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Die Garnison

In Kiautschou ist das III. Seebataillon der Marine-infanterie der deutschen Kriegsmarine stationiert. Das Bataillon besteht im Jahre 1900 aus vier Kompanien Infanterie und einer Marine-Feld-Batterie mit Maul-tieren als Zugtieren für die mobile artilleristische Unter-stützung. Durch Verfügung des Gouvernements von Kiautschou vom 14. Juni 1901 wird die Aufstellung eines Reiter-Detachements befohlen, dessen Vorläufer schon im Juni 1900 gebildet wurde. Das Reiter-Detachement wird später in 5. (berittene) Kompanie umbenannt.

Eine weitere Truppe in der Kolonie Kiautschou ist die im September 1899 aufgestellte chinesische Söldnertruppe in Stärke von 120 Mann. Sie ist für die innere Sicherheit verantwortlich, um nicht deutsche Soldaten damit zu belasten, die außerdem sprachunkundig und landun-gewohnt sind. Der Vorteil der Chinesentruppe liegt in ihrem geringen Sold, ihrer Kenntnisse der chinesischen Sprache und Lebensweise und sie sind an Klima und Land gewöhnt. Der Truppe werden deutsche Offiziere und Unteroffiziere zugeteilt. Da die Söldner vorher an-dere Berufe ausgeübt haben, bedarf es einer Einübungs-zeit, bis am Jahresende 1899 nach Berlin über die Chine-sentruppe gemeldet werden kann: »Haltung frisch und tadellos. Die Soldaten zeigen Geschick und Zähigkeit«.

Mit Auflösung des Ostasiatischen Expeditionskorps 1901, das zur Niederschlagung des Boxeraufstands in China von Deutschland nach China transportiert wor-den war, und dessen Umwandlung in die Ostasiatische Besatzungs-Brigade, verlegt das I. Bataillon des 1. Ost-asiatischen Infanterie-Regiments nach Syfang, einem Fischerdorf etwa zehn Kilometer nördlich von Tsingtau. Hier verbleibt das Bataillon bis 1906, dann wird es von der aus der Stadt Kiautschou abgezogenen 1. Kompanie des III. Seebataillons ersetzt.

Der kleine Ort Kaumi liegt in der Mitte der 50 Kilometer tiefen Neutralen Zone, die die Kolonie Kiautschou um-gibt und in der Deutschland das Stationierungsrecht für Truppen hat. So wird gemäß Gouvernementsbefehl vom 25. August 1900 ein ständiges Detachement des III. Seebataillons, die 5. (berittene) Kompanie, als dauerhaf-ter Posten dort stationiert. Im Zuge der Neuorientierung der chinesischen Politik gegenüber Deutschland wird die Stationierung einer Truppe in der Neutralen Zone überflüssig. Daher wird das Detachement gemäß Gou-vernementsbefehl vom 5. November 1905 bis zum 2. April 1906 in mehreren Etappen nach Tsingtau zurück-verlegt.

Zum Schutz der Landseite der Hafenstadt Tsingtau wer-den auf der Halbinsel, auf deren Spitze Tsingtau liegt, hinter den Iltis-, Bismarck- und Moltkebergen, die die Stadt umgeben, fünf Infanteriewerke angelegt. Diese Landbefestigungen sind nur kleine und bescheidene Erdwerke, eigentlich nur Infanteriefeldbefestigungen. Sie sind mit je 60 Mann besetzt. Hauptsächlich sind ihre Besatzungen damit beschäftigt als Posten zwischen den Wällen Wache zu laufen. Das Leben in den militärmäßig einfachen Kasematten der Infanteriewerke ist für die deutschen Soldaten keine Freude. Sie sollen die Werke auch nur Sichern und Instandhalten für den Ernstfall, wenn die Besatzungsstärke aus den modernen und im Verhältnis komfortablen Kasernen von Tsingtau, wo die Soldaten auch das Leben der Stadt genießen können, auf 200 Mann angehoben werden soll. Dafür können dann Betten für die neuen Mannschaften aufgestellt werden, die elektrischen Kraftstationen in Betrieb genommen werden, die Küchen und dergleichen Einrichtungen be-triebsfähig gemacht werden. Die eingemotteten Metall-gegenstände der Infanteriewerke sind zum Schutz ge-gen Rost mit Vaseline eingeschmiert.

Ein weiterer ständiger Stützpunkt des III. Seebataillons ist der Strand des Fischerdorfes Schatsykou. Das Dorf liegt über 20 Kilometer Luftlinie von Tsingtau entfernt und bietet die einzige seichte Landungsstelle für feind-liche Truppen auf der Seeseite der Bucht von Kiau-tschou. Folglich werden hier stetig Detachements des III. Seebataillons als dauerhafte Posten stationiert.

Mit Befehl vom 27. September 1910 wird eine Marine-Pionier-Kompanie für das III. Seebataillon gebildet. Sie soll dem Bataillon als mobile Pionier-Einheit zur Verfü-gung stehen. Schließlich wird mit Befehl vom 25. No-vember 1911 eine Maschinen-Gewehr-Kompanie aufge-stellt. Sie besteht aus zwei selbständigen Zügen.

Zu den Nachrichtenmitteln der Truppe wie Melder auf Pferd oder Motorrad und Telefon gehört auch weiterhin die Brieftaube, die auch bei etwa durch starken Regen unterbrochenen Landverbindungen immer Einsatzfä-higkeit ist.

Der Hauptschutz von Tsingtau gegen Angriffe von See stellt die Matrosenartillerieabteilung Kiautschou dar. Die Abteilung besteht aus vier Kompanien zu je 250 Mann. Die Artillerie der Abteilung steht in einem guten Dutzend Forts in den Tsingtau umgebenden Gebirgs-zügen der Gebirgskette der Iltis-, Bismarck- und Moltke-berge. Teile der Artillerie der Matrosenartillerieabtei-lung Kiautschou sind aus dem im Boxeraufstand in den Taku-Forts, die den Zugang nach Tientsin, der Hafen-stadt von Peking, sperrten, entnommen. Bei den Taku-Fort-Geschützen handelt es sich um von Krupp in Deutschland hergestellten Waffen.

Die gesamte militärische Besatzung von Kiautschou be-trägt 2400 Mann, 1400 Mann des III. Seebataillons und die 1000 Mann der Matrosenartillerieabteilung Kiau-tschou.

Im Sommer 1914 erhält die Truppe zwei Fesselballons mit unterhängenden Körben für Beobachter, die bis zu einer Höhe von 1200 Metern aufsteigen können, und auch ihre ersten beiden Flugzeuge treffen ein.



Der regelmäßige Austausch der Truppen in Kiautschou erfolgt über Schiffstransporte. So wird im Januar 1905 der Frachter Frankfurt als Truppentransportschiff her-gerichtet. Mit 800 Mann Marineinfanteristen und 400 Mann Marineartilleristen an Bord legt das Schiff am 23. Januar 1905 in Wilhelmshaven nach Tsingtau ab. An diesem klaren Wintertag sind zum Abschied der Trup-pen die Hafenschleusen mit Menschenmengen dicht besetzt. Eine Militärmusikkapelle spielt am Molenkopf, und unter tausendstimmigen Hurrarufen und Tücher-schwenken erklingt, zuerst von der Musikkapelle ge-spielt, und dann von den Soldaten im Gesang aufge-nommen:

»Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus«   

Durch Nordsee und Atlantik geht es ins Mittelmeer und in den Suezkanal. Im Roten Meer wird die Hitze uner-träglich und die im Schiff zusammengepferchten Sol-daten leiden und viele von ihnen werden von den hier so häufigen Hautausschlägen befallen. Die Schiffsbesat-zung tut ihr möglichstes, um den Marinesoldaten zu helfen. Aus wasserdichten Persennings werden auf Deck Badevorrichtungen geschaffen, die von Offizieren und Mannschaften getrennt zu verschiedenen Stunden be-nutzt werden können. Im Indischen Ozean bessern sich die Temperaturen und die Kolonialsoldaten können den tropischen Nachthimmel bewundern.

In Colombo auf der Insel Ceylon hat die Frankfurt einen mehrstündigen Aufenthalt, um Proviant, Kohlen und Trinkwasser zu übernehmen. Die Truppen, die meisten-teils vorher noch niemals ihre Heimat verlassen haben, dürfen in diesen Stunden einen Landgang in der tro-pischen Stadt unternehmen. Dann geht es weiter durch den Indik in die Straße von Malakka und nach China. Am 3. März erreicht der Truppentransporter Tsingtau.

Der Erste Offizier der Frankfurt, Adolf Winter, der auch zum ersten Male nach Tsingtau kommt, beschreibt die deutsche Hafenstadt in China:

»Die Einfahrt macht einen ziemlich öden Eindruck. Kahle Felsen ohne Vegetation. Hinter der Stadt, die leuchtend weiß uns entgegengrüßt, ziehen sich hübsche Anpflanzungen von Kiefern und Tannen an den kahlen Bergen empor.

Die Stadt selbst ist sehr ausgedehnt und hat modernes Gepräge. Die Straßen, an denen stattliche, zweistöckige Steinhäuser stehen, sind breit und gut gepflastert, die Bürgersteige mit Baumreihen versehen und erinnern durchaus an die deutschen Provinzstädte.

Und zahlreiche Villen grüßen in gefälliger Bauart deut-schen Geschmacks von höher gelegenen Punkten he-rab.

Natürlich nehmen große und schöne Kasernenbauten mit weiten Exerzierplätzen einen besonderen Vorrang ein. Die Hohenzollernstraße, die Prinz-Heinrichstraße mit dem Prinz-Heinrich-Hotel, ebenso das Bahnhofs-gebäude und die Post könnten überall in Deutschland bestehen. Wie Hongkong, Singapur und viele andere Städte des Ostens völlig englisches Gepräge tragen, atmet uns eben in Tsingtau überall die deutsche Heimat entgegen.

Freilich sind auch hier als Arbeiter die chinesischen Kulis vorherrschend, und ich bin erstaunt, wie gut die meisten die deutsche Sprache erlernt haben.

Und natürlich, wo Deutsche sich heimisch fühlen sollen, da muß es auch gutes, deutsches Bier geben. So erzählen mir die Offiziere, daß es sich ganz vorzüglich in Tsingtau leben lasse. Im Sommer gibt es ein besonders lebhaftes und internationales Leben und Treiben am Badestrand von Tsingtau, dessen Klima außerordentlich milde ist.

Wir blieben 16 Tage im Hafen von Tsingtau, dann haben wir die gleiche Anzahl heimkehrender Truppen an Bord und erreichen am 28. April nach schneller und schöner Fahrt wieder Wilhelmshaven.«