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Die Internationale Niederlassung

Der Stadtrat (Municipal Council) der Internationalen Niederlassung (Shanghai International Settlement) wird von Weißen gewählt und gestellt. Der überwältigende Mehrheit der Bewohner sind aber Chinesen.

Die höchste Rechtssprechung in Schanghai wird vom Mixed Court ausgesprochen, der einen Chinesen als Vorsitzenden hat mit zwei chinesischen Assistenten und einem ausländischen Beisitzer, der abwechselnd vom US-amerikanischen, britischen und deutschen Konsulat gestellt wird. Mit der Revolution in China 1911 wird der Mixed Court vertragswidrig von den Konsuln vollstän-dig zu einem ausländischen Gericht in Schanghai ver-wandelt.

Die Internationale Niederlassung verfügt über eine eige-ne Streitmacht, das Shanghai Volunteer Corps, das Frei-willigenkorps von Schanghai, das aus Freiwilligen der ausländischen Bewohner der Niederlassung gestellt wird. Im Jahr 1900 wird die Einheit für den Boxerkrieg in China mobilisiert. Das deutsche Kontingent der Einheit besteht aus der Prinz Heinrich Kompagnie – noch in der alten Schreibweise Kompagnie – , benannt nach dem jüngeren Bruder des deutschen Kaisers, Prinz Heinrich von Preußen, der von 1899 bis 1903 Kommandeur des deutschen Ostasiengeschwaders ist. Die Deutschen stel-len auch noch eine Reservekompanie. Auch Österreich-Ungarn stellt seit 1912 eine Kompanie für die Truppe. Bewaffnet wird das Freiwilligenkorps vom britischen Kriegsministerium, welches auch den befehlshabenden Kommandeur der Truppe stellt.


Am 20. November 1905 kommt der deutsche Marine-offizier Kapitänleutnant Moritz Deimling bei Unruhen in Schanghai ums Leben. Mitte Dezember 1905 brechen dann die größten Unruhen seit Bestehen des Settle-ments gegen die Weißen aus. Daraufhin landen die ge-rade vor der Stadt liegenden Kriegsschiffe, drei britische Kreuzer, ein italienischer Kreuzer und das Flußkano-nenboot Vaterland, Truppen. Sie sollen die Polizei in der internationalen Niederlassung unterstützen.

Die wichtigsten Straßenkreuzungen und die Konsulate werden zu deren Schutz besetzt. Die Matrosen der Vaterland sichern den Häuserblock um das deutsche Generalkonsulat, die übrigen öffentlichen deutschen Gebäude, das russische Konsulat sowie die deutsche und die russische Bank.

Italienische Matrosen geben eine Salve auf Aufständi-sche in einer Hauptgeschäftsstraße im International Settlement ab, wobei mehrere Chinesen ums Leben kommen und damit ist die Ruhe in der Stadt wieder-hergestellt. Hauptsächlich Sachschäden an Einrichtun-gen der Kolonialmächte sind entstanden, die von der chinesischen Verwaltung zu begleichen sind.

Der Chef des Kreuzergeschwaders, Konteradmiral Alfred Breusing, schreibt in einem Bericht über die Unruhen in Schanghai:

»Zu Thätlichkeiten ist es nur am 18. Dezember gekom-men, wobei einige indische und chinesische Polizisten getötet, eine Polizeistation demoliert, einige Automo-bile, Fenster und etwas Privateigentum zertrümmert, und einige Europäer verprügelt oder mit Steinen bewor-fen wurden. Unsere Leute haben nicht nöthig gehabt, von der Waffe gebrauch zu machen.« 

Daß von deutscher Seite nur das Flußkanonenboot Vaterland vor Ort war, lag daran, daß der eigentliche Stationär in Schanghai, das Kanonenboot Tiger, gerade auf einer Sondermission nach Korea unterwegs war und die Vaterland solange die Tiger ersetzte.

Als es im Juli 1913 in Schanghai zu Kämpfen zwischen chinesischen Regierungstruppen und Revolutionären kommt, setzen die Kriegsschiffe Iltis und Nürnberg Landungskorps in der Stadt ab zum Schutz der Interna-tionalen Niederlassung. Die Masse des deutschen Ost-asiengeschwaders befindet sich gerade in der Südsee, sammelt sich und geht nach Schanghai. Am 30. Juli erreicht das Geschwader die Yangtsemündung. Da die Zweite Revolution aber schnell an Boden verliert, be-ruhigt sich die Lage wieder.

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Flottenereignisse


Am 9. Juni 1912 trifft hoher Besuch in Tsingtau ein. Prinz Waldemar von Preußen, Sohn des Großadmirals Prinz Heinrich von Preußen, stattet auf seiner Ostasienfahrt der Kolonie einen Besuch ab. Zum militärischen Emp-fang versammeln sich an diesem Sonntage früh die Offizierskorps der Kriegsschiffe und der Garnison in blendend weißer Tropenuniform an der Mole 2 des Hafens und nehmen Aufstellung. Um Punkt zehn Uhr legt der Kleine Kreuzer Leipzig, der den Prinzen abge-holt hat, an der Mole an, und die Vorstellung der ein-zelnen Offizierskorps beginnt. Einige Tage später findet dann beim Gouverneur, Kapitän zur See Meyer-Wal-deck, wo der Prinz wohnt, ein Abendempfang statt, an dem alles was Rang und Namen hat in Tsingtau teil-nimmt.

In dieser Zeit findet auch die alljährliche Ablösung einer jeweiligen Hälfte der in Ostasien stationierten Besatzun-gen der Kriegsschiffe statt und ein großer Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie, die Patricia, bringt die Abge-lösten zurück in die Heimat. Seit 1910 wird die Patricia der HAPAG für Ablösungstransporte der Garnison in Kiautschou und des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders eingesetzt. Sie ist das größte Handelsschiff, das die Route Europa-Ostasien befährt. Das 178 m lange 14.500 BRT große Passagierschiff befördert auch Fracht und ist normalerweise als Auswandererschiff nach New York unterwegs. Zwischendurch wird die Patricia als Ablöse-transporter nach Tsingtau gechartert.

So verläßt die Patricia auch am 9. Juni 1914 Tsingtau wieder, nachdem sie 800 Ablösesoldaten aus Deutsch-land für das Ostasiatische Geschwader herangebracht hat, zu ihrer sechswöchigen Rückreise. Ein deutscher Marineoffizier schreibt: »Unendlich lange Heimatwim-pel flatterten in den verschiedensten Farben von den vier Masten, bis in die blaue Flut hinab. Brausende Hurras dröhnten als Abschiedsgruß von den Kriegs-schiffen zu den an Deck des Ablösungsdampfers ste-henden Kameraden hinüber, und nicht minder frisch ward uns ihre Antwort zuteil, während die Musik Abschiedslieder und -märsche spielte. Die Entfernung wurde größer, das Schiff entschwand hinter Ju=nui=san, und wir blieben allein da draußen im fernen Osten.«

Am 20. Juli 1914 kommt der Ablösetransporter wieder in Wilhelmshaven an.


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Allgemeine Ereignisse

Eine besondere Sorte Mensch hat sich in Kiautschou unter den Chinesen entwickelt. Die für die Deutschen arbeitenden Lieferanten, Handwerker und dergleichen werden mit deutschen Namen belegt, die auch gleich ihre Geschäftstätigkeit anzeigen, wie Willi Schuster, Franz Schneider, Heini Wäscher. Auch diesen Tsingtau-Chinesen ist das angenehm, weil es ihren geschäftlichen Umgang mit den Weißen sehr erleichtert.

Eine weitere Besonderheit sind die als Diener für Deut-sche arbeitenden Chinesen. Praktisch alle Deutschen in der chinesischen Kolonie des Reiches haben einen Chi-nesen als Diener, und da über 2000 von den Deutschen im Schutzgebiet Marinesoldaten sind sind die meisten dieser Chinesen natürlich im Dienst von deutschen Soldaten.

Als Ende des 19. Jahrhunderts Kiautschou unter deut-sche Herrschaft kommt ist eine Verständigung zwi-schen Chinesen und Deutschen gleich Null, da keiner des anderen Sprache spricht. Nun ist chinesische Arbeitskraft sehr billig und jeder Chinese ist froh bei einem Deutschen Beschäftigung zu finden und die Chi-nesen lernen von ihren Herren deren Sprache. Da dieses Lernen der deutschen Sprache keinerlei Schule unter-worfen ist, lernen die Chinesen das Deutsch, das ihr je-weiliger Herr, meistenteils ein Gewerbetreibender oder eben ein Soldat, spricht: Bayerisch, Berlinisch, Ostpreu-ßisch, Sächsisch, Schwäbisch und so weiter. Und da die Deutschen ihre chinesischen Diener natürlich mit Du ansprechen tun die Chinesen natürlich das Gleiche. Den Unterschied von Du und Sie lernen sie nicht und wissen auch nicht, daß es mehr als unhöflich ist einen Fremden oder Höherrangigen mit Du anzusprechen. So bildet sich in Kiautschou die selbstverständliche Gewohnheit heraus, daß die Chinesen, ohne eine Unhöflichkeit begehen zu wollen, alle Deutschen mit Du anreden und jeder versteht und akzeptiert das. Man ist ja froh überhaupt deutschsprachiges Personal zu haben. Daraus ergeben sich denn natürlich auch für Deutsche, die neu nach China kommen, und diese Sitte nicht kennen, merkwürdige Begebenheiten. Als etwa in den 30er Jahren zwei deutsche Studenten der Sinologie in Peking sich so einen Tsingtau-Boy, wie sie ihr lebenlang heißen, auch wenn sie schon alte Leute sind, als Diener nehmen, benehmen sie sich völlig unpassend ihrem chinesischen Diener August gegenüber, weil sie so einen Chinesen doch für unter ihrer Würde halten. Sie beschimpfen August zuweilen und werfen gar mit ihren Pantoffeln nach ihm. August vergilt es ihnen mit mangelndem Pflichteifer. Ein erfahrener China-Deutscher bemerkt die Unsitten der beiden Studenten ihrem Diener gegenüber und mahnt sie des deutschen Ansehen willens und auf die Landessitten hinweisend August besser zu behandeln. Die deutschen Studenten erklären sich zu einer freundlicheren Behandlung ihres Dieners bereit und nun wird auch August geholt, ihm der Fall erklärt und er verspricht denn auch seine Pflichten getreulich zu erfüllen. Abschließend sagt August: „Wenn ihr mich nich mähr mit eiren dreggschen Pandoffeln schmeißen duht, dann werd ich euch auch gein Hühnerdregg mehr ins Gemüse duhn.“

Im Laufe der Jahre steigen einige dieser Diener mit ihren Deutschkenntnissen und ihrem Wissen über deutsche Haushaltsführung zu Nummer-Eins-Boys in größeren deutschen Haushalten auf und haben das Kommando über alles Hauspersonal, das in Fernost oft sehr umfangreich ist, weil jeder Diener meist nur eine bestimmte Arbeit verrichtet und Personal zudem billig ist. Diese Tsingtau-Boys sind in Ostasien bei deutschen Familien begehrt. Auch der Chef von Siemens in Japan hat einen Tsingtau-Boy als Nummer-Eins-Boy und erklärt einem deutschen Gast über die Tsingtau-Boys: „Ihre Originalität ist uns eine stete Quelle der Heiter-keit, während sie, sofern man sie richtig behandelt, ziemlich ehrlich, recht fleißig und vor allem treu wie Gold sind.“

Als der Japan-Chef von Siemens Ende der 30er Jahre in seinem Haus in Tokio einen Empfang gibt, zu dem auch der deutsche Botschafter in Japan geladen ist, gibt er Jupp, dem Nummer-Eins-Boy, den Auftrag, nach dem Essen den Gästen im Salon auf einem Silbertablett verschiedene Liköre und Schnäpse anzubieten, natür-lich dem Botschafter als erstem. Als es soweit ist tritt Jupp mit dem Likörtablett auf den Botschafter zu mit den Worten: “Na, altes Huhn, was säufst du denn am liebsten?“

Alles erstarrt, aber der Botschafter versteht, lacht und amüsiert sich königlich. Zum Abschied reicht der Botschafter Jupp sogar die Hand.


Ein Ausflug von Offizieren der SMS Cormoran im Juni 1912 von Tsingtau in das zur Kolonie Kiautschou gehö-rende Lauschan-Gebirge gibt ein anschauliches Bild der Landschaft. Die Firma J. Richardt, ein Speditionsge-schäft und Droschkenverleih, stellt den Ausflüglern zwei bespannte Wagen mit chinesischen Kutschern. Das Gebirge liegt an der östlichen Grenze des Schutzge-bietes. Der höchste Berg der Kette, der mit etwa 1130 m die Höhe des Brockens erreichende Lauting, liegt dicht jenseits der Mitte der Ostgrenze der Kolonie. Die ganze Bergkette ist rauh zerklüftet und zerrissen, mit Aus-nahme weniger Täler unbewaldet, mit scharfen Graten und bizarr verzackten Spitzen. Alles Gehölz ist von den Chinesen als Brennholz abgeschlagen. Infolgedessen kann die Verwitterungskruste keinen Halt gewinnen, sondern wird alljährlich zur Regenzeit in die Täler ge-spült, wo sich ungeheuere Schutthalden anhäufen.

Früh um sechs Uhr stehen die beiden bestellten Wagen am Hafen und die Fahrt beginnt. Eine breite, gut ange-legte Fahrstraße führt nach zwei Kilometern zu der chinesischen Arbeiterniederlassung Taitungtschen und weiter auf der Landstraße durch zahlreiche Chinesen-dörfer. Überall sind auf den Feldern die fleißigen Land-bewohner mit der Weizenernte beschäftigt. Nach 15 Kilometern ist Litsun erreicht, wo die Pferde gewechselt werden. Litsun liegt am gleichnamigen Fluß und genießt einen besonderen Ruf wegen seiner vielbesuchten Märkte. Die Offiziersgruppe wird in Litsun vom dort stationierten Marinestabsarzt empfangen. Sie besichti-gen das Marinelazarett, das Gefängnis mit in Ketten gelegten Verbrechern und das frühere Lager der deut-schen Truppen mit dessen ehemaligen Offiziershaus.

Weiter geht die Fahrt entlang des Litsun-Flusses, der vollkommen trocken liegt und nur zur Regenzeit Was-ser führt und dann ein reißender Strom werden kann. Vorbei am Jagdhaus des Jagdvereins von Tsingtau geht es in das Lauschantal. In vielfachen malerischen Win-dungen zieht sich die Straße durch die wilden Gesteins-massen dieses von grotesk verzackten Bergrücken ein-gefaßten Felsentals aufwärts durch das Dorf Tschui-tschui und am von einem Bambushain eingefaßten Tempel Tschuitschuian vorbei. Über die Cäcilienbrücke, benannt nach der Kronprinzessin, geht es weiter zum Ausspann Wangtsytschien. Die letzte Strecke geht es zu Fuß hinauf zu den Mecklenburg-Häusern, einem Gene-sungsheim.

Die Mecklenburg-Häuser führen ihren Namen nach dem Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, dem Präsidenten des Kolonialvereins, der sich um ihre Er-bauung große Verdienst erwarb. Die auf dem Tempelpaß in 450 Metern Höhe liegenden Häuser sind in den Jah-ren 1902 und 1903 erbaut worden und sind ein Gene-sungsheim für Unteroffiziere und Mannschaften sowie als für jedermann gegen Bezahlung offenstehendes Hotel unter der Leitung eines Sanitätsfeldwebels. Eine wundervolle Aussicht eröffnet sich von hier aus auf die Berge und das Lauschantal hinab zum Meer und nach Tsingtau.

Nach dem Mittagessen unternimmt die Gruppe eine Wanderung in die Umgebung zum taoistischen Tempel Peitschiuschiumiau, in dessen Nähe einige kleine Villen in der Bergwelt liegen. Von diesem Tempel weiter wan-dernd erreicht die Gruppe den Tempel ›Waldfrieden‹, ebenfalls ein Taoistentempel, aus mehreren kleinen Häuschen bestehend, die friedlich und idyllisch unter schattigen Bäumen versteckt zwischen grünem Ge-strüpp am wildromantischen Abhang gebettet sind. Hier lagern die Wanderer zur Rast und der Priester des Tempels macht gute Geschäfte mit dem Mineralwasser ›Iltisbrunnen‹. 

Marineoffizier Paul Ebert beschreibt die folgenden Wanderererlebnisse:

»Während wir uns so in angeregter Unterhaltung ver-gnügten, bog plötzlich um die nächste Ecke des viel-gewundenen Bergpfades, an des-sen Rande wir saßen, eine reizende Gruppe: Auf dem Rücken eines gewandt und zierlich zwischen den Steinen dahintrippelnden Esels saß ein junges Chinesenmädchen, angetan mit wundervollen Seidengewändern und im vollen Fest-schmuck, vermutlich eine Braut. Wir waren zunächst so überrascht und starr, daß die Reiterin bereits um die nächste Wegbiegung verschwunden war, als wir die Fassung wiedergewannen. Nun brach aber bei unseren Photographen die Begeisterung gewaltig aus und mit lautem Hallo ging es mit gezückter Kamera hinterher, so daß die junge Schöne nicht schlecht erschrak. Aber bald beruhigte sie sich, als ihr die harmlose kleine Huldigung klar wurde; der Versuch, sie auf die Platte zu bringen, mißlang bedauerlicherweise.

Am folgenden Morgen brachen wir schon um sechs Uhr auf, da eine Besteigung des Lauting beabsichtigt war. Ein paar muntere, halbwüchsige Chinesenjungen dienten uns als Führer und Träger. Über den Ostpaß führte der Weg zur Irenenbaude, einem Häuschen des Tsingtauer Bergvereins, dann weiter zum Lauting. Immer romanti-scher gestaltete sich die Szenerie. Wie von Zyklopen-händen aufgetürmt waren riesige Felsblöcke zu mächti-gen Burgen geschichtet. – Nach etwa drei Stunden hatten wir die Spitze des Lauting erreicht. Auf dem Felsen, der die äußerste Bergspitze bildete, ließen wir uns in Gruppen von vier Personen abwechselnd nieder, um von hier aus den prachtvollen Ausblick zu genießen und der unvermeidlichen photographischen Linse in mehr oder weniger malerischen Stellungen als Ziel-objekt zu dienen.«



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Tsingtau

Eine gründliche Vermessung schafft die Grundlage für die Anlage von Stadt und Hafen. Die Wohnsitze von Chinesen und Europäern werden örtlich getrennt. Erstere wohnen an der Tsingtau- und der östlich von dieser liegenden Auguste-Viktoria-Bucht. Das ehema-lige Dorf Tsingtau verschwindet dort, mit Ausnahme des ›Yamen‹, einst die Residenz des chinesischen Gouver-neurs, jetzt mit Drachenmauer und Tempelanlage ein reizvolles Denkmal chinesischer Baukunst. An der Nord-seite der Halbinsel, westlich vom Observatoriumsberg, liegt die Chinesenstadt Tapautau. Für die chinesischen Kulis werden besondere Siedlungen in Taisitschen, am Ende der Halbinsel und in Taitungtschen, nordöstlich von Tsingtau, angelegt. Hafenbauten werden an zwei Stellen geschaffen, von denen der große Hafen durch eine etwa fünf Kilometer lange Steinmole eingefaßt wird, der kleine Hafen bei Tapautau ist für den Dschunkenverkehr bestimmt.

Bald nach der Besetzung des Kiautschou-Gebietes lassen sich verschiedene in Ostasien tätige Firmen dort nieder und eine schnelle Entwicklung beginnt.

Aus dem Tagebuch des Hamburger Reeders Albert Ballin: »Am 13. März [1901] frühmorgens gingen wir vor Tsingtau zu Anker. Ich war freudig überrascht von dem, was ich vor mir sah. Eine Stadt ist hier in unglaublich kurzer Zeit unter den schwierigsten Verhältnissen aus der Erde emporgewachsen!

In dem hübschen aber sehr kalten Hotel ›Prinz Hein-rich‹ war Wohnung für uns belegt, und am Nachmittage wanderten wir schon durch die vorläufig noch recht staubigen und teils unfertigen Straßen hinauf auf die Anhöhe, wo der stellvertretende Gouverneur und die höheren Offiziere sich angesiedelt haben. Wenn man auch zugeben muß, daß bei dem bisher geschaffenem die militärischen Bedürfnisse weit in den Vordergrund geschoben sind und die Bedürfnisse von Handel und Verkehr noch zu kurz kommen, so bleibt die Leistung doch eine ganz außerordentliche, und jeder von uns, ganz besonders aber diejenigen, welche – wie der deutsche Generalkonsul Dr. Knappe aus Shanghai – den Ort vor zwei Jahren gekannt hatten, waren ebenso erstaunt wie erfreut über solchen Fortschritt.«

Am Diederichs-Berg – benannt nach dem Admiral Otto von Diederichs, der 1897 in Kiautschou die deutsche Flagge hißte – wird das Gouverneurswohnhaus erbaut und mit einer hübschen Gartenanlage umgeben. Von seinen Fenstern hat man einen prachtvollen Ausblick über Stadt und Bucht. Tsingtau ist eine Marinebasis und so ist auch der Gouverneur eine Marineoffizier. Die Offiziere treffen sich im Tsingtau-Klub in der Nähe der großen Tsingtau-Brücke an der Bucht oder im Hotel ›Fürstenhof‹. Das Hotel ›Prinz Heinrich‹ wird mehr von internationalen Gästen bevorzugt.

1908, aus dem Anlaß des zehnjährigen Bestehens der Kolonie, steht in einer Denkschrift des Gouvernements Kiautschou zu lesen: »Anstelle des Dorfes Tsingtau und der chinesischen Truppenlager ist eine, nach einheit-lichem Plan gebaute, ausgedehnte Stadtanlage getre-ten… – Die Stadtanlage ist mit einem Netz chaussierter Straßen versehen, hat Regen- und Schmutzwasserkana-lisation, Wasserleitung und elektrische Beleuchtung, kirchliche Gebäude, Krankenhäuser und Schulen für Europäer und Chinesen, eine Postanstalt, Markthalle und einen allen Anforderungen der Hygiene genügen-den Schlachthof. – Die Hafenanlagen rechnen auch nach fremden Urteilen zu den besten Ostasiens.«

Mit den chinesischen Truppenlagern ist das von der chinesischen Regierung bei dem ehemaligen Dorf er-richtete Militärlager gemeint, das zur Abwehr einer Landung und Inbesitznahme der Bucht durch eine fremde Macht angelegt worden war. Mit dem Erschei-nen des deutschen Ostasiatischen Geschwaders und der Landung der deutschen Marineinfanterie von den schwer mit Artillerie bestückten Schiffen im November 1897 hielten es die chinesischen Truppen im Lager aber für besser kampflos abzuziehen als gegen die deutsche Übermacht unterzugehen.   

Tsingtau wirkt nun mit seinen roten Ziegelsteinhäu-sern, spitzen Kirchtürmen und großen Gartenanlagen wie eine saubere deutsche Stadt. Diese schöne deutsche Stadt in China ist mit allen modernen Einrichtungen ausgestattet. Sie hat ein Geschäfts- und ein Hafenviertel und ein idyllisch gelegenes Villenviertel am Forstgarten, den Sport- und Rennplatz und natürlich den berühmten Strand.

Tsingtau ist im Sommer eine grüne Insel, im angeneh-men Gegensatz zu seiner sonst so kahlen Umgebung. Die Prinz-Heinrich-Berge und dahinter das hohe Lau-schan-Gebirge verleihen der Stadt einen wirkungsvol-len Hintergrund. Das Anziehendste von Tsingtau im Sommer ist sein ausgezeichneter Badestrand. Das Leben am Tsingtauer Strand gleicht genau dem Badeleben an den Nordseebädern. Strandkonzerte und Reunions im Strandhotel. Für Reiten, Polo, Golf und Tennis sind schöne Gelegenheiten. So zieht es ein internationales Publikum zur feuchtheißen Sommerzeit aus dem gan-zen Osten zur Erholung nach Tsingtau.

Im Laufe der Jahre wird auch die räumliche Trennung der Weißen in der den Europäern vorbehaltenen Stadt-teils in Tsingtau mehr und mehr zugunsten reicher Chinesinnen und Chinesen aufgegeben und 1914 schließlich ganz aufgehoben.



Der Handel im Hafen von Tsingtau ist der wirtschaft-liche Schwerpunkt der Kolonie und nimmt von Jahr zu Jahr zu. Große Ozeandampfer und die deutschen Kriegs-schiffe liegen an langen, fest gemauerten Kaianlagen nebeneinander. Auf der Werft mit ihrem großen Schwimmdock tönt der metallische Lärm eiserner Hämmer und im Hafen wimmelt es von Dschunken und Zampans, wie man die kleinen hölzernen Boote nennt. Die Zampans sind eine Art Ruderboote, sie werden aber nicht gerudert, sondern gewriggt. Das Ruder, oder wie es seemännisch richtig heißt: Der Riemen, ist am Heck angebracht und die beiden Hände des stehenden Ruderers liegen am Ende des Ruders auf und führen dort eine kreisende Bewegung aus durch welche das im Wasser liegenden Ruderblatt ein ›Quirlen‹ erzeugt, welches das Boot vorantreibt.

So ein Zampan wird auch zur Personenbeförderung im Hafen benutzt und für den Fahrgast gibt es ein sauberes, buntes Kattunkissen zum sitzen und der Fahrpreis be-trägt immer nur zwei Cent.

Der deutsche Marineoffizier Fritz Witschetzky: »Wenn man nun von Bord an Land gehen will und im Ausgeh-anzug am Fallreep erscheint, gleich schießen fünf, sechs Zampans auf dieses los.«

In ihrer R-losen Sprache rufen die in blauen Leinen-kitteln gekleideten chinesischen Zampankulis: „Offiffi, Offiffi, nimm mich! Ich schnelle, plenty mache, mache.“ Und dabei drängeln sie sich, bald rechts, bald links drehend, mit größtem seemännischen Geschick ans Fallreep heran, bald schnell, bald langsam wriggend.

„Offiffi, Offiffi,“ rufen die gelben Zampankulis, „nimm mich. Ich swei Maschinen, swei Maschinen! Plenty mache, mache!“

Unter einem Zampan mit „zwei Maschinen“ versteht man einen solchen, in dem zwei Kulis, jeder an einem Riemen, wriggen und so schneller sind als ein Zampan mit einem Kuli.

Man steigt in den ersten besten am Fallreep ange-kommenen Zampan ein. „Achtung!“ kommandiert der Kuliu, indem er den Bootsteurer in unsern Kriegsschiff-booten nachahmt. Und nun beginnt die Vorstellung. Der Kuli ist nämlich Bootsteurer, Bootsgast, Maschinisten-maat und Maschine – alles in einer Person.

Zum Zeichen, daß er einen Offizier im Boot hat, setzt er eine kleine gelbe, phantasievolle Flagge. Nun ruft er: „Wollaus gloße Faht!“ (Voraus große Fahrt). Nun ist der Kuli „Maschine“: „Fumm, fumm, fumm…“, er macht das Fauchen der Dampfzylinder nach und quirlt so schnell, daß hinten das Wasser zu kochen scheint. Es folgt das Kommando „Äußesse Klafft“ (Äußerste Kraft) und der Kuli bewegt seine Arme in so schnellen Achten, daß nur noch eine vibrierende, schwingende Bewegung an Stelle des langen schweren Riemens zu sehen ist. Und un-aufhörlich wackelt und pendelt ruckartig der lange schwarze Zopf. Im eleganten Bogen legt er an der Lan-dungsbrücke an, und unter Erweisung sämtlicher mili-tärischen Ehrenbezeigungen überwacht er das Ausstei-gen seines Gastes. Für die zwei Cent Fahrpreis bedankt er sich auch noch durch eine besonders stramme Hal-tung.

Kaum hat er seinen Fuß an Land gesetzt, da stürzen sich die Rikschakulis auf den Ankömmling: „Offiffi, Offiffi, mich, mich, mich, ich plenty laufe, laufe, hie look me stake Beine!“ Und dabei zeigt der Kuli auf seine gera-dezu erstaunlich dicken Wadenmuskeln. Andere drän-gen sich vor, weisen nach, daß der Umfang ihrer Waden weit stärker ist als der aller anderen, und alles wie-derholt: „Ich plenty laufe, laufe!“

Witschetsky erzählt auch den Ablauf seiner ersten Rickschafahrt: »Ich setze mich in eines der schönen, auf Pneumatikrädern laufenden Wägelchen. Der Kuli, ein stämmiger junger Bursche mit hochgestecktem Zopf, in leichtem blauem, sehr sauberem Leinenkittel, mit bloßen Armen und Beinen, erfaßt mit frohem Lachen die beiden Deichseln, und dann saust er mit mir los.

Man liegt mehr, als man sitzt in der kleinen feinen Kutsche, die bequemer als der schönste Klubsessel ist, und doch fühlt man sich anfangs nicht recht wohl darin. Es widerstrebt dem modernen Europäer zunächst doch, daß hier ein Mensch dieselbe Arbeit tut, die zuhause nur vom Tier verrichtet wird. Und nun erst, Wenn’s bergauf geht! Der Kuli vermindert das Tempo nicht, im schnel-len Laufschritt, schwitzend rennt er weiter. Ich rufe: „He – stopp – stopp!“

Endlich hält der Chinese und sieht mich fragend an. „Wir sind doch noch lange nicht am Ziel,“ sagt sein Blick. Ich steige voller Mitleid aus und sage, er solle weitergehen, oben auf dem Berge will ich wieder ein-steigen.

Da wird der Kuli traurig, bittere Enttäuschung zeigt sich auf seinem glatten, bartlosen Kindergesicht. Er schüttelt ablehnend den Kopf, geht nicht weiter, Tränen treten in seine Schlitzaugen.

Ich ahnte nicht – was mir später erklärt wurde – , daß ich des armen Rikschakulis Herz tödlich beleidigt hatte. Er glaubte, ich hielte ihn für zu schlapp, um mich den Berg hinaufzuziehen, und eine schlimmere Beleidigung kennt der Kuli nicht. Als ich nun notgedrungen wieder einstieg, erstrahlte sein Gesicht, wie man es bei uns nur an Kindern sieht. Er bekam zehn Cent für eine Fahrt von einer halben Stunde etwa.

Mit der Zeit gewöhnt man sich daran und findet nichts mehr dabei. Eines Tages fuhr ich zusammen mit einem europäischen Kaufmann, der mir aber doch etwas unbarmherzig vorkam. Als wir an einem der sauber gekleideten chinesischen Polizisten vorbei fuhren, ließ dieser seinen Kuli anhalten, ging zum Schutzmann und sagte, indem er die Nase furchtbar rümpfte: „Kuli Nummer zweihundertelf plenty stinke, stinke nach Knoblauch!“

Der Polizist beroch den armen Schlucker, der Kaufmann bezahlte nicht, und der Kuli mußte traurig auf die »Sympofangtse«, die Polizeiwache, marschieren. Daß er dort wirklich Schläge auf die Fußsohlen bekommen hat, wie mir erzählt wurde, möchte ich nicht glauben. Und dabei gibt es für den Kuli kein schöneres Gewürz als den Knoblauch! Man gehe nur einmal an einer chinesischen Garküche vorbei, wo die Kulis an langen großen Holztischen sitzen und mit Holzstäbchen ihren Reis – sprich „Leis“ – essen. Schon von weitem duftet’s scharf nach Knoblauch, und Europäernasen pflegen das eben leider nicht zu vertragen.

Wenn man in die Stadt fährt, so behält man meist denselben Kuli den ganzen Tag; geht man in ein Restaurant, so wartet die Droschke draußen – stunden-lang, bis man wieder heraustritt. Dann kommt der Kuli lachend und strahlend angesprungen, fast wie ein Hündchen, dessen Herr nach langer Abwesenheit zurückkehrt.«


Für Fahrten in Tsingtau stehen zwei Klassen von Rik-schas zur Verfügung. Die bessere ist mit Gummibe-reifung. Hat man Eile oder geht es in längeren Strecken bergauf, so mietet man zwei Fahrer, von denen der zweite schiebt. Kommt man vom Hafen, geht es die breite, vorzüglich gepflegte Rechtern-Straße entlang, die hinter der Eisenbahnüberführung in die Schantung-Straße, die Hauptstraße von Tapautau, einmündet. Stets trifft man auf dieser Strecke regen Lastenverkehr an. Ochsenbespannte, hochbeladene Karren oder einzelne Kulis, die auf dem typischen chinesischen Schubkarren mächtige Ballen befördern. Eine beliebte Tragart be-steht auch aus einer quer über die Schulter gelegten Stange, von der an beiden Enden Körbe herabhängen. Kurz vor der Eisenbahnüberführung liegt zur Rechten der sogenannte kleine Hafen, in dem zahlreiche Dschunken und Sampans ein und aus gehen. Hier haben auch die Torpedoboote des Kreuzergeschwaders ihren Liegeplatz.

Tapautau ist die eigentliche chinesische Geschäftsstadt, wo die chinesischen Handwerker, Seiden-, Silber-, Bron-ze- und Porzellanhändler ihre Werkstätten und Ver-kaufshäuser besitzen, darunter verschiedene sehr statt-liche Warenhäuser, besonders solche in Rohseide. Auch einige japanische und indische Läden befinden sich hier. Überall muß natürlich nach orientalischer Sitte vom Preis etwa abgehandelt werden, doch geht es in den größeren Seidengeschäften auch recht solide zu.

Bei den Markthallen geht der Stadtteil Tapautau in das eigentliche europäische Viertel, in den Stadtteil Tsing-tau über. Die Verlängerung der Schantung-Straße nennt sich von hier ab Friedrichstraße. Die Friedrichstraße trifft an der Tsingtau-Bucht auf die Tsingtau-Landungs-brücke. An der Friedrichstraße liegen zahlreiche deut-sche Geschäfte und Restaurants. Das eigentliche euro-päische Wohnviertel zieht sich um den Gouverne-mentshügel, an dessem Südfuß das imposanten Gouvernementsdienstgebäude steht, das im Frühjahr 1906 in Betrieb geht. In einem Seitenflügel dieses Gebäudes ist die Kiautschou-Bibliothek mit Lesezimmer untergebracht. Östlich neben dem Gouvernements-hügel liegt der Diederichs-Berg mit der Signalstation und einer in Stein gemeißelten, auf die Besitzergreifung durch Deutschland hinweisenden Inschrift. Zwischen Gouvernementshügel und Diederichs-Berg steht auf einer kleinen Erhöhung wirkungsvoll sich abhebend, die 1910 eingeweihte, im romanischen Stil errichtete evangelische Kirche. Den Hintergrund des Kirchplatzes nach Norden bildet der Wasserberg mit dem Wasser-turm und dem vom Flottenverein geschenkten Obser-vatorium.

Vom Gouvernementsdienstgebäude führt die Wilhelm-straße zum Kaiser-Wilhelm-Ufer, einer prächtigen Strandpromenade, wo das große Hotel ›Prinz Heinrich‹, die Deutsch-Asiatische Bank und die Schantung-Eisen-bahn- und Bergbaugesellschaft ihre stattlichen Gebäude haben.

Am östlichen Teil des Kaiser-Wilhelm-Ufers liegt als letzter Rest des alten chinesischen Dorfes Tsingtau der von hübschen Anlagen eingefaßte buddhistische Tem-pel und das ›Yamen‹, die frühere Dienstwohnung des Mandarinen, in dessen Hof herrliche Glyzinien blühen. Weiter östlich erhebt sich als weiteres Überbleibsel die sogenannte Heidenmauer, eine Drachengeschmückte Wand, bestimmt die bösen Geister abzuhalten.

Ungefähr beim Yamen biegt die bisher in etwa östlicher Richtung verlaufende Strandlinie nach Süden ab und bildet eine Halbinsel von der ungefähren Form eines gleichseitigen Dreiecks mit 300 m Seitenlänge. Diese Halbinsel trennt die Tsingtau-Bucht von der östlich da-von liegenden Auguste-Viktoria-Bucht, allgemein Clara-Bucht genannt. Auf der in die See vorspringenden Spitze dieses Halbinseldreiecks liegt die Offiziersspeiseanstalt.

Die Auguste-Viktoria-Bucht wird eingefaßt von dem in ganz Ostasien berühmten Badestrand, der von zahlrei-chen geschmackvollen Badehäuschen besetzt ist, und hinter dem sich das sehr komfortable ›Strandhotel‹ erhebt. Hier dehnt sich auch der als Renn- und Sport-platz vielbenutzte Iltis-Platz aus, wo im Frühjahr und Herbst regelmäßig Ponyrennen stattfinden. Nordwest-lich schließt sich an den Iltis-Platz ein reizendes Villen-viertel an, während sich nach Norden und Nordosten im bergigen Gelände die Forstanlagen mit wohlgepflegten, schattigen Wegen, Schonungen, Versuchsgärten, Forst-häusern und herrlichen Aussichtspunkten erstreckt. Mit unendlicher Mühe ist unter Leitung deutscher Forstbeamter hier und weiter im Hinterland die Auf-forstung der Berge im Gange, durch die eine Ver-besserung der Wasserverhältnisse der Stadt erreicht und der Versandung des Hafens durch Schwemmland vorgebeugt wird, zugleich aber eine Versorgung der Bergwerke mit Grubenholz, in diesem holzarmen Land ein äußerst geschätzte Material, ermöglicht werden soll. Unendlicher Geduld hat es bedurft in der Erziehung der chinesischen Bevölkerung, die gewohnt war, jeden heranwachsenden Strauch sofort zu Brennzwecken herauszureißen. Die Kasernen der Garnison liegen am Iltis-Platz (Iltis-Kasernen), westlich des Villenviertels am Bismarck-Berg (Bismarck-Kasernen) und weiter im Hinterland südlich der chinesischen Ansiedlung Tautungtschen (Moltke-Kasernen). In der Nähe der Moltke-Kasernen steht auch die Germaniabrauerei.

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Die Flotte

Neben der Erschließung Chinas für die deutsche Wirt-schaft durch einen deutschen Hafen an der chinesi-schen Küste war der hauptsächliche Grund für die Nahme der Bucht von Kiautschou und seines nahen Hinterlandes als Kolonie die Schaffung eines deutschen Marinestützpunktes in Ostasien.

Wegen der starken deutschen Wirtschaftsaktivitäten im Pazifikraum ist zu deren Schutz auch die deutsche Marine im Einsatz. Nur war die Flotte auf japanische und englische Basen für ihre Schiffe im westlichen Pazifik angewiesen. So hatte man schon länger die Küste Chinas erkundet und einen passenden Ort für die Anlage eines eigenen Kriegshafens gesucht. Schließlich wählte man die Bucht von Kiautschou. Die Bucht von Kiautschou hat den Vorteil der nördlichste eisfreie Bereich an der chinesischen Küste zu sein, sodann liegt die Bucht so weit nördlich, daß sie von Taifunen verschont bleibt und es ist möglich in der Bucht einen Hafen anzulegen. Es fehlte nur noch ein Anlaß für die Übernahme der Bucht in deutschen Besitz. Der Mord an zwei deutschen Missionaren in China Anfang November 1897 war dann der willkommene Grund für die Besetzung der Bucht und ihres Hinterlandes.   


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Die Garnison

In Kiautschou ist das III. Seebataillon der Marine-infanterie der deutschen Kriegsmarine stationiert. Das Bataillon besteht im Jahre 1900 aus vier Kompanien Infanterie und einer Marine-Feld-Batterie mit Maul-tieren als Zugtieren für die mobile artilleristische Unter-stützung. Durch Verfügung des Gouvernements von Kiautschou vom 14. Juni 1901 wird die Aufstellung eines Reiter-Detachements befohlen, dessen Vorläufer schon im Juni 1900 gebildet wurde. Das Reiter-Detachement wird später in 5. (berittene) Kompanie umbenannt.

Eine weitere Truppe in der Kolonie Kiautschou ist die im September 1899 aufgestellte chinesische Söldnertruppe in Stärke von 120 Mann. Sie ist für die innere Sicherheit verantwortlich, um nicht deutsche Soldaten damit zu belasten, die außerdem sprachunkundig und landun-gewohnt sind. Der Vorteil der Chinesentruppe liegt in ihrem geringen Sold, ihrer Kenntnisse der chinesischen Sprache und Lebensweise und sie sind an Klima und Land gewöhnt. Der Truppe werden deutsche Offiziere und Unteroffiziere zugeteilt. Da die Söldner vorher an-dere Berufe ausgeübt haben, bedarf es einer Einübungs-zeit, bis am Jahresende 1899 nach Berlin über die Chine-sentruppe gemeldet werden kann: »Haltung frisch und tadellos. Die Soldaten zeigen Geschick und Zähigkeit«.

Mit Auflösung des Ostasiatischen Expeditionskorps 1901, das zur Niederschlagung des Boxeraufstands in China von Deutschland nach China transportiert wor-den war, und dessen Umwandlung in die Ostasiatische Besatzungs-Brigade, verlegt das I. Bataillon des 1. Ost-asiatischen Infanterie-Regiments nach Syfang, einem Fischerdorf etwa zehn Kilometer nördlich von Tsingtau. Hier verbleibt das Bataillon bis 1906, dann wird es von der aus der Stadt Kiautschou abgezogenen 1. Kompanie des III. Seebataillons ersetzt.

Der kleine Ort Kaumi liegt in der Mitte der 50 Kilometer tiefen Neutralen Zone, die die Kolonie Kiautschou um-gibt und in der Deutschland das Stationierungsrecht für Truppen hat. So wird gemäß Gouvernementsbefehl vom 25. August 1900 ein ständiges Detachement des III. Seebataillons, die 5. (berittene) Kompanie, als dauerhaf-ter Posten dort stationiert. Im Zuge der Neuorientierung der chinesischen Politik gegenüber Deutschland wird die Stationierung einer Truppe in der Neutralen Zone überflüssig. Daher wird das Detachement gemäß Gou-vernementsbefehl vom 5. November 1905 bis zum 2. April 1906 in mehreren Etappen nach Tsingtau zurück-verlegt.

Zum Schutz der Landseite der Hafenstadt Tsingtau wer-den auf der Halbinsel, auf deren Spitze Tsingtau liegt, hinter den Iltis-, Bismarck- und Moltkebergen, die die Stadt umgeben, fünf Infanteriewerke angelegt. Diese Landbefestigungen sind nur kleine und bescheidene Erdwerke, eigentlich nur Infanteriefeldbefestigungen. Sie sind mit je 60 Mann besetzt. Hauptsächlich sind ihre Besatzungen damit beschäftigt als Posten zwischen den Wällen Wache zu laufen. Das Leben in den militärmäßig einfachen Kasematten der Infanteriewerke ist für die deutschen Soldaten keine Freude. Sie sollen die Werke auch nur Sichern und Instandhalten für den Ernstfall, wenn die Besatzungsstärke aus den modernen und im Verhältnis komfortablen Kasernen von Tsingtau, wo die Soldaten auch das Leben der Stadt genießen können, auf 200 Mann angehoben werden soll. Dafür können dann Betten für die neuen Mannschaften aufgestellt werden, die elektrischen Kraftstationen in Betrieb genommen werden, die Küchen und dergleichen Einrichtungen be-triebsfähig gemacht werden. Die eingemotteten Metall-gegenstände der Infanteriewerke sind zum Schutz ge-gen Rost mit Vaseline eingeschmiert.

Ein weiterer ständiger Stützpunkt des III. Seebataillons ist der Strand des Fischerdorfes Schatsykou. Das Dorf liegt über 20 Kilometer Luftlinie von Tsingtau entfernt und bietet die einzige seichte Landungsstelle für feind-liche Truppen auf der Seeseite der Bucht von Kiau-tschou. Folglich werden hier stetig Detachements des III. Seebataillons als dauerhafte Posten stationiert.

Mit Befehl vom 27. September 1910 wird eine Marine-Pionier-Kompanie für das III. Seebataillon gebildet. Sie soll dem Bataillon als mobile Pionier-Einheit zur Verfü-gung stehen. Schließlich wird mit Befehl vom 25. No-vember 1911 eine Maschinen-Gewehr-Kompanie aufge-stellt. Sie besteht aus zwei selbständigen Zügen.

Zu den Nachrichtenmitteln der Truppe wie Melder auf Pferd oder Motorrad und Telefon gehört auch weiterhin die Brieftaube, die auch bei etwa durch starken Regen unterbrochenen Landverbindungen immer Einsatzfä-higkeit ist.

Der Hauptschutz von Tsingtau gegen Angriffe von See stellt die Matrosenartillerieabteilung Kiautschou dar. Die Abteilung besteht aus vier Kompanien zu je 250 Mann. Die Artillerie der Abteilung steht in einem guten Dutzend Forts in den Tsingtau umgebenden Gebirgs-zügen der Gebirgskette der Iltis-, Bismarck- und Moltke-berge. Teile der Artillerie der Matrosenartillerieabtei-lung Kiautschou sind aus dem im Boxeraufstand in den Taku-Forts, die den Zugang nach Tientsin, der Hafen-stadt von Peking, sperrten, entnommen. Bei den Taku-Fort-Geschützen handelt es sich um von Krupp in Deutschland hergestellten Waffen.

Die gesamte militärische Besatzung von Kiautschou be-trägt 2400 Mann, 1400 Mann des III. Seebataillons und die 1000 Mann der Matrosenartillerieabteilung Kiau-tschou.

Im Sommer 1914 erhält die Truppe zwei Fesselballons mit unterhängenden Körben für Beobachter, die bis zu einer Höhe von 1200 Metern aufsteigen können, und auch ihre ersten beiden Flugzeuge treffen ein.



Der regelmäßige Austausch der Truppen in Kiautschou erfolgt über Schiffstransporte. So wird im Januar 1905 der Frachter Frankfurt als Truppentransportschiff her-gerichtet. Mit 800 Mann Marineinfanteristen und 400 Mann Marineartilleristen an Bord legt das Schiff am 23. Januar 1905 in Wilhelmshaven nach Tsingtau ab. An diesem klaren Wintertag sind zum Abschied der Trup-pen die Hafenschleusen mit Menschenmengen dicht besetzt. Eine Militärmusikkapelle spielt am Molenkopf, und unter tausendstimmigen Hurrarufen und Tücher-schwenken erklingt, zuerst von der Musikkapelle ge-spielt, und dann von den Soldaten im Gesang aufge-nommen:

»Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus«   

Durch Nordsee und Atlantik geht es ins Mittelmeer und in den Suezkanal. Im Roten Meer wird die Hitze uner-träglich und die im Schiff zusammengepferchten Sol-daten leiden und viele von ihnen werden von den hier so häufigen Hautausschlägen befallen. Die Schiffsbesat-zung tut ihr möglichstes, um den Marinesoldaten zu helfen. Aus wasserdichten Persennings werden auf Deck Badevorrichtungen geschaffen, die von Offizieren und Mannschaften getrennt zu verschiedenen Stunden be-nutzt werden können. Im Indischen Ozean bessern sich die Temperaturen und die Kolonialsoldaten können den tropischen Nachthimmel bewundern.

In Colombo auf der Insel Ceylon hat die Frankfurt einen mehrstündigen Aufenthalt, um Proviant, Kohlen und Trinkwasser zu übernehmen. Die Truppen, die meisten-teils vorher noch niemals ihre Heimat verlassen haben, dürfen in diesen Stunden einen Landgang in der tro-pischen Stadt unternehmen. Dann geht es weiter durch den Indik in die Straße von Malakka und nach China. Am 3. März erreicht der Truppentransporter Tsingtau.

Der Erste Offizier der Frankfurt, Adolf Winter, der auch zum ersten Male nach Tsingtau kommt, beschreibt die deutsche Hafenstadt in China:

»Die Einfahrt macht einen ziemlich öden Eindruck. Kahle Felsen ohne Vegetation. Hinter der Stadt, die leuchtend weiß uns entgegengrüßt, ziehen sich hübsche Anpflanzungen von Kiefern und Tannen an den kahlen Bergen empor.

Die Stadt selbst ist sehr ausgedehnt und hat modernes Gepräge. Die Straßen, an denen stattliche, zweistöckige Steinhäuser stehen, sind breit und gut gepflastert, die Bürgersteige mit Baumreihen versehen und erinnern durchaus an die deutschen Provinzstädte.

Und zahlreiche Villen grüßen in gefälliger Bauart deut-schen Geschmacks von höher gelegenen Punkten he-rab.

Natürlich nehmen große und schöne Kasernenbauten mit weiten Exerzierplätzen einen besonderen Vorrang ein. Die Hohenzollernstraße, die Prinz-Heinrichstraße mit dem Prinz-Heinrich-Hotel, ebenso das Bahnhofs-gebäude und die Post könnten überall in Deutschland bestehen. Wie Hongkong, Singapur und viele andere Städte des Ostens völlig englisches Gepräge tragen, atmet uns eben in Tsingtau überall die deutsche Heimat entgegen.

Freilich sind auch hier als Arbeiter die chinesischen Kulis vorherrschend, und ich bin erstaunt, wie gut die meisten die deutsche Sprache erlernt haben.

Und natürlich, wo Deutsche sich heimisch fühlen sollen, da muß es auch gutes, deutsches Bier geben. So erzählen mir die Offiziere, daß es sich ganz vorzüglich in Tsingtau leben lasse. Im Sommer gibt es ein besonders lebhaftes und internationales Leben und Treiben am Badestrand von Tsingtau, dessen Klima außerordentlich milde ist.

Wir blieben 16 Tage im Hafen von Tsingtau, dann haben wir die gleiche Anzahl heimkehrender Truppen an Bord und erreichen am 28. April nach schneller und schöner Fahrt wieder Wilhelmshaven.«

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Tientsin

Eine weitere deutsche Konzession in China besteht seit dem 30. Oktober 1895 in der Stadt Tientsin. England und Frankreich hatten schon nach ihrem Opiumkrieg von 1856 bis 1860 gegen China in Tientsin Konzessionen. Tientsin liegt 120 Kilometer von Peking entfernt und ist der Hafen der Hauptstadt Chinas und natürlich auch der gesamten umliegenden Region. Die Stadt liegt zwar noch einmal 50 Kilometer vom Meer entfernt ist aber über den Paiho mit dem Pazifik verbunden. Eine ähn-liche Lage wie Hamburg über die Elbe zum Meer.

Tientsin ist seit Jahrzehnten auch ein Einfallstor für den europäischen Handel nach China hinein und entwickelt sich zur Industriestadt. Die Konzessionen der europä-ischen Mächte und Japans in Tientsin liegen außerhalb des eigentlichen chinesischen Stadtgebietes und haben eine Fläche von 13 Quadratkilometern. Sie liegen ent-lang des Paiho. Die Konzessionen haben eigene Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse und Kasernen. Für die Kolonialmächte sind die Konzessionen in Tientsin we-sentlich bedeutender als jene in Hankau.

Von 1900 bis 1909 wird Tientsin von einer internationa-len Kommission verwaltet, in der die Mächte vertreten sind, welche Konzessionen in der Stadt haben: England, Frankreich, Italien, Belgien, Rußland, Japan, Österreich-Ungarn und Deutschland. Tientsin hat um 1910 750.000 Einwohner.

Während etwa die Flächen der Konzessionsgebiete Ruß-lands und Belgiens unentwickelt bleiben, wird die deut-sche Konzession städtebaulich entwickelt. Die Verbes-serung der Infrastruktur des deutschen Konzessions-gebietes in Tientsin geht Hand in Hand mit dem wirt-schaftlichen Wachstum des Gebietes. Deutsche Han-delshäuser siedeln sich im Konzessionsgebiet an, ein-schließlich einer Filiale der Deutsch-Asiatischen Bank. Es entstehen moderne Gebäudezeilen im deutschen Bereich von Tientsin. Die amtlichen Gebäude sind im wilhelminischen Stil gehalten, so auch der Bau des Deut-schen Klubs an der Wilhelmstraße, der Hauptstraße der deutschen Konzession, die unter wechselnden Namen auch durch verschiedene andere Konzessionsgebiete in der Stadt führt. Andere Bauten in der deutschen Konzession wie Villen sind im modernen Kolonialstil gehalten.

In Tientsin liegen von 1902 bis 1906 Teile der Ostasia-tischen Besatzungs-Brigade, die nach dem Friedensver-trag mit China von 1902 aus nicht nach Deutschland zurückgeschickten Teilen des Ostasiatischen Expediti-onskorps gebildet worden ist. 1906 wird die Ostasiati-sche Besatzungs-Brigade in ihrer Stärke weiter reduziert und in Ostasiatisches Detachment umbenannt, welches nur noch in Peking und Tientsin stationiert ist. Ab 1909 wird der Verband nochmals reduziert und in Ost-asiatisches Marine-Detachment umbenannt, welches aus drei Kompanien besteht, wovon eine in Peking und zwei in Tientsin stationiert sind.

Ein Ereignis für die deutsche Gemeinde in Tientsin ist die Enthüllungsfeier des Kriegerdenkmals am 17. Juni 1905 für die gefallenen deutschen Kämpfer im Boxer-aufstand. Das Denkmal steht auf dem Wilhelmplatz, der im Verlauf der Wilhelmstraße liegt.

Die Entwicklung der deutschen Wirtschaft im Raum Tientsin erschließt sich an der Zahl der deutschen Un-ternehmen im Konsulatsbezirk Tientsin. Sind im Jahre 1900 29 deutsche Firmen im deutschen Konsulatsbezirk Tientsin ansässig, so sind es im Jahre 1912 63 Firmen.

In Tientsin erscheint auch das Tageblatt für Nordchina für die deutschsprechende Leserschaft.



In Tientsin liegt auch der einzige koloniale Besitz des Kaiserreichs Österreich. Diese zweite deutsche Groß-macht hat die Konzession in Tientsin durch ihre Betei-ligung an der Niederschlagung des Boxeraufstandes 1900/1901 erworben. Auf dem Gelände liegen zunächst deutsche Truppen, die das nun zu Österreich-Ungarn gehörende Gebiet 1902 räumen und ordnungsgemäß an die Österreicher übergeben. Die Deutschen übergeben auch alle Unterlagen zum Gebiet an die Verbündeten aus Österreich. Die Österreicher stationieren zu seiner Sicherung zunächst etwa 30 Mann Marineinfanterie auf ihrem Konzessionsgebiet. Die Fläche der österreichisch-ungarischen Konzession beträgt 150 Acres und ist somit etwas größer als die italienische Konzession, aber klei-ner als das belgische Konzessionsgebiet.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Konzessionsge-bieten in Tientsin ist das nun unter österreichischer Herrschaft stehende Land kein meist unbewohntes teils sumpfiges Gelände, sondern bereits von 30.000 Chine-sen bewohnt. Es liegt nördlich des Paiho unmittelbar in die wachsende Industriestadt Tientsin hineinreichend.

Als die Österreicher 1902 mit Vermessungen und Arbei-ten für die Anlage einer modernen Infrastruktur begin-nen, stoßen sie auf Schwierigkeiten mit den in altherge-brachten Bahnen lebenden Bewohnern ihres Konzes-sionsgebietes. Schnell richten die Österreicher vier Polizeistationen ein und können den Widerstand der Einheimischen überwinden. Die Österreicher machen große Anstrengungen für die Entwicklung ihres Ge-bietes und so schließen sie ihre Wasserversorgung an das 1901 fertiggestellte Wasserversorgungssystem der englischen Konzession an. Auch die Straßenbeleuch-tung wird 1902 vorbereitet.

Die Sicherung des Konzessionsgebietes wird schließlich von der österreichischen Kommandantur in der Kon-zession mit 40 österreichisch-ungarischen Marineinfan-teristen und 70 chinesischen Militärpolizisten gewähr-leistet. Die österreichische Verwaltung führt Steuern und ein Melderegister ein. Seit 1907 werden alle Ge-burten, Sterbefälle und Heiraten registriert. Die Ver-waltung wird schließlich von einem Stadtrat aus chine-sischen Ehrenmännern unter der Aufsicht des öster-reichisch-ungarischen Konsuls und des Militärkom-mandanten geführt. Die Gerichtsbarkeit gründet sich auf dem österreichisch-ungarischen Recht. Begeht ein Chinese aus der Konzession auf chinesischem Gebiet ein Verbrechen, wird er von einem chinesischem Ge-richt abgeurteilt.

Mit dem Aufbau der kleinen aber komfortablen euro-päischen Wohngegend in der Konzession mit seinen besonderen österreichischen Architekturelementen entsteht auch ein europäisches Theater, ein Kasino und eine Therme. Eine Statue des Komponisten Johann Strauss in geigespielender Pose wird aufgestellt. Wie in den anderen entwickelten Konzessionen gibt es ein Ge-fängnis, eine Kaserne, einen Friedhof und ein Kran-kenhaus. Für die chinesischen Kinder wird Schul-unterricht eingeführt. Auch eine Lotterie wird einge-führt.

Ein bedeutendes Handelszentrum, wie von österreichi-scher Seite erhofft, wird die Konzession nicht. Die wich-tigsten Geschäftsbereiche sind die traditionellen chine-sischen Geschäfte.

Das Konsulat des österreichischen Kaiserreiches hat selbstverständlich seinen Sitz in der Konzession und die chinesischen Einwohner der Konzession erhalten die österreichisch-ungarische Staatsbürgerschaft.

Österreich-Ungarn unterhält in Ostasien auch die ein-zige Marine-Auslandsstation der Doppelmonarchie. Ein Kriegsschiff der k.u.k. Marine ist immer in chinesischen Gewässern stationiert. Das Stationsschiff sendet auch sein Landungskorps bei Bedarf zur zusätzlichen Siche-rung der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft nach Peking, wo gut 30 Marinesoldaten die Gesandt-schaftswache stellen, oder in die Konzession nach Tien-tsin oder verwendet das Korps für andere Aufgaben in Ostasien.

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Hankau

Seit dem 3. Oktober 1895 besitzt das Deutsche Reich in der am Yangtsekiang gelegenen Stadt Hankau eine Konzession von 100 englischen Acres, was gleich 0,4 Quadratkilometer ist. Von diesem altenglischen Maß an Acres/Äckern – ein Acre/Acker ist gleich der Fläche, die an einem Tag von einem Bauern mit einem Ochsen beackert werden kann – besitzt England in Hankau 115 Acres, Frankreich 60 Acres, Rußland 60 Acres und Japan 32 Acres. Schließlich vermißt man aber 46 Hektar = 0,46 Quadratkilometer = 113,6 Acres für die deutsche Kon-zession in Hankau. Eine solche Konzession in China bedeutet ein vollständig dem Recht des Staates mit der Konzession unterworfenes Gebiet.

Hankau ist ein Zentrum von Handel und Wirtschaft in China und der größte Binnenhafen des Landes und so haben sich die Kolonialmächte in der Stadt von einer Million Einwohnern am mittleren Yangtsekiang ihre Einflußsphären gesichert. Die Konzessionsgebiete lie-gen aneinandergereiht am Fluß außerhalb der chine-sischen Stadt. So ist auch die deutsche Konzession in der Stadt in einer Länge von einem Kilometer am Ufer des mächtigen Flusses gedacht für die Sicherung des deut-schen Handels und Einflusses tief im Inland von China. Der jeweilige deutsche Konsul in Hankau ist auch gleichzeitig der Verwaltungschef der Konzession.

Im Herbst 1899 richtet der Norddeutsche Lloyd eine Linie auf dem Yangtse bis nach Hankau ein. Der Dienst selbst ist kein nennenswerter wirtschaftlicher Erfolg, dennoch sind die Yangtse-Dampfer unentbehrlich als Zubringer für die ostasiatischen Reichspostdampfer des Lloyd, die Schanghai anlaufen. 

Während des Aufstandes der Boxer meldet am 9. Okto-ber 1900 der Kommandant des Kanonenbootes Schwal-be, der die Stationärsgeschäfte in Hankau übernommen hat: »Nach meiner Einschätzung droht den Europäern in Hankau bei Anwesenheit einiger, wenn auch kleinerer Kriegsschiffe durch einen Aufstand des chinesischen Pöbels keine Gefahr.« Die Deutschen vor Ort sehen auch nicht die geringste Gefahr für sich in Hankau.

Nach einer Erkundungsfahrt auf dem Yangtse im Febru-ar-März 1903 schreibt der 2. Admiral des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders, Graf Friedrich von Baudissin, über Hankau: »Die deutschen Interessen legen ein er-freuliches Zeugnis ab von der Fähigkeit, Gründlichkeit und Thatkraft des deutschen Kaufmanns. An dem Im-port und besonders an dem Exporthandel aus den Yangtse-Gebieten sind die Deutschen erst seit den 80er Jahren betheiligt, von dann aber in stetig steigenden Maaße, was indessen äußerlich erkennbar erst mit dem Auftreten der Handelsflagge und der Einrichtung regel-mäßiger Linien in die Erscheinung tritt. Während der englische Antheil an der Thee-Ausfuhr, dem früher alleinigen Export-Artikel größeren Maaßstabes, Schritt für Schritt zurückging, erkämpfen sich die deutschen Häuser langsam aber sicher die führende Rolle in der Ausfuhr der vielseitigen Artikel – von den Engländern noch heute mug and trug Artikel genannt – welche bis jetzt neben Seide das Fundament des Ausfuhrhandels Chinas bilden. Vom Thee-Handel abgesehen, welcher quantitativ meist in russischen Händen liegt, welche den, aus minderwertigen Sorten fabrizierten sog. Ziegel-thee nach und über Sibirien leiten, wird man mit der Behauptung nicht zu hoch greifen, daß annähernd ¾ des ganzen Import- und Exporthandels von Hankau in deut-schen Händen liegt.«

Über den Yangtse ist Hankau mit Schanghai verbunden und über den Fluß auch selbstverständlich zum Welt-meer. Die Hamburg-Amerika-Linie betreibt 1905 zwei Dampfer auf der Strecke Hankau-Schanghai. Bei Han-kau ist der Yangtse noch 700-800 m breit und für See-dampfer mittlerer Größe befahrbar.

Der Norddeutsche Lloyd führt 1905 die Linien Schang-hai-Hankau und Hankau-Ichang. Ichang ist nach Han-kau die zweitgrößte Stadt der Provinz Hubei und ist über Nebenflüsse mit dem Yangtse verbunden.



Hankau ist der zentrale Anlaufpunkt für die Station der deutschen Yangtse-Patrouille auf dem mittleren Yang-tsekiang, aber in Hankau ist kein Kanonenboot ständig stationiert. Nach dem Boxeraufstand ist zwar ständig ein Schiff in Hankau, dann aber wird mit Einverständnis des Kaisers die Station seit Frühjahr 1903 nach Bedarf besetzt. Die Deutsche Vereinigung in Hankau will aber einen festen Stationär vor Ort und will natürlich auch aus Stolz nicht hinter der Station Schanghai nachstehen, wo ständig ein deutsches Kriegsschiff auf Posten ist für die an die tausend Deutschen und ihre Handelsinte-ressen in der größten Hafenstadt Chinas.

Deutsche Kriegsschiffe auf Besuchsfahrt, wie das Kano-nenboot Thetis, fahren auf dem Yangtsekiang bis nach Hankau. So die Thetis ab dem 28. April 1902 mit dem Chef des deutschen Ostasiengeschwaders Vizeadmiral Richard von Geißler an Bord über Nanking, der südli-chen Hauptstadt Chinas, nach Hankau, um Flagge zu zeigen und kehrt dann in die deutsche Marinebasis Tsingtau zurück.

Ein besonderer Besuch der deutschen Flotte in Hankau findet vom 8. bis 12. Juni 1904 statt, als der Admiral des Ostasiatischen Geschwaders auf seiner alljährlichen Yangtse-Reise – 1904 und 1905 ist der Kommandierende Admiral des Geschwaders Vizeadmiral Curt von Pritt-witz – bei seiner Fahrt auf dem Yangtse mit seinem Flaggschiff, dem Großen Kreuzer Fürst Bismarck, und dem kleineren Großen Kreuzer Hertha in Hankau ist. Trotz des Tiefgangs von 8,50 m der Fürst Bismarck kann Admiral von Prittwitz, bedingt durch den hohen Wasserstand des Yangtse, mit den beiden modernen Kriegsschiffen Hankau erreichen und so auch einen Prestigegewinn für Deutschland erzielen.

Auch Prinz Adalbert von Preußen, der dritte Sohn des Kaisers, ist als Marineoffizier bei der Besuchsfahrt da-bei, was die Ehre für die deutsche Kolonie in Hankau noch einmal erhöht. Selbstverständlich werden bei der Yangtse-Fahrt vom Admiral chinesische Potentaten an Bord geladen, um ihnen Macht und Größe des Deut-schen Reiches anschaulich vor Augen zu führen. Auch die anderen Kolonialmächte in China suchen natürlich mit einer Flottenpräsenz in chinesischen Gewässern Eindruck zu machen.   

Im März 1907 ersucht die Deutsche Vereinigung Han-kau den Reichskanzler in einem Schreiben um die Sta-tionierung eines Kriegsschiffes in Hankau. Seit der Ab-fahrt des Kanonenbootes Iltis am 27. November 1906 ist kein größeres deutsches Schiff mehr in Hankau gewe-sen. »Zwar sind inzwischen die kleinen Flußkanonen-boote Vaterland und Vorwärts gelegentlich für kurze Zeit hier gewesen, jedoch ist die Handvoll Leute, welche diese im Ernstfall landen können, zu gering, als daß sie in die Waagschale fallen würde.« Die Flußkanonenboote haben 30-50 Mann Besatzung, während die Kanonen-boote 130 Mann Besatzung aufweisen. Um den »chine-sischen Pöbel«, wie die Deutsche Vereinigung schreibt, einzuschüchtern, seien nur die größeren Schiffe geeig-net.

Immer wieder kommt es in Hankau zu Unruhen, die hauptsächlich mit innerchinesischen Problemen zu tun haben. Die etwa 200 Reichsdeutschen im Raum Hankau fürchten um ihre Geschäfte, die oft auf Hamburger Firmen basieren und so unterstützt auch der Ostasia-tische Verein in Hamburg die Bitte um eine dauernde Stationierung eines deutschen Kriegsschiffes in der Stadt.

Der Chef des Ostasiatischen Geschwaders, Konteradmi-ral Alfred Breusing, erkundigt sich über die Verhältnisse in Hankau und kommt zu dem Schluß, daß keine be-sondere Gefahr für Leben und Eigentum der Deutschen im Raum Hankau vorliege und so auch keine dauernde Stationierung eines deutschen Kriegsschiffes dort not-wendig sei.

Als im November 1908 der deutsche Gemeinderat von Hankau, unterstützt vom deutschen Konsul in Hankau, die Bitte um einen Stationär wiederholt und dafür gleich einen Kleinen Kreuzer verlangt, reagiert der neue Ge-schwaderchef, Admiral Carl Coerper, wie sein Vorgän-ger, er schickt zunächst ein Kanonenboot nach Hankau und stellt fest, daß für einen Stationär keine Notwen-digkeit bestehe, da die Lage in Hankau ruhig ist. An den Admiralstab in Berlin schreibt Coerper, daß die »Einga-ben, Requisitionen und Agitationen« aus Hankau nicht eher ruhen würden, bis eine Gleichstellung mit Schang-hai erreicht ist.

Tatsächlich besuchen nun vermehrt deutsche Kriegs-schiffe Hankau, aber eine Gefährdung ist in Hankau nicht abzusehen, die natürlich auch die anderen Mächte vor Ort betreffen würde und die im Notfall ebenfalls sofort Schiffe nach Hankau schicken würden und so auch dem Schutz der Deutschen in Hankau dienlich wären. Der Geschwaderchef muß mit seinen Kräften haushalten und muß auch dem Druck der deutschen Wirtschaftslobby wiederstehen und so bekommt Han-kau kein ständig anwesendes Kriegsschiff.

Am 21. Januar 1911 kommt es in der englischen Kon-zession von Hankau zu Unruhen wegen eines unklaren Todesfalles eines chinesischen Rikschakulis, der unge-rechtfertigt von der chinesischen Bevölkerung der eng-lischen Polizei angelastet wird. Die Engländer haben das Landungskorps eines ihrer Kanonenboote und ihre Freiwilligenkompanie zum Schutz zur Verfügung und rufen die Deutschen zu Hilfe, die ebenfalls über eine Freiwilligenkompanie und über das Landungskorps des Kanonenbootes Jaguar verfügen. Die Engländer stoppen schließlich die über den Bund, der Promenadenstraße am Fluß, in die europäischen Niederlassungen eindrin-gende Menschenmasse von etwa 6000 Chinesen, indem sie das Feuer auf die Chinesen eröffnen. Nach seinem Eintreffen verstärkt das deutsche Landungskorps die englische Schützenkette, braucht aber selbst nicht mehr das Feuer zu eröffnen. Chinesische Truppen überneh-men nun die Sicherung der europäischen Niederlas-sungen und die beiden deutschen Militärverbände sichern in der Nacht noch ebenso die Niederlassungen und führen Patrouillengänge aus. Am nächsten Tag geht das Landungskorps auf die Jaguar zurück und die Frei-willigenkompanie findet sich wieder an ihren Arbeits-plätzen ein.

Für die infanteristische Ausbildung der Besatzungen deutscher Kriegsschiffe bei ihren Besuchen in der Stadt am Yangtse stellt sich die deutsche Freiwilligenkom-panie von Hankau bei Feldübungen in der Nähe der Stadt als Manövergegner zur Verfügung.

Zur Unterhaltung der deutschen Kriegsschiffbesatzun-gen bei ihren Aufenthalten in Hankau richtet der deut-sche Frauenverein ein Zimmer für die Seeleute ein mit Lektüre und Gesellschaftsspielen, da »Hankau den Leu-ten nur sehr wenig bietet«. In einem Bericht des Ost-asiatischen Kreuzergeschwaders vom April 1911 steht über das Hankauer Seemannszimmer zu lesen: »Die Mannschaften erhalten hier Butterbröte, Kuchen und Kaffee und können gegen Bezahlung Bier und Zigarren entnehmen.«


Beim Ausbruch der Chinesischen Revolution im Herbst 1911 versammelt sich in Hankau eine internationale Flotte zum Schutz der Interessen der ausländischen Mächte am Yangtse. An deutschen Kriegsschiffen liegen bereits das Flußkanonenboot Vaterland, das Kanonen-boot Tiger und der Kleine Kreuzer Leipzig in Hankau, welche für den Wach- und Polizeidienst in der deut-schen Niederlassung ihre Landungskorps stellen. Mitte Oktober treffen auch das Torpedoboot S 90 und das Kanonenboot Iltis von Nanking kommend mit dem neuen Chef des Ostasiengeschwaders, Konteradmiral Günther von Krosigk, in Hankau ein.

Während insbesondere die großen Schiffe wegen des fallenden Wasserstandes des Yangtse zum Winter hin die Stadt verlassen und zu anderen Flußstädten beordert werden, um in den Wirren der Chinesischen Revolution dort Sicherungsaufgaben zu übernehmen, verbleibt die Iltis bis zum März 1912 in Hankau. Das Kreuzerge-schwader schickt aber im November 1911 noch 50 Mann mit zwei Maschinengewehren von den Großen Kreu-zern Scharnhorst und Gneisenau nach Hankau zum Schutz der Deutschen dort. Die Deutsche Vereinigung Hankau will aber noch 200 Mann mehr und richtet in der Sache sogar ein Telegramm an den Kaiser, aber der Admiralstab hält den vorhandenen »Schutz gegen den Pöbel« für ausreichend und für den Fall eines Angriffes von chinesischen Truppen würde auch die erbetene Verstärkung nicht ausreichen: »In diesem Falle müßte die deutsche Vereinigung den Rückzug auf die Schiffe in Betracht ziehen.«

Die Revolutionäre achten aber unbedingt die Ausländer und ihr Eigentum, um nicht durch das Eingreifen der ausländischen Mächte ihre Revolution zu gefährden. Obwohl alle anderen Mächte ihre Truppen aus Hankau abziehen, da sich die Lage vollkommen beruhigt hat, bleibt auf »allerhöchsten Befehl seiner Majestät« der deutsche 50 Mann-Trupp in Hankau, die Schiffsmann-schaft wird aber durch Soldaten aus der Garnison in Kiautschou ersetzt. Quartier der Truppe ist das Rathaus der deutschen Niederlassung und im Mai 1913 denkt man an den Bau von Baracken für die Truppe, da mit einem »Verbleiben des Detachments noch weiter ge-rechnet werden muß.«


Am 1. Juli 1914 sendet der Hankauer Konsul Ernst För-ster Reichskanzler Bethmann Hollweg den Vorschlag in Hankau neben dem Generalkonsulat in Schanghai ein zweites deutsches Generalkonsulat zu schaffen, nach-dem zum 1. Juli auch Belgien und Italien ihre Konsulate in der Stadt zu Generalkonsulaten erhoben haben und nun Deutschland als einzige ausländische Macht nur ein Berufskonsulat habe und deshalb auch nicht der deut-sche Konsul Vorsitzender des konsularischen Korps von Hankau werden könne und er nun in seiner Stellung gegenüber den anderen Mächten zurückgesetzt ist. Die Lage ist um so bedenklicher, da der deutsche Handel den größten Anteil des ausländischen Gesamthandels Hankaus ausmacht und nach »neuesten Feststellun-gen« die deutsche Kolonie die zahlreichste ist. Noch wichtiger als die Stellung gegenüber den anderen Mächten ist Förster allerdings der Eindruck auf die Chinesen:

»Auch ihnen ist die Bedeutung des deutschen Handels in Hankau wohl bewußt. Wenn sie nun sehen, daß Mächte, die auf dem Yangtse kaum Interessen haben, ihre Konsulate in Generalkonsulate umwandeln, so liegt die Gefahr nahe, in dem deutschen Verhalten eine Nichtachtung gegenüber China zu sehen.«

Im August/September 1914 soll der moderne Kleine Kreuzer Emden Hankau anlaufen und seine Anwesen-heit wird zweifellos das deutsche Ansehen in der Stadt stärken.

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Österreichische Unternehmungen

Dem Kaiser vom Österreich unterstehen sowohl alleinig die Außenpolitik, das Heer und die Kriegsmarine von Österreich-Ungarn. Somit ist der österreichische Kaiser für koloniale Unternehmungen seines Reiches zustän-dig. Kaiser Franz Joseph I und sein Außenminister Graf Goluchowski planen die Erwerbung eines Hafens in China. 1899 schickt die Regierung in Wien den Kreuzer Kaiserin Elisabeth als Stationsschiff nach China, auch mit der Absicht, wie Deutschland 1897 Kiautschou, einen Hafenplatz in China zu erwerben.

Ende Dezember 1898 bekommt Julius Beck das Kom-mando über die Kaiserin Elisabeth. Auf Becks Wunsch wird auch der Marineoffizier Alfred von Koudelka auf die Kaiserin Elisabeth eingeschifft. Koudelka: »Nach der Einschiffung in Pola teilte mir Beck bei strengster Schweigepflicht mit, in den letzten Dezembertagen habe der Marinekommandant eine Note des Ministeriums des Äußeren erhalten, daß der Minister, Graf Golu-chowski, erwäge, ob Österreich-Ungarn nicht nach deut-schem Muster einen chinesischen Hafen pachten solle, um den Handel mit Ostasien zu fördern. Das Ganze sei geheim zu halten, die diesbezüglichen Studien, For-schungsarbeiten und die Berichterstattung würden mir übertragen. Zu diesem Zweck war ich vom Hafendienst zu befreien und sollte offiziell als Adjutant des Kom-mandanten und Kadetten-Instruktionsoffizier fungie-ren.

Glücklicherweise blieben mir vor der eigentlichen For-schungsarbeit etwa zwei Monate Zeit, alle Fragen zu überdenken und mich vorzubereiten. Nun, die soge-nannten ›Vertragshäfen‹ wie Fu-Tschou oder Amoy kamen aus politischen Gründen nicht in Frage. Die Nähe eines großen Handelshafens wie Hongkong oder Shang-hai war zu vermeiden, weil sie zuviel Konkurrenz bedeutet hätte, ebenso die Nähe des deutschen Pacht-gebietes Kiautschou. Es blieben daher nur die Häfen zwischen Hongkong und Shanghai oder nördlich davon zur Wahl. Welcher war der beste? Das sollte die Forschung ergeben! Allem voran war eine Rücksprache mit dem k.u.k. Gesandten in Peking, Freiherr von Czikann, und dem Generalkonsul in Shanghai, Freiherr von Schmucker, notwendig. Als Reiseroute plante ich in etwa: den Besuch der Häfen südlich von Shanghai, dann einen Sommerbesuch in Japan, und schließlich wollten wir die Häfen nördlich von Shanghai aufsuchen. – S.M. Kreuzer Kaiserin Elisabeth verließ Pola am 24. Jänner 1899.«

Über Port Said und Aden geht es nach Colombo auf Ceylon, wo die Kaiserin Elisabeth auf die heimreisende Korvette Frundsberg trifft, um die Übergabe der ostasiatischen Station durchzuführen. Auch Post trifft in Colombo für die ausreisende Kaiserin Elisabeth ein. Koudelka: »Die Post aus der Heimat hatte uns einen unerfreulichen Erlaß des k.u.k. Reichskriegsministe-riums gebracht. In der Neuen Freien Presse war ein Leitartikel erschienen, der von der Absicht der Mo-narchie sprach, nach deutschem Beispiel einen Hafen in China zu pachten. Der Schiffskommandant hatte um-gehend zu berichten, wer für diese schwere Übertretung der Geheimhaltungspflicht zur Verantwortung gezogen werden müsse! Beck schäumte: „Hier an Bord sind nur Sie, als der zur Arbeit berufene, und der GDO [Gesamt-Detailoffizier, in der deutschen Marine der Erste Offizier, ranghöchster Offizier nach dem Kommandanten], Korvettenkapitän Karl Graf Lanjus von Wellenburg, als mein Stellvertreter, in das Geheimnis eingeweiht. Wem also ist der Vertrauensbruch zuzuschreiben?“ Lanjus und ich versicherten ehrenwörtlich nicht schuldig zu sein. Aber Beck weihte nun auch den Schiffsauditor, Linienschiffsleutnant Pietzuk, ein und ordnete gericht-liche Erhebungen zur Feststellung des Übeltäters an. Als mir die wiederholten Vernehmungen durch Freund Pietzuk, der allerdings nur seine Pflicht tat, zu viel wur-den, kam mir der Gedanke, im Postbuch nachzusehen, wer und an wen rekommandierte Briefe aufgegeben hatte. Da fand ich unter der Eintragung in Port Said: Absender Linienschiffskapitän von Beck, Empfänger Oskar von Teuber! Letzterer war der Verfasser von militärwissenschaftlichen Büchern und Arbeiten, ne-benbei auch Reporter der Neuen Freien Presse und Vertrauter von Beck, den ich seinerzeit als Pressere-ferent wiederholt vor dem Sensationsdrang Teubers gewarnt hatte. – Beck wurde sehr verlegen, er habe Teuber für sehr vertrauenswürdig gehalten; es sei ja immerhin möglich, daß in dem Brief eine Stelle ent-halten gewesen sei, die Teuber auf den Gedanken der Bearbeitung für die Neue Freie Presse gebracht habe; er werde die Antwort ans Ministerium selbst absenden, Pietzuk solle sofort alle Erhebungen einstellen!«

In Peking besuchen Beck und Koudelka zur Bespre-chung des Planes der Erwerbung eines Hafens den österreichisch-ungarischen Gesandten Baron Czikann. Koudelka: »Bereits bei den ersten Besprechungen stellte sich heraus, daß er über China und die Chinesen wenig wußte, über die Wiener chronique scandaleuse hinge-gen wußte er bestens Bescheid. Als wir mit Legationsrat von Rosthorn, der als Dolmetsch fungierte, dem chine-sischen Ministerium des Äußeren einen Besuch abstat-teten, stellte sich heraus, daß unser famoser Gesandter nicht einmal dessen allmächtigen und berüchtigten Vorsitzenden, Jung-lu, kannte!

Am Morgen des fünften Tages ging es an die Rückreise, Beck inspizierte die Gesandtschaftswache – Linien-schiffsleutnant Karl Prica, zwei Kadetten und 30 Matro-sen –, die abgelöst wurde und mit uns nach Tschifu einrückte. In Tschifu veranstalteten die europäischen Residenten uns zu Ehren einen Ball, dann fuhren wir nach Shanghai, um von da aus die südlich gelegenen Häfen unter die Lupe zu nehmen.

Unser Generalkonsul in Shanghai war Herr von Schmucker, ein ruhiger, freundlicher Mann, der seine Ablösung durch Pisko bereits in der Tasche hatte. Czikann hatte über ihn kein sehr günstiges Urteil abzugeben, das Schmucker nun in gleicher Art erwi-derte, gleichzeitig ließ er auch an Pisko kein gutes Haar, wie dann später wiederum Pisko für von Schmucker nur unfreundliche Worte fand. Die sogenannte ›Kollegiali-tät‹ der k.u.k. Diplomaten! Die Zeit zur Erfüllung unserer geheimen Aufgabe war gekommen. Reich an Eindrük-ken vom Getriebe auf der Bubbling well road und vom intensiven Handelsverkehr in den Straßen der franzö-sischen Konzession verließen wir Shanghai, um zuerst Namquan anzulaufen.

Für die Durchführung meiner Arbeit mußte ich daran denken, Ufer und Wassertiefen zu studieren. Wo konn-te man Kais und Molen anlegen? War ein Chinesen-viertel in der Nähe? Was bieten und brauchen die um-liegenden Ortschaften? Welcher kommerzielle Zusam-menhang besteht mit dem Hinterland? Käme eine Bahnverbindung mit dem Hinterland in Frage? Wenn ja, wie sollte die Trasse geführt werden? Welche erfolgversprechenden Industrien können aufgebaut werden? Welche lokalen Produkte gibt es: Tee, Erze oder Öle? Die Dampfer des Österreichischen Lloyd könnten auf ihrer Route Hongkong-Shanghai-Japan ohne weiteres dazu verhalten werden, unseren Ver-tragshafen anzulaufen, und wo Tauben sind, würden Tauben zufliegen, der Handel würde sich entwickeln.

Jedenfalls waren viele Fragen möglichst ausführlich zu beantworten. Das erforderte längere Bootsexpeditionen und kleinere Inlandreisen. Weiter ins Landesinnere vorzustoßen, mußte späteren Pionieren vorbehalten bleiben, denn in Shanghai hatte man uns bereits ge-warnt, daß geheime Gesellschaften emsig am Werk seien, den Fremdenhaß zu schüren. Beck verbot daher, daß ich das bewaffnete Expeditionsboot überhaupt ver-ließ und begründete dies so: „Der Korvéekadett, den Sie mithaben? Der genügt nicht für die Sicherheit von Boot und Besatzung, denken Sie an das Boot der Donau, das an der Küste von Borneo in den siebziger Jahren von Piraten überfallen wurde, als die Besatzung Holz schlä-gerte.“ Manchmal mußte ich aber vorstoßen, dann nahm ich unseren Bordphotographen, Linienschiffs-leutnant Maximilian Daublebsky, und seine Kamera mit, „damit ein Offizier im Boot verbleiben könne“.

Der Hafen von Namquan bot folgendes Bild: die Einfahrt lag zwischen zwei leicht zu befestigenden Hügeln. Das Hafenbecken war geräumig und tief und im Westen durch einen auch für große Segelschiffe befahrbaren flußähnlichen Wasserweg mit dem Gordon-See ver-bunden, der ebenfalls einen geräumigen Hafen bildete. Am Nordufer gab es terassenförmig angelegte Reis-kulturen, das Südufer war flach und für eine europä-ische Niederlassung sehr geeignet. In der Nordostecke des Hafens lag das schmutzige, dicht bevölkerter Städtchen Schetscheng. Der Gordon-See bot sich für Werften und Docks an, an seinen Ufern bestand die Möglichkeit für reichen Ackerbau. Der Handel ab Namquan würde rasch die nördliche Hälfte der Provinz Fukien an sich ziehen, und mein positives Schlußurteil hatte zwei seltene Berichtsbeilagen: eine Rübe, deren Analyse zeigen sollte, ob Zuckerrübenanbau empfeh-lenswert sei, und ein Stück Quarz mit einem Gold-sprengsel aus einem Vorkommen nördlich des Gordon-Sees. Gold durfte damals als sogenannter ›Schatz des Heiligen Drachen‹ von den Chinesen nicht abgebaut werden.

Da die Pachtung als wirtschaftlicher und nicht als mili-tärischer Stützpunkt gedacht war, erhob sich die Frage nach der Art der Güter für die Ein- und Ausfuhr, an deren Beantwortung ich nur ganz oberflächlich heran-gehen konnte. Es mußte den Handelstreibenden der kleinen Kolonie überlassen bleiben, ihre Tätigkeit über deren Grenzen möglichst auszudehnen, Exportgüter zu sammeln und zu verfrachten und andererseits aus der Heimat nur das zu beziehen, was hierzulande Absatz finden konnte.

Nach Namquan nahm ich mir die weiter südlich ge-legene Samsa-Bucht vor, die mehrfach geästelt tief ins Land reichte. Kaiserin Elisabeth ankerte in der geräu-migen Bucht im Norden der Hafeneinfahrt und ›machte in militärischer Tätigkeit‹, wie Bootsübungen und Schei-benschießen mit Gewehren, um die Aufmerksamkeit eines japanischen Kleinen Kreuzers, der bald nach uns angekommen war, von unserer eigentlichen Aufgabe abzulenken. Diese Bucht, ein vortrefflicher Ankerplatz für große Schiffe, kam übrigens nur für diesen Zweck in Frage. Eine genauere Erforschung erübrigte sich daher. Gegen Süden hin lag eine zweite, etwas kleinere Bucht mit dem Städtchen Nin-te, die besser geeignet schien, aber nach ihrer Küstenbeschaffenheit doch nicht zur Anlage einer Niederlassung einlud.

Von der Stadt Fu-tschou, die wir dann anliefen, habe ich wenig zu sehen bekommen. Die Zusammenstellung der umfangreichen Berichte über Namquan und Samsa und deren Ausfeilung fesselte mich zu sehr an Bord.

Nach dem Besuch von Fu-tschou gingen wir an die Er-forschung des Hafens Hing-hoa, der für eine Nieder-lassung großen Stils geeignet schien. Wir ankerten nahe der Hafeneinfahrt, und bald danach traf auch die unter dem Kommando von Linienschiffskapitän Guido Couar-de stehende Korvette Saida ein, die aus Australien zu uns beordert worden war. Da die Seekarten unzurei-chend waren und möglicherweise Untiefen vorhanden waren, wurde vereinbart, daß die Saida weiter in das Inselgewirr des Sunds hineinfahren sollte, denn ihr machte eine Grundberührung weniger aus als der Kaiserin Elisabeth. Die Korvette sollte als Stützpunkt für meine Forschungsgruppe dienen, die eine Dampf-barkasse mit einem Boot im Schlepp benutzte. Solcher-art konnte ich am ersten Tag die Piraten-Bai besuchen und durchforschen, die, ins Festland eingeschnitten, für eine Hafenanlage geeignet schien. Am zweiten Tag unternahmen wir eine Fahrt den Hing-hoa aufwärts bis zur befestigten Stadt Hing-hoa-siang, um dort zu über-nachten. Für eine solche Unternehmung hatte ich mei-ne beiden Boote auf Grund meiner bisherigen Erfah-rungen ausgerüstet. Als ich den Hing-hoa flußaufwärts steuerte, ließ ich durch unseren chinesischen Dol-metsch Tsong-he-tsan bei mehreren Chinesen, die auch flußaufwärts strebten, Erkundigungen einziehen. Alle warnten dringend vor dem Besuch von Hing-hoa-siang: Der Stadtgewaltige sei ein fanatischer Feind aller Euro-päer, und wenn er sich vielleicht auch angesichts der Kanone auf der Dampfbarkasse und der bewaffneten Bootsbesatzung von einem nächtlichen Überfall zurück-hielt, so sei doch Tsong seines Lebens nicht mehr sicher. Der Toa-tai habe bisher noch alle Chinesen hinrichten lassen, die Europäer nach Hing-hoa-siang gebracht hat-ten! Unser Tsong bekam es mit der Angst zu tun, und ich sah ein, daß es nicht klug wäre, die ganze Mission der Kaiserin Elisabeth durch einen bewaffneten Konflikt in Frage zu stellen. Und so kehrten wir nur wenige See-meilen vor Hing-hoa-siang um, um die Boote schließlich eine Seemeile von der Flußmündung entfernt zu veran-kern und bei scharfem Wachdienst zu übernachten. Es gab auch noch einen anderen Grund, auf den Besuch von Hing-hoa-siang zu verzichten. Ich hatte mancherlei Kleinigkeiten von Chinesen gekauft und ihnen zur Be-zahlung verschiedene Münzen angeboten. Immer grif-fen sie nach Kuang-tuang-Münzen und schoben dieje-nigen anderer Provinzen zur Seite. Das bewies, daß die Gegend und wohl auch ihre Kreisstadt Hing-hoa-siang kommerziell sehr stark von Hongkong abhängig waren, was gegen eine europäische Handelsniederlassung sprach.

Am nächsten Vormittag sah ich mir die nordwestliche Ecke des Sundes an, nachmittags kehrte ich mit meinen Booten zum ›Stützpunkt Saida‹ zurück. Als ich mich beim Kommandanten melden wollte, erfuhr ich, er sei am Morgen mit einigen Herren seines Stabes in seiner Dampfbarkasse der Saida ein am Nordufer mündendes Flüßchen hinaufgefahren, um auch einen Beitrag zu leisten. Auf meine Frage nach dem Versorgen für ein längeres Ausbleiben erklärte man mir, sie hätten nur ein paar Sandwiches mitgenommen, falls sie mittags etwas später heimkommen sollten. Ich war über diese Unvorsichtigkeit bestürzt, denn Couarde hatte die Aus-rüstung meines Bootes gesehen und sogar noch gefragt, ob dies alles denn auch nötig sei. Und prompt war diese Privat-Expedition abends noch nicht zurück.

Dabei wurde das Wetter immer bedrohlicher. Mein Boot wurde an Bord gehißt, die Dampfbarkasse an langer Leine achtern vertäut. Als dann noch Regen und steifer Wind aufkam, ließ der GDO, Linienschiffsleutnant Leonidas Pichl, die Kette ausstechen, die Segel einholen und meine Dampfbarkasse wurde von ihm angewiesen, mit voller Bemannung die ganze Nacht über dampf-bereit zu bleiben. Soweit war alles gut und ich verkroch mich müde in meine Hängematte, um zu schlafen. Bald aber ließ mich Pichl wecken: Der Wind war zum Sturm angeschwollen und starker Seegang aufgekommen. Er befahl mir, die Dampfbarkasse solle loswerfen und mit den Kadetten in See gehen! Wohin in der stockfinsteren Nacht und bei der schweren See? Pichl blieb uner-bittlich: „Das ist mir gleich. Wenn das Schiff treiben sollte, kann die Barkasse das Steuer beschädigen.“ Ich protestierte: „Das heißt, die Barkasse mit Mann und Maus versaufen lassen!“ – „Das ist mir gleich!“ Es folgte eine scharfe Auseinandersetzung, bei der ich als der Rangjüngere gehorchen hätte müssen, da kam mir der Artillerieoffizier, Linienschiffsleutnant Franz Löfler, zu Hilfe. Nach langem hin und her wurde ein Kompromiß gefunden: Die unbemannte Barkasse sollte achtern an langer Leine vertäut bleiben, ein Mann mit einer Hacke hatte am Heck bereit zu stehen, um die Leine zu kappen, falls die Saida zu treiben beginne. Es war mir gelungen, das Leben meiner Männer zu retten. Tatsächlich zog ein Taifun in See vorbei, doch blieb das Zentrum genügend weit entfernt, um die Saida nicht in schwerste Gefahr zu bringen.

Was ist aus Couardes Privat-Expedition geworden? Er war, wie bereits erwähnt, in weißer Uniform mit ein paar Sandwiches ausgestattet bei eben beginnender Flut zwischen den nur wenig aus dem Wasser ragenden Schlammbänken eines Flüßchens aufwärts gefahren. Nach wenigen Stunden waren alle Schlammbänke unter der Flut verschwunden, die Herren verloren die Orientierung, verankerten das Boot und verzehrten ihre Sandwiches. Nachmittags, als Schlammköpfe aus dem Wasser zu treten begannen, wurde nach dem eigent-lichen Flußbett gesucht. Mit dem Bootshaken lotend, war man hin und her gefahren, bis auf einmal alles Wasser unter dem Boot rasch ablief und man plötzlich auf einer endlos sich ausbreitenden Schlammbank saß! Weit und breit kein Haus und kein Boot, erst gegen Abend kam ein neugieriger Chinese auf einem Schlammschlitten, sich ›den Schaden zu besehen‹. Er verkaufte einen mittelgroßen Fisch, der dann, im Kesselwasser gekocht, das ganze Nachtmahl für Fahr-gäste und Besatzung bildete. Dann begann es zu regnen und zu stürmen, und die ganze Nacht mußten die Herren, die Couarde eingeladen hatte, ihn zu begleiten, in ihren durchnäßten weißen Uniformen auf der Boots-bank hocken – ohne Decken, ohne Zelt. Erst die im Morgengrauen einsetzende Flut ermöglichte der Bar-kasse nach dieser bitterbösen Nacht die Heimkehr.

Die Führung der Saida hatte erwartet, längere Zeit in einem unbekannten chinesischen Hafen zu bleiben, ›echte‹ Chinesen kennenzulernen, aber auch, die Lei-tung der Forschungsarbeit im Hing-hoa-Sund selbst in die Hand zu nehmen. Der Ausflug Couardes sollte mir, dem Rangjüngeren, demonstrieren, wie man es besser macht. Aus dieser Grundeinstellung resultierte auch Pichls Verhalten mir und meiner Barkassenmannschaft gegenüber. Ich hatte daher vom ›Stützpunkt Saida‹ reichlich genug und beschloß, auf die Kaiserin Elisabeth zurückzukehren. Als Couarde mit seinen Herren in nicht gerade beneidenswertem Zustand auf sein Schiff heimkehrte, benützte ich die Gelegenheit, mich mit meinen Booten auf die Kaiserin Elisabeth abzumelden. Verblüfft fragte Couarde: „Wir sind doch von Australien hierher geschickt worden, um euch zu helfen. Ich hatte mir die Sache anders vorgestellt.“ Worauf ich gehorsamst für die mir zuteil gewordene Hilfe dankte und mit meinen Booten davonfuhr. „Gott sei Dank!“ meinte mein eher phlegmatischer Begleiter Daublebsky, als wir abstießen…

Meinem Kommandanten meldete ich ungeschminkt, wie die vier Tage abgelaufen waren. Er lobte meinen Entschluß, vor Hing-hoa-siang umgekehrt zu sein, denn niemand wußte, wie die höheren Stellen und auch die Deutschen auf einen bewaffneten Zusammenstoß rea-giert hätten. Und die Saida werde er ihrer Wege senden, wir brauchten sie nicht mehr, denn nun fuhren wir nach Japan.

Vor dem Aufenthalt in Japan erbat ich aus folgendem Grund den Besuch des Vertragshafens Amoy: Ich hatte herausgefunden, daß die Evangelisation der Provinz Fukien den spanischen Dominikanern in Amoy oblag. Möglicherweise konnte ich dort Informationen über Bodenschätze bekommen. In mühsamer Unterhaltung – die Patres sprachen nur Spanisch, ich Italienisch und Französisch – machte ich mein Anliegen verständlich. Ich hätte gehört, einer der Patres hätte vor 30 Jahren ganz Fukien bereist, ob kein Tagebuch da sei? Ich wäre Botaniker und hätte gerne Aufschluß über die dortige Flora. Der Prior bejahte und ließ eine alte handgeschrie-bene Schwarte bringen. Ich bereute bald meine zur Ab-lenkung erfundene Notlüge: Der betreffende Pater war wirklich Pflanzenkundler, hatte jedoch keine Ahnung von Bodenschätzen. So mußte ich eine halbe Stunde lang mit vorgetäuschtem Interesse in der Schwarte blättern und erfuhr nichts, außer daß es nördlich des Gordon-Sees Gold gäbe, es aber nicht erlaubt sei, sich der Fundstelle zu nähern. Aber vom ›Schatz des Heiligen Drachen‹ wußten wir ja bereits.

Meine Hauptaufgabe in Jokohama war, in der nahege-legenen Reichshauptstadt Tokio vorsichtig zu erkunden, wie sich Japan zu einer Hafenpachtung in China ver-halten würde. Die erhaltene Auskunft war ermutigend und lautete: „keineswegs, ablehnend, wenn der Hafen militärisch nur gegen Piratenüberfälle oder lokale Un-ruhen gesichert, aber nicht zu einem Kriegshafen aus-gebaut wird“, und das lag nicht in unserer Absicht.«

Zurück in China berichtet Alfred von Koudelka weiter: Wir »umfuhren dann die Schantung-Halbinsel, an de-ren Felsküste am 23. Juli 1896 das deutsche Kanonen-boot Iltis bei schwerem Sturm gestrandet war, wobei 71 Mann ums Leben kamen. Wir hatten übrigens bei un-serem Aufenthalt in Shanghai am dortigen Iltis-Denk-mal einen Kranz niedergelegt. Unser Ziel war Tsingtau, die Hauptstadt des deutschen Pachtgebietes Kiau-tschou, die uns als Vorbild für unsere Aufgabe dienen konnte. Eine Besichtigung der Umgebung Tsingtaus zeigte aber rasch, daß die Deutschen in den zwei Jahren seit der Besitzergreifung durch den Kiautschou-Vertrag vom 6. März 1898 fast nur militärische Absicherung des Pachtgebietes vorangetrieben hatten. Investitionen in Handel und Industrie sollten erst später folgen. Natür-lich hatte das deutsche Organisationstalent inzwischen vieles geschaffen; vor allem war die Lösung der sani-tären Probleme gesucht worden. Da Österreich-Ungarn seine Pachtung auf friedlichem Wege zu erreichen gedachte, gab es demnach zu jener Zeit für uns in Tsingtau nur wenig zu lernen. Im großen und ganzen fanden wir bei Dreibund-Genossen [Dreibund = Deutsch-land – Österreich-Ungarn – Italien] freundlich-korrekte Aufnahme. Allerdings hätte ich zu Vergleichszwecken auch gerne eine englische Kolonie im zweiten Jahr ihres Bestandes gesehen.

Nach Tsingtau fuhren wir zu unserem zweiten Besuch nach Shanghai, wo wir Prinz Heinrich von Preußen, dem Chef des deutschen ostasiatischen Geschwaders, unse-ren Besuch abstatteten. Bald trieb uns die Pflicht weiter: Wir untersuchten den Nimrod-Sund, die Sanmun Bai und die Lotsin Bai auf deren Eignung für eine Pachtung. Alle drei Orte erwiesen sich als ungeeignet, hatten zahl-reiche vorgelagerte Inselchen und seichtes Wasser. Die in dieser Gegend sehr starken Gezeiten hätten fort-während kostspielige Baggerarbeiten erfordert. Für die Sanmun Bai hatten sich bereits die Italiener interessiert, aber bereits beim ersten Auftreten eines diesbezüg-lichen Gerüchts hatte die alte Kaiserinwitwe T’zu Hsi energisch Stellung genommen. Einem Volke, das immer wieder besiegt worden war – sogar von Negern! – sei gegebenenfalls schärfster Widerstand zu leisten. Es kristallisierte sich mehr und mehr heraus: Wenn über-haupt ein österreichisch-ungarisches Pachtgebiet in Ostasien in Frage kam, dann kam nur Namquan in nähere Erwägung.

Dann ging es quer über den Indischen Ozean nach Aden zurück, wo kurz nach uns S.M. Kreuzer Zenta auf der Ausreise eintraf, um die ostasiatische Station zu über-nehmen. Wir sagten dem Schiffskommandanten, Fre-gattenkapitän Eduard Thomann Edler von Montalmar, und seinem Adjutanten, Linienschiffsleutnant Theodor Ritter von Winterhalder, sie seien eben im Begriffe, zur ›Eröffnungsfeier‹ eines großen Aufstandes in China zurechtzukommen, was aber unser neunmalkluger Gesandter nicht wahrhaben wollte. Wie konnten wir bei dieser Übergabe ahnen, daß Thomann bei der Belage-rung des Gesandtschaftsviertels von Peking am 8. Juli 1900 fallen sollte und Winterhalder so lange unter schwersten Bedingungen kämpfen würde müssen. Während des Boxeraufstandes wurde dann auch das Gebäude der k.u.k. Gesandtschaft in Peking niederge-brannt, es gab Tote und Verwundete beim Wachde-tachment Peking. Nach der Befriedung hätte man daher die Pachtung einer öster-reichisch-ungarischen Kolonie leicht unter Dach und Fach bringen können. Die Ungarn wollten aber nichts neues ›Gemeinsames‹, nur unter dem Mäntelchen einer Etappenstation konnte das öster-reichisch-ungarische Settlement in Tientsin eingerich-tet werden. All die mühevolle Forschungsarbeit sollte dem Vaterland nichts bringen, nur mir das Signum laudis. Jahre später sagte mir der alte Kaiser bedauernd: „Schade, daß nichts daraus geworden ist!“«  


1901 fährt der Kreuzer SMS Leopard der österreichisch-ungarischen Marine die Salomoneninsel Guadalcanal an, die östlich von Neuguinea im Pazifik liegt. Matrosen des Kriegsschiffes errichten ein Steinkreuz aus Tiroler Porphyr für ihre fünf Jahre zuvor auf der Insel ums Leben gekommenen Kameraden und Teilnehmer einer geheimen Mission. Auf dem Steinkreuz sind die Namen der fünf Toten eingemeißelt und sie trägt die Aufschrift: »Dem Andenken der im Dienste der Wissenschaft beim Kampf am Fuße des Berges TATUBA heldenmüthig gefallenen Mitglieder der Expedition S.M.Schiffes „Albatros“ von der k.u.k. Kriegs-Marine 1896«

Schon 1893 hatte die österreichische Korvette Saida Guadalcanal aufgesucht, um nach Nickel zu suchen. Ursache für die Nickelsuche ist der Großindustrielle Arthur Krupp. Er ist vor allem an Nickelvorkommen interessiert, die er für seine Stahlerzeugung benötigt, für die Härtung von Stahl. Die Suche sowohl in Nord-amerika als auch im Südpazifik war nicht sehr erfolg-reich. Es gab allerdings vielversprechende Hinweise in den Befunden der Salomon-Inseln. Frankreich hat große Nickelvorkommen auf seiner im Südpazifik liegenden Kolonie Neukaledonien gefunden, die südlich der Salomoninseln liegen, und hat auf dem Weltmarkt fast ein Monopol für Nickel. So glaubt man die Insel Guadal-canal als einen guten Kandidaten für Nickelvorkommen und beauftragt den Geologen Heinrich Freiherr Foullon de Noorbeeck mit der Suche nach dem Erz. Der erste Versuch 1893 im Inneren der Insel Guadalcanal mußte abgebrochen werden. Weder das Finanzministerium noch Foullon selbst wollten es ein weiteres Mal versu-chen. Krupp überzeugt allerdings das Kriegsministe-rium, das auch schon früher an Expeditionen finanziell beteiligt war, zu einem weiteren Versuch. Sollte die Suche auf Guadalcanal erfolgreich sein ist sogar ein eine Übernahme als Kolonie gedacht.

Der Vertrag von 1886 über die Aufteilung der Salomo-nen zwischen Deutschland und England ist der Regie-rung Österreichs bekannt. Durch diesen Vertrag kam Guadalcanal unter britische Kontrolle. Im Vorfeld der österreichischen Expedition von 1896 stellt deshalb die k.u.k Marineleitung bereits fest, daß die politische Lage »den Gedanken an eine militärische Besetzung oder Annexion einzelner Inseln [innerhalb der Salomon-gruppe] durch eine dritte Macht ausschließt«, was heißt, eine militärische Besetzung oder Annexion von Guadal-canal durch Österreich ist ausgeschlossen. Zur Durch-führung der Ideen Krupps für Guadalcanal meint die k.u.k. Marineleitung schließlich: »Auf das Project Krupp zurückkommend, könnte … nur noch die käufliche Erwerbung von Landbesitz durch Herrn A. Krupp im Falle von Erzvorkommen [auf Guadalcanal] in Betracht gezogen werden… Dieses Unternehmen würde sich als rein privatrechtliches qualificiren…«

Es bleibt also nur die Option des Kaufes von Land auf der Insel durch Krupp. Trotzdem beteiligt sich der Staat an der Expedition nach Guadalcanal und stellt ein Kriegs-schiff bereit. Der offizielle Auftrag für die im britischen Einflußbereich liegende Insel lautet nur auf Anlegen von naturhistorischen, ethnographischen und anthro-pologischen Sammlungen für die k.u.k. Hofmuseen. Der eigentliche Grund, die Nickelsuche, ist nur Foullon und dem Kommandanten des Kanonenbootes SMS Albatros bekannt. Würde man Nickel finden, bliebe die Ange-legenheit natürlich weiter geheim und man könnte vielleicht den Engländern die Insel abkaufen, die an-sonsten nicht besonders bedeutend ist. Als Vorwand für einen Kauf könnte man die Wirtschaftsbeziehung Österreichs zu der Insel in den Vordergrund schieben. Das Hauptexportgut der Insel ist minderwertiges Kopra, es muß rauchgetrocknet werden und ist daher nicht so wertvoll wie sonnengetrocknetes Kopra. Der zweite Ex-portartikel der Insel ist Elfenbeinnuß. Das pflanzliche Elfenbein wird hauptsächlich zur Knopfherstellung benutzt. Hauptabnehmer sind Deutschland und Öster-reich. Die Weltmacht England wäre wahrscheinlich sogar bereit dem völlig kolonielosen Österreich die wirtschaftlich und strategisch unwichtige Insel, aus Gründen der Erhaltung guter Beziehungen, zu einem fairen Preis abzutreten und man würde dann ›zufällig‹ Nickel auf der Insel finden.

Am 5. August 1896 erreicht die Albatros Guadalcanal für die Suche nach Nickelvorkommen. Die Expedition findet aber schon am 10. August ihr Ende. Beim Durchqueren der Insel wird die Expeditionsgruppe von Einheimischen überfallen. Dabei wird Foullon angeschossen und stirbt, ebenso kommen vier weitere Österreicher bei dem Überfall ums Leben. Der Traum vom Nickel auf Guadal-canal ist ausgeträumt.

Auch ein einheimischer Führer der Küstenbewohner der Insel ist bei der Expedition ums Leben gekommen. Die Buschmänner im Inneren der Insel liegen mit den Küstenbewohnern in ständiger Fehde und glaubten die Küstenbewohner hätten sich Fremde ins Land geholt, um die Buschmänner von ihrem Gebiet zu vertreiben und griffen deshalb die österreichische Expedition an. Dieser Hintergrund des tödlichen Überfalls ist aber den Österreichern unbekannt.

Nachdem SMS Leopard das Steinkreuz zum Angeden-ken an die Toten der Guadalcanal-Expedition von 1896 aufgestellt hat, geht das Kriegsschiff nach Ostasien zum österreichischen Geschwader, das sich an der Bekämp-fung des Boxeraufstandes in China beteiligt.


Auf der Ostasienstation befindet sich seit dem Herbst 1899 der Kreuzer SMS Zenta. Die Nachrichten vom Boxeraufstand in China führen am 23. Juni 1900 zur Entsendung des Panzerkreuzer Maria Theresia nach China, wo das Kriegsschiff mit den internationalen Einheiten vor der chinesischen Küste zusammenwirken soll. Am 24. Juli 1900 entsendet die k.u.k. Kriegsmarine dann noch die Kreuzer SMS Kaiserin Elisabeth und SMS Aspern nach China.

Das Ziel der Schiffe ist Taku an der Mündung des Peiho. Die Forts von Taku schützen Tientsin, die Hafenstadt von Peking. Am 7. Juni 1900 haben die Truppen der gegen den Boxeraufstand kämpfenden Staaten England, Frankreich, Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien, Rußland, die USA und Japan die Taku-Forts erobert und bahnen sich nun den Weg nach Peking.

Die vor Taku liegende Zenta hat im Juni 103 Soldaten an Land gesetzt. Davon fallen vier Mann in Peking, darun-ter der Kommandant des Kreuzers. Die Maria Theresia trifft am 7. August 1900 auf der Reede vor Taku ein und setzt ein Landungskorps von 160 Mann mit zwei Kano-nen an Land.

Die aus der Heimat Ende Juli abgegangenen Schiffe Kaiserin Elisabeth und Aspern treffen am 7. und 8. September vor Taku ein und setzen weitere Truppen an Land. Die Maria Theresia bleibt bis Anfang Dezem-ber im Gelben Meer, um dann für Wartungsarbeiten nach Japan zu laufen. Am 6. Februar 1901 trifft sie in Schanghai ein und unterstützt dort die internationalen Interventionskräfte. Am 10. Februar kommt die Aspern hinzu, die allerdings durch einen britischen Dampfer bald beschädigt wird. Am 22. Februar 1901 trifft dann auch die Zenta in Schanghai ein.

Anfang März 1901 macht der Panzerkreuzer Maria Theresia eine Fahrt den Jangtse aufwärts bis Nanking, um dann auf dem Marsch mit der Zenta zum Gelben Meer Mitte März erstmals den deutschen Stützpunkt Tsingtau zu besuchen. Am 30. April laufen Maria Theresia, Elisabeth und Zenta den koreanischen Hafen Chemulpo an, wo auch noch der Torpedokreuzer Leopard eintrifft, der von Australien kommend nun die Kräfte vor China verstärkt. Am 6. Mai verlassen die vier österreichischen Kriegsschiffe den koreanischen Hafen wieder. Die Maria Theresia geht mit Elisabeth und Zenta nach Nagasaki. Maria Theresia läuft dann wieder nach Schanghai und den Jangtse aufwärts und als bis dahin größtes Schiff bis nach Hankau, wo sie vom 27. Mai bis 5. Juni 1901 bleibt. Am 28. Juli beginnen von Tschifu aus die Kreuzer Kaiserin Elisabeth und Zenta ihren Rückmarsch in die Heimat. Mit der schon Mitte Juni abberufenen Leopard laufen sie am 1. Oktober 1901 in Pola ein. Nur die Maria Theresia bleibt als Stationsschiff der k.u.k. Kriegsmarine in Ostasien.  

Der Boxeraufstand bringt als Ergebnis für die Regierung in Wien, wegen Zwistigkeiten mit der ungarischen Reichshälfte, nicht die erhoffte Übernahme eines Hafens in China, sondern nur die Konzession in der Hafenstadt Tientsin.

Kategorien
Deutsch-Schanghai

Am 21. November 1898 wird im Beisein von Prinz Heinrich von Preußen, dem jüngeren Bruder des deutschen Kaisers, an der Nordostecke des Bund, der majestätischen Uferstraße der Internationalen Nieder-lassung in Schanghai, ein Denkmal für das 1896 vor der chinesischen Küste im Taifun untergegangene Kano-nenboot Iltis enthüllt. Bei dem Untergang waren 71 Seeleute umgekommen.

Die deutschen Kaufleute und Beamten in Schanghai beschlossen ein Denkmal für den Untergang des Kano-nenbootes zu errichten und sammelten 12.000 Mark. Der Kaiser stellte 3,5 Tonnen Bronze aus dem Artil-leriedepot in Spandau für den Guß des Denkmals zur Verfügung.

Der Kleine Kreuzer Irene und der Große Kreuzer Deutschland sind bei der Denkmalsenthüllung vor Ort und alle im Hafen liegenden Kriegs- und Handelsschiffe sind über die Toppen geflaggt und beteiligen sich durch Abordnungen an der Enthüllung.


Im März 1903 verfaßt der 2. Admiral des deutschen ostasiatischen Kreuzergeschwaders, Admiral Graf Frie-drich von Baudissin, einen langen Bericht über seine Eindrücke von Schanghai, das er von November 1902 bis Januar 1903 besucht hatte, aber auch schon 1871 und 1879. Baudissin schreibt: »Soweit die deutschen Inte-ressen in Betracht kommen kann das in 24 Jahren Erreichte im großen und ganzen als höchst erfreulich bezeichnet werden. Die Anzahl der Deutschen hat sich von 200 im Jahre 1879 auf 700 im Jahre 1902 gesteigert, die Zahl der großhändlerischen deutschen Firmen auf 31, die einzelnen Firmen haben sich vergrößert, ihr Geschäft auf inländische Unternehmungen (Bergbau, Eisenbahn pp.) ausgedehnt; die deutsche Schiffahrt ist aus der 6. Stelle, die sie mit 192 Schiffen und 90.049 tons einnahm, in die 2. gerückt mit 1074 Schiffen und 1.699.856 tons, sie beteiligt sich statt mit 3 Prozent mit 16 Prozent, eine deutsche Kirche, eine Schule, eine Post, eine Presse ist entstanden und eine zweite in Shanghai geborene Generation wächst heran und bleibt im Ganzen deutsch.

War nun auch die Schaffung der internationalen Niederlassung für die Deutschen insofern ein Gewinn, als sie formell völlige Gleichberechtigung erzielten, so war doch damit an den tatsächlichen Machtverhält-nissen nichts geändert. … (In der Municipalität sitzen 7 Engländer, 1 Amerikaner und 1 Deutscher). … Wie will der Deutsche zur Regierung und in die Municipalität gelangen, wenn er kein Land besitzt, worauf der Wahl-modus wesentlich aufgebaut ist? … Wie sollen S. M. Schiffe ihre militärpolitische Aufgabe erfüllen, wenn sie außer Sicht von Shanghai liegen, während der englische Admiral seine eigene Boje, der französische eine, der Messagerie Maritime und der italienische einen Anker-platz hat? Wird die einzige deutsche dem Lloyd gehö-rige Boje immer disponibel sein? …

Der Generaldirektor Ballin [des Norddeutschen Lloyd] hat gelegentlich seines Besuches, ein, wenn auch min-dergünstiges Terrain erworben.

…daß sich die Erwerbsverhältnisse gegen früher gründ-lich verschoben haben. Früher kam man als junger Mann hinaus, machte schnell sein Geld und gründete sich dann zu Hause sein Heim. Heutzutage liegt das Geld nicht mehr auf der Straße; wer es gewinnen will, muß lange Jahre und sein ganzes Leben dransetzen. Aus der früheren, schnell gewinnenden und wechselnden Bevölkerung ist ein seßhaftes, an den Ort mehr oder minder gebundenes Deutschtum und damit recht ei-gentlich erst die kleine deutsche Stadt mit rund 700 Einwohnern entstanden.

Bei der unbestrittenen Bedeutung des Jangtse-Gebietes, welches unbedenklich als das aussichtsreichste in ganz China bezeichnet werden kann, erscheint es indessen statthaft, insoweit vorzugreifen, daß Shanghai ein Brennpunkt und Ausgangspunkt für deutsche Interes-sen bleiben wird.

Was Tsingtau anlangt, so hält man in Shanghai eine irgendwie gefährdende Konkurrenz für vollständig aus-geschlossen und ist vielmehr der Ansicht, daß das Gedeihen des einen Platzes dem anderen unmittelbar zugute kommt.

Am Jangtse selber ist eine Überflügelung durch Hankau nicht unmöglich, die indessen erst in fernerer Zukunft gedacht werden kann…

Im Übrigen tritt im Süden Bangkok hinzu, das von vornherein die Bedeutung hat, auf dem langen Wege von Deutschland der erste, bis jetzt noch nicht in fremdem Besitz befindliche Sammelpunkt deutscher Interessen zu sein.«


Laut Vertrag vom 1. Oktober 1899 zwischen dem Deutschen Reich und dem Norddeutschen Lloyd wird die Reichspostdampfer-Verbindung nach Ostasien von einer vierwöchentlichen Fahrt zu einer zweiwöchigen Verbindung verdichtet. Dazu wird sie in zwei Haupt-linien geteilt. Eine Linie führt nach Schanghai und zurück über Genua, Neapel, Port Said, Suez, Aden, Colombo, Singapur und Hongkong und die zweite bis Hongkong und weiter nach Japan. Auch die bisherige Schanghai-Linie wird nun von Schanghai nach Japan verlängert.

Seit 1904 werden die noch in England gebauten Reichs-postdampfer der Städte-Klasse, die seit 15 Jahren auch auf der Australien- und Ostasien-Fahrt im Einsatz sind, und teilweise die in Deutschland gebauten Schiffe der Barbarossa-Klasse, durch moderne deutsche Schiffe ersetzt. 1904 kommt die 8800 BRT große Prinz Eitel Friedrich auf der Ostasien-Linie in Fahrt und 1906 die 9600 BRT große Prinz Ludwig. Die beiden Schiffe haben um die 220-230 Mann Besatzung. Die Prinz Eitel Friedrich kann etwa 160 I. Klasse-, 160 II. Klasse- und 50 III. Klasse-Passagiere befördern und die Prinz Ludwig kann etwa 110 I. Klasse, 130 II. Klasse und 60 III. Klasse-Passagiere aufnehmen.

Bei ihrer ersten Ausreise fährt die Prinz Eitel Friedrich auch Antwerpen an, das ein normaler Anlaufhafen der Reichspostdampfer ist, (allein der Norddeutschen Lloyd bewältigt etwa 9 % des Gesamtumschlags des großen flämischen Hafens). Mehr als 70 belgische Journalisten folgen der Einladung zur Besichtigung des neuen Reichspostdampfers. Die Brüsseler L’Étoile belge schreibt anschließend über die Prinz Eitel Friedrich: »Was soll man nur alles von den Einrichtungen der 1. und 2. Klasse sagen? Sie vereinigen alles, was die Schiffbaukunst bisher in der Wissenschaft und voll-endeter Kunst hervorgebracht hat. Man kann sich nichts reicheres und wunderbareres denken. Vom Bade-zimmer an, das nach den vollkommensten Regeln der Hygiene eingerichtet ist, bis zum Saal für Gymnastik ist alles vorgesehen.«

Für die Unterstützung seiner Hochseeschiffe im Hafen von Schanghai betreibt der Norddeutsche Lloyd den 1906 in Schanghai gebauten Tender Bremen von 273 BRT.


Ab dem 1. Oktober 1903 kann der Eisenbahnweg über Sibirien zur Beförderung von Briefsendungen aller Art von Deutschland nach Ostasien benutzt werden. Nach Schanghai geht die Post einmal wöchentlich. Beförde-rungsdauer ab Berlin bis Schanghai 20 bis 28 Tage. In der Richtung aus Ostasien haben die deutschen Post-anstalten in Peking, Tientsin, Tschifu, Tsingtau und Schanghai direkte Briefpost auf die Bahnpost Alexan-drowo an der deutsch-russischen Grenze und dann wei-ter nach Berlin abzufertigen.

Die Rivalität zwischen den verschiedenen Kolonial-mächten in China drückt sich auch in allen offiziellen Veranstaltungen aus. Als am 4. Juli und am 14. Juli 1904 die amerikanische Flotte, und dann die französischen Flotte, vor Schanghai jeweils ihren Nationalfeiertag be-gehen, will der Oberbefehlshaber der deutschen See-streitkräfte in Ostasien nicht nachstehen und nutzt den Jahrestag des am 23. Juli 1896 vor der chinesischen Küste im Taifun gesunkenen Kanonenbootes Iltis zur Nieder-legung von Kränzen am Denkmal für die Iltis in Schang-hai, was »in allen Kreisen und von der Presse Schang-hais symphatisch gewürdigt worden ist«, wie der Admi-ral in einem Bericht vermerkt.

In Schanghai gibt es ein deutsches Generalkonsulat. Das Generalkonsulat ist für die Belange der deutschen Staatsangehörigen in der internationalen Niederlassung und den umliegenden Gebieten von Shanghai verant-wortlich. Zugleich vertritt das Generalkonsulat auch wirtschaftliche Interessen Deutschlands vor Ort gegen-über den regionalen Behörden. Schanghai hat sich zu einem wichtigen Handelsplatz zwischen Asien und Eu-ropa entwickelt, weshalb eben in Schanghai kein ein-facher Konsul residiert, sondern ein Generalkonsul sta-tioniert ist. Im deutschen Konsulatsbezirk Schanghai sind im Jahre 1895 45 deutsche Firmen ansässig, 1900 63 und 1912 84. In ganz China einschließlich Tsingtau im Jahr 1895 88, 1900 157 und 1912 320.

1905 leben etwa 850 Deutsche in Schanghai. Für die Deutschen in Schanghai gibt es die Deutsche Vereini-gung und das große stattliche Gebäude des Deutschen Klubs.

Seit 1886 erscheint in Schanghai Der Ostasiatische Lloyd. Sein Untertitel lautet: »Organ für die deutschen Interessen im fernen Osten.« Die Zeitung »erscheint in Shanghai Sonnabends Morgens.« und: »Tägliche Tele-grammausgabe in Shanghai, Tsingtau, Peking und Tientsin.« wie im Kopf der Zeitung zu lesen steht. Der Ostasiatische Lloyd ist das zentrale deutsche Presse-organ in China.

1907 wird die »Deutsche Medizinschule für Chinesen in Shanghai« von der deutschen Regierung als erstes gro-ßes Projekt auswärtiger Kulturpolitik gegründet. Dafür engagierten sich insbesondere Wilhelm Knappe, der deutsche Generalkonsul in Schanghai, und der Ministe-rialdirektor im preußischen Kultusministerium, Frie-drich Althoff. Sie arbeiten dabei mit den deutschen Ärzten Erich Paulun, Oscar von Schab und Paul Krieg zusammen, die in Schanghai ein auf Initiative Pauluns errichtetes Krankenhaus für Chinesen, das Tung-Chee Hospital, betreiben. Dieses dient ab Oktober 1909 als Lehrkrankenhaus, wird jedoch unabhängig von der Medizinschule geführt.

1912 schließt die deutsche Regierung der Medizinschule die »Deutsche Ingenieurschule für Chinesen in Shang-hai« mit Lehrwerkstatt an. Unterstützt wird sie dabei in noch viel größerem Maße als bei der Medizinschule von deutschen Firmen, die am chinesischen Markt interes-siert sind, darunter Krupp, Thyssen, Siemens, Bayer, BASF und Deutsche Bank. Eine Sprachschule bereitet die chinesischen Schüler auf das deutschsprachige Fachstudium vor.