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Alexishafen

An der Nordküste von Kaiser-Wilhelms-Land liegt Alexishafen. Die katholische Steyler Mission hat dort in der Bucht von Alexishafen seit 1905 ihren Sitz Sankt Michael für Deutsch Neuguinea. Sankt Michael ist ein Dörfchen mit allen wirtschaftlichen und kulturellen Einrichtungen einer Mission. Bald gibt es von Sankt Michael aus über ein Dutzend Außenstationen der Steyler Mission.

Durch den wirtschaftlichen Ausbau der Mission in Alexishafen wird das Ladungsaufkommen so groß, daß der Norddeutsche Lloyd sich entschließt, ihren dort verkehrenden Reichspostdampfer Manila auch Alexis-hafen anlaufen zu lassen. Das nicht weit entfernte Friedrich-Wilhelmshafen ist mit Alexishafen die ein-zige für große Schiffe befahrbare Bucht an diesem Küs-tenabschnitt. Die Mission in Sankt Michael ist behilflich beim Loten der Bucht, um die vorhandene Karte auf ihre Genauigkeit zu überprüfen für die Passage der Manila und Kapitän Hans Minssen der Manila gibt den Ort für eine zu bauende massive Ladungsbrücke an. Nicht der Umweg zu einem weiteren Hafen verlängert die Reise eines Reichspostdampfers oder eines anderen Damp-fers, sondern unzulängliche oder fehlende Transport-mittel an Hafenplätzen verursachen unverhältnismäßig langen Aufenthalt und Gefahr für Schiff und Ladung bei fehlenden Hafenbetriebsmitteln. Für den erfahrenen Minssen ist eine schnelle Abfertigung seines Schiffes wichtig, um Zeit zu sparen und dafür braucht er einen reibungslos funktionierenden Hafenplatz. Dafür bauen die Missionare die Pier. Die Pier ist 25 Meter lang und aus kreuzweise übereinandergelegten schweren Balken erbaut. Der Innenraum ist ausgefüllt mit Buschwerk, Korallen, Sand und Zement und verträgt auch einen heftigeren Anprall des Schiffes beim Anlegen. Die Missionare stellen auch kostenlos die erforderliche Zahl an Ladungsarbeitern bei jeder Ankunft des Schiffes.

Die Steyler-Missionare haben sich in Alexishafen ein beeindruckendes Wohnhaus errichtet, zweistöckig, mit sechsunddreißig Zimmern, doppelten Veranden, Eck-pavillons und spitzem Turm in der Mitte des Palastbaus; es ist ein imposanter Bau für Neuguineaverhältnisse. Dicht dabei steht die Kirche, im Scheunenstil erbaut, und auf einer Halbinsel fünf Minuten Fußweges ent-fernt liegt die Hauptniederlassung der Schwestern. Auch ein Dampfsägewerk mit Tischlerei, Schmiede, Schlosserei, Bootsbauerei und Seilerei liegt auf der Spit-ze der Halbinsel und gibt mit Sägekreischen, Hämmern und Klopfen den Beweis, daß dort fleißig gearbeitet wird. Das Sägewerk arbeitet seit 1907. Als seine Kraftquelle dient eine 40 PS-Lokomobile, die mit Holzabfällen ge-heizt alle Sägen antreibt. Auch Schlosserei und Schmie-de sind durch Transmissionsriemen mit der Lokomo-bile verbunden. Durch das Sägewerk ist der Eigenbedarf an Bau- und Möbelholz vollständig gedeckt und außer-dem kann noch manche Tonne Holz verkauft werden.

Die Steyler Mission hat auch einen eigenen kleinen Dampfer mit 70 Tonnen Ladefähigkeit, die Gabriel. Aus Teakholz in Hongkong gebaut ist der neue Dampfer mit einem überdachten Tropendeck ideal für die Verhält-nisse Neuguineas geeignet. Mit seinem geringen Tief-gang kommt er in alle Winkel und Ecken der Küste hinein. Der Kapitän des immer blitzblanken Seegefährts ist Bruder Kanisius, ein Hüne mit wallendem Vollbart und trockenem Humor. Ohne Rast und mit manchem Abenteuer ist er mit seinem Schiff auf Fahrt, um den zahlreichen Küstenstationen Proviant und Material heranzubringen, Missionare und Schwestern zu beför-dern und um vertragsfertige Arbeiter von ihrem Einsatz-ort in ihre Heimat oder Neuangeworbene an den Ort ihrer Bestimmung zu bringen. Versandfertige Kopra bringt er zum Sammellager nach Alexishafen und viele Dienste werden auf fremde Rechnung gefahren und damit reiche Frachtgelder eingebracht.

Das florierende Unternehmen der katholischen Mission ist, wie alle anderen Wirtschaftsbetriebe in der Kolonie, auf einheimische Arbeitskräfte angewiesen. Zur Anwer-bung dieser Arbeiter machen die Missionare weite Rei-sen in die umliegenden Dörfer in Begleitung von rede-gewandten schwarzen Freunden, fein in Schale, die als Dolmetscher wirken müssen. Den jungen Leuten wird das ihnen zugedachte Arbeitsverhältnis in den rosigsten Farben geschildert. Die Schönheiten des Ortes, die Leichtigkeit der zu verrichtenden Arbeit, die Höhe des Lohnes und die Verpflegung werden gebührend her-vorgehoben. Alle angeworbenen Eingeborenen müssen auf der nächsten Regierungsstation erscheinen, sich dort vom Arzt oder Heilgehilfen untersuchen lassen und unterschreiben vor den Augen des Beamten den Vertrag durch irgendein Zeichen. Sie verpflichten sich damit auf drei Jahre für einen Monatslohn von mindestens fünf Mark. An sonstigen Gebührnissen und Verpflegung er-halten die Arbeiter monatlich ein Lendentuch, allsonn-täglich eine Ration Tabak, ein Stück Seife, eineinhalb Pfund Fleisch oder Fisch und täglich sechshundert Gramm Reis oder so viel andere Feldfrüchte, daß sie damit auskommen.  

Legt die Manila in Alexishafen an, strömen die Passa-giere des Schiffes für einen Landgang von Bord und wer-den von einem Dutzend kleiner Kanaken empfangen, welche in Deutsch ihre Dienste als Führer durch die Um-gebung anbieten. Dann ziehen die Schiffspassagiere mit ihren lebhaft schwatzenden Begleitern auf Entdek-kungsreise in Kokos- und Reispflanzungen aus.

1910 haben die Missionare begonnen in Alexishafen die erste Reispflanzung in Neuguinea anzulegen. Ein Missi-onar mit Reisanbauerfahrungen aus Java leitet das ganze Projekt. Ein großes Staubecken, in mühsamer, schwerer Arbeit ausgegraben, liefert den so wichtigen Wasser-bedarf für das zwölf Hektar große Reisfeld. 200 Einge-borene haben alle Vorarbeiten für den Reisanbau geleistet. Natürlich ist die Basis der Wirtschaft, wie bei fast allen landwirtschaftlichen Betrieben in Neuguinea, Kopra. Dazu hat sich die Mission hunderte von Pferden, Eseln, Rindern und Schafen zugelegt. Die Pferde und Esel als Reit- und Transporttiere, das Vieh für Milch, Butter und zur Schlachtung.

Eine Besonderheit der Missionare in Alexishafen sind ihre Versuche mit dem Bau von Häusern in Zement-bauweise statt in Holz. Die Häuser sind termitensicher und machen den Holzhäusern starke Konkurrenz. Selbst ein Boot aus Zementmasse wird gegossen, aber das Zementboot setzt sich nicht durch.

Eine Plage in der Umgebung von Alexishafen sind die Krokodile. Die Inseln, Lagunen, Schlickbänke und Man-grovendickichte bieten ihnen einen guten Lebensraum. Die Mission hat ihnen den Kampf angesagt bekämpft sie mit allen Mitteln. Auf die Entdeckung von Krokodileier-gelegen sind Belohnungen ausgesetzt und eine Kroko-dilfalle aus Holz mit Falltür, in der ein Köder angebracht ist, hat sich bewährt.

Auch die Neuguinea-Kompagnie hat Land in Alexisha-fen und eine Erweiterung der wirtschaftlichen Akti-vitäten dort ist zu erwarten. 1913/14 vollzieht sich der Verkehr zwischen Alexis- und Friedrich-Wilhelmshafen noch fast ausschließlich über See; es ist aber ein Weg zwischen den beiden Ansiedlungen angelegt worden, der bis auf die nötigen Brücken vollendet ist und Alexis-hafen hat auch eine eigene Postanstalt bekommen.