Durch den Untergang der Regierungsyacht Seestern im Juni 1909 können länger keine Besichtigungsreisen der deutschen Verwaltung in den Admiralitätsinseln statt-finden, was dazu führt, daß die Fehden zwischen den dortigen Stämmen wieder ausbrechen und die weißen Handelsstationen und Plantagen gefährdet sind. Anfang September 1910 steht nun der Versorgungsdampfer Titania des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders für eine Woche für eine Inspektionsreise zur Verfügung und auch ein Polizeimeister mit 38 eingeborenen Polizeisol-daten wird in Rabaul eingeschifft, für eine Strafexpe-dition gegen Kannibalen. Wiederholt waren die an der Nordküste der Insel Manus liegenden Dörfer der Man von den Mikule-Bergbewohnern überfallen und bei je-dem Überfall drei bis acht Mann der Dorfbewohner ge-fressen worden. So haben in den letzten zehn Monaten die Mikule 42 Man verspeist.
Bei der Fahrt der Titania wird auf der Insel Nera die Ehe-frau eines deutschen Ansiedlers abgesetzt, der meldet, daß drei Tage zuvor der in den Bergen wohnende Stamm der Usiais einen Überfall auf die einheimischen Arbeiter des japanischen Nachbarn verübt habe. Zwei Gewehre sind von den Usiais gestohlen worden und fünf Arbeiter haben sie gefressen. Zwei weitere Arbeiter, die sie auch getötet haben, haben sie aber wegen ihrer Hautkrank-heit verschmäht. Sofort wird von der Titania aus eine Strafexpedition gegen die Kannibalen eingeleitet. Die Malay-Leute, einheimische Küstenbewohner, die auch unter den Überfällen der Usiais leiden, unterstützen und führen die Strafexpedition. Aus dem Expeditionsbe-richt:
»Das verlassen geglaubte Dorf ergab sich aber als be-wohnt und erst vor wenigen Stunden äußerst stark befestigt. Mit großer Geschicklichkeit angelegte Palisa-den und Bambusverhaue zwangen uns, lange Strecken auf dem ohnehin steilen und beschwerlichen Pfad krie-chend vorzurücken und hielten uns sehr auf. Fußangeln – fußbreite Löcher voller Bambusspitzen, mit Blättern verdeckt – verletzten einen der Führer und ließen nur ein langsames und vorsichtiges Vorgehen zu. Nach etwa 1½ Stunden war das Dorf auf dem Kamme des Berges erreicht. Allem Anschein nach war es vor kurzem in aller Eile geräumt, von den Kanakern war nichts zu se-hen. An den Ästen hängende noch unverzehrte gebra-tene menschliche Gliedmaßen und in den Häusern vor-gefundene Gegenstände des Japaners Komine bewiesen, daß dies ein Dorf der Usiais war, ein wohlhabendes Dorf von etwa 20 großen, reich verzierten Holzbauten. Nach gründlicher vergeblicher Suche nach den geraubten Ge-wehren wurde das Dorf völlig eingeäschert. Der Lärm der Kriegstrommeln und das Wutgeschrei der Usiais ließ die Nähe der Kanaker erkennen.«
Die Titania geht nach der Strafexpedition nach Seead-lerhafen, von wo aus ein Platz für die Errichtung einer Regierungsstation für die Admiralitätsinseln gesucht werden soll, die auf der Insel Los Negros geplant ist. Jedoch reicht dafür die Zeit nicht, weil das Schiff wieder dem Ostasiatischen Geschwader zurückgegeben werden muß. Die Titania fährt zur Insel Ponam, dem Treffpunkt des Schiffes mit der Scharnhorst, dem Flaggschiff des Geschwaders. Auf Ponam ist gleichzeitig unter der Anwesenheit des großen deutschen Kriegsschiffes eine Versammlung aller Häuptlinge der Admiralitätsinseln geplant, aber das Zustandekommen dieses Treffens scheitert an den Zwistigkeiten und Kämpfen unter den Eingeborenen der ganzen Inselgruppe. Die Expeditions-truppe wird von der Titania auf den Admiralitätsinseln zurückgelassen, um »die Ruhe unter den Schwarzen und die Sicherheit der Arbeiter wiederher-zustellen.«
Von der Regierung werden Häuptlinge als lokale Ver-waltungskräfte eingesetzt. Diese Häuptlinge bekommen eine Dienstmütze und einen bald eineinhalb Meter lan-gen Stab als weiteres Abzeichen ihrer Amtshoheit. Einer dieser wenigen Regierungshäuptlinge genannten ein-heimischen Hoheitsträger meldet sich 1911 bei Albert Stehr, dem Chef der Firma Hernsheim & Co. vor Ort, mit der Bitte, ihm möge der ihm verliehene Stab und die Mütze wieder abgenommen werden, „weil er lieber wie-der fechten wolle“, wie er treuherzig erklärt, er sich also wieder in die blutigen Kämpfe der Bewohner der Admi-ralitätsinseln untereinander stürzen wolle.
Stehr, der die Geschäfte von Hernsheim & Co., auf den Admiralitätsinseln leitet und neue Kokosplantagen an-legt, ist beliebt bei den Einheimischen. Wenn er auf-taucht rufen sie „Alibat, Alibat“, nach seinem Vornamen Albert.
Die Sicherheit der Europäer wächst zweifellos mit der Errichtung einer Regierungsstation am 25. Oktober 1911. Bis dahin wurde die Lokalverwaltung vom Kaiserlichen Bezirksamt in Rabaul mit besorgt. Am selbigen Datum werden die Admiralitätsinseln zugleich mit den West-lichen Inseln aus dem Bereich des Bezirksamts in Ra-baul ausgegliedert und ein besonderer Stationsbezirk gebildet, der die als »Admiralitätsinseln und Westlichen Inseln« bekannten Inselgruppen umfaßt. Die Regie-rungsstation ist am Seeadlerhafen im Osten der Haupt-insel der Gruppe errichtet. Sie führt den Eingeborenen-namen der Hauptinsel, Manus, als amtliche Bezeich-nung. Das Personal der Station besteht aus einem Sta-tionsleiter, einem Polizeimeister, einem Sanitätsgehilfen und 50 eingeborenen Polizeisoldaten. Die Station ist dem Gouverneur unmittelbar unterstellt. Hinsichtlich der Fremdengerichtsbarkeit gehören die Admiralitäts-inseln zum Bereiche des Bezirksgerichts und des Ober-gerichts in Rabaul.
Der erste Stationsleiter hat mit seinen kriegerischen Untertanen einige Auseinandersetzung, bis sie seine Herrschaft anerkennen, und bis dahin muß der Beamte in seinem Haus wie in einer belagerten Festung leben.