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Kolonialleben in Deutschland

Die auffallendste Erscheinung der kolonialen Welt in Deutschland sind die Kolonialwarenläden. Jede Klein-stadt hat einen Kolonialwarenladen und je größer die Stadt, desto mehr von ihnen finden sich. So hat etwa das 800-Seelendorf Helsen in Waldeck seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einen Kolonialwarenladen und 1901 ge-sellt sich ein zweiter, kleinerer Kolonialwarenladen hinzu. Oft gibt es auch Geschäfte, die zum Beispiel Lebensmittel oder andere Artikel und Kolonialwaren anbieten.

In den Kolonialwarengeschäften werden überseeische Lebens- und Genußmittel wie Reis, Zucker, Kaffee, Kakao, Tee, Gewürze und Tabak verkauft, aber auch Petroleum. Um 1900 hat der Siegeszug des elektrischen Lichts in den Haushalten der Oberschicht längst be-gonnen, aber in den bürgerlichen Haushalten werden noch größtenteils Petroleumlampen verwendet. In den »feineren« Gegenden einer Stadt, sieht man häufig Hausfrauen und Kinder mit der Petroleumkanne in der Hand über die Straße eilen. Ein Petroleumreservoir mit der nach Litern eingeteilten Meß-Skala an der Außen-seite gehört zum notwendigen Bestandteil der Droge-rien und Kolonialwarenläden.

Das größte deutsche Kolonialwarenladen-Unternehmen ist um 1900 das Deutsche Kolonialhaus von Bruno Antelmann mit über 400 Verkaufsstellen in deutschen Städten. Antelmann hat sich auf Kolonialwaren aus den deutschen Kolonien spezialisiert. Das Unternehmen hat seinen Sitz in der Berliner Mitte in der Jerusalemer Straße 28. 1903 zieht Antelmann in das von ihm neu errichtet große und prächtige Deutsche Kolonialhaus in der Lützowstraße 89–90 im Westen Berlins im Stadtteil Tiergarten um. Die Architektur orientiert sich an ko-lonialen Motiven: Die orientalisch aussehende Front mit hochaufragender Kuppel wird von Statuen berittener Elefanten, Löwen, afrikanischen Kriegern und den Namen der deutschen Kolonien geschmückt. Auch die Innenausstattung ist kolonial-inspiriert, wie die Decken-gemälde. Der Gebäudekomplex beherbergt Geschäfts- und Lagerräume, aber auch einen großen Verwaltungs-apparat, der sich wiederum in Aufsichtsrat, die Expe-ditionsabteilung (Organisation von Verpackung und Versand), sowie die Werbe-Abteilung für die reichs-weite Werbung organisiert.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. 1898 schließen sich 21 Kaufleute aus ganz Deutschland im Berliner Halle-schen Tor-Bezirk zur Einkaufsgenossenschaft der Kolo-nialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin – kurz E.d.K. – zusammen. Das Unternehmen wächst und gedeiht und nennt sich seit 1911 Edeka. 1914 erwirt-schaften die 72 dem Verband angehörende Genossen-schaften einen Umsatz von 10 Millionen Mark.





Im Sommer 1907 ist der Abidul, der König der im Pazifik liegenden Palau-Inseln, die zum deutschen Kolonial-reich gehören, auf Einladung des deutschen Kaisers zu Besuch in Deutschland. Der König von Palau wird bei Hofe in Berlin empfangen, Besuche in Potsdam, Logen-platz in der Oper, Ehrengast bei der Kaiserparade auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Auch eine Rundreise durch Deutschland gehört zum Programm. Es ist eine von zwei Reisen, die der Abidul nach Deutschland unternimmt.

Auch diesem hochrangigen Untertanen des Kaisers wird die Macht und Herrlichkeit des Reiches vor Augen geführt und hinterläßt den besten Eindruck; eben glücklich sein zu können, den Schutz und die Fürsorge der Deutschen Reiches zu genießen.


Tausende Rückkehrer aus den Kolonien, hauptsächlich Soldaten und Beamte und Leute die sich in den Kolo-nien aufgehalten haben wie etwa Seemänner und Wissenschaftler, erzählen in ihrem Umfeld von ihren Erlebnissen und reizen die Phantasie besonders auch von Kindern und Jugendlichen an und so kommt es vor, daß die Heimkehrer dazu beitragen, daß Menschen in die Kolonien gehen.

Karl Viehweg aus Quedlinburg ist durch die Erzäh-lungen seines Cousins Leo Frobenius, einem Afrika-forscher, so begeistert, daß er auch nach Afrika will. Die nächste Möglichkeit für den jungen Mann ist zwar nicht Afrika, aber in Berlin bekommt er bei der dort ansässi-gen Neuguinea Kompagnie eine Anstellung in deren Südseeplantagen. 1906 reist er nach Deutsch Neuguinea zum Antritt seiner Arbeit. Nach dem Ablauf seines Ver-trages kehrt er trotz eines guten Angebotes der Neu-guinea Kompagnie, die Leitung großer Plantagen zu übernehmen, nach Deutschland zurück.

Es treibt ihn nach Afrika und mit dem in Neuguinea auf den dortigen Pflanzungen erworbenen Wissen will er eine eigene Kautschukpflanzung in Deutsch Ostafri-ka aufbauen.

1910 geht Karl Viehweg dann nach Deutsch Ostafrika und siedelt sich dort als Pflanzer fest an.

Nicht wenige Ansiedler in den deutschen Kolonien sind so durch Verwandte und Bekannte in ihre neue Heimat gekommen.


1906 erscheint das Buch Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika. 1910 erscheint die zweite Auflage des Buches und in dessem Vorwort schreibt sein Autor Dr. Ludwig Külz:

»Ich habe nichts an dem Texte des Buches geändert. Es wird hoffentlich auch heute noch in seiner ursprüng-lichen Gestalt nicht ohne Interesse sein. Denn wie der Stand unserer kolonialen Entwicklung heute ist, wissen daheim die meisten; wie er vor kurzem noch war, das werden bald nur noch wenige wissen.«

Külz ist seit 1902 in Togo und dann seit 1905 in Kamerun Regierungsarzt. Er ist auf Reisen in den Kolonien und sieht ihre schnelle Veränderung selbst mit an und so ist die Zeit von 1902 oder 1905 für 1907 oder 1910 in die Kolonien Gegangene schon nur noch in Büchern oder in Erzählungen der seiner Zeit in den Kolonien anwe-senden Deutschen zu finden.

Da in den Jahren um die Jahrhundertwende noch ver-hältnismäßig wenige Deutsche in den Kolonien sind, und oft vertraglich nur für zwei Jahre, und durch die hohe Sterberate hauptsächlich durch Tropenkrankhei-ten sich auch noch ihre Zahl stark verringert hat, sind etwa 1910 kaum noch Deutsche in den Kolonien die auch 1905 oder gar 1900 dort waren und wenn dann haupt-sächlich Siedler und Missionare.


1910 erscheint das zweibändige Werk Die Deutschen Kolonien in Farbenphotographie. Der Carl Weller Ver-lag hatte dafür Expeditionen nach Afrika und in den Fernen Osten entsandt und 250 Farbaufnahmen von die-sen Foto-Expeditionen für die Buchausgabe ausgewählt und mit erläuternden Texten versehen.

Das große finanzielle Risiko für den Verlag macht sich bezahlt. Das Werk wird für sagenhafte 220 Reichsmark angeboten; daß durchschnittliche Monatseinkommen eines Industriearbeiters beträgt 120 Mark.

1911 erscheint eine preiswerte Volksausgabe mit 80 Farbfotos aus dem doppelbändigen Werk in einer Auf-lage von 20.000 Stück.

Bereits 1912 ist auch die Volksausgabe des kolonialen Fotowerks vergriffen und weiter 20.000 Stück werden gedruckt. 1914 folgen nochmals 20.000 Exemplare der Volksausgabe. Gleichzeitig bringt der Verlag Sammel-alben, Portkarten sowie in Papiertaschen zusammen-gefaßte kleinformatige Einzelbilder heraus.


Freiherr Spiegel von und zu Peckelsheim, der Anfang 1911 einer der Kommandeure der Truppen zur Nieder-schlagung des Jokoj-Aufstandes auf der Pazifikinsel Ponape war, schreibt 1912 im Vorwort zu seinem Buch Kriegsbilder aus Ponape über den Aufstand über seine schwarzen Soldaten aus Neuguinea:

»Und noch eins! Ihr meine „schwarzen Jungens“ aus Neuguinea sollt nicht vergessen werden. Auch ihr gehört an diese Stelle, denn auch ihr seid deutsche Untertanen und habt mit eurem Blut bewiesen, daß ihr dessen würdig seid. Darum widmet euch euer Chiap aus Ponape, dem ihr so oft das Leben beschützt habt, manche Seite seines Buches. Und wenn ihr selbst es auch nicht lesen könnt und nie etwas davon erfahrt, so wird es doch den weißen Misters und Misses, denen mein Buch in die Hände fällt, zeigen, daß auch unter eurer schwarzen Haut treue Herzen schlagen und ihr gar nicht die Kannibalen seid, für die man euch hier [in Deutschland] hält.

 …

Als dann der vorletzte Februartag, der Tag des Ab-schieds, kam und eure vierhundert schwarzen Fäuste sich mir entgegenstreckten: „good-bye, Chiap! good-bye, master!“, da habe ich mir versprochen, euch ein kleines Denkmal zu setzen, damit ihr nicht fehlt in der Geschichte derer, die je für unser Vaterland gestritten und geblutet haben.«


Als 1908 in Südwestafrika große Diamantenfunde ge-macht werden wird ein Chemiker aus Berlin, der als Sachverständiger für Diamanten gilt, von einer Berg-baufirma als Gutachter nach Südwestafrika geschickt. Dort gelingt es ihm mit Hilfe einiger Komplizen größere Mengen Rohdiamanten zur Seite zu schaffen und an deutsche und ausländische Schleifereien weiterzuleiten. Die Berliner Kriminalpolizei ermittelt, daß der Chemi-ker durch Kontaktleute in Dresden, Leipzig, Zittau und Breslau seine Ware an den Mann zu bringen sucht. Aus seinen Gewinnen kauft sich Chemiker Heim in Groß-Lichterfelde bei Berlin eine Villa. Schließlich wird Heim auf offener Straße von der Kriminalpolizei verhaftet. Er bittet, noch einmal seine Villa kurz aufsuchen zu dürfen, um den dort tätigen Handwerkern ein paar Anweisun-gen geben zu können, was auch erlaubt wird. Heim nutzt die Gelegenheit und springt in einem Fluchtversuch aus acht Metern Höhe aus einem Fenster in den Garten, erleidet dabei aber schwere Verletzungen und wird ins Gefängnis-Krankenhaus eingeliefert. In seiner Villa und bei seinem Verwandten findet man Diamanten im Wert von 200 Karat. Es sind vor allem seltene und wertvolle Stücke in mehreren Farben. In seinen Unterlagen findet sich auch, daß seine Komplizen ihm aus Südwest in unauffällig getarnten Sendungen ständig neue Diaman-ten schicken.

Vor der Verhandlung begeht der Häftling Heim in sei-ner Zelle Selbstmord. Hätte er die Rechtslage gekannt, hätte er gewußt, daß ihm eine doch nur verhältnismäßig geringe Strafe erwartet hätte.


Fernreisen werden für die Oberschicht in Europa immer beliebter. So ist zum Beispiel das unter britischer Herr-schaft stehende Ägypten ein Reiseziel. Kairo, Luxor, Tempel und Pyramiden sind schon seit langem Reise-ziele und nun lassen Touristikunternehmen in Oasen Zeltlager errichten, wo reiche Europäer nach der Wer-bung in der reinen Wüstenluft ihren Lungen Gutes tun und in der südlichen Sonne ihre Nerven wiederher-stellen können und sich die Zeit mit Sport, Kamelritten und Jagden auf Füchse, Geier und Schakale vertreiben können.

In deutschen Zeitungen wird von den Ägyptischen Staats-Eisenbahnen geworben:

ÄGYPTEN nur 4 TAGE von BERLIN

In der Anzeige aus dem Jahre 1911 bieten die ägyptischen Bahnen I. Klasse Fahrten in beide Richtungen an:

Port Said-Cairo 4 Stunden 20 Mark / Alexandrien-Cairo 3 Stunden 18,40 Mark / Luxor-Assuan 6½ Stunden 18,70 Mark / Cairo-Luxor 13½ Stunden 43,20 Mark


Über die Zentralauskunftsstelle für Auswanderer in Ber-lin, die im Gebäude der Deutschen Kolonialgesellschaft Am Karlsbad 10 nahe der Potsdamer Straße im Ortsteil Tiergarten gelegen ist, wird 1913 berichtet:

»Über die Wirksamkeit der Zentralauskunftsstelle für Auswanderer herrscht durchweg noch eine falsche Vor-stellung. Man begegnet fast überall der Meinung, die Zentralauskunftsstelle für Auswanderer sei eine Ein-richtung zur Beförderung der Besiedlung der Reichs-kolonien und befasse sich nur so nebenbei auch mit anderen Auswanderungsgebieten. Diese Meinung ist grundfalsch; die Zentralauskunftsstelle für Auswande-rer gibt nicht nur Auskunft über die Ansiedlungsmög-lichkeiten in sämtlichen Ländern und Staaten außerhalb der deutschen Reichsgrenzen, sondern sie ist auch in der Lage, genauen Aufschluß über die Aussichten der einzelnen Berufe wie Kaufleute, Handwerker, Landwirte usw., im überseeischen Auslande zu erteilen.«

Darüber hinaus ist der Rat der Zentralauskunftsstelle kostenlos und kann mündlich oder schriftlich erteilt werden. Zu etwa 80 % sind die Anfragen schriftlich.  

Für das Vierteljahr vom 1. Juli bis 30. September 1912 gibt es 6679 Anfragen bei der Zentralauskunftsstelle. Bei den außerdeutschen Auswanderungsgebieten steht Brasili-en an der Spitze mit 1120 Anfragen. An zweiter Stelle steht Argentinien mit 719 Anfragen. Die dritte Stelle be-legt Kanada mit 414 Anfragen, dann folgen die USA mit 409 Anfragen.

3007 Anfragen beziehen sich auf die deutschen Kolo-nien. Davon auf Südwestafrika 1010, auf Ostafrika 580, Kamerun 128, Togo 52, auf die deutschen Kolonien in Afrika im allgemeinen 193, Kiautschou 84, Samoa 70, Deutsch Neuguinea 42, die Karolinen, Palau und die Marianen 14. aus den Zahlen ist zu ersehen, daß von den Kolonien Südwestafrika die größte Anziehung für Aus-wanderer hat und Ostafrika an zweiter Stelle steht.


Ein Artikel im Jahreskalender 1914 der Gartenlaube heißt Der neue deutsche Edelstein und beginnt mit dem Text:

»Deutsch-Südwestafrika, unsere sooft mit unrecht ge-schmähte Kolonie, der wir schon recht erhebliche Dia-mantfunde verdanken, hat der Welt einen neuen Edel-stein geschenkt, den „Heliodor“…«

Diese Edelsteinart wird 1910 zufällig in Südwest gefun-den und man läßt den Stein in Deutschland schleifen. Er stellt sich als ein »klarer, hellblauer Aquamarin von prächtigem Glanz« heraus.

»Daraufhin belegte die Deutsche Kolonialgesellschaft die Felder um Rössing«. Rössing liegt an der Bahnlinie Swakopmund-Windhuk.

Als besondere Varietät des neuentdeckten Edelsteins gilt die goldgelbe Farbvariante, von der sich aber nur ganz vereinzelt »Nester« im Abbaugebiet finden. »Bisher sind nur ganz geringe Mengen dieses neuen Edelsteins gefunden worden und nach Deutschland gelangt.«

Für den Kaiser und die Kaiserin werden ein paar Stücke des »bisher unbekannten Edelsteins« in Schmuckstücke verwandelt wie ein »Heliodorkreuz« für die Kaiserin. »Die das Kreuz schmückenden Brillanten stammen ebenfalls aus Deutsch-Südwestafrika.«

Weiter steht im Jahreskalender der Gartenlaube zu le-sen: »Es wird hoffentlich nicht lange dauern, bis weitere Heliodore gefunden sind und in den Handel kommen, um schnell die Herzen unserer Damen zu erobern, die diesen im wahrsten Sinn des Wortes deutschen Edel-stein gern tragen werden. Einstweilen erglänzen die schönsten Steine im Kreuz der Kaiserin, und selbst Brillanten können ihren Glanz nicht überstrahlen. Wann es möglich sein wird, diesen deutschen Edelstein der Damenwelt zur Verfügung zu stellen, muß die Zukunft lehren.«


Die Berliner Zeitung meldet am 8. Oktober 1914:

»Noch im letzten Monat hat die afrikanische Abteilung des Berliner Museums für Völkerkunde als Geschenk von der Logone-Pama-Grenzexpedition, Hauptmann Bartsch, Hauptmann Tiller, Oberleutnant Ebert, Dr. Houy, eine sehr schöne Sammlung von etwa 400 Nummern aus Ostkamerun erhalten. Sie stammen hauptsächlich von den Lakka, Talli und Bara. Ober-leutnant Naumann schenkte einige Ethnographika aus demselben Gebiet.«

Die Logone-Pama-Grenzexpedition fand vom Januar bis zum August 1913 statt als Teil der Expeditionen zur Grenzfestlegung zwischen Neukamerun und Franzö-sisch Äquatorialafrika.

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Wirtschaft und Verkehr

Für die Verbindung mit Afrika, Ostasien und Australien und den Kolonien gibt es Verträge zwischen dem Reich und deutschen Reedereien, wobei das Reich Subven-tionen für die Aufrechterhaltung von regelmäßigen Verbindungen mit Post und Passagieren zahlt und die Reedereien nur in Deutschland gebaute Schiffe für die Reichspostdampferlinien benutzen dürfen.  

Im Jahre 1900 läuft der 1890 von der Reichsregierung mit der Deutschen Ost-Afrika Linie (DOAL) abgeschlos-sene Subventionsvertrag aus. Der Vertrag besagte, daß die Reederei Ostafrika, und natürlich auch die Kolonie Deutsch Ostafrika, mit Deutschland verband und das Reich dafür Zuschüsse gewährte. Der Subventionsver-trag erfährt nun eine Umgestaltung. Der Reichsregie-rung liegt daran, den von der Reederei freiwillig ein-geführten vierzehntäglichen Dienst auch vertraglich verbindlich zu machen. Darüber hinaus will die Regie-rung garantiert haben, daß die Linie in jeder Hinsicht den Schiffen der ausländischen Konkurrenzlinien in Bezug auf Größe, Geschwindigkeit und Ausstattung ebenbürtig ist. Eine Umstellung auf modernste Schiffe ist der Reederei aber ohne Erhöhung der Subvention nicht möglich. Dafür wird die Subventionssumme er-höht und die Laufzeit des Vertrages von zehn auf fünf-zehn Jahre verlängert. Im Juli 1900 wird der neue Ver-trag abgeschlossen.

Auch die Linienführung wird geändert. Die neue Haupt-linie hat nun zweiwöchentlich Rundfahrten um Afrika auszuführen, abwechselnd in westlicher und östlicher Richtung. Zusätzlich wird eine Zwischenlinie eingerich-tet. Auf dieser Zwischenlinie fahren Schiffe alle vier Wochen von Hamburg über Neapel durch den Suez-kanal bis Beira in Mosambik und zurück. Dabei ist die Hauptlinie insbesondere auf den Passagierverkehr aus-gerichtet, während die Zwischenlinie den Frachtverkehr bevorzugt.

Ein weiterer Vertragspunkt bestimmt die Größe der Schiffe. Neu in Dienst zu stellende Schiffe sollen nicht mehr 2200 Bruttoregistertonnen (BRT), sondern 5000 BRT groß sein und auf der Hauptlinie müssen sie 12 kn laufen, auf der Beira-Linie 10 kn.

Da laut Vertrag der Reederei auf der Rund-um-Afrika-Fahrt auch der Transport von Soldaten zu den Schutz-gebieten obliegt, haben einige Schiffe nicht nur die I., II. und III. Passagierklasse, sondern können in einem Zwischendeck Schlafsäle einrichten.

Zu den Neubauten für die Afrikafahrt gehört auch die Feldmarschall, ein 6100 BRT-Schiff, das im Juni 1903 in Dienst geht und für das Fahrgebiet besonders ausgelegt ist:

»Um den an der Küste Afrikas reisenden Passagieren die Strapazen der Reise bei dem heißen Klima nach Mög-lichkeit zu erleichtern, sind neben allem anderen Kom-fort, der zur Behaglichkeit dienen kann, die Wände des Damen- und Speisesalons, das Rauchzimmer sowie der Vorplätze und Treppenaufgänge mit Marmor bekleidet, dessen verschiedene Farben und Arten geschickt ange-ordnet sind und dadurch der Einrichtung eine eigenar-tige und vornehme Dekoration geben. Man wählte Mar-mor, weil seine Eigenschaft als schlechter Wärmeleiter die von ihm eingeschlossenen Räume angenehm kühl erhält. Das Schiff findet auch Dank seiner eleganten Ausstattung und seiner guten Eigenschaften als See-schiff stets den ungeteilten Beifall aller Passagiere.«

Für die DOAL, ebenso wie für den Norddeutschen Lloyd, spielt der Passagierverkehr eine bedeutende Rolle und so legen beide Reedereien besonders großen Wert auf die Ausstattung ihrer Schiffe. Unter ihren Passagieren finden sich prominente Gäste wie der ehemalige Präsi-dent der USA, Theodore Roosevelt, und Mitglieder des englischen Königshauses. Auch Kreuzfahrten werden nun betrieben, wobei das Mittelmeer ein beliebtes Reiseziel ist.


Auch für den Ostasien- und Australienverkehr werden seit Mitte der 1890er Jahre die Passagier- und Fracht-schiffe der Barbarossa-Klasse gebaut. Bis 1902 werden insgesamt elf Schiffe der Klasse von den Werften Blohm & Voss in Hamburg, Vulcan in Stettin und Schichau in Danzig hergestellt. Diese sehr großen Schiffe sind aber für die Tropenfahrt nicht gut geeignet und haben wegen ihre Größe von über 10.000 BRT weitere Probleme auf der Route nach Osten wie ein zu großer Anteil der Fracht und dem dafür notwendigen Anlaufen vieler Häfen, welches wiederum die Passagiere, und den Passagier-verkehr überhaupt, stört und um den Zeitverlust durch die Frachtübernahme und Aufnahme wieder auszuglei-chen zu einem hohen Fahrtempo zwingt, was zu über-mäßig hohem Kohleverbrauch führt. So beginnt man den Frachtverkehr und den Passagier- und Postverkehr zu trennen und spezielle Frachter und Passagierdampfer einzusetzen. Die Schiffe der Barbarossa-Klasse sind hauptsächlich im Nordamerikadienst im Einsatz, wer-den aber bei Bedarf auch weiterhin im Ostasien- und Australiendienst verwendet.

Als wesentlich bessere Lösung für den Fernverkehr für Fracht und Passagiere nach dem Osten werden vom Norddeutschen Lloyd zwischen 1902 und 1908 die elf Schiffe der Feldherren-Klasse bestellt, die mit 8000 bis 9000 BRT und Tropenausstattung bedeutend besser für den Reichspostdampferdienst nach Ostasien und Aus-tralien geeignet sind.

1903 schreibt der in Schanghai erscheinende Ostasia-tische Lloyd über das erste Schiff der Feldherren-Klasse, die Zieten: »Was gleich beim Betreten des Schiffes auffällt, und zwar in sehr vorteilhafter Weise, ist das ungemein breite Promenadendeck; wir haben noch keinen Postdampfer gesehen, der in dieser Beziehung im Verhältnis so freigiebig ausgestattet ist, wie eben die Zieten. Für die Reise durch die Tropen, die die Schiffe auf der Fahrt nach Ostasien zu machen haben, liegt darin ein ganz außerordentlicher Vorzug. – Bemerkens-wert scheinen uns die unteren, sehr großen Kabinen der zweiten Klasse für je vier Passagiere, die auf anderen Schiffen kaum ihresgleichen finden dürften. Die Kabi-nen der ersten Klasse sind nicht groß, aber höchst be-quem und mit allen modernen Einrichtungen versehen. Recht angenehm findet man das Fehlen der sonst viel-fach auf modernen Dampfern üblichen, in aufdring-lichem Gold gehaltenen Dekorationen, die wohl mehr dem amerikanischen Geschmack entsprechen als dem deutschen. Wir ziehen die gediegenen Einrichtungen der Zieten mit ihren ruhigen Tönen entschieden vor. Alles in allem dürften die neuen Reichspostdampfer, deren sehr ruhiger Gang allgemein gerühmt wird, sich auf der ostasiatischen Linie ausgezeichnet bewähren.«

Das Frachtaufkommen auf den beiden Reichspost-dampferlinien nach Ostasien und Australien steigt langsam aber beständig an. Für das Jahr 1903 werden folgende Werte angegeben:

»Der Gesamtverkehr der beiden Linien – Aus- und Heimreise zusammengenommen – belief sich auf 313.804 Tonnen im Werte von 345.109.000 Mark gegen 311.558 Tonnen im Werte von 331.450.000 Mark im Jahre 1902… Danach zeigt die durch die Reichspostdampfer vermittelte Aus- und Einfuhr im Jahre 1903 gegen das Vorjahr eine Zunahme um zusammen 2246 Tonnen und 13.659.000 Mark.«

Die in Bremen erscheinenden Lloyd-Nachrichten vom März 1905 berichten weiter:

»Die hauptsächlichsten Frachtgegenstände bildeten auf der Ausreise Zeugwaren aller Art, Drogen, Chemikalien und Farben, Verzehrungsgegenstände (besonders Wein, Bier, kondensierte Milch, Zucker, Früchte aller Art, But-ter, Margarine, Fette, Spirituosen), Eisen- und Stahl-waren, Metalle und Metallwaren, Maschinen aller Art, Kleidung und Hutwaren, Garne aller Art, Posamenten und Stickereien, Musikinstrumente, Wolle (einschl. Kammzug), Papier und Papierwaren, Strumpfwaren und Trikotagen, Instrumente und Apparate, Glaswaren, Le-der und Lederwaren, Zigarren und Zigaretten, Eisen und Stahl; auf der Heimreise: Seide aller Art (einschl. Kokons), Wolle (einschl. Wollabfälle), Häute, Felle und Pelzwerk, Verzehrungsgegenstände (namentlich Tee, Kaffee, Gewürze), Tabak, Zinn, Drogen, Chemikalien und Farben, Kupfer, Blei (einschl. Silberblei), Kopra, Strohgeflechte und Matten, Zeugwaren, Erze aller Art, Kuriositäten, Talg und Wachs, Bettfedern, Sesamsaat, Borsten, Baumwolle (einschl. Abfälle), Korallen.«     

In den ersten Monaten des Jahres 1904 zieht sich die HAPAG aus dem Reichspostdampferverkehr nach Ost-asien zurück und überläßt dem Norddeutschen Lloyd den Dienst. Zwischen den beiden Reedereien wird allerdings vereinbart, daß die HAPAG im Rahmen ihres Frachtdienstes nach Ostasien bis zu 40 Passagiere auf ihren Schiffen mitnehmen darf.



Die Reichspostdampferlinien zu den deutschen Kolo-nien werden von deutschen Reedereien betrieben, die für den regelmäßigen Postverkehr staatlicherseits subventioniert werden. Natürlich profitiert auch der Handel zwischen Deutschland und den Kolonien im allgemeinen durch den gesicherten Verkehr und die festgesetzten Fahrzeiten dieser Dampfer. Diese Frachter haben zugleich auch auf dem Oberdeck einen Aufbau als Passagierschiff, um sowohl Fracht als auch Fahrgäste in die Kolonien und zurück zu befördern. Dazu sind die Reedereien mit dem staatlichen Vertrag verpflichtet, nur auf deutschen Werften gebaute Schiffe für diesen Liniendienst einzusetzen, was wiederum den deutschen Schiffbauern zugute kommt. Durch den erfolgreichen Bau dieser Dampfer fallen den deutschen Werften auch in größerem Umfang freie Aufträge für den Bau von Schiffen zu.

Die Erfahrungen im Betrieb der Reichspostdampfer werden in die Planung neuer Schiffe eingebracht. Der Reichspostdampferdienst führt zur Entwicklung des Tropenschiffs und des Postdampfers, der seiner Größe entsprechend für die Personen- und Frachtbeförderung geeignet ist und zu diesem Zweck völlig voneinander getrennte Einrichtungen besitzt.

Über den Reichspostdampfer Bülow, ein Schiff der Feldherren-Klasse, das Ende September 1906 auf seine erste Fahrt nach Ostasien geht, heißt es: »In besonders umfangreicher Weise hat die Elektrizität wiederum Verwendung gefunden, und zwar außer zum Betriebe von etwa 750 Glühlampen noch ferner zum Betriebe von Flügelrad-Ventilatoren, der Zigarrenanzünder, Brenn-scherenwärmer, der Tellerwasch-, Messerputz- und Knetmaschine, der Werkzeugmaschinen in der Maschinenwerkstatt usw. Den Strom erzeugen zwei direkt gekuppelte Dampfdynamos von je 70 Kilowatt Leistung.«


Die Lloyd-Nachrichten, die firmeneigene Zeitung des Norddeutschen Lloyd, berichtet im Juli 1901 über die geplante Schnellzugverbindung Hamburg-Genua, wel-che auch die Kolonien schneller mit der Heimat ver-binden soll: »Über die neue Luxus-Schnellzugverbin-dung Hamburg-Bremen-Genua, welche die Internatio-nale Schlafwagengesellschaft nach den Vorschlägen des Dr. Wiegand vom Norddeutschen Lloyd plant, wurden nähere Einzelheiten bekannt. Die neue Linie wird unter dem Namen ›Lloyd-Express‹ ein überaus wichtiges Verbindungsglied in dem internationalen Eisenbahn- und Schiffsverkehr bilden. – Die in Aussicht genom-mene dreimal wöchentliche Verbindung wird in unmit-telbaren Anschluß an die in Bremen und Hamburg eintreffenden und von dort abgehenden großen trans-atlantischen Schnell- und Passagierdampfer des Nord-deutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika-Linie erfolgen und wiederum in Genua einen Anschluß an die Schnell- und Reichspostdampfer der beiden Gesell-schaften bieten… – Der Zug wird nur 1. Klasse führen und mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet sein, wie sie die modernen Luxuszüge, welche in Europa und in den Vereinigten Staaten zur Zeit verkehren, enthalten.«

Die Eröffnung der Schnellzuglinie erfolgt allerdings erst im Oktober 1908.


Alle von deutschen Kriegsschiffen in den Kolonien gemachten Vermessungen werden mit allen sonstigen Angaben für die Navigation, wie Pegelbeobachtungen zur Bestimmung der Fluthöhe, der magnetischen Meß-weisung, der astronomisch bestimmten geographischen Lage des Vermessungspunktes und dergleichen vom Reichsmarineamt in Berlin einer genauesten Prüfung unterzogen – denn Fehler auf einer Seekarte können schlimme Folgen haben – , bevor die Karte im karto-graphischen Institut gestochen wird. Ist alles für in Ordnung befunden, bekommt die neue Seekarte den amtlichen Stempel des Reichsmarineamtes und damit ihre Gültigkeit.

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Kolonialschulen und Kolonialinstitute

Es herrscht in den Kolonien ein großer Mangel an weißen Frauen, da fast nur Männer als Siedler, Händler, Beamte, Missionare, Soldaten in die Kolonien gehen. Da Frauen auch keinerlei Ausbildung für ein Leben in den Überseegebieten haben entstehen ein paar Kolonial-schulen für Frauen im Reich.

1908 wird innerhalb der 1898 gegründeten »Deutschen Kolonialschule für Landwirtschaft, Handel und Ge-werbe« in Witzenhausen in Nordhessen eine Kolonial-frauenschule gegründet. Die Schule wird 1911 wieder geschlossen aber dafür wird auch 1911 in Weilbach in Südhessen eine »Kolonialfrauenschule« der vorhande-nen Schule des »Reifensteiner Vereins für Wirtschaft-liche Frauenschulen auf dem Land« angegliedert, in die nur »Töchter aus gebildeten deutschen Familien« aufgenommen werden. Der Ausbildungsplan umfaßt in einem eineinhalbjährigen Unterricht die Fächer: Ein-fache Küche, Backen von Schwarz/Weißbrot und Ku-chen, Zerlegen, Verwerten, Aufbewahren von Fleisch, Pökeln, Räuchern, Wurst-bereitung, Konservieren von Gemüse und Obst in Gläsern und Büchsen auf verschie-dene Art, Obstweinbereitung, Waschen und Plätten, Reinigen der Zimmer, Küche und Gerätschaften, Lam-penputzen, Metallputzen, Ausbessern von Wäsche und Kleidern, Weißnähen, Schneidern, allerlei in den Haus-haltungen der Kolonien notwendige Handfertigkeiten wie kleinere Reparaturen, Löten, Anstreichen, Polstern, Lederarbeiten, Pflege von Hühnerhof, Gemüse- und Obstgärten, Bienenzucht, Milchverarbeitung, Viehhal-tung und sonstige landwirtschaftliche Arbeiten, Grund-züge der praktischen Buchführung, Kolonialgeographie und Kolonialgeschichte, koloniale Lektüre, Wirtschafts-lehre, Kranken-, Wochenbett-, Säuglings- und Kinder-pflege sowie Arzneikunde. 

Zu den Reifensteiner Schulen gehört auch die Lehrfarm Brakwater bei Windhuk in Deutsch Südwestafrika. Deren Besitzerin, Helene von Falkenhausen, hatte be-reits 1908/09 die Kolonialfrauenschule der Deutschen Kolonialschule in Witzenhausen geleitet. Frau von Falkenhausen hatte auch von 1894 bis 1904 in Südwestafrika gelebt, aber als ihr Mann gleich zu Beginn des Aufstandes der Herero im Januar 1904 ermordet wird ist sie nach Deutschland zurückgegangen. 1909 geht sie wieder nach Südwest, pachtet die Farm Brakwater und führt sie als Lehrfarm für Frauen aus Deutschland.

Eine weitere Kolonialschule für Frauen ist die »Kolonial-Haushaltungsschule« zu Carthaus bei Trier, die von den Franziskanerinnen von Nonnenwerth geleitet wird.