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Leben und Ereignisse V

Die Regierungsstation Kieta liegt an einer Bucht, die geschützt ist von einem davorliegenden Riff, welches aber eine Öffnung hat breit genug für die Durchfahrt von Schiffen, sodaß diese geschützt in der Bucht ankern können. Die Ansiedlung besteht aus den Häusern der Regierungsstation und dem Wohnhaus des Leiters der Hernsheimschen Niederlassung, welche erhöht auf ei-nem Hügelrücken stehen, um die kühlende Seebrise besser auszunutzen und die unten am Wasser uner-träglichen Moskitoschwärme zu vermeiden. Kieta ist ein einsamer Außenposten der Zivilisation im Kannibalen-land.

Von Kieta aus entlang der Küste nach Süden baut Stationsleiter August Doellinger, der mit einer Halb-samoanerin verheiratet ist, eine Straße, teils mittels Fronarbeit als Steuerersatz und teils mit schwarzen Sträflingen. Die Sträflingskolonne wird auch aufgefüllt mit Kannibalen. Auf den Inseln der Station ist Men-schenfresserei an der Tagesordnung und die Ursache beständiger Kämpfe zwischen den einzelnen Dorfschaf-ten, besonders zwischen den Bewohnern der Küste und denen des bergigen Inneren.

Ein deutscher Reiseschriftsteller schreibt 1894: »Nach Aussage der Salomoninsulaner soll unser Fleisch bei den Kannibalen aber keineswegs als der Leckerbissen gelten, der zu sein wir uns einbilden. Wir schmecken „tranig“, werden nur wenn gerade nichts besseres da ist verspeist, und einem richtigen Gourmet läuft bei un-serem Anblick das Wasser durchaus nicht im Munde zusammen. Hoffentlich wird Henriette Davidis [eine deutsche Kochbuchschreiberin] nicht so bald ins Salo-monische übersetzt, sonst könnten die Herren Kanni-balen leicht erfahren, daß Trangeschmack sich durch Abkochen mit Heu verliert.«


Als 1912 zwei deutsche Marineoffiziere an der Nordküste von Bougainville einen Spaziergang machen, will der neu aus Deutschland eingetroffene Offizier seinem Kameraden nicht glauben, daß er mit den Eingeborenen sprechen könne. Natürlich handelt es sich um Pidgin-Englisch, das jeder Weiße und Eingeborene schnell er-lernen kann. Die beiden biegen vom Weg in ein nahe gelegenes Dorf ab. Um einen freien Platz stehen ein paar Dutzend elende Palmenblatthütten, die wie große Bie-nenkörbe aussehen. Aber das Dorf ist menschenleer. Die Dorfbewohner haben sich vorsichtshalber vor den Sol-daten ins Gebüsch verdrückt, weil sie eine Strafexpedi-tion wegen Menschenfresserei befürchten.

„Nun zeige mal deine Sprachkenntnisse!“, verlangt der Neuankömmling.

„Aufgepaßt!“, sagt der Erfahrene und schneidet einen kleinen Palmzweig ab, mit dem er in der rechten Hand gleich einem Friedensengel am Waldessaum entlang geht und „Kawasch, Kawasch!“ (Friede, Friede) in den Wald ruft. Die Kundgebung wird unterstützt, indem er mit der linken Hand mit dem beliebten Stangentabak wedelt. Nun nähern sich von allen Seiten hinter Sträu-chern, Häusern und Bäumen hervorkommend vorsich-tig Mann, Weib und Kind und scharen sich im dichten Kreis um die deutschen Soldaten.

Um seinen unerfahrenen Kameraden noch weiter zu beeindrucken erklärt er ihm: „Und nun werde ich mal fragen, ob sie schon einen Menschen gefressen haben.“

„Ja, los!“ begeistert sich der Neuankömmling.

„You kai-kai men?“ Wie der Blitz saust alles in alle Rich-tungen davon, nur die beiden Offiziere bleiben einsam und allein zurück. Natürlich sind auch die hiesigen Ein-geborenen Kannibalen und die Angeberei mit seinen Sprachkenntnissen hat die Einheimischen das Schlimm-ste fürchten lassen. So können nun die beiden Deut-schen keine Waffen oder welche Souvenirs auch im-mer gegen ihren Stangentabak eintauschen.


Im September 1912 ist die SMS Cormoran vor Buka, um fast zwei Wochen lang Vermessungen vor Buka und im Buka-Kanal, der zwischen Buka und Bougainville durch-führt, vorzunehmen. Die verschiedenen Anfragen beim Gouvernement über verläßliche Karten über die Wasserstraße führt zur Entsendung der Cormoran für diese Aufgabe. Der steigende Schiffsverkehr im Buka-Kanal resultiert aus dem wachsenden Schiffsverkehr in der Kolonie durch die zahlreichen neuen Pflanzungs-betriebe als auch speziell aus Arbeiteranwerbungen von Buka und Bougainville, deren Arbeitskräfte besonders begehrt sind. Auch der örtliche Küstenverkehr der gleichfalls an Zahl zunehmenden Pflanzungs- und Han-delsbetriebe auf den beiden Inseln selbst nimmt den Weg durch die Straße. In der Hauptsache handelt es sich nur um die ortsüblichen kleineren gedeckten Kut-ter oder Schoner, letztere vielfach mit Motorantrieb, aber auch größere Fahrzeuge wie der Dampfer Sumatra des Norddeutschen Lloyd, der die Kopra von den Außen-stationen an die Hauptlinie des Lloyd nach Rabaul he-ranholt, sind darauf angewiesen die Straße zu benutzen. Der natürliche Kanal trennt die beiden Salomoninseln und ist bei kaum 300 m Breite drei Kilometer lang. Das Wasser im Kanal ist so klar, daß der Anker der Cormo-ran in 15 m Tiefe deutlich zu sehen ist.

Über das Anlaufen von Buka hält ein Besatzungsmitglied der Cormoran fest: »Vom dichtbewaldeten Ufer strömte der schwere, duftgeschwängerte Atem einer üppigen Tropenvegetation herüber. Immer näher trat Bukas Küs-te heran, bis nur noch eine wenige hundert Meter breite Öffnung blieb, der Nordeingang zur Buka-Straße. Zahl-reiche Kanus mit tiefschwarzen, nackten, sehnig gebau-ten Insassen tauchten auf.«

Zu beiden Seiten der Buka-Straße stehen im Schatten der Urwaldriesen verschiedene gut bevölkerte Dörfer der Eingeborenen. Tiefdunkle, reinrassige Melanesier von starkem Körperbau, selbstbewußtem Auftreten und ausgeprägtem Kraftgefühl. Die Kleidung ist nur äußerst dürftig. Die Männer gehen meist ganz nackt, sofern sie nicht, als frühere Polizeisoldaten oder Pflanzungsarbei-ter sich als Träger einer höheren Kultur fühlend, einen Lavalava aus europäischen Stoff mittels eines alten Mili-tärkoppels um die Hüften befestigt haben. Auch die Weiber tragen nur eine Art Schurz, dessen Abmessun-gen das denkbar ausgeprägteste Minimum erreichen.

Der Kommandant der Cormoran ist mit dem Dingi, dem geruderten kleinsten Beiboot des Schiffes, das er für Fahrten zur Naturbeobachtung oder zur Jagd mit seinem schwarzen Burschen benutzt, der seine Flinte trägt, an der Buka-Küste unterwegs: »Ich zog wieder mit dem Dingi los, mit mir mein vortrefflicher Bursche und ein Schwarzer. An einer sandigen Strandstelle landete ich, wo ein schmaler Pfad nach wenigen Schritten zum, auf Anordnung der Regierung gut angelegten, breiten Fuß-weg führte. Wie in einem Dom wandelte es sich hier unter dem dichten, schattigen Blätterdach. Ich besuchte zwei Dörfer der Eingeborenen und brachte einige Bogen und Pfeile durch Kauf in meinen Besitz, wobei sich die Schwarzen als sehr tüchtige, über die Kaufkraft unserer Mark wohlunterrichtete Geschäftsleute erwiesen.«

»Am 17. September waren die Vermessungsarbeiten zum Abschluß gebracht. Dieser letzte Tag wurde vom Landungskorps des Schiffes zu einem Landungsma-növer auf dem Riff, verbunden mit gefechtsmäßigen Schießübungen des Landungsgeschützes, der Maschi-nengewehre und der Landungsinfanterie unter Leitung des Ersten Offiziers ausgenutzt.«

Kommandant Ebert nutzt den Tag, um mit dem Dingi in die Wildnis an einer kleinen Bucht zu rudern. Mit sei-nem Steward, einem Matrosen und einem farbigen Unteroffizier ist er unterwegs. Sie sind bereits wieder auf dem Rückweg zum Schiff: »In diesem Augenblick sah ich etwa 20 Meter vom Boot auf dem Wasser treibend einen Gegenstand, den ich für einen Baumast hielt und nicht weiter beachtete. Als ich einige Sekunden später wieder nach der Richtung sah, war der vermeintliche Baumast verschwunden. Auf mein leises Kommando hielten die beiden im Rudern inne. Unmittelbar darauf tauchte das geheimnisvolle Etwas wieder auf, etwa in 15 Meter Abstand, und der gezackte Rücken, der spitz zu-laufende, schmale Kopf eines riesigen Krokodils wurde sichtbar. Kaum ergriff ich meinen geladenen Drilling, da war das Reptil wieder verschwunden. So wiederholte sich das einige Male, so daß ich bei der schwankenden Nußschale nicht zum Schuß kam. Vielleicht war es auch gut, daß die Bestie nicht gereizt wurde, denn wenn sie unser winziges Boot angenommen hätte, dann wäre der Ausgang vielleicht recht unangenehm geworden.«


Der in der ganzen Südsee berühmte Peter Hansen hat sich nach Jahrzehnten in der Südsee auf Bougainville angesiedelt und führt dort eine Plantage der austra-lischen New Britain Corporation. Jegliche glaubliche und unglaubliche haarsträubende Geschichte jeder Couleur wird über den Berliner erzählt und eine abenteuerliche Geschichte hat er ohne Zweifel. So fühlen sich Kommandant und Offiziere der SMS Cormoran geehrt, dem alten Hansen im Juni 1911 einen Besuch abstatten zu können. Der Cormoran-Besuch ist Hansen angekündigt und er hat sich in Schale geworfen und Klarschiff in seiner einräumigen auf Pfählen stehenden Hütte aus Brettern mit Palmdach gemacht. Oder besser, seine Schar von schwarzen Dienerinnen hat die Arbeit für ihn erledigt. Hansen hat schon prächtiger gewohnt und gelebt, etwa auf den Witu-Inseln im Bismarck-Archipel, das Leben hat ihn nun eben auf diesen Außenposten verschlagen.

Im schneeweißen, frisch gewaschenen Tropenanzug mit geschnittenem Haar und frisch rasiert empfängt Han-sen die Marineoffiziere an seinem wackeligen Lan-dungssteg vor seiner Holzhütte. Er ist eine spindeldürre, ausgedörrte und vom Alter gebeugte Gestalt mit einem kleinen Vogelkopf. Die braune, lederne Haut ist in tau-send Falten zusammengeschrumpft und die wenigen stacheligen weißen Haare heben sich deutlich davon ab. Eine große spitze Nase findet sich in seinem Gesicht, aus dem flinke graue Auge schauen. „Ick freue mir, Herr Kommandant, dat Sie mir in meine Wildernis besu-chen,“ berlinert Hansen. Er führt seinen Besuch in seine Bretterhütte, die mit Bett, Nähmaschine, Dalli-Plättma-schine und einigen Kisten möbliert ist, alles ordentlich aufgeräumt, gescheuert und geputzt. Am Tisch stehen zwei Stühle und eine Reihe von Kisten mit der Aufschrift ›Genever‹ für die ungewohnte Zahl an Gästen. Der Tisch ist gedeckt für das Festmahl aus einem geschlachteten Schwein und vielen Hühnern. Eins fällt den Gästen so-fort auf: Auf dem Fußboden verstreut liegen mehrere Bogen Zeitungspapier, die gar nicht in die peinliche Ordnung passen.

„Treten Se nich uff det Papier, meine Herren, darüber nisten die Papageien.“ Und erstaunt sehen die Gäste in den Ästen und Blättern des Palmdaches die Papageien-augen und Schnäbel. Nun ist allen Besuchern der Sinn des Zeitungspapiers als Klopapier für die Papageien klar.

Das opulente Mahl beginnt. Natürlich auch mit Kaviar, wie bei jedem Südsee-Festessen. Die kleinen Blechdosen findet man in jedem Hause und wenn es in einer noch so entlegenen Gegend ist. Die Sektkorken knallen und die Papageien im Dach sind lebhafte Teilnehmer, wenn die Korken in ihr Gefilde fliegen.

Die Dienerinnen spielen eine Hauptrolle im Geschehen und werden von Hansen auf Trab gehalten. „Zuleika, give me Schnaps; Langu, give this Gentleman tobacco; Salome, take pipe out of mouth belong you, jetzt wird hier nicht geraucht, wenn die Herren vom Kriegsschiff da sind!“

Melonen und Ananas beenden das Festessen und Hansen genehmigt sich noch ein großes Glas vom »Schnaps« – Genever – , als er nun gefragt wird: „Nun, Herr Hansen, erzählen sie doch mal so etwas von Ihren Erlebnissen. Sie sind doch der älteste Südseemann hier draußen.“ Und Hansen erzählt sehr interessante Ge-schichten – nur von anderen Leuten. Von den über ihn umlaufenden Seeräuber- und Frauengeschichten hätten die Herren wohl gerne gehört, aber Hansen behauptet, er selbst habe nichts erlebt, was die Herren interessie-ren würde. Keiner glaubt es ihm und als man sich an der Landungsbrücke verabschiedet sind am Strande eine Schar Kinder versammelt, schwarze, braune und noch hellere und winken freundlich, dazwischen Hansen mit einem tiefen Abschiedsbückling.

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Wirtschaft und Verkehr III

Stationsleiter August Doellinger baut auf Bougainville eine Straße von Kieta nach Süden der Küste entlang, wo sich wenige Plantagen und Missionsstationen befinden. Die Straße führt 1911 bis zu der rund 50 Kilometer von Kieta entfernten Pflanzung Toiemonapu einer austra-lischen Gesellschaft. Geführt wird die Plantage von Peter Hansen, der einer der ältesten Kolonisten im Schutzgebiet ist. Er ist ausgiebig mit den Lebensver-hältnissen von Steinzeitmenschen vertraut, sodaß er auch auf einer Kannibaleninsel der Salomonen, wie Bougainville es ist, als Pionier eine Plantage aufbauen kann.

Die Straße von Kieta aus hat etwa alle 20 Kilometer ein Rasthaus. Diese Rasthäuser sind, wie auch Hansens Wohnhaus, der Form nach im europäischen Tropenstil erbaut, aber nach Eingeborenenart aus Zweigen und Blättern kunstvoll hergestellt. Die Straße ist allerdings zur Regenzeit häufig unterbrochen, wenn die ange-schwollenen zahlreichen Flußläufe die vorhandenen Brücken wegreißen.

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Verwaltung III

Ende Februar 1914 wird vom Kanonenboot Cormoran aus eine Strafexpedition zur Befriedung des südlichen Teils der Insel Bougainville durchgeführt. Die Stammes-fehden dort sollen beendet werden. Die Landungsabtei-lung der Cormoran und der Stationsleiter mit seiner eingeschifften Polizeitruppe mit Trägern der Station Kieta sollen das unwegsame Dschungelland durchstrei-fen und gegen die den Landfrieden brechenden Dörfer vorgehen. Ein Vermessungstrupp begleitet die Strafex-pedition zur Erstellung von Wegekarten.

Tatsächlich werden zwei Expeditionen durchgeführt. Die erste wird unterstützt und begleitet von Eingeborenen des Bezirks Aku und richtet sich gegen die Dörfer im »Bezirk Boruboru, wo die Einwohner bestraft werden sollten«, wie im Expeditionsbericht zu lesen steht. Ein Dorf wird genommen und abgebrannt. Die Pfeile schie-ßenden und Speere werfenden Eingeborenen flüchten in den dichten Busch. Zwei Eingeborene werden er-schossen. Die Expedition leidet unter der ständigen Näs-se, was in den kalten Nächten besonders unangenehm ist.

Unmittelbar anschließend an die erste Strafexpedition beginnt die zweite Strafexpedition gegen den Bezirk Tagonoto mit ein paar Offizieren, einem Arzt, 16 Unter-offizieren und Mannschaften und dem Stationsleiter mit 18 Polizeisoldaten. Im Expeditionsbericht steht über den 26. Februar: »Die Leute hielten sich trotz der sehr schlechten Pfade und der vorhergegangenen Anstren-gungen ausgezeichnet. Gegen 5h nachmittags wurde mitten im Busch Lager geschlagen. Möglichst geräusch-los wurde abgekocht und für die Nacht Schutzdächer für die Schlafplätze aus Blättern errichtet. Diese Maßnahme war notwendig, da in den Nächten der Tau wie Regen herabfiel. … 27. Februar. Kurz vor 7h früh kam die Trup-pe dicht an die im dichten Busch liegenden Dörfer. Mit äußerster Vorsicht ging die Linie vor. Zwei Dörfer wur-den angegriffen, nachdem die Spitze mit Speeren be-worfen war. Hierbei wurde ein Eingeborener erschos-sen, ein weiterer angeblich verwundet oder getötet. Ein Weib und zwei Kinder wurden gefangen und als Geiseln mitgenommen, das den Siwueileuten geraubte Weib be-freit. Vor dem Abrücken wurden sämtliche Beratungs-häuser und Hütten niedergebrannt.«