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Deutsch-Schanghai

Am 21. November 1898 wird im Beisein von Prinz Heinrich von Preußen, dem jüngeren Bruder des deutschen Kaisers, an der Nordostecke des Bund, der majestätischen Uferstraße der Internationalen Nieder-lassung in Schanghai, ein Denkmal für das 1896 vor der chinesischen Küste im Taifun untergegangene Kano-nenboot Iltis enthüllt. Bei dem Untergang waren 71 Seeleute umgekommen.

Die deutschen Kaufleute und Beamten in Schanghai beschlossen ein Denkmal für den Untergang des Kano-nenbootes zu errichten und sammelten 12.000 Mark. Der Kaiser stellte 3,5 Tonnen Bronze aus dem Artil-leriedepot in Spandau für den Guß des Denkmals zur Verfügung.

Der Kleine Kreuzer Irene und der Große Kreuzer Deutschland sind bei der Denkmalsenthüllung vor Ort und alle im Hafen liegenden Kriegs- und Handelsschiffe sind über die Toppen geflaggt und beteiligen sich durch Abordnungen an der Enthüllung.


Im März 1903 verfaßt der 2. Admiral des deutschen ostasiatischen Kreuzergeschwaders, Admiral Graf Frie-drich von Baudissin, einen langen Bericht über seine Eindrücke von Schanghai, das er von November 1902 bis Januar 1903 besucht hatte, aber auch schon 1871 und 1879. Baudissin schreibt: »Soweit die deutschen Inte-ressen in Betracht kommen kann das in 24 Jahren Erreichte im großen und ganzen als höchst erfreulich bezeichnet werden. Die Anzahl der Deutschen hat sich von 200 im Jahre 1879 auf 700 im Jahre 1902 gesteigert, die Zahl der großhändlerischen deutschen Firmen auf 31, die einzelnen Firmen haben sich vergrößert, ihr Geschäft auf inländische Unternehmungen (Bergbau, Eisenbahn pp.) ausgedehnt; die deutsche Schiffahrt ist aus der 6. Stelle, die sie mit 192 Schiffen und 90.049 tons einnahm, in die 2. gerückt mit 1074 Schiffen und 1.699.856 tons, sie beteiligt sich statt mit 3 Prozent mit 16 Prozent, eine deutsche Kirche, eine Schule, eine Post, eine Presse ist entstanden und eine zweite in Shanghai geborene Generation wächst heran und bleibt im Ganzen deutsch.

War nun auch die Schaffung der internationalen Niederlassung für die Deutschen insofern ein Gewinn, als sie formell völlige Gleichberechtigung erzielten, so war doch damit an den tatsächlichen Machtverhält-nissen nichts geändert. … (In der Municipalität sitzen 7 Engländer, 1 Amerikaner und 1 Deutscher). … Wie will der Deutsche zur Regierung und in die Municipalität gelangen, wenn er kein Land besitzt, worauf der Wahl-modus wesentlich aufgebaut ist? … Wie sollen S. M. Schiffe ihre militärpolitische Aufgabe erfüllen, wenn sie außer Sicht von Shanghai liegen, während der englische Admiral seine eigene Boje, der französische eine, der Messagerie Maritime und der italienische einen Anker-platz hat? Wird die einzige deutsche dem Lloyd gehö-rige Boje immer disponibel sein? …

Der Generaldirektor Ballin [des Norddeutschen Lloyd] hat gelegentlich seines Besuches, ein, wenn auch min-dergünstiges Terrain erworben.

…daß sich die Erwerbsverhältnisse gegen früher gründ-lich verschoben haben. Früher kam man als junger Mann hinaus, machte schnell sein Geld und gründete sich dann zu Hause sein Heim. Heutzutage liegt das Geld nicht mehr auf der Straße; wer es gewinnen will, muß lange Jahre und sein ganzes Leben dransetzen. Aus der früheren, schnell gewinnenden und wechselnden Bevölkerung ist ein seßhaftes, an den Ort mehr oder minder gebundenes Deutschtum und damit recht ei-gentlich erst die kleine deutsche Stadt mit rund 700 Einwohnern entstanden.

Bei der unbestrittenen Bedeutung des Jangtse-Gebietes, welches unbedenklich als das aussichtsreichste in ganz China bezeichnet werden kann, erscheint es indessen statthaft, insoweit vorzugreifen, daß Shanghai ein Brennpunkt und Ausgangspunkt für deutsche Interes-sen bleiben wird.

Was Tsingtau anlangt, so hält man in Shanghai eine irgendwie gefährdende Konkurrenz für vollständig aus-geschlossen und ist vielmehr der Ansicht, daß das Gedeihen des einen Platzes dem anderen unmittelbar zugute kommt.

Am Jangtse selber ist eine Überflügelung durch Hankau nicht unmöglich, die indessen erst in fernerer Zukunft gedacht werden kann…

Im Übrigen tritt im Süden Bangkok hinzu, das von vornherein die Bedeutung hat, auf dem langen Wege von Deutschland der erste, bis jetzt noch nicht in fremdem Besitz befindliche Sammelpunkt deutscher Interessen zu sein.«


Laut Vertrag vom 1. Oktober 1899 zwischen dem Deutschen Reich und dem Norddeutschen Lloyd wird die Reichspostdampfer-Verbindung nach Ostasien von einer vierwöchentlichen Fahrt zu einer zweiwöchigen Verbindung verdichtet. Dazu wird sie in zwei Haupt-linien geteilt. Eine Linie führt nach Schanghai und zurück über Genua, Neapel, Port Said, Suez, Aden, Colombo, Singapur und Hongkong und die zweite bis Hongkong und weiter nach Japan. Auch die bisherige Schanghai-Linie wird nun von Schanghai nach Japan verlängert.

Seit 1904 werden die noch in England gebauten Reichs-postdampfer der Städte-Klasse, die seit 15 Jahren auch auf der Australien- und Ostasien-Fahrt im Einsatz sind, und teilweise die in Deutschland gebauten Schiffe der Barbarossa-Klasse, durch moderne deutsche Schiffe ersetzt. 1904 kommt die 8800 BRT große Prinz Eitel Friedrich auf der Ostasien-Linie in Fahrt und 1906 die 9600 BRT große Prinz Ludwig. Die beiden Schiffe haben um die 220-230 Mann Besatzung. Die Prinz Eitel Friedrich kann etwa 160 I. Klasse-, 160 II. Klasse- und 50 III. Klasse-Passagiere befördern und die Prinz Ludwig kann etwa 110 I. Klasse, 130 II. Klasse und 60 III. Klasse-Passagiere aufnehmen.

Bei ihrer ersten Ausreise fährt die Prinz Eitel Friedrich auch Antwerpen an, das ein normaler Anlaufhafen der Reichspostdampfer ist, (allein der Norddeutschen Lloyd bewältigt etwa 9 % des Gesamtumschlags des großen flämischen Hafens). Mehr als 70 belgische Journalisten folgen der Einladung zur Besichtigung des neuen Reichspostdampfers. Die Brüsseler L’Étoile belge schreibt anschließend über die Prinz Eitel Friedrich: »Was soll man nur alles von den Einrichtungen der 1. und 2. Klasse sagen? Sie vereinigen alles, was die Schiffbaukunst bisher in der Wissenschaft und voll-endeter Kunst hervorgebracht hat. Man kann sich nichts reicheres und wunderbareres denken. Vom Bade-zimmer an, das nach den vollkommensten Regeln der Hygiene eingerichtet ist, bis zum Saal für Gymnastik ist alles vorgesehen.«

Für die Unterstützung seiner Hochseeschiffe im Hafen von Schanghai betreibt der Norddeutsche Lloyd den 1906 in Schanghai gebauten Tender Bremen von 273 BRT.


Ab dem 1. Oktober 1903 kann der Eisenbahnweg über Sibirien zur Beförderung von Briefsendungen aller Art von Deutschland nach Ostasien benutzt werden. Nach Schanghai geht die Post einmal wöchentlich. Beförde-rungsdauer ab Berlin bis Schanghai 20 bis 28 Tage. In der Richtung aus Ostasien haben die deutschen Post-anstalten in Peking, Tientsin, Tschifu, Tsingtau und Schanghai direkte Briefpost auf die Bahnpost Alexan-drowo an der deutsch-russischen Grenze und dann wei-ter nach Berlin abzufertigen.

Die Rivalität zwischen den verschiedenen Kolonial-mächten in China drückt sich auch in allen offiziellen Veranstaltungen aus. Als am 4. Juli und am 14. Juli 1904 die amerikanische Flotte, und dann die französischen Flotte, vor Schanghai jeweils ihren Nationalfeiertag be-gehen, will der Oberbefehlshaber der deutschen See-streitkräfte in Ostasien nicht nachstehen und nutzt den Jahrestag des am 23. Juli 1896 vor der chinesischen Küste im Taifun gesunkenen Kanonenbootes Iltis zur Nieder-legung von Kränzen am Denkmal für die Iltis in Schang-hai, was »in allen Kreisen und von der Presse Schang-hais symphatisch gewürdigt worden ist«, wie der Admi-ral in einem Bericht vermerkt.

In Schanghai gibt es ein deutsches Generalkonsulat. Das Generalkonsulat ist für die Belange der deutschen Staatsangehörigen in der internationalen Niederlassung und den umliegenden Gebieten von Shanghai verant-wortlich. Zugleich vertritt das Generalkonsulat auch wirtschaftliche Interessen Deutschlands vor Ort gegen-über den regionalen Behörden. Schanghai hat sich zu einem wichtigen Handelsplatz zwischen Asien und Eu-ropa entwickelt, weshalb eben in Schanghai kein ein-facher Konsul residiert, sondern ein Generalkonsul sta-tioniert ist. Im deutschen Konsulatsbezirk Schanghai sind im Jahre 1895 45 deutsche Firmen ansässig, 1900 63 und 1912 84. In ganz China einschließlich Tsingtau im Jahr 1895 88, 1900 157 und 1912 320.

1905 leben etwa 850 Deutsche in Schanghai. Für die Deutschen in Schanghai gibt es die Deutsche Vereini-gung und das große stattliche Gebäude des Deutschen Klubs.

Seit 1886 erscheint in Schanghai Der Ostasiatische Lloyd. Sein Untertitel lautet: »Organ für die deutschen Interessen im fernen Osten.« Die Zeitung »erscheint in Shanghai Sonnabends Morgens.« und: »Tägliche Tele-grammausgabe in Shanghai, Tsingtau, Peking und Tientsin.« wie im Kopf der Zeitung zu lesen steht. Der Ostasiatische Lloyd ist das zentrale deutsche Presse-organ in China.

1907 wird die »Deutsche Medizinschule für Chinesen in Shanghai« von der deutschen Regierung als erstes gro-ßes Projekt auswärtiger Kulturpolitik gegründet. Dafür engagierten sich insbesondere Wilhelm Knappe, der deutsche Generalkonsul in Schanghai, und der Ministe-rialdirektor im preußischen Kultusministerium, Frie-drich Althoff. Sie arbeiten dabei mit den deutschen Ärzten Erich Paulun, Oscar von Schab und Paul Krieg zusammen, die in Schanghai ein auf Initiative Pauluns errichtetes Krankenhaus für Chinesen, das Tung-Chee Hospital, betreiben. Dieses dient ab Oktober 1909 als Lehrkrankenhaus, wird jedoch unabhängig von der Medizinschule geführt.

1912 schließt die deutsche Regierung der Medizinschule die »Deutsche Ingenieurschule für Chinesen in Shang-hai« mit Lehrwerkstatt an. Unterstützt wird sie dabei in noch viel größerem Maße als bei der Medizinschule von deutschen Firmen, die am chinesischen Markt interes-siert sind, darunter Krupp, Thyssen, Siemens, Bayer, BASF und Deutsche Bank. Eine Sprachschule bereitet die chinesischen Schüler auf das deutschsprachige Fachstudium vor.