sapper und Dr. Georg Friederici für die Landeskundliche Kommission des Reichskolonialamtes und dem Hanseatischen Südsee-Syndikat auf der Hanseatischen Südsee-Expedition im Bismarck-Archipel unterwegs zur geographischen Er-forschung der Inseln des nördlichen Bismarck-Archi-pels. Sapper ist Geograph und Völkerkundler, Friederici ist Völkerkundler und betätigt sich bei der Expedition ebenfalls als Erdkundler.

Friederici: »Die erste Koralleninsel, auf der Sapper und ich einige Zeit verweilten, Kung bei Neu-Hannover, be-sitzt ihre großen Reize. Besonders eindrucksvoll wirkten die Abende mit ihrem herrlichen Sternenhimmel, mit dem Leuchten der Glühwürmchen, dem Zirpen der Zi-kaden im Urwald und dem eintönigen melancholischen Gesang unserer schwarzen Jungens, der vom Strand he-raufkam. Manches Mal haben Sapper und ich, gemein-sam oder jeder für sich allein, stillschweigend am Stran-de gestanden, um das prachtvolle Schauspiel der kurzen Abenddämmerung zu genießen: vor uns im Wasser drei unserer Jungens, nur vom Gürtel an sichtbar, beim Fischen; neben uns auf dem Strand, blendendweiß und leuchtend, meine beiden Auslegerboote; gegenüber die nebelhaften Höhen von Neu-Hannover, die sich aber scharf von dem prächtigen Sternenhimmel abheben. Über ihnen steht strahlend das Südliche Kreuz, während zur Rechten der Orion über Palmwedeln emporkommt.«

Kategorien
Siedlungen und Städte II

Kategorien
Emma Kolbe

Emma Eliza wird 1850 auf Samoa geboren. Ihr amerika-nischer Vater Jonas Myndersse Coe war 1837 als Wal-fänger nach Samoa gekommen und hatte dort eine Prin-zessin geheiratet. Emma besucht eine katholische Missi-onsschule in Apia, bevor sie 1864 einen fünfmonatigen Ausbildungsaufenthalt in San Francisco verbringt. Zu-rück auf Samoa heiratet sie den Schiffskapitän James Forsayth. Dieser stirbt jedoch bald darauf infolge eines Schiffsunglücks im Chinesischen Meer.

1878 heiratet Emma den australischen Kapitän und Abenteurer James Farrell. Gemeinsam mit Farrell ver-läßt sie ihre Heimat Samoa und zieht nach Mioko, eine kleine Insel in der Duke-of-York-Inselgruppe, die im sel-ben Jahr de facto unter deutsches Protektorat kommt. Mioko wird Ausgangspunkt einer rasanten wirtschaft-lichen Expansion des Ehepaares Farrell.

Als 1884 die Inselgruppe Bestandteil der Kolonie Deutsch Neuguinea wird und nun Neulauenburg heißt, stellt der dortige Kolonialbeamte Gustav von Oertzen zu seinem Erstaunen fest, daß der größte Teil des frucht-baren Landes bereits im Besitz einer gewissen Emma Forsayth-Coe ist, die wegen ihres enormen Landbesitzes Queen Emma genannt wird.

Ihre Schwester Phoebe heiratet auf Samoa den Deut-schen Richard Parkinson, welcher 1882 die Leitung der Firmen des Ehepaares Farrell übernimmt. 1888 stirbt Emmas Mann James Farrell und Emma führt nun seine Firma unter ihren Vornamen Emma Eliza und dem Namen ihres ersten Ehemannes als E. E. Forsayth weiter. 1893 heiratet Queen Emma den Deutschen Paul Kolbe, der zu der Zeit Stationsvorsteher für den Bezirk Bis-marckarchipel und die Salomoninseln ist.

Bis 1907 baut Emma ihre Besitztümer in Deutsch Neu-guinea weiter aus. Sie gehört zu den wohlhabendsten, aber auch skandalösesten Unternehmerinnen. Auch zu Wilhelm Solf, dem liberalen Gouverneur von Samoa, ihrer Heimatinseln, die auch deutsche Kolonie sind, unterhält sie gute Verbindungen.

Richard Parkinson ist mittlerweile Forscher geworden und bereist die deutsche Inselwelt im Pazifik. Er hat sich mit seiner Frau in Maulapao an der Blanche-Bucht ange-siedelt, nur wenige Kilometer vom Anwesen von Emma entfernt. In Maulapao gibt es auch eine Privatschule für die weißen und die vielen Mischlingskinder vom Per-sonal von Emmas Firma. 1907 gibt Parkinson sein Werk Dreißig Jahre in der Südsee. Land und Leute, Sitten und Gebräuche im Bismarckarchipel und auf den deutschen Salomoinseln heraus.

Um 1900 ist Emma Kolbe der Mittelpunkt der feinen Gesellschaft in der Südsee. Ihre Schönheit, ihr lässiger Lebenswandel und ihr Reichtum machen sie zur Be-rühmtheit und zum Anziehungspunkt der deutschen Herren der Südseewelt. Emma hat denn auch noch viele ihrer Schwestern und Nichten mit nach Herbertshöhe gebracht, seit 1899 Hauptstadt von Deutsch Neuguinea. Diese schönen Samoanerinnen mit ihrer freizügigen Kultur ziehen die deutschen Junggesellen und Stroh-witwer unwiderstehlich an, die ansonsten wenig weib-lichen Umgang haben. Der Unterschied zwischen den Frauen der brutalen Steinzeitwelt der Eingeborenen der Inseln von Neuguinea und den kulturell hochstehenden Schönheiten von Samoa kann kaum größer sein.

Emma läßt sich mit Gunantambu bei Herbertshöhe ein luxuriöses Anwesen errichten, umgeben von den Bun-galows ihrer zahlreichen Verwandten. Einer ihrer Gäste beschreibt einen Auftritt von Emma bei einem ihrer Empfänge: »Queen Emma hatte eine hinreißende Figur. Sie trug ein kostbares Kleid aus weißem Satin und eine Schleppe, die von einem halben Dutzend hübscher Mädchen getragen wurde, als sie die große Treppe zum Park herunterkam. Eine kleine, mit Diamanten besetzte Krone blitzte in ihrem Haar.«

Emma ist auch Präsidentin des europäischen Tennis-clubs, was ihre außergewöhnliche Stellung in der wei-ßen Kolonialgesellschaft beweist. Auserwählt ist, wer von ihr am Wochenende auf die etwa 30 Kilometer von Herbertshöhe entfernt gelegene Insel Mioko eingela-den ist an ihrem Swimmingpool dort Gast zu sein. 

1910 verkauft Emma Kolbe ihre gesamten Anteile an Plantagen für eine Million US-Dollar an die Hamburgi-sche Südsee Aktien Gesellschaft. Von einem Teil dieses Vermögens erwirbt sie ein Appartement in Monte Carlo.

Als ihr Ehemann Paul in Monte Carlo an einem Herz-leiden erkrankt, reist sie sofort nach Monte Carlo, wo er in ihren Armen stirbt. Zwei Tage später, am 21. Juli 1913, stirbt sie selbst in Monte Carlo. Emma Kolbe wird in Bremen eingeäschert und ihre Urne wird nach Deutsch Neuguinea überführt, wo sie in ihrer Residenz Gunan-tambu beigesetzt wird.

Kategorien
Allgemeine Ereignisse II




Auf der Gazelle-Halbinsel, dem östlichen Teil der gro-ßen Insel Neupommern – ein Zentrum der deutschen Wirtschaft in der Kolonie Neuguinea – leben an der Küste eingewanderte Melanesier, die Tolai, und im Landesinneren die papuanische Urbevölkerung der Baininger. Die Melanesier unternehmen Beutezüge ins bergige Innere der Gazelle-Halbinsel, um sich bei den Bainingern mit Sklaven und Menschenfleisch zu ver-sorgen. Die Opfer müssen zunächst Feldarbeit leisten. Bei den zahlreichen Festen der Tolai werden sie dann geschlachtet und anschließend neue Menschen im In-land geraubt. Wenn man bei den Missionaren hört, daß wieder ein Zug mit gefangenen Baininger-Leuten unter-wegs ist, versucht man zumindest die gefangenen Kin-der zu retten und freizukaufen. Diese gelten wie Span-ferkel als zarte Leckerbissen.

Als die Tolai von der kleinen Insel Massawa wieder Baininger auf ihre Insel verschleppt haben, schickt die Missionsstation Wunamarita am Weberhafen, ganz im Westen der Gazelle-Halbinsel, ein Boot, um die Kinder freizukaufen. Die Missionare der Herz-Jesu-Mission aus Hiltrup in Westfalen können nur ein etwa vierjähriges Kind kaufen. Die Massawa-Insulaner bedauern, daß die Missionare nicht früher gekommen seien. Vor einem Monat hätten sie noch viele Kinder zu verkaufen gehabt. Da sie aber wegen der häufigen Stürme nicht fischen konnten, hätten sie die Kleinen aufgegessen. Für das nächste Mal wollen sie aber einige aufbewahren, ver-sichern sie den Missionaren.

Gouverneur Albert Hahl will der Sache ein Ende ma-chen und fordert die Massawa-Insulaner auf, ihre Skla-ven freizulassen. Als diese nicht nachgeben und gar mit Gewalt drohen läßt Hahl die Baininger-Sklaven befreien und nimmt den Insulanern ein beträchtliches Stück Land weg. Für die befreiten Sklaven baut die Herz-Jesu-Mission mitten im Urwald die Missionsstation und das Dorf Sankt Paul. Zwei der befreiten Sklaven führen nun aber eine Gruppe an, die am 13. August 1904 die Missi-onsstation angreifen und zehn Patres und Schwestern ermorden, einschließlich einer unbekannten Zahl von christlichen Bainingern. Zur Strafe werden mit Tolai-Polizisten Feldzüge gegen die Baininger geführt und erst nach Monaten kehrt wieder Ruhe in der Gegend ein.

Die Missionsstation Sankt Paul wird noch 1904 wieder-eröffnet und Gouverneur Hahl nimmt nun auch den Bainingern Land weg und siedelt dort im Urwald mit bis zu 80 m hohen Baumriesen im Hochland auf 600 m Höhe deutsche Bauernfamilien an. Im Schutze einer Polizeistation roden die Deutschen den Urwald und bauen bei guten klimatischen Bedingungen in der Höhenlage eine Siedlung auf. 1908 wird auch die Straße von der Siedlung zur Küste fertiggestellt.


Zu den Witu-Inseln gehört auch die fruchtbare, bergige und zum Teil wild zerklüftete Vulkaninsel Witu, die größte Insel der Gruppe. In der Mitte der Insel liegt der riesige Krater Johann Albrecht-Hafen mit einem Durch-messer von fünf Kilometern. Johann Albrecht-Hafen ist aber kein Hafen, weil der tiefe Krater kein ankern zuläßt und durch die mehrere hundert Meter hohen steilen Kraterwände kein Bau einer Landungsbrücke möglich ist. Benannt ist der Kratersee nach dem kleinen deut-schen Dampfer Johann Albrecht, der 1898 als erstes Schiff in das ungewöhnliche Gewässer eingefahren ist. Die Johann Albrecht ist wiederum benannt nach Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, der seit 1895 Präsi-dent der Deutschen Kolonialgesellschaft ist. 

Als die Yacht Delphin, ein Schiff der Kolonialverwaltung von Deutsch Neuguinea, einmal in den Krater einfährt empfinden die Teilnehmer der Fahrt den Kratersee als unheimlich und die Stille bedrückend. Alle sind froh als sie wieder auf dem freien blauen Ozean sind.

Anders erleben Passagiere des Reichspostdampfers Ma-nila bei einem Landgang den Krater. Haben die Wande-rer eine für Besucher als Ausblick vom Buschwerk frei-geschlagene Stelle am Rand des Kraters erreicht schau-en sie in eine azurblaue Flut tief unten inmitten des grünen Kessels in seiner überwältigenden Größe. In der lautlosen Stille des Naturschauspiel dämpfen auch die Besucher ihre Stimmen.    

Im November 1903 kommt es zu einem Überfall eines Witu-Dorfes auf die Weißen und ihre chinesischen und schwarzen Arbeiter. Die alteingesessenen Händler Han-sen und Rauer können fliehen, während Döll und Rein-hard am Strand gespeert werden. Einige Chinesen und Schwarze werden ebenfalls ermordet. Rauer kann sich mit einer schweren Speerwunde im Arm mit seiner ein-heimischen Frau Maluke in einem Kanu auf die offene See retten und erreicht schließlich in entbehrungs-reicher und riskanter zehntägiger Fahrt mit dem Kanu das 350 km entfernte Herbertshöhe, um Hilfe zu holen. Das Gouvernement schickt sofort eine Strafexpedition mit dem Regierungsdampfer Seestern. Die beiden toten Deutschen werden unter einem Gedenkstein am Strand beerdigt, während die eigentliche Arbeit der Strafexpe-dition bereits weitgehend auf landesübliche Art erledigt worden ist. Die Täter waren noch vor Eintreffen der Strafexpedition auf die Halbinsel Villaumez vom Kaiser Wilhelmsland auf Neuguinea geflohen und sind dort fast alle von ihren Landsleuten verspeist worden. Nur wenige entkamen, darunter die beiden Rädelsführer Gegilo und Baleki. Beide werden später gefaßt und öffentlich gehenkt.

Peter Hansen, ein Berliner, kann sich bei dem Überfall im November 1903 mit Hilfe einer schwarzen Mary, wie die Deutschen ihre einheimischen Freundinnen nen-nen, retten und harrt Wochen aus, bis die Seestern ihn abholt. Hansen bleibt aber schließlich als Plantagenver-walter der Neuguinea-Kompagnie auf Witu, wo er meh-rere einheimische Frauen besitzt. Er hat sie teils gekauft, teils von Dörfern für seine tatkräftige Unterstützung bei kriegerischen Auseinandersetzung mit anderen Dörfern geschenkt bekommen.

Einmal hatte er die Balangori-Leute bei einem Kriegszug gegen die Lama-Leute unterstützt. Dabei gelang es ihm, einen weithin bekannten Speerwerfer der Lama zu tö-ten. Als der Kampf vorüber war, schnitt er dem toten Krieger nach alter Tradition den Wurfarm ab und gab ihn den Balangori-Leuten, sodaß sie ihn braten und seine Wurfkraft in sich aufnehmen konnten.

Schon am nächsten Tag nach dem Kampf war wieder tiefster Frieden zwischen beiden Dörfern eingekehrt und Hansen bekam von den Lama-Leuten als Freund-schafts- und Friedensgeschenk Maluke, die Witwe des tags zuvor von ihm getöteten Speerwerfers. Er gab Malu-ke an den Händler Rauer weiter, der sie zur Frau nahm.

Verheiratet ist Hansen mit einer Polynesierin. 1908 hat er einen Frauenbestand aus insgesamt neun Damen mit einer nicht genau zu ermittelnden Kinderzahl von etwa einem Dutzend.

Nach Peter Hansen ist auch Peterhafen auf Witu be-nannt.


In einer Missionsschule gleich bei Herbertshöhe, bis 1909 die Hauptstadt von Deutsch Neuguinea, entsteht um die Jahrhundertwende eine Mischsprache, die schließlich von den Sprechern Unserdeutsch genannt wird. Unserdeutsch ist eine Sprache aus Pidgin-Englisch und Deutsch und hat ihren Anfang um das Jahr 1900 in der katholische Herz-Jesu-Mission Vunapopenahe Her-bertshöhe. Die Missionare aus Hiltrup in Westfalen füh-ren in Vunapope auch eine Schule für Mischlingskin-der europäisch-melanesischer Herkunft. Diese Kinder werden von den Missionaren aus der näheren und fer-neren Umgebung angenommen oder aufgekauft, weil sie als Halbwaisen oder Waisen aufwachsen und als Mischlinge in der Eingeborenenwelt aus der Sicht der Missionare besonders benachteiligt sind und kommen in das Waisenhaus in Vunapope.

Die Mütter der Kinder sind meist einheimische Frauen, während die Väter aus Asien oder Europa stammen, meist aus Deutschland. Die Väter sind Beamte, Händler und Abenteurer.

Die meist noch sehr jungen Kinder sprechen bei ihrer Ankunft in der Missionsstation die Einheimischen-sprache und Pidgin-Englisch und werden nun in Hoch-deutsch unterrichtet. Außerhalb des Unterrichts vermi-schen die Kinder das in der Schule gelernte Deutsch mit dem sonst verbreiteten Pidgin-Englisch, was als Schul-sprache selbst untersagt ist. So entsteht eine Mischspra-che, deren Wortschatz im Wesentlichen auf das Deut-sche, deren Grammatik aber auf Pidgin-Englisch basiert.

Weil die Kinder weder von den Weißen, noch von den Schwarzen als vollwertig und dazugehörig anerkannt werden, bleiben sie unter sich und ihre Sprache wird ein wichtiges verbindendes Merkmal für sie. Dazu sind sie meistenteils nicht nur in der Schule, sondern auch in der Freizeit zusammen und lernen landwirtschaftliche und handwerkliche Tätigkeiten in der Missionsstation, bei der sie auch auf deren Plantagen und Handwerks-betrieben arbeiten. So ist Unserdeutsch eine ausschließ-lich von den Mischlingen der Gazelle-Halbinsel gespro-chene Sprache.


1908 beginnt in Herbertshöhe, der Hauptstadt von Deutsch Neuguinea, die Zukunft des Landverkehrs, das erste Automobil trifft ein! Es ist der Wagen des Gou-verneurs Albert Hahl. Für die 30 km von Herbertshöhe in die baldige neue Hauptstadt Rabaul benötigt der Gouverneur mit seinem Motorfahrzeug nun nur noch eine Stunde. Die Schwarzen nennen das Gefährt Busch-dampfer.

1909 wird Rabaul Hauptstadt von Deutsch Neuguinea und auch der Gouverneur zieht nach Rabaul um. 1905 war noch der Umzug der Regierung nach Rabaul schon für 1907 geplant.

Am 3. November 1909 findet aus Anlaß der 25. Wieder-kehr der deutschen Flaggenhissung an der Blanche-Bucht, an der Rabaul liegt, zum Zeichen der Besitzer-greifung der Insel Neu Pommern in Anwesenheit des Kleinen Kreuzers Cormoran eine Feier statt. Am 6. November ist ein Teil der Besatzung des Kriegsschiffes bei der Grundsteinlegung für einen Turm zu Ehren von Bismarck in Toma südwestlich von Herbertshöhe zuge-gen.


Eine Freizeitbeschäftigung der Deutschen an der Blanche-Bucht sind Segelboottouren am Wochenende zu den umliegenden Inseln bis zur Insel Neulauenburg und den umliegenden kleineren Inseln bei Neulauen-burg, wie etwa Mioko, die 30-40 km entfernt liegen.

Wind und Wetter sind aber nicht immer so, wie man es sich vorher vorgestellt hat, und dann kommen die Herren statt am Sonntagabend erst am Montag zurück.

Eine Dreiergruppe kommt überhaupt nicht mehr zu-rück. Man hat sie nie wiedergesehen. Verschollen auf See oder irgendwo gestrandet und gefressen von den Einheimischen.


1911 kommt die norwegische Kohlenbark Fram vor der Südspitze des Inselchens Matupi fest und der Kapitän bittet den Kommandanten der SMS Cormoran, die im nur wenige Kilometer entfernten Rabaul liegt, um Hilfe. Der Klüverbaum des festgekommenen Segelschiffes ragt fast bis in das Wohnhaus des Leiters der Firma Hernsheim & Co. Ein Schlepper kommt, um den Segler freizuschleppen, aber natürlich für eine entsprechende Gebühr.

Der norwegische Kapitän zum Schlepperkapitän: „Nee, nee, der deutsche Kreuzer Cormoran wird mich gleich abschleppen, der macht’s umsonst. Um vier Uhr hat der Kommandant von Cormoran mir versprochen hier zu sein.“

„Ach was – Bluff – der kommt doch nicht!“ schreit der Schlepperkapitän, der natürlich sein Geschäft machen will.

„Nee, der kommt.“

Um vier kommt die Cormoran angedampft und ankert bei dem verunglückten Segler. Leutnant Witschetzky und ein paar Matrosen der Cormoran rudern zur Bark, um die Abschleppleine an Deck zu geben, doch von deren Besatzung ist keiner auf Deck. Schließlich klet-tern ein paar Matrosen auf die Fram und finden die Besatzung schwer vom Genever angeschlagen unter Deck. Doch sie schaffen es die Leine festzumachen und der vom Genever nicht mehr ganz sicher auf den Beinen stehende Kapitän des Seglers schüttelt dem Leutnant des deutschen Kriegsschiffes mit tränenden Augen dankbar die Hand.

Die Dampfventile, der Cormoran fauchen und die Hei-zer arbeiten vor den Kesseln, was sie können. Langsam kommt Bewegung in die Bark und schnell ist das Segel-schiff wieder flott.

Auch der Navigationsoffizier der Cormoran kommt an Bord des Seglers und nach einer Besichtigung sagt er zum Leutnant Witschetzky: „Ein unerhörter Leicht-sinn, ein unerhörter Leichtsinn! Die haben nur eine einzige Übersichtskarte von der ganzen Südsee und einen Atlas an Bord, sonst nichts, nicht eine einzige Spezialkarte. Auf ihrer Karte ist die ganze Bucht von Matupi so groß wie ein Fingernagel! So fahren diese Leute zur See! Und dann wundern sie sich, wenn sie den Weg nicht finden und festkommen.“