Die auffallendste Erscheinung der kolonialen Welt in Deutschland sind die Kolonialwarenläden. Jede Klein-stadt hat einen Kolonialwarenladen und je größer die Stadt, desto mehr von ihnen finden sich. So hat etwa das 800-Seelendorf Helsen in Waldeck seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einen Kolonialwarenladen und 1901 ge-sellt sich ein zweiter, kleinerer Kolonialwarenladen hinzu. Oft gibt es auch Geschäfte, die zum Beispiel Lebensmittel oder andere Artikel und Kolonialwaren anbieten.
In den Kolonialwarengeschäften werden überseeische Lebens- und Genußmittel wie Reis, Zucker, Kaffee, Kakao, Tee, Gewürze und Tabak verkauft, aber auch Petroleum. Um 1900 hat der Siegeszug des elektrischen Lichts in den Haushalten der Oberschicht längst be-gonnen, aber in den bürgerlichen Haushalten werden noch größtenteils Petroleumlampen verwendet. In den »feineren« Gegenden einer Stadt, sieht man häufig Hausfrauen und Kinder mit der Petroleumkanne in der Hand über die Straße eilen. Ein Petroleumreservoir mit der nach Litern eingeteilten Meß-Skala an der Außen-seite gehört zum notwendigen Bestandteil der Droge-rien und Kolonialwarenläden.
Das größte deutsche Kolonialwarenladen-Unternehmen ist um 1900 das Deutsche Kolonialhaus von Bruno Antelmann mit über 400 Verkaufsstellen in deutschen Städten. Antelmann hat sich auf Kolonialwaren aus den deutschen Kolonien spezialisiert. Das Unternehmen hat seinen Sitz in der Berliner Mitte in der Jerusalemer Straße 28. 1903 zieht Antelmann in das von ihm neu errichtet große und prächtige Deutsche Kolonialhaus in der Lützowstraße 89–90 im Westen Berlins im Stadtteil Tiergarten um. Die Architektur orientiert sich an ko-lonialen Motiven: Die orientalisch aussehende Front mit hochaufragender Kuppel wird von Statuen berittener Elefanten, Löwen, afrikanischen Kriegern und den Namen der deutschen Kolonien geschmückt. Auch die Innenausstattung ist kolonial-inspiriert, wie die Decken-gemälde. Der Gebäudekomplex beherbergt Geschäfts- und Lagerräume, aber auch einen großen Verwaltungs-apparat, der sich wiederum in Aufsichtsrat, die Expe-ditionsabteilung (Organisation von Verpackung und Versand), sowie die Werbe-Abteilung für die reichs-weite Werbung organisiert.
Doch die Konkurrenz schläft nicht. 1898 schließen sich 21 Kaufleute aus ganz Deutschland im Berliner Halle-schen Tor-Bezirk zur Einkaufsgenossenschaft der Kolo-nialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin – kurz E.d.K. – zusammen. Das Unternehmen wächst und gedeiht und nennt sich seit 1911 Edeka. 1914 erwirt-schaften die 72 dem Verband angehörende Genossen-schaften einen Umsatz von 10 Millionen Mark.
1902 schreibt der Arzt Ludwig Külz:
»Mit demselben Dampfer [»ein Woermannschiff«] kam ein Trupp von 17 Togonegern, Männern und Frauen, aus Deutschland zurück [nach Togo]. Sie waren zu Schau-zwecken wohl mehrere Jahre durch ganz Deutschland gereist. Ich glaube durch neuere Bestimmungen ist dieser Unfug der Verschickung von Eingeborenen zu solchen Zwecken unterbunden worden. Was kann auch Gutes dabei herauskommen. Schon die Mitnahme eines einzelnen Schwarzen durch einen Europäer zur Erzie-hung oder zur Ausbildung für irgend einen Beruf ist ein gewagtes Experiment, das in den meisten Fällen, in denen es angestellt wurde, fehlgeschlagen ist. Nur dann ist’s geglückt, wenn der betreffende Europäer, der mit afrikanischen Verhältnissen vertraut war, ängstlich da-rauf achtete, daß sein Zögling der Gefahr entging, von allen Seiten angestaunt, verwöhnt und verzogen zu wer-den.
Mehrere von den unlängst Zurückgekehrten kommen sogar mit Tuberkulose behaftet wieder. Die Mission hat sich der Gesellschaft angenommen. Einen der Männer habe ich als Gartenarbeiter angestellt, aber ich zweifle, ob er nach seinem in Deutschland durchkosteten Schlaraffenleben noch Gefallen an der Arbeit finden wird. Die Produktionen, die sie auf ihren Jahrmarkts- und Panoptikumsreisen vollführt haben, geben alles andere wieder als die Sitten und Gewohnheiten der hiesigen Neger. Es waren ausnahmslos Tänze, Gesänge und Gebräuche, die ihnen von ihrem Impresario erst ad hoc einstudiert wurden. Ob sie zu wissenschaftlichen, anthropologischen Beobachtungen auch verwendet worden sind, weiß ich nicht. Nur eine einzige, verfehlte Abhandlung ist mir bekannt geworden, in der ein Berliner Plattfußspezialist an diesem kleinen Material beweisen zu können glaubt, daß die Behauptung, der Plattfuß sei unter den Negern besonders verbreitet, unzutreffend sei. Er bedenkt dabei nicht, daß er erstens keine Vertreter einer reinen Negerrasse vor sich hatte, soweit es sich um Küstenneger handelte, und daß für diesen Versand nach Deutschland natürlich gerade solche Gestalten ausgewählt wurden, die auch nach europäischem Geschmacke einen imposanten Eindruck machen konnten.«
Dr. Ludwig Külz schreibt im Oktober 1902 aus Klein Popo in Togo an seinen Bruder:
»Selbst unter den Gebildeten daheim herrscht ja eine kaum glaubliche Unwissenheit über unsere deutschen überseeischen Besitzungen. Allein eine Zusammenstel-lung von falschen Briefadressen, die wir hierher bekom-men, würde eine traurige Illustration zu dieser Tatsache liefern. Welche Fülle geographischer und sonstiger Un-wissenheit birgt allein schon die unlängst hier einge-troffene Aufschrift: An das Bürgermeisteramt zu Klein-popo in Australien, oder: Togo in Kamerun usw.«
Auch die Kolonialliteratur und photographische Auf-nahmen hält Dr. Külz nicht für die besten Mittel für die Bildung über die Kolonien. Im selben Brief schreibt er über die Kolonialliteratur und Fotos: »In unseren Tagen ist Sensation um jeden Preis die Grundbedingung für den Erfolg. Gefährliche Reisen, Kriegs- und Jagdaben-teuer unter Schwarzen, hübsch leicht und obenhin erzählt und gehörig mit Uebertreibungen ausgestattet, würden lieber gelesen werden als die Schilderungen unserer Alltagsarbeit. Meist werden in unserer Kolo-nialliteratur mit großer Vorliebe die Gefahren in den Vordergrund gestellt, die vom Klima, von wilden Völ-kern, aus Kriegszügen und von wilden Tieren drohen, die dabei oft in einer Frequenz herumlaufen, wie im zoologischen Garten. Von Sensation hat mein Wirken hier zu wenig, vom nüchternen Alltagsleben zuviel.
Auch meine photographischen Aufnahmen bitte ich mit Diskretion zu behandeln. Ich halte ohnehin von Bildern, selbst von guten Bildern aus fremden Erdteilen nicht sehr viel. Man photographiert ganz unwillkürlich immer nur das, was einem besonders auffällt: Paradestückchen, Posen, besonders hervorstechende Momente im Leben und Treiben der Leute wie in der Landschaft. So wird das Urteil, das man an der Hand der Bilder gewinnt, ohne eine genügende Erklärung derselben zu bekommen, leicht falsch. Es fehlt ihnen die Farbe, das Leben, die Bewegung, die Stimmung, die der zwar hat, der sie auf-nimmt, und die er wieder hineinträgt, wenn er sie selber ansieht oder anderen erklärt, die aber dem fernste-henden Betrachter fehlen. Mache die Probe: Zeige zum Beispiel einem ein Marktbild von Kleinpopo, und wenn er sich‘s gehörig betrachtet hat, lege es zur Seite und frage, was er gesehen hat.
…
Ich kann Euch zwar nichts erschöpfendes bieten, aber ich hoffe, daß ihr allmählich doch einen Ueberblick ge-winnt. Wenn dann ein jeder in seinem Kreise bei gege-bener Gelegenheit dazu beiträgt, Interesse für unsere Kolonien zu erwecken, oder zu fördern, Vorurteile und falsche Urteile zu beseitigen, so ist der dadurch erzielte Nutzen vielleicht größer, als wenn ab und zu ein flüchtig gelesener Artikel in der Presse erscheint, Kolonial-schwärmer gibt es genug daheim. Kolonialfeinde noch mehr, und am dünnsten gesät sind die Kenner unserer Schutzgebiete.«
Im April 1903 schreibt Dr. Külz: »Dr. K. [Dr. Hermann Kersting], ein Mediziner, ist Stationsleiter des seit 1898 in deutsche Verwaltung genommenen Sokodebezirkes, des nordöstlichsten Teiles der Kolonie [Togo]. … Dr. K. ist zur Küste gekommen, um nach zweijähriger Dienstzeit einen Heimatsurlaub anzutreten. Unter großer Mühe hat er vier prächtige Strauße aus seinem Bezirke mit zur Küste gebracht, um den Versuch zu machen, sie lebend nach Deutschland zu bekommen, wo bisher noch kein Togostrauß existiert. Für die Verschiffung durch die Brandung und den Transport zur See hat er bis ins Kleinste sorgfältige Vorbereitungen getroffen, sodaß ihm hoffentlich sein Versuch gelingen wird.«
Jahre später fügt Dr. Külz an: »Von den vier Straußen verunglückte einer in der Brandung, drei kamen wohl-behalten auf den Dampfer. Von ihnen verendete einer beim Eintritt ins kühle Klima und einer ging in Ham-burg durch die Verständnislosigkeit des in K.’s Abwe-senheit ausschiffenden Personales zu Grunde: man ver-gaß das Gestell, in dem der Strauß durch den Kran aus dem Schiff nach dem Lande gehoben wurde, zu schlie-ßen, das Tier wurde unruhig, arbeitete sich gerade auf der Höhe des Kranes heraus und blieb mit gebrochenen Gliedern auf dem Kaipflaster liegen. Nur der vierte ist wohlbehalten als der erste seiner Art in den Besitz des Berliner zoologischen Gartens gelangt, wo er noch heu-te [1906] lebt.«
Im Sommer 1907 ist der Abidul, der König der im Pazifik liegenden Palau-Inseln, die zum deutschen Kolonial-reich gehören, auf Einladung des deutschen Kaisers zu Besuch in Deutschland. Der König von Palau wird bei Hofe in Berlin empfangen, Besuche in Potsdam, Logen-platz in der Oper, Ehrengast bei der Kaiserparade auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Auch eine Rundreise durch Deutschland gehört zum Programm. Es ist eine von zwei Reisen, die der Abidul nach Deutschland unternimmt.
Auch diesem hochrangigen Untertanen des Kaisers wird die Macht und Herrlichkeit des Reiches vor Augen geführt und hinterläßt den besten Eindruck; eben glücklich sein zu können, den Schutz und die Fürsorge der Deutschen Reiches zu genießen.
Tausende Rückkehrer aus den Kolonien, hauptsächlich Soldaten und Beamte und Leute die sich in den Kolo-nien aufgehalten haben wie etwa Seemänner und Wissenschaftler, erzählen in ihrem Umfeld von ihren Erlebnissen und reizen die Phantasie besonders auch von Kindern und Jugendlichen an und so kommt es vor, daß die Heimkehrer dazu beitragen, daß Menschen in die Kolonien gehen.
Der 1897 geborene Elsässer Robert Ernst, bei dessen Vater, einem Pfarrer, der Pfarrersohn Albert Schweitzer vor seiner Umsiedlung im Jahre 1913 von Straßburg nach Afrika ein- und ausging: »Hatte ich zuvor abenteuer-lichen Stimmungen folgend, wie sie bei Knaben fast die Regel sind, an den Eintritt in die Marine oder an ein Farmerleben in Deutsch-Südwest-Afrika gedacht…«
Karl Viehweg aus Quedlinburg ist durch die Erzäh-lungen seines Cousins Leo Frobenius, einem Afrika-forscher, so begeistert, daß er auch nach Afrika will. Die nächste Möglichkeit für den jungen Mann ist zwar nicht Afrika, aber in Berlin bekommt er bei der dort ansässi-gen Neuguinea Kompagnie eine Anstellung in deren Südseeplantagen. 1906 reist er nach Deutsch Neuguinea zum Antritt seiner Arbeit. Nach dem Ablauf seines Ver-trages kehrt er trotz eines guten Angebotes der Neu-guinea Kompagnie, die Leitung großer Plantagen zu übernehmen, nach Deutschland zurück.
Es treibt ihn nach Afrika und mit dem in Neuguinea auf den dortigen Pflanzungen erworbenen Wissen will er eine eigene Kautschukpflanzung in Deutsch Ostafri-ka aufbauen.
1910 geht Karl Viehweg dann nach Deutsch Ostafrika und siedelt sich dort als Pflanzer fest an.
Nicht wenige Ansiedler in den deutschen Kolonien sind so durch Verwandte und Bekannte in ihre neue Heimat gekommen.
1906 erscheint das Buch Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika. 1910 erscheint die zweite Auflage des Buches und in dessem Vorwort schreibt sein Autor Dr. Ludwig Külz:
»Ich habe nichts an dem Texte des Buches geändert. Es wird hoffentlich auch heute noch in seiner ursprüng-lichen Gestalt nicht ohne Interesse sein. Denn wie der Stand unserer kolonialen Entwicklung heute ist, wissen daheim die meisten; wie er vor kurzem noch war, das werden bald nur noch wenige wissen.«
Külz ist seit 1902 in Togo und dann seit 1905 in Kamerun Regierungsarzt. Er ist auf Reisen in den Kolonien und sieht ihre schnelle Veränderung selbst mit an und so ist die Zeit von 1902 oder 1905 für 1907 oder 1910 in die Kolonien Gegangene schon nur noch in Büchern oder in Erzählungen der seiner Zeit in den Kolonien anwe-senden Deutschen zu finden.
Da in den Jahren um die Jahrhundertwende noch ver-hältnismäßig wenige Deutsche in den Kolonien sind, und oft vertraglich nur für zwei Jahre, und durch die hohe Sterberate hauptsächlich durch Tropenkrankhei-ten sich auch noch ihre Zahl stark verringert hat, sind etwa 1910 kaum noch Deutsche in den Kolonien die auch 1905 oder gar 1900 dort waren und wenn dann haupt-sächlich Siedler und Missionare.
1910 erscheint das zweibändige Werk Die Deutschen Kolonien in Farbenphotographie. Der Carl Weller Ver-lag hatte dafür Expeditionen nach Afrika und in den Fernen Osten entsandt und 250 Farbaufnahmen von die-sen Foto-Expeditionen für die Buchausgabe ausgewählt und mit erläuternden Texten versehen.
Das große finanzielle Risiko für den Verlag macht sich bezahlt. Das Werk wird für sagenhafte 220 Reichsmark angeboten; daß durchschnittliche Monatseinkommen eines Industriearbeiters beträgt 120 Mark.
1911 erscheint eine preiswerte Volksausgabe mit 80 Farbfotos aus dem doppelbändigen Werk in einer Auf-lage von 20.000 Stück.
Bereits 1912 ist auch die Volksausgabe des kolonialen Fotowerks vergriffen und weiter 20.000 Stück werden gedruckt. 1914 folgen nochmals 20.000 Exemplare der Volksausgabe. Gleichzeitig bringt der Verlag Sammel-alben, Portkarten sowie in Papiertaschen zusammen-gefaßte kleinformatige Einzelbilder heraus.
Freiherr Spiegel von und zu Peckelsheim, der Anfang 1911 einer der Kommandeure der Truppen zur Nieder-schlagung des Jokoj-Aufstandes auf der Pazifikinsel Ponape war, schreibt 1912 im Vorwort zu seinem Buch Kriegsbilder aus Ponape über den Aufstand über seine schwarzen Soldaten aus Neuguinea:
»Und noch eins! Ihr meine „schwarzen Jungens“ aus Neuguinea sollt nicht vergessen werden. Auch ihr gehört an diese Stelle, denn auch ihr seid deutsche Untertanen und habt mit eurem Blut bewiesen, daß ihr dessen würdig seid. Darum widmet euch euer Chiap aus Ponape, dem ihr so oft das Leben beschützt habt, manche Seite seines Buches. Und wenn ihr selbst es auch nicht lesen könnt und nie etwas davon erfahrt, so wird es doch den weißen Misters und Misses, denen mein Buch in die Hände fällt, zeigen, daß auch unter eurer schwarzen Haut treue Herzen schlagen und ihr gar nicht die Kannibalen seid, für die man euch hier [in Deutschland] hält.
…
Als dann der vorletzte Februartag, der Tag des Ab-schieds, kam und eure vierhundert schwarzen Fäuste sich mir entgegenstreckten: „good-bye, Chiap! good-bye, master!“, da habe ich mir versprochen, euch ein kleines Denkmal zu setzen, damit ihr nicht fehlt in der Geschichte derer, die je für unser Vaterland gestritten und geblutet haben.«
Als 1908 in Südwestafrika große Diamantenfunde ge-macht werden wird ein Chemiker aus Berlin, der als Sachverständiger für Diamanten gilt, von einer Berg-baufirma als Gutachter nach Südwestafrika geschickt. Dort gelingt es ihm mit Hilfe einiger Komplizen größere Mengen Rohdiamanten zur Seite zu schaffen und an deutsche und ausländische Schleifereien weiterzuleiten. Die Berliner Kriminalpolizei ermittelt, daß der Chemi-ker durch Kontaktleute in Dresden, Leipzig, Zittau und Breslau seine Ware an den Mann zu bringen sucht. Aus seinen Gewinnen kauft sich Chemiker Heim in Groß-Lichterfelde bei Berlin eine Villa. Schließlich wird Heim auf offener Straße von der Kriminalpolizei verhaftet. Er bittet, noch einmal seine Villa kurz aufsuchen zu dürfen, um den dort tätigen Handwerkern ein paar Anweisun-gen geben zu können, was auch erlaubt wird. Heim nutzt die Gelegenheit und springt in einem Fluchtversuch aus acht Metern Höhe aus einem Fenster in den Garten, erleidet dabei aber schwere Verletzungen und wird ins Gefängnis-Krankenhaus eingeliefert. In seiner Villa und bei seinem Verwandten findet man Diamanten im Wert von 200 Karat. Es sind vor allem seltene und wertvolle Stücke in mehreren Farben. In seinen Unterlagen findet sich auch, daß seine Komplizen ihm aus Südwest in unauffällig getarnten Sendungen ständig neue Diaman-ten schicken.
Vor der Verhandlung begeht der Häftling Heim in sei-ner Zelle Selbstmord. Hätte er die Rechtslage gekannt, hätte er gewußt, daß ihm eine doch nur verhältnismäßig geringe Strafe erwartet hätte.
Fernreisen werden für die Oberschicht in Europa immer beliebter. So ist zum Beispiel das unter britischer Herr-schaft stehende Ägypten ein Reiseziel. Kairo, Luxor, Tempel und Pyramiden sind schon seit langem Reise-ziele und nun lassen Touristikunternehmen in Oasen Zeltlager errichten, wo reiche Europäer nach der Wer-bung in der reinen Wüstenluft ihren Lungen Gutes tun und in der südlichen Sonne ihre Nerven wiederher-stellen können und sich die Zeit mit Sport, Kamelritten und Jagden auf Füchse, Geier und Schakale vertreiben können.
In deutschen Zeitungen wird von den Ägyptischen Staats-Eisenbahnen geworben:
ÄGYPTEN nur 4 TAGE von BERLIN
In der Anzeige aus dem Jahre 1911 bieten die ägyptischen Bahnen I. Klasse Fahrten in beide Richtungen an:
Port Said-Cairo 4 Stunden 20 Mark / Alexandrien-Cairo 3 Stunden 18,40 Mark / Luxor-Assuan 6½ Stunden 18,70 Mark / Cairo-Luxor 13½ Stunden 43,20 Mark
Über die Zentralauskunftsstelle für Auswanderer in Ber-lin, die im Gebäude der Deutschen Kolonialgesellschaft Am Karlsbad 10 nahe der Potsdamer Straße im Ortsteil Tiergarten gelegen ist, wird 1913 berichtet:
»Über die Wirksamkeit der Zentralauskunftsstelle für Auswanderer herrscht durchweg noch eine falsche Vor-stellung. Man begegnet fast überall der Meinung, die Zentralauskunftsstelle für Auswanderer sei eine Ein-richtung zur Beförderung der Besiedlung der Reichs-kolonien und befasse sich nur so nebenbei auch mit anderen Auswanderungsgebieten. Diese Meinung ist grundfalsch; die Zentralauskunftsstelle für Auswande-rer gibt nicht nur Auskunft über die Ansiedlungsmög-lichkeiten in sämtlichen Ländern und Staaten außerhalb der deutschen Reichsgrenzen, sondern sie ist auch in der Lage, genauen Aufschluß über die Aussichten der einzelnen Berufe wie Kaufleute, Handwerker, Landwirte usw., im überseeischen Auslande zu erteilen.«
Darüber hinaus ist der Rat der Zentralauskunftsstelle kostenlos und kann mündlich oder schriftlich erteilt werden. Zu etwa 80 % sind die Anfragen schriftlich.
Für das Vierteljahr vom 1. Juli bis 30. September 1912 gibt es 6679 Anfragen bei der Zentralauskunftsstelle. Bei den außerdeutschen Auswanderungsgebieten steht Brasili-en an der Spitze mit 1120 Anfragen. An zweiter Stelle steht Argentinien mit 719 Anfragen. Die dritte Stelle be-legt Kanada mit 414 Anfragen, dann folgen die USA mit 409 Anfragen.
3007 Anfragen beziehen sich auf die deutschen Kolo-nien. Davon auf Südwestafrika 1010, auf Ostafrika 580, Kamerun 128, Togo 52, auf die deutschen Kolonien in Afrika im allgemeinen 193, Kiautschou 84, Samoa 70, Deutsch Neuguinea 42, die Karolinen, Palau und die Marianen 14. aus den Zahlen ist zu ersehen, daß von den Kolonien Südwestafrika die größte Anziehung für Aus-wanderer hat und Ostafrika an zweiter Stelle steht.
Ein Artikel im Jahreskalender 1914 der Gartenlaube heißt Der neue deutsche Edelstein und beginnt mit dem Text:
»Deutsch-Südwestafrika, unsere sooft mit unrecht ge-schmähte Kolonie, der wir schon recht erhebliche Dia-mantfunde verdanken, hat der Welt einen neuen Edel-stein geschenkt, den „Heliodor“…«
Diese Edelsteinart wird 1910 zufällig in Südwest gefun-den und man läßt den Stein in Deutschland schleifen. Er stellt sich als ein »klarer, hellblauer Aquamarin von prächtigem Glanz« heraus.
»Daraufhin belegte die Deutsche Kolonialgesellschaft die Felder um Rössing«. Rössing liegt an der Bahnlinie Swakopmund-Windhuk.
Als besondere Varietät des neuentdeckten Edelsteins gilt die goldgelbe Farbvariante, von der sich aber nur ganz vereinzelt »Nester« im Abbaugebiet finden. »Bisher sind nur ganz geringe Mengen dieses neuen Edelsteins gefunden worden und nach Deutschland gelangt.«
Für den Kaiser und die Kaiserin werden ein paar Stücke des »bisher unbekannten Edelsteins« in Schmuckstücke verwandelt wie ein »Heliodorkreuz« für die Kaiserin. »Die das Kreuz schmückenden Brillanten stammen ebenfalls aus Deutsch-Südwestafrika.«
Weiter steht im Jahreskalender der Gartenlaube zu le-sen: »Es wird hoffentlich nicht lange dauern, bis weitere Heliodore gefunden sind und in den Handel kommen, um schnell die Herzen unserer Damen zu erobern, die diesen im wahrsten Sinn des Wortes deutschen Edel-stein gern tragen werden. Einstweilen erglänzen die schönsten Steine im Kreuz der Kaiserin, und selbst Brillanten können ihren Glanz nicht überstrahlen. Wann es möglich sein wird, diesen deutschen Edelstein der Damenwelt zur Verfügung zu stellen, muß die Zukunft lehren.«
Die Berliner Zeitung meldet am 8. Oktober 1914:
»Noch im letzten Monat hat die afrikanische Abteilung des Berliner Museums für Völkerkunde als Geschenk von der Logone-Pama-Grenzexpedition, Hauptmann Bartsch, Hauptmann Tiller, Oberleutnant Ebert, Dr. Houy, eine sehr schöne Sammlung von etwa 400 Nummern aus Ostkamerun erhalten. Sie stammen hauptsächlich von den Lakka, Talli und Bara. Ober-leutnant Naumann schenkte einige Ethnographika aus demselben Gebiet.«
Die Logone-Pama-Grenzexpedition fand vom Januar bis zum August 1913 statt als Teil der Expeditionen zur Grenzfestlegung zwischen Neukamerun und Franzö-sisch Äquatorialafrika.