Peking ist um 1900 eine mittelalterliche Stadt. Die Verbotene Stadt im Zentrum ist das Palastviertel, von dem aus das Riesenreich regiert wird. Gleich an der Verbotenen Stadt anliegend befindet sich das Gesandt-schaftsviertel. Das herrschende Volk der Mandschus ist allein zu allen Hof- und Staatsämtern zugelassen und wohnt innerhalb der Stadtmauern von Peking. Die weit zahlreicheren Chinesen wohnen außerhalb der Stadt-mauer in der Chinesenstadt. Die Mandschu aus der Mandschurei nördlich von China haben 1644 Peking erobert und beherrschen seitdem China.
Gouvernementsoberpfarrer Winter von Kiautschou schreibt über Peking, welches man mit dem Zug »am Chienmen (Südost-Tor) beim Gesandtschaftsviertel er-reicht, nachdem man bereits die Chinesenstadt durch-fahren hat. Denn die genau von Süd nach Nord ange-legte Stadt zerfällt in drei gesondert ummauerte Teile: 1) Chinesenstadt im Süden, 2) Mandschu-Stadt (oder Tataren-Stadt) im Norden, 3) Kaiser-Stadt mit der noch besonders ummauerten und unzugänglichen Verbote-nen Stadt in der Mitte der Mandschu-Stadt.
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In der Mandschu-Stadt, die man von der Chinesenstadt aus durch das Tsienmen (Kaisertor) betritt, mache man zunächst einen Spaziergang auf der Stadtmauer nach Osten hin, wobei man links unter sich das Gesandt-schaftsviertel erblickt. In der Mitte der Stadt sieht man die gelben Ziegeldächer der Verbotenen Stadt, dahinter den Kohlenhügel, Paukenturm, Glockenturm und ganz im Hintergrunde an der nördlichen Stadtmauer die Bäume des Confucius- und Lama-Tempels. Im Vorüber-gehen an den verschiedenen Gesandtschaften sehen wir beim Chienmen (auch Wassertor genannt; daselbst ein überbrückter Graben) das grosse Hotel des Wagons Lits (unter deutscher Leitung) und daneben den grossen schönen Garten und die Gebäude der deutschen Gesandtschaft, noch ein Stück weiter die Kasernen (Waldersee-Kaserne) und die Offizierhäuser (nebst dahinter liegendem grossen Lazarett) des Ostasiatischen Marine-Detachements, beide getrennt durch die Gesandtschaftsstrasse. Bald hinter dem ummauerten Gesandtschaftsviertel überschreiten wir das Hatamen und blicken von dort auf eine breite, belebte nach Norden führende Strasse, über die sich an 3 Stellen Ehrenbogen spannen; der 2-te, der steinerne, ist der Kettelerbogen, der 1903 von China zur Sühne an der Stelle erbaut werden musste, wo der deutsche Gesandte (Freiherr von Ketteler) 1900 ermordet war. Gehen wir weiter, so erblicken wir unter uns den deutschen Friedhof, hinter dem wir alsbald nach Norden auf der Mauer abbiegen, um zur Kaiserlichen Sternwarte (er-baut schon 1279 von Kublai Khan, geleitet zuerst von Arabern, dann von Jesuiten) zu gelangen, deren kunst-volle Instrumente 1901 zum Teil nach Potsdam über-führt sind (die jetzigen, kleineren meist neu).«