Die Anfänge des deutschen Kolonialreiches reichen bis in die 1830er Jahre zurück als deutsche Kaufleute begin-nen Handel mit Westafrika zu treiben. In den 1840er Jahren beginnt auch der deutsche Handel mit Ostafrika. Ab den 1850er Jahren beginnen im Pazifik der Handel und die Plantagenwirtschaft von deutschen Firmen im großen Stile. Aus einigen der Faktoreien an den afri-kanischen Küsten und den Handelsplätzen und Planta-gen im Pazifik werden schließlich ab Ende der 1870er Jahre deutsche Kolonien.
In den 1840er Jahren beginnt in Deutschland auch die Kolonialbewegung, die von privaten und wirtschaftli-chen Interessenten ins Leben gerufen wird. Die Frank-furter Nationalversammlung des Jahres 1848 hat bereits die Frage der Erwerbung kolonialen Besitzes in den Kreis ihrer Erörterungen gezogen und in dem von ihr ausgearbeiteten Verfassungsentwurf berücksichtigt. Die Reichsverfassung vom 28. März 1849 erlaubt auch die Nahme von Kolonien. Paragraph 102 der Reichsverfas-sung: »Ein Reichstagsbeschluß ist in folgenden Fällen erforderlich: … 7) Wenn deutsche Landestheile abge-treten oder wenn nichtdeutsche Gebiete dem Reiche einverleibt oder auf andere Weise mit demselben ver-bunden werden sollen.«
Ende der 1850er Jahre werden dann von deutschen Staa-ten ernsthafte Bemühungen eingeleitet für den Erwerb von Kolonien. Zuerst 1857 von Österreich mit der Ent-sendung der Fregatte Novara zu einer Expedition, die auch den Erwerb der Nikobaren im Indischen Ozean vorsieht, der dann aber doch nicht erfolgt, und 1859 von Preußen mit der Ausfahrt eines Geschwaders nach Ost-asien, welches auch den Auftrag hat die große chinesi-sche Insel Formosa als Kolonie zu nehmen. Aber aus Mangel an militärischen Kräften und politischer Rück-sichtnahme auf China, für das Abschließen von Wirt-schaftsverträgen zwischen dem Reich der Mitte und den im Deutschen Zollverein zusammengeschlossenen deutschen Staaten, wird Formosa nicht als preußisch-deutsche Kolonie genommen.
Die entscheidende Gestalt für die deutsche Kolonialpo-litik betritt 1862 die Bühne. Otto von Bismarck über-nimmt im selbigen Jahr das Amt des Ministerpräsi-denten von Preußen, dazu wird er 1867 Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes und 1871 Reichskanzler des Deutschen Reiches.
Staatsrechtlich hat der Kanzler die Möglichkeit Kolo-nien zu nehmen. Schon die Bundesreformakte des Deut-schen Bundes vom 10. Juni 1866 erhebt die Kolonialfrage zu einem Gegenstand des deutschen Staatsrechts durch die Bestimmung von Artikel VI, daß »die Kolonisation« der Gesetzgebung und Oberaufsicht der Bundesgewalt unterliegt. Dieser Artikel geht als Artikel IV, 1 in die Verfassung des Norddeutschen Bundes von 1867 über und diese verfassungsrechtliche Bestimmung wird un-verändert in die Verfassung des Deutschen Reichs von 1871 übernommen.
Obwohl in den 1860er Jahren immer wieder Möglich-keiten für die Erwerbung von Stützpunkten und Kolo-nien in Übersee bestehen, lehnt Bismarck alle solche Angebote ab. Und mit guten Gründen. 1868 legt er in einem Brief an den preußischen Kriegs- und Marine-minister Albrecht von Roon seinen Standpunkt dar:
»Einerseits beruhen die Vorteile, welche man sich von Kolonien für den Handel und die Industrie des Mutter-landes verspricht, zum größten Teil auf Illusionen. Denn die Kosten, welche die Gründung, Unterstützung und namentlich die Behauptung der Kolonien veranlaßt, übersteigen sehr oft den Nutzen, den das Mutterland daraus zieht, ganz abgesehen davon, daß es schwer zu rechtfertigen ist, die ganze Nation zum Vorteil einzelner Handels- und Gewerbezweige zu erheblichen Steuer-lasten heranzuziehen. – Andererseits ist unsere Marine noch nicht weit genug entwickelt, um die Aufgabe nach-drücklichen Schutzes in fernen Staaten übernehmen zu können.«
Bismarck ist also nicht grundsätzlich gegen Kolonien eingestellt, schätzt aber, im Gegensatz zu den Kolonial-schwärmern, die Kosten-Nutzen-Rechnung von Koloni-en richtig ein und sieht auch die noch zu geringe Stärke der erst langsam wachsenden deutschen Flotte als Schwachpunkt der militärischen Seite eines Kolonial-unterfangens. Auch aus außenpolitischen Gründen spricht sich Bismarck immer wieder gegen Kolonien aus, um keine Gefährdung seiner Friedenspolitik zum Schutze des neugeschaffenen Reiches zu riskieren.
Doch schon 1867 werden zum Schutz deutscher Wirt-schaftsinteressen in Übersee fünf mit Kriegsschiffen zu besetzende Auslandsstationen eingerichtet. Schon 1848 verlangten im gerade geschaffenen Deutschen Reich von 1848 sowohl die Hamburger Marinekommission in ihrem Bericht als auch Adalbert von Preußen als Leiter der Technischen Marinekommission in seiner Denk-schrift über die Bildung einer deutschen Kriegsflotte nach dem Vorbild der englischen Royal Navy die welt-weite Einrichtung von „Stationen“ der deutschen Flotte zum Schutz des deutschen Handels. Durch das Ende des deutschen Reiches von 1848 schon 1849 konnten keine Auslandsstationen der deutschen Flotte geschaffen wer-den. Adalbert von Preußen wird aber 1867 Oberbefehls-haber der Marine des Norddeutschen Bundes und kann nun durch die Vorgabe des Reichstages die 1848 geplan-ten Marinestationen in Übersee einrichten. Die fünf Sta-tionen sind Ostafrika-Ostindien-Ostasien, die Ostküste Nordamerikas und Westindien, die Westküste Ameri-kas, die Ostküste Südamerikas und das Mittelmeer. Die Entscheidung des Reichstags über die Einführung von Marinestationen in Übersee führt aber auch automa-tisch zur Stützpunktfrage für die im Auslandseinsatz stehenden Kriegsschiffe für ihre Versorgung und für Werftarbeiten und damit ist schon 1867 staatlicherseits, wenn auch ungewollt, ein Keim für den Erwerb von Kolonien gelegt.
So wird auch im Oktober 1867 das »Marine-Postbureau« mit Sitz in Berlin eröffnet, zuständig für den Postaus-tausch zwischen der Heimat und den deutschen Kriegs-schiffen im Ausland. Dieses Marinepostamt arbeitet schließlich auch mit den seit 1886 verkehrenden Reichspostdampfern zusammen, die auch für die Ab-wicklung der Post mit den deutschen Kolonien zu-ständig sind.
Mit dem Eintreffen der Korvette SMS Augusta im März 1868 im Operationsgebiet der Westindischen Station beginnt die deutsche Marine mit der Besetzung der Auslandsstationen. Später werden noch in der Südsee (1875) und vor Westafrika (1884) ständig besetzte Marinestationen eingerichtet. Die Auslandsstationen der Marine bilden gleichzeitig eine militärische Grund-lage für die Nahme und Sicherung von Kolonien.
Den verschiedenen Ideen und auch ernsthafteren Plä-nen für deutsche Kolonien in den 1860 Jahren bis in die 1870er Jahre hinein fehlt im allgemeinen die sachliche Grundlage für eine Verwirklichung. Die einzige tat–sächlich eingetretene deutsche Kolonialgründung zu dieser Zeit ist die der Fidschi-Inseln. Die Fidschis, auch Fidji oder Fiji geschrieben, sind eine Gruppe von etwa 330 Inseln und haben eine Landfläche von gut 18.000 qkm mit um die 120.000 Einwohnern. Sie liegen im feuchtheißen Klima der Tropen gut 3000 Kilometer östlich von Australien und gut 2000 Kilometer nördlich von Neuseeland. Seit 1860 sind Deutsche ansässig auf den Inseln und beherrschen weitgehend den Handel der Fidschi-Inselgruppe wie auch auf den benachbarten Inselgruppen von Samoa und Tonga, wo ebenfalls von den Deutschen Kokosnüsse aufgekauft und dann zer-schnitten und getrocknet als Kopra zur Herstellung von Pflanzenöl exportiert werden.
Auf den Fidschi-Inseln leben auch viele andere Weiße, hauptsächlich Australier, und bauen insbesondere seit dem Ausfall der amerikanischen Baumwolle durch den US-Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 Baumwolle an.
Die Deutschen, vorrangig die Gebrüder Hennings, er-werben auch viel Land auf den Fidschi-Inseln, aber für die Anlegung von Kokosplantagen.
Seit langem gibt es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Gruppen der Fidschianer untereinander und mit den Weißen, die oft mit Alkohol und Waffen als Tauschwaren fragwürdigen Landerwerb tätigen. Der alte Häuptling Cakobau und andere Ein-geborenenhäuptlinge sehen in der Übernahme der Inseln durch Deutschland die beste Möglichkeit den ewigen Kämpfen zwischen allen Parteien ein Ende zu bereiten.
Schon um 1860 kamen Anfragen von kaufmännischer Seite an die Regierung von Preußen für eine koloniale Besitzergreifung der Fidschi- und Tonga-Inseln. Nach einer Anfrage eines deutschen Kaufmanns in Australien im Jahr 1861 zusammen mit 25 weiteren Deutschen in Melbourne um Übernahme der Tonga-Inseln, wohin sie auswandern wollen, ist aus Berlin, das sich ernsthaft mit der Anfrage befaßt, zu vernehmen:
Beide Inseln [sic – Fidschi- und Tonga-Inseln] erschei-nen nämlich wegen ihrer großen Entfernung von Eu-ropa zur Anlegung preußischer Colonien nicht geeignet; auch müßte die Frage, ob Preußen Colonien gründen soll oder nicht, zuvor im Staats-Ministerium beraten und Allerhöchsten Orts entschieden werden. Außerdem besitzt Preußen noch nicht genug Schiffe, um eine derselben fortwährend stationiren zu können.
Im Juli 1871 berichtet J.C. Heußler, Vertreter der Ham-burger Firma Godeffroy und holländische Konsul in Brisbane, gleichzeitig Mitglied des queensländischen Parlaments in der englischen Kolonie Queensland auf dem australischen Kontinent in einer Denkschrift an die deutsche Regierung, daß England 1870 die Bitte der Fidschi-Regierung um Annexion ihres Landes abgewie-sen habe, daß aber jedermann in der Südsee damit rechne, daß irgendeine Macht die Inseln in absehbarer Zeit besetzen werde. In einer Denkschrift vom August 1871 empfiehlt Heußler die Annexion der Fidschis durch Deutschland, das jetzt noch in ein politisches Vakuum stoßen und sich von hier aus ganz Polynesien er-schließen könne. Heußler schreibt auch, der englische Kolonial-Unterstaatssekretär R.G.W. Herbert habe ihm persönlich im Frühjahr 1870 eröffnet, England werde die Besetzung der Inselgruppe durch eine Macht wie Preu-ßen lieber sehen, als daß es sich noch mehr Kolonien auflüde.
Das Bundeskanzleramt, das Auswärtige Amt und das preußische Handelsministerium widmen der Angele-genheit keinerlei Aufmerksamkeit. In der Marine stellt das zuständige Dezernat fest: »Die Anlage von Handels- oder Pflanzungskolonien ist außer aller Frage, zur An-lage eines Marinedepots ist die geographische Lage der Fidschi-Inseln wenig geeignet.« Nur Schleinitz [Korvet-tenkapitän Georg von Schleinitz, zu der Zeit Dezernent und Adjutant im Marineministerium] meint, man habe im Marineministerium doch »stets auf dem Standpunkt gestanden, die Anlagen von Kolonien zu befürworten, wennschon dieselbe nicht Sache der Marine ist«.
Bartholomäus von Werner, der mit dem Kriegsschiff Ariadne 1878/79 auch für koloniale Erwerbungen im Pazifik unterwegs ist: »Da brachte das Jahr 1872 eine große Wandlung. Die allein von deutschen Kaufleuten, in erster Reihe von den Brüdern Hennings, dem Handel erschlossenen Fidji-Inseln hatten lange Zeit unter innern Unruhen so sehr gelitten, daß der König Cakobau des Regierens müde geworden war und, soweit mir bekannt, das Deutsche Reich um die Schutzherrschaft anging…«
Anfang März 1872 führt der Kommandant des Kriegs-schiffes Nymphe im Haupthafen der Fidschi-Gruppe, Levuka auf der kleinen Insel Ovalau, Verhandlungen mit Eingeborenenhäuptlingen und ansässigen Deut-schen, da beide Gruppen die Schutzherrschaft des Reiches wünschen. Mit dem Gesuch um Übernahme der Fidschi-Inseln in die Hoheit des Deutschen Reiches ver-läßt die Nymphe die Inseln wieder. Aus Sicht der Deutschen und der Häuptlinge von Fidschi ist die Inselgruppe nun deutsche Kolonie, dem nur noch der Reichskanzler zustimmen muß, was man als eine For-malität ansehen kann.
Auf dem silbernen Tablett wird Deutschland eine Kolonie geschenkt. Sowohl die Deutschen als auch die Einheimischen auf Fidschi wollen die deutsche Schutz-herrschaft und die deutsche Kriegsmarine als amtlicher Vertreter des Reiches trägt das Ihrige dazu bei. Fidschi kann sich also bereits als deutsche Kolonie ansehen.
Da die Postverbindungen von der Südsee nach Deutsch-land Monate beanspruchen – und die Antwort ebenso wieder Monate unterwegs ist – dauert es auch Monate für eine Antwort aus Berlin für die Übernahme der Fidschi-Inseln. Wie auf Samoa ein deutscher Geschäfts-mann zum Konsul für die Inseln ernannt wurde, kann auch auf Fidschi einer der Hennings-Brüder zum Gouverneur ernannt werden und so ohne Kosten für das Reich die Verwaltung übernehmen.
Bartholomäus von Werner über die weitere Entwick-lung: »daß der König Cakobau … das Deutsche Reich um die Schutzherrschaft anging, welche von diesem aber abgelehnt wurde. Darauf wandte sich Cakobau an die englische Regierung, welche sich nicht lange bitten ließ, die 21.000 qkm [tatsächlich 18.300 qkm] große, reiche Inselgruppe ohne irgendein Entgelt zu übernehmen, nachdem sie erkannt hatte, daß die Pionierarbeit der deutschen Kaufleute es ihr möglich machte, das Land ohne große Kosten zu verwalten, Dies geschah im Jahre 1874.« So geht die erste deutsche Kolonie wieder ver-loren, was Kanzler Otto von Bismarck noch viel Unge-mach bereiten wird.
Als England im Oktober 1874 die Inselgruppe annektiert, wird aller deutscher Besitz zu Gunsten der englischen Kolonialverwaltung enteignet. Daraus entsteht ein zehn-jähriger diplomatischer Streit zwischen den Regierun-gen in London und Berlin. Mit jedem vergehenden Jahr ohne eine Entscheidung in der Sache der enteigneten Deutschen auf Fidschi wird Bismarcks Fehlentschei-dung über die Übernahme der Fidschi-Inseln für ihn unangenehmer. Noch einmal will er eine solche Schmach durch England nicht erdulden müssen und die Erregung der deutschen Öffentlichkeit gegen ihn über eine Kolonialangelegenheit nicht herausfordern. Die diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen der deutschen und englischen Regierung über den ent-eigneten Besitz der Reichsdeutschen auf Fidschi endet erst 1885 mit der mäßigen Abfindung von 10.620 Pfund Sterling durch England.
Auf jeden Fall haben die Ereignisse um die Fidschi-Inseln späterhin Bismarcks Entscheidung für die Nahme von Kolonien beeinflußt.
Noch 1874 lehnt er das Angebot des Sultans von Sansibar ab sein Land unter deutsches Protektorat zu stellen. Im privaten Kreis hat der Reichskanzler aber immer wieder ab der Mitte der 1870er Jahre deutsche Kolonien für möglich gehalten, wenn die Bedingungen dafür gegeben wären.
1875 beginnt eine Ergebnisse zeitigende deutsche Kolonialpolitik, wenn auch zunächst noch gegen einen widerstrebenden Kanzler Bismarck. Das Auswärtige Amt, also das Reichsaußenministerium, und die Marine sind gemeinsam an dieser Politik beteiligt und Bismarck schließt sich ihr schließlich aus wirtschaftspolitischen Gründen an. 1873 teilte Bismarck noch dem britischen Gesandten in Berlin, Lord Russel, mit, daß er weder Kolonien noch Flotten wünsche. Ihm seien schon viele Kolonien angeboten worden, die er aber alle abgelehnt habe. Er wünsche lediglich Kohlenstationen durch Ver-träge mit anderen Mächten zu erwerben.
1873 wird der Flottenerweiterungsplan der Marine von 1866 einer Revision unterzogen unter Betonung der hochwichtigen Aufgabe der »Kreuzerschiffe auf den überseeischen Stationen … 18 Kanonenboote und 20 Korvetten« wird dieser neue Flottenplan 1874 vom Reichstag verabschiedet.
Entscheidend in der Kolonialfrage ist der Eintritt des Bismarck-Vertrauten und Kolonialbefürworters Hein-rich von Kusserow 1874 in das Auswärtige Amt und die Hinwendung zum Kolonialerwerb von Albrecht von Stosch, der seit 1872 Chef der Kaiserlichen Admiralität ist. Vorrangig ist die Marine an Stützpunkten – Kohlen-stationen – für ihre dampfbetriebenen Kriegsschiffe in Übersee interessiert und das Auswärtige Amt an Kolo-nien.
1875 wird als sechste Auslandsstation die Südseestation der Kriegsmarine eingerichtet und 1875 beginnen dann auch die greifbaren Maßnahmen für Kolonialerwer-bungen in der Südsee, eben ausgehend vom Auswär-tigen Amt und der Marine. Zunächst lehnen in einer gemeinsamen Protestnote die britische und deutsche Regierung im März 1875 Ansprüche Spaniens auf die Palauinseln und die Karolinen ab. Beide pazifische Inselgruppen werden später deutscher Kolonialbesitz. Im Dezember 1875 besucht die für wissenschaftliche Arbeiten ausgerüstete Korvette SMS Gazelle als erstes deutsches Kriegsschiff Tonga. Im Folgenden finden sich Auszüge aus dem »Reisebericht« der Gazelle. Am 11. Dezember erreicht das Schiff die »Vavu (Vavau-) Gruppe« der Tonga-Inseln, zu denen der Reisebericht vermerkt: »Einige Europäer, darunter Deutsche, hatten zur Zeit der Anwesenheit S. M. S. „Gazelle“ einen beschränkten Handel, hauptsächlich in Kokosöl nach Australien in Gang gebracht…« und über die Tonga-inseln an sich, das »es kaum andere Inseln giebt, auf welchen die Kokospalmen in so großer Menge vor-kommen, wie auf den Tongas…«
Über den »Hafen von Vavu«, der vertraglich am 1. November 1876 der erste deutsche Überseestützpunkt der deutschen Marine wird – und die erste koloniale Erwerbung des Deutschen Reiches überhaupt – schreibt der Reisebericht: »Ein Hauptvorzug der Insel ist der vorzügliche an seiner Westseite gelegene Hafen, wohl der beste im ganzen Archipel; es ist eigentlich ein langer Kanal, der im Norden durch die Küste selbst, im Süden von kleineren Inseln begrenzt wird.
Die „Gazelle“ lief in den selben ein und ankerte vor Neiafu, dem Hauptort der Insel und dem Sitz des [vom Tonga-König Georg eingesetzten] Gouverneurs der Gruppe. Der Ort mit seiner Umgebung gewährte von Bord ein landschaftlich schönes Bild. Das Land erhebt sich vom Strande zu einer sanft ansteigenden, mit Gras bedeckten Anhöhe, oben zu einem Plateau sich aus-dehnend auf welchen zwischen Bäumen die Hütten des Dorfes sich zeigen. Nahe dem Strande standen einige wenige in europäischem Stil aufgeführte Gebäude, die Häuser des Gouverneurs, einiger europäischer Han-delsagenten und das protestantische Missionshaus. Die inmitten der Hütten errichtete hölzerne Kirche ent-sprach der Form nach der ovalen Bauart der Hütten. Die letzteren waren fast sämmtlich mit Einzäunungen um-geben, hinter welchen Schweine Hühner und andere Geflügelarten ihr Wesen trieben. Hinter dem Dorf er-hebt sich ein bewaldeter Höhenzug, der sich nach Süden zu einem höheren Berg erhebt, nach Norden sich ver-tieft und dicht an die Küste tritt.
…
Am Nachmittage des 15. Dezember langte S. M. S. „Gazelle“ vor Tongatabu an und lief in den an der Nordseite der Insel befindlichen Hafen mit der Haupt- und Residenzstadt des Archipels, Nukualofa, ein. … Von den im Hafen angetroffenen 7 Schiffen waren 4 Voll-schiffe und 2 grosse Barken, deutsche. … An dem der Ankunft in Tongatabu folgenden Tage machte der Kommandant S. M. S. „Gazelle“ beim König GEORG seinen Besuch. … Nach Begrüßung und Vorstellung wurde dem Könige die Anrede des Kommandanten verdollmetscht, dass S. M. S. „Gazelle“ auf einer wissen-schaftlichen Reise um die Erde begriffen, von der deut-schen Regierung gleichzeitig Auftrag erhalten hätte, den Tonga-Inseln einen freundschaftlichen Besuch abzustatten und über die hier vorgefundenen Verhält-nisse zu berichten, da die deutsche Regierung wegen des deutschen Handels, welcher hier betrieben werde, und mit Rücksicht auf die vielen auf den Inseln woh-nenden Deutschen an den Inseln und ihrem Wohler-gehen ein besonderes Interesse nähme.«
Die Gazelle fährt von Tonga weiter nach Samoa. Dort hatte der »Eintritt sicherer und geordneterer Verhält-nisse … die Niederlassung einiger Kaufleute zur Folge. Dieselben, der Mehrzahl nach aus Deutschen beste-hend, haben sich hauptsächlich nach dem Erwerb grö-ßeren Grundbesitzes auf die Anlage von Pflanzungen, namentlich der Baumwolle und der Kokospalme, gelegt. Durch sie ist Apia einer der ersten Handelsplätze der Südsee geworden, indem es die Centralstätte für den Verkehr nicht nur des Samoa-Archipels, sondern mit den ganzen umliegenden Inselgruppen bildete. Nament-lich hatte das deutsche Haus GODEFFROY, das bedeu-tendste Handelshaus auf den Samoas, welches den bei Weitem größten Grundbesitz, namentlich im westli-chen Upolu, innehatte, den Hafen von Apia zu einem der Centralpunkte seiner ausgedehnten Handelsoperatio-nen des Stillen Oceans gemacht. … Die Arbeiter für die Pflanzungen wurden fast ausschließlich von anderen Inselgruppen, namentlich den Karolinen-, Marshalls- und Gilbertinseln, durch Engagement gewonnen.
Auf der dem Hause GODEFFROY gehörigen Pflanzung Vailele, welche von den Offizieren der S. M. S. „Gazelle“ besucht wurde, waren ungefähr 550 solcher Arbeiter – und zwar Männer, Frauen und Kinder – beschäftigt.
…
Auf den GODEFFROY’SCHEN Pflanzungen wurde für den Export die Kokospalme, Baumwolle, Kaffee und Mais gebaut, sowie einiges Vieh gehalten.
Zur Reinigung der selbstgebauten und der aufgekauf-ten, sowie der von anderen Inseln hierhergeschafften Baumwolle befanden sich eine Dampfmaschine und Presse bei der Faktorei in Apia.
…
Nach viertägigem Aufenthalt im Hafen von Apia und nachdem während dieser Zeit das Schiff für die bevor-stehende längere Seetour mit den nöthigen Provisionen und Ausrüstungsgegenständen versehen war, verliess S. M. S. „Gazelle“ am 28. Dezember Abends diesen Platz und mit ihm den Inselkomplex der Südsee, um sich, den Stillen Ocean durchquerend und um den Süden Ameri-kas, auf den Heimweg zu begeben.«
Im Frühjahr 1876 vereinbart der deutsche Konsul für Samoa und Tonga, Theodor Weber, der auch der Ver-treter des Hauses Godeffroy in der Südsee ist, Handels- und Stützpunktverträge mit Samoa und Tonga.
Als der Reichskanzler im Juli 1876 in Kissingen in Bay-ern zur Kur weilt bekommt er vom Auswärtigen Amt einen Brief zugestellt, ob Kohlenstationen auf den Pazi-fikinseln Samoa und Tonga von der Marine eingerichtet werden dürfen. Kräfte im Auswärtigen Amt und in der Marine sind seit Jahren auf kolonialen Erwerb aus; der in dieser Frage sehr vorsichtige Bismarck wittert den Hintergrund und schreibt als Randbemerkungen auf den Brief: »Was ist Kohlenstation? – Nur Hafen oder auch Gebäulichkeiten am Ufer – Hafen zu unserer aus-schließlichen Benutzung? – Ich bin nicht ohne Sorge, daß wir durch faktisches Vorgehen der Marine in eine Gründung hineingeraten, die einer kaiserlichen deut-schen Kolonie nicht unähnlich sieht.«
Bismarck läßt aber ein vorsichtiges koloniales Festset-zen der deutschen Marine im Pazifischen Ozean durch Verträge mit dortigen Herrschern zu, in Anbetracht der deutschen Wirtschaftsinteressen im Pazifik, beginnend mit dem Vertrag mit Tonga, der am 1. November 1876 auf Tonga unterzeichnet wird und gleichzeitig in Kraft tritt.
Die politischen Maßnahmen des Deutschen Reiches im Pazifik in den Jahren 1875, 1876 und 1877, die zur Bildung des deutschen Kolonialreiches im Pazifik beitragen, und die Gründe dafür, beschreibt die Leipziger Illustrirte Zeitung in einem Artikel am 2. November 1878:
»Erst die Hertha nahm in den Jahren 1876 bis 1877 auf den Tonga- und den nördlich von ihnen gelegenen Samoainseln einen längeren Aufenthalt, und seit An-fang 1877 ist die Corvette Augusta in der Südsee, mit dem Hafen von Apia auf dem Samoaarchipel als Sta-tionsort, dauernd stationiert, womit einem längst ge-fühltem Bedürfniß abgeholfen wurde. Denn der weit überwiegende Theil des Handels in der Südsee, d. h. auf den kleinen Inselgruppen Polynesiens, Mikronesiens und Melanesiens, ist seit Jahren in den Händen deut-scher Handelshäuser, und kaum wird hier ein wenn auch noch so unbedeutendes Eiland zu finden sein, an dessen Küste nicht Schiffe unter schwarz-weiß-rother Flagge deutsche Waaren gegen die handelsüblichen Producte austauschten.
…
Bei längerem Aufenthalt in der Südsee machte sich bald der Mangel einer Kohlenstation fühlbar. Die deutschen Kriegsdampfer sahen sich genöthigt, Sidney oder Auck-land anzulaufen, um frische Kohlenvorräte einzuneh-men, ein Uebelstand, der nicht nur bedeutenden Zeit-verlust, sondern auch viele Kosten verursachte. Von der deutschen Regierung bevollmächtigt, knüpfte daher Kapitän Knorr von der Hertha mit dem König von Tonga Verhandlungen an, welche insofern zu dem gewünsch-ten Resultat führten, als das Königreich Tonga mit dem deutschen Kaiserreich einen Vertrag abschloß, wodurch letzterem auf der Insel Vavao behufs Errichtung einer Kohlenstation ein geeigneter Hafen abgetreten wurde. Nachdem dieser Vertrag seiten des deutschen Reichs-tags genehmigt worden, erfolgte im November 1877 un-ter entsprechenden Feierlichkeiten, zu denen die Anwe-senheit der Corvette Augusta in Tonga die Veranlassung bot, seine endgültige Ratificirung.«
1878 geschieht dann was Bismarck 1876 noch nicht woll-te, ein »faktisches Vorgehen der Marine in eine Grün-dung«. 1878 schreibt Bartholomäus von Werner, Kom-mandant des Kriegsschiffes Ariadne, welches zu der Zeit im Pazifik für die deutschen Interessen dort auf Fahrt ist: »Wie ich früher schon andeutete, dient ja meine jetzige Reise dem Zweck, den dereinstigen deutschen Colonial-erwerbungen die Wege zu ebnen… . So muß ich auf ei-gene Verantwortung hier handeln und zunächst wenig-stens auf den noch unabhängigen Inselgruppen Verträ-ge zu schließen suchen, welche sie vor der Annexion durch andere Nationen schützen. Damit übernimmt un-sere Regierung keinerlei Verpflichtungen, hat es aber doch vielleicht später in der Hand, die deutsche Flagge auf diesen Inseln nachträglich aufzuhissen.«
So kauft von Werner 1878 im Bismarck-Archipel – seit 1885 wird der Archipel nach Bismarck benannt – auf den Inseln Mioko und Makada je eine als Hafen geeignete und genutzte Bucht und im gleichen Jahr schließt von Werner Verträge mit Häuptlingen einiger Südseekönig-reiche, die eine Übernahme dieser Inselgruppen durch andere Mächte verhindern und somit ihre spätere Über-nahme durch das Deutsche Reich sichern. Somit ist Deutschland mit dem staatlichen Erwerb von Hafenplät-zen in Übersee für deutsche Kriegs- und Handelsschif-fe, und mit den vertraglich für das Reich gesicherten Inselgruppen im Pazifik, seit 1878 Kolonialmacht.
Auf den Marshall-Inseln, wo sich nur deutsche Handels-häuser befinden, erwirkt von Werner 1878 durch Ver-trag unter anderem vom dortigen König »den Hafen von Jaluit als deutsche Kohlenstation abzutreten« und »kei-ner anderen Regierung die gleichen oder ähnliche, die Kaiserliche Deutsche Regierung in irgend einer Weise beeinträchtigende Rechte in Jaluit oder der Ralick-Gruppe [zu] bewilligen«. Von Werner: »Die deutschen Handelsinteressen sind hier [auf den Marshall-Inseln] so bedeutende, daß ich mich, um die Inseln vor den Begehrlichkeiten anderer Nationen zu schützen, zu wei-tergehenden Maßregeln veranlaßt sah, als ich ursprüng-lich beabsichtigte. Möge das, was ich gethan habe, der-einst dazu führen, daß diese Inseln dem Deutschen Reiche einverleibt werden.«
Von Werner über seine Verträge von 1878 mit einhei-mischen Häuptlingen:
»Die unabhängigen Inseln und Gruppen sind für den in der Südsee dominirenden deutschen Handel von großer Bedeutung, weil sie sehr viel Copra producieren; für den auf den Samoa-Inseln in großem Maßstabe von den Deutschen aufgenommenen Plantagenbau sind sie aber von unermeßlichem Werthe, weil sie die Arbeiter für die Plantagen liefern.«
1879 werden weitere solche Verträge von der deutschen Marine in der Südsee abgeschlossen. Alle Verträge wer-den immer vom deutschen Konsul von Samoa und Tonga, Theodor Weber, als Vertreter des Auswärtigen Amtes, und folglich des Reiches, unterzeichnet und auch die Kosten für die Käufe von Land und Häfen werden vom Auswärtigen Amt beglichen. Auch mit Samoa ist ein Vertrag abgeschlossen und Bismarck hat denn auch das seinige getan, damit der deutsche Konsul auf Samoa, zusammen mit den Konsuln von Großbri-tannien und den USA, 1879 die Verwaltung von Stadt und Distrikt Apia auf der samoanischen Insel Upolu übernimmt.
Bismarcks Kolonialpolitik wird auch ersichtlich an der Finanzierung der Deutschen Afrikanischen Gesell-schaft. Diese Gesellschaft wird zur Unterstützung der deutschen Afrikaforschung aus Reichsmitteln, aus dem Afrikafonds, subventioniert. 1878 schließt sich die Deutsche Afrikanische Gesellschaft mit der 1873 ge-gründeten Deutschen Gesellschaft zur Erforschung Äquatorialafrikas zur Afrikanischen Gesellschaft in Deutschland zusammen. 1880 wird auf direktes Ein-greifen des Reichskanzlers der Afrikafonds vom Reichs-amt des Inneren auf das Auswärtige Amt übertragen, also auf Bismarck selbst, der auch unmittelbar das Auswärtige Amt führt.
Die Schwenkung Bismarcks zu einer aktiven Kolonial-politik liegt in seiner 1877 beginnenden Schutzzollpolitik begründet zur Sicherung der deutschen Industrie und Landwirtschaft gegen ausländische Konkurrenz. War der Freihandel bisher das Maß aller Dinge, so muß jetzt die deutsche Wirtschaft durch Zölle vor Billigimporten geschützt werden. Dazu zählt auch der Schutz des deut-schen Handels mit überseeischen Gebieten in Afrika und im Pazifik, die noch keiner europäischen Macht unterworfen sind.
In den Folgejahren legt Bismarck mit der ihm eigenen geschickten internationalen Diplomatie weitere Grund-steine für ein deutsches Kolonialreich. Er nutzt auch die gute außenpolitische Lage. England liegt mit Rußland im Streit um Afghanistan und sieht sein indisches Reich bedroht, gleichzeitig kriselt die Vorherrschaft der Briten in Ägypten. Ägypten mit dem Suezkanal ist von äußer-ster strategischer Bedeutung für die Seemacht England. Die Briten haben mit den von ihnen aus Ägypten herausgedrängten Franzosen zu tun und sind im Kampf gegen die islamische Bewegung unter dem charisma-tischen Mahdi gegen die englische Besetzung des Lan-des. Im September 1884 nennt Bismarck den “Zankapfel Ägypten … für unsere Politik geradezu ein Geschenk des Himmels”. Im Januar 1885 wird gar Khartum, wo der englische Generalgouverneur für die ägyptische Provinz Sudan sitzt, vom Mahdi erobert. Das englische Entsatz-korps wird nach schweren Kämpfen gegen die Truppen des Mahdi aus dem Sudan abgezogen und die Provinz Sudan dem Mahdi überlassen. Bismarcks Kolonialer-werb fällt also in eine denkbar günstige Zeit, da die beiden kolonialen Großmächte England und Frankreich mit für sie wichtigeren Angelegenheiten beschäftigt sind als mit den kolonialen Absichten Bismarcks.
Der Reichskanzler hält sich in politischen Angelegen-heiten immer alle Möglichkeiten offen. So kann er eben auch von einer antikolonialen zu einer kolonialen Politik wechseln. Selbstverständlich wird sein politi-sches Handeln auch von der augenblicklichen Innen-politik bestimmt. So schreibt er mit Datum vom 25. Januar 1885 an den deutschen Botschafter in London, Georg Graf zu Münster:
“Englands Kolonialpolitik hat uns gezwungen, unsere Kolonialinteressen durch Widerstand gegen Englands ägyptische Politik [Britische Besetzung Ägyptens 1882] wahrzunehmen. Es wird das auch ferner nach Bedürfnis geschehen. … Ich wiederhole deshalb, daß alle ägyp-tischen Dinge für uns nur ein mittelbares Interesse haben, daß die Kolonialfrage aber schon aus Gründen der inneren Politik eine Lebensfrage für uns ist. Ich hoffe, daß meine letzten Angaben, sowie die jüngsten Verhandlungen im Reichstage dazu beigetragen haben, Ew. [Eure Exzellenz] die Bedeutung der Kolonialfrage für unsere innere Politik zu vergegenwärtigen. Die öffent-liche Meinung legt gegenwärtig in Deutschland ein so starkes Gewicht auf die Kolonialpolitik, daß die Stellung der Regierung im Innern von dem Gelingen derselben wesentlich abhängt. Ich bitte Ew. deshalb nicht zu ver-gessen, daß Ägypten als solches für uns ganz gleich-gültig und für uns nur ein Mittel ist, den Widerstand Englands gegen unsere kolonialen Bestrebungen zu überwinden. Der kleinste Zipfel von Neu-Guinea oder Westafrika, wenn derselbe objektiv auch ganz wertlos sein mag, ist gegenwärtig für unsere Politik wichtiger als das ganze Ägypten und seine Zukunft…”
Nicht zufällig nennt Bismarck die deutschen Kolonien Schutzgebiete. Es geht also eigentlich nicht um Land-nahme in Übersee, sondern um Sicherstellung von Handelsplätzen für die deutsche Wirtschaft. Doch von Anfang an der deutschen Kolonialerwerbungen in den 1880er Jahren werden riesige Gebiete auf dem Erdball als Überseeterritorien des Deutschen Reiches genom-men. Nur so ist zu verstehen, daß Bismarck dann 1884/85, in nur einem Jahr, nach dem englischen und französischen das drittgrößte Kolonialreich der Welt erschaffen kann.
Die schnelle Ausweitung der deutschen Kolonialherr-schaft beginnt 1883 mit der von Bismarck mit aller Vorsicht gegen England unterstützten Landnahme des Bremer Tabakhändlers Adolf Lüderitz in Südwestafrika. Lüderitz kauft mit einem betrügerischen Vertrag von einem Eingeborenenhäuptling eine Meeresbucht samt weitem Hinterland. Heinrich Vogelsang führt die Expe-dition an, die mit dem Bremer Segelschiff Tilly die süd-westafrikanische Küste angesteuert hatte. Eine Tage-bucheintragung vom 12. Mai 1883:
»Um 4½ Uhr zog unter brausendem Hurrah aller Anwe-senden die deutsche Flagge am Mast auf. Vom Schiff aus salutierte man mit Gewehrsalven, und nachdem auch an Land eine größere Anzahl Schüsse gefeuert worden war, begaben sich sämtliche Teilnehmer zum Chef, wel-cher Champagner hatte anfahren lassen. Dann wurde unter großem Jubel und begeistert auf den Kaiser, auf das Haus Lüderitz, auf Herrn Vogelsang und auf die erste deutsche Colonie angestoßen.«
1881 hatte die deutsche Regierung schon eine Expedi-tion nach Südwestafrika geschickt; für eine systemati-sche Erkundung der Erzlagerstätten im Lande.
Im April 1884 wird dann Südwestafrika offiziell als erste deutsche Kolonie unter den »Schutz« des Deutschen Reiches gestellt. Togo und Kamerun folgen im Juli 1884, Deutsch Neuguinea im Oktober/November 1884, Deutsch Ostafrika im Februar 1885 und im Oktober 1885 die Marshall-Inseln, womit die erste Welle großer deut-scher Kolonialerwerbungen weitgehend abgeschlossen ist. Weitere Inseln und Inselgruppen im Pazifik kom-men 1886 und 1888 hinzu.
Auch wenn Deutschland erst spät unter den großen Mächten Kolonien nimmt, so hat die deutsche Wirt-schaft doch schon Jahrzehnte vorher Faktoreien, also Handelsstationen, und Plantagen in den späteren deut-schen Kolonien, wie auch in Kolonien anderer Kolonial-mächte, aufgebaut und so ist die politische Machtüber-nahme eigentlich nur noch Ausdruck der wirtschaftli-chen Gegebenheiten. Eben weil es die deutschen Han-delsstützpunkte in Übersee gibt, können sie zu Kolonien gemacht werden.
Die tatsächliche Aufteilung der Kolonien unter den großen Mächten geschieht erst am Konferenztisch, so 1884/85 bei der Kongokonferenz in Berlin und bei späteren Konferenzen, bei denen Kolonialbesitz hin- und hergeschoben wird wie etwa 1899 beim Samoa-Vertrag zwischen dem Deutschen Reich, Großbritannien und den USA, bei dem Deutschland unter anderem auf alle seine Rechte auf den Tonga-Inseln aus dem Vertrag von 1876 verzichtet und dafür den Großteil der Samoa-Inseln bekommt.
Dachte Bismarck die Verwaltung der Kolonien den dor-tigen Handelsgesellschaften zu überlassen, um die Kos-ten für die Verwaltung auch die Handelsgesellschaften tragen zu lassen, stellt sich schnell heraus, daß die Handelsgesellschaften weder gewillt noch fähig sind die Kolonien zu verwalten und so muß das Reich die Auf-gaben und die Kosten dafür übernehmen. Insbesondere die militärische Sicherung gegen einheimische Herr-scher und die militärische Eroberung der erst auf dem Papier und mit Fahnenhissungen übernommenen Ge-biete ist ein Kostenfaktor, der auf dem Reich lastet und so ist Bismarcks Idee der kostenlosen Schutzgebiete eine Fehlkalkulation und es fehlt nicht an Stimmen, die die Kolonien deshalb wieder los werden wollen. Doch eine gute Lobbyarbeit, wie man heute sagen würde, der im Ganzen geringen kolonialen Kräfte in Deutschland setzt sich durch.
In einer zweiten Welle der Nahme von Kolonien wird 1895 ein Gebiet in der innerchinesischen Stadt Hankau als »Konzession« deutsch und im gleichen Jahr erwirbt Deutschland eine weitere Konzession in China, in Tient-sin, der Hafenstadt von Peking. 1897 wird Kiautschou in China ein deutsches Schutzgebiet. 1898 wird das Salaga-Gebiet, zwischen dem Nordwesten des deutschen Togo und dem Nordosten der benachbarten britischen Gold-küste gelegen, zwischen Deutschland und England auf-geteilt. 1899 werden von Spanien die pazifischen Insel-gruppen der Marianen, der Karolinen und die Palau-inseln gekauft. Ebenfalls 1899 wird der weitaus größte Teil der samoanischen Inseln deutsche Kolonie. 1901 folgen noch einige Inselchen hunderte Kilometer süd-westlich der Palauinseln.
Merkwürdig mutet die frühe deutsche Wirtschafts-aktivität in der Südsee an, wo auch zuerst in den 1870er Jahren kolonial Fuß gefaßt wird, und die schließliche Nahme eines riesigen kolonialen Raumes im Pazifik. Die Südsee war aber schon lange durch deutsche Forscher bereist und beschrieben worden. Als erste reisten Vater und Sohn Forster mit James Cook in den 1770er Jahren durch die Südsee und die von Georg Forster seit 1778 in Deutschland veröffentlichten Reisebeschreibungen fan-den großen Widerhall. Deutsche Walfänger waren im Pazifik unterwegs und im 19. Jahrhundert in der Südsee desertierte deutsche Seeleute bilden mit ihrer Kenntnis von Land und Leuten für die sich in der Inselwelt des Pazifischen Ozeans verbreitenden deutschen Handels-häuser den Händlerstamm, der mit der Vermarktung der wirtschaftlich nutzbaren Bestandteil der Kokosnuß Gewinne macht. Um 1860 kontrollieren deutsche Fir-men bereits 70 % des Südseehandels. So ist es kein Wunder, daß die deutsche Kriegsmarine schon in den 1870er Jahren sehr aktiv in der Südsee ist und dort auch Stützpunkte für ihre kohlenbetriebenen Dampfschiffe braucht.
Seit 1876 schließt die Marine Verträge über Kohlensta-tionen und wirtschaftliche Rechte mit einheimischen Häuptlingen im Pazifik ab. Die deutsche Flottenpräsenz im Pazifik ist auch der militärische Rückhalt für die Erwerbung der deutschen Kolonien im Stillen Ozean in den 1870er, 1880er und 1890er Jahren.
Die deutsche Flotte ist überhaupt ein entscheidender Faktor für den Erwerb und den Erhalt der Kolonien, so wie Bismarck in seinem Brief an Kriegsminister Roon 1868 festhielt. Schon im Januar 1852 schrieb ein Deut-scher aus Westafrika in einem Brief:
»Ich und viele andere an der Westküste Afrikas woh-nende Deutsche sind hocherfreut über die Nachricht, daß Hoffnung vorhanden sein soll, die deutsche Flotte zu erhalten. Geschieht es, so haben wir wieder einige Aussicht, zu unserem Gelde zu kommen, das wir alle bei den verschiedenen Negerhäuptlingen der Küste ausste-hen haben. Die an hiesiger Küste teils als Kaufleute, teils als Pflanzer ansässigen Deutschen werden, wenn es ih-nen nicht gelingt, das Bürgerrecht eines seemächtigen Staates zu erwerben, durch die Eingeborenen am aller-niederträchtigsten von allen europäischen Nationen, die Portugiesen nicht ausgenommen, behandelt. Und wes-halb das? Wir gelten den Negern für die Parias unter den Weißen, weil wir nicht einmal ‚Kanonenschiffe’ haben, um sie zum Bezahlen zu zwingen, wie die Ame-rikaner, Engländer, Portugiesen und Franzosen. Diese nämlich schießen, wenn der lange Kredit abgelaufen ist, den man den Schwarzen gern gewährt, und dieselben noch nicht zahlen wollen, ohne weiteres die Dörfer der Negerhäuptlinge, die hier die Handelsplätze sind, in Brand, bis Zahlung erfolgt. Das ist hier allgemein Sitte, seit fast zwei Jahrhunderten, und ohne dies Verfahren sind beinahe gar keine Geschäfte mehr zu machen. Sie werden dies Verfahren freilich sehr summarisch finden, allein es ist nun einmal Sitte unter diesen unzähligen kleinen Negerfreistaaten, deren Häuptlinge beinahe jedesmal mit Liquidierung ihrer Schulden gezwungen sein wollen. Mehrere deutsche Häuser und darunter sehr angesehene, haben lediglich deshalb falliert, weil ihnen ein solches Exekutionsmittel nicht zu Gebote stand. Diese und alle Deutsche, die noch Außenstände haben, werden nicht eher zu ihrem Gelde kommen, als bis sich ein deutsches Kriegsschiff längs der Küste se-hen läßt, und an solchen Plätzen, wo deutsche Unterta-nen Gelder ausstehen haben, ohne weiteres, wie alle übrigen Nationen es täglich tun, mit augenblicklicher Exekution droht.«
Dieser deutsche Briefschreiber aus Westafrika hoffte auf die 1848 gegründete Reichsflotte, die es auch 1852 gab, aber mit dem Ende des Deutschen Reiches von 1848 schon 1849 war seine Hoffnung »die deutsche Flotte zu erhalten« leider unerfüllbar geworden und die Reichs-flotte wurde 1852 aufgelöst und die meisten Schiffe im Dezember 1852 verkauft.
Mit der seit 1848 aufgebauten preußischen Flotte ent-steht dann aber die deutsche Flottenmacht für den Er-werb und Erhalt von Kolonien. So werden bei der ersten Fahrt eines preußischen Geschwaders im Atlantik vom November 1852 bis zum Juli 1853 hauptsächlich ameri-kanische Staaten von Argentinien bis zu den USA be-sucht, aber im Januar 1853 wird auch Monrovia, die Hauptstadt des westafrikanischen Staates Liberia, ange-laufen. Der Zweck der Atlantikreise des Geschwaders, welches aus den Segelkriegsschiffen Amazone, Gefion und Mercur besteht, wovon die Gefion im Mai 1852 von der Reichsflotte zur preußischen Flotte kam, ist neben der Ausbildung der Besatzungen politische, wirtschaft-liche und maritime Informationen zu sammeln und die Sondierung von Kolonisationsmöglichkeiten in Argen-tinien.
Wegen einer Gelbfieberwarnung wird von den Schiffen des preußischen Geschwaders Mittelamerika nicht an-gelaufen. Der Geschäftsträger Preußens in Nicaragua schreibt dazu:
»Die Uebungsfahrt des Königl. Geschwaders in den süd-lichen Gewässern ist sicherlich ein großes Ereignis, welches für die preußischen Handels-Beziehungen mit den Tropen Ländern Epoche machen wird. Auch in den Central Amerik. Staaten verstehen die Regierungen kei-ne Sprache besser als die Sprache der Kanonen und durch Nichts würde dort mein Einfluß als Vertreter Preußens so nachhaltig unterstützt und gekräftigt wor-den sein als durch das Anlaufen eines Preußischen Kriegs-Geschwaders.«
Die preußisch-deutsche Kriegsmarine soll »Flagge zei-gen«, Kontakte zu Auslandsdeutschen pflegen, deutsche Einrichtungen schützen, bei Unruhen eingreifen, eben den deutschen Interessen vor Ort Nachdruck verleihen. Nach dem Erwerb der Kolonien soll die Flotte auch die Verbindung zum Mutterland halten.
In Deutschland selbst sind die Kolonien bald nach ihrem Erwerb kein Thema mehr. So will man 1896 auf der Berliner Gewerbeausstellung – tatsächlich eine Welt-ausstellung wie zuvor in London und Paris – die Kolonien wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken. Innerhalb der Gewerbeausstellung wird die Erste Deutsche Kolonialausstellung gezeigt. Dafür sind auch 103 Eingeborene aus den Kolonien nach Berlin geholt worden, die in nachgebauten Dörfern aus Togo, Kame-run, Ostafrika und Neu Guinea wohnen und ihr alltäg-liches Leben vorführen. Nach der Ausstellung wird die Sammlung von Gegenständen aller Art der Völker aus den Kolonien für die Kolonialausstellung der Grund-stock des Deutschen Kolonialmuseums, das 1899 in Berlin-Moabit eröffnet.
Die Kolonien werden lange vernachlässigt. Da ist zum einen die »Kolonialmüdigkeit« nach deren Erwerb, zum anderen verweigert der Reichstag die Finanzierung von Projekten für die Entwicklung der Schutzgebiete. Es gibt keinen gezielten Aufbau der Infrastruktur in den Kolo-nien als Voraussetzung der wirtschaftlichen Entwick-lung. Und es werden Fehler von der kolonial unerfah-renen Verwaltung gemacht. Anstatt in kolonialen Ange-legenheiten erfahrene Geschäftsleute für die Verwal-tung der Schutzgebiete heranzuziehen werden kolonial unerfahrene Militärs und Verwaltungsbeamte aus dem Reich in die Kolonien geschickt, die dann auch zahl-reiche Fehler begehen und es muß teures Lehrgeld bezahlt werden. Aus den Fehlern der frühen deutschen Kolonialherrschaft wird sowohl in der Verwaltung, als auch in der Wirtschaft gelernt. So wird 1896 das Kolonialwirtschaftliche Komitee gegründet. Es ist eine privatwirtschaftliche Gründung für die wissenschaftlich fundierte wirtschaftliche Nutzung der Kolonien. Die Hauptziele des Kolonialwirtschaftlichen Komitees sind der Ausbau des Verkehrs mit und in den Kolonien, der Ausbau insbesondere des Eisenbahnnetzes in den Kolo-nien, die Förderung der Ansiedlung von Deutschen in den Schutzgebieten, die Förderung der Rohstoffproduk-tion in den Kolonien im Interesse der heimischen Industrie und Volksernährung und die Steigerung des Absatzes heimischer Industrieerzeugnisse, besonders von solchen der Maschinenindustrie in den Kolonien.
Vom Kolonialwirtschaftlichen Komitee werden viele wissenschaftliche und wirtschaftliche Expeditionen in die deutschen Kolonien und andere Ziele in Übersee finanziert oder finanziell unterstützt. Ab 1897 erscheint die Zeitschrift Der Tropenpflanzer des Komitees mit Themen rund um die Landwirtschaft in den Tropen. In unregelmäßigen Abständen erscheint ein Beiheft zum Tropenpflanzer mit speziellen Abhandlungen oder Rei-seberichten. Das Kolonialwirtschaftliche Komitee gibt auch Einzelwerke zu kolonialwirtschaftlichen Themen heraus und organisiert Ausstellungen zur „Belebung des kolonialen Gedankens“.
Das Kolonialwirtschaftliche Komitee ist ein Grundpfei-ler für den wirtschaftlichen Aufbau der deutschen Kolo-nien, entstanden aus der Initiative privater und wirt-schaftlicher Interessenten an den Kolonien. Das Reich steht dem Komitee wohlwollenden gegenüber und hat den vollen Nutzen der von der deutschen Wirtschaft getragenen Arbeit des Komitees.
Sind die 1830er Jahre der tatsächliche Beginn des deut-schen Kolonialreiches durch die wirtschaftlichen Betäti-gungen deutscher Unternehmen in tropischen Weltge-genden, die später zu Kolonien des Reiches werden, so sind doch auch in den Tropen und den späteren deut-schen Kolonien oft schon viel früher deutsche Missio-nare und deutsche Missionsgesellschaften tätig und zum Teil durchgängig auch in Gegenden die später deut-sche Kolonien werden. Diese christlichen Missionsun-ternehmungen finanzieren sich vor Ort mit Landwirt-schaft, Handwerk und Handel. So die Rheinische Missi-onsgesellschaft in Südwestafrika auch mit dem Verkauf von Gewehren und Munition an die sich gegenseitig be-kriegenden Herero und Hottentotten. Dadurch kommt es zur ersten realen Möglichkeit einer deutschen Kolo-nie, denn 1868 bittet die Rheinische Missionsgesell-schaft, die die preußische Flagge auf ihr Grundstück im Süden Südwestafrikas gesetzt hat, England und Preußen um Schutz gegen die Wildwest-Verhältnisse in Südwest. Der Norddeutscher Bund ist bereit ein Kriegsschiff zu schicken und fragt in London an ob ein deutsches und ein englisches Schiff entsandt werden könnten. England lehnt ab da die Schiffe der tief im Landesinneren liegen-den Mission keine Hilfe leisten könnten und England will sich über Land von der Kapkolonie aus nicht in die-ses Niemandsland ausdehnen.
Bei einer erneuten Anfrage der Rheinischen Missionare 1869 unmittelbar an den König von Preußen um Schutz und ihrem Vorschlag, zunächst eine Marinestation in der Walfischbucht zu errichten, ist der König sehr inte-ressiert. Doch dann kommt 1870 der Deutsch-Fran-zösische Krieg und Berlin hat andere Sorgen, als sich mit dem Kolonialplan von ein paar Missionaren in einer wüsten Gegend im fernen Afrika zu beschäftigen.
1878 nehmen dann die Engländer die Walfischbucht und so kommt der einzige Naturhafen im mittleren Süd-westafrika in britische Hand, was die späteren deut-schen Kolonialherren in Südwest noch teuer zu stehen kommt, durch den Bau von künstlichen Hafenanlagen an der offenen Küste des Landes, um die englische Walfischbucht als Hafen möglichst zu umgehen.
Am Deutsch-Französischen Krieg scheitert auch der Plan Bismarcks einen Stützpunkt für die Flotte des Norddeutschen Bundes in China zu erwerben. 1870 gibt Bismarck dem Gesandten des Norddeutschen Bundes in Peking den Auftrag mit der chinesischen Regierung über einen Stützpunkt für die Flotte zu verhandeln. Aber durch den Ausbruch des Deutsch-Französischen Krie-ges müssen sich die beiden deutschen Kriegsschiffe auf der Ostasiatischen Station, SMS Hertha und SMS Medusa, vor der französischen Übermacht in chine-sischen Gewässern nach Japan zurückziehen, sodaß der Gesandte Guido von Rehfues aus dieser Position der Schwäche gar nicht erst die Verhandlungen beginnt. Nach dem Krieg nimmt Bismarck Abstand vom Erwerb eines Stützpunktes in China.
Auch die Suche der SMS Nymphe im Jahre 1873 nach einem Hafen als Stützpunkt für die deutsche Ostasien-Schiffahrt, mit Einrichtung einer Kohlenstation am Süd-chinesischen Meer, schlägt fehl. Zunächst läuft das Kriegsschiff die Anambas-Inseln nordöstlich von Singa-pur an, doch erweisen sich diese als ungeeignet. Auch die Insel Hainan südlich vom chinesischen Festland kommt mangels geeigneter Häfen nicht als Stützpunkt in Frage, ebensowenig die Inseln des Tschusan-Archi-pels vor der Hangchow-Bucht im Osten von China.
Teilweise schon im 18. Jahrhundert beginnen deutsche Missionare und Missionsgesellschaften ihre Tätigkeit in der Welt. So sind deutsche Missionare auch in Nieder-ländisch Indien, der indischen Inselwelt, die noch zu Zeiten der Angehörigkeit der Niederlande zum alten Deutschen Reich unter ebenso brutalen Methoden von der Vereinigten Niederländisch Ostindien-Kompanie erobert wurde, wie sie Portugiesen, Spanier, Franzosen und Engländer zur Eroberung von Kolonien anwandten. Als Ende der 1930er Jahre der deutsche Diplomat Hans-Otto Meissner nun bei einer Reise in Niederländisch Indien im Hochland im Norden von Sumatra vom Volk der Bataker dort hört, bekommt er das Angebot ein ur-sprüngliches Bataker-Dorf tief im Urwald zu besuchen. Es wird ihm aber von einer Bekannten erklärt, daß die Bataker durchaus keine Wilden seien, sondern eine ho-he Kultur mit eigener Schrift und schöngeistiger Litera-tur hätten. Auch hat die Rheinische Missionsgesell-schaft seit Mitte des 19. Jahrhunderts versucht die Bata-ker zum Christentum zu bekehren. Doch wird Meissner belehrt, das Batakerland sei noch Menschenfresserland und „so manch chinesischer Kuli oder indische Hausie-rer verschwindet hier noch gelegentlich. Aber das sind Leute, nach denen man nicht viel fragt. Auch sind die Wälder undurchdringlich, und es liegen Bataker-Sied-lungen darin, die ein Weißer kaum jemals betritt.“ Auch ist die Menschenfresserei der Bataker nicht im Hunger begründet, sondern eine rituelle Handlung, die nur Auserwählten mit zugespitzten Zähnen erlaubt sei. „Und da niemand sich dem lästigen Zähnefeilen grundlos hingibt, dürfte hier in der Gegend ein Mann, dessen Gebiß scharf zugespitzt ist, zweifellos schon Menschen-fleisch genossen haben, wobei sogar möglich ist, daß er den Festbraten selbst erlegte.“
Mit einem einheimischen Führer bricht Meissner auf. Zunächst so weit wie möglich mit dem Auto und dann zu Fuß in den Urwald. Beim Eintreffen im Dorf mit seinen imposanten Pfahlbauten flüchten Weib, Kind und Mann in die Pfahlhäuser. Meissner bleibt mit seinem Begleiter und ein paar grunzenden Schweinen allein auf dem Dorfplatz zurück. Um doch noch eines Menschenfres-sers angesichtig zu werden gibt Meissner sein Taschen-messer seinem einheimischen Begleiter als ein Ge-schenk an einen wirklichen echten Menschenfresser mit der weiteren Auflage ihn auch auf den Dorfplatz zu bringen. Tatsächlich erscheint sein Führer bald mit ei-nem finster dreinblickenden Bataker. Meissner schenkt dem Kannibalen noch ein paar Zigaretten und als der Mann den Mund öffnet, um sie zu verspeisen, sieht er zwei Reihen nadelspitz gefeilter Zähne, die auch noch allesamt schwarz gefärbt sind. Durch den Führer bringt Meissner den Menschenfresser dazu, sich gut ins Licht zu stellen und vor dem Hintergrund bizarrer Batak-Häu-ser schön zu grinsen, damit man das kannibalische Ge-biß auch recht deutlich sehen kann. Als denn alles ge-richtet ist und Meissner auf den Auslöser seiner Leica-Kamera drücken will, gibt es doch noch eine Störung. Der Kannibale rät Meissner: „An Ihrer Stelle würde ich einen gelben Farbfilter nehmen!“
Doppelt erstaunt über das fototechnische Verständnis und das gute Deutsch des Menschenfressers erfährt er, daß viele der intelligenten Bataker die Sprache der deut-schen Missionare erlernt haben und einige sogar zur Ausbildung in Deutschland waren, aber viele doch an ihren alten Sitten und Gebräuchen festhalten.
Zum grundsätzlichen Verständnis der gesamten Kolo- nialzeit der europäischen Mächte kann man zwei große Abschnitte unterscheiden: Der erste ist die Zeit des ers-ten kolonialen Ausgreifens hauptsächlich von Portugal, Spanien, Frankreich, England und Holland vom 15. Jahr-hundert an mit dem Vorreiter Portugal und seinen Ent-deckungs- und Handelsfahrten nach Westafrika, und den schließlichen weltweiten Seefahrten und der Nahme von Handelsstützpunkten und Kolonien durch europäische Mächte. Diese Zeit endet mit dem Verlust der meisten amerikanischen Kolonien zwischen den 1770er Jahren und den 1820er Jahren durch ihre eigen-mächtige Befreiung von den Kolonialmächten Portugal, Spanien und England und den gleichzeitigen beiden Ein-schnitten in der europäischen Geschichte, der Französi-schen Revolution von 1789 und den nachfolgenden Krie-gen bis 1815, die Europa hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt lassen, und dem Einsetzen der Industriellen Revolution, beginnend in den 1770er Jahren in England und später übergreifend auf den Kontinent.
Nach diesen Umbrüchen beginnt die moderne Kolo-nialzeit, die ganz andere Voraussetzungen hat als die erste Kolonialepoche. Nicht mehr Rohrzucker, Gewürze, Silber, Gold und Sklaven sind die aus den Kolonien geholten/geraubten Werte, sondern neue Güter für die Industriegesellschaft sind gefragt, Rohstoffe für die Industrie und tropische Genüsse wie Tee, Kaffee, Kakao für die europäische Oberschicht und mehr und mehr auch für die Masse der Bevölkerung werden aus den Kolonien importiert und nun auch bezahlt mit Indus-triegütern aus Europa.
Um 1800 wird von Chemiker Franz Carl Achard in Berlin die Zuckerrübe aus der Runkelrübe gezüchtet und die Rübenzuckergewinnung beginnt. Als 1885 die letzte Zuckersiederei zur Raffination von Rohrzucker in Ham-burg schließt ist Hamburg zum größten Exporthafen für deutschen Rübenzucker geworden.
Deutschland war auf Grund seiner jahrhundertelangen Zersplitterung und politischen Schwäche, hervorgeru-fen durch seine unglückliche Lage in der Mitte Europas mit der Bekämpfung des alten Deutschen Reiches durch alle seine Nachbarn, und auch durch die Absperrung der Kolonien von fremden, sprich deutschen Händlern durch die Kolonialmächte, bis auf einige Ausnahmen in der Karibik und Westafrika, weitgehend vom Kolonial-handel abgeschnitten, ändert sich das Bild für die nach 1815 einsetzende moderne Kolonialzeit. Amerika öffnet sich dem deutschen Handel und die rasante Industri-alisierung Deutschlands im 19. Jahrhundert macht deut-sche Industriewaren weltweit zu begehrten Artikeln.
Das endgültige Ende des alten Deutschen Reiches durch Napoleon 1806 war eigentlich nur der Schlußstrich un-ter ein längst totes Gebilde. Der 1815 gegründete Deut-sche Bund mit seinem Heer ist ein reines Verteidigungs-bündnis deutscher Staaten gegen ausländische Angrif-fe und hat sonst keinerlei politische oder wirtschaftliche Bedeutung. Die wahre neue Macht in Deutschland wird Preußen, das das Glück hat durch die Gebietsverschie-bungen auf dem Wiener Kongreß, der die Nach-Napo-leonische Zeit festlegt, Teile Westdeutschlands zu be-kommen, in welchen die großen Kohlenreviere liegen, und welche der Motor der Industriellen Revolution wer-den, was man aber bei den Gebietsaufteilungen von 1815 noch nicht weiß.
Bereits 1804 ist ein weiteres wichtiges Element für die Zukunft in Preußen in Gang gekommen. Im selbigen Jahre wird für einige Gebiete Preußens die Aufhebung von Binnenzöllen beschlossen. Es bleibt aber in Preußen auch weiterhin noch ein verwirrendes Durcheinander von Zöllen und Steuern, weil zunächst keine weiteren Reformen erfolgen, auch durch die Wirren der Napo-leonischen Zeit. 1816 macht man sich dann in Preußen erneut ans Werk. 1818 ist ein einheitliches preußisches Zollgebiet geschaffen. Eine geringe Abgabe von 10 % auf eingeführte Manufakturwaren schützt das einheimi-sche Gewerbe und ein Zoll von 20 % wird auf Kolonial-waren erhoben. Beide Zölle fließen in die Kasse des preußischen Staates.
Auch die deutsche Wirtschaft will das Ende des Zoll- und Steuerchaos des in lauter Klein- und Mittelstaaten zersplitterten Deutschland. So wird 1819 der Allgemeine Deutsche Handels- und Gewerbeverein in Frankfurt am Main von deutschen Unternehmern gegründet. Er strebt die Schaffung eines einheitlichen Binnenmarktes in Deutschland an mit der Überwindung der innerdeut-schen Zollgrenzen. Der Verein initiiert eine große Petitionsbewegung und versucht die deutschen Regie-rungen und Fürsten von diesem Ziel zu überzeugen. Diese lehnen aber eine Einmischung in ihren Macht-bereich, den sie unbedingt erhalten wollen, strikt ab. Doch Preußen hat längst die Weichen für die wirt-schaftliche Einigung Deutschlands gestellt und macht Druck auf alle Klein- und Mittelstaaten sich seinem Zollverbund anzuschließen, und so kommen ihm die publizistischen und politischen Kampagnen des Allge-meinen Deutschen Handels- und Gewerbevereins auf die Teilnehmer der ständig laufenden Verhandlungen in den 1820er Jahren für den Eintritt in den preußischen Zollverbund gerade recht. Das Ziel Preußens ist klar und wird 1829 vom preußischen Finanzminister Friedrich von Motz schriftlich festgehalten: »…wenn es staats-wissenschaftliche Wahrheit ist, daß Zölle nur die Folge politischer Trennung verschiedener Staaten sind, so muß die Wahrheit auch sein, daß Einigung dieser Staaten zu einem Zoll- und Handelsverband zugleich auch Einigung zu ein und demselben politischen System mit sich führt.«
Preußen will die politische Führung in Deutschland durch seine wirtschaftliche Herrschaft in Deutschland erringen. Alle Widerstände der deutschen Staaten gegen den preußischen Zollverbund brechen schließlich zusammen und der bereits in all den Jahren langsam gewachsene Zollverband wird am 22. März 1833 zum Deutschen Zollverein, dem bereits ein großer Teil der deutschen Staaten angehören. In den folgenden Jahr-zehnten schließen sich vom verbleibenden Teil der deut-schen Staaten immer mehr dem Deutschen Zollverein an. Diesen 22. März 1833 kann man als die Grundstein-legung für das zweite Deutsche Reich ansehen.
Der wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands mit der Gründung des Deutschen Zollvereins schweißt Deutsch-land zusammen und auch die Bedeutung der europäi-schen Kolonien in der Welt für die Gründung des zwei-ten Reiches ist beachtlich. Ein Großteil der Zolleinnah-men des Deutschen Zollvereins, die an die Staaten im Zollverein weiterverteilt werden, und damit auch der wirtschaftliche Erfolg des Zollvereins, entfallen auf die Abgaben für Kolonialwaren. Diese machen 1835 allein 55 % aller Zollgebühren aus.
Bis zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert läßt sich die koloniale Entfaltung Deutschlands in fünf Phasen unter-scheiden. Die erste Phase dauert von den 1830er Jahren bis in die 1870er Jahre und ist von der Festsetzung der deutschen Wirtschaft in tropischen Gegenden der Welt bestimmt. Deutsche Reedereien und Handelshäuser be-gründen dort ihre Geschäfte und Plantagenbetriebe und bauen sie aus. Unterstützt wird diese Wirtschaftstätig-keit durch die Ernennung von Konsuln von deutschen Staaten in den entsprechenden Gebieten. Diese Phase sieht ebenso die Ausweitung der Aktivitäten von deut-schen Missionaren und deutschen Missionsgesellschaf-ten in Übersee und auch die Entsendung von wissen-schaftlichen Expeditionen in die von keiner europäi-schen Macht beanspruchten Weltgegenden. Diese Pha-se der wirtschaftlichen Durchdringung kolonialer Län-der durch die deutsche Wirtschaft hat tatsächlich nie aufgehört und dauert auch im 21. Jahrhundert an.
In der zweiten Phase der deutschen kolonialen Entwick-lung, von der Mitte der 1870er Jahre bis zur Mitte der 1880er Jahre, kommt die Politik in Form der deutschen Marine und der deutschen Regierung ins Spiel und führt schließlich zur Nahme von Kolonien in bereits von der deutschen Wirtschaft durchdrungenen Gebieten.
In der dritten Phase in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre scheitert der Versuch die Kolonien von privaten Gesellschaften verwalten zu lassen, sodaß in der vierten Phase, ab 1890, das Reich die Herrschaft in den Kolonien selbst übernimmt. Dafür wird 1890 im Auswärtigen Amt eine vierte Abteilung gegründet, die Kolonialabteilung, zur Verwaltung der Kolonien, welche unmittelbar dem Reichskanzler unterstellt ist, und auch mit Waffen-gewalt wird die Herrschaft des Reiches in den Kolonien durchgesetzt, wenn sich einheimischer Widerstand zeigt.
Die fünfte Phase beginnt 1896 mit der Gründung des Kolonialwirtschaftlichen Komitees zur wirtschaftlichen Erschließung der Kolonien und auch der langsamen Einsicht der deutschen Regierung die Schutzgebiete wirtschaftlich entwickeln zu müssen. Mit der fünften Phase beginnt denn auch die Blütezeit des deutschen Kolonialreiches mit der Wende zum 20. Jahrhundert.