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Leben in der Kolonie

Eine Bahnfahrt auf einem offenen Wagen im Februar 1904 auf der Schmalspurbahn von der Hafenstadt Swa-kopmund nach Windhuk tief im Landesinneren be-schrieben von einem gerade aus Deutschland eingetrof-fenen deutschen Soldaten:

»Es ging immer bergan, Stunde auf Stunde. Soweit wir zu beiden Seiten und nach vorne sahen, war nichts als weißgelbe Sanddünen, die zuweilen machtvoll empor-stiegen. Wir standen und hockten und saßen dicht ge-drückt in den kleinen offenen Wagen. Von der drücken-den Hitze immer durstig, waren wir eifrig und sorglos bei unsern Wassersäcken. Wir waren noch so sorglos, daß wir den Kaffee, den wir uns in Swakopmund auf dem Bahnhof gebraut hatten, weggossen, als wir schmeck-ten, daß er sauer wurde. … Am Spätnachmittag wurde an einer Stelle die Neigung so stark, daß der Zug in drei Teile geteilt wurde, damit er so stückweise auf die mäch-tige Höhe käme. Da wir alle Mann nachschoben, kam er glücklich hinauf. Dann ging es wieder etwas rascher wei-ter, immer durch gelbe Sanddünen, immer weiter bergan. Abends erreichten wir die Höhe. Hinter uns lief der abfallende gelbe Sandweg bis zum Meer, das fünfzig Kilometer zurück, unten in der Ferne lag. Dicht vor uns stand ein ungeheueres, schreckliches wildes Gebirge.

Ich hatte niemals ein Gebirge gesehen. Aber nicht allein ich und die anderen Norddeutschen, sondern auch die Bayern staunten. Ganz nah vor uns, und fern und ferner ragten ungeheure nackte Felsen zum blauen Himmel empor. Einige waren von der Abendsonne beschienen und leuchteten hell und hart; andere, der Sonne abge-wandt, drohten finster und fürchterlich, oft dicht über uns. … Wir sahen keinen Strauch, nicht einmal einen Grashalm, und kein Tier. Nur wir Menschen rollten auf unsern knarrenden Wägelein, drollig anzusehen, durch das ungeheure tote Wunderwerk.

Wir hielten an einer kleinen Station, einem kahlen Wellblechhaus, und kochten uns Kaffee und Reis. … Dann ging es mit lautem Getöse, das häßlich und hart widerhallte, in die helle graue Nacht hinein. Es ging im-mer in einem tiefen, schmalen Tal entlang; zu beiden Seiten stiegen hohe Felsen empor. Viele von uns kauer-ten schlaftrunken, andere standen, andere saßen auf dem Wagenrand; jeder hatte seine Wolldecke um sich gelegt. Wir sagten nicht viel. … So brüteten wir müde und hungrig und an den Gliedern zerschlagen. Am wei-ten, klaren Himmel standen auf hellen blauen Grunde unzählige goldblinkende Sterne. Das war wohl ein erha-benes Bild. Doch war es nicht so schön, weder so mäch-tig, noch so ruhevoll, wie in der Heimat. Wir fuhren die ganze Nacht hindurch. Die Nacht war unerfreulich kalt.

Wir fuhren auch noch den größten Teil des andern Ta-ges, der wieder sehr heiß und sonnig war, in den Tälern des schrecklichen, kahlen Gebirges. …

Am Nachmittag kamen wir endlich aus dem Gebirge heraus und kamen auf eine weite Ebene.

Wir machten sehr lange Hälse, als wir herauskamen. Wir meinten, nun endlich, nun wir zuerst die aufstei-genden Dünen, dann das wilde Gebirge hinter uns hat-ten, müßten die wunderschönen Palmenhaine kommen. Aber was wir sahen, war eine weite, weite Hochebene von rötlichgelber Erde, dürftig bestanden mit grobem, gelblichem, trockenem Grase, das Kniehoch wie dünner Roggen wehte. In dem Grase standen verstreut, bald lichter, bald dichter, feste, dornige Büsche, anfangs nur mannshoch, dann drei und vier Meter hoch. Sie standen zuletzt so dicht, daß sie mit den Kronen aneinander stießen. In der Ferne sah man aus dieser weiten, weiten Ebene, ein wenig über der Ebene, hier und da, plötzlich einzelne hohe Bergkegel steil aufsteigen. Einmal, zwei-mal sahen wir vor uns, in weiter, weiter Ferne, ein wenig über der Ebene, in der heißen, zitternden Luft flim-mernd, das, was wir zu sehen begehrten: hohe, frucht-bare Bäume und blaue Flächen wie Wasserteiche. Aber sie verschwanden wieder und waren Nebelbilder.

Obgleich wir mit dem, was wir sahen, lange nicht zufrie-den waren, wurde unsere Stimmung doch etwas besser. Es gab immer etwas zu sehn. Ein fremdes rehartiges Tier jagte in Rudeln durch das lange, wogende, gelbliche Gras; ein unbekannter bunter Vogel, papageienartig, flog auf. Die runden, spitzen Bergkegel standen scharf in der Sonne; genau sah man an ihrem Abhang und zu ihren Füßen klippige Felsenhaufen, welche von ihren Höhen hinabgestürzt waren. Je weiter wir kamen, wurde Gras und Buschwerk ein wenig saftiger, und das Bild ein wenig freundlicher. Alles, was wir sahen, das Nahe und Ferne, stand scharf in der wunderbar klaren Luft.

Die Tagfahrt war wieder lang und durstig; und die Glie-der waren ganz zerschlagen. Gegen Abend kamen wir an einen größeren Bahnhof und schliefen in einer Baracke aus Wellblech an der Erde, in unsere Decken gewickelt, den Tornister unter dem Kopf.

Am andern Mittag ging die Fahrt weiter, immer weiter durch das ebene Land, das nun etwas fruchtbarer war und etwas dichter mit dem gelben, langen Gras und den Büschen, und nun auch einzelnen Bäumen, besetzt war; aber es war doch alles graugrün und dürr. …

Am andern, den vierten und letzten Tag der Fahrt, wurde das Land noch fruchtbarer und freundlicher. In der Nä-he und Ferne standen zuweilen, in hohem Gras oder Buschwerk, in Gruppen starke Bäume, die wie Eichen aussahen. Dazwischen lief ein breiter Streifen gelben Sandes, das ausgetrocknete Bett eines Flusses. Da waren im Dezember vorigen Jahres, drei Tage lang, Wellen ent-lang getanzt; man sah noch ihm Sande ihre Sprünge; aber nun war und blieb es auf ein Jahr, vielleicht auf drei, ganz und gar trocken. So waren alle Flüsse im Lande, die wir getroffen haben: Sandstreifen waren sie, einen oder einen halben Meter niedriger als die Ebene.

Mir gefiel diese Landschaft, durch die wir an diesem vierten Tage fuhren, ziemlich gut. Eine kleine und grö-ßere Art von Antilopen, Rehen ähnlich, liefen zuweilen allein oder in Rudeln, behende über die Blößen im Busch. Fremdartige Vögel, etwas größer als Rebhühner, grau und weiß gesprenkelt, flogen über die Büsche hin und ließen sich nieder. Baumgruppen standen stattlich und schön in dem weichen Grün; von fern schauten grüne Bergabhänge nicht unfreundlich herüber.«


Eine Merkwürdigkeit des Lebens in Südwest ist die Lawine von Beleidigungsprozessen der Deutschen ge-geneinander. Als Ursache vermutet man »Nervosität« verursacht durch die afrikanische Sonne, die zu »Jäh-zorn und Querulantenwahnsinn« führe, allgemein als »Tropenkoller« klassifiziert, der auch als Grund für eine Selbstmordepidemie in Windhuk 1912 herangezogen wird. Sicher blühen Klatsch und Tratsch und bei einer so uneinheitlichen Bevölkerung, und auch mit vielen zweifelhaften Charakteren, die regelrecht nach Südwest abgeschoben wurden, sind die Gegensätze in der Ge-sellschaft größer als in Deutschland.

Wie in allen Kolonien gibt es bei privaten Treffen, bei Festen und in den Kneipen und Bars der städtischen Siedlungen in Südwest schwere Besäufnisse. Lydia Still-hammer, die eine Farm führt, beschreibt ein Festessen mit Ball: »Es ging sehr lustig dabei zu; das Bier floß in Strömen und manche Gäste waren schon beim Essen sehr munter. Ein Negerjunge kam herein mit dem Nachtisch, einer schönen Torte mit Schlagsahne. Einer der wilden Farmer stand auf und stülpte ihm diese über den Kopf. Da war der Jubel groß, und auch ich lachte Tränen…«

Auffallend ist der enorm hohe Sektverbrauch in der Kolonie. »Jedes geringfügige Ereignis wird mit Sekt gefeiert«, heißt es, obwohl die Flasche »Schampus« zwanzig Mark kostet. Bald heißt Sekt nur noch »Farmer-Weiße« bei den Weißen in Südwest.




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Die Eingeborenen

Ein Buschmann berichtet: „Nun kam die Zeit, da wir unsere Heimat verlassen mußten. Es hieß, die Busch-leute hätten auf Ovambo geschossen, die durch ihr Land reisten, ja sie hätten sogar Weiße umgebracht. So brach-te man uns alle nach Tsumeb. Da wohnten wir unter fremden Völkern, aber wir sehnten uns zurück nach unserem eigenen Lande. Bei der Polizei erhielten wir Essen und Trinken, aber jeder erhielt auch eine Marke, auf der seine Nummer stand und die er um den Hals tragen mußte. Von Tsumeb zog mein Vater nach Süden, denn er hatte Befehl erhalten, eine Arbeit anzunehmen. Wir sahen die großen Steinhäuser der Weißen, die viele Augen hatten, und wir wunderten uns, wenn aus dem Loch, vor dem ein dünnes Holz sich bewegte, weiße Menschen herauskamen. – Vor den Augen hatten die meisten etwas, das in der Sonne glitzerte und uns Schrecken einjagte [Brillen]. – Mein Vater mußte Arbeit annehmen, die ihm gesetzte Zeit zum Arbeitsuchen war vorbei. Man trug ihm auf, den Bauch des schnaubenden Tieres [Lokomotive] mit Holz zu füllen, so daß es immer ein großes Feuer gab. Ich selber wurde von einem Farmer mitgenommen und mußte seine Kälber hüten. Ich sah viele neue Dinge und hörte Laute, die ich nicht verstehen konnte. [Die Buschleute haben eine sonder-bare Klicklautsprache, die für sich einzigartig ist.] Wenn einer so mit mir redete, mußte ich immer lachen, aber das war nicht gut für mich, denn jedesmal bekam ich dann Schläge mit dem Stock oder Riemen. Beim Vieh-hüten mußte ich immer an all das Neue denken, aber noch mehr an unseren Busch in Namutoni. Ich vergaß darum oft meine Kälber und bekam wieder Schläge mit dem Riemen. So mußte ich mir das Denken und Nach- sinnen über die Heimat abgewöhnen und das lernen, was man von mir verlangte; als ich das verstand, bekam ich nicht mehr so viele Schläge. Das Geld, das der Far-mer mir gab, brachte ich meinem Vater. Der Weiße gab mir auch ein Hemd und eine Hose, bisher hatte ich nur einen Lendenschurz getragen.“

Der Buschmann bemerkt auch: „Wir wurden von un-seren Eltern nicht geschlagen; wenn wir heute unsere Kinder schlagen, so haben wir das von den Weißen gelernt, die sogar erwachsene Buschleute prügeln.“


Nach der Rückkehr des Kolonialministers Bernhard Dernburg und seines Begleiters Walther Rathenau von ihrer Südwestafrikareise 1908 schreibt Rathenau eine Denkschrift über die Lage der Eingeborenen: »In Werf- ten – so werden die Ansammlungen bienenkorbartiger Hütten genannt – sind die überlebenden Reste der beiden großen eingeborenen Nationen [Herero und Hottentotten] kampiert; die Schätzung ihrer Zahl va-riiert zwischen 20.000 und 40.000, wobei naturgemäß die Weiber weitaus prävalieren. Die Privatwerften liegen zerstreut auf den Ländereien der Farmer, die staatlichen Werften befinden sich außerhalb der sogenannten Städte und übertreffen der Zahl der Insassen nach viel-fach die weiße Bevölkerung um ein beträchtliches. Aus diesen Arbeitsreservoiren, die einigermaßen an antike Staatssklavenlager erinnern, versehen sich die Weißen nach Bedarf und gegen ortsüblichen Lohn mit Dienst-personal. Der Ladenbesitzer entnimmt Diener, Arbeiter, Wäscherinnen, der Soldat Bambusen [Handlanger], die Verwaltung Straßenarbeiter. Vielfach, und trotz Vorbeu-gungsmaßregeln der Verwaltung, erhalten diese Kaser-nements nächtliche Besuche der Weißen, die zu uner-freulichen Szenen führen … Die bedrückte Lage der Eingeborenen spiegelt sich in ihrem äußeren Auftreten. Es ist für den Fremden unerfreulich und demütigend, zu beobachten, wie diese Menschen beim Herannahen eines Europäers sich scheu und mit der Miene armer Sünder zur Seite drücken und vor jedem Weißen unter-würfig den Hut ziehen. Nirgends sieht man die harmlose Heiterkeit und die Zuversichtlichkeit, die in den engli-schen Kolonien die Eingeborenen kennzeichnet. Es ist das äußere Bild eines Sklaventums, wie es den Bier-träumen der kleinen Philister entsprechen mag.«


Um 1910 beschreibt Clara Brockmann die offensichtlich als Konkurrenz empfundenen und abschätzig beschrie-benen schwarzen Frauen in Windhuk und Lüderitz-bucht:

»Viele dieser Kapweiber, deren Negerblut sich seit eini-gen Generationen mit der weißen Rasse vermischt hat und die sich von den kurzen krausen Haaren die mo-dernen Frisuren der Europäerinnen aufbauen und de-ren Kleidung tragen, fühlen sich fast wie ›Damen‹. Ich habe hier überhaupt zum erstenmal mit ziemlich ge-mischten Gefühlen diese schwarzen Weiber in unseren Trachten gesehen. In Windhuk schenkt man seinen farbigen Dienstboten auch zuweilen abgelegte Kleider, die sie dann, ohne sie zu raffen, durch den Straßen-schmutz schleppen und binnen kurzer Zeit unglaublich zerrissen haben; aber bei ihnen bleibt das Charakteris-tische der eingeborenen Rasse, ohne daß es noch von dem bunten Kopftuch und den Glasperlenketten betont zu werden braucht. Hier dagegen erblickt man Damen in weißen Hemdblusen, Ledergürteln und fußfreien Leinenröcken; auf der Frisur einen nicht einmal ge-schmacklosen Rosenhut mit einem langen Chiffon-schleier unter dem Kinn zusammengebunden…«

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Diamanten

1907 kommt August Stauch aufgrund seines Asthmas nach Südwest. Er arbeitet bei der Bahn auf der Eisen-bahnlinie Lüderitzbucht – Aus. Ihm obliegt es als Bahn-meister in der Namibwüste mit seiner Räumkolonne die Gleise auf einem 9 Kilometer langen Teilstück der Schmalspurbahn Lüderitzbucht – Aus von Kilometer 18 bis 27 von Lüderitz aus vom Flugsand mit der Schaufel freizuhalten.

Stauch hält auch Ausschau nach Bodenschätzen und hat seine Arbeiter angewiesen, ihm alle besonderen Beo-bachtungen und Funde zu melden.

Am 14. April 1908 bringt der afrikanische Hilfsarbeiter Peter Zacharias Lewala, der mit einer Arbeiterkolonne die Gleise vom Flugsand freischaufelt, einen glitzernden Stein zum Vorarbeiter Blum. Durch seine Arbeit in der Mine von Kimberley in Südafrika ist Lewala sicher, daß es sich um einen Rohdiamanten handelt. Blum ist skep-tisch und hält das Steinchen für ein Quarzstückchen, aber er sagt Lewala zu schauen, ob er noch mehr von diesen kleinen Steinchen findet. Lewala findet und gibt sie Blum. Blum gibt die Steinchen an Stauch weiter. In Lüderitzbucht geht Stauch zum Eisenbahndirektor Kreplin, zeigt ihm die Steinchen und erzählt ihm von der Auffindung. Kreplin: „Sehen zwar nicht aus wie Diaman-ten, wenn der Cape Boy aber sicher ist, dürfte es sich doch lohnen, die Steinchen mal untersuchen zu lassen. Kommen sie mit Herr Stauch, wir wollen doch gleich mal zusammen zum Baumeister Weidtmann gehen.“

Weidtmann hat sein Büro gleich nebenan. „Hallo Weidtmann, Sie müssen uns mal sagen, ob diese Steinchen hier echt sind,“ sagt Kreplin. Weidtmann betrachtet sei eine Weile und sagt dann: „Tut mir sehr leid, meine Herren. Ich kann Ihnen wohl sagen, was Backsteine, Bruchsteine oder Ziegelsteine sind, aber von Diamanten habe ich keine Ahnung. Doch warten sie mal Kreplin, wer uns das sagen kann ist Dr. Peyer in Aus. Ich schlage vor, Direktor, Sie lassen eine Maschine anhei-zen, und wir fahren morgen früh alle drei nach Aus.“

Dr. Peyer ist der Leiter des Eisenbahn-Hospitals im 140 Kilometer entfernten Aus, das über ein gut eingerich-tetes Laboratorium verfügt. Kreplin läßt eine Lokomo-tive anheizen, an die ein gedeckter Güterwagen ange-hängt wird, und so fahren sie am anderen Morgen nach Aus. In dem gedeckten Wagen haben es sich die drei Herren so bequem wie möglich gemacht, denn Per-sonenwagen gibt es noch nicht bei der Eisenbahn Lüderitzbucht – Aus. Sie haben ihre Boys mitgenom-men, die ihnen Liegestühle aufstellen und Sandwiches und eisgekühlte Getränke reichen müssen. Gegen Mittag erreichen sie Aus und begeben sich sofort ins Hospital zu Dr. Peyer.

„Lieber Doktor“, sagt Kreplin, „können Sie uns sagen, ob diese Steinchen hier echte Diamanten sind?“

Dr. Peyer sieht sich die Steinchen eine Weile an und erwidert: „Ja, das kann ich, ich werde sie im Laborato-rium untersuchen. Aber was bekomme ich dafür, wenn es echte Diamanten sind?“

„Natürlich sind sie beteiligt an der Diamantengesell-schaft, die wir dann gründen werden, sagen wir mal zu 5 %, einverstanden?“ „Wollen Sie mir das schriftlich geben?“ „Aber lieber Doktor, das ist doch nicht nötig, wir kennen uns doch zur Genüge.“ „Besser ist besser, meine Herren, man kann nie wissen, was mal dazwi-schen kommt.“

Dr. Peyer hat schnell eine Erklärung formuliert, daß sich die drei Herren  verpflichten, ihn an der zu gründenden Gesellschaft mit 5 Prozent zu beteiligen, falls die Unter-suchung ergeben sollte, daß es echte Diamanten sind. Nachdem das Dokument unterschrieben ist, begibt sich Dr. Peyer in sein Laboratorium, badet die Steinchen in Flußsäure und siehe da, es sind echte Diamanten. Die Flußsäure hat den an den Steinchen seit Jahrmillionen anhaftenden Schmutz entfernt, so daß sie in einem hellen, metallischen Glanz erstrahlen. „Meine herz-lichsten Glückwünsche, meine Herren, es sind echte Diamanten!“ sagt Dr. Peyer, als er das Wartezimmer wieder betritt. Nun kündigt August Stauch ordnungs-gemäß seinen Dienst bei der Bahn und zusammen mit den zwei Kompagnons erwirbt er beim kaiserlichen Bergbauamt die Rechte für siebzig Schürffelder auf 20.000 Hektar Wüste. Sie gründen eine Diamanten-schürfgesellschaft und werden in kürzester Zeit reich. Von schürfen, also graben, kann aber eigentlich am Anfang keine Rede sein, denn sie können die Diamanten zunächst einfach vom Boden aufsammeln.

In einigen Wüstentälern nur wenig weiter südlich fin-det man noch viel mehr Diamanten. Im Schnitt sammelt jeder der Männer in den ersten Tagen täglich ein halbes Marmeladenglas voller Edelsteine ein. So bekommt das neue Gebiet den Namen »Märchenthal«.

Schon im Juli 1908 dringt die Kunde vom Diamanten-fund nach Deutschland. Viele Glücksritter werden vom Diamantenfieber angesteckt und brechen nach Deutsch Südwest auf. Die Reichsregierung sieht sich gezwungen, einen hundert Kilometer breiten Küstenstreifen vom Oranje-Fluß, der Grenze zu Südafrika, bis zum 26. Brei-tengrad zum »Sperrgebiet« zu erklären. Am 22. Septem-ber 1908 erläßt Bernhard Dernburg, Staatssekretär im Reichskolonialamt, die Sperrverfügung für diese Regi-on. Bis dahin angemeldete private Schürfgebiete dürfen aber weiter ausgebeutet werden.

1909 werden die Siedlungen Stauchslager, Charlottental, Bogenfels sowie als Hauptquartier Kolmanskuppe ge-gründet. Zwischen den einzelnen Schürforten werden Bahnverbindungen gebaut.

Aus dem Deutschen Kolonial-Lexikon zu den Diaman-ten aus Südwest:

»Während die südwestafrikanischen Diamanten in den ersten Jahren ungehinderten Absatz fanden, steigerte sich die Ausbeute mit dem in der zweiten Hälfte des Jahres 1912 beginnenden Abbau der Pomonamine der-art, daß der im Jahr 1913 ohnehin flau werdende Markt nicht mehr in der Lage war, die ganze Produktion des Schutzgebiets — es handelte sich um sogenannte Mêlée-ware, d. h. Steine, von denen mehrere auf ein Karat ge-hen — aufzunehmen. Der Reichskanzler machte daher von der ihm durch die Kaiserliche Verordnung vom 16. Januar 1909 übertragenen Ermächtigung Gebrauch und bestimmte in der Verordnung vom 13. Dezember 1913, daß für jedes Kalenderjahr ein Höchstmaß der zur Ver-wertung gelangenden Diamanten für jeden Förderer unter Berücksichtigung der Marktlage und der Betriebs-verhältnisse in einer Verteilungsliste festgesetzt werden soll. Dadurch sind die Förderer in der Förderung selbst nicht beschränkt; sie haben aber keinen Anspruch da-rauf, daß die Diamantenregie den von ihnen über ihr Kontingent hinaus geförderten Teil bevorschußt und verwertet.«


Mit dem Fund von Diamanten 1908 in Südwest läßt Kolonialminister – sein offizieller Titel lautet Staats-sekretär – Bernhard Dernburg sofort die Rechte an den Minenfeldern, über die Köpfe der Deutschen und der deutschen Verwaltung in Südwest hinweg, an das deutsche Großkapital übereignen. Die von Dernburg gemachten Verträge sind sowohl zum Schaden der Reichsfinanzen, wie auch zum Schaden der Bevölkerung in Südwest. Sein einziger großer Fehler in seiner Zeit als Kolonialminister, wohl geschuldet seiner finanziell-organisatorischen Fähigkeiten, aus denen er glaubte es mit einer Großunternehmung tun zu haben, die mit Geld allein ins Rollen gebracht werden könnte, während in Südwestafrika schon längst landesintern die Finan-zierung und der Aufbau der Diamantenförderung lief. Die gewaltigen Gewinne aus den Diamantenfunden flie-ßen nun weitgehend in die Taschen von Großkapita-listen, statt in die Staatshaushalte des Reiches und der Kolonie und die Eigner der von deutschen Südwest-afrikanern selbstaufgebauten Förderindustrie in Süd-west. In einer Rede vor dem von Dernburg zu seinen Diamantenverträgen vollkommen übergangenen Lan-desrat der Kolonie aus gewählten und bestimmten Mitgliedern spricht ein Mitglied des Rates im Mai 1910:

„Läge unsere Kolonie mit ihrer gänzlich ungeeigneten Verfassung als Provinz in Deutschland, so würde es noch erträglich sein. Dann würde der Herr Staatssekretär [Dernburg] in der Lage sein, sich die unbedingt erfor-derliche Kenntnis des Landes anzueignen, das er so autokratisch regiert; dann hätten wir Kolonisten auch Gelegenheit, uns persönlich mit dem Herrn Staatssek-retär auszusprechen und Mißverständnisse kurzerhand zu beseitigen. So aber wohnt der Herr Staatssekretär 10.000 km von uns entfernt, kennt unser Land nur ganz oberflächlich aus einer in größter Eile gemachten Auto-mobilreise, die bei unserer afrikanischen Sonne die Ner-ven Seiner Exzellenz derart mitgenommen hat, daß er schließlich kaum noch wußte, welche größeren Orte er gesehen hatte. Trotz diesem Mangel an Landeskenntnis verlangt aber der Herr Staatssekretär, daß unsere Kolo-nie rücksichtslos allein nach seinem Willen bis ins kleinste regiert wird und ist um die Beibehaltung seiner uneingeschränkten Gewalt äußerst besorgt. – Ausge-schlossen ist aber, daß in das Wirtschaftsleben unserer Kolonie einschneidendsten Maßnahmen und Verordnun-gen auch fernerhin von der Theorie des Berliner grünen Tisches dekretiert werden. – Der Herr Staatssekretär erließ von Berlin aus Verordnungen, die teilweise dem Wohl des Reiches und der Kolonie diametral zuwider-liefen, wohl aber vornehmlich Berliner Kapitalisten-gruppen, die für unser Land noch nicht das geringste getan hatten, aus den Schätzen unseres Landes sehr große Summen ungerechtfertigterweise übermachten.“

Ein anderes Landesratsmitglied: „Hier im Landesrat sit-zen unter anderem 18 Herren mit zusammen 280 Jahren Ansässigkeit in Südwest, und einer Erfahrung, die weder aus den Akten des Kolonialamts noch durch zwei Auto-mobilfahrten im Lande zu erwerben ist. Nicht Erbitte-rung, sondern tiefes Bedauern erfaßt uns für den Mann, der es nicht verstanden hat und nicht versteht, sich die hier aufgespeicherte Erfahrung und Tatkraft zum Wohl der Kolonie und des Vaterlandes zu nutze zu machen…“

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Fliegerei

Die Fliegerei in Südwestafrika hat ihren Ursprung im Kolonialkrieg 1904-06, durch den das Bedürfnis nach Luftaufklärung des Gegners besondere Bedeutung in den riesigen, schwer zugänglichen Weiten des Schutz-gebietes bekommt. Da Deutschland führend in der Ent-wicklung von Luftschiffen ist, sind bereits seit 1908 beim Kommando der Schutztruppen in Berlin Überlegungen im Gang, ob Luftschiffe in Südwestafrika militärisch einsetzbar seien, aber der Kommandeur des Luft-schiffer-Bataillons, Major Hans Groß, muß in einer Stellungnahme im Mai 1908 mitteilen, daß die unge-nügende technische Entwicklung der Motorluftschiffe eine Verwendung in den Kolonien noch keineswegs ratsam erscheinen läßt.

Einen ausführlichen Bericht über die »Einführung von Flugmaschinen« in Südwestafrika erstellt Oberleutnant Eckard Berlin der Schutztruppe in Südwest. Das Doku-ment trägt das Datum 15. November 1911. Berlin schreibt darin, es habe »die Flugmaschine für unsere Kolonie erhöhte Bedeutung und zwar nicht allein in militäri-scher Beziehung, sondern auch für die Verwaltung des Landes und seine weitere Entwicklung.«

Meteorologische Vorarbeiten für das Flugwesen in Süd-west sind von der Schutztruppe bereits ausgeführt worden. Berlins Bericht geht im Dezember 1911 vom Kommando der Schutztruppe für Deutsch Südwestaf-rika an das Reichskolonialamt in Berlin ab.

Unter starker Beteiligung der Militärs wird im Mai 1912 in Keetmanshoop der Deutsch-Südwestafrikanische Luftfahrerverein gegründet und hat bald Ortsgruppen im ganzen Land. Im April 1914 beginnt die Einrichtung von Flugplätzen und in Karibib und Keetmanshoop werden von der Schutztruppe auch Flugzeughallen für die eintreffenden Versuchsflugzeuge errichtet.

Im Mai 1914 treffen aus Deutschland per Schiff zwei Flugzeuge in Südwest ein und Anfang Juni ein weiteres. Die beiden Flugzeuge der National-Flugspende sind hauptsächlich mit Flügen für die Erforschung der Flug-bedingungen unter den Gegebenheiten der Wetter- und Landschaftsbedingungen in Südwestafrika beschäftigt. Mitte Mai beginnen in Swakopmund die ersten Flüge.

Eines der im Mai eingetroffenen Flugzeuge ist ein kom-merzielles Unternehmen, daß von der großen deutschen Textilfirma Rudolf Hertzog und dem Zeitungsverlag Scherl finanziert wird. Rudolf Hertzog ließ seinen Namen für die Werbung für seine Firma unter den Tragflächen des Flugzeuges malen und der Scherl Verlag will in seinen Zeitungen Berichte über die Flüge der Maschine in Afrika bringen. Für den Unterhalt von Flieger und Flugzeug in Afrika bringt das Hert-zog/Scherl-Flugzeug Geld ein mit Eintrittskartenverkauf an den Plätzen, wo die Maschine Schauflüge veran-staltet, mit »Sprungflügen« für 25 Mark, bei denen das Flugzeug mit dem zahlenden Passagier nur einmal kurz abhebt und wieder landet, und mit wirklichen Flügen für 100 Mark, die aber auch kaum mehr als Platzrunden sind. Das Flugzeug der Firmen von August Scherl und Rudolf Hertzog mit dem Piloten Bruno Büchner ist im Mai mit dem Schiff in Swakopmund angekommen, um rechtzeitig von dort zu der seit 1909 alljährlich Ende Mai stattfindenden »Südwestafrikanischen Landesausstel-lung« in Windhuk zu fliegen. Die Maschine fliegt im Mai auch zum ersten Mal Luftpost in Südwest. Aufgrund von technischen Pannen und starken Winden ist Büchner aber gezwungen wiederholt Zwischenlandungen zu machen und so braucht die erste Luftpost wesentlich länger als die Post mit der Bahn.

Ende Mai sind beide Flugzeuge in Südwest bei Schau-flügen zur Landesausstellung in Windhuk und stehen zusammen in einem eigens errichteten Flugzeugschup-pen.

Von Büchner ist geplant von Südwest weiter nach Kap-stadt zu fliegen und dann nach Ostafrika, nach Dares-salam, zur im August stattfindenden Landesausstellung in Deutsch Ostafrika. Büchner macht zunächst ausgie-bige Testflüge, aus denen sich ergibt, daß die geplante Flugreiseroute von Südwest nach Kapstadt und dann weiter nach Daressalam aufgrund der nun in Afrika ge-machten Flugerfahrungen technisch nicht möglich ist. Von der Landesausstellung in Windhuk zieht Büchner mit seinem Flugzeug zunächst weiter mit Schauflügen durch das Land. Er plant nun wenigstens mit dem Flug-zeug bis nach Kapstadt zu kommen und dort die Maschine auf ein Schiff zu verladen für die Weiterreise nach Daressalam. Aber auch dieses Vorhaben scheitert, weil die Briten in Südafrika fürchten, der Deutsche würde mit seinem Flugzeug militärische Einrichtungen beim Fliegen über Südafrika auskundschaften und verwei-gern ihm die Überfluggenehmigung. So legt am 4. Juli ein Dampfer in Lüderitzbucht mit Büchner, seiner Frau und seinem zerlegten Flugzeug nach Daressalam ab, für Flüge zur Landesausstellung in Deutsch Ost-afrika.

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Mischehen

Bastarde sollen in Südwestafrika keine weißen Rechte genießen. Auch steigt ihre Zahl ständig an. 1905 ver-bietet Gouverneur Friedrich von Lindequist den Kolo-nialbeamten die standesamtliche Schließung von Mischehen. 1906 folgt das Verbot der kirchlichen Trauung. Als Begründung führt Lindequist an, daß diese Ehen »nicht nur ein Verbrechen gegen die Reiner-haltung deutscher Rasse und deutscher Gesittung seien, sondern die Stellung des weißen Mannes überhaupt sehr gefährdeten.«

Im Ganzen gibt es aber nur ein paar Dutzend Mischehen in Deutsch Südwestafrika.

In einer Denkschrift vom 19. September 1906 schreibt Gouverneur Friedrich von Lindequist: »Das erhebliche Überwiegen der weißen männlichen über die weiße weibliche Bevölkerung ist ein Mißstand, der für die Lebensverhältnisse und für die Zukunft des Landes von großer Bedeutung ist. Er hat zu einer ziemlichen Anzahl von Mischverbindungen geführt, die, abgesehen von den üblichen Folgen der Rassenvermischung, vor allem deshalb zu bedauern sind, weil in Südafrika die weiße Minderheit sich durch die Reinhaltung ihrer Rasse in ihrer Herrschaft über die Farbigen behaupten muß.«

Es entsteht daraus aber ein Streit zwischen der Ver-waltung und den Missionen, denn die Missionen wollen sich nicht in ihre Rechte, wie das kirchliche Recht Ehen zu schließen, eingreifen lassen. So wird der Pater Kro-lowski im Juli 1913 wegen »Trauung einer Mischehe« von amtlicher Seite angezeigt. Da es aber nicht zu einem Eklat kommen soll, stellt das Bezirksgericht Keetmans-hoop das Verfahren ein.


Ehen zwischen deutschen Männern und einheimischen Frauen werden vor allem in der Zeit des »absoluten Frauenmangels« – dem Mangel an weißen Frauen – geschlossen. In Südwestafrika handelt es dabei meist um Frauen der »Rehobother Bastards«, die von ehe-maligen Schutztruppenangehörigen auch wegen ihrer oft reichen Mitgift an Land und Vieh als »gute Partie« gelten. 1905 werden dann in Südwest Ehen zwischen Europäern und Afrikanern verboten. 1907 werden auch vom Obergericht in Windhuk vor dem Verbot geschlos-sene »Mischehen« für nichtig erklärt. Anfang 1908 werden diese Bestimmungen vom Reichskolonialamt weiter verschärft, und den Betroffenen werden die bür-gerlichen Ehrenrechte einschließlich des Wahlrechts abgesprochen. Ein Farmer schreibt daraufhin an den Gouverneur (Auszüge):

»Ew. Excellenz!

beehre mich nachstehend erneut meine Bitte um Wiederverleihung meiner bürgerlichen Ehrenrechte zu unterbreiten. Ich bin überzeugt, daß Ew. Excellenz, wenn sie wohlwollend und gerecht über meine Ausführungen nachdenken, nicht zögern werden, meiner Bitte zu entsprechen.

Durch den § 17f der Gemeindeverordnung wird mir als Mann einer Bastardfrau das Wahlrecht entzogen. Der § 17f ist aus dem Gedanken geboren: Südwestafrika ist weißen Mannes Land: Dagegen will ich als weißer Mann nichts sagen, denn der weiße Mann hat jetzt die Macht, und die letzte Quelle des Rechts ist die Gewalt. – Meine Ehe ist durch Mithilfe der sittlichen und rechtlichen Faktoren des Staates zustande gekommen, bevor der § 17f erschien.

Es ist meine feste Überzeugung: Ich kann nicht durch einen rückwirkenden § entrechtet werden.

Die Folgen des § 17f sind für mich geradezu niederschmetternd. Für meine 5 Kinder, wovon 2 in Deutschland, zahle ich jährlich 5000,– M Erziehungskosten. Ein Mann mit gleicher Kinderzahl aber rein weißer Frau, erhält von der Regierung als Beitrag zu den Erziehungskosten jährlich 1500,– M in Form von Pensionsbeihilfen. Ich habe nichts.

Will ich eine Farm, eine Baustelle oder eine Lizenz haben, so wird mir das auf Grund § 17f verweigert. Baue ich einen Damm, so tue ich das auf meine Kosten, während andere Leute Beihilfen bekommen.

Komme ich mit meiner Frau, die fast weiß ist (ein Bild meiner Familie liegt bei) und sich in sittlicher und intellektueller Beziehung getrost mit jeder weißen Frau im Schutzgebiet messen kann, so kann ich auf Unannehmlichkeiten gefaßt sein.

Das alles geschieht mir, obwohl ich 13.000 ha Farmland musterhaft in Ordnung habe, obwohl ich die damit verbundenen Lasten trage, die der Haushalt von 8 Weißen und 40 Eingeborenen mit sich bringt, willig auf mich nehme. Das ist der Dank dafür, daß ich als alter Schutztruppler mit dazu beigetragen habe, dieses Land für Deutschland zu erwerben und zu sichern. Und warum geschieht mir das? Weil ich es nicht so gemacht habe wie viele (ich kann Namen nennen) die hier im Lande mit eingeborenen Weibern gelebt und Kinder in die Welt gesetzt haben. Nachher sind sie ihrer Wege gegangen und sind heute teils in Ansehen und Würde, teils Lumpen, aber alle üben unbehindert ihr Wahlrecht aus.

Werden meine Kinder, die alle deutsch erzogen werden, meine Erben sein, werden meine Jungens Soldat werden und später ihr Wahlrecht ausüben?

Das sind die Fragen, die ich mit ja beantwortet sehen muß, wenn mir nicht alle Lebensfreude und Lust zum Arbeiten schwinden soll. Keine Macht der Welt soll mich trotzdem zwingen, mich von meiner Frau, die mir bisher (12 Jahre) eine wahrhafte Lebensgefährtin gewesen ist, zu trennen.

Bleiben mir meine bürgerlichen Rechte versagt und wird meine Ehe nicht als rechtmäßig anerkannt, so muß damit meine Freude und das Interesse an diesem Land, dem ich jahrelang meine besten Kräfte geopfert habe, erlöschen.«

In diesem speziellen Fall wird auf dem Gnadenwege eine Ausnahme gestattet. Der Gouverneur wird ermächtigt, weitere Ausnahmen zuzulassen, allerdings nur in den »allerdringendsten« Fällen.

Bei dem Mischehenverbot geht es weniger um die Ver-hinderung einer zahlenmäßig starken Mischlingsbevöl-kerung, als um deren politische Entmachtung, in dem ihnen das deutsche Bürgerrecht und damit das Recht zu Wählen und gewählt zu werden entzogen wird. Außer-dem macht das Mischehenverbot es den deut-schen Männern leichter sich vor den Folgen ihrer sexuellen Beziehungen mit einheimischen Frauen zu drücken. Eine Bevölkerungsstatistik von Südwestafrika besagt, daß zum 1. Januar 1912 von

9046 erwachsenen weißen Männern über 15 Jahren

2438 verheiratet sind, davon

1970 mit im Schutzgebiet anwesenden weißen Frauen

  421 mit abwesenden weißen Frauen

    47 mit farbigen Frauen

Kinder aus Verbindungen zwischen weißen Männern und Afrikanerinnen gibt es wesentlich mehr. Das Kolo-nialhandbuch für 1912 gibt an, daß an »Mischbevölke-rung« 117 Männer, 140 Frauen und 1647 Kinder in der Kolonie leben. Diese gemischtrassige Bevölkerung stammt aus Vergewaltigungen, Prostitution und ge-zwungenen oder freiwilligen eheähnlichen Verhältnis-sen, ohne daß die weißen Väter irgendeine Vorsorge-pflicht für ihre Kinder hätten.

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Deutsche Frauen

Wegen des Mangels an weißen Frauen in der Kolonie werden seit 1898 über das Fraueneinwanderungspro-gramm der Deutschen Kolonialgesellschaft jeweils in Gruppenreisen junge Frauen nach Südwestafrika ge-schickt. Die Frauen stammen aus ganz Deutschland, kommen meistens aus einfachen bäuerlichen Verhält-nissen und kennen die damit verbundenen Arbeiten. Sie haben einen Zweijahresvertrag mit halbjährlicher Kün-digung und freier Rückfahrt nach Deutschland. Die Frauengruppen landen in Swakopmund und gehen von dort zu ihren Arbeitsstätten, mit dem erhofften Ziel dabei einen Heiratskandidaten zu finden. Im Großteil der Fälle tritt dieses auch ein und die Frauen bleiben in Südwest.

Als 1907 der Deutschkoloniale Frauenbund gegründet wird, übernimmt der Frauenbund die Aufgabe der Ent-sendung von Frauen in die Kolonien. Hauptarbeits-gebiet in diesem Betätigungsfeld bleibt weiterhin Süd-westafrika, die Kolonie mit der größten deutschen Bevölkerung, die wiederum in der Hauptsache aus jün-geren Männern besteht.

Einige Frauen machen sich nach Ablauf ihrer zweijäh-rigen Dienstverpflichtung auch selbständig. Als Schnei-derinnen, Caféhausbesitzerinnen, Wäscherinnen oder Weißnäherinnen. Weißnäherinnen bearbeiten die Aus-steuer aus Bettwäsche, Handtüchern, Tischdecken und so weiter. Da die Aussteuer meist aus weißen Stoffen besteht, wird sie als Weißwäsche bezeichnet und vor der Hochzeit genäht. Reichere Familien leisten sich eine Weißnäherin für die Bearbeitung der Aussteuer. Viele der Frauen bewegen sich auch im Freizeitgeschäft der Schutztruppe von Südwestafrika, die – im Gegensatz zu den Schutztruppen in Kamerun und Deutsch Ostafrika – ausschließlich aus Deutschen besteht.

Mit der Ausweitung der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft in Südwest steigt auch der Bedarf an weib-lichen weißen Arbeitskräften: Lehrerinnen an den sich vergrößernden Regierungsschulen, Krankenschwes-tern und Kindergärtnerinnen, Büroangestellte in Be-zirksämtern und Rechtsanwaltsbüros, Köchinnen in großen Hotels, Barfrauen und Telefonistinnen werden gebraucht. Als 1908 das Diamantenfieber ausbricht schaffen es einige Spekulantinnen an der Diamanten-börse von Lüderitzbucht zu werden.

Eine der vom Frauenbund nach Südwestafrika ge-schickten Frauen schreibt von einer Farm aus Südwest:

»An die schwarzen Leute habe ich mich schnell ge-wöhnt; manche sind sogar hübsch unter ihnen; aber schmutzig sind leider fast alle. Wir haben meist Kaffern, einige Hottentotten und Hereros; lustig und lachend sieht man sie wohl stets und wenn sie eine Arbeit mehr aufbekommen, singen sie auch dabei und sind nicht, wie oft unsere weißen Leute, mürrisch. Sie lassen sich ja allerdings Zeit und schaffen lange nicht soviel wie Weiße. Zum Windhuker Rennen zu Pfingsten und bei der landwirtschaftlichen Ausstellung waren wir auch in Windhuk. Es ist bewundernswert, was da alles geleistet war. Jetzt ist Afrika am Diamantenfieber krank; man hört nur von Diamanten-Expeditionen und Schürffeldern.«

Am 1. Januar 1909 sind von den 1826 erwachsenen weißen Frauen in Südwest 891 durch die finanzielle Unterstützung der Deutschen Kolonialgesellschaft und vom Deutschkolonialen Frauenbund in die Kolonie ge-kommen. Von den verbleibenden 935 Frauen sind etwa 80 % evangelische Missionarinnen, Missionsangestellte oder katholische Nonnen. Tonangebend in der kolo-nialen Frauenwelt sind die Damen aus den gehobenen gesellschaftlichen Kreisen. Sie stammen meist aus Beamten-, Kaufmanns- oder Offiziersfamilien sind fi-nanziell abgesichert, gebildet und oft in einer Frauen-kolonialschule in Deutschland für die besseren Stände ausgebildet worden.

1910 schreibt Clara Brockmann, eine Dame aus den »höheren Kreisen«, über die frühen weiblichen Anköm-mlinge, die durch den Kolonialbund nach Südwest ka-men: »Das Bewußtsein, in dem damals noch recht frauenarmen Lande mit Freude begrüßt zu werden, steigerte von vornherein das Gefühl der persönlichen Wertschätzung; die Ansprüche wuchsen überraschend schnell, die Arbeitslust verringerte sich, und die Landes-verhältnisse taten das übrige, um zu bewirken, daß einfache Landmädchen die Dame zu spielen versuchten, binnen kurzer Zeit mehrfache Soldatenbraut wurden und in keiner Weise ihrem ursprünglichen Zweck mehr entsprachen, nämlich eine tüchtige Arbeitskraft im Hause darzustellen. Manche heirateten auch sehr schnell und spielten dann in aufdringlicher Weise die Parvenüsgattin, andere gefielen sich als Barmädchen und in zweifelhaften Gewerben. Diese Zeiten sind jetzt vorüber.«

Die ›einfachen‹ Frauen, also Frauen aus der Arbeiter- und Bauernbevölkerung, die sich ein besseres Leben in den Kolonien erhoffen und dafür vom Frauenbund des Deutschen Kolonialbundes ausgesucht und geschult und deren Ausreise in die Kolonien auch finanziert wurde, stellen den Hauptteil der weiblichen deutschen Bevölkerung in Südwest.


Aus dem Tätigkeitsbericht des Kolonialen Frauenbun-des von 1912: Im Oktober 1912 berichtet das Ausschuß-mitglied der Deutschen Kolonialgesellschaft Freiherr von Gail in Berlin über seine Afrikareise unter anderem: Was nun die beiden Hauptschöpfungen des Frauenbun-des in Südwestafrika betrifft, das Jugendheim in der Lüderitzbucht und das Heimathaus in Keetmanshoop, so sagte Freiherr von Gayl „Frau Staatssekretär Dr. Solf wird mit mir darin übereinstimmen, daß wir diese bei-den Anstalten in guter Verfassung vorgefunden haben“. Der Kindergarten von Lüderitzbucht wird täglich von 30 bis 35 Buben und Mädchen besucht. „Sie machten einen gesunden und fröhlichen Eindruck“. Wiederholt hörte der Berichterstatter die Ansicht, daß Kindergärten in Südwest nicht nötig seien, weil die Mütter dort mehr Dienstboten und deshalb Zeit genug hätten, sich allein um ihre Kinder zu kümmern. Man brauche sie also nicht in Kindergärten zu schicken. „Dem möchte ich aber entgegenhalten, daß diese Dienstboten fast aus-schließlich Eingeborene sind, die der ständigen Über-wachung der Hausfrau bedürfen. Die Kinder müssen oft der Betreuung durch schwarze Dienstboten überlassen werden. Es führt dazu, daß viele Kleinkinder die Stam-messprache der Eingeborenen eher erlernen als die deutsche Muttersprache!“

Auch für Deutsch-Ostafrika empfahl Freiherr von Gayl die Einrichtung deutscher Kindergärten und die Gewäh-rung von Unterstützungen zugunsten mittelloser Bräute bei der Ausreise. Arme Dienstmädchen, die dort eine Stellung antreten werden in deutschen Haushaltungen, benötigten ebenso Reisekosten-Zuschüsse. Gertrud von Hatten, Generalsekretärin des Kolonial-Frauenbundes, kommentiert die sogenannte Frauenfrage in einem Auf-satz: »Kaufmännisch ausgebildete Frauen werden in un-seren Kolonien nur selten benötigt. Die Geschäfte be-vorzugen männliche Angestellte, weil sie fast durchweg Waren aus sämtlichen Branchen führen wie Lebens-mittel, Konfektionskleidung, landwirtschaftliche Gerä-te, Metall-Erzeugnisse, Sattler-, Glas- und Schuhartikel. Das bedeutet harte körperliche Arbeit…«. Zu Südwest-afrika schreibt sie: »Gute Schneiderinnen als Selbstän-dige sind in der Kolonie überall gefragt, vor allem sol-che, die von Fall zu Fall die Farmen aufsuchen »auf Wanderschaft«.«

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Marinestationen

Für die komplexen Aufgaben eines deutschen Komman-danten im Auslandseinsatz werden entsprechend gebil-dete Offiziere ausgesucht. Sie müssen nicht nur das nau-tische und militärische Handwerk verstehen, sondern auch über politisches und wirtschaftliches Hintergrund-wissen verfügen und solche Zusammenhänge beurtei-len können. Sie müssen schließlich gezielt politisch-wirtschaftliche Erkundungen durchführen, und Be-richte über selbige Auslandserkundungen schreiben, und schließlich müssen sie auf den Auslandsstationen der deutschen Kriegsmarine völlig selbständig handeln können.

Auf Grund fehlender Kommunikationsmöglichkeiten – keine Funkverbindung,  keine Verbindung mit den deutschen Diplomaten vor Ort – hat der Kommandant eines deutschen Kriegsschiffes im Auslandseinsatz große Freiheit in seinen Handlungen und es wird von ihm auch erwartet, daß er aus eigener Initiative handelt. In Friedenszeiten ist ihm aber jede Einmischung in poli-tische Angelegenheiten zum Ausland untersagt, dies ist Aufgabe der diplomatischen Vertreter des Reiches. Nur wo es keine deutsche Vertretung gibt ist der Komman-dant berechtigt politische Entscheidungen zu fällen und Verhandlungen zu führen.

Bei einer Requisition eines Kriegschiffes durch einen diplomatischen Vertreter des Reiches trägt dieser auch die volle Verantwortung für eventuelle Folgen. Es muß dafür Gefahr von Leben und Eigentum von Reichsan-gehörigen vorliegen und ist dies nicht der Fall muß der Schiffskommandant den Fall prüfen und kann die Re-quisition auch ablehnen. Nach der Annahme einer Re-quisition übernimmt der Kommandant die volle Ver-antwortung für das Unternehmen. Solche Aktionen sol-len gründlich vorbereitet sein und nicht soviel versucht werden, denn bei „unkultivierten und halbkultivierten Völkern ist nichts schlimmer, als wenn man unverrich-teter Dinge abziehen muß.“

Bei Konflikten deutscher Handelsschiffe mit den Behör-den eines fremden Staates ist die Angelegenheit einem diplomatischen Vertreter zu übertragen, bei Gewährung von Schutz und Hilfe soll diese aber aus eigener Initia-tive gewährt werden. Zu den Aufgaben gehört auch, da-rauf zu achten, daß kein Schiff widerrechtlich die deut-sche Flagge führt. Es ist ausdrücklich ausgeschlossen, daß Kommandanten oder ihre Offiziere, selbst bei Kom-mandos an Land, politischen Vertretern oder Kolonial-beamten unterstehen, nur bei Operationen mit den kolonialen Schutztruppen werden sie dem militärischen Oberbefehlshaber unterstellt.


Deutsche Kriegsschiffe auf Auslandsfahrt haben über die besuchten Länder auch politische und wirtschaft-liche Berichte zu erstellen. Selbstverständlich sind von deutschen Kriegsschiffen auf Auslandsfahrt auch alle nur möglichen meteorologischen und nautischen Daten zu erfassen.

Für das körperliche Wohlbefinden der Mannschaften auf den deutschen Kriegsschiffen im Ausland gibt es reichlich Beurlaubung und gemeinschaftliche Ausflüge in landschaftlich reizvolle oder historisch bedeutende Gegenden, zu denen aus Kantinen-Ersparnissen unent-geltlich Proviant geliefert wird. Seekadetten werden be-sonders unterstützt, um »in der Fremde Land und Leute kennen zu lernen«. Die zukünftigen Seeoffiziere der deutschen Marine sollen auch eine möglichst weite Auslandsbildung erfahren.

Trotzdem gibt es im Routinedienst an Bord auch man-gelnde Abwechslung und Langeweile.


Für die Mannschaften wie für die Offiziere ist ein Aus-landsaufenthalt ein ganz besonderes Ereignis. Nur we-nige Menschen sehen viel anderes als ihre heimatliche Umgebung und eine Reise ins Ausland ist nur gutbe-tuchten Bürgern möglich oder Wanderburschen und wandernden Musikanten. So bietet fast nur die Handels- und die Kriegsmarine auch einfachen Menschen aus dem Volk die Möglichkeit eines Auslandsaufenthaltes. Aber auch bei der Kriegsmarine sind es von allen Be-rufssoldaten und Wehrpflichtigen nur verhältnismäßig wenige, die das Glück einer Auslandsreise haben. Zwi-schen 1902 und 1912 sinkt auch noch der Anteil der ins Ausland beorderten Seeleute in Bezug auf die Gesamt-zahl der Marineangehörigen, sodaß die Zahl der Bewer-ber für die Offizierslaufbahn bei der Kriegsmarine ab-nimmt ohne den Anreiz auf mögliche exotische Erfah-rungen auf den Auslandsstationen der Marine Deutsch-lands. Für die »Hebung des Zudranges zur Seeoffiziers-laufbahn« wird deshalb 1911 die Erhöhung der Auslands-fahrzeiten als Hauptsache in der Marineführung ange-sehen und auch aus diesem Grunde werden mehr Schif-fe auf Auslandsreise geschickt, was gut zusammentrifft mit der gleichzeitigen starken Nachfrage von auslands-deutschen Gemeinden nach dem Besuch eines Kriegs-schiffes und politischen Beweggründen für den ver-mehrten Einsatz deutscher Kriegsschiffe auf den Welt-meeren.


Eine besondere Auslandsstation ist die Ostasiatische Station. Das dort befindliche Ostasiatische Kreuzerge-schwader ist der bei weitem stärkste deutsche Flotten-verband auf Auslandsstation. Der Heimathafen des Kreuzergeschwaders ist Tsingtau in der deutschen Kolo-nie Kiautschou.

Wegen seiner politischen Bedeutung hat sich der Kai-ser, der laut Verfassung auch Oberbefehlshaber der Ma-rine ist, das Geschwader unmittelbar unterstellt. Dieser deutsche Kriegsschiffverband ist auch politisch ein ei-genständiges Gebilde mit einem Admiral als Komman-deur, der eben nur dem Kaiser untersteht. Mit seiner Politik steht der Kaiser aber bisweilen im Gegensatz zum Kanzler, was zu Unstimmigkeiten zwischen den deut-schen Dienststellen in Ostasien führen kann, insbeson-dere zu Unstimmigkeiten zwischen den auch politisch selbständig handelnden Kommandanten der Kriegs-schiffe mit ihrem Admiral als Deckung und den deut-schen Konsuln vor Ort. Solche Unstimmigkeiten zwi-schen den deutschen Dienststellen hinterlassen wohl einen sonderbaren Eindruck bei den einheimischen Funktionsträgern in Asien, die es sowohl mit deutschen Konsuln als auch mit deutschen Kriegsschiffkomman-danten zu tun haben.

Auf den Marinestationen rings um Afrika und Amerika operieren üblicherweise nur alleinfahrende Schiffe, deren Kommandanten an einem guten Einvernehmen mit den zivilen Vertretern den Reiches gelegen ist.

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Weltpolitik

Im Gegensatz zur planlosen Weltpolitik des Reiches um 1900 ist nach der Zweiten Marokkokrise von 1911 eine strategische Planung getreten, die den Anspruch Welt-politik verdient. Der Kern der neuen Weltpolitik liegt im wirtschaftlichen Bereich – dem eigentlich wichtigen Bereich eines Staatswesens – zum Nutzen der deutschen Wirtschaft und somit auch Deutschlands und des deut-schen Volkes. Waren Prestige, Weltmachtstreben, See-macht ausschlaggebende Größen vor der neuen Welt-politik, sind nun knallharte wirtschaftspolitische Grün-de maßgebend, weshalb die deutsche Wirtschaftsfüh-rung auch vorrangig an der Erwerbung neuer Kolonien beteiligt ist.

Die deutsche Großindustrie und die Banken waren in den 1880er Jahren völlig desinteressiert an Kolonien, nicht zuletzt als Ergebnis des 1881 gegründeten West-deutschen Vereins für Colonisation und Export, dem 1880 Besprechungen von »verschiedenen Herren der westdeutschen Großindustrie«, späteren Gründungs-mitgliedern des Vereins, vorangingen, und der die Möglichkeiten von deutschen Kolonien für die deutsche Industrie auslotete. Konkrete Exportchancen wurden von den Vereinsmitgliedern diskutiert und projektierte Überseeunternehmen auf ihre Rentabilität hin durch-kalkuliert, aber ohne zu einem günstigen Ergebnis zu kommen, weshalb Kolonien für die deutsche Großin-dustrie als Markt uninteressant waren. Jetzt, nachdem die deutschen Kolonien verkehrstechnisch und wirt-schaftlich erschlossen sind und anfangen Gewinn ab-zuwerfen, sind Großindustrie und Banken allerdings an Kolonien interessiert.

Auch die maßgeblichen Kolonialpolitiker in der Regie-rung haben aus den Fehlern früherer Zeiten gelernt und gehen anstatt mit Theaterdonner, wie bei den Marokko-krisen 1905 und 1911, mit bedacht an die selbstgestellte Aufgabe. So wird im Verein mit den deutschen Großban-ken hinter den Kulissen an der wirtschaftlichen Durch-dringung gewünschter Kolonien für deren geplante Übernahme gearbeitet.


1914 haben Deutschland und England die letzten politi-schen Schwierigkeiten miteinander ausgeräumt. Die Auseinandersetzung um die Bagdadbahn ist im Juni 1914 friedlich gelöst worden. Die Bagdadbahn von Berlin nach Bagdad erschließt für Deutschland die Ölfelder des Orients und ist als reine Landverbindung für die Royal Navy, für England, im Kriegsfall unangreifbar. Gleich-zeitig würde bei einem geringen Weiterbau der Bahn bis Kuwait Deutschland am Persischen Golf stehen, was England unbedingt verhindern will. So einigt man sich darauf, daß die Bagdadbahn nicht zum Persischen Golf verlängert wird und England in der Verwaltung der Bahnlinie ein Mitspracherecht bekommt.

Auch die kolonialen Fragen sind zwischen Deutschland und England erledigt. Schon im November 1911 hat der englische Außenminister Edward Grey vor dem Parla-ment und gegenüber dem deutschen Botschafter in London, Graf Metternich, Belgisch Kongo zur deutschen Einflußsphäre erklärt. Mit der Übereinkunft vom August 1913 über die Teilung der Kolonien Portugals zwischen Deutschland und England ist auch diese Frage geklärt. In einem ersten Schritt ist am 28. Mai 1914 die Urkunde für den Kauf der englischen Nyassa Company, die wirtschaftlich halb Nordmosambik beherrscht, im Auftrag des Deutschen Reiches von einem deutschen Bankenkonsortium in London unterzeichnet worden.

Die letzte Streitfrage zwischen Deutschland und England betrifft die Flottenrüstung. Aber auch hier hat sich eine Lösung für England ergeben, die Fernblockade. Waren England und Deutschland davon ausgegangen, daß in einem Kriegsfall zwischen beiden Ländern – wie in den Jahrhunderten zuvor in solchen Fällen – die stärkere Seemacht die Häfen der schwächeren Macht unmittel-bar blockiert, und Deutschland dagegen versuchen woll-te, die britische Schlachtflotte auch mit den gefährli-chen kleinen Torpedobooten vor der deutschen Küste zu schlagen, so haben die Briten jetzt umgestellt auf eine Blockade der deutschen Seewege in den Atlantik hinein zwischen Schottland und Norwegen und im Ärmelkanal. Der deutsche Überseehandel würde im Kriegsfall mit England nun sofort zusammenbrechen, da die deut-schen Schlachtschiffe mit ihrer Kohlebefeuerung nur eine geringe Reichweite haben und die britische Fern-blockadeflotte nicht angreifen können. Die deutschen Torpedoboote haben eine noch viel geringere Seeaus-dauer als die Schlachtschiffe und fallen nun als Kampf-mittel gegen die Royal Navy ganz aus. So ist britische Flotte im Kriegsfall durch die Fernblockade auch vor der deutschen Flotte geschützt.

Die beiden größten Wirtschaftsmächte der Welt haben ihre Probleme miteinander Mitte 1914 gelöst und eine Blüte der Weltwirtschaft ist abzusehen, zum Nutzen der ganzen Menschheit.

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Das Land

In seiner ganzen Ausdehnung ist Deutsch Südwestafrika eine bis zu 1200 m, anfangs sanft, dann meist steil ansteigende Terrassen-Landschaft, die sich ungefähr 300 km vom Meer binnenwärts zu senken beginnt. Die Breite des wüsten Küstengürtels (die Namib) beträgt mehrere Tagesreisen, doch bilden die Täler der grö-ßeren Flüsse (Riviere, nach dem Kapholländischen) Oasen. Im Innern befinden sich vereinzelt und un-regelmäßig verteilt zahlreiche Gebirgszüge, Kuppen und Bergreihen, die um mehrere hundert Meter über die durchschnittliche Landoberfläche emporragen. Im Sü-den das 2000 m hohe Karasgebirge, zwischen Rehoboth und Windhuk das Auasgebirge (2481 m hoch), weiter nördlich der Omatakoberg (2680 m hoch). Nach Osten fällt die Hochebene zu der im Innern 500 m tiefer gelegenen Kalaharisteppe ab, die man sich aber kei-neswegs als unfruchtbar und wüst vorstellen darf.

Von den Flüssen führen nur der Oranje und der Kunene, sowie der in den Ngamisee ergießende Okawango das ganze Jahr hindurch fließendes Wasser, sie sind aber nicht schiffbar. Auch der in den Oranjefluß mündende Fischfluß versiegt nie ganz. Die übrigen sich in den Atlantischen Ozean ergießenden Flüsse liegen während des größten Teils des Jahres trocken und bilden selbst zur Regenzeit selten ununterbrochene Wasserläufe und werden kapholländisch „Riviere“ genannt. Quellen be-finden sich in größerer Zahl im Hereroland; hier ist auch die Regenmenge bedeutender als in Groß-Namaland.

Das Klima ist im Sommer heiß, aber trocken. Der Winter ist durchaus gemäßigt. Nachtfröste sind im Innern nicht selten. Der Küstenstrich ist gleichmäßig kühl und hat bis 50 km landeinwärts nur Nebelniederschläge.

Die vorherrschenden Winde kommen aus südlicher Richtung, in der wärmeren Jahreshälfte (Oktober-März) auch Winde aus nördlicher Richtung, welche die Haupt-regenzeit von Januar bis März verursachen. In Windhuk beträgt die mittlere Jahrestemperatur 20 Grad, im kühl-sten Monat, Juli, 19 Grad, im wärmsten, Januar, 25 Grad.

Im wüsten Küstengürtel der Namib fehlt fast jeder Pflanzenwuchs. Amboland: rein tropisch (Affenbrot-bäume, Palmen usw.). Damaraland: Steppe und Dorn-busch mit oasenartigen Hainen von Ana- und Dorn-bäumen. Namaland: Grassteppe, fast baumlos. Mit künstlicher Bewässerung ist die Kultur von Getreide, Mais, Kartoffeln, Feigen, Datteln, Wein, Tabak usw. möglich. Im Norden kommt Baumwolle vor.

Die Küstengewässer sind fischreich. Im nördlichen Teil der Kolonie besteht eine rein tropische Fauna (Groß-wild wie Elefanten und Giraffen, Raubtiere, Affen). Im Okavangodelta finden sich die stärksten Löwen Afrikas wegen der Wasserwelt, die die Muskulatur stärker entwickelt.

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Leben und Ereignisse in der Residentur

In Bukoba ist der öffentliche Schlachtplatz stets von Aasgeiern belagert. Kaum haben sich die Metzger entfernt, so fällt die ganze Geierschar gierig über das geronnene Blut und den Mageninhalt her. Nach beendeter Mahlzeit starren sie vor Blut und Schmutz, fliegen zum Wasser, säubern sich und sitzen dann verdauend oft stundenlang mit hängenden Flügeln auf ihrem Platz.

Am Viktoriasee gibt es auch viele Enten und Gänse und der Regierungslehrer Rudolf Sendke schießt genug davon, damit sein Koch einen Steintopf immer mit Enten- und Gänsefleisch in Gallert gefüllt hat, auf daß die hungrigen Junggesellen zu Besuch beim Lehrer gut verpflegt sind, die deshalb auch gerne vorbeikommen.

Die Papageien am See sind als Wildbret bei den Schwarzen beliebt. Der Graupapagei mit seinem scharlachroten Schwanz wird aber auch als Käfigvogel gehalten. Insbesondere die Askaris in der Garnison Bukoba halten Graupapageien, weil sie die deutschen Befehle auf dem Exerzierplatz lernen und unbedarften, verschreckten Vorbeigehenden befehlen: „Achtung“, „Präsentiert das Gewehr“ und natürlich eine Palette deutscher Schimpfwörter im Kasernenhofstil wie „Schweinehunde, verdammte“.