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Gerichtswesen



Am 11. Februar 1907 erfolgt von Gouverneur Graf Zech ein Runderlaß an alle Bezirksämter und Stationen zur Ahndung von Straftaten der Eingeborenen:

»Mit Rücksicht darauf, daß einerseits die Kodifikation des Eingeborenenstrafrechts noch längere Zeit in An-spruch nehmen wird und andererseits wiederholt die Bestrafung von Handlungen der Eingeborenen verlangt worden ist, die nach europäischer Auffassung Straftaten darstellen, aber weniger Ausflüsse eines verbreche-rischen Willens als vielmehr überlieferter und tief ein-gewurzelter Anschauungen, Sitten und Gebräuche sind, weise ich im Nachfolgenden auf die augenblickliche Rechtslage in der beregten Materie und die Verpflich-tung der Bezirksämter und Stationen hin, bei Ausschrei-tungen der Eingeborenen einzugreifen.

Ein schriftlich festgelegtes materielles Eingeborenen- recht gibt es bisher im Schutzgebiet nicht. – Ich ersuche daher bei sich bietenden Gelegenheiten die Eingebo-renen darauf hinzuweisen, daß sich strafbar macht:

  1. wer einer Schwangeren die Frucht abtreibt oder ihr die Mittel zur Abtreibung verschafft,
  2. die Schwangere, die selbst abtreibt,
  3. wer einen anderen zum Fetischtrinken oder –essen oder zu Handlungen des Fetischdienstes nötigt,
  4. wer durch Darreichen eines giftigen Trankes ein Urteil oder eine Entscheidung herbeizuführen versucht, auch wenn die Person, welche den Trank zu sich nimmt, sich der Giftprobe freiwillig unterzieht,
  5. wer im Interesse des Fetischdienstes
    1. andere Personen gegen ihren oder ihrer Eltern bzw. deren Stellvertreter Willen körperlich verletzt,
    2. durch sittlich Anstoß erregende Handlungen öffentlich grobes Ärgernis verursacht,
  6. wer sich von den örtlichen Verwaltungsbehörden nicht anerkannte Häuptlings- oder Richterbefugnisse anmaßt,
  7.  ein mit Gerichtsbefugnissen ausgestatteter Häuptling, der Gerichtsgebühren oder Strafen in Branntwein einzieht,
  8. ein mit Gerichtsbefugnissen ausgestatteter Häuptling, welcher während der Gerichtsverhandlung Palmwein, Branntwein oder andere berauschende Getränke zu sich nimmt, oder gestattet, daß die streitenden Parteien oder die geladenen Zeugen dies tun,
  9. wer Blutrache nimmt.

In zivilrechtlicher Beziehung ist gleichzeitig darauf hin-zuweisen, daß Kinderverlobungen keine Verbindlich-keit besitzen, und daß Witwen nicht zur Ehe gezwungen und nicht an der Eingehung einer von ihnen gewollten Ehe gehindert werden können. Längere Vernachläs-sigung der Ehefrau oder der Familie kann als Ehe-scheidungsgrund zugelassen werden.«

Der für die Forstwirtschaft in Togo zuständige Referent Oskar Metzger kommentiert diesen Runderlaß soweit, daß Ab-treibungen bei der einheimischen Bevölkerung ver-hältnismäßig selten sind. Er schreibt:

»Der Eingeborene ist im allgemeinen recht kinderlieb, das Weib in der Regel sogar eine sehr gute Mutter, die ihr Kind mindestens ein Jahr, häufig noch länger mit der Brust nährt, und zwecks Erhaltung der Muttermilch für die Säuglingszeit den geschlechtlichen Verkehr mit dem Mann grundsätzlich meidet.

   …

Die Blutrache ist dank der ständigen Belehrungen und zugleich mit dem Auftreten geordneter Zustände in unserem Schutzgebiet immer mehr verschwunden.

Dagegen erforderte es viel Mühe, Geduld und zuweilen energisches Eingreifen, um allmählich den Fetischis-mus auf ein erträgliches Maß und vor allem auf eine harmlosere Art zu bringen. – Sie huldigen einer Vielzahl von Göttern, denen die Sorgen für alle wichtigen Dinge ihres Lebens anvertraut werden, vor allem die Gesund-heit des Leibes, für die Fruchtbarkeit des Weibes, für die Potenz des Mannes, für die Vernichtung des Feindes, für eine gute Ernte, für erfolgreiche Jagd, für Erwerb von Gütern und daneben für alle sonstigen möglichen und unmöglichen Dinge. Die Götter haben also viel Arbeit. Die Verbindung mit ihnen stellt der Fetischpriester her. Sie bilden eine besondere Kaste. Im Hinblick auf die primitive Lebensauffassung des Negers ist es durchaus verständlich, daß diese Fetischpriester im Laufe der vielen vergangenen Jahrhunderte zu größter Macht gelangten und daß sie ihre Macht, je nach Charakter und Veranlagung des Oberpriesters seltener zum Wohl, häufiger aber bei der Neigung der schwarzen Rasse zum Eigennutz und auch zur Grausamkeit zum Schaden des Volkes ausnutzten. Der Macht der Fetischpriester muß-ten sich auch die Häuptlinge beugen, wollten sie nicht Gefahr laufen, eines Tages durch den Giftbecher auf legale Weise, das heißt, in Form eines entsprechend korrigierten Gottesurteils, oder auf illegale Weise, das heißt meuchlings, zu verschwinden. Meistens jedoch zogen es die Herrscher vor, sich mit den Priestern in die Macht zu teilen oder zum mindestens ihre oft sehr dunklen Wege nicht zu kreuzen. Zuweilen war auch die Macht des Oberpriesters sowie die des Häuptlings in einer Person vereinigt.

Unzählige Opfer an Menschen, geschlachtet für die Götter oder gemordet aus Rachsucht, forderte der Feti-schismus im Laufe der Jahrhunderte, zahlreiche Stam-mesfehden verursachte er, viele materielle Opfer bür-dete er dem Volk auf. Es war eine selbstverständliche, jedoch keineswegs leichte Aufgabe der Verwaltung, als-bald nach Aufrichtung der deutschen Schutzherrschaft diesem Treiben ein Ende zu bereiten. Die Fetisch-priester, die ihre Macht schwinden sahen, nahmen die Änderung der Dinge nicht so ohne weiteres hin, wühlten im geheimen gegen die bezirksamtlichen Anordnungen und Verbote. Sie zwangen dem Bezirksleiter manches ernste Wort und manch energische Tat ab.

Seine größere Verbreitung hatte der Fetischismus in Südtogo, während Nordtogo, insbesondere die dortigen mächtigen Reiche, mehr unter mohammedanischen Einfluß standen.

Eine Hochburg des Fetischdienstes befand sich am Agu-Berg. Wie kaum irgendwo anders in Togo konnte man so viele Wahrzeichen dieses religiösen Kults vorfinden wie hier: unter schützendem Grasdach roh geformte Erd-klumpen irgendeine Gottheit darstellend; überdachte Opferplätze, auf denen Palmwein, Mehl, Feldfrüchte dargereicht werden; Jägerfetische, bestehend aus Anti-lopengehörnen, verziert mit Kaurimuscheln; kleine, den Göttern geweihte Haine; männliche Lehmfiguren.

Eine zweite Hochburg vom Fetischismus befand sich in Kete Kratschi.«

Am 23. Oktober 1909 wird vom Gouverneur Graf Zech im »Runderlaß betreffend die Begründung von Bes-serungssiedlungen« bezug genommen auf Zustände, die sich bei der Eingeborenen Bevölkerung erst seit der Errichtung der deutschen Herrschaft herausgebildet haben. Der Erlaß lautet:

»Die Einrichtung einer geordneten Verwaltung und die Geltendmachung gesitteter Rechtsanschauungen hat zweifellos die ursprüngliche unbeschränkte Autorität der eingeborenen Machthaber beeinträchtigt. Manche alte, harte soziale Einrichtung der Eingeborenen, welche gegen die Grundsätze der Zivilisation verstieß und daher behördlicherseits nicht geduldet werden konnte, wurde beseitigt. Dem dadurch in vielen Schichten der eingeborenen Bevölkerung ausgelösten Freiheitsgefühl kam der Ausbau der Verkehrsstraßen und die durch die Verwaltung gewährleistete Verkehrssicherheit zu Hilfe und hat ein Wandern und Verziehen einzelner Teile der eingeborenen Bevölkerung, namentlich der jüngeren Leute, in unverhältnismäßig großem Umfang zur Folge gehabt. Ist auch der Ausgleich überschüssiger Kräfte zwischen den einzelnen Teilen des Schutzgebiets vom wirtschaftlichen Standpunkt aus nur zu begrüßen, so hat doch andererseits diese ungewohnte Freizügigkeit der früher an despotische Zucht gewöhnten Leute bereits zu bedenklichen Auswüchsen geführt, die leicht dauernde Schädigungen des Gesamtorganismus der Schutzge-bietsbevölkerung zur Folge haben können.

Aus einem Teil dieser wandernden Leute hat sich ein arbeitsscheues Proletariat herausgebildet, aus dem sich dann wieder die gewohnheits- und gewerbsmäßigen Verbrecher rekrutieren. Um dieses Übel zu steuern, werden derartige Elemente, insbesondere Landstrei-cher und gewerbsmäßige Prostituierte, die die behörd-lichen Kontrollvorschriften nicht innehalten, ferner gewohnheits- und gewerbsmäßige Verbrecher und überhaupt Leute, die wiederholt wegen Eigentums- vergehen bestraft sind, ohne daß eine Besserung bei ihnen zu beobachten ist, ihren heimatlichen Verhält-nissen wieder nähergebracht und wieder an ein geord-netes Leben und produktive Arbeit gewöhnt werden müssen. Die gesunkene Arbeitslust dieser Leute wird man aber am leichtesten heben können, wenn man sie wieder jener Tätigkeit zuführt, an die sie von Jugend auf gewöhnt sind, das heißt, in erster Linie der land-wirtschaftlichen Produktion.

    Die Bezirksleiter werden in jedem einzelnen Fall zu entscheiden haben, ob sich dieser Zweck durch einfache Zurückführung des Besserungsbedürftigen in seinen Familienverband wird erreichen lassen. Bei allen den-jenigen, die aus fremden Bezirken stammen, wird eine Überweisung an den Heimatsbezirk das Gegebene sein. Erscheinen jedoch diese Maßnahmen von vornherein als aussichtslos oder ist ein diesbezüglicher Versuch fehlgeschlagen, so empfehle ich, die Besserungsbedürf-tigen in einer, eine Kontrolle gestattenden Nähe des Verwaltungssitzes in Dörfern (Besserungssiedlungen) anzusiedeln, in denen sie sich unter Aufsicht der Behörde als selbständige Bauern oder Handwerker zu betätigen haben. Ein Wegzug aus der Siedlung wäre erst zu gestatten, sobald eine dauernde Besserung einge-treten ist.

    Ferner hätten in den Besserungssiedlungen auch wegen Mordes oder anderer schwerer Straftaten Ver-urteilte Aufnahme zu finden, bei denen infolge ihres tiefen Kulturstandes ein eigentlich verbrecherischer Wille nicht vorhanden ist und demgemäß die Todes-strafe oder eine langjährige Freiheitsstrafe nicht als angemessene Strafe gelten kann (vergleiche den Rund-erlaß vom 11. Februar 1907), während andererseits eine Entfernung aus dem Heimatort zum Schutz der übrigen Bevölkerung des betreffenden Ortes und im Interesse einer erzieherischen Wirkung auf sie geboten er-scheint.

    Über Umfang, Zweckmäßigkeit und Wirkung der angeordneten Maßnahmen ist in den Jahresberichten Bericht zu erstatten.

    Zur Neueinrichtung von Besserungssiedlungen ist die Zustimmung des Gouvernements einzuholen.«

Zwei Besserungssiedlungen werden in schwach besie-delten Gegenden von Südtogo geschaffen. Die einge-wiesenen Bewohner dürfen ihre Frauen und Kinder mitbringen und müssen das ihnen zugewiesene Land bebauen. Über die Erträge können sie frei verfügen. Die Ledigen können heiraten. Besuche aus der Heimat sind erlaubt.

Außer in den beiden Siedlungen werden auch in unmit-telbarer Nähe der Stationen »Besserungsbedürftige«, hauptsächlich Jugendliche, festgehalten und für hand-werkliche oder landwirtschaftliche Arbeiten verpflich-tet.

Inwieweit die Darstellung des Gouverneurs in seinem Erlaß mit der Wirklichkeit übereinstimmt und nicht auch eine den Herrschenden unliebsame Jugendkultur unterdrückt, oder auch politisch Unangenehme aus dem Verkehr gezogen werden, ist schwer zu beant-worten. Wahrscheinlich stimmt von allen drei Mög-lichkeiten etwas. Zu Bedenken ist, daß eine der Besserungssiedlungen (Djabotaure) besonders für Leute der Stämme Kabre und Losso angelegt ist, die für ihren Widerstandsgeist berühmt sind. Auf jeden Fall ist diese Maßnahme der deutschen Herrschaft als wesentlich milder anzusehen als Gefängnis.

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Verwaltung

Die Verordnung vom September 1907 über die Steuerleistungen der Eingeborenen im vollen Wortlaut:

Verordnung des Gouverneurs, betreffend die Heranziehung der Eingeborenen zu Steuerleistungen

Auf Grund des § 15 des Schutzgebietgesetzes wird folgendes verordnet:

§ 1  Die Eingeborenen dürfen durch die Verwaltungsbehörden nach Maßgabe der folgenden Bestimmungen zu Steuerleistungen herangezogen werden.

§ 2  Die Steuerleistungen bestehen in Steuerarbeiten, Lieferungen von Erzeugnissen und Geldgaben. – Das Reinigen der Wege ist Sache der anliegenden Gemeinden und nicht als Steuerleistung anzusehen.

§ 3  Die zu leistenden Steuerarbeiten werden von den Verwaltungsbehörden festgesetzt und möglichst gleichmäßig auf die einzelnen Land- und Ortschaften verteilt.

    Zu den Steuerarbeiten dürfen in der Regel nur erwachsene männliche Eingeborene, welche völlig arbeitsfähig sind, herangezogen werden.

    Während der Hauptfarmzeit sind Steuerarbeiten auf das unbedingt notwendige Maß zu beschränken.

§ 4  Die Zahl der von einem Eingeborenen zu leistenden Arbeitstage darf 12 in jedem Jahre nicht übersteigen. Nur in Notfällen ist eine stärkere Heranziehung zu Steuerarbeiten zulässig. Jeder Eingeborene ist berechtigt, die Steuerarbeit durch eine Geldgabe abzulösen. Die Höhe der Geldgabe ist nach den örtlichen Arbeitslöhnen zu berechnen.

§ 5  Für die Steuerarbeiten wird im allgemeinen ein Entgelt nicht gewährt. Jedoch sind Belohnungen an die Häuptlinge und Steuerarbeiter durch Geld- und sonstige Geschenke zulässig.

§ 6  Ist die Entfernung der Arbeitsstelle von den Wohnplätzen der Steuerarbeiter so erheblich, daß die Verpflegung durch die angehörigen mit Schwierigkeiten verbunden ist, so ist ein zur Beschaffung der Nahrung ausreichendes Verpflegungsgeld zu zahlen. An Stelle des Verpflegungsgeldes kann Naturalverpflegung treten, welche nach Maßgabe der Vorschriften des § 8 beschafft werden darf.

§ 7  Die Verwaltungsbehörden haben über die innerhalb ihres Bezirks geleisteten Steuerarbeiten Listen zuführen, in welchen einzutragen sind a) die zu den Steuerarbeiten herangezogenen Ortschaften, b) die Zahl der in denselben vorhandenen arbeitsfähigen Männer, c) die von den einzelnen Ortschaften geleisteten Arbeitstage, d) die ausgeführten Arbeiten, e) die gewährten Geschenke und Verpflegungsgelder.

§ 8  Auf die Lieferung von Erzeugnissen finden die Bestimmungen der §§ 3, 4, 5 und 7 über Steuerarbeiten entsprechende Anwendung.

    Die gelieferten Erzeugnisse sind in den gemäß § 7 geführten Listen nach einem von der Verwaltungsbehörde zu bestimmenden Wertverhältnis an Stelle der Arbeitstage anzurechnen.

§ 9  Die Einwohner der Orte Lome und Anecho sowie etwas später vom Gouvernement zu bestimmender Ortschaften sollen an Stelle von Steuerarbeiten und Lieferungen zu Geldabgaben herangezogen werden.

§ 10  Der Gouverneur kann Befreiungen von den Steuerleistungen eintreten lassen.

§ 11  Die Verordnung tritt am 1. April 1908 in Kraft.

Lome, den 20. September 1907.

Der Gouverneur:

Graf Zech



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Kulturwelten

Wie schon in der Vorbemerkung geschrieben, ist es besonders schwierig, die Wahrnehmung der einhei-mischen Bevölkerung in den deutschen Kolonien und das Verhältnis zu ihren weißen Herren zu ergründen. Es gibt eben nur sehr wenige schriftliche Überlieferungen der Einheimischen in den Kolonien. Eine andere Quelle sind Weiße, die der jeweiligen einheimischen Sprache mächtig, den Gesprächen der Einheimischen lauschten und das Mitgehörte niederschrieben. Hier zum Beispiel eine Szene beim Gouverneur von Togo, August Köhler, um 1900 mit seinem schwarzen Koch und der deutschen Haushälterin. Der Koch schrieb darüber: »Die weiße Frau las mir aus dem Buch alles vor, und danach mußte ich mich richten. Sagte ich einmal: „So geht das nicht“, dann wurde sie gegen mich wütend. Nach einer Zeitlang erkrankte sie, und ich mußte allein kochen. Da ließ Herr Köhler mich eines Tages zu sich rufen und fragte, warum das Essen denn jetzt so ordentlich sei. Meine Antwort war: „Weil ich allein koche, die weiße Frau liest mir das Kochen aus dem Buch vor, und wenn ich dann Einwendungen mache, so fängt sie an zu weinen und ruft: „Ich habe in Europa kochen gelernt, und du schwarzer Junge willst mich belehren?“ Wenn dann das Essen mißrät, bekomme ich von dir Prügel.“ Herr Köhler fragte, warum ich ihm nichts davon gesagt hätte, und darauf ich: „Wir Schwarzen bekommen beim Europäer doch kein Recht, darum habe ich geschwiegen in der Hoffnung, daß eines Tages Gott meine Leiden enden werde.“«


Albert Schweitzer: »Alle Angestellten, auch die besten, sind so unzuverlässig, daß sie auch nicht der geringsten Versuchung ausgesetzt werden dürfen. Dies will heißen, daß sie niemals allein im Hause sein sollen. Solange sie darin arbeiten, muß meine Frau dabei sein. Ferner muß alles, was ihre Unehrlichkeit reizen könnte, immer abgeschlossen sein. Morgens bekommt der Koch aus-geteilt, was er gerade zur Bereitung unseres Essens braucht: so und so viel Reis, so und so viel Fett, so und so viel Kartoffeln. In der Küche hat er nur einen kleinen Vorrat von Salz, Mehl und Gewürzen. Vergißt er etwas, so muß meine Frau nachher vom Spital wieder den Berg hinauf zur Wohnung steigen und es ihm herausgeben.

Daß man sie nicht allein in einem Zimmer läßt, alles vor ihnen abschließt und ihnen keine Vorräte anvertraut, fassen die schwarzen Bedienten nicht als Beleidigung auf. Sie selber halten einen an, diese Vorsichtsmaß- regeln genau zu beobachten, damit sie für einen et-waigen Diebstahl nicht verantwortlich gemacht werden können. – Dabei nimmt der Neger nicht nur, was für ihn Wert hat, sondern auch, was ihn gerade reizt. Herrn Missionar Rabaud von Samkita wurden einige Bände aus einen wertvollen Sammelwerk gestohlen. Auf meinem Bücherschaft verschwanden der Klavierauszug der Meistersinger von Wagner und das Exemplar der Matthäuspassion von Bach, in das ich die von mir sorgfältig ausgearbeitete Orgelbegleitung eingetragen hatte. Dieses Gefühl, niemals gegen den stupidesten Diebstahl gesichert zu sein, bringt einen manchmal zur Verzweiflung. Und immer alles abgeschlossen halten zu müssen und ein wandelndes Schlüsselbund zu sein, macht das Leben furchtbar beschwerlich.«

Schweitzer beschreibt aber auch die Dankbarkeit man-cher seiner schwarzen Patienten nach seiner Behand-lung: »Ein schwarzer Händler bot mir seine Arbeiter an, damit das Dach meines Wohnhauses noch rechtzeitig vor dem Regen umgedeckt werden könnte.

Ein anderer besuchte mich, um mir zu danken, daß ich für die Eingeborenen gekommen sei. Beim Abschied schenkte er mir zwanzig Franken für die Medizinkasse.

Ein andere Patient schenkte meiner Frau eine Nil-pferdpeitsche. Was ist eine Nilpferdpeitsche? Ist ein Nilpferd erlegt worden, so wird die ein bis zwei Zentimeter dicke Haut in Streifen von vier Zentimeter Breite und anderthalb Meter Länge geschnitten. Dann werden die einzelnen Streifen so auf ein Brett gespannt, daß sie zugleich in Spirale gewunden sind. Sind sie getrocknet, so ist das gefürchtete, anderthalb Meter lange elastische und scharfkantige Marterinstrument fertig.«


Albert Schweitzer schreibt auch über Gifte, die die Schwarzen zum Töten von Mitmenschen benutzen, und vom Fetischkult. Einen seiner schwarzen Mitarbeiter befragt er über den Fetischkult: »Daß die Fetischmänner sich des Giftes bedienen, um ihre Autorität aufrecht-zuerhalten, erfuhr ich auf eigentümliche Weise… „Aber die meisten von euch sind doch Christen“, bemerkte ich, „ihr glaubt nicht an diese Dinge.“ „Gewiß“, erwi-derte er, „aber wer dagegen reden würde oder auch nur ein Lächeln hätte, während den Geistern Tabak und Schnaps gespendet wird, dem würde früher oder später Gift sicher sein. Die Fetischmänner verzeihen nicht. Sie leben unter uns, ohne das man sie kennt.“

Zu der Angst vor dem Gift kommt also noch die vor der übernatürlichen bösen Macht, die ein Mensch gegen einen anderen ausüben kann. Die Eingeborenen glau-ben, daß es ein Mittel gibt, in den Besitz von Zauber-kräften zu gelangen. Wer den richtigen Fetisch hat, vermag alles. Er hat Glück auf der Jagd, er wird reich und er kann dem, dem er schaden will, Unglück, Krank-heit und Tod bringen.

Der Europäer wird nie begreifen können, wie grausig das Leben der armen Menschen ist, die ihre Tage in Furcht vor Fetischen, die gegen sie benutzt werden können, hinbringen. Nur wer dieses Elend aus der Nähe angesehen hat, wird verstehen, daß es Menschenpflicht ist, den primitiven Völkern eine neue Weltanschauung zu bringen, um sie von dem quälenden Wahne zu befreien. In dieser Hinsicht würden auch die größten Skeptiker, einmal an Ort und Stelle, Freunde der Mis-sion werden.

Es gibt große und kleine Fetische. Zu einem großen gehört in der Regel ein Stück aus einer menschlichen Hirnschale. Der Mensch muß aber eigens zum Zwecke der Gewinnung eines Fetisch getötet worden sein.

Ich selber besitze einen Fetisch. Die Hauptstücke des-selben sind zwei länglich-ovale, in rotem Farbstoff ge-tränkte Ausschnitte aus einem menschlichen Schädel, wie mir scheint, den Scheitelbeinen entnommen. Der Besitzer war mit seiner Frau seit Monaten krank. Sie litten an quälender Schlaflosigkeit. Im Träume hörte der Mann mehrmals eine Stimme, die ihm offenbarte, sie könnten beide genesen, wenn er seinen von den Vätern ererbten Fetisch dem Missionar Haug in N’Gômô brächte und dessen Anordnung befolge. Schließlich tat er, wie ihm befohlen war. Herr Haug wies ihn an mich und schenkte mir den Fetisch. Mann und Frau blieben mehrere Wochen bei mir in Behandlung und wurden bedeutend gebessert entlassen.

Die Idee, daß menschlichen, zu diesem Zwecke gewon-nenen Schädelknochen Zauberkraft innewohnt, muß uralt sein. Ich las dieser Tage in einer medizinischen Zeitschrift, daß die Trepanationen [Operative Öffnungen des Schädels], die nach den Funden in Gräbern aus prähistorischen Zeiten öfters vorgenommen wurden, gar nichts mit Versuchen zur Heilung von Hirntumoren und dergleichen zu tun hatten, wie bisher angenommen wurde, sondern nur der Gewinnung von Fetischstücken dienten. Der Verfasser der Abhandlung ist wohl im Recht.«

Zu Schweitzers Ausführungen ist noch hinzuzufügen, daß in Europa diese Schädelstücke nicht einem dafür Ermordeten entnommen wurden, sondern in einer Ope-ration gewonnen wurde, die der Operierte überlebte, wie man anhand der verheilten Schädelschnittstellen ersieht. Die herausoperierten Schädelknochen wurden in Europa als Amulette getragen.


Das Deutsche Kolonial-Lexikon von 1914:

Haschisch, ein Narkotikum des Orients, das aus der Hanfpflanze gewonnen wird. In Indien kennt man zwei Sorten Haschisch 1. Bhang, d. h. die zur Blütezeit ent-nommenen, zerkleinerten Blätter, welche mit Wasser und etwas schwarzem Pfeffer zu einer grünen Flüs-sigkeit zerrieben werden; 2. Ganja, d. h. die entblätterten Spitzen weiblicher Pflanzen, die reich an einem Harz sind. — Bhang wird getrunken, Ganja mit Tabak gemischt geraucht. Beide rufen Rauschzustände hervor, die in ihrer Eigenart und in ihren Wirkungen dem Opiumrausch ähnlich sind. In unseren afrikanischen Kolonien ist wohl nur das Hanf-Rauchen durch Inder und Araber verbreitet worden, doch scheinen es immer nur vereinzelte Individuen zu sein, die dem Laster ergeben sind. In jeder größeren Karawane finden sich einige Träger, die sich gelegentlich zurückziehen und flach auf dem Bauche liegend dem Genuß des Hanf-Rauchens frönen. Sie werden dabei von einem quä-lenden Husten geplagt, der erst aufhört, wenn Betäu-bung eintritt. Leidenschaftliche Hanf-Raucher sind die Betchuanen, von denen namentlich auch die Hotten-totten und andere Stämme im Gebiet der Kalahari die Unsitte angenommen haben.


Ein Buschmann in Deutsch Südwestafrika erzählt: „Der Buschmann läuft nie vor einem Löwen weg. Denn wenn der Löwe den Rücken eines Menschen sieht, packt er ihn. Sieht man aber dem Löwen ins Auge, so kann er nichts machen, es sei denn, man erzürne ihn durch einen Pfeilschuß. Auch den Geparden fürchten wir kaum, wohl aber den Leopard, denn er geht ohne weiteres auf den Menschen los und zerreißt ihn.“

Der Buschmann erzählt weiter, daß jemand eine Frau mit Krankheit behext hat. Ein Zauberer versammelt die Gemeinschaft um ein Feuer, um den Schuldigen zu finden. Er streut Pulver in das Feuer und in dem Rauch erscheint eine Gestalt. Der Zauberer fragt: „Kennt ihr den Mann?“ „Wir kannten ihn genau und nun wußte jeder, wer der Schuldige war.“

Ich selbst, der Schreiber dieser Zeilen, habe als Gläu-biger der westlichen Wissenschaft in Westafrika Voo-doo auf sehr beeindruckende Weise erlebt und kann nur unzweifelhaft die Wirklichkeit dieser magischen Welt bestätigen. In Asien wurde mir von den »Scharla-tanen« meine Gesundheit wiedergegeben und ich bin diesen Menschen zutiefst dankbar für ihren »faulen Zauber«. Auch aus weiterem Wissen und Erfahrungen kann ich die folgenden Darstellungen nur als glaubhaft einstufen und will damit die gewaltige kulturelle Kluft zwischen den ursprünglichen Menschen in Afrika, Asi-en, Australien und Amerika mit ihrer nicht von west-licher Wissenschaft begrenzten Welt, und den Erobe-rern aus Europa, klar machen. Eine Besonderheit ist mir in Afrika aufgefallen. Sind wir Weißen von Gut und Böse – egal ob wir selbst uns als Gut oder Böse einstufen – überzeugt, so ist bei den Afrikanern diese Vorstellung von Gut und Böse, wenn sie nicht die weiße Indoktri-nation erfahren haben, meist gar nicht vorhanden. Was uns unvorstellbar erscheint, wo doch sowohl für den Guten, als auch für den Bösen, also für die ganze weiße Gesellschaft, diese Norm selbstverständlich ist. So be-klagen sich die weißen Herren oft genug über den Dieb-stahl der Schwarzen oder Asiaten, während diese darin nur eine ausgleichende Gerechtigkeit sehen, aber in keiner Weise ein Vergehen. Deshalb ist für uns Weiße auch unbegreiflich, wenn die Samoaner im Krieg ihren Feinden mit Munition aushelfen, wenn diese gerade einen Mangel an Kampfmitteln haben.

Nun zu der geistigen Welt der Menschen in den von Weißen kolonisierten Ländern. Der deutsche Reise-schriftsteller Colin Ross schrieb: »Gewiß kann ein Auto, ein Gewehr, ein Grammophon, ein Flugzeug Über-raschung und Erstaunen erregen, wenn es zum ersten Male vorgeführt wird, aber der „Wilde“ ist im allge-meinen nicht so fassungslos, wie es in den Reisebe-richten geschildert wird. Zum mindesten resultiert daraus nicht oder wenigstens nicht immer der Glaube an die Höherwertigkeit des weißen Mannes. Gewiß, man mag seine Macht anerkennen und sich vor ihr beugen, aber innerlich weiß man, daß man als Mensch, als einer, der mit den eigentlichen wirksamen Kräften, mit der Gottheit, verbunden ist, dem Weißen keineswegs nach-steht. Es ist eine schwer zu bestreitende Tatsache, daß eine ganze Reihe farbiger Völker über Fähigkeiten und geistige Kräfte verfügt, die mit Hypnose und Auto-suggestion nur ungenügend erklärt sind. Man braucht dabei nicht bis zu den indischen Fakiren greifen, man kann mitunter schon mit einem afrikanischen Regen-macher die merkwürdigsten Dinge erleben.«

Ein amerikanischer Missionar im Kongo erzählte Ende der 40er Jahre dem schwedischen Schriftsteller Artur Lundkvist: „Afrika ist nicht das Land des Zweifels, son-dern des Glaubens und des Wunders, aber der Glaube ist oft böser Glaube und das Wunder oft teuflisches Wunder. In Afrika kann man heute noch genau wie in den alten Zeiten erleben, wie die guten Mächte mit den bösen ringen. Es gibt vieles, was man nicht ohne weiteres als abergläubischen Betrug oder Reste alter Schreckensherrschaft abtun kann.“ – „An einer Stelle lebte ein Mann, der stand mit den Krokodilen im Bunde. Ich habe selbst gesehen, wie er an das Flußufer trat, mit der Hand ein paar Zeichen gab und fast augenblicklich ein großes Krokodil zum Auftauchen brachte. Es schoß mit aufgesperrtem Rachen auf ihn zu, als wollte es ihn verschlingen, aber es blieb ruhig stehen, und das Kroko-dil legte sich neben ihn auf die Erde. Er neigte sich über das widerwärtige Tier, starrte ihm eine Weile in das lauernde Auge, wobei er fortwährend etwas murmelte. Dann machte er mit der Hand eine befehlende Bewe- gung, und das Krokodil verschwand im Fluß. Es war mit irgendeinem Auftrag ausgesandt worden: vielleicht auf Menschenraub, vielleicht um Fische in die Reusen zu treiben, vielleicht um mit irgendeiner Beute zurückzu-kehren. Jener Mann war ein ‚Krokodilmann’. Er war mit Krokodilhaut bekleidet, die ihn flatternd umgab, und trug Krokodilzähne an einer Schnur um den Hals, und seine Augen glichen denjenigen eines Krokodils, waren ebenso bernsteingelb und reglos tückisch. Es wurde behauptet, er bringe den Krokodilen in jeder Voll-mondnacht Opfer, er schneide sich selbst in den Arm und lasse das Blut ins Wasser tropfen, und der Fluß wäre so voller Krokodile, daß er wie auf festem Boden über sie hinweggehen könne.

Einmal habe ich auch eine Schlangengöttin getroffen. Sie sah aus wie die schlimmste Hexe, war zahnlos und furchtbar schmutzig. Sie lief schlangenbedeckt herum, die Tiere hatten sich ihr um die Schultern und den Hals geringelt, bewegten sich nicht und schienen zu schlafen; aber sie brauchte nur durch die Lippen zischen, so hoben sie augenblicklich die Köpfe und stimmten in den Laut ein. Ihr größtes Kunststück war, einen gewöhn-lichen Stecken vom Boden aufzuheben und ihn durch wiederholtes Streichen mit der Hand in eine quick-lebendige Schlange zu verwandeln. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen und mußte an das Wunder des Mose vor Pharao denken. Diese Schlangengöttin sollte auch Macht haben, Schlangen mit einem Auftrag weg-zuschicken, und mehr als einer derer, die sich mit ihr verfeindet hatten, starb durch Schlangenbiß. So etwas kann ja auf Zufall beruhen, es ist aber so, daß es ein wenig zu oft vorkommt.“

Lundkvist: „Und wie reagieren Sie als Missionare auf so etwas, ich meine als Vertreter der guten Macht?“

Missionar: „Um der Wahrheit die Ehre zu geben: wir sind oft erstaunt und erschrocken und im Innersten kleingläubig, zweifelnd.“


Insbesondere Missionare drängen, ja zwingen, ihren Schützlingen Hemden, Hosen und Kleider auf, die regelrecht eine absichtliche Zerstörung der einheimi-schen Alltagskultur darstellen und oft sind insbeson-dere die Kleider für die Frauen einfach nur häßlich.

Wiederum ist aber auch eine freiwillige Übernahme der Kleidung der Weißen zu beobachten. Die einfache Bevölkerung versucht oft wenigstens ein altes abgetra-genes Stück wie ein Hemd oder eine Hose als besondere Erhöhung ihrer eigenen Wertigkeit zu tragen, während reiche Eingeborene teilweise vollständig auf europä-ische Kleidung umstellen, um sich als gleichwertig mit den Weißen darzustellen. Der deutsche Arzt Ludwig Külz beschreibt diese Mode der Eingeborenen der Küste von Togo in seinem 1906 erschienenen Buch Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika:

»Dabei ist die ursprüngliche Eingeborenentracht: ein Hüfttuch oder bei den Wohlhabenden ein Tuch, das von den Männern ähnlich der römischen Toga um eine Schulter geschlagen, von den Frauen über die Brust geknotet wird, den klimatischen, hygienischen und praktischen Bedürfnissen des Negers weit besser an-gepaßt als der eng anliegende europäische Anzug. Selten ist das moderne Kostüm des Schwarzen in einer einigermaßen annehmbaren Verfassung. Wo er nicht der dauernden Beobachtung und Beaufsichtigung durch den Weißen unterworfen ist, trägt er es ohne Wechsel wochen-, selbst monatelang und arbeitet, schwitzt oder schläft je nach Bedarf in ihm. Dem Schweiß ist weniger Gelegenheit zur Verdunstung gegeben als bei seiner losen bequemen Landestracht, und allerlei Hautkrank-heiten, zu denen er an sich schon neigt, sind die unmittelbare Folge. Kommt er in einen Regen, so ist er von früher gewohnt, den Rest von Feuchtigkeit, der nicht von selbst von seiner geschmeidigen, öligen Haut herabläuft, von der Tropenwärme auftrocknen zu las-sen. Hat er sein europäisches Gewand an, so legt er es nicht ab, kann es auch gar nicht, da er oft nur eins besitzt, Er behält es also in durchnäßtem Zustande auf dem Leibe, der Wind streicht durch die nassen Stücke, und die weitere Folge sind Erkältungskrankheiten, Katarrhe und rheumatische Erscheinungen, zu denen er ebenfalls an sich schon disponiert ist.

Besonders weit fortgeschrittene Neger tragen dauernd eine Kopfbedeckung, womöglich noch einen Sonnen-schirm dazu. Die wirklichen »bigmen« wählen nicht etwa einen Strohhut oder leichte Mütze, sondern mit Vorliebe den Tropenhelm, den sie beim Europäer sehen. … Ebenso zweifelhaft ist der Wert unserer Fußbeklei-dung für ihn; denn er wählt nicht die für ihn geeigneten Sandalen, sondern modernes, für seinen Fuß möglichst untaugliches Schuhwerk Das Sonntagsbild der am Lagu-nenstrande Kleinpopos promenierenden Neger-haute-volée bietet in konzentrierter Dosis alle die Torheiten, die sich die Eingeborenen nur in Bezug auf Kleidung aneignen können. Der eingeborene „Clark“ mit schwar-zem Tuchanzug, hohem Stehkragen, Manschetten, Tro-penhelm oder gar Zylinder, Lackstiefeln und womöglich Glacehandschuhen ist keine seltene Erscheinung hier. Die Europäer sollten, wenn überhaupt ihr Auge am Hosenneger Gefallen findet, wenigstens dahin wirken, daß die Schwarzen ihrer nächsten Umgebung nichts anderes als ganz leichte, waschbare Kleidung tragen; noch verdienstvoller wäre es aber, wenn man die Eingeborenentracht zu erhalten suchte, sie vielleicht in dieser oder jener Hinsicht verbesserte, aber nicht ihre Verdrängung begünstigte. Mit den Hosen allein zieht man dem Neger keine Kultur, sondern zunächst nur ein Stück Eitelkeit an. Beispiele, zu welcher lächerlichen Ausartung die Nachahmungssucht des Schwarzen sich versteigt, erleben wir täglich; einen besonders originel-len Fall erlebte ich kürzlich, als ein Neger mit einer schön gearbeiteten, großen Goldplombe seines Schnei-dezahnes — wie ich zunächst annahm — bei mir erschien. Bei näherem Zusehen entpuppte sich die Plombe als eine von einem eingeborenen Goldschmiede angefertigte, dünne, abnehmbare Kappe, die er über den ganz unversehrten Zahn geklemmt hatte.«


Von den Missionen und den Weißen allgemein wird den farbigen Völkern die Ehe und die Kleinfamilie als Ideal hingestellt und nicht selten mit religiösen Einschüch-terungen und Drohungen durchgesetzt; gleichgültig welche Lebensform die farbige Gesellschaft für sich selbst praktiziert. Auch eingeschüchtert durch die technische Überlegenheit der Weißen ist eine farbige Gesellschaft oft hin- und hergerissen, was denn nun die richtige Lebensform sei. Besonders von den Missionen bekämpft ist die Polygamie und von staatswegen wird die Hierarchie einer Kleinfamilie gefördert durch die Auferlegung der Hütten- und Kopfsteuer auf das »Familienoberhaupt«, das nun zum »Herrn« der Familie wird und die Geldgeschäfte in seine Hand bekommt. Gefördert wird die Kleinfamilie auch durch das deut-sche Steuerrecht, wonach eine Frau steuerlos bleibt, für jede weitere Frau aber ein Zuschlag zu zahlen ist. Das System der Besteuerung höhlt die wie auch immer geartete ursprüngliche Gesellschaftsform aus und oft auch das Denken in gemeinschaftlichen Kategorien der Eingeborenen. Die von der christlichen Welt in den Kolonien eingeführte Kleinfamilie hat für die Frauen nur Nachteile. Allein mit dem Mann entfällt die Gemeinschaft mit anderen Frauen und die Arbeits-teilung im Haushalt, auf dem Feld, bei der Kinderer-ziehung und der Versorgung der Alten. Mehrarbeit und Isolation sind die Folge und eine höhere Kinderzahl je Frau, da die Christen verhütende und abtreibende Mittel verbieten. Häufigere Schwangerschaften und Geburten für die einzelne Frau führen zur Schwächung ihrer Gesundheit, mehr Arbeit, mehr Sorgen, auch um die Ernährung der vermehrten Kinderzahl, und ein schlechterer Gesundheitszustand der Kinder mit erhöh-ter Kindersterblichkeit. Dazu ist der Mann für die Kolo-nialverwaltung der Ansprechpartner. Die Frau wird dem Mann untergeordnet. In der Dorfgemeinschaft wirkt sich diese Umwandlung der sozialen Verhältnisse nicht so sehr aus, aber in den aus der Landbevölkerung rekrutierten Bevölkerung der wachsenden alten und der neuen Städte ist die Kleinfamilie der von der Kolo-nialverwaltung geschaffene Zustand. Die monogame Ehe ist für die farbige Frau, die mit ihrem Mann in die Stadt zieht, eine Falle aus Entwurzelung, Vereinsamung und Abhängigkeit vom Ehemann.    


Eine wichtige Angelegenheit für die deutschen Frauen in der Heimat, wie in den Kolonien, ist das Wäsche-waschen. Wenn möglich delegieren sie diese anstren-gende Arbeit an Einheimische. Nur waschen die Ein-heimischen auf eine ganz andere Art als in Deutsch-land. So ist etwa bei den Konde im Südwesten von Deutsch Ostafrika Wäschewaschen Männerarbeit. Der Missionarin Maria Maaß paßt das gar nicht und so will sie wenigstens ihre eigene Wäsche von einer Frau ge-waschen haben. Die Wäsche muß aber »nach deut-schem Muster« in einem Kessel gekocht werden. Maria Maaß:

»Am schwersten bei dieser neuen Methode ist meinem Frauchen das Stehen geworden. Solange sie auf den Steinen oder auf einer umgekehrten Kiste die Wäsche klopfte, konnte sie dabei sitzen. Das ging jetzt nicht mehr, und sie hält darum auch nur den Vormittag aus.«


Albert Schweitzer: »Geistige Arbeit muß man haben, um sich in Afrika aufrechtzuerhalten. Der Gebildete, so merkwürdig es klingen mag, erträgt das Leben im Urwald besser als der Ungebildete, weil er eine Erholung hat, die dieser nicht kennt. Beim Lesen eines ernsten Buches hört man auf, das Ding zu sein, das sich den ganzen Tag in dem Kampf gegen die Unzuverlässigkeit der Eingeborenen und die Zudringlichkeit des Getiers aufreibt, und wird wieder Mensch. Wehe dem, der hier nicht so immer wieder zu sich selbst kommt und neue Kräfte sammelt! Er geht an der furchtbaren Afrikaprosa zugrunde.

Letzthin besuchte mich ein weißer Holzhändler. Als ich ihn ans Kanoe zurückbegleitete, fragte ich ihn, ob ich ihm für die zweitägige Fahrt, die er vorhatte, nicht etwas Lektüre geben sollte. „Danke schön “, sagte er, „ich bin versehen“, und zeigte mir das Buch, das auf seinem Bootsliegestuhl lag. Es war Jakob Böhmes ›Aurora‹. Das Werk des deutschen Schuhmachers und Mystikers aus dem beginnenden siebzehnten Jahrhundert begleitete ihn auf allen seinen Fahrten. Bekanntlich führten fast alle großen Afrikareisenden in ihrem Gepäck ›schwere Lektüre‹ mit.«

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Verkehr

Eine Neuerung im Verkehrswesen Afrikas ist das Fahrrad. Nach 1900 findet es langsam Eingang in den Kolonien. Dazu sind in Afrika die Fahrradwege schon überall angelegt – die Trampelpfade der Eingeborenen. Die von den Eingeborenenfüßen festgetretenen Busch-wege führen von Dorf zu Dorf und so kann man riesige Entfernungen über Land auf dem Fahrrad zurücklegen. Auch ist kein anderes tierisches oder technisches Beförderungsmittel so einfach zu halten und zu warten wie das Fahrrad. Es braucht weder Futter noch Treibstoff und widersteht jeder Art von Mücken und der Tsetse-fliege. Die einzigen Stiche, die seine Brauchbarkeit beeinträchtigen, sind Dornen in den Reifen. Aber dafür gibt es ein wirkungsvolles Vorbeugungsmittel: Tier-häute als Einlagen in den Reifen bewähren sich gut als Schutz gegen einen Platten.

Auch der Großwildjäger Hans Schomburgk ist auf dem Fahrrad in Afrika unterwegs. Als er 1906 von Süd- nach Ostafrika über Land reist, trifft er in der britischen Kolonie Rhodesien nach sechs Wochen Reise, ohne einem Weißen zu begegnen, auf die Faktorei der deutschen Brüder Ullmann. Die beiden Brüder Ullmann haben dort am Fluß Kafue sogar ein Fahrrad zu verkaufen und Schomburgk sattelt um von Esel auf Drahtesel. Selbst im westafrikanischen Urwald fährt er Fahrrad und beansprucht für sich das Fahrrad in einigen Gegenden des schwarzen Kontinentes eingeführt zu haben.

Das Haupthindernis auf den Trampelpfaden sind um-gestürzte Bäume, die man aber auch mit dem Fahrrad verhältnismäßig leicht übersteigen oder umgehen kann. Einem Hindernis im schwarzafrikanischen Verkehr kann aber selbst das Fahrrad nicht beikommen – der Regenzeit. Erst durch den Bau von Straßen mit harter Auflage kommen die Kolonialmächte gegen den afri-kanischen Schlamm an.

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USA

Seit 1897 werden vom deutschen Admiralstab Studien über einen Krieg mit dem Nordamerikani­schen Staa-tenbund betrieben. Im März 1899 hat der Admiral­stab einen ersten detaillierten Plan für eine Invasion der USA durch eine gemeinsame Operation von Marine und Heer ausgearbeitet. Eine Invasi­on im Sommer soll in den Neuengland-Staaten erfolgen, im Winter ist eine Landung in Süd-Carolina vorgesehen.

Anfang des Jahres 1900 ist eine Denkschrift zum Vortrag beim Kaiser fertig.  Alles an Schiffen, einschließlich der Küstenpanzer, soll im Kampf gegen die USA »über 3000 Meilen hinweg«, in die Schlacht geworfen werden. Die Azoren sind als Kohlenstation für die deutsche Flotte vorgesehen.

Am 26. Februar 1900 hat der Chef des deutschen Admi-ralstabs, Otto von Diederichs, eine Audienz bei Kaiser Wilhelm II. Diedrichs war 1898 Kommandeur des deut-schen Geschwaders, das den Amerikanern in der Bucht von Manila gegenüberstand. Wilhelm II, seit März 1899 auch Oberbefehlshaber seines Lieblingsspielzeugs, der Kriegsmarine, läßt sich von Diederichs die Kriegspläne gegen die Vereinigten Staaten von Ameri­ka vortragen.

Verschiedene Szenarien wurden für eine Invasion der USA entwi­ckelt. Die erfolgversprechendste Variante sieht eine überraschende Lan­dung von zwei bis drei Infanteriebataillonen sowie eines Pionierbataillons auf Long Island vor. Dann soll von Land- und Seeseite her der Hafen von New York erobert werden. Die Bombar-dierung von New York City durch die deutsche Schlacht-flotte soll eine Massenpanik verursachen, um die Ver-teidigungsanstrengungen der amerikanischen Streit-kräfte lahmzule­gen. Einige deutsche Offiziere glauben, daß alleine die Ankündigung des Beschusses von New York mit schwerer Schiffsartillerie zu einer Flucht der Stadtbevölkerung führen wird.

Ziel der Eroberung New Yorks ist die Ausschaltung des größten Wirt­schafts- und Handelszentrums der USA und die sofortige Eroberung ei­nes leistungsfähigen Ha-fens für die Landung großer Heeresverbände und die große atlantische Hafenstadt soll als Basis für die deut-sche Flotte in Amerika dienen. Sodann sollen kombi­-nierte See- und Landstreitkräfte, unter Ausnutzung des Überraschungs­momentes, nach Norden in Richtung Boston und nach Süden auf Nor­folk vorstoßen. Die deutsche Schlachtflotte, mit einem Übergewicht von 3:2 im Verhältnis zu den amerikanischen Seestreitkräften, soll zunächst die US-Atlantikflotte in einer Entschei-dungsschlacht vernichten.

Schon am 1. Februar 1900 haben das deutsche Ostasien-geschwader und die Kriegsschiffe im Indik und Pazifik den Befehl erhalten, US-See­streitkräfte im Kriegsfall bei den Philippinen zu binden. Da der Panamakanal noch viele Jahre von seiner Fertigstellung entfernt ist, wäre die ameri­kanische Pazifikflotte gezwungen bei einem deutschen Angriff auf die US-Ostküste in einer Mara-thonfahrt Südamerika zu umrunden, bevor sie die Atlan-tikküste Nordamerikas erreichen würde für die zweite und alles entscheiden­de Schlacht gegen die deutsche Hochseeflotte. Laut deutschem Plan wird auch die US-Pazifikflotte von der deutschen Schlachtflotte vernich-tet.

Die US-Army ist für die deutschen Invasionsplaner eine völlig zu vernachlässigende Größe. Das einzige, was die Amerikaner der deutschen Landung entgegenwerfen können, sind ein paar Kavallerieregimenter, die in Kampfbereitschaft gehalten werden, um Indianerauf-stände weit im Westen der USA niederzuschlagen.

Als unterstützendes Element für die Invasion der Verei-nigten Staaten sehen die deutschen Strategen Indianer-aufstände in den Weiten Nordamerikas ausbrechen.

Während seiner Audienz beim Kaiser des Deutschen Reiches macht Admiral Diederichs einen Vorschlag betreffend der Zeitachse für einen Angriff auf die USA: „Die vergleichbare Stärke bei Schlachtschiffen wird sich in den Jahren 1901 und 1902 in solchem Maße zu un-seren Gunsten verschieben, daß wir Offensivoperatio-nen im Herbst 1902 durchführen können.“

Die Durchführbarkeit einer Landung in Nordamerika wird bestätigt durch praktische Erfahrungen. Im Jahre 1900 transportierten deutsche Handelsschiffe das Ost-asiatische Expeditionskorps mit 15.000 vollausgerüs-teten Solda­ten zur Niederschlagung eines Aufstandes in China von Deutschland nach Ostasien.

Im Frühjahr 1901 sind die Planungen des Admiralstabes für einen Krieg gegen die Vereinigten Staaten abge-schlossen. Deutsche Offiziere haben seit zwei Jahren die Landeplätze für eine deutsche Invasionsflotte im Raum Boston und New York eingehend erkundet. Im März 1901 wird noch einmal eine genaue Inspektion der Landezonen von Land- und See­seite her vorgenommen. Dafür fährt auch ein deutscher Großer Kreuzer die Küstenlinie ab. Unter dem Vorwand von notwendigen Reparaturarbei­ten läuft das Kriegsschiff Boston an, um ausgiebig die vorgesehenen Landezonen auskundschaf-ten zu können.

Der deutsche Operationsplan vom März 1901 sieht vor eine Invasionsarmee an der Küste von Massachusetts zu landen. Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen hält eine erste Welle von 100.000 Mann Lan­dungstruppen für ausreichend. Schlieffen schätzt die US-Armee auf eine Stärke von 100.000 Mann ein, wovon wahrschein-lich 30.000 bis 40.000 Soldaten zur Zeit der deutschen Landung an der Ostküste bereit stehen. Das erste Ziel der deutschen Invasionstruppen wäre Boston. Mit Bos-ton als Nachschubhafen kann ein deutsches Heer zu Offensiven auf dem amerikanischen Festland überge-hen und die Kriegsmarine würde mit der neuenglischen Wirtschaftsmetropole einen erstklassigen Stützpunkt für ihre Flotte in der Hand haben.

Die allgemein schlechten politischen Beziehungen zwi-schen Deutsch­land und den Staaten, hervorgerufen durch Wirtschaftsrivalitäten und Konkurrenzkämpfe beim Erwerb von Kolonien im Pazifik und Stützpunk­ten in Lateinamerika, verschlechtern sich weiter als ein deutscher Gene­ralstabsoffizier 1901 ein Buch über die Möglichkeit einer erfolgreichen deutschen Invasion der USA veröffentlicht. Für den Autor ist der erbärm­liche Zustand der US-Army der Hauptgrund für einen Sieg des deutschen Heeres auf dem amerikanischen Konti-nent im Falle eines Krieges mit den Vereinigten Staaten. Generalstabschef Schlieffen ist äußerst erbost über die Veröffentlichung, auch noch zu einem denkbar unpas-senden Zeitpunkt. Heer, Marine und Außenministe-rium weisen jeglichen Zu­sammenhang des Buches mit ihren eigenen Bestrebungen von sich.

1902 treibt Kaiser Wilhelm die deutschen Pläne gegen die Vereinig­ten Staaten voran indem er versucht die mexikanische Halbinsel Nieder-Kalifornien zu kaufen. Geplant sind zwei deutsche Kriegshäfen an der Kali-fornien nach Süden anliegenden Küste. Als die USA von diesen Plä­nen erfahren, verhindern sie, daß Mexiko die 1300 Kilometer lange Halb­insel im Pazifik an den deut-schen Kaiser verkauft.

Die US-Regierung erwartet bei einem Kriegsausbruch mit dem Deut­schen Reich eine deutsche Truppenlan-dung im Raum Boston, wobei die Deutschen »mit abso-lutem Vertrauen auf unsere Unfähigkeit bauen eine Armee von 30.000 Mann zu versammeln welche in jedem Falle einer gleichgroßen deutschen Armee unter-legen wäre.« Noch größer schätzt Washington die Ge-fahr einer deutschen Landung in der Karibik oder in Brasilien ein. Die Beherrschung Südamerikas ist nach Ansicht der Norda­merikaner ein Hauptziel deutscher Außenpolitik.

1904 beenden die USA die Erwerbung von Kolonien, sodaß dieser Konfliktpunkt zwischen dem Reich und den Staaten wegfällt. 1906 wer­den die Invasionspla-nungen gegen den amerikanischen Kontinent von den deutschen Militärs eingestellt. Die Verei­nigten Staaten von Amerika isolieren sich politisch vom Welt­gesche-hen und sind somit keine vordringliche Bedrohung mehr für das Deutsche Kaiserreich.

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Krankheiten

Über die Krankheiten im feuchtheißen Äquatorialafrika schreibt Albert Schweitzer:

»Zu sehen bekomme ich hauptsächlich: Hautgeschwü-re verschiedener Art, Malaria, Schlafkrankheit, Lepra, Elephantiasis, Herzkrankheiten, Knocheneiterungen und tropische Dysenterie. – Bei der Aufzählung der hauptsächlich zur Behandlung kommenden Leiden sei die Krätze (scabies) nicht vergessen. Sie schafft den Schwarzen sehr viel Not. Ich bekomme Patienten zu sehen, die seit Wochen nicht geschlafen haben, weil sie fortwährend vom Jucken gepeinigt werden. Manche haben sich den ganzen Körper wund gekratzt, so daß zur Krätze noch eiternde Geschwüre hinzutreten. – Geistes-kranke gibt es hier relativ viel weniger als in Europa.«

Über die Tsetse-Fliege schreibt Schweitzer:

»Sie fliegen nur untertags. Mit ihnen verglichen sind die schlimmsten Moskitos harmlose Geschöpfe. Die Tse-Tse ist etwa anderthalbmal so groß wie unsere gewöhn-liche Stubenfliege, der sie äußerlich gleicht, nur daß ihre Flügel nicht parallel zueinander liegen, sondern sich decken, wie zwei Klingen einer Schere. – Der Flug ist lautlos. – Um sich Blut zu verschaffen, sticht die Tse-Tse durch die dicksten Tuche. – Zwei von uns trugen Weiß, der andere Gelb. Die zwei hatten fast keine Tse-Tse auf sich; der andere wurde dauernd belästigt. Am meisten hatten die Schwarzen zu leiden. – Darum sind weiße Kleider der beste Schutz gegen sie.«

Aus seinen Erfahrungen bis zum Frühjahr 1914 kann Schweitzer feststellen, »daß die meisten europäischen Krankheiten hier vertreten sind. Aber Krebs und Blind-darmentzündung habe ich noch nicht gesehen. Sie sollen unter den Negern Äquatorialafrikas nicht anzu-treffen sein.

Die Erkältungen spielen hier eine große Rolle. An den Sonntagen zu Beginn der trockenen Jahreszeit war in der Kirche zu Lambarene ein Geschneuze und Gehuste wie in Europa bei einem Silvestergottesdienst.

Sehr viele Kinder sterben an verschleppter Pleuritis [Rippenfellentzündung].

In der trockenen Jahreszeit sind die Nächte etwas frischer als sonst. Da es den Negern an Decken fehlt, frieren sie in ihren Hütten, so daß sie nicht schlafen können. Dabei ist es nach europäischen Begriffen noch recht warm. Das Thermometer zeigt auch in den kalten Nächten immer achtzehn Grad Celsius. Aber die Feuchtigkeit der Luft läßt die Menschen, die durch das reichliche Schwitzen untertags empfindlich geworden sind, frösteln und frieren. Auch die Weißen leiden fortgesetzt unter Erkältung und Schnupfen.«

Über die von der Tsetsefliege übertragene Schlaf-krankheit schreibt Schweitzer:

»Mit der Zeit, manchmal erst zwei oder drei Jahre nach dem ersten Fiebern, setzt das Schlafen ein. Zuerst ist es gewöhnlich nur ein größeres Schlafbedürfnis. Der Kran-ke nickt ein, wenn er irgendwo ruhig sitzt oder wenn er eben gegessen hat. – Zuletzt wird der Schlaf immer fes-ter und geht endlich in Koma über. Die Kranken liegen dann gefühl- und teilnahmslos da, lassen Wasser und Kot abgehen, ohne es zu merken, und magern immer mehr ab. Vom Liegen werden Rücken und die Seiten von immer weiter um sich greifenden Geschwüren bedeckt. Die Knie sind an den Hals gezogen. Das Bild ist ent-setzlich. Der erlösende Tod läßt oft lange auf sich warten. Zuweilen tritt sogar länger anhaltende Besserung auf. – Ihrem eigentlichen Wesen nach ist die Schlafkrankheit eine chronische, wohl sicher immer zum Tode führende Entzündung der Hirnhäute und des Gehirns.«


Seitdem die meisten Tropenkrankheiten durch die weltweit führende deutsche Tropenmedizin besiegt sind, ist die Sterberate an solchen Übeln stark gefallen, die Tropenkrankheiten finden aber immer noch ihre Opfer auch unter der weißen Bevölkerung, die ja vor-rangig von der deutschen Tropenmedizin geschützt wird.

Eine andere Ursache für unzeitgemäße Todesfälle bei der weißen Bevölkerung sind Wildunfälle mit Löwen, Leoparden, Büffeln, Nashörnern, Elefanten, Flußpfer-den, Krokodilen, Schlangen und weiteren Vertretern afrikanischer Tierarten. Nicht selten sind diese Todes-fälle zurückzuführen auf Wildtierjagden der Weißen und folglich selbst verschuldet. 

Wie das Erleben des Sterbens für einen Menschen bei der Erbeutung durch ein Wildtier tatsächlich vor sich geht, beschrieb der Afrikareisende David Livingstone. Livingstone wurde einmal von einem Löwen gefaßt und weggeschleppt. Er erlebte die Szene in einem Schock-zustand bei vollem Bewußtsein. Livingstone schrieb:

»Der Löwe knurrte mir scheußlich in die Ohren und schüttelte mich so, wie ein Terrier eine Ratte schüttelt. Der Schock erzeugte einen Stupor, ähnlich wie ihn eine Maus empfinden mag, die von einer Katze gefaßt wurde. Er erzeugte eine Art Unempfindlichkeit, in der weder Schmerz noch Schreck gefühlt werden, obgleich ich noch völlig bei Bewußtsein war. – Der Schock wischte alles Furchtempfinden aus und schaltete jedes Ent-setzen aus – selbst im unmittelbaren Anblick des Löwen.«

Seine Gefährten retteten Livingstone dann aus der Gewalt des Löwen.

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Albert Schweitzer

Als Einleitung für die Beschreibung der Afrika-Kolonien kommt Albert Schweitzer ausgiebig zu Worte. Hier spricht ein erfahrener Afrikakenner aus der Wirklich-keit.  

Albert Schweitzer geht 1913 in die französische Kolonie Gabun, deren nördlicher Teil 1911 an die deutsche Kolonie Kamerun abgetreten wurde. Schweitzer geht in die Missionsstation Lambarene am Fluß Ogowe, wo zuerst je eine Faktorei der englischen Firma Hatton & Cookson und der deutschen Firma Carl Woermann bestand. Die beiden Handelshäuser handelten damals in den 1870er Jahren mit Elfenbein, Holz und Gummi und beherrschten den Außenhandel von Gabun. Lambarene war der am weitesten ins Landesinnere vorgeschobene Handelsposten der beiden Firmen. Albert Schweitzer schrieb über die Zustände zu der Zeit in Lambarene:

»In der Hauptsache waren die weißen Händler also ganz auf sich angewiesen… Sie hatten den Häuptlingen regel-mäßige Abgaben zu entrichten. In den ständigen Kriegen zwischen den Stämmen mußten sie versuchen, neutral zu bleiben oder die Partei des voraussichtlichen Siegers zu ergreifen.« – »In den Unruhen, die 1874, nach dem Tode« eines einheimischen Königs in Lambarene »ausbrachen, mußten der Forschungsreisende Marche und Herr Walker, der damalige Agent der Firma Woermann, die Faktorei mit Palisaden umgeben, um sich gegen die Eingeborenen verteidigen zu können.« Die französische Marine konnte »nicht viel mehr tun, als von Zeit zu Zeit, wenn wieder reichliche Klagen wegen Plünderungen von Faktoreien und Warentransporten durch die Eingeborenen eingelaufen waren, kleine Kanonenboote den Fluß hinaufzuschicken, um die betreffenden Dörfer zu beschießen. Und auch dies war nur bei normalem Wasserstande des Flusses, also nur während weniger Monate im Jahr, möglich. In der trockenen Jahreszeit hatten die Eingeborenen in dieser Hinsicht nichts zu befürchten.« Obendrein befanden sich zu dieser Zeit »die Pahuins, auch Fangs genannt, [und in Kamerun Pangwe] ganz wilde Menschenfresser aus dem Inneren, sich in Bewegung auf die Küste zu… Nur das Dazwischentreten der Weißen rettete die ein-gesessene Bevölkerung des Ogowegebietes davor, von den Pahuins aufgerieben zu werden. Aus eigener Kraft hätten sich die eingesessenen Stämme, die trotz der ihnen gemeinsam drohenden Gefahr sich weiter unter-einander bekriegten, nicht gegen sie behaupten kön-nen.

Wenn alteingesessene Eingeborene mir gegenüber ih-ren Unmut kundgeben, von den Weißen beherrscht zu sein, antworte ich ihnen, daß sie ohne die Weißen nicht mehr existieren würden, weil sie entweder sich gegen-seitig erschlagen oder im Kochtopf der Pahuins geendet hätten. Hierauf vermögen sie nichts zu erwidern. Über-haupt: So vieles und so schweres sich die Weißen in der ganzen Welt in der Kolonisation leider zuschulden kommen ließen, so können sie doch dies eine für sich anführen, daß sie den von ihnen unterworfenen Völkern insoweit Frieden gebracht haben, als sie den sinnlosen Kriegen, die fort und fort unter ihnen wüteten, ein Ende machten.«


Schweitzer trifft auf dem Schiff nach Afrika einen französischen Kolonialoffizier und kommt mit ihm ins Gespräch:

»Sein Urteil über den Mohammedanismus, wie er sich unter den Negern ausbreitet, ist nicht günstig. Er sieht in ihm eine große Gefahr für die Zukunft Afrikas. „Der mohammedanische Neger“, sagte er zu mir, „ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Sie können ihm Eisen-bahnen schaffen, Kanäle graben, Hunderttausende für die Bewässerung der von ihm zu bebauenden Lände-reien ausgeben: nichts macht ihm Eindruck, da er grundsätzlich gegen alles Europäische, mag es noch so vorteilhaft und segensvoll für ihn sein, indifferent ist. Aber lassen sie einen Marabut – einen islamitischen Reiseprediger – auf tänzelndem Pferd, mit grellem Man-tel behangen, ins Dorf kommen, dann wird die Gesell-schaft lebendig. Alle drängen sich an ihn heran und bringen ihm ihr Erspartes, um für schweres Geld Amu-lette gegen Krankheit, Verwundung im Kampfe, Schlan-genbiß, böse Geister und böse Nachbarn zu erstehen. Wo die Negerbevölkerung islamitisch geworden ist, gibt es keinen Fortschritt, weder in kultureller noch in wirt-schaftlicher Hinsicht.“«


Albert Schweitzer schreibt während einer langen Fluß-fahrt Ende Juli/Anfang August 1914 ausführlich über »Soziale Probleme im Urwald«.

Hier einige Auszüge daraus:

»Auf dem Strom, 30. Juli bis 9. August

Ich benütze die lange Fahrt, um mir selber einmal die sozialen Probleme, die ich zu meinem Erstaunen im Urwalde getroffen habe, zu vergegenwärtigen. Wir reden in Europa so viel von Kolonisation und kolonialer Kulturarbeit, ohne uns über den Inhalt dieser Worte klar zu sein.

Aber gibt es wirklich soziale Probleme im Urwald? Man braucht nur zehn Minuten lang die Unterhaltung zweier Weißer hier anzuhören, und schon ist sicher das schwerste dieser Probleme, das Arbeiterproblem, berührt. In Europa stellt man sich gerne vor, daß unter den Wilden für sehr mäßigen Lohn sich so viele Arbeiter anbieten, als gewünscht werden. Das Gegenteil ist der Fall. Arbeiter sind nirgends schwerer zu finden als unter den primitiven Völkern, und werden im Verhältnis zur Arbeitsleistung nirgends so teuer bezahlt wie hier.

Dies kommt von der Faulheit der Neger, sagt man. Aber ist der Neger wirklich so faul? Liegt das Problem nicht tiefer?

Wer einmal die Leute eines Negerdorfes gesehen hat, wenn sie ein Stück Urwald roden, um eine neue Pflanzung anzulegen, der weiß, daß sie imstande sind, wochenlang mit Eifer und unter Anspannung aller Kräfte zu arbeiten. Zu dieser härtesten aller Arbeiten – um dies nebenbei zu sagen – ist jedes Dorf alle drei Jahre genötigt. Die hohen Stauden, an denen die Bananen wachsen, verbrauchen den Boden außerordentlich schnell. Darum muß alle drei Jahre eine neue, durch die Asche des abgehauenen und verbrannten Urwaldes gedüngte Pflanzung angelegt werden.

Was mich angeht, so wage ich nicht mehr, unbefangen von der Faulheit der Neger zu reden, seitdem mir fünfzehn Schwarze in fast ununterbrochenen, sechs-unddreißigstündigem Rudern einen schwerkranken Weißen den Strom heraufbrachten.

Der Neger arbeitet unter Umständen also sehr gut… aber er arbeitet nur so viel, als die Umstände von ihm verlangen. Das Naturkind, und dies ist des Rätsels Lösung, ist immer nur Gelegenheitsarbeiter.

Bei geringer Arbeit liefert die Natur dem Eingeborenen so ziemlich alles, was er zu seinem Unterhalt im Dorfe braucht. Der Wald bietet ihm Holz, Bambus, Raphia und Bast zum Herstellen einer Hütte, die ihn gegen Sonne und Regen schützt. Er braucht nur noch etwas Bananen und Maniok zu pflanzen, zu fischen und auf die Jagd zu gehen, so hat er das Notwendige beisammen, ohne sich als Arbeiter verdingen zu müssen. Tritt er eine Stelle an, so ist es, weil er zu einem bestimmten Zweck Geld braucht. Er will eine Frau kaufen; sein Weib oder seine Weiber haben Lust auf schöne Stoffe, auf Zucker, auf Tabak; er selber braucht eine neue Axt, möchte gern Schnaps trinken, einen Khakianzug und Schuhe tragen.

Es sind also mehr oder weniger Bedürfnisse, die außerhalb des eigentlichen Kampfes ums Dasein liegen, die das Naturkind dazu bringen, sich zur Arbeit zu verdingen. Liegt ein bestimmter Zweck zum Gelderwerb nicht vor, so bleibt es in seinem Dorfe. Steht es irgendwo in Arbeit und hat es soviel verdient, daß es sich leisten kann, wonach ihm das Herz stand, so hat es keine Ursache, sich weiter zu mühen, und kehrt in sein Dorf zurück.

Der Neger ist nicht faul, sondern ein Freier. Darum ist er immer nur ein Gelegenheitsarbeiter, mit dem kein geordneter Betrieb möglich ist. Dies erlebt der Missionar auf der Station und in seinem Hause im kleinen und der Pflanzer oder der Kaufmann im großen. Wenn mein Koch Geld genug beisammen hat, um die Wünsche seiner Frau und seiner Schwiegermutter zu befriedigen, geht er davon, ohne Rücksicht darauf, ob wir ihn notwendig brauchen. Der Plantagenbesitzer wird von seinen Arbeitern gerade in der kritischen Zeit verlassen, wo es gilt, die dem Kakao schädlichen Insekten zu bekämpfen. – Alle werden wir vom Ingrimm gegen die faulen Schwarzen erfüllt. In Wirklichkeit liegt aber nur vor, daß wir sie nicht in der Hand haben, weil sie nicht auf den Verdienst bei uns angewiesen sind.

Es besteht also ein furchtbarer Konflikt zwischen den Bedürfnissen des Handels und der Tatsache, daß das Naturkind ein Freier ist. Der Reichtum des Landes kann nicht ausgebeutet werden, weil der Neger nur ein geringes Interesse daran hat. Wie ihn zur Arbeit erziehen? Wie ihn zur Arbeit zwingen?

»Schaffen wir ihm möglichst viel Bedürfnisse, so wird er möglichst viel arbeiten«, sagen der Staat und der Handel miteinander. Der Staat gibt ihm unfreiwillige Bedürf-nisse in Gestalt von Steuern. Hier [Französische Kolonie Gabun] zahlt jeder Erwachsene über vierzehn Jahre eine Kopfsteuer von fünf Franken, und man redet davon, dieselbe auf das Doppelte zu erhöhen. – Der Kaufmann schafft dem Neger Bedürfnisse, indem er ihm Waren anbietet; nützliche wie Stoffe, Werkzeuge, unnötige wie Tabak und Toilettenartikel, schädliche wie Alkohol. Die nützlichen Dinge würden niemals hinreichen, eine nennenswerte Arbeitsleistung zu erzielen. Der Tand und der Schnaps tun fast mehr dazu. Man schaue sich an, was im Urwald zum Verkauf angeboten wird. Unlängst ließ ich mir von einem Neger, der an einem welt-verlorenen kleinen See einen kleinen Laden für einen Weißen hält, die Waren zeigen. Hinter dem Ladentisch thronte das schön angestrichene Schnapsfaß. Daneben standen die Kisten mit Tabakblättern und die Kannen mit Petroleum. Weiter waren vorhanden: Messer, Beile, Sägen, Nägel, Schrauben, Nähmaschinen, Bügeleisen, Schnur zum Flechten von Fischnetzen, Teller, Gläser, Emailschüsseln aller Größen, Lampen, Reis, Konserven- büchsen aller Art, Salz, Zucker, Decken, Kleiderstoffe, Stoffe für Moskitonetze…  Gilletsche Sicherheits-Rasier-apparate, Kragen und Krawatten in reicher Auswahl, Damenhemden mit Spitzen, Unterröcke mit Spitzen, Korsetts, elegante Schuhe, durchbrochene Strümpfe, Grammophone, Ziehharmonikas und Phantasiewaren aller Art. Unter den letzteren war ein Teller, der auf einem Untersatz stand, in mehreren Dutzend vor-handen. »Was ist das?« fragte ich. Der Neger verschob einen Hebel am Untersatz, und alsbald ließ sich eine kleine Spieldose hören! »Mit diesem Gegenstand mache ich die besten Geschäfte«, sagte er mir. »Alle Frauen in der Umgebung wollen einen solchen Teller haben und plagen ihren Mann, bis er das Geld dazu verdient hat.«

Gewiß können Steuern und gesteigerte Bedürfnisse die Neger mehr zum Arbeiten bringen, als sie es sonst täten, aber eine wirkliche Erziehung zur Arbeit findet dadurch nicht oder nur im geringen Maße statt. Der Neger wird geldgierig und genußsüchtig, aber nicht zuverlässig und gewissenhaft. Wo er in Dienst geht, denkt er nur daran, mit einem Mindestmaß von Arbeit möglichst viel Geld zu holen. Er leistet nur etwas, solange der Arbeitgeber dabei steht.

Letzthin hatte ich Tagelöhner, um eine neue Hütte beim Spital zu bauen. Kam ich am Abend, so war nichts geschafft. Als ich mich am dritten oder vierten Tag erzürnte, sagte mir einer der Schwarzen, der nicht einmal einer der Schlechtesten war: »Doktor, schrei nicht so mit uns. Du bist ja selber schuld daran. Bleib bei uns, dann schaffen wir. Aber wenn du im Spital bei den Kranken bist, sind wir allein und tun nichts.«

Mit der Steigerung der Bedürfnisse ist etwas, aber nicht viel erreicht. Ständiger Arbeiter wird das Naturkind nur in dem Maße, als es aus einem Freien zu einem Unfreien wird. Dies kann von verschiedenen Seiten versucht werden. Zunächst kommt es darauf an, dem Neger für einige Zeit die Rückkehr ins Dorf abzuschneiden. Die Pflanzer und die Waldbesitzer dingen grundsätzlich keine Arbeiter aus der Umgegend, sondern werben von weither, aus fremden Stämmen junge Leute an und bringen sie zu Wasser hierher. Diese Verträge sind von der Regierung ausgearbeitet und, wie vieles in der hiesigen Kolonialverwaltung, zweckmäßig und human gedacht. Am Ende der Woche soll der Arbeiter immer nur die Hälfte des Lohnes ausgezahlt bekommen. Der Rest wird zurückgelegt und ihm ausgehändigt, wenn das Jahr herum ist und der Weiße ihn wieder heim-befördern muß. Damit soll vermieden werden, daß er das Verdiente so schnell verausgabt, als er es erwirbt, und dann mit leeren Händen in die Heimat zurück-kommt. Die meisten dieser Männer verdingen sich, um das Geld zum Kaufe einer Frau zusammenzubekommen.

Und das Resultat? Die Leute müssen das Jahr aushalten, weil sie keine Möglichkeit haben, in ihr Dorf zurück-zukehren. Aber wirklich brauchbare Arbeiter sind wenige von ihnen. Viele leiden an Heimweh. Andere können die ungewohnte Kost – sie müssen, da frische Lebensmittel fehlen, oft mit Reis genährt werden – nicht ertragen. Die meisten von ihnen ergeben sich dem Schnapsgenuß. Geschwüre und Krankheiten verbreiten sich leicht unter den in Hütten kasernierten, eng aufeinanderwohnenden Menschen. Trotz aller Vor-sichtsmaßregeln vertun sie ihren Lohn, sowie der Kontrakt abgelaufen ist, und kommen gewöhnlich so arm nach Hause, als sie gegangen sind.

Das Tragische ist eben, daß die Interessen der Kultur und der Kolonisation sich nicht decken, sondern in vielem in Antagonismus zueinander stehen.

Wie sieht es mit der erzieherische Wirkung des viel diskutierten Arbeitszwanges von seiten der Regierung aus?

Jeder Eingeborene, der nicht ein dauerndes, eigenes Gewerbe ausübt, soll sich, auf Befehl des Staates, so und so viel Tage im Jahr in den Dienst eines Kaufmanns oder Pflanzers stellen müssen. Am Ogowe haben wir keinen Arbeitszwang. Das Prinzip der Kolonialverwaltung von Gabun ist, möglichst ohne solche Maßnahmen auszu-kommen. In Deutschafrika, wo der Arbeitszwang in humaner und zugleich zielbewußter Art gehandhabt wird, soll er nach den einen gute, nach den andern schlechte Resultate geben.

In Kamerun ist der Urwald durch ein ausgezeichnet unterhaltenes Wegenetz durchzogen, das dem Handel sehr zugute kommt und die Bewunderung aller fremden Kolonisten bildet. Geht diese große Arbeit aber nicht auf Kosten der Bevölkerung und ihrer vitalen Interessen? Daß man dort schon so weit ist, Weiber zur Fronarbeit für die Unterhaltung der Wege heranzuziehen, gibt mir zu denken.

Neben dem Arbeiterproblem gibt es noch das Problem der Emanzipation. An sich wäre es nach meiner Mei-nung unnötig, daß Eingeborene aus den primitiven Völ-kern eine weitgehende Schulbildung erhalten. Der An-fang der Kultur ist hier nicht das Wissen, sondern das Handwerk und der Landbau, durch die erst wirtschaft-liche Bedingungen für die höhere Kultur geschaffen werden können. Aber die Regierung und der Handel brauchen auch Eingeborene mit ausgedehnten Kennt-nissen, um sie in der Verwaltung und den Faktoreien zu verwenden. Also müssen die Schulen ihre Ziele viel höher stecken, als normal ist, und Leute heranbilden, die das komplizierte Rechnen verstehen und tadellos in der Sprache der Weißen schreiben können. Bei der hervorragenden Intelligenz mancher Eingeborenen sind die Resultate, was die Kenntnisse angeht, hervorragend. Letzthin kam ein schwarzer Schreiber von der Regie-rung zu mir, während gerade ein Missionar bei mir war. Nach seinem Weggang sagten der Missionar und ich zueinander: »Mit dem möchten wir im Aufsatzschreiben nicht konkurrieren.« Sein Vorgesetzter gibt ihm die schwersten Schriftstücke zum redigieren und kompli-zierte Statistiken auszuarbeiten und erhält immer tadel-lose Arbeiten abgeliefert.

Aber was wird aus diesen Menschen? Sie sind aus dem Dorfe entwurzelt, genau wie die andern, die in die Frem-de in Arbeit gehen. Sie leben auf den Faktoreien, fortge-setzt der für Eingeborene so naheliegenden Gefahr des Betrügens und des Alkoholtrinkens ausgesetzt. Wohl ver-dienen sie viel. Aber da sie alle Lebensmittel um teures Geld kaufen müssen und zudem noch mit der gewöhnlichen Verschwendungssucht der Schwarzen be-haftet sind, so befinden sie sich immer in Geldver-legenheit und oft in Not. Sie gehören nicht mehr zu den gewöhnlichen Negern und doch nicht zu den Weißen, sondern bilden ein Mittelding zwischen beiden. Letzthin sagte der eben erwähnte schwarze Schreiber der Regie-rung zu einer Missionarsfrau: »Ach, wir Intellektuellen unter den Eingeborenen sind doch übel dran. Die Frau-en von hier sind zu ungebildet, um Lebensgefährtinnen für uns abzugeben. Man sollte für uns Frauen aus den vornehmen Ständen von Madagaskar importieren.« [Die einheimische Oberschicht von Madagaskar hatte bereits eine westlich orientierte Kultur als das Land 1895 von Frankreich erobert wurde.] Die Deklassierung nach aufwärts ist das Unglück vieler von den besten der Eingeborenen.

Soziale Problem werden auch durch die europäische Einfuhr geschaffen. Früher übten die Neger eine Reihe von Handwerken aus: sie schnitzten gediegene Haus-geräte aus Holz, sie verfertigten vorzügliche Schnüre aus Rindenfasern und was dergleichen mehr ist. Am Meer gewannen sie Salz. Diese und andere primitive Handwerke sind durch die Waren, die der europäische Handel in den Urwald einführt, vernichtet. Der billige Emailtopf hat den gediegenen, selbstverfertigten Holz-eimer verdrängt. Um jedes Negerdorf herum liegen Haufen solchen verrosteten Geschirrs im Gras.

Die soziale Gefahr, die die Einfuhr von Schnaps bedeu-tet, ermißt man erst, wenn man liest, wieviel Schnaps in manchen Hafenorten Afrikas im Jahre auf den Kopf der Bevölkerung kommt, und wenn man in den Dörfern gesehen hat, wie die kleinen Kinder sich mit den Alten betrinken. Hier am Ogowe sind Beamte, Kaufleute, Missionare und Häuptlinge darüber einig, daß die Schnapseinfuhr verboten werden sollte. Warum wird sie aber nicht verboten? Weil der Schnaps ein guter Zollartikel ist. Was er jährlich an Eingangszoll einbringt, ist eine der größten Einnahmen der Kolonie. Fiele sie weg, so wäre Defizit im Budget. Bekanntlich sind die Finanzen der afrikanischen Kolonien aller Staaten nichts weniger als glänzend. Der Zoll auf Schnaps hat zudem noch die gute Eigenschaft, daß man ihn jedes Jahr erhöhen kann, ohne das darum ein Liter weniger getrunken wird. Die Sache steht also hier wie in den anderen Kolonien so, daß die Verwaltung sagt: »Den Schnaps abschaffen? Sehr gerne. Lieber heute wie morgen. Nur gebt mir zuerst an, mit was ich den damit entstehenden Ausfall im Budget decken soll?« In dieser Hinsicht aber können ihr auch die größten Alkohol-gegner keinen brauchbaren Vorschlag machen. Wann wird ein Ausweg aus diesem sinnlosen Dilemma gefunden werden?

Eine schwere soziale Frage bildet die Polygamie. Wir kommen hierher mit dem Ideal der Monogamie. Die Missionare kämpfen mit allen Mitteln gegen die Poly-gamie und verlangen mancherorts von der Regierung, daß sie sie durch Gesetze verbiete. Andererseits müssen wir uns alle hier eingestehen, daß sie auf das innigste mit den gegebenen wirtschaftlichen und sozialen Zu-ständen zusammenhängt. Wo die Menschen in Bambus-hütten hausen und die Gesellschaft noch nicht so orga-nisiert ist, daß eine Frau ihr Leben durch selbständige Arbeit verdienen kann, ist für die unverheiratete Frau kein Platz. Vorraussetzung aber für die Verheiratung aller Frauen ist die Polygamie.

Weiter: im Urwald gibt es keine Kühe und keine Milchziegen. Also muß die Mutter ihr Kind lange an der Brust nähren, wenn es nicht zugrunde gehen soll. Die Polygamie wahrt das Recht des Kindes. Nach der Geburt hat die Frau das Recht und die Pflicht, drei Jahre lang nur ihrem Kinde zu leben. Oft verbringt sie diese Zeit zum großen Teil bei ihren Eltern. Nach drei Jahren findet das Fest der Entwöhnung statt, und sie kehrt wieder als Gattin in die Hütte ihres Mannes zurück. Dieses Leben für das Kind ist aber nur denkbar, wenn der Mann unterdessen eine andere oder andere Frauen hatte, um den Haushalt und die Pflanzungen zu versorgen.

Noch eins. Es gibt bei den Naturvölkern keine unver-sorgten Witwen und keine verlassenen Waisen. Der nächste Verwandte erbt die Frau des Verstorbenen und muß sie und ihre Kinder erhalten. Sie tritt in die Rechte seiner Frau ein, wenn sie auch nachher mit seiner Genehmigung einen anderen heiraten kann.

Bei den primitiven Völkern an der Polygamie rütteln heißt also, den ganzen sozialen Aufbau ihrer Gesell-schaft ins Wanken bringen. Dürfen wir dies, ohne zugleich imstande zu sein, eine neue, in die Verhältnisse passende soziale Ordnung zu schaffen?

Ein Wort zum Schluß über die Beziehungen von Weiß und Farbig. In welcher Art mit dem Farbigen verkehren? Soll ich ihn gleich, soll ich ihn als unter mir stehend behandeln?

Ich soll ihm zeigen, daß ich die Menschenwürde in jedem Menschen achte. Diese Gesinnung soll er an mir spüren. Aber die Hauptsache ist, daß die Brüderlichkeit geistig vorhanden ist. Wieviel sich davon in den For-meln des täglichen Verkehrs auszudrücken hat, ist eine Frage der Zweckmäßigkeit. Der Neger ist ein Kind. Ohne Autorität ist bei einem Kinde nichts auszurichten. Also muß ich die Verkehrsformel so aufstellen, daß darin meine natürliche Autorität zum Ausdruck kommt. Dem Neger gegenüber habe ich dafür das Wort geprägt: »Ich bin dein Bruder; aber dein älterer Bruder.«

Freundlichkeit mit Autorität zu paaren, ist das große Geheimnis des richtigen Verkehrs mit den Eingebo-renen. Einer der Missionare, Herr Robert, schied vor einigen Jahren aus dem Verbande der Mission aus, um unter Negern ganz als Bruder zu leben. Er baute sich ein kleines Haus bei einem Negerdorfe zwischen Lamba-rene und N’Gômô und wollte als zum Dorf gehörig betrachtet sein. Von jenem Tage an war sein Leben ein Martyrium. Mit der Aufgabe der Distanz zwischen Weiß und Farbig hatte er den Einfluß verloren. Sein Wort galt nicht mehr als »Wort des Weißen«, sondern er mußte mit den Negern über alles lange diskutieren, als wäre er ihresgleichen.

Wenn mir Missionare und Kaufleute, ehe ich nach Afrika kam, davon sprachen, daß man hier sehr auf die äußerliche Aufrechterhaltung der Autoritätsstellung des Weißen bedacht sein müsse, kam mir dies kalt und unnatürlich vor, wie jedem, der in Europa davon hört und liest. Hier aber habe ich eingesehen, daß die größte Herzlichkeit sich mit dieser Wertlegung auf Formen verbinden könne, ja mit ihr erst möglich wird.

Ich rede nicht davon, daß in die Kolonien aller Völker viele untaugliche und auch nicht wenige unwürdige Menschen hinausgehen, sondern komme auf die Tat-sache zu sprechen, daß auch die sittlich Tüchtigen und die Idealisten Mühe haben, hier das zu sein, was sie sein wollen. Wir alle verbrauchen uns hier in dem furcht-baren Konflikte zwischen dem europäischen Arbeits-menschen, der Verantwortungen trägt und nie Zeit hat, und dem Naturkinde, das Verantwortlichkeit nicht kennt und immer Zeit hat. Der Regierungsbeamte soll am Ende des Jahres mit den Eingeborenen so und so viel Leistung an Bau und Unterhaltung von Wegen, an Trä-ger- und Ruderdiensten und an abgelieferten Steuern erzielt haben. Der Kaufmann und der Pflanzer müssen der Gesellschaft so und so viel Gewinn für das in den Unternehmen steckende Kapital herauswirtschaften. Dabei haben sie es immer und immer mit Menschen zu tun, die an der auf ihnen lastenden Verantwortung nicht teilnehmen, sondern nur gerade so viel leisten, als der andere aus ihnen herauszuholen vermag, und beim ge-ringsten Nachlassen seiner Aufmerksamkeit nach ihrer Laune handeln, ohne Rücksicht auf den Schaden, der ihm erwachsen kann. In diesem täglichen, stündlichen Konflikt mit dem Naturkind läuft jeder Weiße Gefahr, nach und nach geistig zugrunde zu gehen.

An einem neuangekommenen Holzhändler hier hatten meine Frau und ich große Freude, weil er in den Ge-sprächen, die wir führten, immer für die Humanität den Eingeborenen gegenüber eintrat und nicht die geringste Mißhandlung seiner Arbeiter durch die Aufseher dul-dete. [Es folgt die Beschreibung eines schweren wirt-schaftlichen Rückschlages des Holzhändlers, hervorge-rufen durch schwerste Versäumnisse seiner schwarzen Aufseher und Arbeiter, denen er vertraut hatte.] Man war leichtsinnig gewesen, weil man ihn [den Holzhänd-ler] nicht genug gefürchtet hatte. Diese Erfahrung hat ihn ganz verändert. Jetzt spottet er über die, die meinen, man könne mit den Eingeborenen ohne unnachsich-tige Härte etwas erreichen.

Je größer die Verantwortungen, die auf einem Weißen lasten, desto größer die Gefahr, daß er den Eingebore-nen gegenüber hart wird. Wir von der Mission sind zu leicht geneigt, den anderen Weißen gegenüber in Selbstgerechtigkeit zu verfallen. Weil wir am Ende des Jahres nicht die und die materiellen Resultate mit den Eingeborenen erreicht haben müssen, wie Beamte und Kaufleute, ist der Kampf, in dem der Mensch sich ver-braucht, für uns weniger schwer als für sie. Ich wage nicht mehr zu richten, seitdem ich die Psyche des Weißen, der hier materiell etwas ausrichten muß, an solchen, die bei mir krank lagen, kennenlernte und mir ein Ahnen davon aufging, daß Männer, die jetzt lieblos über den Eingeborenen reden, einst als Idealisten nach Afrika kamen und in den alltäglichen Konflikten dann müde und mutlos wurden und das, was sie geistig be-saßen, Stück für Stück verloren.«

Soweit diese gekürzte, erstklassige Darstellung Albert Schweitzers von 1914 über die sozialen Verhältnisse der einheimischen Bevölkerungen in den europäischen und somit auch den deutschen Kolonien Äquatorial-afrikas.  

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Eigenheiten der tropischen Kolonialwelt

Deutsch Afrika, wie das deutsche Kolonialreich in Afrika zuweilen genannt wird, und die deutsche Welt im Pazifik haben aufgrund ihrer tropischen Natur viele Gemeinsamkeiten. Das sind etwa Kolonien sehr bissiger Ameisen, die in Büschen und Gewächsen hausen und beim unachtsamen Berühren der im Blattwerk stek-kenden Kolonie sofort zum Angriff auf den Menschen übergehen. Dem tropenunerfahrenen Weißen, der die-se Ameisenkolonien im Pflanzenwerk nicht vermutet, können sie sehr unangenehme Bisse verpassen. Auch Tropenkrankheiten wie Malaria und Durchfallerkran-kungen sind häufige Begleiter der Weißen wie auch der Farbigen. Auf der anderen Seite können die Tropen ein Traum an Landschaften und Eindrücken sein. Und nächtliche Begegnungen mit Glühwürmchen, zuweilen in Schwärmen fliegend, bezaubern Herz und Seele. Die Palmenhaine der Kokosplantagen sind ein unvergeß-licher Anblick. In den Vollmondnächten in den Tropen sind die Palmen und die tropische Vegetation in ein silbernes Licht eingetaucht, das unvergleichlich ist. Das elektrische Licht, das in der westlichen Welt auf dem Vormarsch ist, trübt diesen Anblick noch nicht.

Tropischer Regen ist eine weitere Besonderheit vieler Kolonien. Ein deutscher Kolonialbeamter, Werner von Rentzell, beschreibt einen tropischen Wolkenbruch in Togo:

»Der Berg hüllte sich in eine dunkle Wolke, und dann trommelte es unaufhörlich auf das Blätterdach, als schütteten unsichtbare Hände scheffelweise Erbsen auf eine Tenne.

Der Wald kochte. Die ganze Atmosphäre glich im Hand-umdrehen einer über und über mit heißen Dämpfen gesättigten Badestube. In Strömen brach der Schweiß aus den Poren, reißende Gißbäche spülten über die Fels-platten und rissen uns die Füße unter dem Körper fort.

Kurzum, die ganze Misere eines Marsches in der Regen-zeit, nur unter erheblich erschwerten Umständen, war wie ein rächendes Verhängnis unvorbereitet über uns hereingebrochen.

Liebevoll, als genösse ich die Wonnen eines Sturzbades, schmiegte sich meine Kleidung um den Körper. Bei je-dem Schritt jankte ein Strom von Wasser aus den Schäf-ten meiner Schnürstiefel, während die Last meines wie ein Schwamm vollgesogenen Korkhelmes, sich wuchtig in die Stirn schob, mich so die Qualen der armen Teufel von Trägern ahnen lassend.«   

Eine Sonderbarkeit sind die Grabstellen von Weißen, die in vergangenen Jahrzehnten hauptsächlich an Krankheiten ihr Ende gefunden haben, und irgendwo an unvermuteter Stelle findet der nun vorbeikommende Weiße solch eine letzte Ruhestätte. Die Geschichten der weißen Abenteurer, Kolonisten, Pflanzer, Missionare, Händler, Seeleute, Forscher und mitunter auch un-rühmlicher Gestalten gehen mit dem Zuwachsen und Verschwinden der Gräber meist auch verloren.

Auch die regulären Friedhöfe der Weißen in den Kolo-nien füllen sich. Die weißen Bewohner sind noch viel zu jung, um an Altersschwäche zu sterben. Sie gehen an allen möglichen Tropenkrankheiten zu Grunde, neben denen, die das Zeitliche durch Unfall und andere Todesarten wie Mord durch Eingeborene und Unglücks-fälle mit Tieren gesegnet haben.

Ein Bezirksleiter in Togo, Werner von Rentzell, be-schreibt die Beerdigung eines jungen Deutschen in Kete-Kratschi:

»In aller Eile zimmerte man aus alten Bier- und Selter-wasserflaschenkisten einen sargartigen Behälter. Müh-te sich, so gut es ging, seinen abgezehrten Körper hi-neinzuzwängen. Dann ging es hinaus, die paar Schritte, dorthin, wo die anderen lagen. Unmittelbar hinter den letzten Eingeborenenhütten, am Rande der nach Misa-höhe führenden Straße, hatte man ein Loch in den spröden Boden geschaufelt. Der „Sarg“ verschwand. Der europäische Unteroffizier ließ die üblichen Salven hin-ter ihm dreinfeuern… Und dann war der ganze Rummel erledigt. In zwei Jahren wußte kein Mensch mehr etwas von ihm.«

Eine überall in den Tropen vertretene Krankheit ist die Malaria, die auch praktisch jeden Weißen befällt. Jeder hat nach seiner Konstitution einen anderen Krankheits-verlauf. Unberechenbar in Heftigkeit und Dauer haben die einen in regelmäßigen Abständen ihre Fiebertage, während andere in jährlichen Abständen schwere An-fälle durchmachen und danach wochenlange Erholung brauchen. Wirklich schlimm wird es, wenn aus der Malaria Schwarzwasserfieber wird, das zu 90 % tödlich ist. Schwarzwasserfieber ist eine Haupttodesursache für die Weißen in den Tropen. Gegen die Malaria hilft sehr wirksam Chinin, das aus der Rinde eines Tropenbaumes gewonnen wird und regelmäßig geschluckt werden soll als Vorbeugung. Ansonsten hilft nur ein Moskitonetz gegen die Mücken, die die Malaria übertragen.

Viele der Bewohner der Kolonien haben Zeitverträge, meist auf zwei oder drei Jahre, und gehen dann zurück nach Deutschland, wenn sie nicht schon vorher, meist aus gesundheitlichen Gründen, die Kolonien wieder verlassen. Nur wenige verlängern ihre Verträge. Zu den Vertragsarbeitern gehören etwa Plantagenaufseher, Beamte, Offiziere, Eisenbahn- und Hafenbaupersonal und Krankenschwestern.

Zu den Bewohnern oder zeitweisen Bewohnern der Kolonien gehören auch so ziellose Gestalten wie in Peter Moors Fahrt nach Südwest eine beschrieben ist, die Moor alias Michaelsen 1904 in Deutsch Süd-westafrika getroffen hat. Michaelsen über den Nürn-berger:

»Fünfzehnjährig war er wegen seines Stiefvaters aus der Heimat gegangen und war seitdem unruhig durch die Welt gewandert. Als Steward war er von Bremen aus nach Südamerika gefahren, war quer hindurch nach Chile gekommen, hatte Samoa gesehen und hatte in San Franzisko Kellner gespielt. Dann war er in die Marine der Vereinigten Staaten eingetreten; doch nicht auf lange. Einige hundert Mark, die er in der Tasche hatte, hatten ihn verleitet, von New Orleans nach Australien zu fahren, um Gold zu graben; er hatte aber wenig oder nichts gefunden. Als Australien gegen die Buren [Krieg Englands gegen die Buren in Südafrika 1899-1902] Frei-willige stellte, war auch er hinübergefahren, als Trim-mer, aber um den Buren zu helfen. Er war gefangen genommen und hatte auf Ceylon böse Tage erlebt. Von da war er nach Kapstadt zurückgekehrt und war auf die erste Nachricht vom Aufstand in unserer Kolonie [Deutsch Südwestafrika] als Kriegsfreiwilliger einge-treten. Es gibt, glaube ich, nicht wenige Deutsche, die so unruhig und wirr und gutmütig dumm durch die Welt wandern. Ihr ganzes Leben geht damit hin, wahllos ei-nem ersten Einfall ihres unruhigen, haltlosen Gemütes zum Rechten oder Verkehrten nachzulaufen und nach getanem Lauf ohne Nachdenken oder gar Reue sich auf ein anderes Ziel, das eben gerade in ihr Gesichtsfeld kommt, zu stürzen.«

Die Kleidung der Europäer in den städtischen Ansied-lungen in den Tropen sind schnee- oder blütenweiße Anzüge und bei Feierlichkeiten trotz Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit sogar mit Schlips und Kragen. Die einzige Erleichterung ist der Stoff aus leichter Baum-wolle. Unter diesen Umständen muß praktisch täglich ein neu gewaschener Anzug angezogen werden und Wäsche waschen ist eine Hauptbeschäftigung der far-bigen Bediensteten.      

Ein Grundthema geht durch alle deutschen Kolonien: Das Saufen. Verglichen mit dem Alkoholkonsum in Deutschland ist der durchschnittliche Verbrauch von Alkohol in den Kolonien deutlich höher. In der Deutschen Kolonialzeitung vom 22. März 1913 steht, daß sich »bei Zugrundelegung nur der erwachsenen Männer für die weiße Bevölkerung in Deutsch-Ostafrika und Kamerun ein fast dreimal so hoher Branntweinkonsum, in Südwestafrika ein um 50 Prozent höherer Bierkon-sum als in Deutschland ergibt«.

Ein Grund für die Besäufnisse der Männer ist zweifellos der Mangel an Frauen. Ein anderer der oft geringe soziale Kontakt mit anderen Weißen während Wochen und Monaten auf einsamen Farmen, abgelegenen Verwaltungsposten und sonstigen von der Welt fernen Orten. Dazu sind die Unterhaltungsmöglichkeiten in den Kolonien weit geringer als in der Zivilisation. Zeit-schriften, Kino, Musik, Kunst, Sport, Vereine, Feste und andere in Deutschland übliche Freizeitbeschäftigungen gibt es überhaupt nicht oder in nur weit geringerem Maße in den städtischen Siedlungen der Schutzgebiete.

Ein Offizier eines deutschen Kolonialkriegsschiffes schreibt: »Als Neulinge in den Tropen hatten wir nicht bedacht, daß das Anschluß- und Mitteilungsbedürfnis und, wie es uns vorkam, auch der Durst bei einem Tropengast im Verhältnis zu seiner Vereinsamung und Abgeschlossenheit von den Stätten der Zivilisation rapide wuchs. Man kann es ja schließlich verstehen, und nie-mand hat es ihm bei uns verdacht, wenn ein Farmer, der uns tagelang auf seiner am Rande des Urwaldes an der Südküste Javas gelegenen Kaffeeplantage als Jagd-gäste auf Büffel, Panther, Affen, Wildschweine und fliegende Hunde bewirtet hatte, sich dann dreimal vierundzwanzig Stunden lang in unserer Messe ein-geladen fühlte, weil er sich einfach nicht von unserer Eismaschine trennen konnte, die jedes Glas Whisky oder Bier zu einem langentbehrten Genuß machte.«

Zu den Mißhelligkeiten des Koloniallebens zählt auch der Tropenkoller, wie er allgemein genannt wird. Doch der Tropenarzt Dr. Carl Anton Mense schreibt in seinem 1902 in Berlin erschienenen Buch Tropische Gesund-heitslehre und Heilkunde dazu:

»Ich habe eine Krankheit, welche in den Tagesblättern bei allen Mordgeschichten aus den Kolonien eine große Rolle spielt, den Tropenkoller, nie und nirgends vorge-funden. Es gibt keinen Zustand, der die Aufstellung eines solchen Krankheitsbegriffes rechtfertige. Der Tro-penkoller ist von Laien, von Nichtmedizinern, eigens erfunden worden, um je nach der Parteien Haß oder Gunst als belastendes oder entlastenden Moment ver-wertet zu werden. Menschen mit lebhaftem Tempera-ment gibt es ja unter den in fernen Kolonialländern weilenden Europäern verhältnismäßig viele, denn der ruhige Durchschnittsmensch bleibt lieber im behagli-chen Heimatlande. Für schwache Charaktere ist drüben unter den Palmen die Gelegenheit, aus dem morali-schen Gleichgewicht zu geraten, größer als in Europa, wo das Auge des Gesetzes und der Gesellschaft wacht und die gute Sitte dem Lebenswandel enge Schranken zieht. Dieselben Menschen aber, welche dem sogenann-ten Tropenkoller verfallen, werden überall, selbst am Nordpol, zu Ausschreitungen geneigt sein, sobald die aus tausend Rücksichten gewebte Zwangsjacke der Kul-tur gelockert wird.«

Ein ständiger Reibungspunkt zwischen Weißen und Farbigen ist die Arbeitsmoral. Die Weißen, und insbe-sondere die Deutschen, haben ihre Vorstellung von Arbeit und pünktlichem Erscheinen zur Arbeit, die häu-fig ganz im Gegensatz zu dem Verständnis von Arbeit bei den Farbigen steht, die von den Weißen zur Arbeit angeworben werden. Hintereinander-weg-stundenlang-etwas-tun und Arbeitspensum ist den meisten völlig unverständlich, insbesondere wenn die Einheimischen wie etwa in Neuguinea und der umliegenden Inselwelt unmittelbar aus der Steinzeit in europäische Arbeits-verhältnisse kommen. Die Weißen sehen die Farbigen meist einfach als faul an, weil sie als Arbeitskräfte nicht funktionieren wie sie es erwarten, auch weil sie kein Verständnis für die Kultur der farbigen Untertanen aufbringen. Zum Beispiel ist die Verteilung der Arbeit zwischen Mann und Frau oft ganz anders geregelt wie bei den Europäern und jetzt sollen Männer als Arbeiter in ihrem Verständnis Frauenarbeit verrichten. Und feste Arbeitszeiten sind ihnen völlig unbekannt.

Der Missionar Christian Keyßer schreibt über Pünkt-lichkeit und sofort etwas tun bei den Eingeborenen in Deutsch Neuguinea:

»Sofort, prompt aufs Wort etwas tun, wie es der Weiße verlangt, ist deshalb den Eingeborenen etwas ganz Neues und Unfaßbares. ‚Warum denn’ fragt er ganz erstaunt. – ‚Wenn dich der Weiße ruft, und du läufst nicht sofort, dann schlägt er dich,’ teilt ein schwarzer Arbeiter seinem neu angekommenen Kameraden mit. ‚Warum denn?’ fragt dieser überrascht. ‚Ja das weiß ich auch nicht. Die Weißen sind eben so, also richte dich danach.’«

Allgemein kann man aber sagen, daß die Einheimischen sich in dem neuen Arbeitsumfeld der Weißen schnell eingewöhnen, weiterhin von den Weißen aber als grundsätzlich faul angesehen werden.


Die riesigen Landflächen unter deutscher Kolonialherr- schaft werden bei der geringen Anzahl von Weißen dort oft selten oder nie von einem Europäer gesehen und betreten. Viele der Weißen wohnen in Plantagen, Siedlungen und Städten und sehen sonst fast nichts vom Land. Nur wenige Weiße durchstreifen die Kolonien. So Wissenschaftler, Offiziere, Beamte und Missionare bei der Erkundung des Landes und Großwildjäger und Wildfänger für die Belieferung von Zoos mit Tieren. Schließlich sind auch Ärzte bei der Bekämpfung von Tropenkrankheiten und Vermessungstrupps für Eisen-bahnbauten und Straßen und Trupps für die Verlegung von Telefon- und Telegraphenkabeln in den Kolonien unterwegs. Mit dem Voranschreiten des Ausbaus der Verkehrswege finden sich auch mehr Weiße im Inneren der Kolonien.

Eine besondere Schwierigkeit im Verhältnis der Einge-borenen zu ihren deutschen Herren ist das Verständi-gungsproblem. Bei den vielen hundert Sprachen in den Kolonien sind die deutschen Beamten, aber auch die Offiziere, Missionare und alle anderen im Lande tätigen Weißen, auf Dolmetscher angewiesen. Aber wie gut die Dolmetscher übersetzen, und ob sie nicht absichtlich ihre besondere Position für ihre eigenen Zwecke be-nutzen oder durch kulturelle Zwänge gezwungen sind „falsch“ zu übersetzen, ist für den Deutschen vor Ort nicht einzuschätzen. Durch diese Sprachschwierigkeiten kommt es oft genug zu Mißverständnissen, die  mit schlimmen Folgen enden können, zuweilen aber auch mit tragischem Ausgang.

Im Laufe der Jahre bessert sich das Sprachenproblem auch durch Sprachausbildung der Beamten und die Benutzung und Verbreitung von einfachen Sprachen durch die deutsche Verwaltung wie etwa Pidgin-English in Neuguinea und Kisuaheli in Ostafrika.

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Einführung

Der Zeitraum von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg ist für diese Betrachtung des deutschen Kolo-nialreiches gewählt, weil einerseits zur Jahrhundertwen-de die tatsächliche Herrschaft durch die deutsche Ver-waltung in den riesigen Kolonien weitgehend durchge-setzt ist, nicht zuletzt durch Kriegszüge gegen einhei-mische Herrscher, die sich der deutschen Herrschaft widersetzten; nicht anders ist es in den Überseegebieten der anderen Kolonialmächte, die ebenfalls ihren Herr-schaftsanspruch mit militärischen Mitteln durchsetzen. Andererseits setzt zur Jahrhundertwende die moderne Nutzung der Kolonien ein mit der wissenschaftlichen Bearbeitung der Kolonien durch das von Wirtschaft und Wissenschaft 1896 gegründete Kolonialwirtschaftliche Komitee. Die Erschließung der Kolonien wird nun auch von der bisher wenig interessierten deutschen Wirt-schaft und der Regierung in Berlin selbst vorange-trieben. Im Jahr 1900 wird Oscar Stübel Direktor der Kolonialabteilung und beginnt mit Reformansätze in den Schutzgebieten, nachdem bereits einer seiner Vor-gänger, Paul Kayser, Direktor der Kolonialabteilung von 1890 bis 1896, einige wichtige Reformen in den Kolonien durchgesetzt hatte, unter anderem auch den Bau von modernen Krankenhäusern in den Kolonien.

Das wichtigste Ereignis in der Phase des gezielten Aufbaus der Kolonien sind schließlich die Kolonial-kriege 1904/05 in Deutsch Südwestafrika und Deutsch Ostafrika, den beiden größten deutschen Kolonien. Eben auch die Fehler in der Kolonialpolitik, durch die diese Kriege mit ausgelöst wurden, sind für die Neuorien-tierung in der deutschen Kolonialpolitik seit 1904 sehr bedeutsam. Mit der 1905 geplanten Errichtung eines Kolonialministeriums, und einer neuen Wirtschafts-politik in den Kolonien fängt, eine neue Zeit für das deutsche Kolonialreich an. Mit der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands, die nun auch eingesetzt wird für größere staatliche Investitionen in die Infrastruktur der Kolonien, beginnt endgültig die Blütezeit der Kolonien.

Mit der Übergabe der Kolonialabteilung im September 1906 an Bernhard Dernburg, keinem Bürokraten oder Militär, sondern einem Fachmann aus der Wirtschaft, und der Aufwertung seiner Abteilung zum Ministerium im Mai 1907, ist eine bedeutende Wende der gesamten deutschen Kolonialpolitik eingetreten, die zu einer schnellen Aufwärtsentwicklung der Kolonien führt. Diese Aufwärtsentwicklung hält bis zum August 1914 an als durch den englisch-französisch-russischen Angriffs-krieg auf Deutschland die große Zeit der Kolonialära durch den Weltkrieg für alle großen Kolonialmächte zu Ende geht.

Im Jahre 1900 gibt es acht deutsche Kolonien, davon vier in Afrika, eine Kolonie in Asien und drei im Pazifik. 1906 verringert sich diese Zahl auf sieben, weil die Marshall-Inseln der Kolonie Deutsch Neuguinea zugeschlagen werden. Die Beschreibung der Verhältnisse in den ein-zelnen Kolonien geht den Weg von der von Deutschland aus gesehen nächstgelegenen deutschen Kolonie – Togo an der westafrikanischen Küste – , weiter nach Kamerun und Südwestafrika und wechselt dann zum Indischen Ozean mit Deutsch Ostafrika, geht weiter zum asiati-schen Festland mit der Kolonie Kiautschou an der chinesischen Küste und zieht schließlich in den Pazifik mit zunächst der Kolonie Deutsch Neuguinea mit den Besitzungen Kaiser-Wilhelms-Land auf der großen Insel Neuguinea und der nach Osten vorgelagerten Inselwelt des Bismarck-Archipels, beleuchtet dann den riesigen Seeraum der deutschen Südseeinseln, deren Osten die Kolonie der Marshall-Inseln bildet, und endet mit der am weitesten im Stillen Ozean liegenden deutschen Inselwelt, der Kolonie Samoa.

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Kolonialkriege und koloniale Verbrechen anderer Mächte

Am 29. Dezember 1890 schlachtet die US-Armee an die 300 Indianer in Wounded Knee ab. Es ist das letzte Mas-saker im Krieg der USA gegen die Indianer.

Wounded Knee liegt mitten im Kontinent Nordamerika und dieser Massenmord Ende 1890 ist regelrecht be-zeichnend für die endgültige Eroberung des Kontinen-tes durch die Weißen.

Bericht des Indianers American Horse:

»Eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm wurde erschossen, während sie die Waffenstillstandsfahne be-rührte, und die übrigen Frauen und Kinder wurden durch das ganze Dorf zerstreut. Gleich neben der weißen Fahne wurde eine Mutter mit einem Baby im Arm er-schossen; da das Baby nicht wußte, daß seine Mutter tot war, versuchte es weiter zu trinken, und das war ein besonders trauriger Anblick. Die Frauen, die mit den Kindern zu fliehen versuchten, wurden auf der Flucht erschossen, und schwangere Frauen wurden ebenfalls niedergeschossen. Alle Indianer flohen in drei Richtun-gen, und nachdem die meisten von ihnen getötet wor-den waren, riefen die Soldaten, alle, die noch nicht tot oder verwundet seien, sollten hervorkommen; ihnen werde nichts geschehen. Kleine Jungen, die nicht ver-letzt worden waren, verließen ihre Zufluchtsorte, und sobald sie in Sicht kamen, wurden sie von Soldaten um-ringt und massakriert.«

Bericht des Indianers Black Elk:

»Wir eilten der Schlucht entlang hinab, doch was wir sahen, war furchtbar. Tote und verwundete Frauen, Kin-der und Säuglinge lagen überall auf dem Weg, auf dem sie sich hatten retten wollen. Die Soldaten hatten sie, als sie die Schlucht hinab liefen, verfolgt und dort ermor-det. Zuweilen lagen sie in Haufen, da sie sich zusam-mengedrängt hatten, und überall lagen andere einzeln herum. Da und dort, wo die Kanonen hingezielt hatten, lagen getötete und in Stücke gerissene Menschen in Haufen. Ich sah ein kleines Kind, das an seiner Mutter zu saugen versuchte, doch die Mutter war blutüber-strömt und tot. … Männer und Frauen und Kinder lagen in Haufen oder einzeln auf der Erde am Fuße des klei-nen Hügels, wo die Soldaten ihre Kanonen aufgestellt hatten. Aber gegen Westen hin, die Schlucht hinan bis zu dem Hügelkamm, lagen tote Frauen und Kinder und Säuglinge zerstreut. Als ich dies sah, da wünschte ich, ich wäre auch gestorben, doch bedauerte ich die Frauen und Kinder nicht. Es war für sie besser, in der anderen Welt glücklich zu sein, und ich hätte dort sein mögen.«

20 Soldaten des am Massaker beteiligten Regiments bekommen für ihre Mitwirkung an dem Massaker die Medal of Honor. Die Medal of Honor ist die höchste mili-tärische Auszeichnung der amerikanischen Regierung. Sie wird verliehen für »auffallende Tapferkeit und Furchtlosigkeit bei Lebensgefahr weit über die Pflicht-erfüllung hinaus im Gefecht gegen einen Feind der Vereinigten Staaten«.    

Im ganzen Zweiten Weltkrieg wird die Medal of Honor nur 289 mal verliehen.

In den USA werden um die Jahrhundertwende tausende Schwarze zu Tode gelyncht und kein Staat der Welt, schon gar keine europäische Kolonialmacht, meldet sich über diesen Massenmord an Schwarzen zu Wort.


Die Filipinos haben aus eigener Kraft die Jahrhunderte lange spani­sche Kolonialherrschaft über ihre Inselwelt 1898 bereits schon fast militärisch besiegt als amerika-nische Truppen auf den Philippinen landen. Am 12. Juni 1898 erfolgt die philippinische Unabhängigkeitserklä-rung, welche aber weder von Spanien noch von den USA anerkannt wird. Die US-Militärfüh­rung benutzt die phi-lippinische Befreiungsarmee aber, um den restlichen spanischen Widerstand niederzukämpfen. Am 23. Ja-nuar 1899 kommt es zur Ausrufung der philippinischen Verfassung und zur Gründung der Philippinischen Republik. Die philippinische Regierung nimmt Sitz in Malolos, da Manila aus dem spanisch-amerikanischen Krieg noch unter amerikanischer Besatzung steht. Am 4. Februar beginnt der Angriff der Amerikaner auf die regulären Truppen der Republik der Philippinen.

Auf der Insel Samar gelingt es den philippinischen Truppen am 27. September 1901 bei einem Überfall auf eine Einheit von 88 US-Soldaten 59 zu töten und 23 zu verwunden. Nur sechs amerikanische Soldaten bleiben unverletzt. Dies ist die schlimmste militärische Nieder-lage für die US-Streitkräfte seit der Schlacht am Little Bighorn 1876 gegen Indianer von Sitting Bull und Crazy Horse.

Jacob H. Smith, ein Veteran des Wounded-Knee-Massa-kers der US-Kavallerie an Indianern 1890, ordnet an, die ganze Insel Samar in eine „heulende Wildnis“ zu ver-wandeln: „I want no prisoners. I wish you to kill and burn; the more you kill and burn the better it will please me.“ / „Ich wünsche keine Gefangenen. Ich wünsche, daß ihr tötet und niederbrennt; je mehr getötet und niedergebrannt wird, um so mehr wird es mich erfreu-en.“ Die Kriegsverbrechen von General Smiths Truppen werden erst im März 1902 in den USA bekannt und führen zu einer großer Empörung.

Mit einem Einsatz von 70.000 Soldaten in ei­nem von den USA mit äußerster und abstoßenster Brutalität bis 1902 geführten Krieg wird die Philippinische Republik be-siegt. Eine Million Filipinos kostet der US-Eroberungs-krieg das Leben. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung. Mark Twain schreibt verbittert:

»Wir haben tausende der Inselbewohner be­friedet, in dem wir sie beerdigt haben, ihre Felder zerstörten, ihre Dörfer verbrannten und ihre Witwen und Waisen ver-trieben.«

Carl Schurz, der deutsche Revolutionär von 1848/49, Ge-neral der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg und später von 1877-81 US-Innenminister als welcher er bedeutende Verbesserungen für die Indianer schafft, rät US-Präsident William McKinley die Philippinen als Mandat an eine kleine Macht wie Belgien oder Holland zu geben. McKinley aber behält die sehr blutig eroberte Kolonie und erklärt einer Gruppe von Pfarrern wie die Vereinigten Staaten in den Besitz der Philippinen ge-kommen sind:

“Ich schäme mich nicht Gentlemen, ihnen zu sagen, daß ich nicht nur in einer Nacht auf die Kniee ging und zum allmächtigen Gott betete für Licht und Führung. Und eines nachts kam es mir: Ich weiß nicht wie aber es kam zu mir, daß wir sie nicht an Spanien zurück geben kön-nen. Das wäre feige und unehrenhaft. Daß wir sie nicht Frankreich oder Deutschland überge­ben können – un-seren Handelsrivalen im Orient – das wäre ein schlech­tes Geschäft und entehrend.“


In Madagaskar hat Frankreich bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts allen Widerstand gegen seine Herrschaft gebrochen, bis auf den Stamm der Antandroy im trok-kenen Dornenland im Südosten der großen Insel, der sich nicht unterwerfen will.

Die Franzosen hatten aus Mexiko am Ende des 18. Jahr-hunderts den Feigenkaktus eingeführt und als zusätz-liche Sicherung ihres Forts Dauphin rings um das Fort gepflanzt zum zusätzlichen Schutz gegen Angriffe der Einheimischen. Die stachelige Pflanze wächst im trok-kenen Süden Madagaskars hervorragend und auch die Einheimischen wissen bald den Kaktus zu schätzen als Schutzwall um ihre Dörfer und Rindergehege und als Nahrungslieferant durch seine Früchte. Die Kakteen selbst werden durch abbrennen ihrer Dornen auch ein nahrhaftes und wasserhaltiges Fressen für ihre Rinder in der Trockenzeit. Durch den Segen des Feigenkak-tusses wachsen die Rinderherden der Antandroy und auch ihre eigene Bevölkerungszahl steigt. Weil nun die Franzosen die Antandroy auch mit militärischer Gewalt nicht niederringen können kommen sie auf die Idee den schlimmsten Feind der Feigenkakteen, einen Käfer na-mens Dactylopius coccus, aus Mexiko zu importieren und gegen die Kakteenwälder der Antandroy einzuset-zen, um sie ihrer Nahrungsgrundlage zu berauben. Der Käfer ist ein durchschlagender Erfolg gegen die Antan-droy. Innerhalb kürzester Zeit verschwindet der Feigen-kaktus aus der Landschaft. Einige zehntausend Rinder des Stammes, und wohl kaum weniger Menschen, ver-hungern, verdursten oder müssen aus dem trockenen Dornenland flüchten und der Widerstand der Antan-droy gegen die französische Kolonialherrschaft ist ge-brochen.