Im Deutschen Kolonial-Lexikon findet sich über den Bezirk Wilhelmstal:
Der Bezirk Wilhelmstal ist 15.600 qkm groß und umfaßt Westusambara, das südliche und mittlere Pare, das Mkomasital, ein großes Stück des Panganitals, sowie den größten Teil der Umba-, einen kleinen der Massai-steppe. Anfang 1913 betrug die Zahl der Eingeborenen 96.600, wozu 385 nichteinheimische Farbige und 423 Europäer kamen. Nur Westusambara ist dicht, das übrige Gebiet teils dünn, teils gar nicht bevölkert. In Wilhelmstal liegen 17 Missionsstationen, davon 13 in Westusambara. — Wilhelmstal ist einer der wichtigsten Plantagen- und Ansiedlungsbezirke.
1912 besaßen hier 13 Plantagenfirmen 17 Niederlassun-gen, 60 europäische Ansiedler waren im Bezirk, wozu noch 10 andere selbständige Gewerbetreibende kamen; 41 Inderfirmen waren vertreten. 1908 waren 446 qkm Landes in Wilhelmstal im Besitz von Europäern; dazu wurden vom Gouvernement 1909/12 208 qkm verkauft, 296 qkm verpachtet. 1912 wurden 12.480 farbige Arbeiter im Bezirk beschäftigt. Anfang 1913 waren im Besitz der Eingeborenen 47.500 Rinder, 50.200 Schafe, 81.400 Zie-gen, 280 Esel, 250 Schweine, in dem der Europäer in 56 Betrieben 1506 Rinder, darunter 673 Kreuzungstiere, 510 Schafe, 494 Ziegen, 969 Schweine, 225 Esel, 76 Pferde und Maultiere.
Im Westen der Usambara-Berge ist 1897 auf dem Hügel Lutindi in 1200 m Höhe von der Deutsch-Ostafrika-nischen Mission und durch die Initiative des Pastors Friedrich von Bodelschwingh eine Station eingerichtet worden, um ehemalige Sklaven zu erziehen und sie für den Weg in ein freies Leben vorzubereiten.
1905 wird die Station noch um einen Anbau für Irre er-weitert.
Bei den Besuchern der Station machen die freigekauften Sklaven einen durchweg guten Eindruck. Viele sind ausgezeichnete Handwerker geworden. Dagegen lassen die Irren einen beklemmenden Eindruck zurück. Hier handelt es sich nicht um ehemalige Sklaven, sondern um Menschen aus den umliegenden Gegenden, die angeblich von einem bösen Geist besessen sind und ihre Dorfgemeinschaft belästigten oder in irgendeiner Wei-se terrorisieren. Deshalb fesseln die Dorfbewohner die Irren mit Stricken oder mit einer Sklavengabel, einem um die drei Meter langen Holz, in dessen durch natür-lichen Wuchs entstandenen Gabelung am Ende der Kopf des Irren festgebunden wird, und so liefern die Eingeborenen ihre Irren auf der Station ab. Sollen die Weißen doch sehen, wie sie mit ihnen fertig werden. Sie wollen sie ja schließlich haben.
Ohne die Bodelschwinghsche Station, so erfahren die Besucher, wären die Dorfbewohner mit ihren Irren ganz anders verfahren. Sie hätten sie wie bisher erschlagen oder von einem Felsen heruntergestoßen. Das halten sie für die beste Lösung. Die Dorfbewohner wagen jedoch nicht, die schwer Irren zu töten, weil in ihnen ein noch mächtigerer Geist als bei den anderen wohnt, der da-durch verletzt werden und somit auf die Dorfbewohner schlecht zu sprechen sein könnte. Darum läßt sie man leben und jagt sie davon, was einem Todesurteil gleich kommt.