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Die Internationale Niederlassung in Schanghai

Der Stadtrat (Municipal Council) der internationalen Niederlassung wird von Weißen gewählt und gestellt. Der überwältigende Mehrheit der Bewohner sind aber Chinesen.

Die höchste Rechtssprechung in Schanghai wird vom Mixed Court ausgesprochen, der einen Chinesen als Vorsitzenden hat mit zwei chinesischen Assistenten und einem ausländischen Beisitzer, der abwechselnd vom US-amerikanischen, britischen und deutschen Konsulat gestellt wird. Mit der Revolution in China 1911 wird der Mixed Court vertragswidrig von den Konsuln voll-ständig zu einem ausländischen Gericht in Schanghai verwandelt.


Am 20. November 1905 kommt der deutsche Marine-offizier Kapitänleutnant Moritz Deimling bei Unruhen in Schanghai ums Leben. Mitte Dezember 1905 brechen dann die größten Unruhen seit Bestehen des Settle-ments gegen die Weißen aus. Daraufhin landen die gerade vor der Stadt liegenden Kriegsschiffe, drei briti-sche Kreuzer, ein italienischer Kreuzer und das Fluß-kanonenboot Vaterland, Truppen. Sie sollen die Polizei in der internationalen Niederlassung unterstützen.

Die wichtigsten Straßenkreuzungen und die Konsulate werden zu deren Schutz besetzt. Die Matrosen der Vaterland sichern den Häuserblock um das deutsche Generalkonsulat, die übrigen öffentlichen deutschen Gebäude, das russische Konsulat sowie die deutsche und die russische Bank.

Italienische Matrosen geben eine Salve auf Aufständi-sche in einer Hauptgeschäftsstraße im Internationalen Settlement ab, wobei mehrere Chinesen ums Leben kommen und damit ist die Ruhe in der Stadt wieder hergestellt. Hauptsächlich Sachschäden an Einrichtun-gen der Kolonialmächte sind entstanden, die von der chinesischen Verwaltung zu begleichen sind.

Der Chef des Kreuzergeschwaders, Konteradmiral Alfred Breusing, schreibt in einem Bericht über die Unruhen in Schanghai: »Zu Thätlichkeiten ist es nur am 18. Dezember gekommen, wobei einige indische und chinesische Polizisten getötet, eine Polizeistation demo-liert, einige Automobile, Fenster und etwas Privatei-gentum zertrümmert, und einige Europäer verprügelt oder mit Steinen beworfen wurden. Unsere Leute haben nicht nöthig gehabt, von der Waffe gebrauch zu ma-chen.« 

Daß von deutscher Seite nur das Flußkanonenboot Vaterland vor Ort war, lag daran, daß der eigentliche Stationär in Schanghai, das Kanonenboot Tiger, gerade auf einer Sondermission nach Korea unterwegs war und die Vaterland solange die Tiger ersetzte.

Als es im Juli 1913 in Schanghai zu Kämpfen zwischen chinesischen Regierungstruppen und Revolutionären kommt, setzen die Kriegsschiffe Iltis und Nürnberg Landungskorps in der Stadt ab zum Schutz der Inter-nationalen Niederlassung. Die Masse des deutschen Ostasiengeschwaders befindet sich gerade in der Süd-see, sammelt sich und geht nach Schanghai. Am 30. Juli erreicht das Geschwader die Yangtsemündung. Da die Zweite Revolution aber schnell an Boden verliert, be-ruhigt sich die Lage wieder.

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Die Yangtse-Patrouille

Der Yangtsekiang, der längste Fluß Chinas und Asiens, und nach Nil und Amazonas der drittlängste Fluß der Welt, ist auch die wirtschaftliche Hauptschlagader des chinesischen Reiches. So suchen die Kolonialmächte auf dem Fluß mit Kanonenbooten Präsenz zu zeigen, auch in Konkurrenz zu den anderen Kolonialmächten.

So sind auch deutsche Kriegsschiffe auf dem Yangtse unterwegs, dessen Schreibweise bei der Marine nicht mit J sondern Y erfolgt. War bis 1900 die Marine gelegentlich auf dem Fluß vertreten, so ist die deutsche Flotte seit dem Beginn des Boxeraufstandes Mitte 1900 ständig auf dem größten Fluß Chinas auf Patrouille, auch eben um mit den anderen Kolonialmächten auf dem Yangtse mitzuhalten. Nur die Royal Navy ist mit noch mehr Kräften auf dem Hauptstrom Chinas an-zutreffen. Und auch auf dem Perlfluß und seinen Nebenflüssen im Süden des Landes ist nun ein ständiger Patrouillendienst mit jeweils wenigstens einem deut-schen Kriegsschiff unterwegs.

Die ständige Besetzung des Yangtse mit deutschen Kriegsschiffen beginnt während des Boxeraufstandes 1900, als Kanonenboote und Kleine Kreuzer der Ost-asiatischen Station auf dem Fluß patrouillieren, auch um den Schutz der Deutschen in der deutschen Kon-zession Hankau am mittleren Yangtsekiang zu gewähr-leisten, den der Kaiser ihnen durch die deutsche Flotte zugesichert hat.

Im November 1900 fährt Konteradmiral Richard von Geißler, Kommandeur eines wegen des Boxeraufstandes nach China entsandten Schlachtschiffgeschwaders, mit seinem Flaggschiff, dem Schlachtschiff Kurfürst Frie-drich Wilhelm, trotz der acht Meter Tiefgang des Schif-fes, yangtseaufwärts zu einem Besuch von Nanking, der südlichen Hauptstadt Chinas, wo Liu Kunyi residiert, der Generalgouverneur der Provinzen am unteren Yangtsekiang, um ihn seiner Sicherheit durch die aus-ländischen Mächte gegen die Boxer zu versichern und ihn selbstverständlich durch diese Machtdemonstration auf Seiten der Boxergegner zu halten.    

Auf dem Yangtse wird nach dem improvisierten Einsatz bei der Boxerkrise Mitte 1900 seit dem Herbst 1900 der Dienst der deutschen Schiffe zu einem routinemäßigen Patrouillendienst organisiert, mit fest verteilten Aufga-benbereichen für die Kanonenboote. Bis zum Frühjahr 1901 sind Stationsbereiche und Aufgabenfelder für die Boote auf dem Fluß festgelegt. Mitte Februar 1902 be-fiehlt der Kaiser dann, »daß immer ein paar Kanonen-boote von uns auf dem Yangtse fahren müssen«.

Schon am 13. September 1901 hatte der Chef des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders die Städte Hankau, Nanking und Schanghai mit den entsprechenden Flußabschnitten als Stationsorte für die Kanonenboote festgelegt und diese Organisation wird nun nochmals bestätigt. Vor Schanghai liegt seit dem Sommer 1900 ständig ein deutsches Kriegsschiff als Stationär.

So bekommt das Flußkanonenboot SMS Vorwärts im April 1904 als Stationsgebiet auf dem Yangtse das Gebiet oberhalb der Stadt Jiujiang einschließlich des Ponyang- und Dongting-Sees und den Han-Fluß. Auf diesem wei-ten Gebiet sind die Aufgaben des Stationärs Vorwärts: »Sicherung und Schutz des deutschen Handels und der Reichsangehörigen, sowie Zeigen der deutschen Flagge, und dadurch Einwirkung auf die Entwickelung und Ausbreitung des deutschen Handels.« Admiral Felix von Bendemann, der Chef des Ostasiatischen Kreuzer-geschwaders, sagt dem Kommandanten der Vorwärts außerdem: »Es bestehen aber schon jetzt auf dem gan-zen Yangtse-Fluß große deutsche Schiffahrts-Interes-sen.«

Die Aufgaben zur Beobachtung wirtschaftlicher Mög-lichkeiten für die Kommandanten der Flußkriegsschiffe werden später deutlich ausgeweitet und umfassen ne-ben der Beobachtung der allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen auch die Erkundung der Qualität und Quantität vorhandener Bodenschätze bis hin zur Schätzung der Kosten für Abbau und Transport wie auch der Tauglichkeit des Geländes für den Bau von Eisenbahnen. Mit den chinesischen Beamten und mili-tärischen Befehlshabern ist das beste Einvernehmen anzustreben. Außerdem sollen die militärischen und politischen Tätigkeiten anderer Nationen beobachtet und die chinesischen Machtmittel im Stationsbereich unauffällig festgestellt werden.

In späteren Jahren werden dann von den Stationären auf dem Yangtse regelmäßig militärpolitische Berichte ver-faßt, wozu vor allem die Beobachtung der Bewegungen der Kriegsschiffe anderer Mächte auf dem Stromgebiet gehören, denn das Kommando des Kreuzergeschwaders will ständig über deren Verbleib und ihre Handlungen informiert sein. Selbstverständlich wird von den Statio-nären über die Schiffbarkeit der befahrenen Gewässer und alle Daten der Navigation berichtet und systema-tisch werden die Gewässer im Yangtseraum erkundet, auch um diese Daten der deutschen Handelsschiffahrt zur Verfügung stellen zu können. Die deutsche Schif-fahrt auf dem Yangtse ist allerdings Anfang des Jahr-hunderts noch gering und arbeitet mit Verlusten, da sie spät in den Wettbewerb eintrat und die Verbindungen mit guten Auftraggebern, wie auch die besten Anker-plätze, bereits vergeben sind. Auch werden etwa fran-zösische und japanische Dampflinien subventioniert, im Gegensatz zu den deutschen.       

Die deutsche Kaufmannschaft wünscht ebenfalls die militärische Präsenz Deutschlands im Herzen Chinas für die Sicherung ihrer Geschäfte und spendet über den Verband der deutschen Flottenvereine im Ausland 300.000 Mark an das Reichsmarineamt für den Bau des Flußkanonenbootes Vaterland, das speziell für den Ein-satz auf dem Yangtse bestimmt ist. Das 50 Meter lange Kanonenboot mit einem äußerst geringen Tiefgang für den Flußeinsatz wird 1903 bei Schichau in Elbing in Sektionsbauweise gebaut. Zerlegt in seine Sektionen wird das Kanonenboot mit einem Frachter nach Schang-hai transportiert und dort wieder zusammengesetzt. Am 28. Mai 1904 wird die Vaterland in Schanghai in Dienst gestellt.

Das Schwesterschiff der Vaterland, die Tsingtau, ist genauso in neun Sektionen in Elbing erbaut worden und wird nach Hongkong verschifft und dort wieder zusam-mengebaut am 3. Februar 1904 in Dienst gestellt. Die Tsingtau wird im Perlfluß und seinen Nebenflüssen, dem Westfluß und im Raum der den Mündungen dieser Flüsse anliegenden portugiesischen Kolonie Macao und der britischen Kolonie Hongkong eingesetzt. Die wich-tigsten Aufgaben der Tsingtau sind die Repräsentation des Deutschen Reiches, die Sicherung deutscher Staats-angehöriger und Wirtschaftsinteressen sowie die Be-kämpfung der Piraterie in den chinesischen Gewäs-sern.


Der Verteilungsplan für die Schiffe auf dem Yangtse wird vierteljährlich aufgestellt. Besonders der Mann-schaftswechsel muß sorgfältig geplant werden. Die Dienstzeit in Ostasien beträgt zwei Jahre und jedes Früh-jahr wird die Hälfte der Mannschaft auf allen Schiffen des Kreuzergeschwaders gleichzeitig ausgetauscht. Bei den Kanonenbooten und Flußkanonenbooten auf den Flußgebieten Chinas sind das jeweils mehrere hundert Mann. Um die Mannschaften auf ihre Schiffe zu bringen und gleichzeitig Transportkosten zu sparen läuft der Transportdampfer mit den Austauschmannschaften auf dem Weg nach Tsingtau im Norden Chinas auch Hong-kong und Schanghai an, wo die einzelnen Schiffe ihre neuen Besatzungsmitglieder an Bord nehmen. Dieses Arrangement erfordert das genaue Einhalten von Zeit-plänen der verschiedenen beteiligten Schiffe, was natür-lich in Wirklichkeit zuweilen nicht klappt.

Schon im Herbst 1900 zeigt sich, daß selbst kleine Schiffe wie das Kanonenboot Schwalbe auf dem Yangtse im Winter wegen dem dann geringen Wasserstand des Flusses Schwierigkeiten bekommen und zumindest zum Unterlauf des Flusses verlegt werden müssen oder in einem Flußhafen überwintern müssen.

Die Schiffe der Flußstationen sollen einmal im Jahr zur Überholung und der Reparatur kleinerer Schäden durch Kollisionen oder Auflaufen auf Untiefen. Bereits im normalen Dienstbetrieb setzen die Schiffe Muscheln am Rumpf an, die sowohl die Geschwindigkeit verringern als auch den Kohleverbrauch erhöhen. Da die Fluß-kanonenboote im Gegensatz zu allen anderen Schiffen des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders oft nicht den Seeweg nach Tsingtau zurücklegen können, müssen sie in die britischen Werften in Hongkong und Schanghai, wo sie sich bis zu neun Monaten im Voraus für Werft-arbeiten anmelden müssen, da die Briten natürlich ihre eigenen Schiffe als erste bedienen. So ergibt sich für die Schiffe der Yangtse-Patrouille immer wieder die Not-wendigkeit auch mit leichten Schäden weiter auf Fahrt zu bleiben. Das hochseetüchtige Kanonenboot Jaguar meldet im Januar 1901, daß das Schiff nach Ablösung als Stationär auf dem Yangtse »unbedingt ins Dock« muß, da Unterwasserteile und die Schraubenwelle bereits im November 1899 in einem Taifun bei Jap im Westpazifik beschädigt worden sind.

Die Wohnverhältnisse auf den Flußkanonenbooten sind bescheiden und ein Sanitätsbericht von 1905 schreibt über die Lüftung und Kühlung der Boote auf den chine-sischen Gewässern in den heißen Sommermonaten: »Am ungünstigsten sind die Flußkanonenboote in den Tropen gestellt.«

Auch die verschiedensten Geschlechtskrankheiten fin-den sich bei den Besatzungen. Allein in Schanghai, einem Stationsort der Yangtse-Patrouille, schätzt man die Zahl der Prostituierten auf 40.000.

Die Freizeitgestaltung an Land in China ist ein Problem, da ein Kontakt zur Bevölkerung sprachlich und kulturell ausgeschlossen ist und oft genug sind die Kneipen und Bordelle in den Hafenstädten die Hauptattraktion für die Schiffsbesatzungen. In Schanghai wird von der deut-schen Kaufmannschaft ein Marineheim für die Matro-sen eröffnet und in Hankau richtet der deutsche Frauenverein ein Zimmer für die Seeleute ein mit Lek-türe und Gesellschaftsspielen, da »Hankau den Leuten nur sehr wenig bietet«. »Die Mannschaften erhalten hier Butterbröte, Kuchen und Kaffee und können gegen Bezahlung Bier und Zigarren entnehmen.« Selbiges vermerkt ein Bericht des Kreuzergeschwaders vom April 1911 über das Hankauer Seemannszimmer.

Beliebt sind Treffen mit Besatzungen der Kriegsschiffe der anderen Nationen auf dem Yangtse. Wie es die gesellschaftliche Ordnung verlangt bleiben die Offiziere unter sich und Unteroffiziere und Mannschaften der Schiffe vergnügen sich mit Sportwettkämpfen gegen-einander, wobei Wettrudern und Fußball besonders beliebt sind.

Die Besatzungen der Schiffe der verschiedenen Koloni-almächte in China helfen sich auch untereinander etwa bei technischen Schwierigkeiten ihrer Schiffe.

Für Schießübungen werden von den Flußkanonenboo-ten hauptsächlich die mit dem Yangtse verbundenen Seen benutzt. Die infanteristische Ausbildung der Besat-zungen erfolgt an Land bei Hankau und Schanghai, mit den lokalen deutschen Freiwilligenkompanien als Ma-növergegnern. Die lokalen deutschen Freiwilligenkom-panien werden vom Gouvernement in Tsingtau mit Uniformen und Waffen ausgerüstet.


Die Kanonenboote der Yangtse-Patrouille operieren sowohl auf dem Yangtsekiang als auch auf seinen Nebenflüssen und den mit ihm verbundenen Seen und die deutschen Kanonenboote sind auch an der chine-sischen Pazifikküste auf Fahrt. Sie unterstehen dem Kommando des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders. Eine eigene Einheit bilden die deutschen Kriegsschiffe auf dem Yangtsekiang und den weiteren Flußgebieten Chinas nicht, aber mit der ständigen Anwesenheit deutscher Kanonenboote auf dem Fluß in Stationsbe-reichen mit Stationsorten sind die Yangtse-Kanonen-boote de facto ein eigenes Kommando des Ostasiati-schen Kreuzergeschwaders, dessen Hauptkräfte von ihrer Marinebasis Tsingtau aus im westlichen Pazifik operieren.

Bereits 1876 hatte die deutsche Kriegsmarine zum Schutz der deutschen Schiffahrt in chinesischen Gewäs-sern bei Schichau in Elbing einen flachgehenden »Piratenjäger« in Auftrag gegeben. Als dieses 31 Meter lange Kanonenboot mit dem Namen Otter im März 1878 in Dienst ging, stellte sich heraus, daß das Boot see-untüchtig ist und so blieb es nach Umbau für ver-schiedene Verwendungen in Nord- und Ostsee.

Das erste deutsche Flußkanonenboot in chinesischen Gewässern ist die SMS Schamien. Das 1899 in Hong-kong gebaute 24 Meter-Boot wird aufgekauft, leicht umgebaut und bewaffnet und geht am 10. Oktober 1900 auf dem Perlfluß in Dienst. Zwölf Deutsche und sechs Chinesen bilden die Besatzung. Die Schamien bleibt während ihrer Dienstzeit auf dem Fluß im Raum der Stadt Kanton eingesetzt und wird im Februar 1904 außer Dienst gestellt mit der Indienststellung des 50-Meter-Bootes Tsingtau mit seiner 58 Mann starken Besatzung, wovon elf Chinesen sind. Die Zahl der Chinesen an Bord der deutschen Kriegsschiffe in chinesischen Gewässern schwankt leicht im Laufe der Zeit. 

Im März 1901 wird ein 1899 in Schanghai gebauter Flußdampfer von der deutschen Marine gekauft und in Tsingtau umgebaut und bewaffnet. Am 19. März 1901 wird dieses 48 Meter-Flußkanonenboot als Vorwärts in Dienst gestellt mit einer Besatzung von 36 Mann, wovon drei Chinesen sind. Die Vorwärts wird bis zu ihrer Außerdienststellung im Jahre 1910 auf dem Yangtse eingesetzt, wenn sie nicht zu Werftarbeiten in Tsingtau oder Schanghai ist. 1910 wird die Vorwärts schließlich durch die speziell für den Yangtsekiang gebaute Otter ersetzt.

Die Otter wird in Geestemünde gebaut. Sie ist aus neun durch Schraubenbolzen verbundenen Stahlpontons zu-sammengesetzt für den Transport der Teile auf einem Dampfer. Das Flußkanonenboot verdrängt 314 t und erreicht eine Geschwindigkeit von 15,2 kn. Zwei 5,2cm-Schnellfeuerkanonen und drei Maschinengewehre bil-den die Bewaffnung. Pontons und Aufbauten der Otter werden auf einem Dampfer nach China gefahren, der am 11. November 1909 Geestemünde verläßt. Am 1. April 1910 wird die im Februar 1910 in Schanghai wieder zu-sammengebaute Otter in Dienst gestellt. Das 54 Meter-Kanonenboot ist mit seiner Besatzung von 47 Deut-schen, davon drei Offiziere, und um die 10 Chinesen abwechselnd auf dem Yangtsekiang oder im Raum Schanghai im Einsatz. Schanghai ist auch der Standort für Werftarbeiten am Boot.

Die Yangtse-Patrouille ist nicht nur einfach ein mili-tärisches Machtmittel, sondern die Kommandanten der Kanonenboote liefern – wie alle deutschen Kriegsschiffe im Auslandseinsatz – regelmäßig Berichte über Nautik der Gewässer, Wirtschaft, Politik und Menschen in ihrem Fahrbereich an ihre vorgesetzte Dienststelle und geben somit einen ständigen Überblick über ihren Einsatzbereich an die deutsche Marineführung. Als der 2. Admiral des Kreuzergeschwaders, Graf Friedrich von Baudissin, im Februar/März 1903 eine Erkundungsreise auf dem Yangtse bis Hankau führt schreibt er über das Yangtsetal, daß es ein Gebiet sei, »das politisch und wirtschaftlich noch in den Kinderschuhen steckt, und dessen Entwicklung man kaum begonnen hat, das aber bei rationalem Ausbau seines Gleichen in der Welt suchen dürfte«. In den folgenden Jahren wird es üblich, daß der Chef des Kreuzergeschwaders selbst sich min-destens einmal im Jahr einen Eindruck von der Lage am Yangtse verschafft.

Am 1. Juli 1904 wird offiziell Changsha, die Hauptstadt der Provinz Hunan, dem ausländischen Handel geöffnet. Hunan liegt im Bereich des Mittellaufes des Yangtse-kiang. Als ein Ergebnis des Boxeraufstandes muß China Changsha als weitere Handelsstation für Ausländer öffnen. Changsha liegt am Xiang, einem Nebenfluß des Yangtse. Zur Erkundung der Schiffbarkeit für die neuen Handelsmöglichkeiten geht bereits im Mai 1901 die Vaterland auf eine Tour in den Xiang. Dafür fährt das Flußkanonenboot zunächst vom Yangtse in den Dongtingsee, den zweitgrößten See Chinas, in den der Xiang mündet, und dann den Xiang hoch bis Changsha und weiter bis zur Stadt Xiangtan, wo bis dahin noch kein ausländisches Schiff gekommen ist. Besonders wird der rege Dschunkenverkehr mit Salz und Kohle als Handelsgut auf dem Xiang vermerkt.

Da seit 1900 deutsche Reedereien Dampfschiffahrt auf dem Yangtse betreiben haben sie die Reichsregierung um Unterstützung bei der Sammlung von Datenmaterial über die Nebenflüsse des Yangtse gebeten, für den Ausbau der Dampferlinien im Flußgebiet des großen chinesischen Stromes. Auch dafür ist die Vaterland auf Fahrt auf dem Xiang. Es werden, wie bei allen Fahrten deutscher Kriegsschiffe im Yangtse-Gebiet, militäri-sche, politische, wirtschaftliche und selbstverständlich nautische Daten gesammelt. Weitere Fahrten deutscher Kanonenboote in das Gebiet Dongtingsee und Xiang folgen. Als die Vaterland im Sommer 1904 eine Reise im Raum Dongtingsee und Xiang macht stellt ihr Komman-dant, Kapitänleutnant Georg von Bülow, fest, daß jährlich 100-200 Dschunken bei schlechtem Wetter im Dongtingsee verloren gehen. Bei dieser Fahrt besucht von Bülow mit der Vaterland auch die Stadt Changde und trifft dort den Marinepräfekten der tief im Inland liegenden Provinz Hunan, der in Changde seinen Sitz hat und 50 Kriegsdschunken befehligt.

Für Changsha entwickelt sich der deutsche Handel er-freulich. Im November 1911 wird die Vaterland in die Stadt geschickt, »da dieser Platz wegen unserer namhaf-ten Interessen – augenblicklich liegt der ganze fremde Handel in deutschen Händen – besondere Beachtung verdient«, wie ein Bericht des Kreuzergeschwaders ver-merkt. Allerdings muß man auch die »Unbeliebtheit der Deutschen bei den Revolutionären und im Volk« in Changsha feststellen, weshalb vorsichtshalber bis zum Frühjahr 1912 ständig ein deutsches Kanonenboot vor Ort bleibt.

Wie die wenigen Weißen unter den riesigen Massen an Chinesen sich fühlen, veranschaulicht, was ein Ange-stellter einer deutschen Firma am Yangtse nach seinem China-Aufenthalt schreibt: »Wir segneten die kleinen Schiffe, die wie Zugvögel von Hafen zu Hafen flitzten. … Sie verhinderten Blutvergießen, ohne einen Schuß abzu-feuern. Die Kriegsflagge bedeutete uns ungeheuer viel, und ebensoviel bedeuteten uns Offiziere und Mann-schaften. Die bloße Anwesenheit eines Kanonenbootes im Hafen wirkte ernüchternd auf die Chinesen. Drohten sie einmal übermütig zu werden, so brauchte nur eine Abteilung Blaujacken zu landen und den Damm entlang zu marschieren, um jeden Ausbruch im Keim zu er-sticken.«

Bei den Chinesen sind die Weißen verhaßt als Barbaren, die sie und ihre Kultur mit Füßen treten. Aber der mittelalterlichstrukturierten chinesischen Regierung fehlen jegliche Machtmittel gegen die waffentechnisch weit überlegenen Mächte aus Europa, gegen die USA und gegen Japan.


Nur wenige deutsche Kommandanten haben solche Freiheit der Handlung wie die Kommandanten der Kanonenboote auf dem Yangtse. Die Boote operieren unabhängig und in oftmals weitgehend isolierten Gewässern und so sind diese Kommandanten oft über längere Zeit völlig auf sich allein gestellt. Die einzige Verbindung zwischen Schiff und Geschwaderkomman-do ist der Telegraph – wenn eine Telegraphenstation verfügbar ist. Mit dem Einbau von Funkgeräten auf den Flußkanonenbooten 1912 ändert sich die Lage der Kommandanten zu einer ständigen Verbindung zur Geschwaderführung.

Jedes Kanonenboot führt mehrere tausend mexika-nische Silberdollar mit sich, die in China allgemein akzeptierte Währung, die der Kommandant für die laufende Bezahlung der Versorgung seines Bootes braucht. So für den Kauf von frischem Gemüse und Obst von den Bumbooten, kleine chinesische Boote, die an den ankernden Schiffen anlegen und ihre Waren verkaufen. Aus der Bordkasse werden auch die Kosten für das weitere Personal an Bord, neben der deutschen Besatzung, bestritten. Wie bei den anderen Marinen in Ostasien, und in noch stärkerem Maße in der Handels-schiffahrt, werden für bestimmte Dienste an Bord Chi-nesen angeheuert. Die Chinesen sind billige Arbeits-kräfte, die der Mannschaft schwere und unbeliebte Arbeiten abnehmen und das Leben auf den Schiffen für die Besatzungen angenehmer gestalten. Obwohl auf den deutschen Schiffen etatmäßig Köche vorgesehen sind, werden Chinesen oft als Köche und Bedienung ein-gestellt, die sich gleichzeitig um den Nachschub an Lebensmitteln kümmern. Dazu werden Chinesen als Reinigungskräfte und als Heizer beschäftigt. Wäsche waschen ist fest in chinesischen Händen an Bord der Schiffe und besonders das Kohleschaufeln in den hei-ßen Kesselräumen ist Schwerstarbeit und wird gehaßt. So hat das Flußkanonenboot Otter bei 47 Mann deut-scher Besatzung im März 1912 auch elf Chinesen an Bord, wovon sechs als Heizer Dienst tun. Offiziere und Unteroffiziere der größeren Schiffe im Ostasieneinsatz bezahlen aus ihrer Besoldung Küchenpersonal für ihre persönliche Verpflegung und diese Chinesen verschaf-fen sich noch einen Zusatzverdienst mit dem Angebot von preiswertem und gutem Essen für die Besatzung zur Aufbesserung der Bordverpflegung.

Zeitweise werden an Bord auch chinesische Lotsen und Dolmetscher beschäftigt. Die Lotsen sind notwendig wegen der ständigen Veränderungen im Fluß, die die Navigationskarten vom Yangtse in kürzester Zeit veral-ten lassen können. Die Dolmetscher sind meist arbeits-lose chinesische Beamte mit Sprachkenntnissen für den Verkehr mit den Einheimischen und den chinesischen Behörden, die sich auch auf die nötigen Umgangsfor-men mit chinesischen Offiziellen verstehen. Die Dol-metscher vermitteln ebenso zum chinesischen Dienst-personal, daß bestenfalls etwas Pidgin-Englisch spricht. Ein chinesischer Bordbediensteter mit Deutsch-Kennt-nissen ist eine Seltenheit. So wenn er schon auf einem deutschen Handelsschiff gedient hat wie auf der Linie Schanghai-Hankau des Norddeutschen Lloyd. Die Hei-zer haben noch am ehesten englische oder deutsche Sprachkenntnisse, da sie zum Teil auf deutschen oder englischen Schiffen in asiatischen Gewässern oder zwischen Ostasien und Europa unterwegs waren. So ist ein Dolmetscher ein wichtiges Glied in der Besatzung eines Kanonenbootes auf dem Yangtse und verlangt entsprechend mehr Bezahlung.

Die deutschen Kommandanten wollen den Dolmetscher zu einem festen Bestandteil der Besatzung machen und daß seine Bezahlung somit von der Marine erfolgt und nicht aus der Bordkasse. Ein deutscher Kommandant merkt dazu an, daß englische Kommandanten zuweilen gezwungen sind einen Diener als Dolmetscher mit chi-nesischen Würdenträgern zu verwenden, was zu pein-lichen Situationen führen würde. Die ständige Beschäfti-gung eines Dolmetschers würde ein Kanonenboot eben-falls in Gebieten, in denen weder deutsche Kaufleute noch Konsulate vorhanden sind, vom guten Willen anderer Ausländer unabhängiger machen. Die unerläß-lichen Lotsen, und auch die Dolmetscher, werden den deutschen Kriegsschiffen meistens von den Konsulaten vermittelt. Daß die Beschäftigung von Chinesen an Bord nicht fest geregelt ist ist auch bei den englischen und amerikanischen Kriegsschiffen auf dem Yangtse ein Grund zur Klage.      

Die deutschen Besatzungen haben ansonsten mit den Chinesen nichts zu tun. Ein Matrose schreibt über seine Dienstzeit an Bord des Kanonenbootes Luchs, daß die Mannschaften mit Chinesen kaum in Verbindung kom-men, »außer dem Verkehr mit den drei an Bord befind-lichen Offiziersköchen, dem Waschmann, Bumboots-männern … oder sonstigen Geschäftsleuten. Ansonsten waren die Chinesen für uns tabu, schon wegen der Ver-ständigungsmöglichkeiten. Ich habe auch nicht erlebt, daß Chinesen vom Kommandanten zu den häufigen Diners eingeladen waren, sie waren eben nicht gesell-schaftsfähig.«


Hinter Hankau stellen die Yangtseschluchten ein schier unüberwindliches Hindernis für Dampfschiffe dar. Zum erstenmal gelingt im Juni 1900 der englischen Pioneer die erste Handelsfahrt zum oberen Yangtse durch die Schluchten, der Flußdampfer erleidet dabei aber auch einige Schäden. Ende Dezember 1900 versucht der deutsche Flußdampfer Suihsing flußaufwärts durch die Schluchten zu kommen und scheitert. Schiff und Fracht sind verloren. Auch der deutsche Kapitän und einige Chinesen kommen um, aber die meisten Besatzungs-mitglieder und Passagiere können gerettet werden. Hat durch das Unglück nicht nur die deutsche Handels-schiffahrt auf dem Yangtse einen schweren Schlag er-litten, so ist auch vorläufig der Plan der Stationierung eines deutschen Kriegsschiffes am Oberlauf des Flusses undurchführbar, da kein deutsches Marineschiff die Stromschnellen bewältigen kann; die Kanonenboote haben einen zu großen Tiefgang und das Flußkano-nenboot Vorwärts hat dafür eine zu geringe Maschi-nenleistung. Die Royal Navy dagegen kauft die Pioneer – ein Schaufelraddampfer mit den Schaufeln an den Schiffsseiten – , rüstet sie zum Flußkanonenboot um, und stationiert sie als HMS Kinsha oberhalb der drei Schluchten in Chongqing.

Auch die Franzosen stationieren 1901 ein Kanonenboot auf dem oberen Yangtse. Die Orly wurde speziell für die Flußverhältnisse auf dem oberen Yangtse gebaut. Deutscherseits wird aber von der zuständigen Budget-Kommission des Reichstages Anfang 1903 die Bewilli-gung von Geld für ein weiteres Yangtse-Kanonenboot abgelehnt, was die deutsche Kaufmannschaft am Yang-tsekiang sehr enttäuscht. So schreibt ein Konsular-beamter in Nanking Mitte März 1903 nach Berlin: »Nach meinem gehorsamsten Dafürhalten ist für die zur Zeit in Hunan und Szechuan sich entwickelnden deutschen Unternehmen weniger von Wert, daß in Hankau oder Ichang deutsche Kriegsschiffe liegen, die den Hafen nur bei hohem Wasserstand verlassen können, als daß ein praktisch konstruiertes Flußkanonenboot den Yangtse befährt, welches fähig ist, deutsche Interessen jeden Augenblick und an jedem Platze zu vertreten und zu schützen.« 

Auf den kleineren Flüssen und Seen ist nur das Fluß-kanonenboot Vorwärts zu gebrauchen, und das wegen seines großen Tiefgangs und seiner geringen Maschi-nenleistung auch nur eingeschränkt. So setzen die deut-schen Kaufleute in China durch, daß die angesammel-ten Gelder des Hauptverbandes deutscher Flotten-vereine im Ausland dem Reichsmarineamt für den Kauf eines Kanonenbootes speziell für den Yangtse zur Ver-fügung gestellt wird. Bereits im Mai 1903 kann das Auswärtige Amt der Gesandtschaft in Peking im Hin-blick auf die »Vorstellungen der deutschen Kaufmann-schaft in Hankau für die Streichung der Mittel für den Flußkanonenbootsbau« mitteilen, daß der Bau eines solchen Schiffes durch den Flottenverein gesichert sei. Schon im November 1900 hatte der Vorstand des Haupt-verbandes deutscher Flottenvereine im Ausland ange-regt aus seinen angesammelten Geldern ein Flußka-nonenboot für China zu bauen: »Ein Flußkanonenboot sei für einen Betrag von 300.000 M. herzustellen und bedürfe nur einer ungefähren Bauzeit von 6 Monaten. Das erste, welches in Auftrag gegeben würde, sei zur Verwendung in den chinesischen Gewässern in Aus-sicht genommen.«  

Hauptsächlich hanseatische Kaufleute im Chinage-schäft sind an der militärischen Sicherung ihrer Depen-dancen in China interessiert und spenden Geld für den besagten Zweck. Vom 1898 gegründeten Hauptverband deutscher Flottenvereine im Ausland bestehen schon Anfang 1900 Ortsvereine in Tientsin, Schanghai, Zhifu und Hankau. Im Februar 1902 stellt der Hauptverband dem Reichsmarineamt 400.000 Mark für den Bau des Flußkanonenbootes für den Yangtse zur Verfügung. Wegen der Notwendigkeit die zu Flußkanonenbooten umgerüsteten Schiffe Vorwärts und Schamien durch zweckentsprechend gebaute Boote zu ersetzen ist 1902 die Tsingtau in Bau gegangen und mit dem Geld des Hauptverbandes wird das Schwesterschiff Vaterland gebaut und in drei Teile zerlegt auf einem Frachter nach Schanghai gefahren. Dort wieder zusammengesetzt wird die Vaterland am 28. Mai 1904 in Dienst gestellt. Die Vaterland kann aufgrund ihrer Bauweise auch die Stromschnellen des Yangtse bezwingen und so auch auf dem oberen Yangtse patrouillieren.

Nachdem Engländer und Franzosen schon länger auf dem oberen Yangtse, hinter den schwer zu bewälti-genden Stromschnellen des Flusses, mit Kriegsschiffen anwesend sind, zieht Deutschland nun 1907 nach. Man hat bisher aus Mangel an entsprechenden Schiffen den oberen Yangtse nicht besetzen können, aber nun wird die Vaterland dorthin beordert und erreicht am 4. Mai ihren neuen Stationierungsort Chongqing. Die wenigen Deutschen in Chongqing haben schon lange die Statio-nierung eines deutschen Schiffes in ihrer Stadt erwartet. Der deutsche Konsul ist mit einer Kriegsdschunke, »von der wir mit einem ohrenzerreißenden Feuerwerk begrüßt wurden«, der Vaterland entgegengekommen.

Als Anfang Juni 1907 nicht weit weg von Chongqing, in Wanxian, Unruhen wegen der Erhöhung der Opium-steuer zum Bau neuer Schulen ausbrechen ist auch die deutsche China Inland Mission bedroht und die Vater-land geht mit dem englischen Flußkanonenboot Wood-lark in das Krisengebiet. Die chinesische Provinzregie-rung kann dann aber mit Regierungstruppen den Auf-stand niederschlagen.

Von Chongqing aus erkundet die Vaterland die Gewäs-ser weiter flußaufwärts, zeigt Flagge und ist auch mit politischen Aufgaben wie der Verbindung zur Regierung der großen Provinz Sichuan, die am oberen Yangtse-kiang liegt, beauftragt.

Als notwendiges Ersatzschiff für die Vaterland wird 1908 die Otter in Auftrag gegeben. Wie die Vaterland ist die Otter speziell für die Flußverhältnisse am Yangtse ent-worfen. Nach ihrem Transport nach Schanghai wird die Otter dort am 1. April 1910 in Dienst gestellt. Als erste Werbemaßnahme für die deutsche Industrie und für das deutsche Prestige stellt die Otter einen neuen Re-kord bei der Durchfahrung der Yangtseschluchten mit ihren Stromschnellen auf der »Bergfahrt« zum oberen Yangtse auf. In 38 Stunden durchfährt die Otter die Schluchten und unterbietet den bisherigen Rekord eines französischen Kanonenbootes um drei Stunden. In Chongqing stellt der Kommandant der Otter, Kapitän-leutnant Johannes Jantzen, in einem Bericht vom 31. Juli 1910 fest, daß die wenigen »Reichsangehörigen« in der Provinz Sichuan, und die geringen deutschen Handels-interessen in der Region, kaum die Stationierung eines Kriegsschiffes in Chongqing rechtfertigen. »Wichtiger erscheint mir vielmehr die andere Aufgabe des Sta-tionärs: Die kulturelle Erschließung des Landes und die Propaganda für deutsche Machtstellung und für deut-sche Einrichtungen mit dem Endzweck der Förderung des deutschen Handels in diesem Teil Chinas.« Sollte aber eine »Steigerung unseres Einflusses und Handels in der Provinz« Sichuan nicht durch die Anwesenheit eines Kriegsschiffes erwartet werden, könne man die Otter auch vom oberen Yangtse abziehen.

Auch Geschwaderchef Erich Gühler sieht keinen Sinn in der Stationierung eines Schiffes in Chongqing und schreibt am 4. Oktober 1910 an den deutschen Gesand-ten in Peking, daß »die kostspielige Unterhaltung eines Flußkanonenbootes auf dem oberen Yangtse nicht zu rechtfertigen ist«. Die Aufgabe der deutschen Station am oberen Yangtsekiang steht an, als 1911 die Revolution in China ausbricht und damit eine deutsche Militärpräsenz auch am oberen Yangtsekiang außer Frage steht. Von Chongqing aus werden selbstverständlich Erkundungs-fahrten und Besuche chinesischer Regierungsstellen unternommen. So ist die Otter Ende Juli/Anfang August 1914 bis zur Schiffahrtsgrenze des Yangtse unterwegs und kommt diversen Einladungen chinesischer Behör-den in der Gegend nach, bevor sie wieder nach Chong-qing geht.

Die deutschen Kriegsschiffe auf dem Yangtse beteiligen sich aber auch an zivilen Hilfsmaßnahmen wie etwa die Besatzung der Jaguar, die in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1908 nahe Nanking ein Großfeuer löscht.


Die von allen Ausländern in China allgemein einge-schätzte Lage ist, daß die Fremdenfeindlichkeit im Land von Jahr zu Jahr zunimmt mit dem wachsenden Selbst-bewußtsein der Oberschicht Chinas. So ist nun selbst das Aussehen eines Flußkanonenbootes zum Beeindrucken der chinesischen Bevölkerung von Bedeutung. Die Fluß-kanonenboote sind meist umgerüstete Flußdampfer und sehen folglich auch nicht anders aus. Im Gegensatz dazu ist die als Flußkanonenboot gebaute deutsche Otter sogleich als Kriegsschiff zu erkennen und Admiral Erich Gühler, 1910/11 Chef des Kreuzergeschwaders, schreibt über eine Fahrt der Otter auf dem Yangtsekiang:

»Das Schiff hat überall einen guten Eindruck hinter-lassen und es ist in der That wegen seines militärischen kriegsschiffmäßigen Aussehens und seiner zwei Schorn-steine besonders geeignet, gerade bei der chinesischen Bevölkerung Eindruck zu machen.«

Anfang 1911 geht Gühler mit seinem Flaggschiff, dem Großen Kreuzer und Vier-Schornstein-Schiff Scharn-horst, auf Fahrt nach Nanking, um »den Chinesen durch das Zeigen eines großen deutschen Kriegsschiffes einen Begriff von den Machtmitteln des Reiches zu geben«.

Am 23. September 1914 schreibt der Kommandeur der China-Station der Royal Navy, Vizeadmiral Martyn Jer-ram, in einer Nachricht an die Admiralität nach London: »Dieser große Wasserweg [der Yangtse] ist der wichtig-ste Teil von China und seine Bedeutung wird mit der Entwicklung des Landes wachsen. Es gibt nun tägliche Dienste von Flußdampfern von Schanghai nach Hankau (1120 Kilometer) und es gibt eine große Konkurrenz zwi-schen britischen, chinesischen, deutschen und japani-schen Dampfschiff- und Handelskompanien.«

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Das Ostasiatische Kreuzergeschwader

Seit 1869 ist die Ostasiatische Station der deutschen Kriegsmarine dauernd mit Kriegsschiffen besetzt – es waren aber auch schon seit 1860 deutsche Kriegsschiffe in Ostasien stationiert – , um in Ostasien Flagge zu zei-gen und somit politische und wirtschaftliche Interessen Deutschlands vor Ort zu fördern und, wenn als notwen-dig erachtet, auch mit militärischen Mitteln durchzu-setzen.

Das riesige China wird als ein zukünftig wichtiger wirt-schaftlicher Markt angesehen, der eine entsprechende militärpolitische Beachtung erfordert.

Für den weltweiten Einsatz der deutschen Kriegsmarine sind sogenannte Stationen eingerichtet, in deren Raum sie operieren und wo ihnen Versorgungsstützpunkte zur Verfügung stehen. Die Ostasiatische Station ist aber im Gegensatz zu allen anderen Stationen nicht mit norma-lerweise zwei Kriegsschiffen besetzt, sondern mit einem ganzen Geschwader, dem Ostasiatischen Kreuzerge-schwader. Als weitere Besonderheit ist das Geschwader unmittelbar dem Kaiser unterstellt und handelt unab-hängig und selbständig vom deutschen Gesandten in China und den weiteren deutschen Konsuln im Land und auch unabhängig vom Gouverneur der Kolonie Kiautschou, der ebenfalls der Marine untersteht.

Das Ostasiatische Kreuzergeschwader ist also auch poli-tisch ein eigenständiges Gebilde, mit einem Admiral als Kommandeur, hinter dem wiederum der Kaiser mit seiner Politik steht, zuweilen im Gegensatz zum Kanzler, dem die Diplomaten unterstehen, was zu Reibereien zwischen den deutschen Dienststellen in Asien führt.

Insbesondere sind Unstimmigkeiten zwischen den auch politisch selbständig handelnden Kommandanten der Kriegsschiffe, mit ihrem Admiral als Deckung, und den deutschen Konsuln vor Ort möglich, was bei den ein-heimischen Funktionsträgern in Asien, die sowohl mit deutschen Konsuln als auch mit deutschen Kriegs-schiffkommandanten zu tun haben, wohl einen merk-würdigen Eindruck hinterläßt.

Die politisch eigenständig handelnden Vertreter des Kreuzergeschwaders und die diplomatischen Vertreter des Reiches haben zudem verschiedene Informations-kanäle, die Schiffskommandanten über die Marine, die Diplomaten über das Auswärtige Amt. Und die Kom-mandanten und Diplomaten schicken ihre Berichte an ihre jeweilige zuständige Dienststelle der Marine oder des Auswärtigen Amtes, aber Auswärtiges Amt und Kriegsmarine führen keinen geregelten Austausch ihrer Informationen.

Die politischen Aufgabenbereiche zwischen dem Kreu-zergeschwader und den Diplomaten werden nie abge-grenzt und insbesondere die unabgestimmte Besuchs-praxis bei chinesischen Mächtigen mit den deutschen Marineoffizieren wird von den Vertretern des Auswär-tigen Amtes kritisiert. Im Allgemeinen aber arbeiten die Konsuln und die Marineoffiziere gut miteinander zu-sammen und nur die höheren Chargen pflegen ihre Kompetenzstreitigkeiten.

Die Schiffe des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders wer-den auch weit weg von ihrem eigentlichen Seegebiet eingesetzt. So erhält der Kleine Kreuzer Nürnberg am 16. Oktober 1913 den Befehl, wegen der Unruhen in Mexiko sofort an die Westküste des Landes zu gehen. Am 8. November trifft der Kreuzer in der mexikanischen Hafenstadt La Paz ein, von wo aus in der Folgezeit, zum Teil gemeinsam mit Kriegsschiffen aus den USA, Groß-britannien und Japan, zahlreiche Häfen besucht werden. Ein Eingreifen der Nürnberg zum Schutze deutscher, österreichisch-ungarischer oder schweizer Bürger wird jedoch nicht notwendig. Im Juni 1914 läuft der Kreuzer nach Panama, für einen Besatzungswechsel und die Nachschubübernahme. Am 7. Juli erfolgt in Mazatlán ein Treffen mit dem Kleinen Kreuzer Leipzig, der zur Ab-lösung aus Deutschland gekommen ist. Wegen des schlechten Kesselzustandes läuft die Nürnberg zu-nächst San Francisco an, wo sie vom 14. bis 18. Juli zur Kesselreparatur eingedockt liegt. Am 18. Juli läuft sie von San Francisco über Honolulu nach Apia aus, um sich in Samoa mit den Großen Kreuzern Scharnhorst und Gneisenau zur Südseereise des Ostasiatischen Ge-schwaders zu treffen.