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Tientsin

Eine weitere deutsche Konzession in China besteht seit dem 30. Oktober 1895 in der Stadt Tientsin. England und Frankreich hatten schon nach ihrem Opiumkrieg von 1856 bis 1860 gegen China in Tientsin Konzessionen. Tientsin liegt 120 Kilometer von Peking entfernt und ist der Hafen der Hauptstadt Chinas und natürlich auch der gesamten umliegenden Region. Die Stadt liegt zwar noch einmal 50 Kilometer vom Meer entfernt ist aber über den Paiho mit dem Pazifik verbunden. Eine ähn-liche Lage wie Hamburg über die Elbe zum Meer.

Tientsin ist seit Jahrzehnten auch ein Einfallstor für den europäischen Handel nach China hinein und entwickelt sich zur Industriestadt. Die Konzessionen der europä-ischen Mächte und Japans in Tientsin liegen außerhalb des eigentlichen chinesischen Stadtgebietes und haben eine Fläche von 13 Quadratkilometern. Sie liegen ent-lang des Paiho. Die Konzessionen haben eigene Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse und Kasernen. Für die Kolonialmächte sind die Konzessionen in Tientsin we-sentlich bedeutender als jene in Hankau.

Von 1900 bis 1909 wird Tientsin von einer internationa-len Kommission verwaltet, in der die Mächte vertreten sind, welche Konzessionen in der Stadt haben: England, Frankreich, Italien, Belgien, Rußland, Japan, Österreich-Ungarn und Deutschland. Tientsin hat um 1910 750.000 Einwohner.

Während etwa die Flächen der Konzessionsgebiete Ruß-lands und Belgiens unentwickelt bleiben, wird die deut-sche Konzession städtebaulich entwickelt. Die Verbes-serung der Infrastruktur des deutschen Konzessions-gebietes in Tientsin geht Hand in Hand mit dem wirt-schaftlichen Wachstum des Gebietes. Deutsche Han-delshäuser siedeln sich im Konzessionsgebiet an, ein-schließlich einer Filiale der Deutsch-Asiatischen Bank. Es entstehen moderne Gebäudezeilen im deutschen Bereich von Tientsin. Die amtlichen Gebäude sind im wilhelminischen Stil gehalten, so auch der Bau des Deut-schen Klubs an der Wilhelmstraße, der Hauptstraße der deutschen Konzession, die unter wechselnden Namen auch durch verschiedene andere Konzessionsgebiete in der Stadt führt. Andere Bauten in der deutschen Konzession wie Villen sind im modernen Kolonialstil gehalten.

In Tientsin liegen von 1902 bis 1906 Teile der Ostasia-tischen Besatzungs-Brigade, die nach dem Friedensver-trag mit China von 1902 aus nicht nach Deutschland zurückgeschickten Teilen des Ostasiatischen Expediti-onskorps gebildet worden ist. 1906 wird die Ostasiati-sche Besatzungs-Brigade in ihrer Stärke weiter reduziert und in Ostasiatisches Detachment umbenannt, welches nur noch in Peking und Tientsin stationiert ist. Ab 1909 wird der Verband nochmals reduziert und in Ost-asiatisches Marine-Detachment umbenannt, welches aus drei Kompanien besteht, wovon eine in Peking und zwei in Tientsin stationiert sind.

Ein Ereignis für die deutsche Gemeinde in Tientsin ist die Enthüllungsfeier des Kriegerdenkmals am 17. Juni 1905 für die gefallenen deutschen Kämpfer im Boxer-aufstand. Das Denkmal steht auf dem Wilhelmplatz, der im Verlauf der Wilhelmstraße liegt.

Die Entwicklung der deutschen Wirtschaft im Raum Tientsin erschließt sich an der Zahl der deutschen Un-ternehmen im Konsulatsbezirk Tientsin. Sind im Jahre 1900 29 deutsche Firmen im deutschen Konsulatsbezirk Tientsin ansässig, so sind es im Jahre 1912 63 Firmen.

In Tientsin erscheint auch das Tageblatt für Nordchina für die deutschsprechende Leserschaft.



In Tientsin liegt auch der einzige koloniale Besitz des Kaiserreichs Österreich. Diese zweite deutsche Groß-macht hat die Konzession in Tientsin durch ihre Betei-ligung an der Niederschlagung des Boxeraufstandes 1900/1901 erworben. Auf dem Gelände liegen zunächst deutsche Truppen, die das nun zu Österreich-Ungarn gehörende Gebiet 1902 räumen und ordnungsgemäß an die Österreicher übergeben. Die Deutschen übergeben auch alle Unterlagen zum Gebiet an die Verbündeten aus Österreich. Die Österreicher stationieren zu seiner Sicherung zunächst etwa 30 Mann Marineinfanterie auf ihrem Konzessionsgebiet. Die Fläche der österreichisch-ungarischen Konzession beträgt 150 Acres und ist somit etwas größer als die italienische Konzession, aber klei-ner als das belgische Konzessionsgebiet.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Konzessionsge-bieten in Tientsin ist das nun unter österreichischer Herrschaft stehende Land kein meist unbewohntes teils sumpfiges Gelände, sondern bereits von 30.000 Chine-sen bewohnt. Es liegt nördlich des Paiho unmittelbar in die wachsende Industriestadt Tientsin hineinreichend.

Als die Österreicher 1902 mit Vermessungen und Arbei-ten für die Anlage einer modernen Infrastruktur begin-nen, stoßen sie auf Schwierigkeiten mit den in altherge-brachten Bahnen lebenden Bewohnern ihres Konzes-sionsgebietes. Schnell richten die Österreicher vier Polizeistationen ein und können den Widerstand der Einheimischen überwinden. Die Österreicher machen große Anstrengungen für die Entwicklung ihres Ge-bietes und so schließen sie ihre Wasserversorgung an das 1901 fertiggestellte Wasserversorgungssystem der englischen Konzession an. Auch die Straßenbeleuch-tung wird 1902 vorbereitet.

Die Sicherung des Konzessionsgebietes wird schließlich von der österreichischen Kommandantur in der Kon-zession mit 40 österreichisch-ungarischen Marineinfan-teristen und 70 chinesischen Militärpolizisten gewähr-leistet. Die österreichische Verwaltung führt Steuern und ein Melderegister ein. Seit 1907 werden alle Ge-burten, Sterbefälle und Heiraten registriert. Die Ver-waltung wird schließlich von einem Stadtrat aus chine-sischen Ehrenmännern unter der Aufsicht des öster-reichisch-ungarischen Konsuls und des Militärkom-mandanten geführt. Die Gerichtsbarkeit gründet sich auf dem österreichisch-ungarischen Recht. Begeht ein Chinese aus der Konzession auf chinesischem Gebiet ein Verbrechen, wird er von einem chinesischem Ge-richt abgeurteilt.

Mit dem Aufbau der kleinen aber komfortablen euro-päischen Wohngegend in der Konzession mit seinen besonderen österreichischen Architekturelementen entsteht auch ein europäisches Theater, ein Kasino und eine Therme. Eine Statue des Komponisten Johann Strauss in geigespielender Pose wird aufgestellt. Wie in den anderen entwickelten Konzessionen gibt es ein Ge-fängnis, eine Kaserne, einen Friedhof und ein Kran-kenhaus. Für die chinesischen Kinder wird Schul-unterricht eingeführt. Auch eine Lotterie wird einge-führt.

Ein bedeutendes Handelszentrum, wie von österreichi-scher Seite erhofft, wird die Konzession nicht. Die wich-tigsten Geschäftsbereiche sind die traditionellen chine-sischen Geschäfte.

Das Konsulat des österreichischen Kaiserreiches hat selbstverständlich seinen Sitz in der Konzession und die chinesischen Einwohner der Konzession erhalten die österreichisch-ungarische Staatsbürgerschaft.

Österreich-Ungarn unterhält in Ostasien auch die ein-zige Marine-Auslandsstation der Doppelmonarchie. Ein Kriegsschiff der k.u.k. Marine ist immer in chinesischen Gewässern stationiert. Das Stationsschiff sendet auch sein Landungskorps bei Bedarf zur zusätzlichen Siche-rung der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft nach Peking, wo gut 30 Marinesoldaten die Gesandt-schaftswache stellen, oder in die Konzession nach Tien-tsin oder verwendet das Korps für andere Aufgaben in Ostasien.