Seit 1897 werden vom deutschen Admiralstab Studien über einen Krieg mit dem Nordamerikanischen Staa-tenbund betrieben. Im März 1899 hat der Admiralstab einen ersten detaillierten Plan für eine Invasion der USA durch eine gemeinsame Operation von Marine und Heer ausgearbeitet. Eine Invasion im Sommer soll in den Neuengland-Staaten erfolgen, im Winter ist eine Landung in Süd-Carolina vorgesehen.
Anfang des Jahres 1900 ist eine Denkschrift zum Vortrag beim Kaiser fertig. Alles an Schiffen, einschließlich der Küstenpanzer, soll im Kampf gegen die USA »über 3000 Meilen hinweg«, in die Schlacht geworfen werden. Die Azoren sind als Kohlenstation für die deutsche Flotte vorgesehen.
Am 26. Februar 1900 hat der Chef des deutschen Admi-ralstabs, Otto von Diederichs, eine Audienz bei Kaiser Wilhelm II. Diedrichs war 1898 Kommandeur des deut-schen Geschwaders, das den Amerikanern in der Bucht von Manila gegenüberstand. Wilhelm II, seit März 1899 auch Oberbefehlshaber seines Lieblingsspielzeugs, der Kriegsmarine, läßt sich von Diederichs die Kriegspläne gegen die Vereinigten Staaten von Amerika vortragen.
Verschiedene Szenarien wurden für eine Invasion der USA entwickelt. Die erfolgversprechendste Variante sieht eine überraschende Landung von zwei bis drei Infanteriebataillonen sowie eines Pionierbataillons auf Long Island vor. Dann soll von Land- und Seeseite her der Hafen von New York erobert werden. Die Bombar-dierung von New York City durch die deutsche Schlacht-flotte soll eine Massenpanik verursachen, um die Ver-teidigungsanstrengungen der amerikanischen Streit-kräfte lahmzulegen. Einige deutsche Offiziere glauben, daß alleine die Ankündigung des Beschusses von New York mit schwerer Schiffsartillerie zu einer Flucht der Stadtbevölkerung führen wird.
Ziel der Eroberung New Yorks ist die Ausschaltung des größten Wirtschafts- und Handelszentrums der USA und die sofortige Eroberung eines leistungsfähigen Ha-fens für die Landung großer Heeresverbände und die große atlantische Hafenstadt soll als Basis für die deut-sche Flotte in Amerika dienen. Sodann sollen kombi-nierte See- und Landstreitkräfte, unter Ausnutzung des Überraschungsmomentes, nach Norden in Richtung Boston und nach Süden auf Norfolk vorstoßen. Die deutsche Schlachtflotte, mit einem Übergewicht von 3:2 im Verhältnis zu den amerikanischen Seestreitkräften, soll zunächst die US-Atlantikflotte in einer Entschei-dungsschlacht vernichten.
Schon am 1. Februar 1900 haben das deutsche Ostasien-geschwader und die Kriegsschiffe im Indik und Pazifik den Befehl erhalten, US-Seestreitkräfte im Kriegsfall bei den Philippinen zu binden. Da der Panamakanal noch viele Jahre von seiner Fertigstellung entfernt ist, wäre die amerikanische Pazifikflotte gezwungen bei einem deutschen Angriff auf die US-Ostküste in einer Mara-thonfahrt Südamerika zu umrunden, bevor sie die Atlan-tikküste Nordamerikas erreichen würde für die zweite und alles entscheidende Schlacht gegen die deutsche Hochseeflotte. Laut deutschem Plan wird auch die US-Pazifikflotte von der deutschen Schlachtflotte vernich-tet.
Die US-Army ist für die deutschen Invasionsplaner eine völlig zu vernachlässigende Größe. Das einzige, was die Amerikaner der deutschen Landung entgegenwerfen können, sind ein paar Kavallerieregimenter, die in Kampfbereitschaft gehalten werden, um Indianerauf-stände weit im Westen der USA niederzuschlagen.
Als unterstützendes Element für die Invasion der Verei-nigten Staaten sehen die deutschen Strategen Indianer-aufstände in den Weiten Nordamerikas ausbrechen.
Während seiner Audienz beim Kaiser des Deutschen Reiches macht Admiral Diederichs einen Vorschlag betreffend der Zeitachse für einen Angriff auf die USA: „Die vergleichbare Stärke bei Schlachtschiffen wird sich in den Jahren 1901 und 1902 in solchem Maße zu un-seren Gunsten verschieben, daß wir Offensivoperatio-nen im Herbst 1902 durchführen können.“
Die Durchführbarkeit einer Landung in Nordamerika wird bestätigt durch praktische Erfahrungen. Im Jahre 1900 transportierten deutsche Handelsschiffe das Ost-asiatische Expeditionskorps mit 15.000 vollausgerüs-teten Soldaten zur Niederschlagung eines Aufstandes in China von Deutschland nach Ostasien.
Im Frühjahr 1901 sind die Planungen des Admiralstabes für einen Krieg gegen die Vereinigten Staaten abge-schlossen. Deutsche Offiziere haben seit zwei Jahren die Landeplätze für eine deutsche Invasionsflotte im Raum Boston und New York eingehend erkundet. Im März 1901 wird noch einmal eine genaue Inspektion der Landezonen von Land- und Seeseite her vorgenommen. Dafür fährt auch ein deutscher Großer Kreuzer die Küstenlinie ab. Unter dem Vorwand von notwendigen Reparaturarbeiten läuft das Kriegsschiff Boston an, um ausgiebig die vorgesehenen Landezonen auskundschaf-ten zu können.
Der deutsche Operationsplan vom März 1901 sieht vor eine Invasionsarmee an der Küste von Massachusetts zu landen. Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen hält eine erste Welle von 100.000 Mann Landungstruppen für ausreichend. Schlieffen schätzt die US-Armee auf eine Stärke von 100.000 Mann ein, wovon wahrschein-lich 30.000 bis 40.000 Soldaten zur Zeit der deutschen Landung an der Ostküste bereit stehen. Das erste Ziel der deutschen Invasionstruppen wäre Boston. Mit Bos-ton als Nachschubhafen kann ein deutsches Heer zu Offensiven auf dem amerikanischen Festland überge-hen und die Kriegsmarine würde mit der neuenglischen Wirtschaftsmetropole einen erstklassigen Stützpunkt für ihre Flotte in der Hand haben.
Die allgemein schlechten politischen Beziehungen zwi-schen Deutschland und den Staaten, hervorgerufen durch Wirtschaftsrivalitäten und Konkurrenzkämpfe beim Erwerb von Kolonien im Pazifik und Stützpunkten in Lateinamerika, verschlechtern sich weiter als ein deutscher Generalstabsoffizier 1901 ein Buch über die Möglichkeit einer erfolgreichen deutschen Invasion der USA veröffentlicht. Für den Autor ist der erbärmliche Zustand der US-Army der Hauptgrund für einen Sieg des deutschen Heeres auf dem amerikanischen Konti-nent im Falle eines Krieges mit den Vereinigten Staaten. Generalstabschef Schlieffen ist äußerst erbost über die Veröffentlichung, auch noch zu einem denkbar unpas-senden Zeitpunkt. Heer, Marine und Außenministe-rium weisen jeglichen Zusammenhang des Buches mit ihren eigenen Bestrebungen von sich.
1902 treibt Kaiser Wilhelm die deutschen Pläne gegen die Vereinigten Staaten voran indem er versucht die mexikanische Halbinsel Nieder-Kalifornien zu kaufen. Geplant sind zwei deutsche Kriegshäfen an der Kali-fornien nach Süden anliegenden Küste. Als die USA von diesen Plänen erfahren, verhindern sie, daß Mexiko die 1300 Kilometer lange Halbinsel im Pazifik an den deut-schen Kaiser verkauft.
Die US-Regierung erwartet bei einem Kriegsausbruch mit dem Deutschen Reich eine deutsche Truppenlan-dung im Raum Boston, wobei die Deutschen »mit abso-lutem Vertrauen auf unsere Unfähigkeit bauen eine Armee von 30.000 Mann zu versammeln welche in jedem Falle einer gleichgroßen deutschen Armee unter-legen wäre.« Noch größer schätzt Washington die Ge-fahr einer deutschen Landung in der Karibik oder in Brasilien ein. Die Beherrschung Südamerikas ist nach Ansicht der Nordamerikaner ein Hauptziel deutscher Außenpolitik.
1904 beenden die USA die Erwerbung von Kolonien, sodaß dieser Konfliktpunkt zwischen dem Reich und den Staaten wegfällt. 1906 werden die Invasionspla-nungen gegen den amerikanischen Kontinent von den deutschen Militärs eingestellt. Die Vereinigten Staaten von Amerika isolieren sich politisch vom Weltgesche-hen und sind somit keine vordringliche Bedrohung mehr für das Deutsche Kaiserreich.