Dem Kaiser vom Österreich unterstehen sowohl alleinig die Außenpolitik, das Heer und die Kriegsmarine von Österreich-Ungarn. Somit ist der österreichische Kaiser für koloniale Unternehmungen seines Reiches zustän-dig. Kaiser Franz Joseph I und sein Außenminister Graf Goluchowski planen die Erwerbung eines Hafens in China. 1899 schickt die Regierung in Wien den Kreuzer Kaiserin Elisabeth als Stationsschiff nach China, auch mit der Absicht, wie Deutschland 1897 Kiautschou, einen Hafenplatz in China zu erwerben.
Ende Dezember 1898 bekommt Julius Beck das Kom-mando über die Kaiserin Elisabeth. Auf Becks Wunsch wird auch der Marineoffizier Alfred von Koudelka auf die Kaiserin Elisabeth eingeschifft. Koudelka: »Nach der Einschiffung in Pola teilte mir Beck bei strengster Schweigepflicht mit, in den letzten Dezembertagen habe der Marinekommandant eine Note des Ministeriums des Äußeren erhalten, daß der Minister, Graf Golu-chowski, erwäge, ob Österreich-Ungarn nicht nach deut-schem Muster einen chinesischen Hafen pachten solle, um den Handel mit Ostasien zu fördern. Das Ganze sei geheim zu halten, die diesbezüglichen Studien, For-schungsarbeiten und die Berichterstattung würden mir übertragen. Zu diesem Zweck war ich vom Hafendienst zu befreien und sollte offiziell als Adjutant des Kom-mandanten und Kadetten-Instruktionsoffizier fungie-ren.
Glücklicherweise blieben mir vor der eigentlichen For-schungsarbeit etwa zwei Monate Zeit, alle Fragen zu überdenken und mich vorzubereiten. Nun, die soge-nannten ›Vertragshäfen‹ wie Fu-Tschou oder Amoy kamen aus politischen Gründen nicht in Frage. Die Nähe eines großen Handelshafens wie Hongkong oder Shang-hai war zu vermeiden, weil sie zuviel Konkurrenz bedeutet hätte, ebenso die Nähe des deutschen Pacht-gebietes Kiautschou. Es blieben daher nur die Häfen zwischen Hongkong und Shanghai oder nördlich davon zur Wahl. Welcher war der beste? Das sollte die Forschung ergeben! Allem voran war eine Rücksprache mit dem k.u.k. Gesandten in Peking, Freiherr von Czikann, und dem Generalkonsul in Shanghai, Freiherr von Schmucker, notwendig. Als Reiseroute plante ich in etwa: den Besuch der Häfen südlich von Shanghai, dann einen Sommerbesuch in Japan, und schließlich wollten wir die Häfen nördlich von Shanghai aufsuchen. – S.M. Kreuzer Kaiserin Elisabeth verließ Pola am 24. Jänner 1899.«
Über Port Said und Aden geht es nach Colombo auf Ceylon, wo die Kaiserin Elisabeth auf die heimreisende Korvette Frundsberg trifft, um die Übergabe der ostasiatischen Station durchzuführen. Auch Post trifft in Colombo für die ausreisende Kaiserin Elisabeth ein. Koudelka: »Die Post aus der Heimat hatte uns einen unerfreulichen Erlaß des k.u.k. Reichskriegsministe-riums gebracht. In der Neuen Freien Presse war ein Leitartikel erschienen, der von der Absicht der Mo-narchie sprach, nach deutschem Beispiel einen Hafen in China zu pachten. Der Schiffskommandant hatte um-gehend zu berichten, wer für diese schwere Übertretung der Geheimhaltungspflicht zur Verantwortung gezogen werden müsse! Beck schäumte: „Hier an Bord sind nur Sie, als der zur Arbeit berufene, und der GDO [Gesamt-Detailoffizier, in der deutschen Marine der Erste Offizier, ranghöchster Offizier nach dem Kommandanten], Korvettenkapitän Karl Graf Lanjus von Wellenburg, als mein Stellvertreter, in das Geheimnis eingeweiht. Wem also ist der Vertrauensbruch zuzuschreiben?“ Lanjus und ich versicherten ehrenwörtlich nicht schuldig zu sein. Aber Beck weihte nun auch den Schiffsauditor, Linienschiffsleutnant Pietzuk, ein und ordnete gericht-liche Erhebungen zur Feststellung des Übeltäters an. Als mir die wiederholten Vernehmungen durch Freund Pietzuk, der allerdings nur seine Pflicht tat, zu viel wur-den, kam mir der Gedanke, im Postbuch nachzusehen, wer und an wen rekommandierte Briefe aufgegeben hatte. Da fand ich unter der Eintragung in Port Said: Absender Linienschiffskapitän von Beck, Empfänger Oskar von Teuber! Letzterer war der Verfasser von militärwissenschaftlichen Büchern und Arbeiten, ne-benbei auch Reporter der Neuen Freien Presse und Vertrauter von Beck, den ich seinerzeit als Pressere-ferent wiederholt vor dem Sensationsdrang Teubers gewarnt hatte. – Beck wurde sehr verlegen, er habe Teuber für sehr vertrauenswürdig gehalten; es sei ja immerhin möglich, daß in dem Brief eine Stelle ent-halten gewesen sei, die Teuber auf den Gedanken der Bearbeitung für die Neue Freie Presse gebracht habe; er werde die Antwort ans Ministerium selbst absenden, Pietzuk solle sofort alle Erhebungen einstellen!«
In Peking besuchen Beck und Koudelka zur Bespre-chung des Planes der Erwerbung eines Hafens den österreichisch-ungarischen Gesandten Baron Czikann. Koudelka: »Bereits bei den ersten Besprechungen stellte sich heraus, daß er über China und die Chinesen wenig wußte, über die Wiener chronique scandaleuse hinge-gen wußte er bestens Bescheid. Als wir mit Legationsrat von Rosthorn, der als Dolmetsch fungierte, dem chine-sischen Ministerium des Äußeren einen Besuch abstat-teten, stellte sich heraus, daß unser famoser Gesandter nicht einmal dessen allmächtigen und berüchtigten Vorsitzenden, Jung-lu, kannte!
…
Am Morgen des fünften Tages ging es an die Rückreise, Beck inspizierte die Gesandtschaftswache – Linien-schiffsleutnant Karl Prica, zwei Kadetten und 30 Matro-sen –, die abgelöst wurde und mit uns nach Tschifu einrückte. In Tschifu veranstalteten die europäischen Residenten uns zu Ehren einen Ball, dann fuhren wir nach Shanghai, um von da aus die südlich gelegenen Häfen unter die Lupe zu nehmen.
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Unser Generalkonsul in Shanghai war Herr von Schmucker, ein ruhiger, freundlicher Mann, der seine Ablösung durch Pisko bereits in der Tasche hatte. Czikann hatte über ihn kein sehr günstiges Urteil abzugeben, das Schmucker nun in gleicher Art erwi-derte, gleichzeitig ließ er auch an Pisko kein gutes Haar, wie dann später wiederum Pisko für von Schmucker nur unfreundliche Worte fand. Die sogenannte ›Kollegiali-tät‹ der k.u.k. Diplomaten! Die Zeit zur Erfüllung unserer geheimen Aufgabe war gekommen. Reich an Eindrük-ken vom Getriebe auf der Bubbling well road und vom intensiven Handelsverkehr in den Straßen der franzö-sischen Konzession verließen wir Shanghai, um zuerst Namquan anzulaufen.
Für die Durchführung meiner Arbeit mußte ich daran denken, Ufer und Wassertiefen zu studieren. Wo konn-te man Kais und Molen anlegen? War ein Chinesen-viertel in der Nähe? Was bieten und brauchen die um-liegenden Ortschaften? Welcher kommerzielle Zusam-menhang besteht mit dem Hinterland? Käme eine Bahnverbindung mit dem Hinterland in Frage? Wenn ja, wie sollte die Trasse geführt werden? Welche erfolgversprechenden Industrien können aufgebaut werden? Welche lokalen Produkte gibt es: Tee, Erze oder Öle? Die Dampfer des Österreichischen Lloyd könnten auf ihrer Route Hongkong-Shanghai-Japan ohne weiteres dazu verhalten werden, unseren Ver-tragshafen anzulaufen, und wo Tauben sind, würden Tauben zufliegen, der Handel würde sich entwickeln.
Jedenfalls waren viele Fragen möglichst ausführlich zu beantworten. Das erforderte längere Bootsexpeditionen und kleinere Inlandreisen. Weiter ins Landesinnere vorzustoßen, mußte späteren Pionieren vorbehalten bleiben, denn in Shanghai hatte man uns bereits ge-warnt, daß geheime Gesellschaften emsig am Werk seien, den Fremdenhaß zu schüren. Beck verbot daher, daß ich das bewaffnete Expeditionsboot überhaupt ver-ließ und begründete dies so: „Der Korvéekadett, den Sie mithaben? Der genügt nicht für die Sicherheit von Boot und Besatzung, denken Sie an das Boot der Donau, das an der Küste von Borneo in den siebziger Jahren von Piraten überfallen wurde, als die Besatzung Holz schlä-gerte.“ Manchmal mußte ich aber vorstoßen, dann nahm ich unseren Bordphotographen, Linienschiffs-leutnant Maximilian Daublebsky, und seine Kamera mit, „damit ein Offizier im Boot verbleiben könne“.
Der Hafen von Namquan bot folgendes Bild: die Einfahrt lag zwischen zwei leicht zu befestigenden Hügeln. Das Hafenbecken war geräumig und tief und im Westen durch einen auch für große Segelschiffe befahrbaren flußähnlichen Wasserweg mit dem Gordon-See ver-bunden, der ebenfalls einen geräumigen Hafen bildete. Am Nordufer gab es terassenförmig angelegte Reis-kulturen, das Südufer war flach und für eine europä-ische Niederlassung sehr geeignet. In der Nordostecke des Hafens lag das schmutzige, dicht bevölkerter Städtchen Schetscheng. Der Gordon-See bot sich für Werften und Docks an, an seinen Ufern bestand die Möglichkeit für reichen Ackerbau. Der Handel ab Namquan würde rasch die nördliche Hälfte der Provinz Fukien an sich ziehen, und mein positives Schlußurteil hatte zwei seltene Berichtsbeilagen: eine Rübe, deren Analyse zeigen sollte, ob Zuckerrübenanbau empfeh-lenswert sei, und ein Stück Quarz mit einem Gold-sprengsel aus einem Vorkommen nördlich des Gordon-Sees. Gold durfte damals als sogenannter ›Schatz des Heiligen Drachen‹ von den Chinesen nicht abgebaut werden.
Da die Pachtung als wirtschaftlicher und nicht als mili-tärischer Stützpunkt gedacht war, erhob sich die Frage nach der Art der Güter für die Ein- und Ausfuhr, an deren Beantwortung ich nur ganz oberflächlich heran-gehen konnte. Es mußte den Handelstreibenden der kleinen Kolonie überlassen bleiben, ihre Tätigkeit über deren Grenzen möglichst auszudehnen, Exportgüter zu sammeln und zu verfrachten und andererseits aus der Heimat nur das zu beziehen, was hierzulande Absatz finden konnte.
Nach Namquan nahm ich mir die weiter südlich ge-legene Samsa-Bucht vor, die mehrfach geästelt tief ins Land reichte. Kaiserin Elisabeth ankerte in der geräu-migen Bucht im Norden der Hafeneinfahrt und ›machte in militärischer Tätigkeit‹, wie Bootsübungen und Schei-benschießen mit Gewehren, um die Aufmerksamkeit eines japanischen Kleinen Kreuzers, der bald nach uns angekommen war, von unserer eigentlichen Aufgabe abzulenken. Diese Bucht, ein vortrefflicher Ankerplatz für große Schiffe, kam übrigens nur für diesen Zweck in Frage. Eine genauere Erforschung erübrigte sich daher. Gegen Süden hin lag eine zweite, etwas kleinere Bucht mit dem Städtchen Nin-te, die besser geeignet schien, aber nach ihrer Küstenbeschaffenheit doch nicht zur Anlage einer Niederlassung einlud.
Von der Stadt Fu-tschou, die wir dann anliefen, habe ich wenig zu sehen bekommen. Die Zusammenstellung der umfangreichen Berichte über Namquan und Samsa und deren Ausfeilung fesselte mich zu sehr an Bord.
Nach dem Besuch von Fu-tschou gingen wir an die Er-forschung des Hafens Hing-hoa, der für eine Nieder-lassung großen Stils geeignet schien. Wir ankerten nahe der Hafeneinfahrt, und bald danach traf auch die unter dem Kommando von Linienschiffskapitän Guido Couar-de stehende Korvette Saida ein, die aus Australien zu uns beordert worden war. Da die Seekarten unzurei-chend waren und möglicherweise Untiefen vorhanden waren, wurde vereinbart, daß die Saida weiter in das Inselgewirr des Sunds hineinfahren sollte, denn ihr machte eine Grundberührung weniger aus als der Kaiserin Elisabeth. Die Korvette sollte als Stützpunkt für meine Forschungsgruppe dienen, die eine Dampf-barkasse mit einem Boot im Schlepp benutzte. Solcher-art konnte ich am ersten Tag die Piraten-Bai besuchen und durchforschen, die, ins Festland eingeschnitten, für eine Hafenanlage geeignet schien. Am zweiten Tag unternahmen wir eine Fahrt den Hing-hoa aufwärts bis zur befestigten Stadt Hing-hoa-siang, um dort zu über-nachten. Für eine solche Unternehmung hatte ich mei-ne beiden Boote auf Grund meiner bisherigen Erfah-rungen ausgerüstet. Als ich den Hing-hoa flußaufwärts steuerte, ließ ich durch unseren chinesischen Dol-metsch Tsong-he-tsan bei mehreren Chinesen, die auch flußaufwärts strebten, Erkundigungen einziehen. Alle warnten dringend vor dem Besuch von Hing-hoa-siang: Der Stadtgewaltige sei ein fanatischer Feind aller Euro-päer, und wenn er sich vielleicht auch angesichts der Kanone auf der Dampfbarkasse und der bewaffneten Bootsbesatzung von einem nächtlichen Überfall zurück-hielt, so sei doch Tsong seines Lebens nicht mehr sicher. Der Toa-tai habe bisher noch alle Chinesen hinrichten lassen, die Europäer nach Hing-hoa-siang gebracht hat-ten! Unser Tsong bekam es mit der Angst zu tun, und ich sah ein, daß es nicht klug wäre, die ganze Mission der Kaiserin Elisabeth durch einen bewaffneten Konflikt in Frage zu stellen. Und so kehrten wir nur wenige See-meilen vor Hing-hoa-siang um, um die Boote schließlich eine Seemeile von der Flußmündung entfernt zu veran-kern und bei scharfem Wachdienst zu übernachten. Es gab auch noch einen anderen Grund, auf den Besuch von Hing-hoa-siang zu verzichten. Ich hatte mancherlei Kleinigkeiten von Chinesen gekauft und ihnen zur Be-zahlung verschiedene Münzen angeboten. Immer grif-fen sie nach Kuang-tuang-Münzen und schoben dieje-nigen anderer Provinzen zur Seite. Das bewies, daß die Gegend und wohl auch ihre Kreisstadt Hing-hoa-siang kommerziell sehr stark von Hongkong abhängig waren, was gegen eine europäische Handelsniederlassung sprach.
Am nächsten Vormittag sah ich mir die nordwestliche Ecke des Sundes an, nachmittags kehrte ich mit meinen Booten zum ›Stützpunkt Saida‹ zurück. Als ich mich beim Kommandanten melden wollte, erfuhr ich, er sei am Morgen mit einigen Herren seines Stabes in seiner Dampfbarkasse der Saida ein am Nordufer mündendes Flüßchen hinaufgefahren, um auch einen Beitrag zu leisten. Auf meine Frage nach dem Versorgen für ein längeres Ausbleiben erklärte man mir, sie hätten nur ein paar Sandwiches mitgenommen, falls sie mittags etwas später heimkommen sollten. Ich war über diese Unvorsichtigkeit bestürzt, denn Couarde hatte die Aus-rüstung meines Bootes gesehen und sogar noch gefragt, ob dies alles denn auch nötig sei. Und prompt war diese Privat-Expedition abends noch nicht zurück.
Dabei wurde das Wetter immer bedrohlicher. Mein Boot wurde an Bord gehißt, die Dampfbarkasse an langer Leine achtern vertäut. Als dann noch Regen und steifer Wind aufkam, ließ der GDO, Linienschiffsleutnant Leonidas Pichl, die Kette ausstechen, die Segel einholen und meine Dampfbarkasse wurde von ihm angewiesen, mit voller Bemannung die ganze Nacht über dampf-bereit zu bleiben. Soweit war alles gut und ich verkroch mich müde in meine Hängematte, um zu schlafen. Bald aber ließ mich Pichl wecken: Der Wind war zum Sturm angeschwollen und starker Seegang aufgekommen. Er befahl mir, die Dampfbarkasse solle loswerfen und mit den Kadetten in See gehen! Wohin in der stockfinsteren Nacht und bei der schweren See? Pichl blieb uner-bittlich: „Das ist mir gleich. Wenn das Schiff treiben sollte, kann die Barkasse das Steuer beschädigen.“ Ich protestierte: „Das heißt, die Barkasse mit Mann und Maus versaufen lassen!“ – „Das ist mir gleich!“ Es folgte eine scharfe Auseinandersetzung, bei der ich als der Rangjüngere gehorchen hätte müssen, da kam mir der Artillerieoffizier, Linienschiffsleutnant Franz Löfler, zu Hilfe. Nach langem hin und her wurde ein Kompromiß gefunden: Die unbemannte Barkasse sollte achtern an langer Leine vertäut bleiben, ein Mann mit einer Hacke hatte am Heck bereit zu stehen, um die Leine zu kappen, falls die Saida zu treiben beginne. Es war mir gelungen, das Leben meiner Männer zu retten. Tatsächlich zog ein Taifun in See vorbei, doch blieb das Zentrum genügend weit entfernt, um die Saida nicht in schwerste Gefahr zu bringen.
Was ist aus Couardes Privat-Expedition geworden? Er war, wie bereits erwähnt, in weißer Uniform mit ein paar Sandwiches ausgestattet bei eben beginnender Flut zwischen den nur wenig aus dem Wasser ragenden Schlammbänken eines Flüßchens aufwärts gefahren. Nach wenigen Stunden waren alle Schlammbänke unter der Flut verschwunden, die Herren verloren die Orientierung, verankerten das Boot und verzehrten ihre Sandwiches. Nachmittags, als Schlammköpfe aus dem Wasser zu treten begannen, wurde nach dem eigent-lichen Flußbett gesucht. Mit dem Bootshaken lotend, war man hin und her gefahren, bis auf einmal alles Wasser unter dem Boot rasch ablief und man plötzlich auf einer endlos sich ausbreitenden Schlammbank saß! Weit und breit kein Haus und kein Boot, erst gegen Abend kam ein neugieriger Chinese auf einem Schlammschlitten, sich ›den Schaden zu besehen‹. Er verkaufte einen mittelgroßen Fisch, der dann, im Kesselwasser gekocht, das ganze Nachtmahl für Fahr-gäste und Besatzung bildete. Dann begann es zu regnen und zu stürmen, und die ganze Nacht mußten die Herren, die Couarde eingeladen hatte, ihn zu begleiten, in ihren durchnäßten weißen Uniformen auf der Boots-bank hocken – ohne Decken, ohne Zelt. Erst die im Morgengrauen einsetzende Flut ermöglichte der Bar-kasse nach dieser bitterbösen Nacht die Heimkehr.
Die Führung der Saida hatte erwartet, längere Zeit in einem unbekannten chinesischen Hafen zu bleiben, ›echte‹ Chinesen kennenzulernen, aber auch, die Lei-tung der Forschungsarbeit im Hing-hoa-Sund selbst in die Hand zu nehmen. Der Ausflug Couardes sollte mir, dem Rangjüngeren, demonstrieren, wie man es besser macht. Aus dieser Grundeinstellung resultierte auch Pichls Verhalten mir und meiner Barkassenmannschaft gegenüber. Ich hatte daher vom ›Stützpunkt Saida‹ reichlich genug und beschloß, auf die Kaiserin Elisabeth zurückzukehren. Als Couarde mit seinen Herren in nicht gerade beneidenswertem Zustand auf sein Schiff heimkehrte, benützte ich die Gelegenheit, mich mit meinen Booten auf die Kaiserin Elisabeth abzumelden. Verblüfft fragte Couarde: „Wir sind doch von Australien hierher geschickt worden, um euch zu helfen. Ich hatte mir die Sache anders vorgestellt.“ Worauf ich gehorsamst für die mir zuteil gewordene Hilfe dankte und mit meinen Booten davonfuhr. „Gott sei Dank!“ meinte mein eher phlegmatischer Begleiter Daublebsky, als wir abstießen…
Meinem Kommandanten meldete ich ungeschminkt, wie die vier Tage abgelaufen waren. Er lobte meinen Entschluß, vor Hing-hoa-siang umgekehrt zu sein, denn niemand wußte, wie die höheren Stellen und auch die Deutschen auf einen bewaffneten Zusammenstoß rea-giert hätten. Und die Saida werde er ihrer Wege senden, wir brauchten sie nicht mehr, denn nun fuhren wir nach Japan.
Vor dem Aufenthalt in Japan erbat ich aus folgendem Grund den Besuch des Vertragshafens Amoy: Ich hatte herausgefunden, daß die Evangelisation der Provinz Fukien den spanischen Dominikanern in Amoy oblag. Möglicherweise konnte ich dort Informationen über Bodenschätze bekommen. In mühsamer Unterhaltung – die Patres sprachen nur Spanisch, ich Italienisch und Französisch – machte ich mein Anliegen verständlich. Ich hätte gehört, einer der Patres hätte vor 30 Jahren ganz Fukien bereist, ob kein Tagebuch da sei? Ich wäre Botaniker und hätte gerne Aufschluß über die dortige Flora. Der Prior bejahte und ließ eine alte handgeschrie-bene Schwarte bringen. Ich bereute bald meine zur Ab-lenkung erfundene Notlüge: Der betreffende Pater war wirklich Pflanzenkundler, hatte jedoch keine Ahnung von Bodenschätzen. So mußte ich eine halbe Stunde lang mit vorgetäuschtem Interesse in der Schwarte blättern und erfuhr nichts, außer daß es nördlich des Gordon-Sees Gold gäbe, es aber nicht erlaubt sei, sich der Fundstelle zu nähern. Aber vom ›Schatz des Heiligen Drachen‹ wußten wir ja bereits.
…
Meine Hauptaufgabe in Jokohama war, in der nahege-legenen Reichshauptstadt Tokio vorsichtig zu erkunden, wie sich Japan zu einer Hafenpachtung in China ver-halten würde. Die erhaltene Auskunft war ermutigend und lautete: „keineswegs, ablehnend, wenn der Hafen militärisch nur gegen Piratenüberfälle oder lokale Un-ruhen gesichert, aber nicht zu einem Kriegshafen aus-gebaut wird“, und das lag nicht in unserer Absicht.«
Zurück in China berichtet Alfred von Koudelka weiter: Wir »umfuhren dann die Schantung-Halbinsel, an de-ren Felsküste am 23. Juli 1896 das deutsche Kanonen-boot Iltis bei schwerem Sturm gestrandet war, wobei 71 Mann ums Leben kamen. Wir hatten übrigens bei un-serem Aufenthalt in Shanghai am dortigen Iltis-Denk-mal einen Kranz niedergelegt. Unser Ziel war Tsingtau, die Hauptstadt des deutschen Pachtgebietes Kiau-tschou, die uns als Vorbild für unsere Aufgabe dienen konnte. Eine Besichtigung der Umgebung Tsingtaus zeigte aber rasch, daß die Deutschen in den zwei Jahren seit der Besitzergreifung durch den Kiautschou-Vertrag vom 6. März 1898 fast nur militärische Absicherung des Pachtgebietes vorangetrieben hatten. Investitionen in Handel und Industrie sollten erst später folgen. Natür-lich hatte das deutsche Organisationstalent inzwischen vieles geschaffen; vor allem war die Lösung der sani-tären Probleme gesucht worden. Da Österreich-Ungarn seine Pachtung auf friedlichem Wege zu erreichen gedachte, gab es demnach zu jener Zeit für uns in Tsingtau nur wenig zu lernen. Im großen und ganzen fanden wir bei Dreibund-Genossen [Dreibund = Deutsch-land – Österreich-Ungarn – Italien] freundlich-korrekte Aufnahme. Allerdings hätte ich zu Vergleichszwecken auch gerne eine englische Kolonie im zweiten Jahr ihres Bestandes gesehen.
Nach Tsingtau fuhren wir zu unserem zweiten Besuch nach Shanghai, wo wir Prinz Heinrich von Preußen, dem Chef des deutschen ostasiatischen Geschwaders, unse-ren Besuch abstatteten. Bald trieb uns die Pflicht weiter: Wir untersuchten den Nimrod-Sund, die Sanmun Bai und die Lotsin Bai auf deren Eignung für eine Pachtung. Alle drei Orte erwiesen sich als ungeeignet, hatten zahl-reiche vorgelagerte Inselchen und seichtes Wasser. Die in dieser Gegend sehr starken Gezeiten hätten fort-während kostspielige Baggerarbeiten erfordert. Für die Sanmun Bai hatten sich bereits die Italiener interessiert, aber bereits beim ersten Auftreten eines diesbezüg-lichen Gerüchts hatte die alte Kaiserinwitwe T’zu Hsi energisch Stellung genommen. Einem Volke, das immer wieder besiegt worden war – sogar von Negern! – sei gegebenenfalls schärfster Widerstand zu leisten. Es kristallisierte sich mehr und mehr heraus: Wenn über-haupt ein österreichisch-ungarisches Pachtgebiet in Ostasien in Frage kam, dann kam nur Namquan in nähere Erwägung.
…
Dann ging es quer über den Indischen Ozean nach Aden zurück, wo kurz nach uns S.M. Kreuzer Zenta auf der Ausreise eintraf, um die ostasiatische Station zu über-nehmen. Wir sagten dem Schiffskommandanten, Fre-gattenkapitän Eduard Thomann Edler von Montalmar, und seinem Adjutanten, Linienschiffsleutnant Theodor Ritter von Winterhalder, sie seien eben im Begriffe, zur ›Eröffnungsfeier‹ eines großen Aufstandes in China zurechtzukommen, was aber unser neunmalkluger Gesandter nicht wahrhaben wollte. Wie konnten wir bei dieser Übergabe ahnen, daß Thomann bei der Belage-rung des Gesandtschaftsviertels von Peking am 8. Juli 1900 fallen sollte und Winterhalder so lange unter schwersten Bedingungen kämpfen würde müssen. Während des Boxeraufstandes wurde dann auch das Gebäude der k.u.k. Gesandtschaft in Peking niederge-brannt, es gab Tote und Verwundete beim Wachde-tachment Peking. Nach der Befriedung hätte man daher die Pachtung einer öster-reichisch-ungarischen Kolonie leicht unter Dach und Fach bringen können. Die Ungarn wollten aber nichts neues ›Gemeinsames‹, nur unter dem Mäntelchen einer Etappenstation konnte das öster-reichisch-ungarische Settlement in Tientsin eingerich-tet werden. All die mühevolle Forschungsarbeit sollte dem Vaterland nichts bringen, nur mir das Signum laudis. Jahre später sagte mir der alte Kaiser bedauernd: „Schade, daß nichts daraus geworden ist!“«
1901 fährt der Kreuzer SMS Leopard der österreichisch-ungarischen Marine die Salomoneninsel Guadalcanal an, die östlich von Neuguinea im Pazifik liegt. Matrosen des Kriegsschiffes errichten ein Steinkreuz aus Tiroler Porphyr für ihre fünf Jahre zuvor auf der Insel ums Leben gekommenen Kameraden und Teilnehmer einer geheimen Mission. Auf dem Steinkreuz sind die Namen der fünf Toten eingemeißelt und sie trägt die Aufschrift: »Dem Andenken der im Dienste der Wissenschaft beim Kampf am Fuße des Berges TATUBA heldenmüthig gefallenen Mitglieder der Expedition S.M.Schiffes „Albatros“ von der k.u.k. Kriegs-Marine 1896«
Schon 1893 hatte die österreichische Korvette Saida Guadalcanal aufgesucht, um nach Nickel zu suchen. Ursache für die Nickelsuche ist der Großindustrielle Arthur Krupp. Er ist vor allem an Nickelvorkommen interessiert, die er für seine Stahlerzeugung benötigt, für die Härtung von Stahl. Die Suche sowohl in Nord-amerika als auch im Südpazifik war nicht sehr erfolg-reich. Es gab allerdings vielversprechende Hinweise in den Befunden der Salomon-Inseln. Frankreich hat große Nickelvorkommen auf seiner im Südpazifik liegenden Kolonie Neukaledonien gefunden, die südlich der Salomoninseln liegen, und hat auf dem Weltmarkt fast ein Monopol für Nickel. So glaubt man die Insel Guadal-canal als einen guten Kandidaten für Nickelvorkommen und beauftragt den Geologen Heinrich Freiherr Foullon de Noorbeeck mit der Suche nach dem Erz. Der erste Versuch 1893 im Inneren der Insel Guadalcanal mußte abgebrochen werden. Weder das Finanzministerium noch Foullon selbst wollten es ein weiteres Mal versu-chen. Krupp überzeugt allerdings das Kriegsministe-rium, das auch schon früher an Expeditionen finanziell beteiligt war, zu einem weiteren Versuch. Sollte die Suche auf Guadalcanal erfolgreich sein ist sogar ein eine Übernahme als Kolonie gedacht.
Der Vertrag von 1886 über die Aufteilung der Salomo-nen zwischen Deutschland und England ist der Regie-rung Österreichs bekannt. Durch diesen Vertrag kam Guadalcanal unter britische Kontrolle. Im Vorfeld der österreichischen Expedition von 1896 stellt deshalb die k.u.k Marineleitung bereits fest, daß die politische Lage »den Gedanken an eine militärische Besetzung oder Annexion einzelner Inseln [innerhalb der Salomon-gruppe] durch eine dritte Macht ausschließt«, was heißt, eine militärische Besetzung oder Annexion von Guadal-canal durch Österreich ist ausgeschlossen. Zur Durch-führung der Ideen Krupps für Guadalcanal meint die k.u.k. Marineleitung schließlich: »Auf das Project Krupp zurückkommend, könnte … nur noch die käufliche Erwerbung von Landbesitz durch Herrn A. Krupp im Falle von Erzvorkommen [auf Guadalcanal] in Betracht gezogen werden… Dieses Unternehmen würde sich als rein privatrechtliches qualificiren…«
Es bleibt also nur die Option des Kaufes von Land auf der Insel durch Krupp. Trotzdem beteiligt sich der Staat an der Expedition nach Guadalcanal und stellt ein Kriegs-schiff bereit. Der offizielle Auftrag für die im britischen Einflußbereich liegende Insel lautet nur auf Anlegen von naturhistorischen, ethnographischen und anthro-pologischen Sammlungen für die k.u.k. Hofmuseen. Der eigentliche Grund, die Nickelsuche, ist nur Foullon und dem Kommandanten des Kanonenbootes SMS Albatros bekannt. Würde man Nickel finden, bliebe die Ange-legenheit natürlich weiter geheim und man könnte vielleicht den Engländern die Insel abkaufen, die an-sonsten nicht besonders bedeutend ist. Als Vorwand für einen Kauf könnte man die Wirtschaftsbeziehung Österreichs zu der Insel in den Vordergrund schieben. Das Hauptexportgut der Insel ist minderwertiges Kopra, es muß rauchgetrocknet werden und ist daher nicht so wertvoll wie sonnengetrocknetes Kopra. Der zweite Ex-portartikel der Insel ist Elfenbeinnuß. Das pflanzliche Elfenbein wird hauptsächlich zur Knopfherstellung benutzt. Hauptabnehmer sind Deutschland und Öster-reich. Die Weltmacht England wäre wahrscheinlich sogar bereit dem völlig kolonielosen Österreich die wirtschaftlich und strategisch unwichtige Insel, aus Gründen der Erhaltung guter Beziehungen, zu einem fairen Preis abzutreten und man würde dann ›zufällig‹ Nickel auf der Insel finden.
Am 5. August 1896 erreicht die Albatros Guadalcanal für die Suche nach Nickelvorkommen. Die Expedition findet aber schon am 10. August ihr Ende. Beim Durchqueren der Insel wird die Expeditionsgruppe von Einheimischen überfallen. Dabei wird Foullon angeschossen und stirbt, ebenso kommen vier weitere Österreicher bei dem Überfall ums Leben. Der Traum vom Nickel auf Guadal-canal ist ausgeträumt.
Auch ein einheimischer Führer der Küstenbewohner der Insel ist bei der Expedition ums Leben gekommen. Die Buschmänner im Inneren der Insel liegen mit den Küstenbewohnern in ständiger Fehde und glaubten die Küstenbewohner hätten sich Fremde ins Land geholt, um die Buschmänner von ihrem Gebiet zu vertreiben und griffen deshalb die österreichische Expedition an. Dieser Hintergrund des tödlichen Überfalls ist aber den Österreichern unbekannt.
Nachdem SMS Leopard das Steinkreuz zum Angeden-ken an die Toten der Guadalcanal-Expedition von 1896 aufgestellt hat, geht das Kriegsschiff nach Ostasien zum österreichischen Geschwader, das sich an der Bekämp-fung des Boxeraufstandes in China beteiligt.
Auf der Ostasienstation befindet sich seit dem Herbst 1899 der Kreuzer SMS Zenta. Die Nachrichten vom Boxeraufstand in China führen am 23. Juni 1900 zur Entsendung des Panzerkreuzer Maria Theresia nach China, wo das Kriegsschiff mit den internationalen Einheiten vor der chinesischen Küste zusammenwirken soll. Am 24. Juli 1900 entsendet die k.u.k. Kriegsmarine dann noch die Kreuzer SMS Kaiserin Elisabeth und SMS Aspern nach China.
Das Ziel der Schiffe ist Taku an der Mündung des Peiho. Die Forts von Taku schützen Tientsin, die Hafenstadt von Peking. Am 7. Juni 1900 haben die Truppen der gegen den Boxeraufstand kämpfenden Staaten England, Frankreich, Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien, Rußland, die USA und Japan die Taku-Forts erobert und bahnen sich nun den Weg nach Peking.
Die vor Taku liegende Zenta hat im Juni 103 Soldaten an Land gesetzt. Davon fallen vier Mann in Peking, darun-ter der Kommandant des Kreuzers. Die Maria Theresia trifft am 7. August 1900 auf der Reede vor Taku ein und setzt ein Landungskorps von 160 Mann mit zwei Kano-nen an Land.
Die aus der Heimat Ende Juli abgegangenen Schiffe Kaiserin Elisabeth und Aspern treffen am 7. und 8. September vor Taku ein und setzen weitere Truppen an Land. Die Maria Theresia bleibt bis Anfang Dezem-ber im Gelben Meer, um dann für Wartungsarbeiten nach Japan zu laufen. Am 6. Februar 1901 trifft sie in Schanghai ein und unterstützt dort die internationalen Interventionskräfte. Am 10. Februar kommt die Aspern hinzu, die allerdings durch einen britischen Dampfer bald beschädigt wird. Am 22. Februar 1901 trifft dann auch die Zenta in Schanghai ein.
Anfang März 1901 macht der Panzerkreuzer Maria Theresia eine Fahrt den Jangtse aufwärts bis Nanking, um dann auf dem Marsch mit der Zenta zum Gelben Meer Mitte März erstmals den deutschen Stützpunkt Tsingtau zu besuchen. Am 30. April laufen Maria Theresia, Elisabeth und Zenta den koreanischen Hafen Chemulpo an, wo auch noch der Torpedokreuzer Leopard eintrifft, der von Australien kommend nun die Kräfte vor China verstärkt. Am 6. Mai verlassen die vier österreichischen Kriegsschiffe den koreanischen Hafen wieder. Die Maria Theresia geht mit Elisabeth und Zenta nach Nagasaki. Maria Theresia läuft dann wieder nach Schanghai und den Jangtse aufwärts und als bis dahin größtes Schiff bis nach Hankau, wo sie vom 27. Mai bis 5. Juni 1901 bleibt. Am 28. Juli beginnen von Tschifu aus die Kreuzer Kaiserin Elisabeth und Zenta ihren Rückmarsch in die Heimat. Mit der schon Mitte Juni abberufenen Leopard laufen sie am 1. Oktober 1901 in Pola ein. Nur die Maria Theresia bleibt als Stationsschiff der k.u.k. Kriegsmarine in Ostasien.
Der Boxeraufstand bringt als Ergebnis für die Regierung in Wien, wegen Zwistigkeiten mit der ungarischen Reichshälfte, nicht die erhoffte Übernahme eines Hafens in China, sondern nur die Konzession in der Hafenstadt Tientsin.