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Namatanai

Der Stationsleiter von Namatanai hat 1911 den Offizieren des Kreuzers Cormoran ein besonderes Angebot zu offerieren: „Meine Herren, hier müssen Sie auf die Krokodiljagd gehen, so was sehen Sie nie wieder.“

Dankend lehnen die Offiziere ab und erzählen von den Enttäuschungen bei den Krokodiljagden bei Friedrich-Wilhelmshafen.

„Wir wollen Ausflüge machen, alles wollen wir sehen, nur keine Gewehre mitschleppen.“

„Die können ja die Polizeisoldaten tragen, da nehmen wir ein paar schwarze Jungen mehr mit.“

„Danke, danke – wir wissen Bescheid – wir haben genug. Wir wollen nicht auf dem Anstand sitzen oder im Mo-rast herumwaten, wir wollen etwas von der Gegend sehen.“

Der Cormoran-Offizier Witschetzky berichtet das Wei-tere:

»Wir machten also mit dem Stationsleiter einen präch-tigen, wenn auch bei der herrschenden Hitze mächtig anstrengenden Marsch. In aller Frühe ging’s los, hinein in den tropischen Urwald. Zweierlei, was das „Green-horn“, wie der Neuling verächtlich genannt wird, in ihm erwartet, kennt dieser Urwald nicht: Blumen und lieb-lichen Vogelgesang. Nur fettes großes Blattwerk in allen Formen wuchert hier, und statt des Gesanges der Sing-vögel ist die Luft angefüllt mit dem ohrenzerreißenden Gekreisch der Papageien und Kakadus. Während die weißen Kakadus einzeln durch die hohen Äste der himmelwärts strebenden Bäume flattern und gereizt ihr gelbes Krönchen spreizen, begleiten die roten Papa-geien scharenweise die Wanderer und hören nicht auf, zu schimpfen und zu skandalieren. Es ist, als ob sie sich über die Eindringlinge bis zur Weißglut erbosten.

Wir marschieren auf einem engen, schlüpfrigen Pfad, meist über glattes, moosbedecktes Gestein. Gestürzte morsche Baumstämme versperren den Weg, beim Überklettern bricht man ein oder tritt in ein Ameisen-nest, Spinnweben wickeln sich um den Kopf, dann watet man bis zu den Hüften durch ein Meer von großen fetten Blattstauden, ein Stück vom Hemd bleibt in einem Dornengestrüpp hängen. Lianen, jene unzerreiß-baren grünen Geschlinge, hängen von den hohen Bäumen herab und gebieten Halt. Man ist nicht böse über die Pause, denn das Marschieren in der feuchten, dumpfen Treibhausschwüle des Urwaldes ist nicht leicht. Die Polizeisoldaten marschieren vorn weg. Sie geben den Weg an, und mit langen geschwungenen Buschmessern schaffen sie Platz, schlagen Blätter und Äste ab und zerschneiden Lianen. Ohne sie wäre das Vorwärtskommen in diesem blumenlosen Wald nicht denkbar. –

Endlich haben wir eine Lichtung erreicht, es war ein fast vollständig ausgetrocknetes Flußbett, angefüllt mit grauem, steinigen Geröll.

Am andern Ufer des etwa fünfzig Meter breiten Geröll-streifens begann wieder die grüne Mauer des Urwaldes.

„Sehen sie dort das Schwarze?“ fragte der Stationsleiter und wies auf einen hohen, am Waldesrand stehenden Baum hin, der aber nicht grün, sonder vollständig schwarz war, wie mit kohlschwarzem, glänzendem Blatt-werk besetzt. „Wissen Sie was das ist?“ fuhr er fort.

„Wohl ein kranker, verfaulter Baum?“ antworteten wir, voll Neugier das merkwürdige Gewächs betrachtend.

„Passen Sie mal auf!“ sagte unser Führer und ergriff das Gewehr eines Polizeisoldaten.

Er zielt und schießt in den schwarzen Baum – schschsch – – das Blattwerk wird lebendig, es flattert und fliegt wie taumelnd in der Luft herum.

„Fliegende Hunde, eine große Fledermausart, die tags-über schlafen und erst in der Dunkelheit auf Jagd aus-gehen. – Der Fliegende Hund sieht bei Tage schlecht, deshalb die taumelnden Bewegungen.“

Ein weiterer Schuß holt ein paar von den unheimlichen Tieren herunter. Die Rippen der wie schwarze Regen-schirme aussehenden Flügel waren zerbrochen, und nun krochen sie mit den Flügeln und den Krallen auf dem Boden herum. Nur mit Überwindung vermochte man die ekelhaft riechenden Riesenfledermäuse anzu-sehen, die wie kleine Kinder wimmerten und schrien. Wir gaben ihnen schnell den Fangschuß.

Der Marsch endete an einem ziemlich breiten Fluß, wo ein großes Boot bereit lag. In das wir einstiegen und das uns stromabwärts zur Mündung ins Meer brachte.

Ganz vorn im Boot saßen zwei Polizeisoldaten, dann kamen die rudernden Namataneileute mit auffallenden Narben bedeckt, die sie als Schmuck sich mit vielen Schmerzen auf Brust und Armen beibringen. Einer hatte einen kleinen Stock durch die Nase gesteckt und kam sich besonders schön damit vor. Hinten saßen wir Weißen, der Stationsleiter ergriff das Ruder. Die Fahrt führte durch hohen Wald, wie zu einem grünen Dom schlossen sich über uns die Zweige der Baumriesen. Wenige hundert Meter vom Strand entfernt verbreitete sich der Fluß und teilte sich in zwei Arme, die eine flache Sandbank umschlossen.

„Puk-Puk!“ sagten die Eingeborenen plötzlich. Drei ge-waltige Krokodile, die ich zunächst für morsche große Baumstämme hielt, lagen da.

Schuß! – Schuß! Aufgeregt feuerten die vorn sitzenden Polizeisoldaten auf die schlafenden Tiere.

Wie auf Kommando setzten die so träge aussehenden Puk-Puks ihre vier Krallenbeine in Bewegung, und über-raschend behende – plitsche-platsche – verschwanden sie im grauen Wasser. „Hätten wir doch . . . !“ seufzten wir. Aber unser Ärger über die verpatzte Jagd wurde dadurch versüßt, daß wir endlich einmal die Puk-Puks in freier Natur hatten sehen dürfen.«

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Das Gesandtschaftsviertel in Peking
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Verwaltung XVII

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Die Neutrale Zone und die Provinz Schantung






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Missionen II
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Verwaltung IX

Nachdem durch Vertrag mit der chinesischen Regie-rung vom 6. März 1898 dem Deutschen Reich für die Dauer von vorläufig 99 Jahren alle der chinesischen Regierung zustehenden Hoheitsrechte im Gebiet von Kiautschou übertragen worden sind, wird Kiautschou durch Kaiserlichen Erlaß vom 27. April 1898 zum Schutzgebiet erklärt. Darüber hinaus wird eine 50 Kilo-meter weite Zone über das Pachtgebiet hinaus deutscher Rechtshoheit unterworfen. Des weiteren erhält Deutsch-land noch verschiedene wichtige Eisenbahn- und Berg-werksrechte weit über die neutrale Zone hinaus.

Besetzt wurde das Fischerdorf Tsingtau aber bereits am 14. November 1897 durch die Kaiserliche Marine. Es wa-ren bereits zwischen Deutschland und China Verhand-lungen über einen deutschen Hafen an der Kiautschou-Bucht im Gange als am 1. November 1897 die beiden deutschen katholischen Missionare Franz Xaver Nies und Richard Henle der Steyler Mission in China ermor-det wurden. Daraufhin befahl Kaiser Wilhelm II Tat-sachen zu schaffen und die Bucht von Kiautschou im Norden Chinas zu besetzen. Die deutschen Kriegsschiffe setzen ein Landungskorps von 717 Mann an Land und verkünden dem Befehlshaber der dort stationierten chi-nesischen Einheit ein Ultimatum, das ihn zum Abzug auffordert.

Die chinesische Regierung wußte seit langem, daß die Russen und Deutschen an der Kiautschou-Bucht inte-ressiert sind. Um deren Niederlassung zu verhindern, legte die chinesische Regierung 1891 eine Garnison von 2000 Soldaten auf die Halbinsel von Tsingtau. Für den General wurde ein Yamen, ein typischer chinesischer Residenzsitz gebaut, die Truppen wurden in mehreren Lagern, verstreut über das Gelände, untergebracht. Die Lager hatten Wälle aus Lehm.

Den bestens ausgerüsteten und ausgebildeten deut-schen Marinesoldaten mit der Artillerie ihrer Schiffe im Hintergrund steht der chinesische Befehlshaber macht-los gegenüber und läßt seine Soldaten kampflos abzie-hen. Dann erbittet und erhält er den Schutz der Deut-schen für sich und seine Familie, weil er Repressalien seiner Vorgesetzten fürchtet.

Am 2. Dezember 1897 wird auch im 33 km entfernten Kiautschou die deutsche Fahne gehißt.

Von vornherein war von der deutschen Marine an der chinesischen Küste ein Kriegshafen geplant und so wird im Gegensatz zu allen anderen deutschen Kolonien Kiautschou nicht von der Kolonialabteilung des Aus-wärtigen Amtes oder eben ab 1907 vom Reichskolonial-amt verwaltet, sondern vom Reichsmarineamt. So nutzt die Kriegsmarine die von ihr errichtete befestigte Ha-fenstadt Tsingtau auch als Kriegshafen für ihr Ostasia-tisches Kreuzergeschwader und die Festungsanlagen und sonstigen militärischen Einrichtungen in Kiau-tschou sind von deutscher Marineinfanterie besetzt. Als Gouverneur der Kolonie fungiert so auch immer ein Marineoffizier und kein ziviler Beamter.





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Stephansort

Stephansort ist benannt nach dem 1897 verstorbenen Chef der Reichspost, Heinrich von Stephan. Stephansort liegt etwa 20 km Luftlinie von Friedrich-Wilhelmshafen weg in einer weiten Ebene in riesigen Plantagenkul-turen. Sofern man nicht mit einem Küstensegler die Strecke zwischen Stephansort und Friedrich-Wilhelms-hafen bewältigt kann man auch eine Feldbahn zwischen den beiden Orten benutzen, die von Ochsen gezogen wird. Diese Ochsenbahn führt auch nach Erimahafen, gelegen zwischen Friedrich-Wilhelmshafen und Ste-phansort, und hat noch Abzweigungen, etwa nach Konstantinhafen.

Stephansort hat nur eine offene Reede und Fracht und Passagiere müssen mit einem Boot von dem ankernden Schiff an Land gebracht werden. Solange die Brandung nicht zu hoch ist, geht es gut, aber so mancher Erstan-kömmling ist hier zusammen mit seinem Gepäck an Land gespült worden. Selbst Todesfälle kommen in der Brandung beim Schiff-Strand-Verkehr mit dem Boot vor.

Stephansort ist mit den Eingeborenen-Nachbardörfern Erima und Bogadjim eine stattliche kleine Kolonialsied-lung mit verschiedenen Wirtschaftsanlagen, etwa die Wagenhallen und die Schuppen für die Ochsenbahn, Verwaltungsgebäude, Beamten-Wohnhäuser, ein gro-ßes Klubhaus, ein Schießstand für Europäer, einen chinesisch und einen malaiisch geführten Kaufladen, einen großen Stationsladen, der die Europäer mit Le-bensmitteln versorgt, Arbeiterunterkünfte für Javanen, Chinesen und Melanesen, Stallungen für Pferde, Zug-ochsen und Kühe, eine Apotheke sowie ein an einem See gelegenes Krankenhaus für Europäer und ein Kran-kenhaus für Eingeborene. Ein Denkmal erinnert an den Landeshauptmann der Neuguinea Kompagnie, Curt von Hagen, der in der Nähe 1897 von einem Einheimischen erschossen wurde. Alles zusammen ein gutes Dutzend Europäer-Gebäude und davon entfernt die Eingebore-nenhütten. Zwei Flußläufe ziehen sich durch das Land zum Meer hin und Entwässerungsgräben sind durch das teilweise sumpfige Gelände gezogen, um die Malaria zu bekämpfen. Von den Bewohnern von Stephansort sind etwa ein gutes Dutzend Deutsche.

Das Eingeborenendorf Bogadjim hat etwa 300 Einwoh-ner, die in großen prächtigen Hütten leben. Die Größe der Hütten ist auch bedingt durch den Hängeboden un-ter dem Dach, der zur Aufbewahrung von allerlei Haus-rat dient. Die Deutschen wundern sich, daß die Dorf-plätze von Erima und Bogadjim immer äußerst sauber gefegt sind.

Nicht weit weg von Stephansort liegt an der Küste auch die Station Bungo der Rheinischen Mission. Die Missio-nare haben so ihre Schwierigkeiten wenigstens die Kin-der zum Christentum zu bekehren und in ihre Schule zu bekommen. Zum Gottesdienst kommen die Kinder nur wenn sie dafür mit Tabak und Tonpfeifen belohnt wer-den. Nur die Jungen kommen zur Schule, denn nach Auffassung der Schwarzen haben Mädchen keine Seele und all die Mühe wäre also vergebens.

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Potsdamhafen
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Morobe

Vom Schiffsanlegeplatz mit seinem Lagerschuppen des Gouvernements und der Händlersiedlung führt eine Straße zu den Stationsgebäuden auf den Hügeln rings-herum. In Serpentinen geht die mit bunten Kroton- und Zitronellagräsern eingefaßte breite Straße nach oben. Für Bequeme ist ein Rikschafahrdienst eingerichtet. Da-für wurde eine alte chinesische Rikscha importiert und ein paar einheimische Jungens ziehen und schieben das Gefährt in einer Viertelstunde hügelhoch. Bezahlung: Eine Stange Tradetabak und die Jungs antworten: „Dankesöön!“

Paul Ebert, Kommandant der SMS Cormoran, besucht im August 1911, nach nun drei Jahren Aufbauzeit, Moro-be:

»Gelegentlich eines Besuches beim Stationsleiter be-sichtigte ich die vorhandenen Regierungsbauten. Es wa-ren dies das Haus des Stationsleiters auf dem Grasberg, das die Wohnung für den Polizeimeister und den Heil-gehilfen und das Schreibzimmer enthaltende Beamten-haus, ein kleines Wohnhaus für einen verheirateten chinesischen Angestellten der Regierung, das Vorrats-haus, das Gefängnis, die Kaserne, das Eingeborenen-hospital, das Wohnhaus eines malaiischen Angestellten der Regierung und sechs kleine Häuser für verheiratete Polizeisoldaten. Die fünf erstgenannten dieser Gebäude waren Europäerhäuser, die übrigen sogenannte Busch-häuser. An Privatgebäuden befanden sich auf der Sta-tionshalbinsel noch das Wohnhaus der beiden früher erwähnten Paradiesvogeljäger und ein Vorratshaus des auf dem Adolf-Berge wohnenden Missionars.«

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Friedrich-Wilhelmshafen

Friedrich-Wilhelmshafen liegt an der Nordküste von Kaiser-Wilhelms-Land und ist dessen Hauptstadt. Die Stadt wird von den Einheimischen, aber der einfachheit-halber auch oft von den Deutschen und allen anderen Weißen, Madang genannt. Friedrich-Wilhelmshafen liegt an einem natürlichen Hafenbecken, geschützt durch einzelne Inseln. Der Hafenplatz hat sich zu einer Stadt entwickelt, begünstigt durch seine Funktion als Hauptstadt der gesamten Kolonie Deutsch Neuguinea in den 1890er Jahren, bevor Herbertshöhe 1899 neue Hauptstadt der Kolonie wurde. Wirtschaftlich expan-diert Friedrich-Wilhelmshafen aber weiterhin.

Die Neuguinea Kompagnie hat große Ländereien um Friedrich-Wilhelmshafen für die Kopragewinnung mit Kokospalmen bepflanzt und beschäftigt an die tausend Papua, Melanesier, Malaien und Chinesen unter der Aufsicht von zwei Dutzend Weißen. Die sieben Kilo-meter landeinwärts gelegene Plantage Jomba der Kom-pagnie ist mit einer Feldbahn mit Friedrich-Wil-helmshafen verbunden. Die Bahn transportiert haupt-sächlich Kopra und Kautschuk und wird von Buckel-rindern gezogen. Zur Personenbeförderung gibt es klei-ne viersitzige Wagen, gezogen von zwei Buckelrindern. Farbiges Personal ist für die Zugtiere dabei und ein Farbiger sitzt im Personenwagen als Zugführer und be-dient die Bremse des Gefährts. Geht es bergab werden die Zugochsen abgespannt und trotten dem Wagen hinterher, bis der Wagen zum stehen kommt, wo die Fahrgäste sich die Füße vertreten, bis die Ochsen nach-gekommen sind und wieder angespannt werden.

Friedrich-Wilhelmshafen zuträglich ist, daß die Verwal-tung nach der Erkenntnis, daß die Ursache der Malaria die Anopheles-Mücke ist, 1904 alle Sumpfflächen – die Brutgebiete der Mücke – rings um die Hafenstadt zuschüttet und man dadurch die Malaria in Friedrich-Wilhelmshafen deutlich eindämmen kann.

Um 1905 zählt die Stadt etwa 100 weiße Bewohner.

Ein deutscher Matrose schreibt 1911: »Das ist der schön-ste Kanakerhafen, den wir bisher besucht haben.« Der reichgegliederte kleine Hafen von Friedrich-Wilhelms-hafen liegt in einer gut geschützten Bucht, die man von See durch die Dallmanneinfahrt erreicht. Die Dallmann-einfahrt passiert einerseits zwischen den Inseln Ragetta und Beliao und andererseits der Scheringhalbinsel. Auf der Scheringhalbinsel liegt Friedrich-Wilhelmshafen.

Schon in der Dallmanneinfahrt umsäumen volltragende Kokosbestände beide Ufer und weiße Häuser mit Veran-den und roten Dächern sind durch das Grün zu sehen. Vor der Insel Beliao mit dem Europäerhospital inmitten eines Blumen- und Nutzgartens biegt ein einfahrendes Schiff in die herrliche Bucht ein. Zugleich mit der Landungsbrücke im Innenhafen kommt linkerhand querab auf einer Landzunge das Haus des Bezirksamt-manns, des Kiabs, in Sicht. Einstöckig, aber gekrönt mit einem rotleuchtenden Flaggenturm, dessen Flagge schon von See über den Bäumen zu sehen ist. Der Flaggenturm dient der Verständigung mit einfahrenden Schiffen. Rasen und saubere Wege umgeben das von hohen schattenspendenden Bäumen umgebene Haus und weiter am Strand steht ein luftig durchbrochener Pavillon.

Bungalows, Bezirksamt, Bezirksgericht, Polizeistation, Postagentur, die Kaserne der Schutztruppe, Geschäfts- und Wohngebäude, Lagerschuppen mit Store – einem Einkaufsladen – der Neuguinea-Kompagnie und das Haus des Administrators der Neuguinea-Kompagnie umgeben in weitem Kreis die Landungsbrücke. Gleich neben dem Markt liegt der Friedhof, den auch nicht wenige ehemalige Patienten des Hospitals auf Beliao belegen. 50 % der Fälle im Hospital auf der Insel sind Malaria- und Schwarzwasser-fieberkranke.

Zu dem Stadtensemble kommt ein Hotel, das aber kaum mehr als ein einfacher Holzbau auf Pfählen ist; schon der Vorgängerbau des jetzigen Hotels war von Termiten angenagt bei einem Erdbeben in sich zusammengesun-ken. Das »sogenannte Hotel«, wie es auch beschrieben wird, dient aber etwa auch dem Tennisklub bei Einla-dungen an Offiziere und Gäste von im Hafen liegenden Schiffen als Stätte für einen »gemütlichen Bierabend«.

Auf der Scheringhalbinsel ist ein Netz malerisch ange-legter Wege vorhanden, an denen verstreut im kühlen-den Schatten hoher Bäume die freundlichen Wohn-häuser liegen. Hier kann man auch den Kasuar sehen, den australischen Strauß, ein großer Laufvogel, der von einigen Bewohnern gezähmt gehalten wird. Einen selt-samen Kontrast zu dieser deutschen Tropenidylle bil-den die wilden, mit Pfeil und Bogen bewaffneten Gestal-ten der Eingeborenen, die häufig zu Einkäufen in die Stadt kommen und zum Beschauen dieser für sie exoti-schen Welt.

Früh morgens kann man die von der Ortsverwaltung angestellten Straßenfegerinnen bei der Arbeit besichti-gen. In hockender Stellung schwingen sie einen Palm-wedel als Besen über den Straßenboden, bis sie sich bei steigender Sonne unter die auf Pfählen stehenden schattenspendenden Häuser hinfegen. Erst bei sinken-der Sonne sieht man sie wieder, wenn sie nach Hause gehen. Sie arbeiten wahrlich nicht viel, ihr Lohn ist aber auch gering.

Eine andere Gruppe von Frauen ist in bunte Tücher ge-kleidet und kommt von weither, es sind schöne Töchter Polynesiens, die besonders bei Ankunft eines Schiffes in Betriebsamkeit geraten. Die ›Polonaisen‹ sind bestimmt die bestverdienenden Frauen in Friedrich-Wilhelms-hafen, dank ihrer von Männern sehr geschätzten Dienst-leistungen.

Die Seeleute und andere europäische Besucher können in der Stadt aber auch Bälge von Paradiesvögeln erwer-ben, deren farbenprächtige Federn als Schmuck von Damenhüten außerordentlich beliebt sind. Friedrich-Wilhelmshafen ist Hauptausfuhrort für diesen Handels-artikel.

Überall in der Stadt finden sich auch Krähen, die von den Deutschen zur biologischen Bekämpfung eines Palmkäfers angesiedelt wurden. An den Palmen und einzelnen Urwaldriesen im Stadtgebiet hängen tagsüber tausende Fliegende Hunde. Wie dunkele lederne Beutel hängen sie an den Bäumen. Kaum ist die Sonne unter-gegangen kann man sie als lautlose Schatten in einem nicht endenwollenden Zug gegen den rötlichen Abend-himmel dahinziehen sehen, ein Bild, das keiner so schnell vergißt.

Kommt ein Schiff nachts in die Bucht gefahren flammen große Karbidlampen an der Landungsbrücke auf, wei-sen den Weg und beleuchten die Pier für das Anlege-manöver und das folgende Entladen und Beladen. Die Festmacherleinen fliegen unter den Selo-Selo-Rufen (Sail Ho!) der Schwarzen an Land und die in langen Reihen aufmarschierten Ladungsarbeiter werden für jede Schiffsluke abgeteilt und stürmen das Schiff mit Gebrüll.

Jeder Weiße in der Stadt hält sich einen ›Schießjungen‹, der morgens ein Gewehr und ein paar Patronen in die Hand gedrückt bekommt, um für das Mittagessen zu sorgen, meist ein paar Vögel. Die Lizenz für den Jungen bekommt man beim Bezirksamtmann. Sie ist nicht teuer. Laut Verfügung des Reichskolonialamtes in Berlin soll jeder Schießjunge in Neuguinea die auf ein Jahr ausgestellte Lizenz »stets bei sich tragen«. Wie man sich das in Berlin vorstellt, weiß keiner in Neuguinea so recht zu beantworten, denn wer nur ein Lendentuch trägt kann schwerlich ein Papier in die Tasche stecken. Als einmal ein frisch aus Europa eingetroffener Herr sei-nem Schießjungen aufträgt die Bescheinigung doch bei sich zu behalten, benutzt er bei der nächsten Jagd das Dokument als Zigarettenpapier, um sich seiner sinnvoll zu entledigen.

Die Insel Ragetta ist der Sitz der evangelischen Rheini-schen Mission mit einer Kirche und weißen Wohn-häusern in Gemüsegärten. Die Insel ist bei Reisenden beliebt und wird unter Führung eines Missionars be-sichtigt. Das Hauptziel der Besucher sind die dortigen Kanuwerften der Eingeborenen. Die Fahrzeuge mit ei-nem Ausleger zur Stabilisierung des Seeverhaltens sind bis zu zehn Meter lang und liegen in allen Stadien der Vollendung am weißen Strand. Ausgehöhlte und aus-gebrannte mächtige Bäume bilden den Unterbau, wel-cher an den Seiten durch aufgesetzte Planken erhöht wird. Flechtwerk und Kitt stellen eine feste, wasser-dichte Verbindung her. Kein Nagel oder Klampen findet Verwendung. Inmitten des Fahrzeuges sind zwei feste Querbäume angebracht, die am äußeren Ende den Aus-leger tragen und mit diesem durch ein staunenswertes Rotangeflecht unlöslich verbunden sind. Ihre auf den Kanuwänden befestigten inneren Enden tragen als Grundfundament den Segelmast und außerdem eine Plattform mit hohem Aufbau. In seiner Kastenform dient er zur Aufnahme von Waren, Proviant und eines Feuerherdes mit immer glühendem Baumklotz. Kunst-volle Schnitzereien, Muschelzierate und besonders die Flechtwerke sind staunenswerte Zeichen für den guten Geschmack und sorgsamen Fleiß der Insulaner, die mit ihren seetüchtigen Kanus weite Reisen unternehmen.

Auch auf der Insel Bilibili, fünf Meilen südlich der Dallmanneinfahrt, sitzen tüchtige Kanubauer und See-leute. Sie versorgen auch die Umgebung mit ihren selbstgefertigten Töpferwaren. Auf weiten Handelsfahr-ten dienen sie als Vermittler von Nachrichten und kennen viele Häuptlinge und einflußreiche Zauberer. Auch auf Grund ihrer hohen Intelligenz genießen sie hohes Ansehen bei Weißen und Eingeborenen.

Zahllose Ortsbezeichnungen in und um Friedrich-Wil-helmshafen erinnern an deutsche Forscher und See-leute. So ist die Dallmanneinfahrt benannt nach dem Kapitän Eduard Dallmann der Samoa, von der aus 1884 in Finschhafen auf Neuguinea die deutsche Flagge als Zeichen der Inbesitznahme gehißt und mit dem Schiff dann viele wissenschaftliche Erkundungsfahrten in Deutsch Neuguinea gemacht wurden. Die Scheringhalb-insel hat ihren Namen vom Kommandanten der SMS Elisabeth, die ebenfalls 1884 an Flaggenhissungen in Deutsch Neuguinea beteiligt war.

Hinter Friedrich-Wilhelmshafen liegt der Hansemann-berg. Ihn zu erreichen braucht es eine dreiviertelstün-dige Bootsfahrt bis zu einer schönen Bucht nördlich von Friedrich-Wilhelmshafen. An der Bucht stehen mächti-ge Urwaldriesen, umrankt von schlangenartig sich win-denden Lianen. Hier beginnt der Aufstieg. Ein Ausflüg-ler von 1911 beschreibt die Tour: »Im taufeuchten Grase, durch üppig wuchernde Büsche führte uns dann eine etwa zweistündige Wanderung aufwärts, wobei auch hier uns auf Schritt und Tritt die unheimlich finsteren Gestalten bewaffneter Eingeborener begegneten. Unse-re Mühe wurde oben durch eine prachtvolle Fernsicht belohnt. Zu unseren Füßen ausgebreitet lag der grüne Teppich des Waldes, nach der Küste zu vielfach unter-brochen von den regelmäßigen Reihen der Kokospflan-zungen. Hier und dort, als helle Flecke auf grünem Grund wirkend, die Tropenhäuser der Pflanzer, aus dunklen Tälern sich ringelnde Rauchsäulen die Wohn-stätten des wilden Waldvolkes verratend, und weit hinter der schneeweiß schimmernden Riffbrandung die im bläulichen Dunst verschwimmende Ozeanfläche mit den dunkelen Konturen der beiden Kraterinseln Karkar und Bagabag.«

In der kühleren Höhe und Luft auf dem Berg ist eine Station der Rheinischen Mission für die Erholung von Kranken und für eine Aufenthalt von Europäern, deren Geld und Zeit für einen Heimaturlaub nicht reichen. Nichtsdestotrotz reihen sich auch auf dem Friedhof von Friedrich-Wilhelmshafen Kreuz an Kreuz, Grab an Grab von Weißen, die den Tropen zum Opfer gefallen sind.