Im Januar 1902 besucht der Kleine Kreuzer Cormoran die Hauptinsel der Palau-Gruppe, Korror. Aus dem Be-richt des Kommandanten des Schiffes:
»Am 14. Januar stellten sich der König [von Korror] und die zu einer Versammlung einberufenen Häuptlinge an Bord ein. Mit ihnen waren ungefähr 100 Eingeborene an Bord zugelassen worden.
In einer Ansprache wurde ihnen die große Feuerge-schwindigkeit, Treffsicherheit und Fernwirkung der modernen Schußwaffen klar gemacht und ihnen aus-einandergesetzt, daß die Bestrafung von Ungehorsam gegen die Regierungsgewalt jedem Kriegsschiff mit die-sen Machtmitteln ein leichtes sei. Dann wurde eine Gefechtsübung vorgeführt und dabei mit einem Ma-schinengewehr, einer 3,7-cm-Revolverkanone und einer 10,5-cm-Schnelladekanone vorgeschossen. Der Ein-druck dieser Übung auf die Eingeborenen war ein nach-haltiger.
Der König Abathul, ein Mann von etwa 60 Jahren, ist von einer solchen Fettleibigkeit, daß er stets in einer Sänfte getragen werden muß. Stumpfsinnig und gleichgültig würde er schon längst von seinem Ansehen eingebüßt haben, wenn ihn nicht sein lebhafter und intelligenter Bruder Arikoko unterstützte. Letzterer spricht Englisch und ist vom Bezirksamtmann als Polizeiaufseher einge-setzt, was als ein besonders glücklicher Griff bezeichnet werden muß, zumal derselbe nach dem Erbrecht der Nachfolger seines älteren Bruders Abathul ist.
Arikoko hat schon im Jahre 1876 auf Euer Majestät Schiff ›Hertha‹ Lotsendienste getan.
Wirtschaftlich zerfällt die Inselgruppe in zwei auffallend verschiedene Teile: Die südlichen unbewohnten Inseln sind steil, unzugänglich und von dichtem Urwald be-deckt, die nördlichen haben dagegen große Strecken fruchtbaren anbaufähigen Landes und können sicher-lich ertragfähig gemacht werden.
Die auf etwa 3000 Seelen geschätzte Bevölkerung macht einen unfreundlichen aber bildungsfähigen Eindruck.«
Des weiteren empfiehlt der Kommandant die Einset-zung eines Fachmanns für das Vermessungswesen (»einen Steuermann a.D. der kaiserlichen Marine«) als Regierungsbeamten auf der Inselgruppe, der dann auch die sehr ungenauen Seekarten von den Palau-Inseln verbessern könnte.
Die Spanier hatten auf den Inseln mit Gewalt geherrscht und die Folge war ein ständiger Kriegszustand auf den Inseln. Hatten die Einheimischen die Spanier für ihre Befreiung aus der Terrorherrschaft immer wieder ange-griffen, so ist zu befürchten, daß die Eingeborenen die Deutschen nicht anders sehen als die Spanier und mit Gewalt die neuen Machthaber vertreiben wollen. So wird zum einen eine versöhnliche Politik von den Deut-schen betrieben, zum anderen aber auch kein Zweifel an der militärischen Stärke Deutschlands gelassen durch die Vorführung der Waffengewalt der Kriegsschiffe. Die Spanier hatten keine modernen Kriegsschiffe aufzuwei-sen und konnten so auch nicht die Eingeborenen mit solchen militärischen Darbietungen beeindrucken.
Im Januar 1907 besucht das Vermessungsschiff Planet Korrorhafen. Aus dem Bericht des Besuches des Schiffes auf den Palau-Inseln:
»Die Palauinseln treten wirtschaftlich noch wenig in Erscheinung. Plantagen gibt es nicht. Seit einigen Jahren ist dort eine Regierungsstation errichtet und von dieser der Anbau von Kokospalmen in die Wege geleitet, in-dem die Eingeborenen hierzu angehalten werden. Auch ist beabsichtigt, der Pflege der Viehzucht näher zu tre-ten. Die wirtschaftliche Bedeutung der Inseln wird viel-leicht durch die Phosphatfunde, die bereits zu kommer-ziellen Unternehmungen geführt haben, gehoben wer-den. Auf Angaur sind allein über 2 Millionen Tonnen wertvollsten Phosphats festgestellt worden. Eine Son-derberechtigung zur Ausbeutung der Lager ist der zu diesem Zweck gegründeten ›Deutschen Südsee-Phos-phat-Aktiengesellschaft‹ in Bremen verliehen worden.
Die Eingeborenen verhalten sich ruhig; Anschläge, die von den Zauberern eingeleitet wurden, um ihre schwin-dende Macht wieder zu Ansehen zu bringen, sind von der Stationsleitung im Keim erstickt worden. Die Haupt-missetäter wurden nach Saipan auf den Marianen de-portiert, wo sie sich im Plantagenbau und in sonstigen Arbeiten nützlich betätigen sollen.«
Bei einem Besuch der Cormoran im Februar 1912 auf den Palau-Inseln wird zunächst die Insel Korror ange-laufen. Im Hafen Malakal von Korror besichtigt Kom-mandant Paul Ebert die kleine Insel Malakal, von der der Hafen seinen Namen hat. Auf Malakal hat die West-karolinen-Gesellschaft eine Station und auch zwei japa-nische Gesellschaften. Der Kommandant besichtigt mit Begleitung auch die Umgebung des Hafens. Mit einem Boot setzt Ebert durch eine natürliche Bootsdurchfahrt zum Landungsdamm an der Regierungsstation über. Am inneren Ende des Landungsdammes fällt Ebert ein aus Korallenblöcken gemauertes Bassin auf, ein Wasser-becken für Schildkröten. Auf dem Weg sieht die Gruppe das typisch rote Land von Palau, worauf die Regierung eine Kokospflanzung angelegt hat. Die Erde ist aber nicht so günstig für die Kokospalme wie der Korallen-boden des Strandes.
Nach einer halben Stunde Fußweg wird von Ebert und seinen Begleitern das erste Eingeborenendorf mit der in der Nähe liegenden Kapuzinermissionsstation erreicht. Ebert fallen die wesentlich sorgfältiger hergestellten Häuser der in der Kultur den Jap-Leuten ansonsten ähn-lichen Palau-Leuten auf. In der Schule der Kapuziner sitzen neben den Kindern auch Erwachsene, darunter Frauen, auf den Schulbänken. Die Frauen zum Teil in ihrer heimischen Tracht, zum Teil in den üblichen Missionskitteln. Der Unterricht im Lesen, Schreiben, Rechnen und Erdkunde wird in Deutsch erteilt.
Auf der Nachbarinsel Babeldaob besichtigt Ebert die Ponape-Dörfer, wohin nach dem Aufstand auf Ponape vom Oktober 1910 bis zum Februar 1911 die Familien der Aufständischen umgesiedelt wurden. Beim Besuch Eberts sind sie mit Pflanzungsarbeiten beschäftigt.
Der deutsche Marineoffizier Fritz Witschetzky be-schreibt seinen Besuch auf den Palau-Inseln im Februar 1912:
»So üppige, und doch so graziöse Mädchen sieht man nirgends, ihr langes, bauschiges Grasröckchen steht ab wie eine Krinoline, und darin bewegen sie sich mit einer angeborenen Zierlichkeit. Sie, ebenso wie die Männer, sind von einer kindlichen Zutraulichkeit und Offenheit, und das glückliche Völkchen gewann mit einem Schlage alle unsere Herzen, als sie uns auf Deutsch mit freund-lichem „Guten Tag!“ begrüßten. Hier war die einzige Missionsstation in der ganzen deutschen Südsee, die die Eingeborenen unsere Muttersprache lehrte. Unser Kommandant besichtigte ihre Schule. Er konnte nicht genug von den Kenntnissen und dem guten Betragen der braunen Schüler und Schülerinnen erzählen, und am meisten hatte ihm das Aufsagen schöner deutscher Gedichte und das Singen deutscher Lieder gefallen.
Wir, das heißt der Navigationsoffizier, der Schiffsarzt und meine Wenigkeit, waren von Korrorhafen, wo der Cormoran geankert hatte, nach Baobeldaob gesegelt und wohnten einige Tage in dem verlassenen Holzhäus-chen eines japanischen Händlers mitten unter den Pa-lauleuten. Nirgends sieht man so große Bauten in der Südsee wie hier. Es sind die sogenannten Versamm-lungshäuser, in denen in bunten Malereien und Schnit-zereien alle Ereignisse wohl seit Jahrzehnten wie in ei-nem großen Geschichtsbuch aufgezeichnet sind. Viele Kanus kommen auf die Insel, mit Pfeil und Bogen wird geschossen. Gefangene Walfische sind erkennbar, eini-ge Dampfer sind besonders schön gemalt, drollig sehen die Europäer in gewaltigen Tropenhelmen aus, – alle Decksbalken und Pfeiler sind mit bunten Bildern be-deckt. Wir lebten dort von den Früchten des Landes, Kokosnüssen, Jam, Taro und Bananen. Nur Kommißbrot hatten wir von Bord mitgenommen, denn die süßliche Frucht des Brotfruchtbaumes bleibt gar zu leicht in Europäermägen stecken.«
Scheint das Leben auf den Palau-Inseln mit seiner tropischen Schönheit und der Freigiebigkeit der Natur an allem was der Mensch zum Leben braucht ein Paradies zu sein, so sind doch die unzähligen Gesetze und Sitten der Eingeborenen die reinste Zwangsjacke für sie. Alles ist kompliziert reglementiert. So besitzt zum Beispiel in der Vorstellung der Einheimischen jeder Gegenstand ein Geschlecht, entweder männlich oder weiblich. Gleich ob Baum, Topf, Messer, Feld, Feuer oder Tier ist alles männlich oder weiblich. Nur eine Person gleichen Geschlechts darf sich damit beschäftigen. Auf weiblichen Feldern dürfen nur Frauen arbeiten mit Ge-räten weiblichen Geschlechts. Weibliche Früchte dür-fen nur mit einem weiblichen Messer geschält werden und in einem weiblichen Topf über weiblichen Feuer geschmort werden und so weiter und so fort. All dieser Aberglauben macht das Leben, das so sorglos für sie sein könnte, äußerst schwierig.
Auch das ganze Herrschaftssystem ist für einen Außen-stehenden fast undurchschaubar. Die einflußreichsten Menschen sind in der komplizierten Mechanik der Machtausübung die Medizinmänner, auch wenn sie im Ranggefüge vielleicht keine Stellung haben. Als Beispiel mag eine Begebenheit aus dem Jahre 1937 dienen, als der Missionar Wilhelm Siemer von der Liebenzeller Mission, der mit seiner Familie auf den Palau-Inseln wohnt, ein übliches in aller Höflichkeit geführtes reli-giöses Streitgespräch mit einem Medizinmann führt. Der Missionar glaubt, wenn er diesen mächtigen Zau-berer bekehrt hat, wird die Bevölkerung ihm folgen. Doch dieser Zauberer ist ein mit allen Wassern gewa-schener versierter Gegner. Während des Streitge-sprächs vor der Hütte des Medizinmanns versammeln sich mehr und mehr Eingeborene um die beiden Män-ner. In der langen Auseinandersetzung fallen Sätze wie:
„Nun, mächtiger Rango-Et-su … hast du nachgedacht über alles, was ich dir von unserem Herrn Jesus Christus erzählt habe und vom Lieben Gott?“
„Wohl, geliebter Freund, unablässig habe ich darüber nachgedacht.“
„Und welchen Weg wies dich deine Weisheit … mächtiger Rango-Et-su?“
„Ich kam zu dem Schluß, großer Freund, daß dein Gott und sein guter Sohn mich nicht lieben …, nein … sie lieben mich nicht!“
„Du irrst dich, mächtiger Rango-Et-su, denn unser Vater im Himmel liebt alle Menschen, auch dich!“
„Weißt du es ganz gewiß, daß dein guter Gott mich liebt … ganz, ganz gewiß?“
„Er liebt dich, Rango-Et-su. Er hat es mir selbst gesagt, er liebt dich sogar sehr.“
„So, so, er liebt mich wirklich, dann ist es aber schade, daß er so wenig Macht in dieser Welt hat.“
Während also das Gespräch so vor sich hin plätschert und der Medizinmann noch vor den nun in einiger Zahl versammelten Dorfbewohnern die Machtlosigkeit des Christengottes beklagt, lächelt der alte Zauberer schließlich, schaut gen Himmel, auf das Meer und zu Boden, schließt die Augen und verharrt in kurzem Schweigen, während seine Leute ihn ehrfürchtig und still umstehen.
„Mein liebenswerter Freund“, sagt er sodann, die Augen wieder aufschlagend, „eben, als ich verstummte, sandte ich einen Boten meiner Seele zum Herrn des Donners, und er ließ mir künden, daß er zu mir sprechen wolle. Sobald die Sonnenkugel mit ihrem unteren Rand dort die Spitzen der Palme berühren wird! … Warten wir also schweigend.“
Das feierliche Gebahren des Alten und die Sicherheit, mit der er dies sagt, macht auch auf Hans-Otto Meiss-ner, dem gleichfalls anwesenden weitgereisten und weltgewandten Besucher des Missionars, Eindruck. Bald steht der sinkende Sonnenball über der Königspalme am Strand und alle schauen gebannt auf die Sonne wie sie die Spitzen der Palme erreicht. Dann erfolgt ein ein-ziger lauter Donnerschlag! Die Eingeborenen schreien auf und werfen sich nieder, Rango-Et-su aber verbeugt sich vor den beiden Deutschen und lächelt weltmän-nisch. Dann wendet er sich ernsten und erschöpften Antlitzes seinen Leuten zu:
„Viel Kraft hat der Donnergott mir aus dem Leibe ge-zogen, o Männer von Peliu und wenn ich bei Kräften bleiben soll, auch fürderhin den Göttern eure Wünsche hinaufzusenden, so bedarf ich dringend der Stärkung. Meine Seele möchte das duftende Fleisch eines ganz zarten Ferkels genießen … so wird sie wieder stark wer-den für euch … o Männer von Peliu!“
Schnellsten schlachten die Männer von Peliu ihrem Medizinmann ein junges Schwein und bereiten es ihm zu.
Der Missionar versucht seinem Gast das Geschehen zu erklären: „Ganz einfach, der alte Gauner verfügt über eine ungemein sensible Empfindung für alle Vorgänge in Natur und Witterung, eine Gabe, die wir Kultur-menschen gänzlich verloren haben. Die Wolkenbildung, der Feuchtigkeitsgehalt der Luft und anderes verriet ihm, daß es bald donnern werde.“
Ich, der Verfasser dieses Werkes, bin da anderer Mei-nung, wenn ich auch dem Missionar über die „sensible Empfindung“ des Zauberers zustimme, so bin ich auch geneigt den Zauberer für einen ernsthaften Vertreter seines Berufsstandes zu halten, der mehr Verbindung zu seiner Götterwelt hat als der „Kulturmensch“ aus deut-schen Landen, der auch keinen Beweis über einen ›Draht‹ zu seinem Gott vorweisen kann, außer der Lüge, daß Gott ihm selbst gesagt hätte, er würde den Zauberer lieben.
Abidul, der König von Palau, ist ein sehr gebildeter intelligenter Mann. Sein Haus auf Palau ist ein seltsam raffiniertes Gebäude. Nach außen hin scheint es eine große Eingeborenenhütte, innen jedoch ist es eine bürgerlich-deutsche Wohnung. Es gibt einen großen Bücherschrank mit Meyers Konversationslexikon, Westermanns Monatsheften, den Flottenkalendern und Goethes Werke. Dahinter steht ein silbergerahmtes Foto von Wilhelm II im Gespräch mit Abidul. Zweimal besucht er Deutschland und wird eben auch von Kaiser Wilhelm II empfangen. Abidul: „Seine Majestät waren so gütig, mir dieses Foto zu schenken, nachdem er mich während der Kieler Woche an Bord der Hohenzollern empfangen hatte. – Ich liebe ja so sehr die deutsche Musik und wollte die Festspiele in Bayreuth sehen. Aber ich war auch in Berlin, sogar im Palais de Danse. All die schönen Frauen wollten mit mir tanzen!“
Abidul hat ein weiteres Bild mit dem Kaiser in Garde-grenadieruniform. Das Bild ist signiert:
»Unserem getreuen König Abidul von Palau
Wilhelm I. R.«
Das I. R. steht für Imperator Rex = Deutscher Kaiser und König von Preußen.