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Westliche Inseln

Westlich der Admiralitätsinseln liegen die Westlichen Inseln. Sie bestehen aus einer Reihe von Inselgruppen und Inseln nördlich von Kaiser-Wilhelms-Land. Eine dieser Inselgruppen sind die Eremiteninseln, auch Hermit-Inseln genannt, 100 Seemeilen westlich der Admiralitätsinseln. Das Atoll mit seinen 17 Inseln wird 1902 vom Bremer Kaufmann Heinrich Rudolph Wahlen zum Beginn seiner Südseetätigkeit genutzt. Auf der Eremiteninsel Maron baut Wahlen seinen Firmensitz, die Wahlenburg, ein stattliches zweistöckiges Haus mit einem spitzgiebligen Turm, von dem die Reichsflagge weht. Seinen Handels- und Plantagenbetrieb erweitert Wahlen von den Eremiteninseln aus auf die Admira-litätsinseln und weiter ins Bismarckarchipel. Wahlen gründet auch andere Südseefirmen und gehört zu dem Hamburger Konsortium, daß 1910 die Plantagenfirma E. E. Forsayth von Queen Emma, der Südseepartykönigin Emma Kolbe, kauft. Das Unternehmen wird in Südsee-Aktiengesellschaft umbenannt.

Die Zentrale der seit 1910 als Wahlen GmbH firmie-renden Unternehmung bleibt auf Maron, wo hoch über dem Meer Wohnhaus und Verwaltungsgebäude der Ge-sellschaft errichtet sind. Maron wird von den Dampfern der Austral-Japan-Linie regelmäßig angelaufen. Der Ver-kehr zwischen den einzelnen Besitzungen der Gesell-schaft wird von ihren Fahrzeugen, dem Motorschoner Möwe und dem kleinen, in Hongkong neuerbauten Dampfer Hamburg, durchgeführt. Die Gesellschaft ver-fügt noch über eine größere Zahl unbebauter Länderei-en und setzt, wie schon in den letzten Jahren, die An-pflanzungen der Kokospalme in erheblichem Maßstabe fort.  

Paul Ebert, Kommandant von SMS Cormoran, be-schreibt seinen Aufenthalt auf Maron im März 1912:

»Bei unserem Besuche in Maron führte der Bruder des Begründers, Herr Julius Wahlen, die Geschäfte, der uns ein außerordentlich liebenswürdiger Gastgeber war. Wir ankerten südlich der Insel Maron, gegenüber der Landungsbrücke der Firma. Bald erschien Herr Wahlen zu Besuche, der mich gleich zum Mittagessen auf seine stattliche Burg einlud. Herzerfrischend war es, hier zu beobachten, was deutscher Fleiß, deutscher Ordnungs- und Schönheitssinn in kurzer Zeit aus einer Wildnis geschaffen hatten. Unten am Strande, nahe der Brücke, waren die Wirtschaftsgebäude und die Wohnhäuser der farbigen Arbeiter errichtet. Von da aus führte ein mit hübschen Anlagen eingefaßter Weg, den wir im elegan-ten, leichten Wagen des Hausherrn zurücklegten, hinauf zur luftigen Höhe. Luftige Räume umschloß der stattliche Bau, vornehm ausgestattet mit allen mögli-chen fremdländischen Stücken, die die Wahlens auf ihren Weltreisen gesammelt hatten. Vor allem bot sich ein wundervoller Blick über das Atoll, mit den üppigen Palmenpflanzungen Marons und das mit diesem durch einen schmalen Damm verbundene Akib im Vorder-grunde, und darüber hinaus nach Osten die hohen Ber-ge der Insel Luf, das Ganze umrahmt vom blinkenden Brandungsgürtel des Riffs. – Sehr interessant war ein Ausflug mit dem Motorboot der Firma zur Hauptinsel Luf, wo am Carola-Hafen zwei aus wenigen Häusern be-stehende Dörfer mit dem Reste der durch Inzucht und Krankheit aussterbenden ursprünglichen Eingeborenen lagen.«

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Leben und Ereignisse V

Die Regierungsstation Kieta liegt an einer Bucht, die geschützt ist von einem davorliegenden Riff, welches aber eine Öffnung hat breit genug für die Durchfahrt von Schiffen, sodaß diese geschützt in der Bucht ankern können. Die Ansiedlung besteht aus den Häusern der Regierungsstation und dem Wohnhaus des Leiters der Hernsheimschen Niederlassung, welche erhöht auf ei-nem Hügelrücken stehen, um die kühlende Seebrise besser auszunutzen und die unten am Wasser uner-träglichen Moskitoschwärme zu vermeiden. Kieta ist ein einsamer Außenposten der Zivilisation im Kannibalen-land.

Von Kieta aus entlang der Küste nach Süden baut Stationsleiter August Doellinger, der mit einer Halb-samoanerin verheiratet ist, eine Straße, teils mittels Fronarbeit als Steuerersatz und teils mit schwarzen Sträflingen. Die Sträflingskolonne wird auch aufgefüllt mit Kannibalen. Auf den Inseln der Station ist Men-schenfresserei an der Tagesordnung und die Ursache beständiger Kämpfe zwischen den einzelnen Dorfschaf-ten, besonders zwischen den Bewohnern der Küste und denen des bergigen Inneren.

Ein deutscher Reiseschriftsteller schreibt 1894: »Nach Aussage der Salomoninsulaner soll unser Fleisch bei den Kannibalen aber keineswegs als der Leckerbissen gelten, der zu sein wir uns einbilden. Wir schmecken „tranig“, werden nur wenn gerade nichts besseres da ist verspeist, und einem richtigen Gourmet läuft bei un-serem Anblick das Wasser durchaus nicht im Munde zusammen. Hoffentlich wird Henriette Davidis [eine deutsche Kochbuchschreiberin] nicht so bald ins Salo-monische übersetzt, sonst könnten die Herren Kanni-balen leicht erfahren, daß Trangeschmack sich durch Abkochen mit Heu verliert.«


Als 1912 zwei deutsche Marineoffiziere an der Nordküste von Bougainville einen Spaziergang machen, will der neu aus Deutschland eingetroffene Offizier seinem Kameraden nicht glauben, daß er mit den Eingeborenen sprechen könne. Natürlich handelt es sich um Pidgin-Englisch, das jeder Weiße und Eingeborene schnell er-lernen kann. Die beiden biegen vom Weg in ein nahe gelegenes Dorf ab. Um einen freien Platz stehen ein paar Dutzend elende Palmenblatthütten, die wie große Bie-nenkörbe aussehen. Aber das Dorf ist menschenleer. Die Dorfbewohner haben sich vorsichtshalber vor den Sol-daten ins Gebüsch verdrückt, weil sie eine Strafexpedi-tion wegen Menschenfresserei befürchten.

„Nun zeige mal deine Sprachkenntnisse!“, verlangt der Neuankömmling.

„Aufgepaßt!“, sagt der Erfahrene und schneidet einen kleinen Palmzweig ab, mit dem er in der rechten Hand gleich einem Friedensengel am Waldessaum entlang geht und „Kawasch, Kawasch!“ (Friede, Friede) in den Wald ruft. Die Kundgebung wird unterstützt, indem er mit der linken Hand mit dem beliebten Stangentabak wedelt. Nun nähern sich von allen Seiten hinter Sträu-chern, Häusern und Bäumen hervorkommend vorsich-tig Mann, Weib und Kind und scharen sich im dichten Kreis um die deutschen Soldaten.

Um seinen unerfahrenen Kameraden noch weiter zu beeindrucken erklärt er ihm: „Und nun werde ich mal fragen, ob sie schon einen Menschen gefressen haben.“

„Ja, los!“ begeistert sich der Neuankömmling.

„You kai-kai men?“ Wie der Blitz saust alles in alle Rich-tungen davon, nur die beiden Offiziere bleiben einsam und allein zurück. Natürlich sind auch die hiesigen Ein-geborenen Kannibalen und die Angeberei mit seinen Sprachkenntnissen hat die Einheimischen das Schlimm-ste fürchten lassen. So können nun die beiden Deut-schen keine Waffen oder welche Souvenirs auch im-mer gegen ihren Stangentabak eintauschen.


Im September 1912 ist die SMS Cormoran vor Buka, um fast zwei Wochen lang Vermessungen vor Buka und im Buka-Kanal, der zwischen Buka und Bougainville durch-führt, vorzunehmen. Die verschiedenen Anfragen beim Gouvernement über verläßliche Karten über die Wasserstraße führt zur Entsendung der Cormoran für diese Aufgabe. Der steigende Schiffsverkehr im Buka-Kanal resultiert aus dem wachsenden Schiffsverkehr in der Kolonie durch die zahlreichen neuen Pflanzungs-betriebe als auch speziell aus Arbeiteranwerbungen von Buka und Bougainville, deren Arbeitskräfte besonders begehrt sind. Auch der örtliche Küstenverkehr der gleichfalls an Zahl zunehmenden Pflanzungs- und Han-delsbetriebe auf den beiden Inseln selbst nimmt den Weg durch die Straße. In der Hauptsache handelt es sich nur um die ortsüblichen kleineren gedeckten Kut-ter oder Schoner, letztere vielfach mit Motorantrieb, aber auch größere Fahrzeuge wie der Dampfer Sumatra des Norddeutschen Lloyd, der die Kopra von den Außen-stationen an die Hauptlinie des Lloyd nach Rabaul he-ranholt, sind darauf angewiesen die Straße zu benutzen. Der natürliche Kanal trennt die beiden Salomoninseln und ist bei kaum 300 m Breite drei Kilometer lang. Das Wasser im Kanal ist so klar, daß der Anker der Cormo-ran in 15 m Tiefe deutlich zu sehen ist.

Über das Anlaufen von Buka hält ein Besatzungsmitglied der Cormoran fest: »Vom dichtbewaldeten Ufer strömte der schwere, duftgeschwängerte Atem einer üppigen Tropenvegetation herüber. Immer näher trat Bukas Küs-te heran, bis nur noch eine wenige hundert Meter breite Öffnung blieb, der Nordeingang zur Buka-Straße. Zahl-reiche Kanus mit tiefschwarzen, nackten, sehnig gebau-ten Insassen tauchten auf.«

Zu beiden Seiten der Buka-Straße stehen im Schatten der Urwaldriesen verschiedene gut bevölkerte Dörfer der Eingeborenen. Tiefdunkle, reinrassige Melanesier von starkem Körperbau, selbstbewußtem Auftreten und ausgeprägtem Kraftgefühl. Die Kleidung ist nur äußerst dürftig. Die Männer gehen meist ganz nackt, sofern sie nicht, als frühere Polizeisoldaten oder Pflanzungsarbei-ter sich als Träger einer höheren Kultur fühlend, einen Lavalava aus europäischen Stoff mittels eines alten Mili-tärkoppels um die Hüften befestigt haben. Auch die Weiber tragen nur eine Art Schurz, dessen Abmessun-gen das denkbar ausgeprägteste Minimum erreichen.

Der Kommandant der Cormoran ist mit dem Dingi, dem geruderten kleinsten Beiboot des Schiffes, das er für Fahrten zur Naturbeobachtung oder zur Jagd mit seinem schwarzen Burschen benutzt, der seine Flinte trägt, an der Buka-Küste unterwegs: »Ich zog wieder mit dem Dingi los, mit mir mein vortrefflicher Bursche und ein Schwarzer. An einer sandigen Strandstelle landete ich, wo ein schmaler Pfad nach wenigen Schritten zum, auf Anordnung der Regierung gut angelegten, breiten Fuß-weg führte. Wie in einem Dom wandelte es sich hier unter dem dichten, schattigen Blätterdach. Ich besuchte zwei Dörfer der Eingeborenen und brachte einige Bogen und Pfeile durch Kauf in meinen Besitz, wobei sich die Schwarzen als sehr tüchtige, über die Kaufkraft unserer Mark wohlunterrichtete Geschäftsleute erwiesen.«

»Am 17. September waren die Vermessungsarbeiten zum Abschluß gebracht. Dieser letzte Tag wurde vom Landungskorps des Schiffes zu einem Landungsma-növer auf dem Riff, verbunden mit gefechtsmäßigen Schießübungen des Landungsgeschützes, der Maschi-nengewehre und der Landungsinfanterie unter Leitung des Ersten Offiziers ausgenutzt.«

Kommandant Ebert nutzt den Tag, um mit dem Dingi in die Wildnis an einer kleinen Bucht zu rudern. Mit sei-nem Steward, einem Matrosen und einem farbigen Unteroffizier ist er unterwegs. Sie sind bereits wieder auf dem Rückweg zum Schiff: »In diesem Augenblick sah ich etwa 20 Meter vom Boot auf dem Wasser treibend einen Gegenstand, den ich für einen Baumast hielt und nicht weiter beachtete. Als ich einige Sekunden später wieder nach der Richtung sah, war der vermeintliche Baumast verschwunden. Auf mein leises Kommando hielten die beiden im Rudern inne. Unmittelbar darauf tauchte das geheimnisvolle Etwas wieder auf, etwa in 15 Meter Abstand, und der gezackte Rücken, der spitz zu-laufende, schmale Kopf eines riesigen Krokodils wurde sichtbar. Kaum ergriff ich meinen geladenen Drilling, da war das Reptil wieder verschwunden. So wiederholte sich das einige Male, so daß ich bei der schwankenden Nußschale nicht zum Schuß kam. Vielleicht war es auch gut, daß die Bestie nicht gereizt wurde, denn wenn sie unser winziges Boot angenommen hätte, dann wäre der Ausgang vielleicht recht unangenehm geworden.«


Der in der ganzen Südsee berühmte Peter Hansen hat sich nach Jahrzehnten in der Südsee auf Bougainville angesiedelt und führt dort eine Plantage der austra-lischen New Britain Corporation. Jegliche glaubliche und unglaubliche haarsträubende Geschichte jeder Couleur wird über den Berliner erzählt und eine abenteuerliche Geschichte hat er ohne Zweifel. So fühlen sich Kommandant und Offiziere der SMS Cormoran geehrt, dem alten Hansen im Juni 1911 einen Besuch abstatten zu können. Der Cormoran-Besuch ist Hansen angekündigt und er hat sich in Schale geworfen und Klarschiff in seiner einräumigen auf Pfählen stehenden Hütte aus Brettern mit Palmdach gemacht. Oder besser, seine Schar von schwarzen Dienerinnen hat die Arbeit für ihn erledigt. Hansen hat schon prächtiger gewohnt und gelebt, etwa auf den Witu-Inseln im Bismarck-Archipel, das Leben hat ihn nun eben auf diesen Außenposten verschlagen.

Im schneeweißen, frisch gewaschenen Tropenanzug mit geschnittenem Haar und frisch rasiert empfängt Han-sen die Marineoffiziere an seinem wackeligen Lan-dungssteg vor seiner Holzhütte. Er ist eine spindeldürre, ausgedörrte und vom Alter gebeugte Gestalt mit einem kleinen Vogelkopf. Die braune, lederne Haut ist in tau-send Falten zusammengeschrumpft und die wenigen stacheligen weißen Haare heben sich deutlich davon ab. Eine große spitze Nase findet sich in seinem Gesicht, aus dem flinke graue Auge schauen. „Ick freue mir, Herr Kommandant, dat Sie mir in meine Wildernis besu-chen,“ berlinert Hansen. Er führt seinen Besuch in seine Bretterhütte, die mit Bett, Nähmaschine, Dalli-Plättma-schine und einigen Kisten möbliert ist, alles ordentlich aufgeräumt, gescheuert und geputzt. Am Tisch stehen zwei Stühle und eine Reihe von Kisten mit der Aufschrift ›Genever‹ für die ungewohnte Zahl an Gästen. Der Tisch ist gedeckt für das Festmahl aus einem geschlachteten Schwein und vielen Hühnern. Eins fällt den Gästen so-fort auf: Auf dem Fußboden verstreut liegen mehrere Bogen Zeitungspapier, die gar nicht in die peinliche Ordnung passen.

„Treten Se nich uff det Papier, meine Herren, darüber nisten die Papageien.“ Und erstaunt sehen die Gäste in den Ästen und Blättern des Palmdaches die Papageien-augen und Schnäbel. Nun ist allen Besuchern der Sinn des Zeitungspapiers als Klopapier für die Papageien klar.

Das opulente Mahl beginnt. Natürlich auch mit Kaviar, wie bei jedem Südsee-Festessen. Die kleinen Blechdosen findet man in jedem Hause und wenn es in einer noch so entlegenen Gegend ist. Die Sektkorken knallen und die Papageien im Dach sind lebhafte Teilnehmer, wenn die Korken in ihr Gefilde fliegen.

Die Dienerinnen spielen eine Hauptrolle im Geschehen und werden von Hansen auf Trab gehalten. „Zuleika, give me Schnaps; Langu, give this Gentleman tobacco; Salome, take pipe out of mouth belong you, jetzt wird hier nicht geraucht, wenn die Herren vom Kriegsschiff da sind!“

Melonen und Ananas beenden das Festessen und Hansen genehmigt sich noch ein großes Glas vom »Schnaps« – Genever – , als er nun gefragt wird: „Nun, Herr Hansen, erzählen sie doch mal so etwas von Ihren Erlebnissen. Sie sind doch der älteste Südseemann hier draußen.“ Und Hansen erzählt sehr interessante Ge-schichten – nur von anderen Leuten. Von den über ihn umlaufenden Seeräuber- und Frauengeschichten hätten die Herren wohl gerne gehört, aber Hansen behauptet, er selbst habe nichts erlebt, was die Herren interessie-ren würde. Keiner glaubt es ihm und als man sich an der Landungsbrücke verabschiedet sind am Strande eine Schar Kinder versammelt, schwarze, braune und noch hellere und winken freundlich, dazwischen Hansen mit einem tiefen Abschiedsbückling.

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Wirtschaft und Verkehr III

Stationsleiter August Doellinger baut auf Bougainville eine Straße von Kieta nach Süden der Küste entlang, wo sich wenige Plantagen und Missionsstationen befinden. Die Straße führt 1911 bis zu der rund 50 Kilometer von Kieta entfernten Pflanzung Toiemonapu einer austra-lischen Gesellschaft. Geführt wird die Plantage von Peter Hansen, der einer der ältesten Kolonisten im Schutzgebiet ist. Er ist ausgiebig mit den Lebensver-hältnissen von Steinzeitmenschen vertraut, sodaß er auch auf einer Kannibaleninsel der Salomonen, wie Bougainville es ist, als Pionier eine Plantage aufbauen kann.

Die Straße von Kieta aus hat etwa alle 20 Kilometer ein Rasthaus. Diese Rasthäuser sind, wie auch Hansens Wohnhaus, der Form nach im europäischen Tropenstil erbaut, aber nach Eingeborenenart aus Zweigen und Blättern kunstvoll hergestellt. Die Straße ist allerdings zur Regenzeit häufig unterbrochen, wenn die ange-schwollenen zahlreichen Flußläufe die vorhandenen Brücken wegreißen.

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Verwaltung III

Ende Februar 1914 wird vom Kanonenboot Cormoran aus eine Strafexpedition zur Befriedung des südlichen Teils der Insel Bougainville durchgeführt. Die Stammes-fehden dort sollen beendet werden. Die Landungsabtei-lung der Cormoran und der Stationsleiter mit seiner eingeschifften Polizeitruppe mit Trägern der Station Kieta sollen das unwegsame Dschungelland durchstrei-fen und gegen die den Landfrieden brechenden Dörfer vorgehen. Ein Vermessungstrupp begleitet die Strafex-pedition zur Erstellung von Wegekarten.

Tatsächlich werden zwei Expeditionen durchgeführt. Die erste wird unterstützt und begleitet von Eingeborenen des Bezirks Aku und richtet sich gegen die Dörfer im »Bezirk Boruboru, wo die Einwohner bestraft werden sollten«, wie im Expeditionsbericht zu lesen steht. Ein Dorf wird genommen und abgebrannt. Die Pfeile schie-ßenden und Speere werfenden Eingeborenen flüchten in den dichten Busch. Zwei Eingeborene werden er-schossen. Die Expedition leidet unter der ständigen Näs-se, was in den kalten Nächten besonders unangenehm ist.

Unmittelbar anschließend an die erste Strafexpedition beginnt die zweite Strafexpedition gegen den Bezirk Tagonoto mit ein paar Offizieren, einem Arzt, 16 Unter-offizieren und Mannschaften und dem Stationsleiter mit 18 Polizeisoldaten. Im Expeditionsbericht steht über den 26. Februar: »Die Leute hielten sich trotz der sehr schlechten Pfade und der vorhergegangenen Anstren-gungen ausgezeichnet. Gegen 5h nachmittags wurde mitten im Busch Lager geschlagen. Möglichst geräusch-los wurde abgekocht und für die Nacht Schutzdächer für die Schlafplätze aus Blättern errichtet. Diese Maßnahme war notwendig, da in den Nächten der Tau wie Regen herabfiel. … 27. Februar. Kurz vor 7h früh kam die Trup-pe dicht an die im dichten Busch liegenden Dörfer. Mit äußerster Vorsicht ging die Linie vor. Zwei Dörfer wur-den angegriffen, nachdem die Spitze mit Speeren be-worfen war. Hierbei wurde ein Eingeborener erschos-sen, ein weiterer angeblich verwundet oder getötet. Ein Weib und zwei Kinder wurden gefangen und als Geiseln mitgenommen, das den Siwueileuten geraubte Weib be-freit. Vor dem Abrücken wurden sämtliche Beratungs-häuser und Hütten niedergebrannt.«

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Leben und Ereignisse IV

Der Händler Albert Stehr auf den Admiralitätsinseln macht 1912 eine Fahrt mit der Dampfpinasse des Kriegs-schiffes Cormoran durch den weiten Seeadlerhafen mit. Seeadlerhafen liegt zwischen der großen Insel Manaus und einer Kette kleinerer Inseln. Das Fahrwasser ist durch viele Korallenriffe eingeengt und führt an vielen der kleinen Inseln vorbei. Jedesmal, wenn sich das Boot einer der Inselchen nähert, spielt sich das Gleiche ab: Man sieht niemanden am Strand und auch nicht in und bei den braunen Hütten der Eingeborenen oder im Pal-menwald. Dann kommt hinter der Insel langsam, vor-sichtig paddelnd, ein Kanu auf die Dampfpinasse zu.

Albert Stehr: „Aha, da kommt der Späher, diese Dampf-pinasse ist den Leuten unheimlich: sie wissen, daß sie vom Kriegsschiff kommt, und da denken sie an Straf-expeditionen. Denn ein schlechtes Gewissen haben die hier,  – im vergangenen Jahr haben sie auf dieser Insel vierzig Menschen gefressen. Hier weiß ich’s bestimmt; wie es auf den anderen Inseln gewesen ist, kann ich nicht genau sagen, aber gefressen haben sie sicher auch!“

Nun kommt der Späher nahe heran, und da stellt die Pinassenbesatzung jedesmal fest, daß dieser Späher ein Krüppel ist.

Stehr: „Der arme Kerl wird vorgeschickt, er muß seine Haut riskieren, er kann sich gegen seine Stammesge-nossen nicht wehren und wird dazu eben gezwungen. Im Kampfe nützt er ihnen sowieso nichts.“

Albert Stehr stellt sich nun aufrecht hin und winkt dem Mann im Kanu zu. Da erkennt der Braune den Händler, der schon sooft schöne Tücher und blitzende Spiegel und Messer hierher gebracht hat, und in freudiger Erre-gung ruft der Kanufahrer: „Master Aliber, Master Aliber – Aliber!“ und winkt mit seinem Paddel den im Wald versteckten Dorfbewohnern zu.

Die rennen nun zu ihren Kanus, packen ihre Handels-artikel in Eile ein und kommen heran, weit und kräftig mit den Paddeln ausholend. Im Nu ist die Pinasse von einigen Dutzend Kanus umgeben.

Hocherfreut begrüßen sie ihren wohlbekannten Aliber. Die Besatzung tauscht gegen Tabak Speere, Pfeile, Bo-gen, Gefäße, Schildpatt und Perlmuttermuscheln ein, und nun kommen die Braunen auch ohne Scheu auf die Dampfpinasse geklettert, sie von allen Seiten durchsu-chend und durchstöbernd. Alles ist ihnen interessant, Papier, Proviant, einer macht einen anderen auf die tik-kende Uhr aufmerksam. Albert Stehr mahnt: „Aufpas-sen, daß nichts verschwindet!“ und führt sie in den Ma-schinenraum, wo sie kopfschüttelnd das blanke Durch-einander der Dampfmaschine besehen. Die Pinasse muß weiter und Master Aliber scheucht die braune Gesell-schaft in ihre Kanus. Stehr kennt die Sprache der Einge-borenen und diese wollen noch wissen, wer das Boot der Weißen paddelt, daß es die sonderbare Maschine in der Pinasse sein könnte ist außerhalb ihres Verständnisses. Als Stehr ihnen sagt unter das Heck der Pinasse zu schauen, gibt der Bootssteurer das Kommando: „Lang-same Fahrt voraus!“ Da setzt sich die Schiffsschraube in Bewegung und ist deutlich im klaren Wasser zu sehen. „Mule-Mule, Mule-Mule!“ rufen die Eingeborene la-chend, „Schwindel, Schwindel!“ und sie sind überzeugt, daß man ihnen die Menschen, die unten im Boot sitzen und die Schiffsschraube drehen, nicht gezeigt hat.

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Verwaltung XVI

Durch den Untergang der Regierungsyacht Seestern im Juni 1909 können länger keine Besichtigungsreisen der deutschen Verwaltung in den Admiralitätsinseln statt-finden, was dazu führt, daß die Fehden zwischen den dortigen Stämmen wieder ausbrechen und die weißen Handelsstationen und Plantagen gefährdet sind. Anfang September 1910 steht nun der Versorgungsdampfer Titania des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders für eine Woche für eine Inspektionsreise zur Verfügung und auch ein Polizeimeister mit 38 eingeborenen Polizeisol-daten wird in Rabaul eingeschifft, für eine Strafexpe-dition gegen Kannibalen. Wiederholt waren die an der Nordküste der Insel Manus liegenden Dörfer der Man von den Mikule-Bergbewohnern überfallen und bei je-dem Überfall drei bis acht Mann der Dorfbewohner ge-fressen worden. So haben in den letzten zehn Monaten die Mikule 42 Man verspeist.

Bei der Fahrt der Titania wird auf der Insel Nera die Ehe-frau eines deutschen Ansiedlers abgesetzt, der meldet, daß drei Tage zuvor der in den Bergen wohnende Stamm der Usiais einen Überfall auf die einheimischen Arbeiter des japanischen Nachbarn verübt habe. Zwei Gewehre sind von den Usiais gestohlen worden und fünf Arbeiter haben sie gefressen. Zwei weitere Arbeiter, die sie auch getötet haben, haben sie aber wegen ihrer Hautkrank-heit verschmäht. Sofort wird von der Titania aus eine Strafexpedition gegen die Kannibalen eingeleitet. Die Malay-Leute, einheimische Küstenbewohner, die auch unter den Überfällen der Usiais leiden, unterstützen und führen die Strafexpedition. Aus dem Expeditionsbe-richt:

»Das verlassen geglaubte Dorf ergab sich aber als be-wohnt und erst vor wenigen Stunden äußerst stark befestigt. Mit großer Geschicklichkeit angelegte Palisa-den und Bambusverhaue zwangen uns, lange Strecken auf dem ohnehin steilen und beschwerlichen Pfad krie-chend vorzurücken und hielten uns sehr auf. Fußangeln – fußbreite Löcher voller Bambusspitzen, mit Blättern verdeckt – verletzten einen der Führer und ließen nur ein langsames und vorsichtiges Vorgehen zu. Nach etwa 1½ Stunden war das Dorf auf dem Kamme des Berges erreicht. Allem Anschein nach war es vor kurzem in aller Eile geräumt, von den Kanakern war nichts zu se-hen. An den Ästen hängende noch unverzehrte gebra-tene menschliche Gliedmaßen und in den Häusern vor-gefundene Gegenstände des Japaners Komine bewiesen, daß dies ein Dorf der Usiais war, ein wohlhabendes Dorf von etwa 20 großen, reich verzierten Holzbauten. Nach gründlicher vergeblicher Suche nach den geraubten Ge-wehren wurde das Dorf völlig eingeäschert. Der Lärm der Kriegstrommeln und das Wutgeschrei der Usiais ließ die Nähe der Kanaker erkennen.«

Die Titania geht nach der Strafexpedition nach Seead-lerhafen, von wo aus ein Platz für die Errichtung einer Regierungsstation für die Admiralitätsinseln gesucht werden soll, die auf der Insel Los Negros geplant ist. Jedoch reicht dafür die Zeit nicht, weil das Schiff wieder dem Ostasiatischen Geschwader zurückgegeben werden muß. Die Titania fährt zur Insel Ponam, dem Treffpunkt des Schiffes mit der Scharnhorst, dem Flaggschiff des Geschwaders. Auf Ponam ist gleichzeitig unter der Anwesenheit des großen deutschen Kriegsschiffes eine Versammlung aller Häuptlinge der Admiralitätsinseln geplant, aber das Zustandekommen dieses Treffens scheitert an den Zwistigkeiten und Kämpfen unter den Eingeborenen der ganzen Inselgruppe. Die Expeditions-truppe wird von der Titania auf den Admiralitätsinseln zurückgelassen, um »die Ruhe unter den Schwarzen und die Sicherheit der Arbeiter wiederher-zustellen.«


Von der Regierung werden Häuptlinge als lokale Ver-waltungskräfte eingesetzt. Diese Häuptlinge bekommen eine Dienstmütze und einen bald eineinhalb Meter lan-gen Stab als weiteres Abzeichen ihrer Amtshoheit. Einer dieser wenigen Regierungshäuptlinge genannten ein-heimischen Hoheitsträger meldet sich 1911 bei Albert Stehr, dem Chef der Firma Hernsheim & Co. vor Ort, mit der Bitte, ihm möge der ihm verliehene Stab und die Mütze wieder abgenommen werden, „weil er lieber wie-der fechten wolle“, wie er treuherzig erklärt, er sich also wieder in die blutigen Kämpfe der Bewohner der Admi-ralitätsinseln untereinander stürzen wolle.

Stehr, der die Geschäfte von Hernsheim & Co., auf den Admiralitätsinseln leitet und neue Kokosplantagen an-legt, ist beliebt bei den Einheimischen. Wenn er auf-taucht rufen sie „Alibat, Alibat“, nach seinem Vornamen Albert. 

Die Sicherheit der Europäer wächst zweifellos mit der Errichtung einer Regierungsstation am 25. Oktober 1911. Bis dahin wurde die Lokalverwaltung vom Kaiserlichen Bezirksamt in Rabaul mit besorgt. Am selbigen Datum werden die Admiralitätsinseln zugleich mit den West-lichen Inseln aus dem Bereich des Bezirksamts in Ra-baul ausgegliedert und ein besonderer Stationsbezirk gebildet, der die als »Admiralitätsinseln und Westlichen Inseln« bekannten Inselgruppen umfaßt. Die Regie-rungsstation ist am Seeadlerhafen im Osten der Haupt-insel der Gruppe errichtet. Sie führt den Eingeborenen-namen der Hauptinsel, Manus, als amtliche Bezeich-nung. Das Personal der Station besteht aus einem Sta-tionsleiter, einem Polizeimeister, einem Sanitätsgehilfen und 50 eingeborenen Polizeisoldaten. Die Station ist dem Gouverneur unmittelbar unterstellt. Hinsichtlich der Fremdengerichtsbarkeit gehören die Admiralitäts-inseln zum Bereiche des Bezirksgerichts und des Ober-gerichts in Rabaul.

Der erste Stationsleiter hat mit seinen kriegerischen Untertanen einige Auseinandersetzung, bis sie seine Herrschaft anerkennen, und bis dahin muß der Beamte in seinem Haus wie in einer belagerten Festung leben.

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August 1914 in Rabaul und Umgebung

In Rabaul, der Hauptstadt von Deutsch Neuguinea, ist im Juli/August 1914 natürlich auch das Geschehen in Euro-pa Gesprächsthema. Man hatte in Rabaul schon einmal im Juli 1911 Kriegszustand. Im Zuge der Zweiten Marok-kokrise befürchtete man in der Hauptstadt von Deutsch Neuguinea es könne ein Krieg begonnen haben, ohne daß man davon wüßte. Zu der Zeit verfügte Rabaul noch über keine Funkstation und auch der im Hafen liegende Kreuzer Cormoran hatte keine Funkanlage. Deshalb rüstete man sich entsprechend und die Cormoran wurde unauffällig in Kriegszustand versetzt, um nicht durch offene Maßnahmen die Gerüchteküche in Rabaul noch weiter anzuheizen. Auf dem Vulkan Mutter wurde ein Beobachtungsposten eingerichtet mit einem Signal-masten, angeblich für Schießübungen des Kriegsschif-fes, aber tatsächlich um die Anfahrt feindlicher Kriegs-schiffe beobachten zu können. Der Posten gab über Flag-gensignale seine Meldungen weiter. Für den Telefonver-kehr Rabaul-Matupi wurde ein Nachtdienst eingerich-tet. Die Cormoran war wegen der unsicheren Lage von Rabaul zu ihrem Versorgungsstützpunkt Matupi verlegt worden. Tatsächlich wurden Schießübungen des Schif-fes angesetzt, um dadurch das Schiff in Gefechtsbereit-schaft zu versetzen. Schließlich meldete der Posten auf der Mutter »Kriegsschiff, Nationalität unbekannt, von Norden!« In Rabaul rasselten die Trommeln, Pflanzer und Kaufleute ergriffen die Gewehre und Flinten, Hör-ner schmetterten, die schwarzen Polizeisoldaten traten an. Doch dann erkannte man oben auf der Mutter die von den Marshallinseln kommende Germania der Jaluitgesellschaft. Alarm abgeblasen. An diesem 23. Juli traf der Dampfer Germania mit den neuesten Nach-richten in Rabaul ein und brachte eine Klärung der Lage. Der Kriegszustand konnte aufgehoben werden. Der Beobachtungsposten auf der Mutter, bestehend aus einem Offizier und zwei Signalgästen der SMS Cormo-ran und vier Polizeisoldaten packten Zelt und Signal-mast wieder ein, kletterten ins Tal und weiter gings nach Rabaul. Der Trupp war in trauriger Stimmung, denn die Aufregung des Krieges war vorbei. Trotzdem hatte die militärische Anspannung eine Nachwirkung. Die eigent-lich für einen späteren Zeitpunkt im Ausbildungs-programm der Besatzung vorgesehenen Schießübungen des Schiffes, die nun lagebedingt vorgezogen und vor-bereitet waren, wurden jetzt durchgeführt. Tag und Nacht war nun die sonst so stille Blanche-Bucht vom Donner der Geschütze der Cormoran erfüllt.

Am 28. Juli 1914 empfängt die Funkstation des vor Ra-baul liegenden Vermessungsschiffes Planet der Marine eine Pressemeldung über ein Ultimatum von Österreich an Serbien, das bei Nichteinhaltung zum Krieg führen werde und Meldungen über den Kriegsausbruch zwi-schen Österreich und Serbien folgen in den nächsten Tagen. Am 1. August trifft der Reichspostdampfer Coblenz in Rabaul ein auf seiner Fahrt von Sydney nach Kobe. Er hat, wie üblich, australische Zeitungen dabei, die auch die letzten Telegramme aus Europa bespre-chen. Die Kommentatoren in den Zeitungen aus Sydney hoffen, daß der Konflikt zwischen Österreich und Ser-bien sich nicht ausweitet, weil sonst desaströse Auswir-kungen auf die Wirtschaft von Australien zu erwarten seien.

Am 3. August verläßt die Coblenz Rabaul wieder und auch die Planet geht am selben Tag wieder auf Fahrt. Funkmeldungen über die Verschlechterung der politi-schen Lage in Europa über die Planet werden vom Gou-vernement nicht veröffentlicht, um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen. Am 5. August um 22 Uhr 15 trifft aber eine Funkmeldung aus Nauru in der Funkstation Bitakapa – der Regierungs-Funkstation für die Haupt-stadt Rabaul bei Herbertshöhe – ein, die den Kriegs-ausbruch zwischen Deutschland einerseits und England, Frankreich und Rußland andererseits meldet. So wird am 6. August der Kriegszustand für das Schutzgebiet verkündet und am Mittag des 6. wechselt die Regierung ihren Sitz von Rabaul ins Inland nach Toma, etwa 15 km landeinwärts von Herbertshöhe.

Am gleichen Tag wird auch der private Telefon- und Telegrammverkehr auf der Leitung Rabaul-Herberts-höhe-Funkstation Bitakapa gestoppt. Die Beendigung des privaten Telefonverkehrs wird entsprechend dem § 5 der Ausführungsbestimmungen für Telefongebühren vom 26. März 1900 und dem § 1 der Telegrammbe-stimmungen vom 16. Juni 1904 durchgeführt.

Aus waffenfähigen Deutschen wird eine Schutztruppe für die 8 Kilometer im Inland von Herbertshöhe ent-fernt liegende Funkstation gebildet, um auf jeden Fall die Funkverbindung für die Regierung von Deutsch Neuguinea aufrecht zu erhalten. Die etwa 50 eingezo-genen Deutschen werden mit einheimischen Polizeisol-daten auf sechs Stationen im Umkreis verteilt, zu denen auch Bitapaka gehört. Beobachtungsposten auf hoch ge-legenen Standorten zur Beobachtung der See vor feind-lichen Schiffsannäherungen werden eingerichtet.

Durch den Empfang von vorteilhaften Kriegsnachrich-ten geht man von einer kurzen Kriegsdauer aus. Im Falle einer Besetzung der militärisch völlig schutzlosen Kolo-nie durch Feindstreitkräfte glaubt man an eine schnelle Wiederherstellung der deutschen Verwaltung. Auch weiß man, daß das Ostasiatische Kreuzergeschwader voll einsatzbereit ist und erwartet sein Eingreifen bei einem feindlichen Angriff auf Rabaul und seine Um-gebung, dem politischen und wirtschaftlichen Zentrum der Kolonie.

Am 12. August erscheint ein australisches Kriegsschiff-geschwader vor Herbertshöhe und landet Trupps von Soldaten. Ein Trupp marschiert mittags zum Postamt und zerstört die Telefonanlage einschließlich der öffent-lichen Telefonzelle. Der kommandierende australische Offizier entschuldigt sich sehr höflich beim deutschen Leiter der Post für die Tat, zu der er eben Befehl habe. Alle gelandeten Trupps schiffen sich wieder ein und das australische Geschwader verläßt Herbertshöhe. Außer der Telefonanlage gibt es keine Zerstörungen, wenn auch der Kommandeur eines Trupps Fragen nach dem Standort der Funkanlage stellte, er suchte offensichtlich die Funkanlage in Bitapaka, aber er bekam keine Aus-kunft und marschierte mit seinem Trupp unverrichteter Dinge wieder ab.

Sofort beginnt die Wiederherstellung der Telefonanlage und eine Telefonleitung zum Gouvernement in Toma ist auch hergestellt. Die einzige ernsthafte Auswirkung des Krieges ist das Erliegen des internationalen Schiffsver-kehrs. Ansonsten gehen die Wochen friedlich dahin. Irgendwelche Geheimhaltungspflichten zur Sicherung gegen feindliche Agenten werden von der deutschen Bevölkerung nicht eingehalten. So ist etwa der Vertei-digungsplan für die Funkstation Bitapaka mit Schützen-gräben und Landminen in Rabaul gut bekannt, weil ein nach Kriegsbeginn eingezogener Soldat bei einem Be-säufnis in Rabaul ausgiebig davon erzählt hat.

Am 14. August kommt über die Komet, die Regierungs-yacht des Gouvernements von Deutsch Neuguinea, Post aus Wilhelmshafen nach Rabaul. Die Komet selbst liegt seit dem 14. August in Komethafen im Westen der Insel Neupommern. Am 20. August kommt die Siar, ein Dampfer der Neuguinea Kompagnie, nach Rabaul und hat ebenfalls Post aus Deutschland an Bord. Am 31. August läuft das Motorboot Samoa in Rabaul ein und bringt die Nachricht, daß das Gouvernement der Kolo-nie Samoa in Apia alle wichtigen Dokumente und Geld-bestände mit dem Dampfer Staatssekretär Solf nach Pago Pago, einem Hafen der neutralen USA in den Samoa-Inseln, verbracht hat. So erwartet man in Rabaul, daß die Regierung von Deutsch Neuguinea dasselbe mit wichtigen Dokumenten und Werten der Kolonie tun wird. Das Postamt von Rabaul hat bereits alles Wichtige in Säcken und Kisten verpackt für den Abtransport durch die Komet ins neutrale Niederländisch Indien. Die Komet liegt derzeit in Komethafen, ist kriegsbe-dingt mit einem Geschütz ausgerüstet worden und hat zusätzlich 40 schwarze Polizeisoldaten an Bord.

Es wird in Rabaul bekannt, daß die deutschen Kriegs-schiffe Cormoran und Geier der Australstation Anfang September Käwieng auf der Nachbarinsel Neumecklen-burg angelaufen haben und Wehrpflichtige zur Verstär-kung ihrer Besatzungen aufgenommen haben.

Am 10. September verläßt der Motorschoner Kalili Ra-baul, um mit Zwischenstop in Käwieng nach Niederlän-disch Indien zu gehen. Die Kalili hat Post für Deutsch-land an Bord und soll für deutsche Firmen im Schutz-gebiet in der neutralen holländischen Kolonie Einkäufe tätigen. Normalerweise würden die Reichspostdampfer diese Aufgaben erledigen, aber die großen deutsche Schiffe können nun nicht mehr im Krieg internationale Gewässer befahren und gehen in neutralen Staaten in Internierung, um nicht in Feindeshand zu fallen, und so schickt man die kleine Kalili, die sonst eigentlich nur im Küstendienst steht, auf die hohe See.

Das Marine-Post-Büro in Rabaul hat noch drei kleine Säcke mit Post liegen. Ein Schiff von Tsingtau, das Peil-boot III, ein Boot für Seevermessungen der Marine von der Australstation, soll die Militärpost abholen. Und so geht auch die Zeit um Ende August und Anfang Septem-ber 1914 in Rabaul, im Bismarck-Archipel und im Kaiser-Wilhelmsland friedlich dahin.

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Expeditionen II

1908/09 sind Professor Dr. Karl Sapper und Dr. Georg Friederici für die Landeskundliche Kommission des Reichskolonialamtes und dem Hanseatischen Südsee-Syndikat auf der Hanseatischen Südsee-Expedition im Bismarck-Archipel unterwegs zur geographischen Er-forschung der Inseln des nördlichen Bismarck-Archi-pels. Sapper ist Geograph und Völkerkundler, Friederici ist Völkerkundler und betätigt sich bei der Expedition ebenfalls als Erdkundler.

Friederici: »Die erste Koralleninsel, auf der Sapper und ich einige Zeit verweilten, Kung bei Neu-Hannover, be-sitzt ihre großen Reize. Besonders eindrucksvoll wirkten die Abende mit ihrem herrlichen Sternenhimmel, mit dem Leuchten der Glühwürmchen, dem Zirpen der Zi-kaden im Urwald und dem eintönigen melancholischen Gesang unserer schwarzen Jungens, der vom Strand he-raufkam. Manches Mal haben Sapper und ich, gemein-sam oder jeder für sich allein, stillschweigend am Stran-de gestanden, um das prachtvolle Schauspiel der kurzen Abenddämmerung zu genießen: vor uns im Wasser drei unserer Jungens, nur vom Gürtel an sichtbar, beim Fischen; neben uns auf dem Strand, blendendweiß und leuchtend, meine beiden Auslegerboote; gegenüber die nebelhaften Höhen von Neu-Hannover, die sich aber scharf von dem prächtigen Sternenhimmel abheben. Über ihnen steht strahlend das Südliche Kreuz, während zur Rechten der Orion über Palmwedeln emporkommt.«

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Siedlungen und Städte II

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Emma Kolbe

Emma Eliza wird 1850 auf Samoa geboren. Ihr amerika-nischer Vater Jonas Myndersse Coe war 1837 als Wal-fänger nach Samoa gekommen und hatte dort eine Prin-zessin geheiratet. Emma besucht eine katholische Missi-onsschule in Apia, bevor sie 1864 einen fünfmonatigen Ausbildungsaufenthalt in San Francisco verbringt. Zu-rück auf Samoa heiratet sie den Schiffskapitän James Forsayth. Dieser stirbt jedoch bald darauf infolge eines Schiffsunglücks im Chinesischen Meer.

1878 heiratet Emma den australischen Kapitän und Abenteurer James Farrell. Gemeinsam mit Farrell ver-läßt sie ihre Heimat Samoa und zieht nach Mioko, eine kleine Insel in der Duke-of-York-Inselgruppe, die im sel-ben Jahr de facto unter deutsches Protektorat kommt. Mioko wird Ausgangspunkt einer rasanten wirtschaft-lichen Expansion des Ehepaares Farrell.

Als 1884 die Inselgruppe Bestandteil der Kolonie Deutsch Neuguinea wird und nun Neulauenburg heißt, stellt der dortige Kolonialbeamte Gustav von Oertzen zu seinem Erstaunen fest, daß der größte Teil des frucht-baren Landes bereits im Besitz einer gewissen Emma Forsayth-Coe ist, die wegen ihres enormen Landbesitzes Queen Emma genannt wird.

Ihre Schwester Phoebe heiratet auf Samoa den Deut-schen Richard Parkinson, welcher 1882 die Leitung der Firmen des Ehepaares Farrell übernimmt. 1888 stirbt Emmas Mann James Farrell und Emma führt nun seine Firma unter ihren Vornamen Emma Eliza und dem Namen ihres ersten Ehemannes als E. E. Forsayth weiter. 1893 heiratet Queen Emma den Deutschen Paul Kolbe, der zu der Zeit Stationsvorsteher für den Bezirk Bis-marckarchipel und die Salomoninseln ist.

Bis 1907 baut Emma ihre Besitztümer in Deutsch Neu-guinea weiter aus. Sie gehört zu den wohlhabendsten, aber auch skandalösesten Unternehmerinnen. Auch zu Wilhelm Solf, dem liberalen Gouverneur von Samoa, ihrer Heimatinseln, die auch deutsche Kolonie sind, unterhält sie gute Verbindungen.

Richard Parkinson ist mittlerweile Forscher geworden und bereist die deutsche Inselwelt im Pazifik. Er hat sich mit seiner Frau in Maulapao an der Blanche-Bucht ange-siedelt, nur wenige Kilometer vom Anwesen von Emma entfernt. In Maulapao gibt es auch eine Privatschule für die weißen und die vielen Mischlingskinder vom Per-sonal von Emmas Firma. 1907 gibt Parkinson sein Werk Dreißig Jahre in der Südsee. Land und Leute, Sitten und Gebräuche im Bismarckarchipel und auf den deutschen Salomoinseln heraus.

Um 1900 ist Emma Kolbe der Mittelpunkt der feinen Gesellschaft in der Südsee. Ihre Schönheit, ihr lässiger Lebenswandel und ihr Reichtum machen sie zur Be-rühmtheit und zum Anziehungspunkt der deutschen Herren der Südseewelt. Emma hat denn auch noch viele ihrer Schwestern und Nichten mit nach Herbertshöhe gebracht, seit 1899 Hauptstadt von Deutsch Neuguinea. Diese schönen Samoanerinnen mit ihrer freizügigen Kultur ziehen die deutschen Junggesellen und Stroh-witwer unwiderstehlich an, die ansonsten wenig weib-lichen Umgang haben. Der Unterschied zwischen den Frauen der brutalen Steinzeitwelt der Eingeborenen der Inseln von Neuguinea und den kulturell hochstehenden Schönheiten von Samoa kann kaum größer sein.

Emma läßt sich mit Gunantambu bei Herbertshöhe ein luxuriöses Anwesen errichten, umgeben von den Bun-galows ihrer zahlreichen Verwandten. Einer ihrer Gäste beschreibt einen Auftritt von Emma bei einem ihrer Empfänge: »Queen Emma hatte eine hinreißende Figur. Sie trug ein kostbares Kleid aus weißem Satin und eine Schleppe, die von einem halben Dutzend hübscher Mädchen getragen wurde, als sie die große Treppe zum Park herunterkam. Eine kleine, mit Diamanten besetzte Krone blitzte in ihrem Haar.«

Emma ist auch Präsidentin des europäischen Tennis-clubs, was ihre außergewöhnliche Stellung in der wei-ßen Kolonialgesellschaft beweist. Auserwählt ist, wer von ihr am Wochenende auf die etwa 30 Kilometer von Herbertshöhe entfernt gelegene Insel Mioko eingela-den ist an ihrem Swimmingpool dort Gast zu sein. 

1910 verkauft Emma Kolbe ihre gesamten Anteile an Plantagen für eine Million US-Dollar an die Hamburgi-sche Südsee Aktien Gesellschaft. Von einem Teil dieses Vermögens erwirbt sie ein Appartement in Monte Carlo.

Als ihr Ehemann Paul in Monte Carlo an einem Herz-leiden erkrankt, reist sie sofort nach Monte Carlo, wo er in ihren Armen stirbt. Zwei Tage später, am 21. Juli 1913, stirbt sie selbst in Monte Carlo. Emma Kolbe wird in Bremen eingeäschert und ihre Urne wird nach Deutsch Neuguinea überführt, wo sie in ihrer Residenz Gunan-tambu beigesetzt wird.