Klein Popo, auch Klein-Popo oder Kleinpopo geschrie-ben, wird 1905 in Anecho umbenannt, daher die beiden Namen der Stadt. Grand Popo liegt in der benachbarten französischen Kolonie Dahomé, ist aber kleiner als Klein Popo. Von den in Grand Popo 1902 ansässigen sieben Firmen sind fünf deutsche und nur zwei französische.
Klein Popo liegt auf einer zwei Kilometer langen und gut hundert Meter breiten Nehrung zwischen Meer und Lagune. 1902 hat der Ort etwa 40 weiße Bewohner und mehrere tausend Schwarze, die in 600 bis 800 dicht gedrängt stehenden Eingeborenenhütten leben, welche aus dunklem Lehm gebaut sind, mit Schilf gedeckt und nur durch winklige Quergäßchen voneinander getrennt sind, die so eng sind, daß zwei Menschen sich in ihnen kaum ausweichen können, und in denen man nicht aufrecht zu gehen vermag, ohne mit dem Kopf an die von beiden Seiten überhängenden Schilfdächer zu sto-ßen. Sowohl auf der Seeseite als auch auf der Lagunen-seite lassen die Hüttenkomplexe nur einen schmalen, unbebauten Streifen frei, auf dem sich aller Verkehr abspielt. Hie und da gibt es zwischen den einzelnen Häusern einen kleinen, unsauberen Hof, der als Koch-, Wasch- und Arbeitsplatz für die Frauen und als Spiel-platz für die Kinder dient. Hühner, Enten, Tauben, Zie-gen und Schweine vollenden die Szenerie.
Meistens mitten zwischen den Negerhütten liegen die Europäerhäuser. Für die Europäer erwächst allerdings durch die unmittelbare Nachbarschaft mit den Einge-borenen die erhöhte Gefahr der Malaria. Die engen, dunklen Gassen, die niedrigen Hütten mit den Stroh-dächern sind bevorzugte Schlupfwinkel der Moskitos. Scherben, alte Flaschen, Blechgefäße, Töpfe mit abge-standenem Wasser in den Negerbehausungen sind für die Stechmücken ebenso willkommene Brutplätze wie die Lagunentümpel.
Am westlichen Ende des Ortes liegt abseits der Neger-niederlassungen das Nachtigal-Krankenhaus. Von son-stigen Regierungsgebäuden findet sich am entgegen-gesetzten Ende des Platzes das Zollamt und die Post; dazwischen verteilen sich die Faktoreien der sieben hier vertretenen Firmen und zwei Missionsanlagen, jede mit einem Kirchlein; sowohl eine katholische als eine wes-leyanische sind vertreten. Letztere ist trotz ihres eng-lischen Ursprungs mit einem deutschen Missionar be-setzt.
Auch Klein Popo hat eine Haussahkolonie, die nur we-nige Minuten hinter dem Krankenhaus gelegen ist und einige hundert Bewohner zählt. Die Haussa vermitteln den Zwischenhandel zum Hinterland.
Die Geselligkeit ist bei der geringen weißen Einwohner-zahl Klein Popos um die Jahrhundertwende bescheiden. Verheiratete Frauen fehlen ganz. Zweimal wöchentlich gibt es einen „Kasinoabend“. Das Kasino liegt am öst-lichen Ende von Klein Popo und ist nicht viel mehr als ein bescheidenes, einstöckiges, kleines Häuschen mit einem einzigen Raum.
Der Arzt Ludwig Külz wohnt einige Kilometer vom Kasi-no entfernt im Nachtigal-Krankenhaus und hat außer Gesprächen mit seinen Patienten und dem gelegent-lichen spätnachmittäglichen Besuchs eines Europäers oder des Bezirksamtmanns des Küstenbezirks Klein Popo, der im benachbarten Sebe sitzt, auch nur das Kasino als Treffpunkt:
»Der abendliche Weg dorthin im Dünensande gehört nicht zu den angenehmsten Promenaden, besonders nicht, wenn der Mond fehlt, und Moritz [ein 12jähriger Diener] ihn mit einer vorausgetragenen Laterne erset-zen muß. Außerdem benutzt der Neger mit großer Vor-liebe gerade dieses Terrain zur Verrichtung aller seiner Bedürfnisse, und der Seewind pflegt nachdrücklich ge-nug der Nase des Passanten diese Tatsache in Erinne-rung zu bringen. Das Beste am ganzen Kasino sind die sich ihm anschließende Kegelbahn und eine dort auf-bewahrte Bibliothek. Was an Kasinoabenden geboten wird, sind außer schlechten Getränken schlechte Witze – gute macht nur der dicke Postmeister H. – und neben den höheren Gesichtspunkten des »Küstenklatsches« die schwerwiegendsten Fragen der Kolonialpolitik. Was da in kurzer Zeit alles für Weisheit ausgekramt wird, namentlich dann natürlich, wenn der unvermeidliche Alkohol der Zunge und den Gedanken die Zügel gehörig gelockert hat!«
Die städtische Siedlung Klein Popo hat 1902 mit dem Nachtigal-Krankenhaus das einzige Europäerkranken-haus in Togo. Benannt ist das Krankenhaus nach dem 1885 verstorbenen Afrikaforscher Gustav Nachtigal.
Die städtische Siedlung Klein Popo hat 1902 mit dem Nachtigal-Krankenhaus das einzige Europäerkranken-haus in Togo. Benannt ist das Krankenhaus nach dem 1885 verstorbenen Afrikaforscher Gustav Nachtigal. Als Dr. Külz im August 1902 das Nachtigal-Krankenhaus übernimmt, schreibt er später darüber:
»Die ärztliche Ausrüstung in Kleinpopo übertraf weit meine Erwartungen. Instrumentarium, Apotheke, Labo-ratorium, sind für afrikanische Verhältnisse sehr gut ausgestattet, außerdem steht eine reichhaltige ärztliche Bibliothek zur Verfügung, und monatlich werden für sie fast alle wichtigen medizinischen Zeitschriften, auch einige ausländische, geliefert.«
Der zweite Arzt der Kolonie ist in der Hauptstadt Lome ansässig. Zu den Aufgaben der Ärzte gehört auch – wie überall an Hafenplätzen – Schiffe, die den gelben Quarantänewimpel gesetzt haben, zu besuchen und nach Besichtigung von Besatzung und Passagieren über gefährliche Krankheiten wieder frei zu geben oder die Quarantäne über das Schiff zu verhängen.
Das Krankenhaus in Klein Popo ist von einem großen, mit vielen Vögeln belebten Garten mit Tropenbäumen, hauptsächlich Kokospalmen, umgeben. Das Gebäude ist zweistöckig, luftig gebaut, mit breiter, rundherum lau-fender Veranda, weißem Anstrich bis auf die grünen Fenster und Türen, mit großen hellen Räumen. Die frische Seebrise, die den größten Teil des Tages über recht stark weht, trifft das Nachtigal-Krankenhaus in voller Stärke und trägt viel dazu bei, die tropische Hitze erträglich zu machen. Allerdings bringt sie auch reich-liche Feuchtigkeitsmengen mit, so daß alle Eisenteile rasch rosten und selbst die chirurgischen Instrumente sich nur unter dauerndem Ölüberzug einigermaßen unversehrt halten lassen. Leder verschimmelt, Glas be-schlägt vom salzhaltigen Wasser, und die Uhren versa-gen nach kurzer Zeit ihren Dienst.
Ludwig Külz schreibt im August 1902 als neuer Chef über das Nachtigal-Krankenhaus, in dem er nun tätig ist, daß die Patienten »außer ihrer körperlichen Genesung auch eine psychische Erfrischung mit von dannen neh-men können. Augenblicklich bilden fünf Europäer den Patientenbestand, die hoffentlich sämtlich in nächster Zeit ihre Tätigkeit wieder aufnehmen werden.
Außer den drei Schwestern setzt sich mein Hilfsper-sonal nur aus Schwarzen zusammen. Ihr Senior ist der Koch, eine würdige Gestalt, die über dem stattlichen Bauche stets eine saubere, weiße Schürze trägt. Er ist seit dem Bestehen des Krankenhauses [1895] in ihm tätig und scheint seine Sache gut zu machen. Max und Moritz sind zwei ungefähr 12jährige Bengel, die als Die-ner für die Zimmer der Kranken und des Arztes tätig sind. Außer ihnen versieht August, ein etwa 20jähriger Neger, Krankenwärterdienste, und Hans, in ungefähr dem gleichen Alter, hat die Instandhaltung des unteren Stockwerkes als Ressort zugewiesen erhalten. Zwei klei-ne Mädchen von etwa 10 Jahren, Hulda und Farfara, Waisenkinder aus dem Togohinterlande, helfen beim Säubern des Geschirres in der Küche, beim Putzen und beim Servieren bei Tisch. Für die Pflege des Gartens, seiner Anlagen und Wege, haben zwei weitere Einge-borene zu sorgen: Kwasi und Mensah. Ihre Haupttätig-keit besteht im Wassertragen für die neuen Anpflan-zungen, für Gemüse- und Blumenbeete, die hier in der trockenen Zeit täglich früh und abends begossen wer-den müssen. Ein schwarzer Waschmann mit seinen Gehilfen vervollständigt das Personal der Eingeborenen.
…
Zehn Minuten hinter dem Krankenhause sendet die Lagune einen schmalen Arm ins Land hinein. Dorthin pilgere ich öfters nach beendeter Chirurgie am Spät-nachmittage, vertausche das Operationsmesser mit der Jagdflinte, rufe Moritz als Begleiter, der in Ermangelung eines Jagdhundes die erlegte Beute apportieren muß, und suche das Menü der Krankenhausküche zu be-reichern.
…
Auch die Verpflegung steht auf der Höhe. Leider sind wir zu einem großen Teil auf Konserven aus der Heimat angewiesen, die uns in monatlichen Lieferungen ge-schickt werden.«
Zu den drei Schwestern des Roten Kreuzes bemerkt Külz: »Eine der Schwestern weilt schon 1½ Jahr im Lande, und die Spuren schwerer überstandener Fieber sind ihr deutlich anzusehen; aber sie setzt ihren Ehrgeiz darein, volle zwei Jahre – so lange läuft ihre Verpflich-tung – auszuhalten.«
Über das Krankenhaus für die Schwarzen in Klein Popo schreibt Külz:
»Die schwarze ›Stadtpraxis‹ wickelt sich zum größten Teile in der ›Poliklinik‹ ab. Unter diesem stolzen Namen verbirgt sich eine vorläufig noch recht primitive Einrich-tung, die aber trotzdem von unschätzbarem Werte ist. Diese Poliklinik liegt einige Minuten vom Nachtigal-Krankenhause entfernt inmitten des Negerdorfes. Vor etwa einem Jahre [1901] wurde sie von Dr. Sch. schüch-tern ins Leben gerufen, anfänglich auf eigene Verant-wortung und Kosten des Gründers, weil das Gouverne-ment dieser neuen Einrichtung zunächst mit Mißtrauen begegnete. Jetzt ist sie schon Hunderten von Kranken Eingeborenen eine willkommene Zufluchtsstätte gewor-den. … Die innerlich Kranken bekommen in der Poli-klinik ihr Rezept, mit dem sie zur Krankenhausapotheke pilgern, wo ihnen das verordnete Medikament von einer Schwester verabfolgt wird. Erforderliche Operationen nehme ich stets im Operationsraum des Hospitals vor; nach beendetem Eingriff werden die Patienten in einer Tragbahre zur Weiterbehandlung in die Poliklinik zu-rückgebracht. Ich glaube, daß gerade die ärztliche Hilfe-leistung unter den Eingeborenen besonders geeignet ist, sie dem Weißen näherzubringen, Vielleicht ist es für sie vorläufig das einzige Geschenk der Regierung, für dessen Wert sie schon jetzt volles Verständnis besitzen.
Im Dienste der Poliklink sind zwei schwarze Hilfskräfte beschäftigt, Dovi und Heinrich. Ersterer ist ein flinker, geweckter und wohl auch gewissenhafter Mensch, un-gefähr 25 Jahre alt. Er war jahrelang im Dienste eines meiner Vorgänger, des 1899 verstorbenen Oberstabs-arztes Wicke, tätig. Seine Ausbildung hat er zum Teil in Deutschland erhalten. Deutsch und Englisch beherrscht er vollkommen in Sprache und Schrift, und bei Ope-rationen leistet er sehr gute Assistenz.«
Im November 1902 schreibt der Regierungsarzt des Nachtigal-Krankenhauses in Klein Popo an seine Frau über das Umfeld des Krankenhauses:
»Was würde man daheim drum geben, wenn ein solcher Tropengarten wie der unsere nach Deutschland ver-pflanzt werden könnte! Gerade der unsere zeigt jetzt ein buntes Gemisch heimatlicher und afrikanischer Ge-wächse. Auf der Rückseite blühen unter Kokospalmen die Rosen, die mein Vorgänger pflanzte; auf Beeten, die mit Agaven eingefaßt sind, entfalten Balsaminen, Lilien und andere heimatliche Blumen neben farbenpräch-tigen afrikanischen Geschwistern ihre Blüten. Auch der Gemüsegarten liefert gute Erträge: Salat, Kohlrabi, Radieschen, Gurken usw., und bringt so für uns und die Patienten wenigstens eine kleine Abwechslung in die Konserven, mit denen wir uns sonst behelfen müssen. Unser kleiner zoologischer Garten am Hause ist in letz-ter Zeit auch mehrfach bereichert worden. Erst kürzlich brachte Schwester J. von einem Urlaube, den sie in Lome verlebte, zwei niedliche zahme Antilopen für ihn mit, von denen nun vier frei in ihm herumlaufen und sich alle unter dem Schatten der indischen Mandelbäume sehr wohl zu fühlen scheinen und Gesunden wie Kran-ken des Hospitals manche Freude bereiten. Auch die Eingeborenen bringen alle möglichen Tiere ange-schleppt, teils zum Verkauf, teils als Honorar für ärztliche Hilfe. Soweit es nicht nötig ist, sie zu töten, wie Krokodile und Giftschlangen, werden sie in einem Käfige dem Tiergarten einverleibt. Affen, Wildkatzen, Stachelschweine, Papageien und selbst Raubvögel ha-ben sie schon angebracht. Jedes der Tiere wird gewis-senhaft von den Schwestern mit einem besonderen Kosenamen belegt. Besonders drollig sind ein Paar jun-ge, noch ganz kleine, zahme Ginsterkätzchen, die tags über frei im Hause umherlaufen. Eigentlich erinnern sie nur in ihrer Farbe an eine graue Katze, sonst im schmiegsamen, zierlichen Körperbau mehr an einen Marder. Ueberall huschen sie umher, verstecken sich an allen möglichen Plätzen, oft sogar in den Blumensträu-ßen, die wir im Zimmer stehen haben und blicken neu-gierig mit ihren spitzen Köpfchen aus ihnen hervor. Verschiedene Schildkröten kriechen träge zwischen den lustig umherspringenden Antilopen im Tiergarten he-rum.
…
So gut es geht, bemühe ich mich, unserem Nachtigal-krankenhause in seiner inneren Einrichtung, seinem ganzen Betriebe und auch seiner äußeren Umgebung möglichst das Hospitalartige zu nehmen, um den Kran-ken wenigstens etwas vom Gefühl heimatlichen Beha-gens zu verschaffen. Die Schwestern helfen mit großem Fleiße bei der täglichen Arbeit, und auch über die schwarzen Angestellten habe ich mich nicht zu bekla-gen. Die mancherlei Entbehrungen europäischer Be-quemlichkeit empfinde ich kaum noch. Auch das ur-sprünglich Fremde in der Umgebung, der Lebensweise, im Klima usw. ist mir bereits vertraut geworden. Das einzige, womit ich mich noch nicht recht anfreunden kann, ist die für meine Begriffe recht umfangreiche bürokratische Schreibarbeit, die es zu bewältigen gibt. Irgend eine Hilfskraft habe ich dafür nicht, und so bleibt mir nichts anderes übrig, als alle bei einer Kranken-hausverwaltung nötigen Bücher selbst zu führen und die laufenden Eingänge, Verfügungen, Erlasse, Anfragen vom Gouvernement und deren Beantwortung zu er-ledigen. Dazu kommen vierteljährliche, ausführliche Medizinalberichte, für die ein ganz bestimmtes Schema vorgeschrieben ist, vierteljährliche Kassenabrechnung, natürlich ebenfalls nach einem ganz bestimmten Sche-ma, Bestellungen von Medikamenten, Verbandmitteln, Vorräten, Getränken, Büromaterialien, ferner die Bu-chung der Einnahme- und Ausgabejournale und vieles andere mehr. Manche dieser Schreibereien sind ja si-cher unvermeidlich, aber andere wieder ließen sich ge-wiß vereinfachen.
…
Mit gleicher Post wie diese Zeilen sende ich Dir ein kleines Paket mit einigen einheimischen Negerarbeiten, aus denen Du den Grad ihrer Kunstfertigkeit ersehen kannst. Die originellen Silber- und Goldarbeiten fertigt der schwarze Goldschmied nur mit äußerst primitiven Werkzeugen aus Geldstücken an, die man ihm gibt.«
Im Januar 1903 schreibt Külz:
»Aus der Poliklinik für Eingeborene.
Die Zahl der schwarzen Patienten, die täglich zur Poli-klinik kommen, hat im Laufe der Zeit eine ganz ansehn-liche Höhe erreicht und beträgt jetzt ungefähr monat-lich 100 neue Zugänge. Eine weitere Steigerung wäre mir nicht einmal um jeden Preis erwünscht, denn jetzt ist es bei dem beschränkten Raume und der primitiven äußeren Einrichtung gerade noch möglich, alle einzel-nen Fälle einigermaßen gründlich zu untersuchen, zu beobachten und zu behandeln. Bei noch mehr wachsen-der Frequenz würde ich bald genötigt sein, wie es ja daheim in vielen poliklinischen Betrieben die Regel ist, ärztliche Momentaufnahmen zu machen.
Ueberrascht hat mich das große Zutrauen der Togoleute zum Messer des Arztes. Zum Teil ist es wohl der in die Augen springende Erfolg, der es herbeiführt, zum Teil auch die Anwendung der Schleichschen Anaesthesie anstelle der allgemeinen Narkose bei ernsteren Opera-tionen. Schon mein Vorgänger hat sie hier unter den Schwarzen eingebürgert, weil sie gegen eine allgemeine Betäubung eine große Abneigung hegen. Es ist ihnen unsympathisch, in einen bewußtlosen Zustand versetzt zu werden, in dem sie nicht verfolge können, was mit ihnen geschieht…
Alle größeren Eingriffe müssen im Operationsraume des Nachtigalhospitales vorgenommen werden. Zur wei-teren Behandlung liegen die Patienten in der Poliklinik.
…
Mit Kleinigkeiten kommt der Schwarze nicht so leicht an, sucht er den Arzt auf, so kann man sicher sein, daß ihm wirklich etwas fehlt.
…
Oft läßt mich ein kurzes, mühsam geführtes Gespräch mit einem schwarzen Patienten einen tieferen Blick in den Seelenmechanismus des homo sapiens tun als eine lange, glatte Konversation mit einem gebildeten Euro-päer.«
Im Mai 1903 schreibt der Regierungsarzt Ludwig Külz über »ein Denkmal, ein wirkliches, stattliches Denkmal, das erste, das in Kleinpopo errichtet werden soll zum Andenken an unsern ersten Regierungsarzt, Oberstabs-arzt Wicke, der im Jahre 1899 nach elfjähriger Tätigkeit hier starb. Die Kosten sind teils vom Nachtigalverein in Berlin, einem Verein für vaterländische Afrikafor-schung, teils von den Freunden des Verstorbenen, teils von dankbaren Patienten Togos und seiner englischen und französischen Nachbarkolonien aufgebracht wor-den. Selbst hiesige Schwarze haben namhafte Beträge gespendet! Der zuerst genannte Verein hat auch die Aussendung des Denkmals bewerkstelligt. Es kam mit einem Begleitschreiben der Kolonialabteilung an, in dem scharf betont ist, daß keine Unkosten aus amt-lichen Mitteln bei seinem Aufbau entstehen dürfen. Angesichts der langen, verdienstvollen Arbeit des Verstorbenen, der unter Weißen und Schwarzen weit über die Grenzen unserer Kolonie hinaus sich großen ärztlichen Ansehens und ebenso großer persönlicher Beliebtheit erfreute, mutet mich diese Ablehnung selt-sam an. Wie ich den gewünschten, amtlich „kosten-losen“ Aufbau bewerkstelligen soll, weiß ich zur Zeit noch nicht.* Vorläufig bin ich aus einem andern Grunde leider nicht imstande, mich an diese Aufgabe zu ma-chen, denn bei der Landung des Denkmales ist uns ein ärgerliches Mißgeschick zugestoßen. Das ganze Denk-mal besteht aus einzelnen Blöcken weißen Granits, die nach den übersandten Plänen und Zeichnungen zu einem massiven Unterbau zusammengefügt werden müssen. Auf diesem sich nach oben leicht verjüngenden Unterbau tragen vier Säulen eine mit einem Kreuze gekrönte Kuppel; auf seiner Vorderseite wird eine Bronzetafel mit dem lebensgroßen Brustbilde Wickes eingelassen. Das ganze Monument wird die stattliche Höhe von 5 m erreichen. Das Gesamtgewicht der einzeln verpackten, größeren und kleineren Granitblöcke be-trägt über 400 Zentner. Nun waren die meisten dieser Einzelteile nicht größer, als daß sie bequem in ein Brandungsboot aufgenommen werden konnten. Nur die obere, aus einem Stück gehauene Deckplatte, erreichte das Gewicht von 40 Zentnern und damit gerade die äußerste Grenze der Tragfähigkeit eines solchen Bootes. Zunächst kostete es lange Verhandlungen mit dem Kapitän des Dampfers. Ich erbot mich, innerhalb eines halben Tages aus Balken ein breites Floß bauen zu lassen; aber das Anerbieten wurde nicht angenommen, weil der Dampfer nicht solange warten konnte. Die See war überdies schlecht, die Brandung sehr hoch. Als schließlich der große Block unbefestigt quer über ein Boot gelagert, sich der Brandung näherte, sah ich schon von Ferne mit Bangen die Unruhe der schwarzen Boots-leute. Sobald sie in den ersten Brecher gekommen wa-ren, verloren sie die Gewalt über das Fahrzeug, spran-gen ins Wasser und überließen es seinem Schicksal. Noch einige Brandungswellen gingen darüber hinweg, dann schlug es ungefähr 50 m vom Ufer entfernt um, und der Block versank. Ich konnte einstweilen nichts anderes tun, als die Stelle, an der er unterging, am Lande genau zu markieren, und im übrigen müssen wir abwarten, ob bei einer ausnahmsweise tiefen Ebbe wie-der etwas von ihm sichtbar wird. Ein anderes Boot mit sechs kleineren Stücken schlug ebenfalls dicht vor dem Lande um; doch es glückte den Schwarzen, diese durch Tauchen wieder heraufzubefördern. Jetzt liegen vorläu-fig alle gelandeten Blöcke vor dem Krankenhause am Strande, bis es uns entweder gelingt, die fehlende Platte aus ihrem nassen Grabe zu heben oder bis wir Ersatz aus Deutschland bekommen.**
*Die für Landungsgebühren, Fundament, Baugerüst und Arbeiterlöhne später entstandenen Ausgaben von 3—400 Mark wurden durch freiwillige Beiträge der Be-amten Togos gedeckt.
**Einige Wochen später wurde zur Zeit der Ebbe eine Ecke des Blockes sichtbar. Es gelang Schienen unter-zuschieben, ein Drahtseil umzulegen und durch einen Vorspann von vier Ochsen der hilfsbereiten Plantage Kpeme, verstärkt durch 50 schwarze Gefangene aus Sebe, ihn aufs Trockene zu bringen.«
Am 15. November 1903 schreibt Külz: »Gestern Nach-mittag wurde durch ihn [Stellvertretender Gouverneur Graf Zech] in Gegenwart aller Europäer des Ortes die Enthüllung des Wickedenkmales vollzogen, dessen Auf-bau nach so manchen Schwierigkeiten endlich vollendet war. Ein gemeinsames Essen hielt die Teilnehmer an der schlichten Feier noch einige Stunden im Krankenhause zusammen.«
Auf dem jenseitigen Ufer der breiten Lagune liegt, in dreiviertelstündiger Wasserfahrt zu erreichen, der Ort Sebe mit dem Bezirksamt für den Küstenbezirk Klein Popo und der Regierungsschule. Der zweite Küstenbe-zirk von Togo ist der Bezirk Lome.
Ludwig Külz schreibt über eine nächtliche Fahrt vom Nachtigal-Krankenhaus nach Sebe im August 1902:
»Ich saß an meinem Schreibtisch, als plötzlich zwei Schwarze zu mir hereingestürmt kamen und mich ba-ten, so schnell wie möglich nach Sebe zu kommen. Ein Kanu läge für mich am Ufer bereit. Ein schwarzer Soldat sei von einer Giftschlange gebissen worden! Ich nahm aus der Apotheke ein Taschenbesteck, eine Injektions-spritze, Kalium hypermanganicum und eine Dosis des vorrätigen Calmetteschen Schlangenserums zu mir. Da-mit eilte ich zum nahen Lagunenstrande und stieg ins Kanu, das Platz genug für einen Stuhl bot.
Es war meine erste nähere Bekanntschaft mit der Lagu-ne, diese Nachtfahrt im hellen afrikanischen Mond-schein. Im Schilfe des Ufers zirpten zahllose Grillen, Tausende kleiner Leuchtkäfer tauchten im feuchten Grase auf und nieder, Fledermäuse jagten ihrer Beute nach, und bisweilen scheuchte das Geräusch des fah-renden Kanus einen schlafenden Wasservogel auf, der, mit müdem Flügelschlage über unsern Köpfen hinweg-fliegend, im dichten Buschwerk des Ufers verschwand. Die drei Neger, die mit langen Stangen das Kanu vor-wärtstrieben, ermunterten sich durch Gesang und Zu-rufe zu rascher Fahrt, und in einer halben Stunde waren wir am Ziel.
Der Gebissene lag bei meiner Ankunft in tiefem Schlafe, schwer berauscht von großen Mengen Schnaps, die man ihm eingefüllt hatte. Offenbar gilt auch hier der Alkohol als wirksames Gegenmittel gegen Schlangengift.«
Der Patient, der von einer Puffotter gebissen worden war, überlebt, hat aber am nächsten Tag einen schweren Kater.
Külz schreibt auch noch: »Trotz ihres häufigen Vorkom-mens soll die Puffotter verhältnismäßig selten den Men-schen beißen, und für Erwachsene ist ihr Biß nicht unter allen Umständen tödlich. Von Europäern ist überhaupt in Togo bisher noch keiner einem Schlangenbiß zum Opfer gefallen, so daß die Gefahr der Giftschlangen für sie nicht groß zu sein scheint.
Von sonstigen Giftschlangen findet sich im Küstenbe-zirk noch die Spuckschlange mit stahlblauem Rücken und zinnoberrotem Bauche, schlank gebaut und im Gegensatz zur trägen Puffotter äußerst beweglich. Sie besitzt die Fähigkeit, ihren Oberkörper vom Erdboden zu erheben und blitzschnell ihrem Angriffsobjekte eine Portion ihres ätzenden Giftes entgegenzuspucken. Trifft es das Auge eines Tieres, so ist eine rasche Erblindung die Folge. Von den zahlreicheren ungiftigen Schlangen-arten des Lagunengebietes ist die imposanteste der Python, der eine Länge bis zu 5 m erreicht.«
Am 2. Juli 1903 schreibt Dr. Külz:
»Besuch des Kriegsschiffes in Kleinpopo.
Der Habicht, „das“ Kriegsschiff unserer deutsch-west-afrikanischen Küste müssen wir sagen; denn nur dies eine kreuzt in den Gewässern der drei Schutzgebiete [Togo, Kamerun, Deutsch Südwestafrika], die an Größe das Mutterland um mehr als das Doppelte übertreffen, und dieses eine gehört zu unseren ältesten [1880 in Dienst gestellt] und steht auf der Grenze der Tropen-dienstfähigkeit. Ostafrika, selbst Samoa, ganz zu ge-schweige von Kiautschou, sind weniger kärglich von der Flottenleitung bedacht worden.
…
Aber trotzdem gehören auch jetzt noch die kurzen Tage der alljährlich wiederkehrenden Anwesenheit des Ha-bicht zu den größten Festtagen der Kolonie. Die Gele-genheit Feste zu feiern ist hier draußen seltener als daheim, und wenn sich dann endlich eine Gelegenheit bietet, so wird sie gern wahrgenommen. Am 26. Juni hatten wir ihn von Lome her erwartet, aber wir lugten vergeblich an diesem Tage nach dem Horizonte aus. Erst am 27. gegen 11 Uhr konnte ich ihn von der Veranda des Krankenhauses aus mit dem Fernglase sichten. Lang-sam quälte er sich heran, mächtig dampfend und bei der bewegten See bedenklich schaukelnd; aber doch impo-nierte er mit dem weißen Tropenkleide und den hohen Segelmasten weit mehr als die grauen und schwarzen Handelsdampfer mit ihren nüchternen äußeren For-men. Alle Häuser legten Flaggengala an, und die Euro-päer versammelten sich am Strande. Als er vor Anker gegangen war, fuhr der kurz zuvor erst aus dem Hin-terlande zurückgekehrte Freiherr v. R. zur Begrüßung hinüber. Nach einer Stunde kehrte er zurück und mit ihm vier Offiziere des Schiffes, darunter der Arzt Dr. T., ein alter Kieler Bekannter. So ist die weite Welt doch immer noch klein genug, um überall alte Bekanntschaf-ten und Erinnerungen zu erneuern. Zu unser aller gro-ßen Freude kam auch der stellvertretende Gouverneur Dr. G. aus Lome mit dem Habicht nach Kleinpopo, um seinen früheren Wirkungskreis noch einmal kurz zu besuchen, und um sich gleichzeitig von uns zu ver-abschieden, da er mit dem nächsten Dampfer in die Heimat reisen wird. Leider wird er wahrscheinlich nie wieder nach Togo zurückkehren. Unter den Offizieren befand sich auch als Oberleutnant und Adjutant der Sohn des Admirals Knorr, dessen einstigem energischen Auftreten gegen die Franzosen wir die ganze Osthälfte unserer Kolonie zu verdanken haben. Nach einem Imbiß und Willkommentrunk in unserm primitiven Kasino suchten die Gäste bald ihre Quartiere auf, da die hohe Brandung sie nicht trocken hatte an Land kommen lassen. Den Doktor nahm ich natürlich mit mir ins Krankenhaus.
Während der vier Tage, die der Habicht Aufenthalt vor Kleinpopo nahm, gaben wir uns redlich Mühe, unsern Gästen ein möglichst genaues Bild unseres Landes, soweit sie es sehen konnten, unseres Lebens, unserer Arbeit, unseres Wollens, unseres sehr beschränkten Könnens und unserer unerfüllten Wünsche zu geben. Am 2. Tage kam auch der Kommandant, Kapitän St., an Land. Da die See besser geworden war, erbaten wir von ihm die Vergünstigung, doch die Kapelle des Schiffes an Land zu beurlauben. An musikalischen Genüssen haben wir hier in Kleinpopo nicht gerade Ueberfluß. Abge-sehen von den Trommeln der Schwarzen, unserm man-gelhaften Klavier im Krankenhause und einer von Dr. Sch. gestifteten Guitarre existieren nur noch einige Grammophone als musikalische Instrumente in der Kolonie. So ist unsere Sehnsucht nach einer Militär-kapelle wohl erklärlich. Die Frage nach der Unterkunft der zwölf Musikanten ließ sich dadurch lösen, daß ich mich erbot, sie in einer Baracke des Hospitales einzu-quartieren. Durch Flaggensignal verständigt wurden am Nachmittage Leute und Instrumente ohne Verlust oder Beschädigung gelandet, sodaß wir bereits zu dem am Abend in Sebe angesetzten Festessen nicht ohne Tafel-musik waren. In Ermangelung eines andern genügend großen Raumes war für diesen Zweck das Eingebore-nengefängnis ausgeräumt, gesäubert und mit Palmen-wedeln und Flaggentuch zur Festhalle geschmückt wor-den. In einem davor aufgeschlagenen Reisezelte spielte die Kapelle. Einige flott gespielte Märsche verfehlten ihre Wirkung auf die Gemüter nicht. Musikstücke wechselten mit Gesängen und Trinksprüchen, deren Hochs und Hurras in die tropische Nacht hinein er-schallten. Die Palmen mit ihren langbehaarten Häup-tern mochten verwundert auf dieses seltsame Treiben Herabschauen, und ebenso verwundert starrten die dicht umherstehenden Neger auf das ungewohnte Bild.«
Im Zuge der Verlegung allen Togoverkehrs über See zur Landungsbrücke nach Lome im Januar 1904, und der Eröffnung der Bahnlinie Lome–Klein Popo im Juli 1905, wird auch der Seeverkehr nach Klein Popo beendet, welches zunächst der größte Hafenplatz in Togo war. Dr. Külz schreibt dazu am 12. Oktober 1903:
»Früher liefen alle Dampfer der Woermannlinie, die nach Lome kamen, auch unser Kleinpopo an. Seitdem ersterer Ort immer mehr und mehr zur Zentrale des Verkehrs erhoben wurde, unterblieb zunächst das An-laufen der Postdampfer bei ihrer Ausreise in Kleinpopo. Neuerdings wird nun auch der bisher am 10. jedes Monats hier auf der Heimreise anlaufende Dampfer in Wegfall kommen, das heißt, es wird eine abermalige Verschlechterung des Schiffsverkehrs eintreten. Abge-sehen von allen andern Nachteilen, wie z. B. im posta-lischen Verkehr oder darin, daß von jetzt ab alle Euro-päer Kleinpopos, die mit diesem Dampfer in die Heimat reisen wollen, sich und ihr Gepäck zuerst mühsam über Land nach Lome befördern lassen müssen, berührt die-se neueste Maßnahme mittelbar auch sehr empfindlich die sanitären Verhältnisse der Kolonie. Bisher konnten alle diejenigen Schwerkranken des Hospitales, die zu ihrer Genesung ins heimische Klima zurückkehren mußten, ihre Heimreise hier antreten. Von jetzt ab wer-den sie eine 10stündige anstrengende Hängemattentour nach Lome zurückzulegen haben, die in vielen Fällen eine schwere Gefahr in sich birgt, und manchem ge-schwächten Patienten überhaupt nicht zugemutet wer-den kann.«
Ludwig Külz 1902: »Für die Handelsfirmen Kleinpopos ist die Lagune die natürliche Zufuhrstraße des größten Teiles ihrer Exportprodukte, namentlich des Palmöls und der Palmkerne, die in den Kanus angebracht und in den Faktoreihöfen aufgestapelt werden, bis sich Gele-genheit findet, sie auf einem Dampfer zu verschiffen. Was nach Lome bisher ausschließlich auf dem Kopfe des Negers zur Küste transportiert werden kann, gelangt hier weit bequemer auf dem Wasserwege ans Ziel. Es war deshalb wohlbegründet und berechtigt, daß Klein-popo, der von der Natur bevorzugte Ort, anfangs auch zum Sitze des Gouvernement erwählt wurde.
Doch jede Medaille hat ihre Kehrseite. Gegenüber gro-ßen Vorzügen hat die Nähe der Lagune namentlich für den Europäer schwere Nachteile: sie gilt als Quelle der Malaria. Das Leben der Europäer war gerade in Klein-popo mehr gefährdet als an anderen Orten Togos; man sah, daß hier Fiebererkrankungen häufiger, die Verluste an Menschenleben zahlreicher waren. Es gab zwei We-ge, dieser Gefahr zu entgehen: entweder das von der Natur zum Handelsplatz prädestinierte Kleinpopo assa-nieren oder es zu verlassen und unter Verzicht auf seine Vorzüge einen anderen Ort zum Regierungssitz zu ma-chen.
Der letztere Weg wurde gewählt, und Lome entstand.«
Weiter schreibt Külz: »Lome ist dafür zur Regierungs-zentrale Togos erhoben worden, und wenn auch vor-läufig der Export Kleinpopos den Lomes noch übertrifft, so wird letzteres doch endlich auch Handelszentrale werden, sobald es außer der im Bau befindlichen Lan-dungsbrücke auch noch gute Zufuhrwege und eine Eisenbahn nach dem Hinterlande erhalten hat – alles Vorteile, die Kleinpopo versagt bleiben müssen.
Es liegt eine gewisse Schicksalstragik darin, daß Klein-popo, der Ort, der über die Hälfte aller Einnahmen des Schutzgebietes aufbringt, es geduldig über sich ergehen lassen muß, daß diese Einnahmen dazu verwendet wer-den, seinen Rivalen Lome zu fördern und seine eigene Entwicklung, wenn nicht zum Rückschritt, so doch zum Stillstand zu bringen. So ist heute Kleinpopo, der ein-stige Sitz des Gouvernements, unter allen Bezirken To-gos derjenige, der zwar die höchsten Einnahmen ab-wirft, aber dabei die weitaus niedrigsten Summen, sei es für Straßenbau, sei es für öffentliche Arbeiten – ganz zu schweigen vom hygienischen Gebiete –, zur Verfügung bekommt.«
Mit dem Aufstreben der Hauptstadt Lome, die westlich von Klein Popo rund 50 Kilometer Weges am Meeres-strand entlang liegt, verliert die Handelsstadt Klein Popo ihre Bedeutung; insbesondere nach der Eröffnung der Landungsbrücke in Lome 1904 und dem Ende von Klein Popo als Hafenplatz durch die Sperrung seiner Reede im Juli 1905. Gleichzeitig wird aber die 44 km lange Bahn Anecho-Lome in Betrieb genommen und die Waren der Händler von Anecho werden umsonst auf der neuen Bahn transportiert, dafür entfällt der um-ständliche Warenverkehr von den Schiffen auf der Reede durch die Brandung zum Strand mit seinen Warenverlusten; alle Waren und Menschen für und von Anecho werden nun über die Landungsbrücke von Lome umgesetzt.
Bis zur Fertigstellung der Bahn erfolgt der Transport der Weißen auf der Strandstrecke zwischen Klein Popo und Lome in der Hängematte, sofern sie nicht das Zufuß-gehen bevorzugen. An einer starken Stange aufgehängt, an deren Enden je ein Querholz befestigt ist, legen sich vier Eingeborene, zwei am Kopf-, zwei am Fußende die Stange mit der Hängematte auf den Schädel. Um den Druck zu vermindern, drehen sie ein Tuch ihrer Beklei-dung zu einem Knäuel und schieben ihn zwischen Holz und Kopf. Von Zeit zu Zeit wechseln sie mit vier anderen Trägern ab. Ebenfalls auf dem Kopf befördern die Neger die Koffer, Kisten und sonstige Lasten der Weißen. Eine Beförderungsmethode wie sie auch auf anderen Strek-ken in Togo benutzt wird.
Das Deutsche Kolonial-Lexikon:
Anecho, auch Klein-Popo (Little Popo) genannt, nächst Lome der wichtigste Ort an der Küste Togos, Hauptstadt des gleichnamigen Das Verwaltungsbezirkes. In A., das den Endpunkt der Küstenbahn Lome-A. bildet, befindet sich ein Regierungsarzt, ein Krankenhaus, welches nach dem verstorbenen Generalkonsul Dr. Nachtigal Nachti-galkrankenhaus benannt wird, eine Regierungsapo-theke sowie eine Post- und Telegraphenanstalt. Mit dem Krankenhaus ist eine Regenmeßstation verbunden. Der Sitz der Lokalverwaltung befindet sich in der Nähe von A. in Sebe.
(Sebe, kleiner, an der Nordseite der Lagune gelegener Ort bei Anecho in Togo, Sitz der Lokalverwaltung des Verwaltungsbezirks (Bezirksamts) Anecho. In Sebe be-findet sich eine Regierungsschule und eine Regierungs-versuchspflanzung. Sebe war bis 1897 Sitz der Zentral-verwaltung des Schutzgebietes; seit ihrer Verlegung nach Lome wird auch das Beamtenviertel in Lome vom Volksmund Sebe genannt.)
Die katholische Steyler Mission (Gesellschaft des Gött-lichen Wortes) unterhält in Anecho eine von Europäern besetzte Hauptstation mit Kirche und eine Schwestern-niederlassung; die wesleyanische Methodistenmission hat dort ihren Hauptsitz und eine Kirche. Zahlreiche europäische Handelshäuser unterhalten in A. Fakto-reien, vielfach unter Leitung von Europäern. — A. zer-fällt in verschiedene Stadtteile, deren jeder einen beson-deren einheimischen Namen führt. Einige Stadtteile, einschließlich der Europäerniederlassungen, liegen auf einem schmalen Dünenstreifen zwischen dem Meeres-strand und der Lagune, der infolge des beschränkten Raumes äußerst eng bebaut war. Die flachen Ränder der Lagune und zahlreiche Tümpelbildungen begünstigten die Entwicklung von Stechmücken; da auf dem schma-len Dünenstreifen die Europäerniederlassungen zwi-schen den eng aneinandergebauten, äußerst starkbeleg-ten Hütten der Eingeborenen zerstreut lagen, so traten in A. unter der Europäerbevölkerung öfters Gelbfie-berepidemien auf. In neuerer Zeit sind die hygienischen Verhältnisse durch Aufschütten des Lagunenrandes und Verbreiterung des Bebauungsraumes sowie durch Verlegung eines Teiles der Eingeborenen nach der A. gegenüberliegenden Laguneninsel Adjido, welche mit A. durch einen festen Damm verbunden wurde, ganz wesentlich verbessert worden. — Die Ein- und Ausfuhr über die Seegrenze erfolgt seit 1905 ausschließlich über Lome durch Vermittlung der Küstenbahn. Die handels-politische Bedeutung A.s liegt in dem Produktenreich-tum seines Hinterlandes. Die von A. ausgeführten Men-gen von Ölpalm-Produkten sind bedeutend; in einzelnen Jahren ist auch die Ausfuhr von Mais recht erheblich gewesen. Von Wichtigkeit für die Entwicklung des Anechohandels sind auch die Lagunen, welche günstige Wasserwege nach verschiedenen Produktenmärkten und nach den Produktionsgebieten am unteren Monu bieten.