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Vorbereitung 1904-1905

Am 28. November 1905 hält Kaiser Wilhelm II zur Eröf-fnung des Reichstages eine Rede vor den Abgeordneten in der er unter anderen sagt: „Die Entwicklung unserer Schutzgebiete hat durch den Aufstand in Südwestafrika und neuerdings durch die ostafrikanischen Unruhen eine schwere Beeinträchtigung erfahren; harte Opfer an Blut und Geld sind dem Vaterland auferlegt worden. Ich weiß Mich eins mit dem deutschen Volke in dem war-men Danke und der stolzen Anerkennung für die Offi-ziere und Mannschaften, die auf Meinen Ruf hinaus-gegangen sind und mit heldenhafter Tapferkeit unseren Besitzstand bis zum Tode verteidigt haben. Die großen Opfer sind nicht umsonst gemacht worden. Die letzten Meldungen über die Unterwerfung der Witboi [in Süd-westafrika] berechtigen uns zu der Hoffnung auf die baldige Wiederherstellung von Friede und Ordnung in dem schwer geprüften Schutzgebiete. Es gilt nun, den aufs neue erkämpften Boden fruchtbringend zu berei-ten. Die militärische Sicherung wie die wirtschaftliche Erschließung unserer Schutzgebiete hängt ab von dem Baue leistungsfähiger Verkehrswege, worüber Ihnen Vorlagen zugehen werden. In dem Entwurfe zum Reichs-haushalt ist die Verwandlung der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes in ein Reichskolonialamt vorgese-hen, in dessen Rahmen die Arbeitslast der Kolonial-verwaltung leichter zu bewältigen sein wird. Vorbereitet wird die Vereinfachung der Vorschriften über das Etats- und Rechnungswesen der Schutzgebiete, welche die Grundlage für eine koloniale Selbstverwaltung bilden soll.“

Kaiser Wilhelms Rede war natürlich von Fachleuten ausgearbeitet und geschrieben, was heißt, daß die Reichsregierung schon länger die Pläne für eine neue Kolonialpolitik vorbereitet hat und sie nun an die Öffentlichkeit bringt, mit dem Ziel sie vom Etat- und Gesetz-beschließenden Reichstag annehmen zu lassen.


Hatte man sich in der deutschen Öffentlichkeit lange nicht mehr mit den Kolonien beschäftigt, so bricht mit dem Jahr 1904 eine neue Ära in diesem Bereich der Po-litik und Wirtschaft an. Die Aufstände in Südwestafrika 1904 und 1905 in Ostafrika und die Kolonialskandale 1905/6 führen gar zu Regierungskrisen und schließlich zur Neuwahl des Reichstages. Durch die Aufstände in den Schutzgebieten wird ein Überdenken der Kolonial-politik ausgelöst, das zu einer umfassenden Wirt-schaftspolitik für das Kolonialreich führt. Bisher herrschte eine konzeptionslose und auch durch Korrup-tion geprägte Haltung im Auswärtigen Amt, das für die Kolonien zuständig, ist und in den Schutzgebieten ist es mehr Glückssache ob kompetente Leute führen oder für ihren Posten ungeeignete Figuren auf den Amtsses-seln sitzen.

Von privatwirtschaftlicher Seite ist bereits ein Ansatz für eine sinnvolle Entwicklung der Kolonien mit dem Kolonialwirtschaftlichen Komitee geschaffen. In dem hier leicht gekürzten Beitrag aus Meyers Großem Konversations-Lexikon von 1905 steht über das Kolo-nialwirtschaftliche Komitee zu lesen:

Kolonialwirtschaftliches Komitee, Vereinigung von etwa 200 Handelskammern, industriellen Körperschaf-ten, wissenschaftlichen Instituten, Missionen, Arbeiter-vereinen, Einzelmitgliedern und kolonialen Sachver-ständigen, mit dem Zweck: durch wirtschaftliche Unter-nehmungen zur Nutzbarmachung unsrer Kolonien und überseeischen Interessengebiete für die heimische Volkswirtschaft zu wirken. Seine Tätigkeit erstreckt sich auf: Schaffung von national wichtigen Rohstoffen und Produkten; Förderung des Absatzes deutscher Indus-trieerzeugnisse; Vorarbeiten für deutsche Siedelung; Vorarbeiten für öffentliche Transportmittel. Zur Ergän-zung seiner Unternehmungen betreibt das Komitee: wissenschaftlich-wirtschaftliche Erkundung in fremd-ländischen, kulturell vorgeschrittenen Kolonien; wis-senschaftliche und fabrikatorische Untersuchungen von Rohstoffen und Produkten; Beschaffung und Verteilung von Saatgut und Pflänzlingen; pflanzenpathologische Untersuchungen an Ort und Stelle in den Kolonien; Gewährung von kolonialen Stipendien und die Heraus-gabe von Veröffentlichungen: »Der Tropenpflanzer«, mit wissenschaftlichen und praktischen Beiheften (9. Jahr-gang 1905); »Die Expeditionen des Kolonialwirtschaft-lichen Komitees«; »Das Kolonial-Handelsadreßbuch« (9. Jahrgang 1905). Von den bisher in den afrikanischen und Südseekolonien erzielten Erfolgen des 1896 begründe-ten Komitees seien genannt: die Einführung und Aus-breitung der Baumwollvolkskultur; die Einführung der Kautschuk-Plantagenkultur und die Entdeckung der wildwachsenden Guttaperchapflanze Palaquium supfi-anum in Neuguinea; die Einführung neuer Kulturen und Spielarten von Nahrungs- und Genußmitteln und deren maschinelle Erntebereitung; die Feststellung von Nutzholzbeständen und Gerbstoff liefernden Pflanzen; die Einführung einer maschinellen und dadurch erhöh-ten Ölausbeute der Ölfrüchte; die Schaffung von öffent-lichen und privaten Brunnen für Tränkzwecke und Fest-stellung von Projekten für Stauanlagen und Dammbau-ten in Deutsch-Südwestafrika; die Konstruktion und Herstellung tropenlandwirtschaftlicher Maschinen und Transportmittel in Deutschland; die Ausführung der technischen und wirtschaftlichen Trassierung der Togo-Innenlandbahn und der wirtschaftlichen Trassierung einer ostafrikanischen Südbahn.


Auch der seit 1900 als Chef der Kolonialabteilung amtierende Oscar Stübel beginnt mit ersten Reform-ansätzen. So setzen auf finanztechnischer Seite sowohl von den deutschen Banken als auch vom Auswärtigen Amt Maßnahmen für eine Regelung des Finanzwesens im Kolonialreich ein. Am 14. Oktober 1904 erfolgt in Berlin die Gründung der Deutsch-Westafrikanischen Bank durch ein Konsortium unter der Leitung der Dresdner Bank und der Deutsch-Westafrikanischen Handelsgesellschaft, um in Togo und Kamerun den Geldverkehr zu erleichtern. Noch 1904 werden in Lome und Duala Zweigstellen der Deutsch-Westafrikanischen Bank eröffnet.

1905 kommt die Regelung des Geldwesens in den Kolo-nien zum Abschluß. Karl Helfferich, dem Fachmann für Währungsfragen in der Kolonialabteilung, war diese Arbeit vom Auswärtigen Amt übertragen worden. Die Währung in den afrikanischen Kolonien Togo, Kame-run und Südwest wird die Reichswährung, also die Mark, aber in Ostafrika galt die indische Rupienwäh-rung, die sich als unstabil erwiesen hat und unter Kurs-verlust leidet.

Da Ostafrika seit langem mit Indien wirtschaftlich ver-bunden ist hat sich auch die Rupie als Währung in Ostafrika durchgesetzt. So wird die Rupie in Deutsch Ostafrika beibehalten, um Handelsstörungen durch ver-schiedene Währungen im Wirtschaftsgebiet Indien-Ostafrika zu vermeiden. Helfferich löst aber das ostafri-kanische Geldwesen vom indischen Münzsystem und gliedert es an die deutsche Goldwährung an unter Bei-behaltung der Rupie als Geldeinheit. Diese erhält einen festen Umrechnungskurs zur Mark im Verhältnis von 1⅓ Mark zu 1 Rupie. Die Aufgabe der Kursregulierung wird der neugegründeten Deutsch-Ostafrikanischen Bank übertragen, die ihren Hauptsitz in Berlin und Zweig-niederlassungen in Ostafrika hat.

Mit der Verordnung vom 1. Februar 1905 des Reichs-kanzlers über das Münzwesen und Geldwesen in den Schutzgebieten beginnen die neuen Regelungen in Kraft zu treten.


Ein sehr wichtiger Faktor für die Kolonialpolitik ist der Reichstag, da der Reichstag sowohl die Aufsicht über die Ereignisse in den Schutzgebieten und ihrer Verwaltung in Deutschland führen kann, als auch die Gelder für die Kolonien bewilligt. Die Regierung muß dem Parlament auf Anfrage Rede und Antwort stehen, was über die Zustände in den Schutzgebieten häufig genug Anlaß zu erregten Auseinandersetzungen zwischen Reichstag und Regierung gibt, in denen der Reichskanzler, sein Staatssekretär des Auswärtigen oder der Kolonialdi-rektor des Auswärtigen Amtes Rechenschaft über die Kolonialpolitik abzulegen haben. So ist eine gute Kon-trolle Führung der Kolonien der Führung gegeben, aber auf der anderen Seite steht die Ablehnung des Reichs-tags für die Bewilligung von Geldern für den Aufbau der Schutzgebiete wie etwa der kostspielige Bau von Eisen-bahnen. Diese Sparsamkeit behindert viele Jahre die Entwicklung der Kolonien. Was ein Schutz der Steuer-zahler durch die Abgeordneten vor Geldverschwen-dung scheint ist aber durch das Unverständnis der Abgeordneten für die Notwendigkeit der wirtschaft-lichen Erschließung der Kolonien zum Nutzen der deutschen und kolonialen Bevölkerung ein schweres Hemmnis für die Entwicklung der Kolonien. Erst langsam ändert sich die Einstellung des Reichstages in dieser Frage und er fängt an in größerem Umfang Gelder für den Infrastrukturaufbau in den deutschen Kolonien zu bewilligen.