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Berlinhafen

Berlinhafen liegt im Nordwesten von Kaiser-Wilhelms-Land an der Finsch-Küste. Die Bezeichnung der Einhei-mischen vor Ankunft der Deutschen für die Gegend von Berlinhafen war Eitape und so nennt man den Bezirk, von dem Berlinhafen der Sitz ist, Eitape. Eitape ist einer der drei Bezirke in die das Kaiser-Wilhelms-Land ver-waltungsmäßig aufgeteilt ist.

An der Ostseite ist die mächtige Bucht von Berlinhafen begrenzt von den Inseln Ali, Seleo und Angell, welche der Neuguinea-Kompagnie gehören. Im Westen wird sie nur wenig geschützt gegen die Dünung des Mon-suns, weil die Verbindung zwischen der Insel Tamara und dem Festland nur aus einzelnen Riffen besteht, die als winzige brandende Punkte auf der großen Wasser-fläche erscheinen. Das Torricelligebirge tritt weit von der Bucht zurück und läßt ein dichtbewaldetes Vorland mit breitem Sandstreifen frei, dessen Brandung nicht immer ungefährlich ist.

Vor Berlinhafen liegt das Inselchen Tamara mit einer alten Station der Steyler Mission, die alle zwei Monate vom 1904 in Geestemünde gebauten Reichspostdampfer Manila angelaufen wird, um deren Kopra abzuholen. Ist genug Kopra zum Verladen vorhanden meldet die Sta-tion dies dem Schiff mit einer roten Lampe, ansonsten fährt das Schiff gleich weiter zum wenige Meilen ent-fernten Berlinhafen, wo auch die Hauptstation der Stey-ler Mission liegt.

Auf Tamara, wie in Berlinhafen, wird von den Missio-naren auch viel Viehwirtschaft betrieben. Tamara ist die Quarantänestation für neu eingeführtes Vieh, aber auch Pferde, und ist das dort auf der Weide stehende Vieh seuchenfrei kann es vom Missionsdampfer Gabriel zur großen Festlandherde der Mission verbracht werden. Auf Tamara mästet die Manila auch das von ihr als Frischfleischreserve mitgeführte Schlachtvieh, meist zwei Ochsen.

Bei der Ankunft der Manila auf Tamara umschwärmen kleine und große Auslegerkanus der Eingeborenen den Reichspostdampfer, um von dessen Mannschaft Tabak, Streichhölzer und ähnliche Kostbarkeiten gegen Waf-fen und Schnitzereien einzutauschen. Ein Leichter und zwei Boote der Missionsstation legen am Achterschiff des Dampfers an um ihre Kopraernte umzuladen. Die Boote verholen dann zum Vorschiff, um Güter aus der Heimat einzuladen. Den Leichter im Schlepp geht der Dampfer sodann zur vier Meilen entfernten 1903 neu gegründeten Station Sankt Anna der Steyler Mission, die nun deren Hauptstation ist, in der mächtigen Bucht von Berlinhafen, wo der Leichter zur Übernahme wei-terer Ladung dient.

Sankt Anna liegt unmittelbar am Strand und wurde im Laufe der Jahre ausgebaut. Ein ganzes Dorf ist entstan-den. Einfache Wohn- und Arbeitshäuser, eine Andachts-kapelle, Geräteschuppen, Viehställe, eine Schule für die einheimischen Kinder, die dort auch Deutsch sprechen, schreiben und lesen lernen, und ein kleines Kranken-haus stehen in Sankt Anna.

Vom Strand aus dehnt sich ein dichtbewaldetes Vorland bis zum Torricelligebirge, doch die Urbarmachungen für neue Plantagen lichten den Urwald. Die Bucht selbst hat am Sandstrand eine nicht ungefährliche Brandung, die manche Bootsladung Kopra und sehnsüchtig erwartete Heimatsendungen verschlungen hat, obwohl die Kana-ken hier gute Seeleute und erfahrene Brandungsfahrer sind.

Am westlichen Ende der Bucht liegt Kap Rom, ein weit ins Meer vorspringender Hügel. Es gibt eine gut gebaute hölzerne, sich weit in das flache Küstenwasser vorschie-bende Landungsbrücke, die Schiffen ein bequemes An-legen ermöglicht. Durch Kokospflanzungen führen gut angelegte, mit Zierpflanzen eingefaßte Wege in Zick-zack-Windungen zur Höhe, auf der die Kaiserliche Station für Eitape und der Sitz des verantwortlichen Leiters von Berlinhafen und Umgebung erbaut sind. Weiter im Inneren schließen Pflanzungen der Neu-guinea-Kompagnie den Bereich der Zivilisation ab und die Wildnis beginnt. Auf der Station befindet sich auch der Postmeister und der Polizeimeister mit 40 schwar-zen Soldaten. Am Flaggenmast mit der im Wind wehen-den Reichsdienstflagge steht eine Schildwache und bei Ankunft eines Gastes macht sie in mit militärisch ge-schulten Griffen ihre Ehrenbezeigung mit dem Gewehr. Saubere Wege durchkreuzen die Kuppe und enden am höchsten Punkt vor dem Haus des Stationsleiters, einem aus Holz gebauten geräumigen Bungalow mit schattiger, breiter Veranda ringsum. Das rotgestrichene Well-blechdach dient auch als Regenfang und leitet an seinen vier Ecken das Wasser in vier Tanks. Kleine Anbauten beherbergen Diener-, Wasch-, Koch- und Vorratsräume. Durch geöffnete Fenster und Türen der fünf Zimmer strömt frische Seeluft und vertreibt die Moskitos. Von dort oben hat man eine herrliche Aussicht auf Land und Meer. Im Januar 1907 und nochmals 1909 senkte sich infolge eines Erdbebens ein Teil der Küstenlinie um drei bis vier Meter und setzte fünfzehntausend Palmen unter Wasser, die nun nur noch als leere Stämme aus dem Wasser ragen.

Wie in allen Anlaufhäfen ist die Ankunft des Reichs-postdampfers das Ereignis für die Deutschen vor Ort. Auch in Berlinhafen sind sofort kleine Boote auf dem Weg zum Schiff und auch die schlanke schnelle Gig des Stationsleiters mit der Reichsdienstflagge am Heck ist unterwegs. Sechs Polizeisoldaten in Sonntags-Khakiuni-form rudern die Gig. An Bord fragt der Stationsleiter zuerst nach Krankheiten, da er bei seuchenähnlichen Erkrankungen das Schiff unter Quarantäne stellen müß-te. Sobald das Schiff als seuchenfrei deklariert ist stür-men die auf ihren Booten herangeeilten Beamten, der Polizeimeister, Angestellte der Neuguinea Kompagnie, selbständige Pflanzer, Missionare, Paradiesvogeljäger und Trader das Schiff. Die große Signaltrommel auf Tamara hat schon nachts das baldige Ankommen der Manila gemeldet und die Eingeborenen auf dem Fest-land haben es mit ihren scharfen Ohren vernommen und mit dem Ruf »Sail ho!« in Berlinhafen und Um-gebung weiter verbreitet. Auch ihre Herren hat der Ruf aus dem Schlaf gerissen und sie sind sogleich auf stun-denlange Ritte und Märsche auf schlechten Waldwegen nach Berlinhafen geeilt für das große Ereignis. Denn an Bord wird es nicht nur ein Gelage geben, sondern man trifft alte Bekannte und hört von den neuesten Ereig-nissen in der Kolonie und in der Heimat.

Als 1912 die SMS Cormoran in Berlinhafen vor Anker geht, haben ihre Offiziere vom Bezirksamtmann in Frie-drich-Wilhelmshafen den Hinweis bekommen an der sonst von Weißen unbewohnten Bucht nach dem Pro-fessor Ton zu schauen, der dort seit Monaten haust. „Sehen Sie mal zu, wie’s dem geht. Den Eingeborenen da ist nicht zu trauen. Ich wollte ihm noch ein paar Polizei-soldaten zur Bewachung mitgeben, aber er dankte, – kostbare Zeit ginge ihm sonst verloren.“

Zwei Offiziere der Cormoran landen an der palmen-umsäumten, weit ausgedehnten Bucht und biegen auf einem schmalen Kanakerpfad in den Urwald ein. Papa-geien in allen Farben kreischen, Kakadus spreizen ge-reizt ihre gelbe Krone und Nashornvögel fauchen. Es geht über schlüpfrige Steine in dem ewig feuchtwarmen Dunkelgrün den Berg hoch in ein nahes Dorf. Mit Speer und Spießen, wie überall, bewaffnete Kanaker blicken die Weißen mißtrauisch an, aber als erfahrene Südsee-reisende gewinnen sie durch etwas Tabak ihr Vertrauen und handeln eine Steinaxt und eine Muschelgeldkette ein. Die beiden Deutschen halten die Gesichter der dunkelbraunen Männer für auffallend abstoßend, ihre Haartracht wilder als in anderen Gegenden und die Hütten und deren Umgebung für noch schmutziger als anderswo.

Auf einem anderen Pfad bummeln sie zurück zum Strand und entdecken eine Hütte offensichtlich euro-päischer Bauart. Am Strand steht auf Pfählen, gegen den Besuch von Krokodilen gesichert, ein kleiner badebu-denähnlicher Bretterbau mit einem großen Fenster. Die beiden Offiziere betreten die Hütte, nachdem nach höf-lichen Anklopfen keine Antwort zu hören ist. In dem kleinen Raum stehen auf Regalen ringsrum Gläser mit eingemachten Fröschen, Lurchen und sonstigen Merk-würdigkeiten. Auf dem Bett liegen einige tote Papageien. Vor dem Fenster sitzt der Professor über einen Tisch gebeugt und sieht wie ein Uhrmacher mit einer ins Auge geklemmten Lupe in einen aufgeschnittenen toten Papagei hinein. Mit blanken Instrumenten stochert er voller Interesse in dem toten bunten Vogel herum. Der Wissenschaftler ist so sehr in sein Objekt der Begierde versunken, daß er die beiden Besucher gar nicht wahr-nimmt, welche etwas Husten und mit den Schuhen scharren, um auf sich aufmerksam zu machen.

Da plötzlich bemerkt der Professor seine Gäste und springt auf: „Ton, Ton, Ton, Ton – Professor Ton, die Herren kommen im schönsten Augenblick meines Lebens. Ich habe soeben eine noch völlig unbekannte Bandwurmart entdeckt. Papageien haben sehr viele Bandwürmer. Hier sehen Sie.“ Der Professor steckt das ziemlich elend aussehende, einem verhungerten Regen-wurm nicht unähnliche Tier mit einer Pinzette in ein Spiritusgläschen und zeigt seine Entdeckung erneut vor. Hastig räumt der glückliche Wissenschaftler einige der auf dem Bett liegenden Papageien beiseite und bittet seine Gäste zwischen den übrig gebliebenen toten Vö-geln Platz zu nehmen.

In der ihnen gänzlich fremden Welt der Wissenschaft setzen sich die beiden Offiziere zwischen die toten Papa-geien und einer bringt den Mut auf zu sagen: „Das ist ja sehr interessant.“

Professor Ton freut sich: „Ja, wirklich hochinteressant! Hochinteressant – wenn auch nicht ganz so interessant wie die Tätigkeit eines Kollegen, der bei den Chinesen von Kanton neue Floharten sucht. Sie glauben nicht, wie viele der Wissenschaft noch völlig unbekannte Floh-arten dort leben. Hochinteressant! – Ja im Übrigen, ich muß um Entschuldigung bitten, die gemachte Ent-deckung muß ich gleich weiterverfolgen. Eine längere Pause darf ich mir nicht gestatten.“

Nicht unglücklich darüber, den Professor mit seinem hochinteressanten Bandwurm wieder alleine zu lassen, ziehen sich die beiden Besucher höflich in den benach-barten Urwald zurück.