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Flottenereignisse


Am 9. Juni 1912 trifft hoher Besuch in Tsingtau ein. Prinz Waldemar von Preußen, Sohn des Großadmirals Prinz Heinrich von Preußen, stattet auf seiner Ostasienfahrt der Kolonie einen Besuch ab. Zum militärischen Emp-fang versammeln sich an diesem Sonntage früh die Offizierskorps der Kriegsschiffe und der Garnison in blendend weißer Tropenuniform an der Mole 2 des Hafens und nehmen Aufstellung. Um Punkt zehn Uhr legt der Kleine Kreuzer Leipzig, der den Prinzen abge-holt hat, an der Mole an, und die Vorstellung der ein-zelnen Offizierskorps beginnt. Einige Tage später findet dann beim Gouverneur, Kapitän zur See Meyer-Wal-deck, wo der Prinz wohnt, ein Abendempfang statt, an dem alles was Rang und Namen hat in Tsingtau teil-nimmt.

In dieser Zeit findet auch die alljährliche Ablösung einer jeweiligen Hälfte der in Ostasien stationierten Besatzun-gen der Kriegsschiffe statt und ein großer Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie, die Patricia, bringt die Abge-lösten zurück in die Heimat. Seit 1910 wird die Patricia der HAPAG für Ablösungstransporte der Garnison in Kiautschou und des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders eingesetzt. Sie ist das größte Handelsschiff, das die Route Europa-Ostasien befährt. Das 178 m lange 14.500 BRT große Passagierschiff befördert auch Fracht und ist normalerweise als Auswandererschiff nach New York unterwegs. Zwischendurch wird die Patricia als Ablöse-transporter nach Tsingtau gechartert.

So verläßt die Patricia auch am 9. Juni 1914 Tsingtau wieder, nachdem sie 800 Ablösesoldaten aus Deutsch-land für das Ostasiatische Geschwader herangebracht hat, zu ihrer sechswöchigen Rückreise. Ein deutscher Marineoffizier schreibt: »Unendlich lange Heimatwim-pel flatterten in den verschiedensten Farben von den vier Masten, bis in die blaue Flut hinab. Brausende Hurras dröhnten als Abschiedsgruß von den Kriegs-schiffen zu den an Deck des Ablösungsdampfers ste-henden Kameraden hinüber, und nicht minder frisch ward uns ihre Antwort zuteil, während die Musik Abschiedslieder und -märsche spielte. Die Entfernung wurde größer, das Schiff entschwand hinter Ju=nui=san, und wir blieben allein da draußen im fernen Osten.«

Am 20. Juli 1914 kommt der Ablösetransporter wieder in Wilhelmshaven an.


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Allgemeine Ereignisse

Eine besondere Sorte Mensch hat sich in Kiautschou unter den Chinesen entwickelt. Die für die Deutschen arbeitenden Lieferanten, Handwerker und dergleichen werden mit deutschen Namen belegt, die auch gleich ihre Geschäftstätigkeit anzeigen, wie Willi Schuster, Franz Schneider, Heini Wäscher. Auch diesen Tsingtau-Chinesen ist das angenehm, weil es ihren geschäftlichen Umgang mit den Weißen sehr erleichtert.

Eine weitere Besonderheit sind die als Diener für Deut-sche arbeitenden Chinesen. Praktisch alle Deutschen in der chinesischen Kolonie des Reiches haben einen Chi-nesen als Diener, und da über 2000 von den Deutschen im Schutzgebiet Marinesoldaten sind sind die meisten dieser Chinesen natürlich im Dienst von deutschen Soldaten.

Als Ende des 19. Jahrhunderts Kiautschou unter deut-sche Herrschaft kommt ist eine Verständigung zwi-schen Chinesen und Deutschen gleich Null, da keiner des anderen Sprache spricht. Nun ist chinesische Arbeitskraft sehr billig und jeder Chinese ist froh bei einem Deutschen Beschäftigung zu finden und die Chi-nesen lernen von ihren Herren deren Sprache. Da dieses Lernen der deutschen Sprache keinerlei Schule unter-worfen ist, lernen die Chinesen das Deutsch, das ihr je-weiliger Herr, meistenteils ein Gewerbetreibender oder eben ein Soldat, spricht: Bayerisch, Berlinisch, Ostpreu-ßisch, Sächsisch, Schwäbisch und so weiter. Und da die Deutschen ihre chinesischen Diener natürlich mit Du ansprechen tun die Chinesen natürlich das Gleiche. Den Unterschied von Du und Sie lernen sie nicht und wissen auch nicht, daß es mehr als unhöflich ist einen Fremden oder Höherrangigen mit Du anzusprechen. So bildet sich in Kiautschou die selbstverständliche Gewohnheit heraus, daß die Chinesen, ohne eine Unhöflichkeit begehen zu wollen, alle Deutschen mit Du anreden und jeder versteht und akzeptiert das. Man ist ja froh überhaupt deutschsprachiges Personal zu haben. Daraus ergeben sich denn natürlich auch für Deutsche, die neu nach China kommen, und diese Sitte nicht kennen, merkwürdige Begebenheiten. Als etwa in den 30er Jahren zwei deutsche Studenten der Sinologie in Peking sich so einen Tsingtau-Boy, wie sie ihr lebenlang heißen, auch wenn sie schon alte Leute sind, als Diener nehmen, benehmen sie sich völlig unpassend ihrem chinesischen Diener August gegenüber, weil sie so einen Chinesen doch für unter ihrer Würde halten. Sie beschimpfen August zuweilen und werfen gar mit ihren Pantoffeln nach ihm. August vergilt es ihnen mit mangelndem Pflichteifer. Ein erfahrener China-Deutscher bemerkt die Unsitten der beiden Studenten ihrem Diener gegenüber und mahnt sie des deutschen Ansehen willens und auf die Landessitten hinweisend August besser zu behandeln. Die deutschen Studenten erklären sich zu einer freundlicheren Behandlung ihres Dieners bereit und nun wird auch August geholt, ihm der Fall erklärt und er verspricht denn auch seine Pflichten getreulich zu erfüllen. Abschließend sagt August: „Wenn ihr mich nich mähr mit eiren dreggschen Pandoffeln schmeißen duht, dann werd ich euch auch gein Hühnerdregg mehr ins Gemüse duhn.“

Im Laufe der Jahre steigen einige dieser Diener mit ihren Deutschkenntnissen und ihrem Wissen über deutsche Haushaltsführung zu Nummer-Eins-Boys in größeren deutschen Haushalten auf und haben das Kommando über alles Hauspersonal, das in Fernost oft sehr umfangreich ist, weil jeder Diener meist nur eine bestimmte Arbeit verrichtet und Personal zudem billig ist. Diese Tsingtau-Boys sind in Ostasien bei deutschen Familien begehrt. Auch der Chef von Siemens in Japan hat einen Tsingtau-Boy als Nummer-Eins-Boy und erklärt einem deutschen Gast über die Tsingtau-Boys: „Ihre Originalität ist uns eine stete Quelle der Heiter-keit, während sie, sofern man sie richtig behandelt, ziemlich ehrlich, recht fleißig und vor allem treu wie Gold sind.“

Als der Japan-Chef von Siemens Ende der 30er Jahre in seinem Haus in Tokio einen Empfang gibt, zu dem auch der deutsche Botschafter in Japan geladen ist, gibt er Jupp, dem Nummer-Eins-Boy, den Auftrag, nach dem Essen den Gästen im Salon auf einem Silbertablett verschiedene Liköre und Schnäpse anzubieten, natür-lich dem Botschafter als erstem. Als es soweit ist tritt Jupp mit dem Likörtablett auf den Botschafter zu mit den Worten: “Na, altes Huhn, was säufst du denn am liebsten?“

Alles erstarrt, aber der Botschafter versteht, lacht und amüsiert sich königlich. Zum Abschied reicht der Botschafter Jupp sogar die Hand.


Ein Ausflug von Offizieren der SMS Cormoran im Juni 1912 von Tsingtau in das zur Kolonie Kiautschou gehö-rende Lauschan-Gebirge gibt ein anschauliches Bild der Landschaft. Die Firma J. Richardt, ein Speditionsge-schäft und Droschkenverleih, stellt den Ausflüglern zwei bespannte Wagen mit chinesischen Kutschern. Das Gebirge liegt an der östlichen Grenze des Schutzge-bietes. Der höchste Berg der Kette, der mit etwa 1130 m die Höhe des Brockens erreichende Lauting, liegt dicht jenseits der Mitte der Ostgrenze der Kolonie. Die ganze Bergkette ist rauh zerklüftet und zerrissen, mit Aus-nahme weniger Täler unbewaldet, mit scharfen Graten und bizarr verzackten Spitzen. Alles Gehölz ist von den Chinesen als Brennholz abgeschlagen. Infolgedessen kann die Verwitterungskruste keinen Halt gewinnen, sondern wird alljährlich zur Regenzeit in die Täler ge-spült, wo sich ungeheuere Schutthalden anhäufen.

Früh um sechs Uhr stehen die beiden bestellten Wagen am Hafen und die Fahrt beginnt. Eine breite, gut ange-legte Fahrstraße führt nach zwei Kilometern zu der chinesischen Arbeiterniederlassung Taitungtschen und weiter auf der Landstraße durch zahlreiche Chinesen-dörfer. Überall sind auf den Feldern die fleißigen Land-bewohner mit der Weizenernte beschäftigt. Nach 15 Kilometern ist Litsun erreicht, wo die Pferde gewechselt werden. Litsun liegt am gleichnamigen Fluß und genießt einen besonderen Ruf wegen seiner vielbesuchten Märkte. Die Offiziersgruppe wird in Litsun vom dort stationierten Marinestabsarzt empfangen. Sie besichti-gen das Marinelazarett, das Gefängnis mit in Ketten gelegten Verbrechern und das frühere Lager der deut-schen Truppen mit dessen ehemaligen Offiziershaus.

Weiter geht die Fahrt entlang des Litsun-Flusses, der vollkommen trocken liegt und nur zur Regenzeit Was-ser führt und dann ein reißender Strom werden kann. Vorbei am Jagdhaus des Jagdvereins von Tsingtau geht es in das Lauschantal. In vielfachen malerischen Win-dungen zieht sich die Straße durch die wilden Gesteins-massen dieses von grotesk verzackten Bergrücken ein-gefaßten Felsentals aufwärts durch das Dorf Tschui-tschui und am von einem Bambushain eingefaßten Tempel Tschuitschuian vorbei. Über die Cäcilienbrücke, benannt nach der Kronprinzessin, geht es weiter zum Ausspann Wangtsytschien. Die letzte Strecke geht es zu Fuß hinauf zu den Mecklenburg-Häusern, einem Gene-sungsheim.

Die Mecklenburg-Häuser führen ihren Namen nach dem Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, dem Präsidenten des Kolonialvereins, der sich um ihre Er-bauung große Verdienst erwarb. Die auf dem Tempelpaß in 450 Metern Höhe liegenden Häuser sind in den Jah-ren 1902 und 1903 erbaut worden und sind ein Gene-sungsheim für Unteroffiziere und Mannschaften sowie als für jedermann gegen Bezahlung offenstehendes Hotel unter der Leitung eines Sanitätsfeldwebels. Eine wundervolle Aussicht eröffnet sich von hier aus auf die Berge und das Lauschantal hinab zum Meer und nach Tsingtau.

Nach dem Mittagessen unternimmt die Gruppe eine Wanderung in die Umgebung zum taoistischen Tempel Peitschiuschiumiau, in dessen Nähe einige kleine Villen in der Bergwelt liegen. Von diesem Tempel weiter wan-dernd erreicht die Gruppe den Tempel ›Waldfrieden‹, ebenfalls ein Taoistentempel, aus mehreren kleinen Häuschen bestehend, die friedlich und idyllisch unter schattigen Bäumen versteckt zwischen grünem Ge-strüpp am wildromantischen Abhang gebettet sind. Hier lagern die Wanderer zur Rast und der Priester des Tempels macht gute Geschäfte mit dem Mineralwasser ›Iltisbrunnen‹. 

Marineoffizier Paul Ebert beschreibt die folgenden Wanderererlebnisse:

»Während wir uns so in angeregter Unterhaltung ver-gnügten, bog plötzlich um die nächste Ecke des viel-gewundenen Bergpfades, an des-sen Rande wir saßen, eine reizende Gruppe: Auf dem Rücken eines gewandt und zierlich zwischen den Steinen dahintrippelnden Esels saß ein junges Chinesenmädchen, angetan mit wundervollen Seidengewändern und im vollen Fest-schmuck, vermutlich eine Braut. Wir waren zunächst so überrascht und starr, daß die Reiterin bereits um die nächste Wegbiegung verschwunden war, als wir die Fassung wiedergewannen. Nun brach aber bei unseren Photographen die Begeisterung gewaltig aus und mit lautem Hallo ging es mit gezückter Kamera hinterher, so daß die junge Schöne nicht schlecht erschrak. Aber bald beruhigte sie sich, als ihr die harmlose kleine Huldigung klar wurde; der Versuch, sie auf die Platte zu bringen, mißlang bedauerlicherweise.

Am folgenden Morgen brachen wir schon um sechs Uhr auf, da eine Besteigung des Lauting beabsichtigt war. Ein paar muntere, halbwüchsige Chinesenjungen dienten uns als Führer und Träger. Über den Ostpaß führte der Weg zur Irenenbaude, einem Häuschen des Tsingtauer Bergvereins, dann weiter zum Lauting. Immer romanti-scher gestaltete sich die Szenerie. Wie von Zyklopen-händen aufgetürmt waren riesige Felsblöcke zu mächti-gen Burgen geschichtet. – Nach etwa drei Stunden hatten wir die Spitze des Lauting erreicht. Auf dem Felsen, der die äußerste Bergspitze bildete, ließen wir uns in Gruppen von vier Personen abwechselnd nieder, um von hier aus den prachtvollen Ausblick zu genießen und der unvermeidlichen photographischen Linse in mehr oder weniger malerischen Stellungen als Ziel-objekt zu dienen.«



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Tsingtau

Eine gründliche Vermessung schafft die Grundlage für die Anlage von Stadt und Hafen. Die Wohnsitze von Chinesen und Europäern werden örtlich getrennt. Erstere wohnen an der Tsingtau- und der östlich von dieser liegenden Auguste-Viktoria-Bucht. Das ehema-lige Dorf Tsingtau verschwindet dort, mit Ausnahme des ›Yamen‹, einst die Residenz des chinesischen Gouver-neurs, jetzt mit Drachenmauer und Tempelanlage ein reizvolles Denkmal chinesischer Baukunst. An der Nord-seite der Halbinsel, westlich vom Observatoriumsberg, liegt die Chinesenstadt Tapautau. Für die chinesischen Kulis werden besondere Siedlungen in Taisitschen, am Ende der Halbinsel und in Taitungtschen, nordöstlich von Tsingtau, angelegt. Hafenbauten werden an zwei Stellen geschaffen, von denen der große Hafen durch eine etwa fünf Kilometer lange Steinmole eingefaßt wird, der kleine Hafen bei Tapautau ist für den Dschunkenverkehr bestimmt.

Bald nach der Besetzung des Kiautschou-Gebietes lassen sich verschiedene in Ostasien tätige Firmen dort nieder und eine schnelle Entwicklung beginnt.

Aus dem Tagebuch des Hamburger Reeders Albert Ballin: »Am 13. März [1901] frühmorgens gingen wir vor Tsingtau zu Anker. Ich war freudig überrascht von dem, was ich vor mir sah. Eine Stadt ist hier in unglaublich kurzer Zeit unter den schwierigsten Verhältnissen aus der Erde emporgewachsen!

In dem hübschen aber sehr kalten Hotel ›Prinz Hein-rich‹ war Wohnung für uns belegt, und am Nachmittage wanderten wir schon durch die vorläufig noch recht staubigen und teils unfertigen Straßen hinauf auf die Anhöhe, wo der stellvertretende Gouverneur und die höheren Offiziere sich angesiedelt haben. Wenn man auch zugeben muß, daß bei dem bisher geschaffenem die militärischen Bedürfnisse weit in den Vordergrund geschoben sind und die Bedürfnisse von Handel und Verkehr noch zu kurz kommen, so bleibt die Leistung doch eine ganz außerordentliche, und jeder von uns, ganz besonders aber diejenigen, welche – wie der deutsche Generalkonsul Dr. Knappe aus Shanghai – den Ort vor zwei Jahren gekannt hatten, waren ebenso erstaunt wie erfreut über solchen Fortschritt.«

Am Diederichs-Berg – benannt nach dem Admiral Otto von Diederichs, der 1897 in Kiautschou die deutsche Flagge hißte – wird das Gouverneurswohnhaus erbaut und mit einer hübschen Gartenanlage umgeben. Von seinen Fenstern hat man einen prachtvollen Ausblick über Stadt und Bucht. Tsingtau ist eine Marinebasis und so ist auch der Gouverneur eine Marineoffizier. Die Offiziere treffen sich im Tsingtau-Klub in der Nähe der großen Tsingtau-Brücke an der Bucht oder im Hotel ›Fürstenhof‹. Das Hotel ›Prinz Heinrich‹ wird mehr von internationalen Gästen bevorzugt.

1908, aus dem Anlaß des zehnjährigen Bestehens der Kolonie, steht in einer Denkschrift des Gouvernements Kiautschou zu lesen: »Anstelle des Dorfes Tsingtau und der chinesischen Truppenlager ist eine, nach einheit-lichem Plan gebaute, ausgedehnte Stadtanlage getre-ten… – Die Stadtanlage ist mit einem Netz chaussierter Straßen versehen, hat Regen- und Schmutzwasserkana-lisation, Wasserleitung und elektrische Beleuchtung, kirchliche Gebäude, Krankenhäuser und Schulen für Europäer und Chinesen, eine Postanstalt, Markthalle und einen allen Anforderungen der Hygiene genügen-den Schlachthof. – Die Hafenanlagen rechnen auch nach fremden Urteilen zu den besten Ostasiens.«

Mit den chinesischen Truppenlagern ist das von der chinesischen Regierung bei dem ehemaligen Dorf er-richtete Militärlager gemeint, das zur Abwehr einer Landung und Inbesitznahme der Bucht durch eine fremde Macht angelegt worden war. Mit dem Erschei-nen des deutschen Ostasiatischen Geschwaders und der Landung der deutschen Marineinfanterie von den schwer mit Artillerie bestückten Schiffen im November 1897 hielten es die chinesischen Truppen im Lager aber für besser kampflos abzuziehen als gegen die deutsche Übermacht unterzugehen.   

Tsingtau wirkt nun mit seinen roten Ziegelsteinhäu-sern, spitzen Kirchtürmen und großen Gartenanlagen wie eine saubere deutsche Stadt. Diese schöne deutsche Stadt in China ist mit allen modernen Einrichtungen ausgestattet. Sie hat ein Geschäfts- und ein Hafenviertel und ein idyllisch gelegenes Villenviertel am Forstgarten, den Sport- und Rennplatz und natürlich den berühmten Strand.

Tsingtau ist im Sommer eine grüne Insel, im angeneh-men Gegensatz zu seiner sonst so kahlen Umgebung. Die Prinz-Heinrich-Berge und dahinter das hohe Lau-schan-Gebirge verleihen der Stadt einen wirkungsvol-len Hintergrund. Das Anziehendste von Tsingtau im Sommer ist sein ausgezeichneter Badestrand. Das Leben am Tsingtauer Strand gleicht genau dem Badeleben an den Nordseebädern. Strandkonzerte und Reunions im Strandhotel. Für Reiten, Polo, Golf und Tennis sind schöne Gelegenheiten. So zieht es ein internationales Publikum zur feuchtheißen Sommerzeit aus dem gan-zen Osten zur Erholung nach Tsingtau.

Im Laufe der Jahre wird auch die räumliche Trennung der Weißen in der den Europäern vorbehaltenen Stadt-teils in Tsingtau mehr und mehr zugunsten reicher Chinesinnen und Chinesen aufgegeben und 1914 schließlich ganz aufgehoben.



Der Handel im Hafen von Tsingtau ist der wirtschaft-liche Schwerpunkt der Kolonie und nimmt von Jahr zu Jahr zu. Große Ozeandampfer und die deutschen Kriegs-schiffe liegen an langen, fest gemauerten Kaianlagen nebeneinander. Auf der Werft mit ihrem großen Schwimmdock tönt der metallische Lärm eiserner Hämmer und im Hafen wimmelt es von Dschunken und Zampans, wie man die kleinen hölzernen Boote nennt. Die Zampans sind eine Art Ruderboote, sie werden aber nicht gerudert, sondern gewriggt. Das Ruder, oder wie es seemännisch richtig heißt: Der Riemen, ist am Heck angebracht und die beiden Hände des stehenden Ruderers liegen am Ende des Ruders auf und führen dort eine kreisende Bewegung aus durch welche das im Wasser liegenden Ruderblatt ein ›Quirlen‹ erzeugt, welches das Boot vorantreibt.

So ein Zampan wird auch zur Personenbeförderung im Hafen benutzt und für den Fahrgast gibt es ein sauberes, buntes Kattunkissen zum sitzen und der Fahrpreis be-trägt immer nur zwei Cent.

Der deutsche Marineoffizier Fritz Witschetzky: »Wenn man nun von Bord an Land gehen will und im Ausgeh-anzug am Fallreep erscheint, gleich schießen fünf, sechs Zampans auf dieses los.«

In ihrer R-losen Sprache rufen die in blauen Leinen-kitteln gekleideten chinesischen Zampankulis: „Offiffi, Offiffi, nimm mich! Ich schnelle, plenty mache, mache.“ Und dabei drängeln sie sich, bald rechts, bald links drehend, mit größtem seemännischen Geschick ans Fallreep heran, bald schnell, bald langsam wriggend.

„Offiffi, Offiffi,“ rufen die gelben Zampankulis, „nimm mich. Ich swei Maschinen, swei Maschinen! Plenty mache, mache!“

Unter einem Zampan mit „zwei Maschinen“ versteht man einen solchen, in dem zwei Kulis, jeder an einem Riemen, wriggen und so schneller sind als ein Zampan mit einem Kuli.

Man steigt in den ersten besten am Fallreep ange-kommenen Zampan ein. „Achtung!“ kommandiert der Kuliu, indem er den Bootsteurer in unsern Kriegsschiff-booten nachahmt. Und nun beginnt die Vorstellung. Der Kuli ist nämlich Bootsteurer, Bootsgast, Maschinisten-maat und Maschine – alles in einer Person.

Zum Zeichen, daß er einen Offizier im Boot hat, setzt er eine kleine gelbe, phantasievolle Flagge. Nun ruft er: „Wollaus gloße Faht!“ (Voraus große Fahrt). Nun ist der Kuli „Maschine“: „Fumm, fumm, fumm…“, er macht das Fauchen der Dampfzylinder nach und quirlt so schnell, daß hinten das Wasser zu kochen scheint. Es folgt das Kommando „Äußesse Klafft“ (Äußerste Kraft) und der Kuli bewegt seine Arme in so schnellen Achten, daß nur noch eine vibrierende, schwingende Bewegung an Stelle des langen schweren Riemens zu sehen ist. Und un-aufhörlich wackelt und pendelt ruckartig der lange schwarze Zopf. Im eleganten Bogen legt er an der Lan-dungsbrücke an, und unter Erweisung sämtlicher mili-tärischen Ehrenbezeigungen überwacht er das Ausstei-gen seines Gastes. Für die zwei Cent Fahrpreis bedankt er sich auch noch durch eine besonders stramme Hal-tung.

Kaum hat er seinen Fuß an Land gesetzt, da stürzen sich die Rikschakulis auf den Ankömmling: „Offiffi, Offiffi, mich, mich, mich, ich plenty laufe, laufe, hie look me stake Beine!“ Und dabei zeigt der Kuli auf seine gera-dezu erstaunlich dicken Wadenmuskeln. Andere drän-gen sich vor, weisen nach, daß der Umfang ihrer Waden weit stärker ist als der aller anderen, und alles wie-derholt: „Ich plenty laufe, laufe!“

Witschetsky erzählt auch den Ablauf seiner ersten Rickschafahrt: »Ich setze mich in eines der schönen, auf Pneumatikrädern laufenden Wägelchen. Der Kuli, ein stämmiger junger Bursche mit hochgestecktem Zopf, in leichtem blauem, sehr sauberem Leinenkittel, mit bloßen Armen und Beinen, erfaßt mit frohem Lachen die beiden Deichseln, und dann saust er mit mir los.

Man liegt mehr, als man sitzt in der kleinen feinen Kutsche, die bequemer als der schönste Klubsessel ist, und doch fühlt man sich anfangs nicht recht wohl darin. Es widerstrebt dem modernen Europäer zunächst doch, daß hier ein Mensch dieselbe Arbeit tut, die zuhause nur vom Tier verrichtet wird. Und nun erst, Wenn’s bergauf geht! Der Kuli vermindert das Tempo nicht, im schnel-len Laufschritt, schwitzend rennt er weiter. Ich rufe: „He – stopp – stopp!“

Endlich hält der Chinese und sieht mich fragend an. „Wir sind doch noch lange nicht am Ziel,“ sagt sein Blick. Ich steige voller Mitleid aus und sage, er solle weitergehen, oben auf dem Berge will ich wieder ein-steigen.

Da wird der Kuli traurig, bittere Enttäuschung zeigt sich auf seinem glatten, bartlosen Kindergesicht. Er schüttelt ablehnend den Kopf, geht nicht weiter, Tränen treten in seine Schlitzaugen.

Ich ahnte nicht – was mir später erklärt wurde – , daß ich des armen Rikschakulis Herz tödlich beleidigt hatte. Er glaubte, ich hielte ihn für zu schlapp, um mich den Berg hinaufzuziehen, und eine schlimmere Beleidigung kennt der Kuli nicht. Als ich nun notgedrungen wieder einstieg, erstrahlte sein Gesicht, wie man es bei uns nur an Kindern sieht. Er bekam zehn Cent für eine Fahrt von einer halben Stunde etwa.

Mit der Zeit gewöhnt man sich daran und findet nichts mehr dabei. Eines Tages fuhr ich zusammen mit einem europäischen Kaufmann, der mir aber doch etwas unbarmherzig vorkam. Als wir an einem der sauber gekleideten chinesischen Polizisten vorbei fuhren, ließ dieser seinen Kuli anhalten, ging zum Schutzmann und sagte, indem er die Nase furchtbar rümpfte: „Kuli Nummer zweihundertelf plenty stinke, stinke nach Knoblauch!“

Der Polizist beroch den armen Schlucker, der Kaufmann bezahlte nicht, und der Kuli mußte traurig auf die »Sympofangtse«, die Polizeiwache, marschieren. Daß er dort wirklich Schläge auf die Fußsohlen bekommen hat, wie mir erzählt wurde, möchte ich nicht glauben. Und dabei gibt es für den Kuli kein schöneres Gewürz als den Knoblauch! Man gehe nur einmal an einer chinesischen Garküche vorbei, wo die Kulis an langen großen Holztischen sitzen und mit Holzstäbchen ihren Reis – sprich „Leis“ – essen. Schon von weitem duftet’s scharf nach Knoblauch, und Europäernasen pflegen das eben leider nicht zu vertragen.

Wenn man in die Stadt fährt, so behält man meist denselben Kuli den ganzen Tag; geht man in ein Restaurant, so wartet die Droschke draußen – stunden-lang, bis man wieder heraustritt. Dann kommt der Kuli lachend und strahlend angesprungen, fast wie ein Hündchen, dessen Herr nach langer Abwesenheit zurückkehrt.«


Für Fahrten in Tsingtau stehen zwei Klassen von Rik-schas zur Verfügung. Die bessere ist mit Gummibe-reifung. Hat man Eile oder geht es in längeren Strecken bergauf, so mietet man zwei Fahrer, von denen der zweite schiebt. Kommt man vom Hafen, geht es die breite, vorzüglich gepflegte Rechtern-Straße entlang, die hinter der Eisenbahnüberführung in die Schantung-Straße, die Hauptstraße von Tapautau, einmündet. Stets trifft man auf dieser Strecke regen Lastenverkehr an. Ochsenbespannte, hochbeladene Karren oder einzelne Kulis, die auf dem typischen chinesischen Schubkarren mächtige Ballen befördern. Eine beliebte Tragart be-steht auch aus einer quer über die Schulter gelegten Stange, von der an beiden Enden Körbe herabhängen. Kurz vor der Eisenbahnüberführung liegt zur Rechten der sogenannte kleine Hafen, in dem zahlreiche Dschunken und Sampans ein und aus gehen. Hier haben auch die Torpedoboote des Kreuzergeschwaders ihren Liegeplatz.

Tapautau ist die eigentliche chinesische Geschäftsstadt, wo die chinesischen Handwerker, Seiden-, Silber-, Bron-ze- und Porzellanhändler ihre Werkstätten und Ver-kaufshäuser besitzen, darunter verschiedene sehr statt-liche Warenhäuser, besonders solche in Rohseide. Auch einige japanische und indische Läden befinden sich hier. Überall muß natürlich nach orientalischer Sitte vom Preis etwa abgehandelt werden, doch geht es in den größeren Seidengeschäften auch recht solide zu.

Bei den Markthallen geht der Stadtteil Tapautau in das eigentliche europäische Viertel, in den Stadtteil Tsing-tau über. Die Verlängerung der Schantung-Straße nennt sich von hier ab Friedrichstraße. Die Friedrichstraße trifft an der Tsingtau-Bucht auf die Tsingtau-Landungs-brücke. An der Friedrichstraße liegen zahlreiche deut-sche Geschäfte und Restaurants. Das eigentliche euro-päische Wohnviertel zieht sich um den Gouverne-mentshügel, an dessem Südfuß das imposanten Gouvernementsdienstgebäude steht, das im Frühjahr 1906 in Betrieb geht. In einem Seitenflügel dieses Gebäudes ist die Kiautschou-Bibliothek mit Lesezimmer untergebracht. Östlich neben dem Gouvernements-hügel liegt der Diederichs-Berg mit der Signalstation und einer in Stein gemeißelten, auf die Besitzergreifung durch Deutschland hinweisenden Inschrift. Zwischen Gouvernementshügel und Diederichs-Berg steht auf einer kleinen Erhöhung wirkungsvoll sich abhebend, die 1910 eingeweihte, im romanischen Stil errichtete evangelische Kirche. Den Hintergrund des Kirchplatzes nach Norden bildet der Wasserberg mit dem Wasser-turm und dem vom Flottenverein geschenkten Obser-vatorium.

Vom Gouvernementsdienstgebäude führt die Wilhelm-straße zum Kaiser-Wilhelm-Ufer, einer prächtigen Strandpromenade, wo das große Hotel ›Prinz Heinrich‹, die Deutsch-Asiatische Bank und die Schantung-Eisen-bahn- und Bergbaugesellschaft ihre stattlichen Gebäude haben.

Am östlichen Teil des Kaiser-Wilhelm-Ufers liegt als letzter Rest des alten chinesischen Dorfes Tsingtau der von hübschen Anlagen eingefaßte buddhistische Tem-pel und das ›Yamen‹, die frühere Dienstwohnung des Mandarinen, in dessen Hof herrliche Glyzinien blühen. Weiter östlich erhebt sich als weiteres Überbleibsel die sogenannte Heidenmauer, eine Drachengeschmückte Wand, bestimmt die bösen Geister abzuhalten.

Ungefähr beim Yamen biegt die bisher in etwa östlicher Richtung verlaufende Strandlinie nach Süden ab und bildet eine Halbinsel von der ungefähren Form eines gleichseitigen Dreiecks mit 300 m Seitenlänge. Diese Halbinsel trennt die Tsingtau-Bucht von der östlich da-von liegenden Auguste-Viktoria-Bucht, allgemein Clara-Bucht genannt. Auf der in die See vorspringenden Spitze dieses Halbinseldreiecks liegt die Offiziersspeiseanstalt.

Die Auguste-Viktoria-Bucht wird eingefaßt von dem in ganz Ostasien berühmten Badestrand, der von zahlrei-chen geschmackvollen Badehäuschen besetzt ist, und hinter dem sich das sehr komfortable ›Strandhotel‹ erhebt. Hier dehnt sich auch der als Renn- und Sport-platz vielbenutzte Iltis-Platz aus, wo im Frühjahr und Herbst regelmäßig Ponyrennen stattfinden. Nordwest-lich schließt sich an den Iltis-Platz ein reizendes Villen-viertel an, während sich nach Norden und Nordosten im bergigen Gelände die Forstanlagen mit wohlgepflegten, schattigen Wegen, Schonungen, Versuchsgärten, Forst-häusern und herrlichen Aussichtspunkten erstreckt. Mit unendlicher Mühe ist unter Leitung deutscher Forstbeamter hier und weiter im Hinterland die Auf-forstung der Berge im Gange, durch die eine Ver-besserung der Wasserverhältnisse der Stadt erreicht und der Versandung des Hafens durch Schwemmland vorgebeugt wird, zugleich aber eine Versorgung der Bergwerke mit Grubenholz, in diesem holzarmen Land ein äußerst geschätzte Material, ermöglicht werden soll. Unendlicher Geduld hat es bedurft in der Erziehung der chinesischen Bevölkerung, die gewohnt war, jeden heranwachsenden Strauch sofort zu Brennzwecken herauszureißen. Die Kasernen der Garnison liegen am Iltis-Platz (Iltis-Kasernen), westlich des Villenviertels am Bismarck-Berg (Bismarck-Kasernen) und weiter im Hinterland südlich der chinesischen Ansiedlung Tautungtschen (Moltke-Kasernen). In der Nähe der Moltke-Kasernen steht auch die Germaniabrauerei.

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Die Flotte

Neben der Erschließung Chinas für die deutsche Wirt-schaft durch einen deutschen Hafen an der chinesi-schen Küste war der hauptsächliche Grund für die Nahme der Bucht von Kiautschou und seines nahen Hinterlandes als Kolonie die Schaffung eines deutschen Marinestützpunktes in Ostasien.

Wegen der starken deutschen Wirtschaftsaktivitäten im Pazifikraum ist zu deren Schutz auch die deutsche Marine im Einsatz. Nur war die Flotte auf japanische und englische Basen für ihre Schiffe im westlichen Pazifik angewiesen. So hatte man schon länger die Küste Chinas erkundet und einen passenden Ort für die Anlage eines eigenen Kriegshafens gesucht. Schließlich wählte man die Bucht von Kiautschou. Die Bucht von Kiautschou hat den Vorteil der nördlichste eisfreie Bereich an der chinesischen Küste zu sein, sodann liegt die Bucht so weit nördlich, daß sie von Taifunen verschont bleibt und es ist möglich in der Bucht einen Hafen anzulegen. Es fehlte nur noch ein Anlaß für die Übernahme der Bucht in deutschen Besitz. Der Mord an zwei deutschen Missionaren in China Anfang November 1897 war dann der willkommene Grund für die Besetzung der Bucht und ihres Hinterlandes.   


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Die Garnison

In Kiautschou ist das III. Seebataillon der Marine-infanterie der deutschen Kriegsmarine stationiert. Das Bataillon besteht im Jahre 1900 aus vier Kompanien Infanterie und einer Marine-Feld-Batterie mit Maul-tieren als Zugtieren für die mobile artilleristische Unter-stützung. Durch Verfügung des Gouvernements von Kiautschou vom 14. Juni 1901 wird die Aufstellung eines Reiter-Detachements befohlen, dessen Vorläufer schon im Juni 1900 gebildet wurde. Das Reiter-Detachement wird später in 5. (berittene) Kompanie umbenannt.

Eine weitere Truppe in der Kolonie Kiautschou ist die im September 1899 aufgestellte chinesische Söldnertruppe in Stärke von 120 Mann. Sie ist für die innere Sicherheit verantwortlich, um nicht deutsche Soldaten damit zu belasten, die außerdem sprachunkundig und landun-gewohnt sind. Der Vorteil der Chinesentruppe liegt in ihrem geringen Sold, ihrer Kenntnisse der chinesischen Sprache und Lebensweise und sie sind an Klima und Land gewöhnt. Der Truppe werden deutsche Offiziere und Unteroffiziere zugeteilt. Da die Söldner vorher an-dere Berufe ausgeübt haben, bedarf es einer Einübungs-zeit, bis am Jahresende 1899 nach Berlin über die Chine-sentruppe gemeldet werden kann: »Haltung frisch und tadellos. Die Soldaten zeigen Geschick und Zähigkeit«.

Mit Auflösung des Ostasiatischen Expeditionskorps 1901, das zur Niederschlagung des Boxeraufstands in China von Deutschland nach China transportiert wor-den war, und dessen Umwandlung in die Ostasiatische Besatzungs-Brigade, verlegt das I. Bataillon des 1. Ost-asiatischen Infanterie-Regiments nach Syfang, einem Fischerdorf etwa zehn Kilometer nördlich von Tsingtau. Hier verbleibt das Bataillon bis 1906, dann wird es von der aus der Stadt Kiautschou abgezogenen 1. Kompanie des III. Seebataillons ersetzt.

Der kleine Ort Kaumi liegt in der Mitte der 50 Kilometer tiefen Neutralen Zone, die die Kolonie Kiautschou um-gibt und in der Deutschland das Stationierungsrecht für Truppen hat. So wird gemäß Gouvernementsbefehl vom 25. August 1900 ein ständiges Detachement des III. Seebataillons, die 5. (berittene) Kompanie, als dauerhaf-ter Posten dort stationiert. Im Zuge der Neuorientierung der chinesischen Politik gegenüber Deutschland wird die Stationierung einer Truppe in der Neutralen Zone überflüssig. Daher wird das Detachement gemäß Gou-vernementsbefehl vom 5. November 1905 bis zum 2. April 1906 in mehreren Etappen nach Tsingtau zurück-verlegt.

Zum Schutz der Landseite der Hafenstadt Tsingtau wer-den auf der Halbinsel, auf deren Spitze Tsingtau liegt, hinter den Iltis-, Bismarck- und Moltkebergen, die die Stadt umgeben, fünf Infanteriewerke angelegt. Diese Landbefestigungen sind nur kleine und bescheidene Erdwerke, eigentlich nur Infanteriefeldbefestigungen. Sie sind mit je 60 Mann besetzt. Hauptsächlich sind ihre Besatzungen damit beschäftigt als Posten zwischen den Wällen Wache zu laufen. Das Leben in den militärmäßig einfachen Kasematten der Infanteriewerke ist für die deutschen Soldaten keine Freude. Sie sollen die Werke auch nur Sichern und Instandhalten für den Ernstfall, wenn die Besatzungsstärke aus den modernen und im Verhältnis komfortablen Kasernen von Tsingtau, wo die Soldaten auch das Leben der Stadt genießen können, auf 200 Mann angehoben werden soll. Dafür können dann Betten für die neuen Mannschaften aufgestellt werden, die elektrischen Kraftstationen in Betrieb genommen werden, die Küchen und dergleichen Einrichtungen be-triebsfähig gemacht werden. Die eingemotteten Metall-gegenstände der Infanteriewerke sind zum Schutz ge-gen Rost mit Vaseline eingeschmiert.

Ein weiterer ständiger Stützpunkt des III. Seebataillons ist der Strand des Fischerdorfes Schatsykou. Das Dorf liegt über 20 Kilometer Luftlinie von Tsingtau entfernt und bietet die einzige seichte Landungsstelle für feind-liche Truppen auf der Seeseite der Bucht von Kiau-tschou. Folglich werden hier stetig Detachements des III. Seebataillons als dauerhafte Posten stationiert.

Mit Befehl vom 27. September 1910 wird eine Marine-Pionier-Kompanie für das III. Seebataillon gebildet. Sie soll dem Bataillon als mobile Pionier-Einheit zur Verfü-gung stehen. Schließlich wird mit Befehl vom 25. No-vember 1911 eine Maschinen-Gewehr-Kompanie aufge-stellt. Sie besteht aus zwei selbständigen Zügen.

Zu den Nachrichtenmitteln der Truppe wie Melder auf Pferd oder Motorrad und Telefon gehört auch weiterhin die Brieftaube, die auch bei etwa durch starken Regen unterbrochenen Landverbindungen immer Einsatzfä-higkeit ist.

Der Hauptschutz von Tsingtau gegen Angriffe von See stellt die Matrosenartillerieabteilung Kiautschou dar. Die Abteilung besteht aus vier Kompanien zu je 250 Mann. Die Artillerie der Abteilung steht in einem guten Dutzend Forts in den Tsingtau umgebenden Gebirgs-zügen der Gebirgskette der Iltis-, Bismarck- und Moltke-berge. Teile der Artillerie der Matrosenartillerieabtei-lung Kiautschou sind aus dem im Boxeraufstand in den Taku-Forts, die den Zugang nach Tientsin, der Hafen-stadt von Peking, sperrten, entnommen. Bei den Taku-Fort-Geschützen handelt es sich um von Krupp in Deutschland hergestellten Waffen.

Die gesamte militärische Besatzung von Kiautschou be-trägt 2400 Mann, 1400 Mann des III. Seebataillons und die 1000 Mann der Matrosenartillerieabteilung Kiau-tschou.

Im Sommer 1914 erhält die Truppe zwei Fesselballons mit unterhängenden Körben für Beobachter, die bis zu einer Höhe von 1200 Metern aufsteigen können, und auch ihre ersten beiden Flugzeuge treffen ein.



Der regelmäßige Austausch der Truppen in Kiautschou erfolgt über Schiffstransporte. So wird im Januar 1905 der Frachter Frankfurt als Truppentransportschiff her-gerichtet. Mit 800 Mann Marineinfanteristen und 400 Mann Marineartilleristen an Bord legt das Schiff am 23. Januar 1905 in Wilhelmshaven nach Tsingtau ab. An diesem klaren Wintertag sind zum Abschied der Trup-pen die Hafenschleusen mit Menschenmengen dicht besetzt. Eine Militärmusikkapelle spielt am Molenkopf, und unter tausendstimmigen Hurrarufen und Tücher-schwenken erklingt, zuerst von der Musikkapelle ge-spielt, und dann von den Soldaten im Gesang aufge-nommen:

»Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus«   

Durch Nordsee und Atlantik geht es ins Mittelmeer und in den Suezkanal. Im Roten Meer wird die Hitze uner-träglich und die im Schiff zusammengepferchten Sol-daten leiden und viele von ihnen werden von den hier so häufigen Hautausschlägen befallen. Die Schiffsbesat-zung tut ihr möglichstes, um den Marinesoldaten zu helfen. Aus wasserdichten Persennings werden auf Deck Badevorrichtungen geschaffen, die von Offizieren und Mannschaften getrennt zu verschiedenen Stunden be-nutzt werden können. Im Indischen Ozean bessern sich die Temperaturen und die Kolonialsoldaten können den tropischen Nachthimmel bewundern.

In Colombo auf der Insel Ceylon hat die Frankfurt einen mehrstündigen Aufenthalt, um Proviant, Kohlen und Trinkwasser zu übernehmen. Die Truppen, die meisten-teils vorher noch niemals ihre Heimat verlassen haben, dürfen in diesen Stunden einen Landgang in der tro-pischen Stadt unternehmen. Dann geht es weiter durch den Indik in die Straße von Malakka und nach China. Am 3. März erreicht der Truppentransporter Tsingtau.

Der Erste Offizier der Frankfurt, Adolf Winter, der auch zum ersten Male nach Tsingtau kommt, beschreibt die deutsche Hafenstadt in China:

»Die Einfahrt macht einen ziemlich öden Eindruck. Kahle Felsen ohne Vegetation. Hinter der Stadt, die leuchtend weiß uns entgegengrüßt, ziehen sich hübsche Anpflanzungen von Kiefern und Tannen an den kahlen Bergen empor.

Die Stadt selbst ist sehr ausgedehnt und hat modernes Gepräge. Die Straßen, an denen stattliche, zweistöckige Steinhäuser stehen, sind breit und gut gepflastert, die Bürgersteige mit Baumreihen versehen und erinnern durchaus an die deutschen Provinzstädte.

Und zahlreiche Villen grüßen in gefälliger Bauart deut-schen Geschmacks von höher gelegenen Punkten he-rab.

Natürlich nehmen große und schöne Kasernenbauten mit weiten Exerzierplätzen einen besonderen Vorrang ein. Die Hohenzollernstraße, die Prinz-Heinrichstraße mit dem Prinz-Heinrich-Hotel, ebenso das Bahnhofs-gebäude und die Post könnten überall in Deutschland bestehen. Wie Hongkong, Singapur und viele andere Städte des Ostens völlig englisches Gepräge tragen, atmet uns eben in Tsingtau überall die deutsche Heimat entgegen.

Freilich sind auch hier als Arbeiter die chinesischen Kulis vorherrschend, und ich bin erstaunt, wie gut die meisten die deutsche Sprache erlernt haben.

Und natürlich, wo Deutsche sich heimisch fühlen sollen, da muß es auch gutes, deutsches Bier geben. So erzählen mir die Offiziere, daß es sich ganz vorzüglich in Tsingtau leben lasse. Im Sommer gibt es ein besonders lebhaftes und internationales Leben und Treiben am Badestrand von Tsingtau, dessen Klima außerordentlich milde ist.

Wir blieben 16 Tage im Hafen von Tsingtau, dann haben wir die gleiche Anzahl heimkehrender Truppen an Bord und erreichen am 28. April nach schneller und schöner Fahrt wieder Wilhelmshaven.«