Über die Sprachprobleme zwischen Europäern und Chi-nesen schreibt Pfarrer Weicker:
»Dem Kaufmann fehlt begreiflicherweise sowohl die Zeit, als allermeist auch das Interesse, bis zu einer eini-germaßen zureichenden Beherrschung des Chinesi-schen, sei es des der Provinz, in der er arbeitet, sei es des Mandarin-Chinesisch, vorzudringen. Dies hat dazu ge-führt, daß für den Geschäftsverkehr zwischen dem chi-nesischen Kaufmann und dem ausländischen sich eine eigene Sprache gebildet hat. Sie besteht aus einem Ge-misch chinesischer, portugiesischer, malaiischer, viel-leicht arabischer und vor allem englischer Wörter und reiht wie das Chinesische ohne Flexion usw. einfach Wort an Wort. Nach dem aus dem englischen ,,busi-ness“ = Geschäft verderbten Wort „pidgen“ wird diese Sprache pidgen-english oder auch kurzweg „Pidschen“ genannt. Da sie von den Kaufleuten an der Küste ge-sprochen wird, nennt der Chinese sie die „Salzwasser-sprache“. ,,Sawe?“ gleich „Weißt du’s?“ fragt man den chinesischen Boy, wenn man ihm einen Auftrag gege-ben. ,,Me (mi) sawe,“ „ich weiß“, antwortet er dienst-beflissen, in Gedanken vielleicht stolz auf seine „sawe-box“, seinen „Kopf“. Auch die Worte „Käsch“ für das chinesische Geld, „tschau tschau“ für Essen, „godaun“ für den Lagerschuppen sind keine chinesischen Worte, sondern entstammen dem Pidschen, ebenso wie das allen alten Ostasiaten allzu wohlbekannte „maski“, „macht nichts“, „ist egal“. „Joss“ ist das anzünden von Weihrauchstäbchen, „joss-house“, jeder Tempel, und wenn ein Pfarrer seinen Beruf am kürzesten auf Pid-schen bezeichnen will, so müßte er mit dem überall angewendeten „me belong“ sagen: „me belong joss-pidgen“. Ein Sampankuli — Sampan ist das chinesische Wort für einen kleinen Kahn — lehnte die Überfahrt bei schlechtem Wetter trotz hohen Geldangebots ab mit dem philosophischen Hinweis: you no sawe die: „Du weißt nicht, wie das Sterben tut.“ Den Rickschakuli feuern wir an: „plenty kwai kwai (chinesisch „schnell“), — plenty Käsch“, oder auf deutschem Gebiet gar schon: „plenty mache mache — plenty Käsch“, „wenn du schnell machst kriegst du was extra.“«
Eine besondere Sorte Mensch hat sich in Kiautschou unter den Chinesen entwickelt. Die für die Deutschen arbeitenden Lieferanten, Handwerker und dergleichen werden mit deutschen Namen belegt, die auch gleich ihre Geschäftstätigkeit anzeigen, wie Willi Schuster, Franz Schneider, Heini Wäscher. Auch diesen Tsingtau-Chinesen ist das angenehm, weil es ihren geschäftlichen Umgang mit den Weißen sehr erleichtert.
Eine weitere Besonderheit sind die als Diener für Deut-sche arbeitenden Chinesen. Praktisch alle Deutschen in der chinesischen Kolonie des Reiches haben einen Chi-nesen als Diener, und da über 2000 von den Deutschen im Schutzgebiet Marinesoldaten sind sind die meisten dieser Chinesen natürlich im Dienst von deutschen Soldaten.
Als Ende des 19. Jahrhunderts Kiautschou unter deut-sche Herrschaft kommt ist eine Verständigung zwi-schen Chinesen und Deutschen gleich Null, da keiner des anderen Sprache spricht. Nun ist chinesische Arbeitskraft sehr billig und jeder Chinese ist froh bei einem Deutschen Beschäftigung zu finden und die Chi-nesen lernen von ihren Herren deren Sprache. Da dieses Lernen der deutschen Sprache keinerlei Schule unter-worfen ist, lernen die Chinesen das Deutsch, das ihr je-weiliger Herr, meistenteils ein Gewerbetreibender oder eben ein Soldat, spricht: Bayerisch, Berlinisch, Ostpreu-ßisch, Sächsisch, Schwäbisch und so weiter. Und da die Deutschen ihre chinesischen Diener natürlich mit Du ansprechen tun die Chinesen natürlich das Gleiche. Den Unterschied von Du und Sie lernen sie nicht und wissen auch nicht, daß es mehr als unhöflich ist einen Fremden oder Höherrangigen mit Du anzusprechen. So bildet sich in Kiautschou die selbstverständliche Gewohnheit heraus, daß die Chinesen, ohne eine Unhöflichkeit begehen zu wollen, alle Deutschen mit Du anreden und jeder versteht und akzeptiert das. Man ist ja froh überhaupt deutschsprachiges Personal zu haben. Daraus ergeben sich denn natürlich auch für Deutsche, die neu nach China kommen, und diese Sitte nicht kennen, merkwürdige Begebenheiten. Als etwa in den 30er Jahren zwei deutsche Studenten der Sinologie in Peking sich so einen Tsingtau-Boy, wie sie ihr lebenlang heißen, auch wenn sie schon alte Leute sind, als Diener nehmen, benehmen sie sich völlig unpassend ihrem chinesischen Diener August gegenüber, weil sie so einen Chinesen doch für unter ihrer Würde halten. Sie beschimpfen August zuweilen und werfen gar mit ihren Pantoffeln nach ihm. August vergilt es ihnen mit mangelndem Pflichteifer. Ein erfahrener China-Deutscher bemerkt die Unsitten der beiden Studenten ihrem Diener gegenüber und mahnt sie des deutschen Ansehen willens und auf die Landessitten hinweisend August besser zu behandeln. Die deutschen Studenten erklären sich zu einer freundlicheren Behandlung ihres Dieners bereit und nun wird auch August geholt, ihm der Fall erklärt und er verspricht denn auch seine Pflichten getreulich zu erfüllen. Abschließend sagt August: „Wenn ihr mich nich mähr mit eiren dreggschen Pandoffeln schmeißen duht, dann werd ich euch auch gein Hühnerdregg mehr ins Gemüse duhn.“
Im Laufe der Jahre steigen einige dieser Diener mit ihren Deutschkenntnissen und ihrem Wissen über deutsche Haushaltsführung zu Nummer-Eins-Boys in größeren deutschen Haushalten auf und haben das Kommando über alles Hauspersonal, das in Fernost oft sehr umfangreich ist, weil jeder Diener meist nur eine bestimmte Arbeit verrichtet und Personal zudem billig ist. Diese Tsingtau-Boys sind in Ostasien bei deutschen Familien begehrt. Auch der Chef von Siemens in Japan hat einen Tsingtau-Boy als Nummer-Eins-Boy und erklärt einem deutschen Gast über die Tsingtau-Boys: „Ihre Originalität ist uns eine stete Quelle der Heiter-keit, während sie, sofern man sie richtig behandelt, ziemlich ehrlich, recht fleißig und vor allem treu wie Gold sind.“
Als der Japan-Chef von Siemens Ende der 30er Jahre in seinem Haus in Tokio einen Empfang gibt, zu dem auch der deutsche Botschafter in Japan geladen ist, gibt er Jupp, dem Nummer-Eins-Boy, den Auftrag, nach dem Essen den Gästen im Salon auf einem Silbertablett verschiedene Liköre und Schnäpse anzubieten, natür-lich dem Botschafter als erstem. Als es soweit ist tritt Jupp mit dem Likörtablett auf den Botschafter zu mit den Worten: “Na, altes Huhn, was säufst du denn am liebsten?“
Alles erstarrt, aber der Botschafter versteht, lacht und amüsiert sich königlich. Zum Abschied reicht der Botschafter Jupp sogar die Hand.
Ein Ausflug von Offizieren der SMS Cormoran im Juni 1912 von Tsingtau in das zur Kolonie Kiautschou gehö-rende Lauschan-Gebirge gibt ein anschauliches Bild der Landschaft. Die Firma J. Richardt, ein Speditionsge-schäft und Droschkenverleih, stellt den Ausflüglern zwei bespannte Wagen mit chinesischen Kutschern. Das Gebirge liegt an der östlichen Grenze des Schutzge-bietes. Der höchste Berg der Kette, der mit etwa 1130 m die Höhe des Brockens erreichende Lauting, liegt dicht jenseits der Mitte der Ostgrenze der Kolonie. Die ganze Bergkette ist rauh zerklüftet und zerrissen, mit Aus-nahme weniger Täler unbewaldet, mit scharfen Graten und bizarr verzackten Spitzen. Alles Gehölz ist von den Chinesen als Brennholz abgeschlagen. Infolgedessen kann die Verwitterungskruste keinen Halt gewinnen, sondern wird alljährlich zur Regenzeit in die Täler ge-spült, wo sich ungeheuere Schutthalden anhäufen.
Früh um sechs Uhr stehen die beiden bestellten Wagen am Hafen und die Fahrt beginnt. Eine breite, gut ange-legte Fahrstraße führt nach zwei Kilometern zu der chinesischen Arbeiterniederlassung Taitungtschen und weiter auf der Landstraße durch zahlreiche Chinesen-dörfer. Überall sind auf den Feldern die fleißigen Land-bewohner mit der Weizenernte beschäftigt. Nach 15 Kilometern ist Litsun erreicht, wo die Pferde gewechselt werden. Litsun liegt am gleichnamigen Fluß und genießt einen besonderen Ruf wegen seiner vielbesuchten Märkte. Die Offiziersgruppe wird in Litsun vom dort stationierten Marinestabsarzt empfangen. Sie besichti-gen das Marinelazarett, das Gefängnis mit in Ketten gelegten Verbrechern und das frühere Lager der deut-schen Truppen mit dessen ehemaligen Offiziershaus.
Weiter geht die Fahrt entlang des Litsun-Flusses, der vollkommen trocken liegt und nur zur Regenzeit Was-ser führt und dann ein reißender Strom werden kann. Vorbei am Jagdhaus des Jagdvereins von Tsingtau geht es in das Lauschantal. In vielfachen malerischen Win-dungen zieht sich die Straße durch die wilden Gesteins-massen dieses von grotesk verzackten Bergrücken ein-gefaßten Felsentals aufwärts durch das Dorf Tschui-tschui und am von einem Bambushain eingefaßten Tempel Tschuitschuian vorbei. Über die Cäcilienbrücke, benannt nach der Kronprinzessin, geht es weiter zum Ausspann Wangtsytschien. Die letzte Strecke geht es zu Fuß hinauf zu den Mecklenburg-Häusern, einem Gene-sungsheim.
Die Mecklenburg-Häuser führen ihren Namen nach dem Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, dem Präsidenten des Kolonialvereins, der sich um ihre Er-bauung große Verdienst erwarb. Die auf dem Tempelpaß in 450 Metern Höhe liegenden Häuser sind in den Jah-ren 1902 und 1903 erbaut worden und sind ein Gene-sungsheim für Unteroffiziere und Mannschaften sowie als für jedermann gegen Bezahlung offenstehendes Hotel unter der Leitung eines Sanitätsfeldwebels. Eine wundervolle Aussicht eröffnet sich von hier aus auf die Berge und das Lauschantal hinab zum Meer und nach Tsingtau.
Nach dem Mittagessen unternimmt die Gruppe eine Wanderung in die Umgebung zum taoistischen Tempel Peitschiuschiumiau, in dessen Nähe einige kleine Villen in der Bergwelt liegen. Von diesem Tempel weiter wan-dernd erreicht die Gruppe den Tempel ›Waldfrieden‹, ebenfalls ein Taoistentempel, aus mehreren kleinen Häuschen bestehend, die friedlich und idyllisch unter schattigen Bäumen versteckt zwischen grünem Ge-strüpp am wildromantischen Abhang gebettet sind. Hier lagern die Wanderer zur Rast und der Priester des Tempels macht gute Geschäfte mit dem Mineralwasser ›Iltisbrunnen‹.
Marineoffizier Paul Ebert beschreibt die folgenden Wanderererlebnisse:
»Während wir uns so in angeregter Unterhaltung ver-gnügten, bog plötzlich um die nächste Ecke des viel-gewundenen Bergpfades, an des-sen Rande wir saßen, eine reizende Gruppe: Auf dem Rücken eines gewandt und zierlich zwischen den Steinen dahintrippelnden Esels saß ein junges Chinesenmädchen, angetan mit wundervollen Seidengewändern und im vollen Fest-schmuck, vermutlich eine Braut. Wir waren zunächst so überrascht und starr, daß die Reiterin bereits um die nächste Wegbiegung verschwunden war, als wir die Fassung wiedergewannen. Nun brach aber bei unseren Photographen die Begeisterung gewaltig aus und mit lautem Hallo ging es mit gezückter Kamera hinterher, so daß die junge Schöne nicht schlecht erschrak. Aber bald beruhigte sie sich, als ihr die harmlose kleine Huldigung klar wurde; der Versuch, sie auf die Platte zu bringen, mißlang bedauerlicherweise.
Am folgenden Morgen brachen wir schon um sechs Uhr auf, da eine Besteigung des Lauting beabsichtigt war. Ein paar muntere, halbwüchsige Chinesenjungen dienten uns als Führer und Träger. Über den Ostpaß führte der Weg zur Irenenbaude, einem Häuschen des Tsingtauer Bergvereins, dann weiter zum Lauting. Immer romanti-scher gestaltete sich die Szenerie. Wie von Zyklopen-händen aufgetürmt waren riesige Felsblöcke zu mächti-gen Burgen geschichtet. – Nach etwa drei Stunden hatten wir die Spitze des Lauting erreicht. Auf dem Felsen, der die äußerste Bergspitze bildete, ließen wir uns in Gruppen von vier Personen abwechselnd nieder, um von hier aus den prachtvollen Ausblick zu genießen und der unvermeidlichen photographischen Linse in mehr oder weniger malerischen Stellungen als Ziel-objekt zu dienen.«
Über die Merkwürdigkeiten des Geldwesens in China und Kiautschou berichtet Pfarrer Hans Weicker:
»Das allgemein im Lande umlaufende Geld ist Kupfer-geld. Es sind jene bekannten runden, etwa markstück-großen Kupfergeldstücke mit einem meist viereckigen Loch in der Mitte, Käsch genannt. Jedes solches Käsch-stück hat einen Wert von ungefähr ¼ Pfennig. Meist sind sie zu 500 auf eine Schnur aus Reisstroh gezogen, wie die getrockneten Feigen. Eine solche Geldguirlande von 500 Käschstücken heißt ein Tiao, wiegt über drei Pfund und hat den Wert von ganzen 1 Mark und 25 Pfennig. Für jede Reise von mehreren Tagen nimmt darum der Chinese einen ziemlich schweren Sack von solchem Gelde mit. Der anspruchsvollere und reichli-cher zahlende Europäer braucht dann schon ein Pony oder Maultier, das in zwei Körben rechts und links den nötigen Geldvorrat mitschleppen muß. Noch vor 10 Jahren konnte von seiner 1897 ausgeführten Reise nach Kiautschou der Geheime Baurat Franzius erzählen:
„Auf Fremdenverkehr ist man in Kiautschou noch nicht recht eingerichtet. Europäer waren dort noch ziemlich unbekannt, ebenso das Silbergeld. Unser Wirt hatte nie ein Stück davon gesehen und fiel, als ich ihm für ein Stück Steinkohle einen blanken Dollar schenkte, ganz überwältigt vor mir nieder. Auch konnten wir unser Silber nicht verwerten und mußten, obgleich wir zwei nur mit Kupfermünzen beladene Esel mit uns führten, doch mit Hilfe unseres Führers eine Anleihe machen.“
Das ist jetzt freilich auch dort wie überall, wo die Chinesen mit Europäern in Berührung kamen, anders geworden, gilt aber vom Innern Chinas noch durchaus.
…
Neben diesem chinesischen Geld rollt nun, namentlich in den Küstenstädten, aber jetzt auch immer mehr im Innern des Landes, der sogenannte mexikanische Dol-lar, 1 $ = 100 Cent. „Mexican“ heißt der Dollar, weil dieser Dollar die erste von den Spaniern und Portugiesen von Mexiko aus eingeführte Silbermünze war. Der konser-vative Chinese behielt diese Münze in ihrer ursprüng-lichen Gestalt bei. Im Unterschied von seinem vor-nehmeren amerikanischen Vetter stellt der Dollar, wenigstens nach dem Durchschnitt der letzten Jahre, nur einen Wert von 2 Mark dar, doch schwankt sein Kurs beträchtlich; er galt Anfang 1903 nur 1,66 Mark, Ende 1906 dagegen 2,39 Mark. Er ist ein Silberstück in der Größe eines Fünfmarkstückes, — ein Beweis, wie billig in Ostasien noch immer das Silber ist. Für alle in Ostasien lebenden deutschen Beamten, Offiziere und Soldaten steht ihr Gehalt usw. in Reichsmark in den Gehaltslisten, sie bekommen ihn aber in Dollar aus-gezahlt und zwar zum Tageskurs. Steht der Dollar hoch, so bekommen alle diese für 100 Mark vielleicht nur 42 Dollar. Es bedeutet das dann, da die Preise für Lebens-mittel usw. trotzdem im allgemeinen dieselben bleiben, für alle diese einen oft recht beträchtlichen Verlust im Vergleich zu Zeiten, in denen es mal für 100 Mark schon 58 oder mehr Dollar gab. Natürlich gibt es auch Klein-geld in 5, 10, 20 und 50-Centstücken. Die Dollars sind nicht alle vollwertig, auch gibt es viel falsches Geld. Darum hat jedes Geschäft seinen besonderen chine-sischen Angestellten, der am Klange sofort den voll-wertigen, den minderwertigen und den falschen Dollar erkennt. „Schroffen“ heißt dies Geldprüfen, — der Mann der ,,Schroff“, der Tag für Tag Tausende von Dollarstücken durchklimpert. Das Wort ist so allgemein bekannt, daß der deutsche Pfarrer in Schanghai es gar nicht treffender ausdrücken konnte, als er sagte: „Gott wird dich einmal schroffen, wie du deine Dollars schroffst.“«
An anderer Stelle in seinem 1908 in Berlin erschienen Buch Kiautschou schreibt Pfarrer Weicker:
»Schlimm ist für die Kaufleute, daß sie oft lange auf ihr Geld warten müssen. Es wurde im ersten Kapitel gezeigt, wie vor allem der Offizier und Beamte vom wechselnden Dollarkurs betroffen wird. In Zeiten, wo der Dollar hoch steht, hält nun jeder gern mit Zahlen seiner Rechnung zurück und hofft, daß er bald bei fallendem Kurs die-selbe Rechnung mit weniger Verlust wird begleichen können. Und gerade Offiziere und Beamte sind doch augenblicklich die hauptsächliche Kundschaft der Kauf-leute.«
Pfarrer Weicker hat aber auch Gutes über das Geld-wesen in Kiautschou zu berichten:
»Auch für die Badegäste Tsingtaus, mehr aber noch für die in Tsingtau Ansässigen, sowie für allen Handel und Verkehr ist von Bedeutung die erst 1907 erfolgte Aus-gabe von Papiergeld. Bisher mußte man sich mit den sehr unhandlichen Dollarstücken und ihren Teilmünzen schleppen, hatte die Taschen voll solcher Silberstücke und hatte doch kaum 50 Mark bei sich. Oder aber: Man bezahlte mit Schuldscheinen, sogenannte Chits. Gerade für kleine Ausgaben, z. B. in Restaurants war dies Zahlungsmittel sehr bequem. Zu bequem, denn zu leicht verlor einer dabei die Übersicht über sein Credit und Debet, und wurde zu Ausgaben verleitet, die er bei Barzahlung wohl unterlassen haben würde. Dafür ist nun von der Deutsch-Asiatischen Bank Papiergeld in 1-, 5-, 10-, 25- und 50-Dollar-Noten ausgegeben worden. … Wenn es auch kein staatliches Papiergeld ist, so ist die Sicherheit dieses Papiergeldes doch schon dadurch außer Zweifel, daß die Ausgabe der Banknoten der Aufsicht des Reichskanzlers untersteht.«
Das Deutsche Kolonial-Lexikon über das Geld in China und in Kiautschou:
Die übliche Münze für den Geldverkehr an der chine-sischen Küste ist im allgemeinen der mexikanische Dollar. … China selbst hat, wenn man bei den gänzlich verworrenen Münz- und Währungsverhältnissen von einer Währung überhaupt sprechen kann, eine Art Kupferwährung. Ungeheure Mengen alter durchlöcher-ter sowie neuerer minderwertiger Kupferkäschstücke bilden immer noch das Hauptzahlungsmittel für die Masse des 450-Millionenvolkes. Daneben läuft eine Art Silberwährung, deren Wert in Taels ausgedrückt wird. Der Tael ist jedoch selbst keine Münze, sondern ledig-lich ein gewisses Gewicht von Silber, das in Silber-schuhen (Form der Füße der Chinesinnen) für den Handelsverkehr gesammelt wird. Es gibt, je nach dem Feingehalt und dem Gewicht eine ganze Reihe ver-schiedener Taels… Das Fehlen geeigneter Umlaufsmit-tel machte sich auch im Schutzgebiet mit der fort-schreitenden Entwicklung von Jahr zu Jahr empfind-licher bemerkbar. Dies trat weniger im kaufmännischen Großverkehr als im täglichen Leben innerhalb der Kolonie zutage, wo die Unhandlichkeit der schweren Silberdollar und vor allem der Kupferkäschstücke zu einer außerordentlich weitgehenden Verwendung von Schecks und Schuldscheinen (sogenannte Chits) selbst bei den kleinsten täglichen Ausgaben führte. Dies System brachte mancherlei Nachteile mit sich, vor allem verführte es zum unüberlegten Schuldenmachen, weil es den Überblick über die Geldverhältnisse er-schwerte und zur übermäßigen Inanspruchnahme des Kredits verführte. Aus diesen Gründen entschloß sich das Gouvernement zur Einführung von handlichen Geldsurrogaten in Form von Papierwertzeichen. Da es in China ein staatlich ausgegebenes Geldpapier nicht gibt, sondern sämtliche im Verkehr befindlichen Papierwerte von Privatbanken in Umlauf gesetzt sind, schien es angezeigt, auch deutscherseits in Anlehnung an die bestehenden Verhältnisse ähnlich zu verfahren. Es wurde deshalb der Deutsch-asiatischen Bank das Recht verliehen, durch ihre Niederlassungen in Tsingtau und in China Banknoten auszugeben. Sie kamen in Ab-schnitten von 1, 5, 10, 25, 50, 100, 200 und 500 Dollar, sowie 1, 5, 10, 20, 50, 100 und 500 Tael in Umlauf, in Tsingtau und Tsinanfu jedoch nur in Dollar. In der Provinz Schantung dürfen nur auf Tsingtau-Währung lautende Noten ausgegeben werden; zurzeit schweben Verhandlungen wegen eventueller Ausgabe von Tael-Noten. Um die Umlaufsfähigkeit dieser Noten sicherzu-stellen, verpflichtete sich die Bank, sie in Tsingtau und in allen andern Bankplätzen der Provinz Schantung (bisher nur Tsinanfu) zum Nennwert, an ihren übrigen Niederlassungen in Schanghai, Hankau, Peking und Tientsin zum Wechselkurs einzulösen. Außerdem er-klärte sich die Bank bereit, die Noten in analoger Weise jederzeit bei ihren Geschäftsstellen in Zahlung zu neh-men. … Am 15. Juni 1907 begann die Deutsch-asiatische Bank mit der Ausgabe ihrer Noten, die eine willige Aufnahme fanden. … Ein weiterer Übelstand auf dem Währungsgebiet war in Tsingtau wie an den andern ostasiatischen Plätzen der Mangel einer bestimmten Scheidemünze für den mexikanischen Dollar. … Um das Vertrauen des Publikums und die Umlauffähigkeit der neuen Münzen zu erhöhen, hinterlegte das Gouverne-ment bei der Deutsch-asiatischen Bank eine Summe in Silberdollar, die dem Nennwert der gesamten in Umlauf gesetzten Nickelmünzen entsprach. Die neuen 5 und 10 Centstücke haben sich gut eingeführt. Im Jahre 1913 waren ausgeprägt und im Umlauf für 97.500 Dollar 5 und 10 Centstücke.
1914 ist Joachim Lietzmann Fähnrich auf dem Panzer-kreuzer Gneisenau des Ostasiatischen Geschwader. Er schreibt:
»Es herrschte ein schönes Zusammenleben in Tsingtau.
Abgesehen vom deutschen Familienverkehr waren auch die Beziehungen zu den Chinesen überaus gut. Vorneh-me Beamte aus Peking wählten die deutsche Kolonie zum Wohnsitz, die deutsch-chinesische Hochschule stand in voller Blüte, und fast Alle, vom Mandarin bis zum flinkfüßigen Rickschahkuli sprachen deutsch.
In der Umgebung konnte man prächtige Spaziergänge machen. Man durchwanderte, in vollen Zügen die mit Akazienblüten- und Kiefernduft erfüllte Luft genießend, die in saftigstem Grün prangenden Aufforstungen, ließ sich von bezopften Gesellen in der Rickschah von einem Ort zum andern bringen, oder man mietete sich für ein Spottgeld bei Ho-Sing-Kie ein ratterndes Auto, um damit die ferneren Gegenden des Kiautschougebietes zu durcheilen. Meist ging es dann durch das mit einem erstaunlichen Kinderreichtum gesegnete Litsun nord-wärts den erhabenen Lauschan entgegen, an zahlrei-chen Buddhatempeln vorbei nach dem Erholungsheim, Mecklenburghaus genannt, wo der Besucher für seine Mühe durch eine überraschende Aussicht über hohe Bergzüge und tiefe Täler bis weit, weit ins blaue Meer hinaus belohnt wurde. Oder man durchstreifte das Land hoch zu Roß auf dem Rücken der mongolischen Ponys, die in jenem abschüssigen Gelände mit seinen Ravinen Unübertreffliches leisteten. Ich habe überhaupt, außer vielleicht in Schanghai, selten europäische Pferde in Ostasien gesehen.
In der Stadt selbst gab es Zerstreuungen aller Art. In gu-ten Restaurants, unter denen das Café Kronprinz eine Hauptrolle spielte, fand man, was das Herz aber viel-mehr der Magen begehrte. Das unvermeidliche Kino durfte natürlich ebenfalls nicht fehlen. Sehenswürdig-keiten verschiedenster Natur bot der Chinesenstadtteil Tapautau. Für die Anfertigung von Kleidern sorgten ver-schiedene Chinesen, welche sonderbarerweise sämtlich „Müller“ hießen und von eins bis unendlich durch-nummeriert waren, während eine Anzahl chinesischer Schuhmacher, alle auf den schönen Namen „Pille“ hö-rend, in der Herstellung der für den dortigen steinigen Boden besonders notwendigen Fußbekleidung uner-reicht dastanden. Auch Uniformstücke aller Art konnte man bekommen. Dafür sorgte der biedere Ostpreuße Willuda, und er verstand sein Geschäft. Auf dem präch-tig vergoldeten Adlerhelm der Garde du Corps, den er im Schaufenster aufgebaut hatte, konnte man gar nicht achtlos vorübergehen.
…
Charakteristisch für das Gesamtbild der Stadt war der steinerne Koloß des Gouvernementsgebäudes, Dienst-gebäude des Gouverneurs Kapitäns zur See Meyer-Waldeck, sowie die hübsche in moderner Bauart ge-haltene Christuskirche.«