Kategorien
Marokkokrise

Großbritannien fürchtet eine Aufteilung Marokkos un-ter Frankreich und Spanien und damit eine Gefahr für seinen Marinestützpunkt Gibraltar. So wird 1901 und 1902 zwischen London und Berlin eine Lösung disku-tiert, die Tanger den Briten überläßt und die marok-kanische Atlantikküste Deutschland. Aber weder Kaiser noch Kanzler sind an dem Geschäft interessiert, obwohl Deutschland seit 1890 einen Handelsvertrag mit dem Sultan von Marokko hat und der deutsche Außenhandel mit Marokko größer ist als der von Frankreich.

Mit der 1904 zwischen England und Frankreich ge-schlossenen Entente Cordiale ändert sich die Lage dra-matisch. In diesem Vertragswerk wird unter anderem Ägypten England zugesprochen und Marokko Frank-reich. Die beiden Großmächte haben damit ihre Kon-flikte um Nordafrika bereinigt.

Der Auslöser für die nun folgende Marokkokrise ist der übele Intrigant Fritz von Holstein. Holstein ist seit Bis-marcks Abtreten als Reichskanzler 1890 – welches auch von Holstein kräftig befördert worden war, weil seine Karriere davon abhing Bismarck loszuwerden – die Graue Eminenz der deutschen Außenpolitik, die sich einfach durch Versagen auszeichnet, da Bismarck kei-ne kompetenten Leute neben sich duldete, und so auch keine fähigen Außenpolitiker in Reserve standen bei sei-nem Abgang. Reichskanzler Bernhard von Bülow und sein Ratgeber Holstein sind weltpolitisch vollkommen unerfahren und drängen den Kaiser nun gegen seinen Willen zu einer Machtdemonstration.    

Die Lösung des Marokkoproblems hätte hinter den ver-schlossenen Türen der Geheimdiplomatie leicht gelöst werden können. Sicher ist Frankreichs Forderung, Ma-rokko zu seiner Kolonie zu machen, auf Grund der Ver-tragslage rechtlich vollkommen unhaltbar, aber hier wird große Politik gemacht und kein Diskurs über Rechtsfragen geführt.

Auf seiner Mittelmeerreise soll nun der Kaiser vor Tan-ger ankern, auf einem Pferd durch die Stadt reiten und versichern, Deutschland werde für die Unabhängigkeit Marokkos eintreten. Der Kaiser ist in keiner Weise erbaut von der Propagandamission, aber sein Kanzler drängt ihn und Wilhelm sieht sich genötigt am 31. Mai 1905 in Tanger zu landen und auf einem Pferd, das er nicht kennt, durch die jubelnde Stadt zu reiten. Frank-reich bietet nun Deutschland als Kompensation für sei-ne vorgesehene Nahme von Marokko einen Hafen an der Atlantikküste Marokkos oder Teile der französi-schen Afrikakolonien oder eine Anwartschaft auf den Kongostaat des belgischen Königs an. Anstatt auf das Angebot einen solchen ›Kompensation‹ einzugehen, was der politischen Vernunft entspricht, lehnt Reichskanz-ler Bülow das Angebot ab und verlangt eine internatio-nale Konferenz über Marokko. Welches Ergebnis sollte aber eine solche Konferenz haben? England hatte be-reits als Kompensation von Frankreich Ägypten erhal-ten, auf das Frankreich ebenfalls Ansprüche erhoben hatte, und Italien hatte von Frankreich Tripolis als sei-nen Besitz anerkannt bekommen. Die Konferenz tritt im spanischen Algeciras zusammen und führt erwartungs-gemäß zu nichts. In der Sackgasse von Algeciras sieht es Bülow als das erste Gebot an, »daß wir aus der […] verfahrenen Marokkoangelegenheit jetzt in einer Weise herauskommen, die unser A n s e h e n  i n  d e r  W e l t  intakt erhält«.

Als Ergebnis der Konferenz dürfen Spanien und Frank-reich Marokko ›friedlich durchdringen‹, also zu späterer Zeit als Kolonie nehmen, während Deutschland gar nichts erhält, außer der Erhaltung seiner wirtschaft-lichen Interessen in Marokko, die auch bei einer Über-nahme Marokkos durch Frankreich und Spanien ver-traglich hätten gesichert werden können.

Außenpolitisch ist die Marokkokrise für Deutschland ein Desaster und ein möglicher Gewinn für das Kolo-nialreich nicht gemacht. Frankreich dagegen schert sich kein Stück um das Abkommen und bombardiert Küs-tenstädte, landet Polizeitruppen und setzt schließlich einen neuen Sultan ein. Seine Art der ›friedlichen Durchdringung‹ Marokkos.

Kategorien
Die Farasaninseln und Langkawi

Die über 14.000 Seemeilen lange Fahrt vom Kriegshafen Wilhelmshaven nach Tsingtau können die Schiffe der deutschen Flotte nur durch mehrfaches Kohlen bewäl-tigen. Ein Kreuzer oder Schlachtschiff kann bestenfalls 5000 Meilen mit einer Kohlenladung schaffen. Die Schwierigkeiten der Versorgung der Schiffe mit Kohlen für ihre Dampfmaschinen auf der Strecke Deutschland-China bringt die Abhängigkeit von englischen Basen und deren Lieferungen von Kohle für die deutsche Flotte dem Admiralstab schmerzlich ins Bewußtsein. So sieht sich die deutsche Admiralität nach einer Lösung für das Problem um und findet die Farasaninseln im Roten Meer als günstige Kohlenstation und die Insel Langkawi vor der malayischen Halbinsel. Die Farasan-inseln gehören zum Osmanischen Reich, aber ohne Rücksprache mit der deutschen Regierung, und ohne die Regierung in Konstantinopel zu informieren, landet, unter dem Vorwand einer Havarie, der von der Marine gecharterte Dampfer Marie in der Tibtabucht auf den Farasans im Oktober 1899 Kohlen an. Die Marie bleibt als Stützpunktschiff vor Ort und so entsteht ein be-wachtes Kohlenlager der deutschen Kriegsmarine in der Tibtabucht. Der Admiralstab schafft Tatsachen, um die deutsche Regierung zu einer Pachtung der Inseln vom Osmanischen Reich zu zwingen. Mehrere deutsche Kriegsschiffe werden zu den Farasaninseln geschickt, um Land und Leute, die navigatorischen Besonder-heiten und den strategischen Wert der Inselgruppe für die deutsche Kriegsmarine zu erkunden. Freundschaft-liche Verbindungen zum Kommandanten und den Offizieren der etwa 400 Mann türkischen Truppen auf den Inseln und zum höchsten Zivilbeamten der Inseln, einem Araber im Dorfe Farsan, werden von den deut-schen Offizieren aufgenommen. Eine strategische Ein-schätzung von 1901 der Inseln als deutsche Kohlen-station kommt zu dem Schluß, daß die Inseln nur wenn England in einem Kriegsfall neutral bleibt nützlich sind, bei Englands Gegnerschaft aber die Inseln für die Kriegsmarine wertlos sind. Die türkische Regierung versucht die Pachtung abzuwenden, da sie befürchtet, daß dann auch andere Mächte Forderungen nach Marinestationen stellen werden. Aber schließlich kommt die zuständige Politik in Deutschland – die Staatssekretäre des Auswärtigen Amtes und des Reichsmarineamtes – überein das Farasanprojekt des Admiralstabes aufzugeben. Der Admiralstab versucht noch durch eine Intervention beim Kaiser den Erwerb der Inseln durchzusetzen, aber am 24. Oktober 1902 teilt der deutsche Botschafter in Konstantinopel dem Sultan den deutschen Verzicht auf die Farasaninseln mit. In der ganzen Zeit des Bestehens der Kohlenstation in der Tibtabucht hat kein einziges deutsches Kriegsschiff dort Kohlen übernommen.

Im Zusammenhang mit dem Versuch, die Farasaninseln zu gewinnen, steht der Versuch als zweite Kohlenstation auf dem Seeweg zwischen Deutschland und China eine Insel in Hinterindien zu erhalten. Tirpitz sagte, daß der Erwerb der Insel Langkawi vor Malaya „äußerst wünschenswert“ sei, weil sich die Insel „als Glied einer in ferner Zukunft noch auszubauenden Kette von Etappenpunkten nach Ostasien und als Anlandestelle eines dieser Etappenstraßen dereinst folgenden ost-asiatischen Kabels… günstig einfüge.“ Also nicht nur als Versorgungsstützpunkte der Marine, sondern auch als auch Signalverstärkerstationen für deutsche Seekabel sollen diese Stützpunkte dienen.

Durch die deutsche Firma Behn, Meyer & Co in Singapur will die Marine um 1900 die Insel Langkawi vor der Küste von Malaya vom Sultan von Kedah für 50 Jahre pachten. Der jüngere Bruder des Sultans hat enorme Schulden aufgehäuft und die Verpachtung der Insel würde die schlimmsten Geldnöte beseitigen, aber die englische Regierung interveniert durch den geheimen britisch-siamesischen Vertrag von 1897, der Englands Zustimmung bei der Gewährung von Rechten durch Siam an dritte Mächte fordert, und das der Regierung in Bangkok unterstehende Sultanat Kedah wird gezwun-gen Langkawi nicht an das Deutsche Reich zu ver-pachten. Die deutsche Seite weiß nichts von dem englisch-siamesischen Geheimvertrag und versucht wenigstens einen Pachtvertrag über 20 Jahre auszu-handeln, aber natürlich ebenfalls vergebens.

So scheitert der Versuch der Marine, durch den Erwerb von zwei Stützpunkten auf dem Seeweg zwischen Deutschland und Ostasien, der wichtigsten deutschen Auslandsmarinestation, bei der Kohlenversorgung für den Antrieb ihrer Schiffe unabhängig von englischen Marinestützpunkten zu werden.