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Tientsin

Eine weitere deutsche Konzession in China besteht seit dem 30. Oktober 1895 in der Stadt Tientsin. England und Frankreich hatten schon nach ihrem Opiumkrieg von 1856 bis 1860 gegen China in Tientsin Konzessionen. Tientsin liegt 120 Kilometer von Peking entfernt und ist der Hafen der Hauptstadt Chinas und natürlich auch der gesamten umliegenden Region. Die Stadt liegt zwar noch einmal 50 Kilometer vom Meer entfernt ist aber über den Paiho mit dem Pazifik verbunden. Eine ähn-liche Lage wie Hamburg über die Elbe zum Meer.

Tientsin ist seit Jahrzehnten auch ein Einfallstor für den europäischen Handel nach China hinein und entwickelt sich zur Industriestadt. Die Konzessionen der europä-ischen Mächte und Japans in Tientsin liegen außerhalb des eigentlichen chinesischen Stadtgebietes und haben eine Fläche von 13 Quadratkilometern. Sie liegen ent-lang des Paiho. Die Konzessionen haben eigene Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse und Kasernen. Für die Kolonialmächte sind die Konzessionen in Tientsin we-sentlich bedeutender als jene in Hankau.

Von 1900 bis 1909 wird Tientsin von einer internationa-len Kommission verwaltet, in der die Mächte vertreten sind, welche Konzessionen in der Stadt haben: England, Frankreich, Italien, Belgien, Rußland, Japan, Österreich-Ungarn und Deutschland. Tientsin hat um 1910 750.000 Einwohner.

Während etwa die Flächen der Konzessionsgebiete Ruß-lands und Belgiens unentwickelt bleiben, wird die deut-sche Konzession städtebaulich entwickelt. Die Verbes-serung der Infrastruktur des deutschen Konzessions-gebietes in Tientsin geht Hand in Hand mit dem wirt-schaftlichen Wachstum des Gebietes. Deutsche Han-delshäuser siedeln sich im Konzessionsgebiet an, ein-schließlich einer Filiale der Deutsch-Asiatischen Bank. Es entstehen moderne Gebäudezeilen im deutschen Bereich von Tientsin. Die amtlichen Gebäude sind im wilhelminischen Stil gehalten, so auch der Bau des Deut-schen Klubs an der Wilhelmstraße, der Hauptstraße der deutschen Konzession, die unter wechselnden Namen auch durch verschiedene andere Konzessionsgebiete in der Stadt führt. Andere Bauten in der deutschen Konzession wie Villen sind im modernen Kolonialstil gehalten.

In Tientsin liegen von 1902 bis 1906 Teile der Ostasia-tischen Besatzungs-Brigade, die nach dem Friedensver-trag mit China von 1902 aus nicht nach Deutschland zurückgeschickten Teilen des Ostasiatischen Expediti-onskorps gebildet worden ist. 1906 wird die Ostasiati-sche Besatzungs-Brigade in ihrer Stärke weiter reduziert und in Ostasiatisches Detachment umbenannt, welches nur noch in Peking und Tientsin stationiert ist. Ab 1909 wird der Verband nochmals reduziert und in Ost-asiatisches Marine-Detachment umbenannt, welches aus drei Kompanien besteht, wovon eine in Peking und zwei in Tientsin stationiert sind.

Ein Ereignis für die deutsche Gemeinde in Tientsin ist die Enthüllungsfeier des Kriegerdenkmals am 17. Juni 1905 für die gefallenen deutschen Kämpfer im Boxer-aufstand. Das Denkmal steht auf dem Wilhelmplatz, der im Verlauf der Wilhelmstraße liegt.

Die Entwicklung der deutschen Wirtschaft im Raum Tientsin erschließt sich an der Zahl der deutschen Un-ternehmen im Konsulatsbezirk Tientsin. Sind im Jahre 1900 29 deutsche Firmen im deutschen Konsulatsbezirk Tientsin ansässig, so sind es im Jahre 1912 63 Firmen.

In Tientsin erscheint auch das Tageblatt für Nordchina für die deutschsprechende Leserschaft.



In Tientsin liegt auch der einzige koloniale Besitz des Kaiserreichs Österreich. Diese zweite deutsche Groß-macht hat die Konzession in Tientsin durch ihre Betei-ligung an der Niederschlagung des Boxeraufstandes 1900/1901 erworben. Auf dem Gelände liegen zunächst deutsche Truppen, die das nun zu Österreich-Ungarn gehörende Gebiet 1902 räumen und ordnungsgemäß an die Österreicher übergeben. Die Deutschen übergeben auch alle Unterlagen zum Gebiet an die Verbündeten aus Österreich. Die Österreicher stationieren zu seiner Sicherung zunächst etwa 30 Mann Marineinfanterie auf ihrem Konzessionsgebiet. Die Fläche der österreichisch-ungarischen Konzession beträgt 150 Acres und ist somit etwas größer als die italienische Konzession, aber klei-ner als das belgische Konzessionsgebiet.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Konzessionsge-bieten in Tientsin ist das nun unter österreichischer Herrschaft stehende Land kein meist unbewohntes teils sumpfiges Gelände, sondern bereits von 30.000 Chine-sen bewohnt. Es liegt nördlich des Paiho unmittelbar in die wachsende Industriestadt Tientsin hineinreichend.

Als die Österreicher 1902 mit Vermessungen und Arbei-ten für die Anlage einer modernen Infrastruktur begin-nen, stoßen sie auf Schwierigkeiten mit den in altherge-brachten Bahnen lebenden Bewohnern ihres Konzes-sionsgebietes. Schnell richten die Österreicher vier Polizeistationen ein und können den Widerstand der Einheimischen überwinden. Die Österreicher machen große Anstrengungen für die Entwicklung ihres Ge-bietes und so schließen sie ihre Wasserversorgung an das 1901 fertiggestellte Wasserversorgungssystem der englischen Konzession an. Auch die Straßenbeleuch-tung wird 1902 vorbereitet.

Die Sicherung des Konzessionsgebietes wird schließlich von der österreichischen Kommandantur in der Kon-zession mit 40 österreichisch-ungarischen Marineinfan-teristen und 70 chinesischen Militärpolizisten gewähr-leistet. Die österreichische Verwaltung führt Steuern und ein Melderegister ein. Seit 1907 werden alle Ge-burten, Sterbefälle und Heiraten registriert. Die Ver-waltung wird schließlich von einem Stadtrat aus chine-sischen Ehrenmännern unter der Aufsicht des öster-reichisch-ungarischen Konsuls und des Militärkom-mandanten geführt. Die Gerichtsbarkeit gründet sich auf dem österreichisch-ungarischen Recht. Begeht ein Chinese aus der Konzession auf chinesischem Gebiet ein Verbrechen, wird er von einem chinesischem Ge-richt abgeurteilt.

Mit dem Aufbau der kleinen aber komfortablen euro-päischen Wohngegend in der Konzession mit seinen besonderen österreichischen Architekturelementen entsteht auch ein europäisches Theater, ein Kasino und eine Therme. Eine Statue des Komponisten Johann Strauss in geigespielender Pose wird aufgestellt. Wie in den anderen entwickelten Konzessionen gibt es ein Ge-fängnis, eine Kaserne, einen Friedhof und ein Kran-kenhaus. Für die chinesischen Kinder wird Schul-unterricht eingeführt. Auch eine Lotterie wird einge-führt.

Ein bedeutendes Handelszentrum, wie von österreichi-scher Seite erhofft, wird die Konzession nicht. Die wich-tigsten Geschäftsbereiche sind die traditionellen chine-sischen Geschäfte.

Das Konsulat des österreichischen Kaiserreiches hat selbstverständlich seinen Sitz in der Konzession und die chinesischen Einwohner der Konzession erhalten die österreichisch-ungarische Staatsbürgerschaft.

Österreich-Ungarn unterhält in Ostasien auch die ein-zige Marine-Auslandsstation der Doppelmonarchie. Ein Kriegsschiff der k.u.k. Marine ist immer in chinesischen Gewässern stationiert. Das Stationsschiff sendet auch sein Landungskorps bei Bedarf zur zusätzlichen Siche-rung der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft nach Peking, wo gut 30 Marinesoldaten die Gesandt-schaftswache stellen, oder in die Konzession nach Tien-tsin oder verwendet das Korps für andere Aufgaben in Ostasien.

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Hankau

Seit dem 3. Oktober 1895 besitzt das Deutsche Reich in der am Yangtsekiang gelegenen Stadt Hankau eine Konzession von 100 englischen Acres, was gleich 0,4 Quadratkilometer ist. Von diesem altenglischen Maß an Acres/Äckern – ein Acre/Acker ist gleich der Fläche, die an einem Tag von einem Bauern mit einem Ochsen beackert werden kann – besitzt England in Hankau 115 Acres, Frankreich 60 Acres, Rußland 60 Acres und Japan 32 Acres. Schließlich vermißt man aber 46 Hektar = 0,46 Quadratkilometer = 113,6 Acres für die deutsche Kon-zession in Hankau. Eine solche Konzession in China bedeutet ein vollständig dem Recht des Staates mit der Konzession unterworfenes Gebiet.

Hankau ist ein Zentrum von Handel und Wirtschaft in China und der größte Binnenhafen des Landes und so haben sich die Kolonialmächte in der Stadt von einer Million Einwohnern am mittleren Yangtsekiang ihre Einflußsphären gesichert. Die Konzessionsgebiete lie-gen aneinandergereiht am Fluß außerhalb der chine-sischen Stadt. So ist auch die deutsche Konzession in der Stadt in einer Länge von einem Kilometer am Ufer des mächtigen Flusses gedacht für die Sicherung des deut-schen Handels und Einflusses tief im Inland von China. Der jeweilige deutsche Konsul in Hankau ist auch gleichzeitig der Verwaltungschef der Konzession.

Im Herbst 1899 richtet der Norddeutsche Lloyd eine Linie auf dem Yangtse bis nach Hankau ein. Der Dienst selbst ist kein nennenswerter wirtschaftlicher Erfolg, dennoch sind die Yangtse-Dampfer unentbehrlich als Zubringer für die ostasiatischen Reichspostdampfer des Lloyd, die Schanghai anlaufen. 

Während des Aufstandes der Boxer meldet am 9. Okto-ber 1900 der Kommandant des Kanonenbootes Schwal-be, der die Stationärsgeschäfte in Hankau übernommen hat: »Nach meiner Einschätzung droht den Europäern in Hankau bei Anwesenheit einiger, wenn auch kleinerer Kriegsschiffe durch einen Aufstand des chinesischen Pöbels keine Gefahr.« Die Deutschen vor Ort sehen auch nicht die geringste Gefahr für sich in Hankau.

Nach einer Erkundungsfahrt auf dem Yangtse im Febru-ar-März 1903 schreibt der 2. Admiral des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders, Graf Friedrich von Baudissin, über Hankau: »Die deutschen Interessen legen ein er-freuliches Zeugnis ab von der Fähigkeit, Gründlichkeit und Thatkraft des deutschen Kaufmanns. An dem Im-port und besonders an dem Exporthandel aus den Yangtse-Gebieten sind die Deutschen erst seit den 80er Jahren betheiligt, von dann aber in stetig steigenden Maaße, was indessen äußerlich erkennbar erst mit dem Auftreten der Handelsflagge und der Einrichtung regel-mäßiger Linien in die Erscheinung tritt. Während der englische Antheil an der Thee-Ausfuhr, dem früher alleinigen Export-Artikel größeren Maaßstabes, Schritt für Schritt zurückging, erkämpfen sich die deutschen Häuser langsam aber sicher die führende Rolle in der Ausfuhr der vielseitigen Artikel – von den Engländern noch heute mug and trug Artikel genannt – welche bis jetzt neben Seide das Fundament des Ausfuhrhandels Chinas bilden. Vom Thee-Handel abgesehen, welcher quantitativ meist in russischen Händen liegt, welche den, aus minderwertigen Sorten fabrizierten sog. Ziegel-thee nach und über Sibirien leiten, wird man mit der Behauptung nicht zu hoch greifen, daß annähernd ¾ des ganzen Import- und Exporthandels von Hankau in deut-schen Händen liegt.«

Über den Yangtse ist Hankau mit Schanghai verbunden und über den Fluß auch selbstverständlich zum Welt-meer. Die Hamburg-Amerika-Linie betreibt 1905 zwei Dampfer auf der Strecke Hankau-Schanghai. Bei Han-kau ist der Yangtse noch 700-800 m breit und für See-dampfer mittlerer Größe befahrbar.

Der Norddeutsche Lloyd führt 1905 die Linien Schang-hai-Hankau und Hankau-Ichang. Ichang ist nach Han-kau die zweitgrößte Stadt der Provinz Hubei und ist über Nebenflüsse mit dem Yangtse verbunden.



Hankau ist der zentrale Anlaufpunkt für die Station der deutschen Yangtse-Patrouille auf dem mittleren Yang-tsekiang, aber in Hankau ist kein Kanonenboot ständig stationiert. Nach dem Boxeraufstand ist zwar ständig ein Schiff in Hankau, dann aber wird mit Einverständnis des Kaisers die Station seit Frühjahr 1903 nach Bedarf besetzt. Die Deutsche Vereinigung in Hankau will aber einen festen Stationär vor Ort und will natürlich auch aus Stolz nicht hinter der Station Schanghai nachstehen, wo ständig ein deutsches Kriegsschiff auf Posten ist für die an die tausend Deutschen und ihre Handelsinte-ressen in der größten Hafenstadt Chinas.

Deutsche Kriegsschiffe auf Besuchsfahrt, wie das Kano-nenboot Thetis, fahren auf dem Yangtsekiang bis nach Hankau. So die Thetis ab dem 28. April 1902 mit dem Chef des deutschen Ostasiengeschwaders Vizeadmiral Richard von Geißler an Bord über Nanking, der südli-chen Hauptstadt Chinas, nach Hankau, um Flagge zu zeigen und kehrt dann in die deutsche Marinebasis Tsingtau zurück.

Ein besonderer Besuch der deutschen Flotte in Hankau findet vom 8. bis 12. Juni 1904 statt, als der Admiral des Ostasiatischen Geschwaders auf seiner alljährlichen Yangtse-Reise – 1904 und 1905 ist der Kommandierende Admiral des Geschwaders Vizeadmiral Curt von Pritt-witz – bei seiner Fahrt auf dem Yangtse mit seinem Flaggschiff, dem Großen Kreuzer Fürst Bismarck, und dem kleineren Großen Kreuzer Hertha in Hankau ist. Trotz des Tiefgangs von 8,50 m der Fürst Bismarck kann Admiral von Prittwitz, bedingt durch den hohen Wasserstand des Yangtse, mit den beiden modernen Kriegsschiffen Hankau erreichen und so auch einen Prestigegewinn für Deutschland erzielen.

Auch Prinz Adalbert von Preußen, der dritte Sohn des Kaisers, ist als Marineoffizier bei der Besuchsfahrt da-bei, was die Ehre für die deutsche Kolonie in Hankau noch einmal erhöht. Selbstverständlich werden bei der Yangtse-Fahrt vom Admiral chinesische Potentaten an Bord geladen, um ihnen Macht und Größe des Deut-schen Reiches anschaulich vor Augen zu führen. Auch die anderen Kolonialmächte in China suchen natürlich mit einer Flottenpräsenz in chinesischen Gewässern Eindruck zu machen.   

Im März 1907 ersucht die Deutsche Vereinigung Han-kau den Reichskanzler in einem Schreiben um die Sta-tionierung eines Kriegsschiffes in Hankau. Seit der Ab-fahrt des Kanonenbootes Iltis am 27. November 1906 ist kein größeres deutsches Schiff mehr in Hankau gewe-sen. »Zwar sind inzwischen die kleinen Flußkanonen-boote Vaterland und Vorwärts gelegentlich für kurze Zeit hier gewesen, jedoch ist die Handvoll Leute, welche diese im Ernstfall landen können, zu gering, als daß sie in die Waagschale fallen würde.« Die Flußkanonenboote haben 30-50 Mann Besatzung, während die Kanonen-boote 130 Mann Besatzung aufweisen. Um den »chine-sischen Pöbel«, wie die Deutsche Vereinigung schreibt, einzuschüchtern, seien nur die größeren Schiffe geeig-net.

Immer wieder kommt es in Hankau zu Unruhen, die hauptsächlich mit innerchinesischen Problemen zu tun haben. Die etwa 200 Reichsdeutschen im Raum Hankau fürchten um ihre Geschäfte, die oft auf Hamburger Firmen basieren und so unterstützt auch der Ostasia-tische Verein in Hamburg die Bitte um eine dauernde Stationierung eines deutschen Kriegsschiffes in der Stadt.

Der Chef des Ostasiatischen Geschwaders, Konteradmi-ral Alfred Breusing, erkundigt sich über die Verhältnisse in Hankau und kommt zu dem Schluß, daß keine be-sondere Gefahr für Leben und Eigentum der Deutschen im Raum Hankau vorliege und so auch keine dauernde Stationierung eines deutschen Kriegsschiffes dort not-wendig sei.

Als im November 1908 der deutsche Gemeinderat von Hankau, unterstützt vom deutschen Konsul in Hankau, die Bitte um einen Stationär wiederholt und dafür gleich einen Kleinen Kreuzer verlangt, reagiert der neue Ge-schwaderchef, Admiral Carl Coerper, wie sein Vorgän-ger, er schickt zunächst ein Kanonenboot nach Hankau und stellt fest, daß für einen Stationär keine Notwen-digkeit bestehe, da die Lage in Hankau ruhig ist. An den Admiralstab in Berlin schreibt Coerper, daß die »Einga-ben, Requisitionen und Agitationen« aus Hankau nicht eher ruhen würden, bis eine Gleichstellung mit Schang-hai erreicht ist.

Tatsächlich besuchen nun vermehrt deutsche Kriegs-schiffe Hankau, aber eine Gefährdung ist in Hankau nicht abzusehen, die natürlich auch die anderen Mächte vor Ort betreffen würde und die im Notfall ebenfalls sofort Schiffe nach Hankau schicken würden und so auch dem Schutz der Deutschen in Hankau dienlich wären. Der Geschwaderchef muß mit seinen Kräften haushalten und muß auch dem Druck der deutschen Wirtschaftslobby wiederstehen und so bekommt Han-kau kein ständig anwesendes Kriegsschiff.

Am 21. Januar 1911 kommt es in der englischen Kon-zession von Hankau zu Unruhen wegen eines unklaren Todesfalles eines chinesischen Rikschakulis, der unge-rechtfertigt von der chinesischen Bevölkerung der eng-lischen Polizei angelastet wird. Die Engländer haben das Landungskorps eines ihrer Kanonenboote und ihre Freiwilligenkompanie zum Schutz zur Verfügung und rufen die Deutschen zu Hilfe, die ebenfalls über eine Freiwilligenkompanie und über das Landungskorps des Kanonenbootes Jaguar verfügen. Die Engländer stoppen schließlich die über den Bund, der Promenadenstraße am Fluß, in die europäischen Niederlassungen eindrin-gende Menschenmasse von etwa 6000 Chinesen, indem sie das Feuer auf die Chinesen eröffnen. Nach seinem Eintreffen verstärkt das deutsche Landungskorps die englische Schützenkette, braucht aber selbst nicht mehr das Feuer zu eröffnen. Chinesische Truppen überneh-men nun die Sicherung der europäischen Niederlas-sungen und die beiden deutschen Militärverbände sichern in der Nacht noch ebenso die Niederlassungen und führen Patrouillengänge aus. Am nächsten Tag geht das Landungskorps auf die Jaguar zurück und die Frei-willigenkompanie findet sich wieder an ihren Arbeits-plätzen ein.

Für die infanteristische Ausbildung der Besatzungen deutscher Kriegsschiffe bei ihren Besuchen in der Stadt am Yangtse stellt sich die deutsche Freiwilligenkom-panie von Hankau bei Feldübungen in der Nähe der Stadt als Manövergegner zur Verfügung.

Zur Unterhaltung der deutschen Kriegsschiffbesatzun-gen bei ihren Aufenthalten in Hankau richtet der deut-sche Frauenverein ein Zimmer für die Seeleute ein mit Lektüre und Gesellschaftsspielen, da »Hankau den Leu-ten nur sehr wenig bietet«. In einem Bericht des Ost-asiatischen Kreuzergeschwaders vom April 1911 steht über das Hankauer Seemannszimmer zu lesen: »Die Mannschaften erhalten hier Butterbröte, Kuchen und Kaffee und können gegen Bezahlung Bier und Zigarren entnehmen.«


Beim Ausbruch der Chinesischen Revolution im Herbst 1911 versammelt sich in Hankau eine internationale Flotte zum Schutz der Interessen der ausländischen Mächte am Yangtse. An deutschen Kriegsschiffen liegen bereits das Flußkanonenboot Vaterland, das Kanonen-boot Tiger und der Kleine Kreuzer Leipzig in Hankau, welche für den Wach- und Polizeidienst in der deut-schen Niederlassung ihre Landungskorps stellen. Mitte Oktober treffen auch das Torpedoboot S 90 und das Kanonenboot Iltis von Nanking kommend mit dem neuen Chef des Ostasiengeschwaders, Konteradmiral Günther von Krosigk, in Hankau ein.

Während insbesondere die großen Schiffe wegen des fallenden Wasserstandes des Yangtse zum Winter hin die Stadt verlassen und zu anderen Flußstädten beordert werden, um in den Wirren der Chinesischen Revolution dort Sicherungsaufgaben zu übernehmen, verbleibt die Iltis bis zum März 1912 in Hankau. Das Kreuzerge-schwader schickt aber im November 1911 noch 50 Mann mit zwei Maschinengewehren von den Großen Kreu-zern Scharnhorst und Gneisenau nach Hankau zum Schutz der Deutschen dort. Die Deutsche Vereinigung Hankau will aber noch 200 Mann mehr und richtet in der Sache sogar ein Telegramm an den Kaiser, aber der Admiralstab hält den vorhandenen »Schutz gegen den Pöbel« für ausreichend und für den Fall eines Angriffes von chinesischen Truppen würde auch die erbetene Verstärkung nicht ausreichen: »In diesem Falle müßte die deutsche Vereinigung den Rückzug auf die Schiffe in Betracht ziehen.«

Die Revolutionäre achten aber unbedingt die Ausländer und ihr Eigentum, um nicht durch das Eingreifen der ausländischen Mächte ihre Revolution zu gefährden. Obwohl alle anderen Mächte ihre Truppen aus Hankau abziehen, da sich die Lage vollkommen beruhigt hat, bleibt auf »allerhöchsten Befehl seiner Majestät« der deutsche 50 Mann-Trupp in Hankau, die Schiffsmann-schaft wird aber durch Soldaten aus der Garnison in Kiautschou ersetzt. Quartier der Truppe ist das Rathaus der deutschen Niederlassung und im Mai 1913 denkt man an den Bau von Baracken für die Truppe, da mit einem »Verbleiben des Detachments noch weiter ge-rechnet werden muß.«


Am 1. Juli 1914 sendet der Hankauer Konsul Ernst För-ster Reichskanzler Bethmann Hollweg den Vorschlag in Hankau neben dem Generalkonsulat in Schanghai ein zweites deutsches Generalkonsulat zu schaffen, nach-dem zum 1. Juli auch Belgien und Italien ihre Konsulate in der Stadt zu Generalkonsulaten erhoben haben und nun Deutschland als einzige ausländische Macht nur ein Berufskonsulat habe und deshalb auch nicht der deut-sche Konsul Vorsitzender des konsularischen Korps von Hankau werden könne und er nun in seiner Stellung gegenüber den anderen Mächten zurückgesetzt ist. Die Lage ist um so bedenklicher, da der deutsche Handel den größten Anteil des ausländischen Gesamthandels Hankaus ausmacht und nach »neuesten Feststellun-gen« die deutsche Kolonie die zahlreichste ist. Noch wichtiger als die Stellung gegenüber den anderen Mächten ist Förster allerdings der Eindruck auf die Chinesen:

»Auch ihnen ist die Bedeutung des deutschen Handels in Hankau wohl bewußt. Wenn sie nun sehen, daß Mächte, die auf dem Yangtse kaum Interessen haben, ihre Konsulate in Generalkonsulate umwandeln, so liegt die Gefahr nahe, in dem deutschen Verhalten eine Nichtachtung gegenüber China zu sehen.«

Im August/September 1914 soll der moderne Kleine Kreuzer Emden Hankau anlaufen und seine Anwesen-heit wird zweifellos das deutsche Ansehen in der Stadt stärken.

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Österreichische Unternehmungen

Dem Kaiser vom Österreich unterstehen sowohl alleinig die Außenpolitik, das Heer und die Kriegsmarine von Österreich-Ungarn. Somit ist der österreichische Kaiser für koloniale Unternehmungen seines Reiches zustän-dig. Kaiser Franz Joseph I und sein Außenminister Graf Goluchowski planen die Erwerbung eines Hafens in China. 1899 schickt die Regierung in Wien den Kreuzer Kaiserin Elisabeth als Stationsschiff nach China, auch mit der Absicht, wie Deutschland 1897 Kiautschou, einen Hafenplatz in China zu erwerben.

Ende Dezember 1898 bekommt Julius Beck das Kom-mando über die Kaiserin Elisabeth. Auf Becks Wunsch wird auch der Marineoffizier Alfred von Koudelka auf die Kaiserin Elisabeth eingeschifft. Koudelka: »Nach der Einschiffung in Pola teilte mir Beck bei strengster Schweigepflicht mit, in den letzten Dezembertagen habe der Marinekommandant eine Note des Ministeriums des Äußeren erhalten, daß der Minister, Graf Golu-chowski, erwäge, ob Österreich-Ungarn nicht nach deut-schem Muster einen chinesischen Hafen pachten solle, um den Handel mit Ostasien zu fördern. Das Ganze sei geheim zu halten, die diesbezüglichen Studien, For-schungsarbeiten und die Berichterstattung würden mir übertragen. Zu diesem Zweck war ich vom Hafendienst zu befreien und sollte offiziell als Adjutant des Kom-mandanten und Kadetten-Instruktionsoffizier fungie-ren.

Glücklicherweise blieben mir vor der eigentlichen For-schungsarbeit etwa zwei Monate Zeit, alle Fragen zu überdenken und mich vorzubereiten. Nun, die soge-nannten ›Vertragshäfen‹ wie Fu-Tschou oder Amoy kamen aus politischen Gründen nicht in Frage. Die Nähe eines großen Handelshafens wie Hongkong oder Shang-hai war zu vermeiden, weil sie zuviel Konkurrenz bedeutet hätte, ebenso die Nähe des deutschen Pacht-gebietes Kiautschou. Es blieben daher nur die Häfen zwischen Hongkong und Shanghai oder nördlich davon zur Wahl. Welcher war der beste? Das sollte die Forschung ergeben! Allem voran war eine Rücksprache mit dem k.u.k. Gesandten in Peking, Freiherr von Czikann, und dem Generalkonsul in Shanghai, Freiherr von Schmucker, notwendig. Als Reiseroute plante ich in etwa: den Besuch der Häfen südlich von Shanghai, dann einen Sommerbesuch in Japan, und schließlich wollten wir die Häfen nördlich von Shanghai aufsuchen. – S.M. Kreuzer Kaiserin Elisabeth verließ Pola am 24. Jänner 1899.«

Über Port Said und Aden geht es nach Colombo auf Ceylon, wo die Kaiserin Elisabeth auf die heimreisende Korvette Frundsberg trifft, um die Übergabe der ostasiatischen Station durchzuführen. Auch Post trifft in Colombo für die ausreisende Kaiserin Elisabeth ein. Koudelka: »Die Post aus der Heimat hatte uns einen unerfreulichen Erlaß des k.u.k. Reichskriegsministe-riums gebracht. In der Neuen Freien Presse war ein Leitartikel erschienen, der von der Absicht der Mo-narchie sprach, nach deutschem Beispiel einen Hafen in China zu pachten. Der Schiffskommandant hatte um-gehend zu berichten, wer für diese schwere Übertretung der Geheimhaltungspflicht zur Verantwortung gezogen werden müsse! Beck schäumte: „Hier an Bord sind nur Sie, als der zur Arbeit berufene, und der GDO [Gesamt-Detailoffizier, in der deutschen Marine der Erste Offizier, ranghöchster Offizier nach dem Kommandanten], Korvettenkapitän Karl Graf Lanjus von Wellenburg, als mein Stellvertreter, in das Geheimnis eingeweiht. Wem also ist der Vertrauensbruch zuzuschreiben?“ Lanjus und ich versicherten ehrenwörtlich nicht schuldig zu sein. Aber Beck weihte nun auch den Schiffsauditor, Linienschiffsleutnant Pietzuk, ein und ordnete gericht-liche Erhebungen zur Feststellung des Übeltäters an. Als mir die wiederholten Vernehmungen durch Freund Pietzuk, der allerdings nur seine Pflicht tat, zu viel wur-den, kam mir der Gedanke, im Postbuch nachzusehen, wer und an wen rekommandierte Briefe aufgegeben hatte. Da fand ich unter der Eintragung in Port Said: Absender Linienschiffskapitän von Beck, Empfänger Oskar von Teuber! Letzterer war der Verfasser von militärwissenschaftlichen Büchern und Arbeiten, ne-benbei auch Reporter der Neuen Freien Presse und Vertrauter von Beck, den ich seinerzeit als Pressere-ferent wiederholt vor dem Sensationsdrang Teubers gewarnt hatte. – Beck wurde sehr verlegen, er habe Teuber für sehr vertrauenswürdig gehalten; es sei ja immerhin möglich, daß in dem Brief eine Stelle ent-halten gewesen sei, die Teuber auf den Gedanken der Bearbeitung für die Neue Freie Presse gebracht habe; er werde die Antwort ans Ministerium selbst absenden, Pietzuk solle sofort alle Erhebungen einstellen!«

In Peking besuchen Beck und Koudelka zur Bespre-chung des Planes der Erwerbung eines Hafens den österreichisch-ungarischen Gesandten Baron Czikann. Koudelka: »Bereits bei den ersten Besprechungen stellte sich heraus, daß er über China und die Chinesen wenig wußte, über die Wiener chronique scandaleuse hinge-gen wußte er bestens Bescheid. Als wir mit Legationsrat von Rosthorn, der als Dolmetsch fungierte, dem chine-sischen Ministerium des Äußeren einen Besuch abstat-teten, stellte sich heraus, daß unser famoser Gesandter nicht einmal dessen allmächtigen und berüchtigten Vorsitzenden, Jung-lu, kannte!

Am Morgen des fünften Tages ging es an die Rückreise, Beck inspizierte die Gesandtschaftswache – Linien-schiffsleutnant Karl Prica, zwei Kadetten und 30 Matro-sen –, die abgelöst wurde und mit uns nach Tschifu einrückte. In Tschifu veranstalteten die europäischen Residenten uns zu Ehren einen Ball, dann fuhren wir nach Shanghai, um von da aus die südlich gelegenen Häfen unter die Lupe zu nehmen.

Unser Generalkonsul in Shanghai war Herr von Schmucker, ein ruhiger, freundlicher Mann, der seine Ablösung durch Pisko bereits in der Tasche hatte. Czikann hatte über ihn kein sehr günstiges Urteil abzugeben, das Schmucker nun in gleicher Art erwi-derte, gleichzeitig ließ er auch an Pisko kein gutes Haar, wie dann später wiederum Pisko für von Schmucker nur unfreundliche Worte fand. Die sogenannte ›Kollegiali-tät‹ der k.u.k. Diplomaten! Die Zeit zur Erfüllung unserer geheimen Aufgabe war gekommen. Reich an Eindrük-ken vom Getriebe auf der Bubbling well road und vom intensiven Handelsverkehr in den Straßen der franzö-sischen Konzession verließen wir Shanghai, um zuerst Namquan anzulaufen.

Für die Durchführung meiner Arbeit mußte ich daran denken, Ufer und Wassertiefen zu studieren. Wo konn-te man Kais und Molen anlegen? War ein Chinesen-viertel in der Nähe? Was bieten und brauchen die um-liegenden Ortschaften? Welcher kommerzielle Zusam-menhang besteht mit dem Hinterland? Käme eine Bahnverbindung mit dem Hinterland in Frage? Wenn ja, wie sollte die Trasse geführt werden? Welche erfolgversprechenden Industrien können aufgebaut werden? Welche lokalen Produkte gibt es: Tee, Erze oder Öle? Die Dampfer des Österreichischen Lloyd könnten auf ihrer Route Hongkong-Shanghai-Japan ohne weiteres dazu verhalten werden, unseren Ver-tragshafen anzulaufen, und wo Tauben sind, würden Tauben zufliegen, der Handel würde sich entwickeln.

Jedenfalls waren viele Fragen möglichst ausführlich zu beantworten. Das erforderte längere Bootsexpeditionen und kleinere Inlandreisen. Weiter ins Landesinnere vorzustoßen, mußte späteren Pionieren vorbehalten bleiben, denn in Shanghai hatte man uns bereits ge-warnt, daß geheime Gesellschaften emsig am Werk seien, den Fremdenhaß zu schüren. Beck verbot daher, daß ich das bewaffnete Expeditionsboot überhaupt ver-ließ und begründete dies so: „Der Korvéekadett, den Sie mithaben? Der genügt nicht für die Sicherheit von Boot und Besatzung, denken Sie an das Boot der Donau, das an der Küste von Borneo in den siebziger Jahren von Piraten überfallen wurde, als die Besatzung Holz schlä-gerte.“ Manchmal mußte ich aber vorstoßen, dann nahm ich unseren Bordphotographen, Linienschiffs-leutnant Maximilian Daublebsky, und seine Kamera mit, „damit ein Offizier im Boot verbleiben könne“.

Der Hafen von Namquan bot folgendes Bild: die Einfahrt lag zwischen zwei leicht zu befestigenden Hügeln. Das Hafenbecken war geräumig und tief und im Westen durch einen auch für große Segelschiffe befahrbaren flußähnlichen Wasserweg mit dem Gordon-See ver-bunden, der ebenfalls einen geräumigen Hafen bildete. Am Nordufer gab es terassenförmig angelegte Reis-kulturen, das Südufer war flach und für eine europä-ische Niederlassung sehr geeignet. In der Nordostecke des Hafens lag das schmutzige, dicht bevölkerter Städtchen Schetscheng. Der Gordon-See bot sich für Werften und Docks an, an seinen Ufern bestand die Möglichkeit für reichen Ackerbau. Der Handel ab Namquan würde rasch die nördliche Hälfte der Provinz Fukien an sich ziehen, und mein positives Schlußurteil hatte zwei seltene Berichtsbeilagen: eine Rübe, deren Analyse zeigen sollte, ob Zuckerrübenanbau empfeh-lenswert sei, und ein Stück Quarz mit einem Gold-sprengsel aus einem Vorkommen nördlich des Gordon-Sees. Gold durfte damals als sogenannter ›Schatz des Heiligen Drachen‹ von den Chinesen nicht abgebaut werden.

Da die Pachtung als wirtschaftlicher und nicht als mili-tärischer Stützpunkt gedacht war, erhob sich die Frage nach der Art der Güter für die Ein- und Ausfuhr, an deren Beantwortung ich nur ganz oberflächlich heran-gehen konnte. Es mußte den Handelstreibenden der kleinen Kolonie überlassen bleiben, ihre Tätigkeit über deren Grenzen möglichst auszudehnen, Exportgüter zu sammeln und zu verfrachten und andererseits aus der Heimat nur das zu beziehen, was hierzulande Absatz finden konnte.

Nach Namquan nahm ich mir die weiter südlich ge-legene Samsa-Bucht vor, die mehrfach geästelt tief ins Land reichte. Kaiserin Elisabeth ankerte in der geräu-migen Bucht im Norden der Hafeneinfahrt und ›machte in militärischer Tätigkeit‹, wie Bootsübungen und Schei-benschießen mit Gewehren, um die Aufmerksamkeit eines japanischen Kleinen Kreuzers, der bald nach uns angekommen war, von unserer eigentlichen Aufgabe abzulenken. Diese Bucht, ein vortrefflicher Ankerplatz für große Schiffe, kam übrigens nur für diesen Zweck in Frage. Eine genauere Erforschung erübrigte sich daher. Gegen Süden hin lag eine zweite, etwas kleinere Bucht mit dem Städtchen Nin-te, die besser geeignet schien, aber nach ihrer Küstenbeschaffenheit doch nicht zur Anlage einer Niederlassung einlud.

Von der Stadt Fu-tschou, die wir dann anliefen, habe ich wenig zu sehen bekommen. Die Zusammenstellung der umfangreichen Berichte über Namquan und Samsa und deren Ausfeilung fesselte mich zu sehr an Bord.

Nach dem Besuch von Fu-tschou gingen wir an die Er-forschung des Hafens Hing-hoa, der für eine Nieder-lassung großen Stils geeignet schien. Wir ankerten nahe der Hafeneinfahrt, und bald danach traf auch die unter dem Kommando von Linienschiffskapitän Guido Couar-de stehende Korvette Saida ein, die aus Australien zu uns beordert worden war. Da die Seekarten unzurei-chend waren und möglicherweise Untiefen vorhanden waren, wurde vereinbart, daß die Saida weiter in das Inselgewirr des Sunds hineinfahren sollte, denn ihr machte eine Grundberührung weniger aus als der Kaiserin Elisabeth. Die Korvette sollte als Stützpunkt für meine Forschungsgruppe dienen, die eine Dampf-barkasse mit einem Boot im Schlepp benutzte. Solcher-art konnte ich am ersten Tag die Piraten-Bai besuchen und durchforschen, die, ins Festland eingeschnitten, für eine Hafenanlage geeignet schien. Am zweiten Tag unternahmen wir eine Fahrt den Hing-hoa aufwärts bis zur befestigten Stadt Hing-hoa-siang, um dort zu über-nachten. Für eine solche Unternehmung hatte ich mei-ne beiden Boote auf Grund meiner bisherigen Erfah-rungen ausgerüstet. Als ich den Hing-hoa flußaufwärts steuerte, ließ ich durch unseren chinesischen Dol-metsch Tsong-he-tsan bei mehreren Chinesen, die auch flußaufwärts strebten, Erkundigungen einziehen. Alle warnten dringend vor dem Besuch von Hing-hoa-siang: Der Stadtgewaltige sei ein fanatischer Feind aller Euro-päer, und wenn er sich vielleicht auch angesichts der Kanone auf der Dampfbarkasse und der bewaffneten Bootsbesatzung von einem nächtlichen Überfall zurück-hielt, so sei doch Tsong seines Lebens nicht mehr sicher. Der Toa-tai habe bisher noch alle Chinesen hinrichten lassen, die Europäer nach Hing-hoa-siang gebracht hat-ten! Unser Tsong bekam es mit der Angst zu tun, und ich sah ein, daß es nicht klug wäre, die ganze Mission der Kaiserin Elisabeth durch einen bewaffneten Konflikt in Frage zu stellen. Und so kehrten wir nur wenige See-meilen vor Hing-hoa-siang um, um die Boote schließlich eine Seemeile von der Flußmündung entfernt zu veran-kern und bei scharfem Wachdienst zu übernachten. Es gab auch noch einen anderen Grund, auf den Besuch von Hing-hoa-siang zu verzichten. Ich hatte mancherlei Kleinigkeiten von Chinesen gekauft und ihnen zur Be-zahlung verschiedene Münzen angeboten. Immer grif-fen sie nach Kuang-tuang-Münzen und schoben dieje-nigen anderer Provinzen zur Seite. Das bewies, daß die Gegend und wohl auch ihre Kreisstadt Hing-hoa-siang kommerziell sehr stark von Hongkong abhängig waren, was gegen eine europäische Handelsniederlassung sprach.

Am nächsten Vormittag sah ich mir die nordwestliche Ecke des Sundes an, nachmittags kehrte ich mit meinen Booten zum ›Stützpunkt Saida‹ zurück. Als ich mich beim Kommandanten melden wollte, erfuhr ich, er sei am Morgen mit einigen Herren seines Stabes in seiner Dampfbarkasse der Saida ein am Nordufer mündendes Flüßchen hinaufgefahren, um auch einen Beitrag zu leisten. Auf meine Frage nach dem Versorgen für ein längeres Ausbleiben erklärte man mir, sie hätten nur ein paar Sandwiches mitgenommen, falls sie mittags etwas später heimkommen sollten. Ich war über diese Unvorsichtigkeit bestürzt, denn Couarde hatte die Aus-rüstung meines Bootes gesehen und sogar noch gefragt, ob dies alles denn auch nötig sei. Und prompt war diese Privat-Expedition abends noch nicht zurück.

Dabei wurde das Wetter immer bedrohlicher. Mein Boot wurde an Bord gehißt, die Dampfbarkasse an langer Leine achtern vertäut. Als dann noch Regen und steifer Wind aufkam, ließ der GDO, Linienschiffsleutnant Leonidas Pichl, die Kette ausstechen, die Segel einholen und meine Dampfbarkasse wurde von ihm angewiesen, mit voller Bemannung die ganze Nacht über dampf-bereit zu bleiben. Soweit war alles gut und ich verkroch mich müde in meine Hängematte, um zu schlafen. Bald aber ließ mich Pichl wecken: Der Wind war zum Sturm angeschwollen und starker Seegang aufgekommen. Er befahl mir, die Dampfbarkasse solle loswerfen und mit den Kadetten in See gehen! Wohin in der stockfinsteren Nacht und bei der schweren See? Pichl blieb uner-bittlich: „Das ist mir gleich. Wenn das Schiff treiben sollte, kann die Barkasse das Steuer beschädigen.“ Ich protestierte: „Das heißt, die Barkasse mit Mann und Maus versaufen lassen!“ – „Das ist mir gleich!“ Es folgte eine scharfe Auseinandersetzung, bei der ich als der Rangjüngere gehorchen hätte müssen, da kam mir der Artillerieoffizier, Linienschiffsleutnant Franz Löfler, zu Hilfe. Nach langem hin und her wurde ein Kompromiß gefunden: Die unbemannte Barkasse sollte achtern an langer Leine vertäut bleiben, ein Mann mit einer Hacke hatte am Heck bereit zu stehen, um die Leine zu kappen, falls die Saida zu treiben beginne. Es war mir gelungen, das Leben meiner Männer zu retten. Tatsächlich zog ein Taifun in See vorbei, doch blieb das Zentrum genügend weit entfernt, um die Saida nicht in schwerste Gefahr zu bringen.

Was ist aus Couardes Privat-Expedition geworden? Er war, wie bereits erwähnt, in weißer Uniform mit ein paar Sandwiches ausgestattet bei eben beginnender Flut zwischen den nur wenig aus dem Wasser ragenden Schlammbänken eines Flüßchens aufwärts gefahren. Nach wenigen Stunden waren alle Schlammbänke unter der Flut verschwunden, die Herren verloren die Orientierung, verankerten das Boot und verzehrten ihre Sandwiches. Nachmittags, als Schlammköpfe aus dem Wasser zu treten begannen, wurde nach dem eigent-lichen Flußbett gesucht. Mit dem Bootshaken lotend, war man hin und her gefahren, bis auf einmal alles Wasser unter dem Boot rasch ablief und man plötzlich auf einer endlos sich ausbreitenden Schlammbank saß! Weit und breit kein Haus und kein Boot, erst gegen Abend kam ein neugieriger Chinese auf einem Schlammschlitten, sich ›den Schaden zu besehen‹. Er verkaufte einen mittelgroßen Fisch, der dann, im Kesselwasser gekocht, das ganze Nachtmahl für Fahr-gäste und Besatzung bildete. Dann begann es zu regnen und zu stürmen, und die ganze Nacht mußten die Herren, die Couarde eingeladen hatte, ihn zu begleiten, in ihren durchnäßten weißen Uniformen auf der Boots-bank hocken – ohne Decken, ohne Zelt. Erst die im Morgengrauen einsetzende Flut ermöglichte der Bar-kasse nach dieser bitterbösen Nacht die Heimkehr.

Die Führung der Saida hatte erwartet, längere Zeit in einem unbekannten chinesischen Hafen zu bleiben, ›echte‹ Chinesen kennenzulernen, aber auch, die Lei-tung der Forschungsarbeit im Hing-hoa-Sund selbst in die Hand zu nehmen. Der Ausflug Couardes sollte mir, dem Rangjüngeren, demonstrieren, wie man es besser macht. Aus dieser Grundeinstellung resultierte auch Pichls Verhalten mir und meiner Barkassenmannschaft gegenüber. Ich hatte daher vom ›Stützpunkt Saida‹ reichlich genug und beschloß, auf die Kaiserin Elisabeth zurückzukehren. Als Couarde mit seinen Herren in nicht gerade beneidenswertem Zustand auf sein Schiff heimkehrte, benützte ich die Gelegenheit, mich mit meinen Booten auf die Kaiserin Elisabeth abzumelden. Verblüfft fragte Couarde: „Wir sind doch von Australien hierher geschickt worden, um euch zu helfen. Ich hatte mir die Sache anders vorgestellt.“ Worauf ich gehorsamst für die mir zuteil gewordene Hilfe dankte und mit meinen Booten davonfuhr. „Gott sei Dank!“ meinte mein eher phlegmatischer Begleiter Daublebsky, als wir abstießen…

Meinem Kommandanten meldete ich ungeschminkt, wie die vier Tage abgelaufen waren. Er lobte meinen Entschluß, vor Hing-hoa-siang umgekehrt zu sein, denn niemand wußte, wie die höheren Stellen und auch die Deutschen auf einen bewaffneten Zusammenstoß rea-giert hätten. Und die Saida werde er ihrer Wege senden, wir brauchten sie nicht mehr, denn nun fuhren wir nach Japan.

Vor dem Aufenthalt in Japan erbat ich aus folgendem Grund den Besuch des Vertragshafens Amoy: Ich hatte herausgefunden, daß die Evangelisation der Provinz Fukien den spanischen Dominikanern in Amoy oblag. Möglicherweise konnte ich dort Informationen über Bodenschätze bekommen. In mühsamer Unterhaltung – die Patres sprachen nur Spanisch, ich Italienisch und Französisch – machte ich mein Anliegen verständlich. Ich hätte gehört, einer der Patres hätte vor 30 Jahren ganz Fukien bereist, ob kein Tagebuch da sei? Ich wäre Botaniker und hätte gerne Aufschluß über die dortige Flora. Der Prior bejahte und ließ eine alte handgeschrie-bene Schwarte bringen. Ich bereute bald meine zur Ab-lenkung erfundene Notlüge: Der betreffende Pater war wirklich Pflanzenkundler, hatte jedoch keine Ahnung von Bodenschätzen. So mußte ich eine halbe Stunde lang mit vorgetäuschtem Interesse in der Schwarte blättern und erfuhr nichts, außer daß es nördlich des Gordon-Sees Gold gäbe, es aber nicht erlaubt sei, sich der Fundstelle zu nähern. Aber vom ›Schatz des Heiligen Drachen‹ wußten wir ja bereits.

Meine Hauptaufgabe in Jokohama war, in der nahege-legenen Reichshauptstadt Tokio vorsichtig zu erkunden, wie sich Japan zu einer Hafenpachtung in China ver-halten würde. Die erhaltene Auskunft war ermutigend und lautete: „keineswegs, ablehnend, wenn der Hafen militärisch nur gegen Piratenüberfälle oder lokale Un-ruhen gesichert, aber nicht zu einem Kriegshafen aus-gebaut wird“, und das lag nicht in unserer Absicht.«

Zurück in China berichtet Alfred von Koudelka weiter: Wir »umfuhren dann die Schantung-Halbinsel, an de-ren Felsküste am 23. Juli 1896 das deutsche Kanonen-boot Iltis bei schwerem Sturm gestrandet war, wobei 71 Mann ums Leben kamen. Wir hatten übrigens bei un-serem Aufenthalt in Shanghai am dortigen Iltis-Denk-mal einen Kranz niedergelegt. Unser Ziel war Tsingtau, die Hauptstadt des deutschen Pachtgebietes Kiau-tschou, die uns als Vorbild für unsere Aufgabe dienen konnte. Eine Besichtigung der Umgebung Tsingtaus zeigte aber rasch, daß die Deutschen in den zwei Jahren seit der Besitzergreifung durch den Kiautschou-Vertrag vom 6. März 1898 fast nur militärische Absicherung des Pachtgebietes vorangetrieben hatten. Investitionen in Handel und Industrie sollten erst später folgen. Natür-lich hatte das deutsche Organisationstalent inzwischen vieles geschaffen; vor allem war die Lösung der sani-tären Probleme gesucht worden. Da Österreich-Ungarn seine Pachtung auf friedlichem Wege zu erreichen gedachte, gab es demnach zu jener Zeit für uns in Tsingtau nur wenig zu lernen. Im großen und ganzen fanden wir bei Dreibund-Genossen [Dreibund = Deutsch-land – Österreich-Ungarn – Italien] freundlich-korrekte Aufnahme. Allerdings hätte ich zu Vergleichszwecken auch gerne eine englische Kolonie im zweiten Jahr ihres Bestandes gesehen.

Nach Tsingtau fuhren wir zu unserem zweiten Besuch nach Shanghai, wo wir Prinz Heinrich von Preußen, dem Chef des deutschen ostasiatischen Geschwaders, unse-ren Besuch abstatteten. Bald trieb uns die Pflicht weiter: Wir untersuchten den Nimrod-Sund, die Sanmun Bai und die Lotsin Bai auf deren Eignung für eine Pachtung. Alle drei Orte erwiesen sich als ungeeignet, hatten zahl-reiche vorgelagerte Inselchen und seichtes Wasser. Die in dieser Gegend sehr starken Gezeiten hätten fort-während kostspielige Baggerarbeiten erfordert. Für die Sanmun Bai hatten sich bereits die Italiener interessiert, aber bereits beim ersten Auftreten eines diesbezüg-lichen Gerüchts hatte die alte Kaiserinwitwe T’zu Hsi energisch Stellung genommen. Einem Volke, das immer wieder besiegt worden war – sogar von Negern! – sei gegebenenfalls schärfster Widerstand zu leisten. Es kristallisierte sich mehr und mehr heraus: Wenn über-haupt ein österreichisch-ungarisches Pachtgebiet in Ostasien in Frage kam, dann kam nur Namquan in nähere Erwägung.

Dann ging es quer über den Indischen Ozean nach Aden zurück, wo kurz nach uns S.M. Kreuzer Zenta auf der Ausreise eintraf, um die ostasiatische Station zu über-nehmen. Wir sagten dem Schiffskommandanten, Fre-gattenkapitän Eduard Thomann Edler von Montalmar, und seinem Adjutanten, Linienschiffsleutnant Theodor Ritter von Winterhalder, sie seien eben im Begriffe, zur ›Eröffnungsfeier‹ eines großen Aufstandes in China zurechtzukommen, was aber unser neunmalkluger Gesandter nicht wahrhaben wollte. Wie konnten wir bei dieser Übergabe ahnen, daß Thomann bei der Belage-rung des Gesandtschaftsviertels von Peking am 8. Juli 1900 fallen sollte und Winterhalder so lange unter schwersten Bedingungen kämpfen würde müssen. Während des Boxeraufstandes wurde dann auch das Gebäude der k.u.k. Gesandtschaft in Peking niederge-brannt, es gab Tote und Verwundete beim Wachde-tachment Peking. Nach der Befriedung hätte man daher die Pachtung einer öster-reichisch-ungarischen Kolonie leicht unter Dach und Fach bringen können. Die Ungarn wollten aber nichts neues ›Gemeinsames‹, nur unter dem Mäntelchen einer Etappenstation konnte das öster-reichisch-ungarische Settlement in Tientsin eingerich-tet werden. All die mühevolle Forschungsarbeit sollte dem Vaterland nichts bringen, nur mir das Signum laudis. Jahre später sagte mir der alte Kaiser bedauernd: „Schade, daß nichts daraus geworden ist!“«  


1901 fährt der Kreuzer SMS Leopard der österreichisch-ungarischen Marine die Salomoneninsel Guadalcanal an, die östlich von Neuguinea im Pazifik liegt. Matrosen des Kriegsschiffes errichten ein Steinkreuz aus Tiroler Porphyr für ihre fünf Jahre zuvor auf der Insel ums Leben gekommenen Kameraden und Teilnehmer einer geheimen Mission. Auf dem Steinkreuz sind die Namen der fünf Toten eingemeißelt und sie trägt die Aufschrift: »Dem Andenken der im Dienste der Wissenschaft beim Kampf am Fuße des Berges TATUBA heldenmüthig gefallenen Mitglieder der Expedition S.M.Schiffes „Albatros“ von der k.u.k. Kriegs-Marine 1896«

Schon 1893 hatte die österreichische Korvette Saida Guadalcanal aufgesucht, um nach Nickel zu suchen. Ursache für die Nickelsuche ist der Großindustrielle Arthur Krupp. Er ist vor allem an Nickelvorkommen interessiert, die er für seine Stahlerzeugung benötigt, für die Härtung von Stahl. Die Suche sowohl in Nord-amerika als auch im Südpazifik war nicht sehr erfolg-reich. Es gab allerdings vielversprechende Hinweise in den Befunden der Salomon-Inseln. Frankreich hat große Nickelvorkommen auf seiner im Südpazifik liegenden Kolonie Neukaledonien gefunden, die südlich der Salomoninseln liegen, und hat auf dem Weltmarkt fast ein Monopol für Nickel. So glaubt man die Insel Guadal-canal als einen guten Kandidaten für Nickelvorkommen und beauftragt den Geologen Heinrich Freiherr Foullon de Noorbeeck mit der Suche nach dem Erz. Der erste Versuch 1893 im Inneren der Insel Guadalcanal mußte abgebrochen werden. Weder das Finanzministerium noch Foullon selbst wollten es ein weiteres Mal versu-chen. Krupp überzeugt allerdings das Kriegsministe-rium, das auch schon früher an Expeditionen finanziell beteiligt war, zu einem weiteren Versuch. Sollte die Suche auf Guadalcanal erfolgreich sein ist sogar ein eine Übernahme als Kolonie gedacht.

Der Vertrag von 1886 über die Aufteilung der Salomo-nen zwischen Deutschland und England ist der Regie-rung Österreichs bekannt. Durch diesen Vertrag kam Guadalcanal unter britische Kontrolle. Im Vorfeld der österreichischen Expedition von 1896 stellt deshalb die k.u.k Marineleitung bereits fest, daß die politische Lage »den Gedanken an eine militärische Besetzung oder Annexion einzelner Inseln [innerhalb der Salomon-gruppe] durch eine dritte Macht ausschließt«, was heißt, eine militärische Besetzung oder Annexion von Guadal-canal durch Österreich ist ausgeschlossen. Zur Durch-führung der Ideen Krupps für Guadalcanal meint die k.u.k. Marineleitung schließlich: »Auf das Project Krupp zurückkommend, könnte … nur noch die käufliche Erwerbung von Landbesitz durch Herrn A. Krupp im Falle von Erzvorkommen [auf Guadalcanal] in Betracht gezogen werden… Dieses Unternehmen würde sich als rein privatrechtliches qualificiren…«

Es bleibt also nur die Option des Kaufes von Land auf der Insel durch Krupp. Trotzdem beteiligt sich der Staat an der Expedition nach Guadalcanal und stellt ein Kriegs-schiff bereit. Der offizielle Auftrag für die im britischen Einflußbereich liegende Insel lautet nur auf Anlegen von naturhistorischen, ethnographischen und anthro-pologischen Sammlungen für die k.u.k. Hofmuseen. Der eigentliche Grund, die Nickelsuche, ist nur Foullon und dem Kommandanten des Kanonenbootes SMS Albatros bekannt. Würde man Nickel finden, bliebe die Ange-legenheit natürlich weiter geheim und man könnte vielleicht den Engländern die Insel abkaufen, die an-sonsten nicht besonders bedeutend ist. Als Vorwand für einen Kauf könnte man die Wirtschaftsbeziehung Österreichs zu der Insel in den Vordergrund schieben. Das Hauptexportgut der Insel ist minderwertiges Kopra, es muß rauchgetrocknet werden und ist daher nicht so wertvoll wie sonnengetrocknetes Kopra. Der zweite Ex-portartikel der Insel ist Elfenbeinnuß. Das pflanzliche Elfenbein wird hauptsächlich zur Knopfherstellung benutzt. Hauptabnehmer sind Deutschland und Öster-reich. Die Weltmacht England wäre wahrscheinlich sogar bereit dem völlig kolonielosen Österreich die wirtschaftlich und strategisch unwichtige Insel, aus Gründen der Erhaltung guter Beziehungen, zu einem fairen Preis abzutreten und man würde dann ›zufällig‹ Nickel auf der Insel finden.

Am 5. August 1896 erreicht die Albatros Guadalcanal für die Suche nach Nickelvorkommen. Die Expedition findet aber schon am 10. August ihr Ende. Beim Durchqueren der Insel wird die Expeditionsgruppe von Einheimischen überfallen. Dabei wird Foullon angeschossen und stirbt, ebenso kommen vier weitere Österreicher bei dem Überfall ums Leben. Der Traum vom Nickel auf Guadal-canal ist ausgeträumt.

Auch ein einheimischer Führer der Küstenbewohner der Insel ist bei der Expedition ums Leben gekommen. Die Buschmänner im Inneren der Insel liegen mit den Küstenbewohnern in ständiger Fehde und glaubten die Küstenbewohner hätten sich Fremde ins Land geholt, um die Buschmänner von ihrem Gebiet zu vertreiben und griffen deshalb die österreichische Expedition an. Dieser Hintergrund des tödlichen Überfalls ist aber den Österreichern unbekannt.

Nachdem SMS Leopard das Steinkreuz zum Angeden-ken an die Toten der Guadalcanal-Expedition von 1896 aufgestellt hat, geht das Kriegsschiff nach Ostasien zum österreichischen Geschwader, das sich an der Bekämp-fung des Boxeraufstandes in China beteiligt.


Auf der Ostasienstation befindet sich seit dem Herbst 1899 der Kreuzer SMS Zenta. Die Nachrichten vom Boxeraufstand in China führen am 23. Juni 1900 zur Entsendung des Panzerkreuzer Maria Theresia nach China, wo das Kriegsschiff mit den internationalen Einheiten vor der chinesischen Küste zusammenwirken soll. Am 24. Juli 1900 entsendet die k.u.k. Kriegsmarine dann noch die Kreuzer SMS Kaiserin Elisabeth und SMS Aspern nach China.

Das Ziel der Schiffe ist Taku an der Mündung des Peiho. Die Forts von Taku schützen Tientsin, die Hafenstadt von Peking. Am 7. Juni 1900 haben die Truppen der gegen den Boxeraufstand kämpfenden Staaten England, Frankreich, Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien, Rußland, die USA und Japan die Taku-Forts erobert und bahnen sich nun den Weg nach Peking.

Die vor Taku liegende Zenta hat im Juni 103 Soldaten an Land gesetzt. Davon fallen vier Mann in Peking, darun-ter der Kommandant des Kreuzers. Die Maria Theresia trifft am 7. August 1900 auf der Reede vor Taku ein und setzt ein Landungskorps von 160 Mann mit zwei Kano-nen an Land.

Die aus der Heimat Ende Juli abgegangenen Schiffe Kaiserin Elisabeth und Aspern treffen am 7. und 8. September vor Taku ein und setzen weitere Truppen an Land. Die Maria Theresia bleibt bis Anfang Dezem-ber im Gelben Meer, um dann für Wartungsarbeiten nach Japan zu laufen. Am 6. Februar 1901 trifft sie in Schanghai ein und unterstützt dort die internationalen Interventionskräfte. Am 10. Februar kommt die Aspern hinzu, die allerdings durch einen britischen Dampfer bald beschädigt wird. Am 22. Februar 1901 trifft dann auch die Zenta in Schanghai ein.

Anfang März 1901 macht der Panzerkreuzer Maria Theresia eine Fahrt den Jangtse aufwärts bis Nanking, um dann auf dem Marsch mit der Zenta zum Gelben Meer Mitte März erstmals den deutschen Stützpunkt Tsingtau zu besuchen. Am 30. April laufen Maria Theresia, Elisabeth und Zenta den koreanischen Hafen Chemulpo an, wo auch noch der Torpedokreuzer Leopard eintrifft, der von Australien kommend nun die Kräfte vor China verstärkt. Am 6. Mai verlassen die vier österreichischen Kriegsschiffe den koreanischen Hafen wieder. Die Maria Theresia geht mit Elisabeth und Zenta nach Nagasaki. Maria Theresia läuft dann wieder nach Schanghai und den Jangtse aufwärts und als bis dahin größtes Schiff bis nach Hankau, wo sie vom 27. Mai bis 5. Juni 1901 bleibt. Am 28. Juli beginnen von Tschifu aus die Kreuzer Kaiserin Elisabeth und Zenta ihren Rückmarsch in die Heimat. Mit der schon Mitte Juni abberufenen Leopard laufen sie am 1. Oktober 1901 in Pola ein. Nur die Maria Theresia bleibt als Stationsschiff der k.u.k. Kriegsmarine in Ostasien.  

Der Boxeraufstand bringt als Ergebnis für die Regierung in Wien, wegen Zwistigkeiten mit der ungarischen Reichshälfte, nicht die erhoffte Übernahme eines Hafens in China, sondern nur die Konzession in der Hafenstadt Tientsin.

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Deutsch-Schanghai

Am 21. November 1898 wird im Beisein von Prinz Heinrich von Preußen, dem jüngeren Bruder des deutschen Kaisers, an der Nordostecke des Bund, der majestätischen Uferstraße der Internationalen Nieder-lassung in Schanghai, ein Denkmal für das 1896 vor der chinesischen Küste im Taifun untergegangene Kano-nenboot Iltis enthüllt. Bei dem Untergang waren 71 Seeleute umgekommen.

Die deutschen Kaufleute und Beamten in Schanghai beschlossen ein Denkmal für den Untergang des Kano-nenbootes zu errichten und sammelten 12.000 Mark. Der Kaiser stellte 3,5 Tonnen Bronze aus dem Artil-leriedepot in Spandau für den Guß des Denkmals zur Verfügung.

Der Kleine Kreuzer Irene und der Große Kreuzer Deutschland sind bei der Denkmalsenthüllung vor Ort und alle im Hafen liegenden Kriegs- und Handelsschiffe sind über die Toppen geflaggt und beteiligen sich durch Abordnungen an der Enthüllung.


Im März 1903 verfaßt der 2. Admiral des deutschen ostasiatischen Kreuzergeschwaders, Admiral Graf Frie-drich von Baudissin, einen langen Bericht über seine Eindrücke von Schanghai, das er von November 1902 bis Januar 1903 besucht hatte, aber auch schon 1871 und 1879. Baudissin schreibt: »Soweit die deutschen Inte-ressen in Betracht kommen kann das in 24 Jahren Erreichte im großen und ganzen als höchst erfreulich bezeichnet werden. Die Anzahl der Deutschen hat sich von 200 im Jahre 1879 auf 700 im Jahre 1902 gesteigert, die Zahl der großhändlerischen deutschen Firmen auf 31, die einzelnen Firmen haben sich vergrößert, ihr Geschäft auf inländische Unternehmungen (Bergbau, Eisenbahn pp.) ausgedehnt; die deutsche Schiffahrt ist aus der 6. Stelle, die sie mit 192 Schiffen und 90.049 tons einnahm, in die 2. gerückt mit 1074 Schiffen und 1.699.856 tons, sie beteiligt sich statt mit 3 Prozent mit 16 Prozent, eine deutsche Kirche, eine Schule, eine Post, eine Presse ist entstanden und eine zweite in Shanghai geborene Generation wächst heran und bleibt im Ganzen deutsch.

War nun auch die Schaffung der internationalen Niederlassung für die Deutschen insofern ein Gewinn, als sie formell völlige Gleichberechtigung erzielten, so war doch damit an den tatsächlichen Machtverhält-nissen nichts geändert. … (In der Municipalität sitzen 7 Engländer, 1 Amerikaner und 1 Deutscher). … Wie will der Deutsche zur Regierung und in die Municipalität gelangen, wenn er kein Land besitzt, worauf der Wahl-modus wesentlich aufgebaut ist? … Wie sollen S. M. Schiffe ihre militärpolitische Aufgabe erfüllen, wenn sie außer Sicht von Shanghai liegen, während der englische Admiral seine eigene Boje, der französische eine, der Messagerie Maritime und der italienische einen Anker-platz hat? Wird die einzige deutsche dem Lloyd gehö-rige Boje immer disponibel sein? …

Der Generaldirektor Ballin [des Norddeutschen Lloyd] hat gelegentlich seines Besuches, ein, wenn auch min-dergünstiges Terrain erworben.

…daß sich die Erwerbsverhältnisse gegen früher gründ-lich verschoben haben. Früher kam man als junger Mann hinaus, machte schnell sein Geld und gründete sich dann zu Hause sein Heim. Heutzutage liegt das Geld nicht mehr auf der Straße; wer es gewinnen will, muß lange Jahre und sein ganzes Leben dransetzen. Aus der früheren, schnell gewinnenden und wechselnden Bevölkerung ist ein seßhaftes, an den Ort mehr oder minder gebundenes Deutschtum und damit recht ei-gentlich erst die kleine deutsche Stadt mit rund 700 Einwohnern entstanden.

Bei der unbestrittenen Bedeutung des Jangtse-Gebietes, welches unbedenklich als das aussichtsreichste in ganz China bezeichnet werden kann, erscheint es indessen statthaft, insoweit vorzugreifen, daß Shanghai ein Brennpunkt und Ausgangspunkt für deutsche Interes-sen bleiben wird.

Was Tsingtau anlangt, so hält man in Shanghai eine irgendwie gefährdende Konkurrenz für vollständig aus-geschlossen und ist vielmehr der Ansicht, daß das Gedeihen des einen Platzes dem anderen unmittelbar zugute kommt.

Am Jangtse selber ist eine Überflügelung durch Hankau nicht unmöglich, die indessen erst in fernerer Zukunft gedacht werden kann…

Im Übrigen tritt im Süden Bangkok hinzu, das von vornherein die Bedeutung hat, auf dem langen Wege von Deutschland der erste, bis jetzt noch nicht in fremdem Besitz befindliche Sammelpunkt deutscher Interessen zu sein.«


Laut Vertrag vom 1. Oktober 1899 zwischen dem Deutschen Reich und dem Norddeutschen Lloyd wird die Reichspostdampfer-Verbindung nach Ostasien von einer vierwöchentlichen Fahrt zu einer zweiwöchigen Verbindung verdichtet. Dazu wird sie in zwei Haupt-linien geteilt. Eine Linie führt nach Schanghai und zurück über Genua, Neapel, Port Said, Suez, Aden, Colombo, Singapur und Hongkong und die zweite bis Hongkong und weiter nach Japan. Auch die bisherige Schanghai-Linie wird nun von Schanghai nach Japan verlängert.

Seit 1904 werden die noch in England gebauten Reichs-postdampfer der Städte-Klasse, die seit 15 Jahren auch auf der Australien- und Ostasien-Fahrt im Einsatz sind, und teilweise die in Deutschland gebauten Schiffe der Barbarossa-Klasse, durch moderne deutsche Schiffe ersetzt. 1904 kommt die 8800 BRT große Prinz Eitel Friedrich auf der Ostasien-Linie in Fahrt und 1906 die 9600 BRT große Prinz Ludwig. Die beiden Schiffe haben um die 220-230 Mann Besatzung. Die Prinz Eitel Friedrich kann etwa 160 I. Klasse-, 160 II. Klasse- und 50 III. Klasse-Passagiere befördern und die Prinz Ludwig kann etwa 110 I. Klasse, 130 II. Klasse und 60 III. Klasse-Passagiere aufnehmen.

Bei ihrer ersten Ausreise fährt die Prinz Eitel Friedrich auch Antwerpen an, das ein normaler Anlaufhafen der Reichspostdampfer ist, (allein der Norddeutschen Lloyd bewältigt etwa 9 % des Gesamtumschlags des großen flämischen Hafens). Mehr als 70 belgische Journalisten folgen der Einladung zur Besichtigung des neuen Reichspostdampfers. Die Brüsseler L’Étoile belge schreibt anschließend über die Prinz Eitel Friedrich: »Was soll man nur alles von den Einrichtungen der 1. und 2. Klasse sagen? Sie vereinigen alles, was die Schiffbaukunst bisher in der Wissenschaft und voll-endeter Kunst hervorgebracht hat. Man kann sich nichts reicheres und wunderbareres denken. Vom Bade-zimmer an, das nach den vollkommensten Regeln der Hygiene eingerichtet ist, bis zum Saal für Gymnastik ist alles vorgesehen.«

Für die Unterstützung seiner Hochseeschiffe im Hafen von Schanghai betreibt der Norddeutsche Lloyd den 1906 in Schanghai gebauten Tender Bremen von 273 BRT.


Ab dem 1. Oktober 1903 kann der Eisenbahnweg über Sibirien zur Beförderung von Briefsendungen aller Art von Deutschland nach Ostasien benutzt werden. Nach Schanghai geht die Post einmal wöchentlich. Beförde-rungsdauer ab Berlin bis Schanghai 20 bis 28 Tage. In der Richtung aus Ostasien haben die deutschen Post-anstalten in Peking, Tientsin, Tschifu, Tsingtau und Schanghai direkte Briefpost auf die Bahnpost Alexan-drowo an der deutsch-russischen Grenze und dann wei-ter nach Berlin abzufertigen.

Die Rivalität zwischen den verschiedenen Kolonial-mächten in China drückt sich auch in allen offiziellen Veranstaltungen aus. Als am 4. Juli und am 14. Juli 1904 die amerikanische Flotte, und dann die französischen Flotte, vor Schanghai jeweils ihren Nationalfeiertag be-gehen, will der Oberbefehlshaber der deutschen See-streitkräfte in Ostasien nicht nachstehen und nutzt den Jahrestag des am 23. Juli 1896 vor der chinesischen Küste im Taifun gesunkenen Kanonenbootes Iltis zur Nieder-legung von Kränzen am Denkmal für die Iltis in Schang-hai, was »in allen Kreisen und von der Presse Schang-hais symphatisch gewürdigt worden ist«, wie der Admi-ral in einem Bericht vermerkt.

In Schanghai gibt es ein deutsches Generalkonsulat. Das Generalkonsulat ist für die Belange der deutschen Staatsangehörigen in der internationalen Niederlassung und den umliegenden Gebieten von Shanghai verant-wortlich. Zugleich vertritt das Generalkonsulat auch wirtschaftliche Interessen Deutschlands vor Ort gegen-über den regionalen Behörden. Schanghai hat sich zu einem wichtigen Handelsplatz zwischen Asien und Eu-ropa entwickelt, weshalb eben in Schanghai kein ein-facher Konsul residiert, sondern ein Generalkonsul sta-tioniert ist. Im deutschen Konsulatsbezirk Schanghai sind im Jahre 1895 45 deutsche Firmen ansässig, 1900 63 und 1912 84. In ganz China einschließlich Tsingtau im Jahr 1895 88, 1900 157 und 1912 320.

1905 leben etwa 850 Deutsche in Schanghai. Für die Deutschen in Schanghai gibt es die Deutsche Vereini-gung und das große stattliche Gebäude des Deutschen Klubs.

Seit 1886 erscheint in Schanghai Der Ostasiatische Lloyd. Sein Untertitel lautet: »Organ für die deutschen Interessen im fernen Osten.« Die Zeitung »erscheint in Shanghai Sonnabends Morgens.« und: »Tägliche Tele-grammausgabe in Shanghai, Tsingtau, Peking und Tientsin.« wie im Kopf der Zeitung zu lesen steht. Der Ostasiatische Lloyd ist das zentrale deutsche Presse-organ in China.

1907 wird die »Deutsche Medizinschule für Chinesen in Shanghai« von der deutschen Regierung als erstes gro-ßes Projekt auswärtiger Kulturpolitik gegründet. Dafür engagierten sich insbesondere Wilhelm Knappe, der deutsche Generalkonsul in Schanghai, und der Ministe-rialdirektor im preußischen Kultusministerium, Frie-drich Althoff. Sie arbeiten dabei mit den deutschen Ärzten Erich Paulun, Oscar von Schab und Paul Krieg zusammen, die in Schanghai ein auf Initiative Pauluns errichtetes Krankenhaus für Chinesen, das Tung-Chee Hospital, betreiben. Dieses dient ab Oktober 1909 als Lehrkrankenhaus, wird jedoch unabhängig von der Medizinschule geführt.

1912 schließt die deutsche Regierung der Medizinschule die »Deutsche Ingenieurschule für Chinesen in Shang-hai« mit Lehrwerkstatt an. Unterstützt wird sie dabei in noch viel größerem Maße als bei der Medizinschule von deutschen Firmen, die am chinesischen Markt interes-siert sind, darunter Krupp, Thyssen, Siemens, Bayer, BASF und Deutsche Bank. Eine Sprachschule bereitet die chinesischen Schüler auf das deutschsprachige Fachstudium vor.

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Die Internationale Niederlassung in Schanghai

Der Stadtrat (Municipal Council) der internationalen Niederlassung wird von Weißen gewählt und gestellt. Der überwältigende Mehrheit der Bewohner sind aber Chinesen.

Die höchste Rechtssprechung in Schanghai wird vom Mixed Court ausgesprochen, der einen Chinesen als Vorsitzenden hat mit zwei chinesischen Assistenten und einem ausländischen Beisitzer, der abwechselnd vom US-amerikanischen, britischen und deutschen Konsulat gestellt wird. Mit der Revolution in China 1911 wird der Mixed Court vertragswidrig von den Konsuln voll-ständig zu einem ausländischen Gericht in Schanghai verwandelt.


Am 20. November 1905 kommt der deutsche Marine-offizier Kapitänleutnant Moritz Deimling bei Unruhen in Schanghai ums Leben. Mitte Dezember 1905 brechen dann die größten Unruhen seit Bestehen des Settle-ments gegen die Weißen aus. Daraufhin landen die gerade vor der Stadt liegenden Kriegsschiffe, drei briti-sche Kreuzer, ein italienischer Kreuzer und das Fluß-kanonenboot Vaterland, Truppen. Sie sollen die Polizei in der internationalen Niederlassung unterstützen.

Die wichtigsten Straßenkreuzungen und die Konsulate werden zu deren Schutz besetzt. Die Matrosen der Vaterland sichern den Häuserblock um das deutsche Generalkonsulat, die übrigen öffentlichen deutschen Gebäude, das russische Konsulat sowie die deutsche und die russische Bank.

Italienische Matrosen geben eine Salve auf Aufständi-sche in einer Hauptgeschäftsstraße im Internationalen Settlement ab, wobei mehrere Chinesen ums Leben kommen und damit ist die Ruhe in der Stadt wieder hergestellt. Hauptsächlich Sachschäden an Einrichtun-gen der Kolonialmächte sind entstanden, die von der chinesischen Verwaltung zu begleichen sind.

Der Chef des Kreuzergeschwaders, Konteradmiral Alfred Breusing, schreibt in einem Bericht über die Unruhen in Schanghai: »Zu Thätlichkeiten ist es nur am 18. Dezember gekommen, wobei einige indische und chinesische Polizisten getötet, eine Polizeistation demo-liert, einige Automobile, Fenster und etwas Privatei-gentum zertrümmert, und einige Europäer verprügelt oder mit Steinen beworfen wurden. Unsere Leute haben nicht nöthig gehabt, von der Waffe gebrauch zu ma-chen.« 

Daß von deutscher Seite nur das Flußkanonenboot Vaterland vor Ort war, lag daran, daß der eigentliche Stationär in Schanghai, das Kanonenboot Tiger, gerade auf einer Sondermission nach Korea unterwegs war und die Vaterland solange die Tiger ersetzte.

Als es im Juli 1913 in Schanghai zu Kämpfen zwischen chinesischen Regierungstruppen und Revolutionären kommt, setzen die Kriegsschiffe Iltis und Nürnberg Landungskorps in der Stadt ab zum Schutz der Inter-nationalen Niederlassung. Die Masse des deutschen Ostasiengeschwaders befindet sich gerade in der Süd-see, sammelt sich und geht nach Schanghai. Am 30. Juli erreicht das Geschwader die Yangtsemündung. Da die Zweite Revolution aber schnell an Boden verliert, be-ruhigt sich die Lage wieder.

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Die Yangtse-Patrouille

Der Yangtsekiang, der längste Fluß Chinas und Asiens, und nach Nil und Amazonas der drittlängste Fluß der Welt, ist auch die wirtschaftliche Hauptschlagader des chinesischen Reiches. So suchen die Kolonialmächte auf dem Fluß mit Kanonenbooten Präsenz zu zeigen, auch in Konkurrenz zu den anderen Kolonialmächten.

So sind auch deutsche Kriegsschiffe auf dem Yangtse unterwegs, dessen Schreibweise bei der Marine nicht mit J sondern Y erfolgt. War bis 1900 die Marine gelegentlich auf dem Fluß vertreten, so ist die deutsche Flotte seit dem Beginn des Boxeraufstandes Mitte 1900 ständig auf dem größten Fluß Chinas auf Patrouille, auch eben um mit den anderen Kolonialmächten auf dem Yangtse mitzuhalten. Nur die Royal Navy ist mit noch mehr Kräften auf dem Hauptstrom Chinas an-zutreffen. Und auch auf dem Perlfluß und seinen Nebenflüssen im Süden des Landes ist nun ein ständiger Patrouillendienst mit jeweils wenigstens einem deut-schen Kriegsschiff unterwegs.

Die ständige Besetzung des Yangtse mit deutschen Kriegsschiffen beginnt während des Boxeraufstandes 1900, als Kanonenboote und Kleine Kreuzer der Ost-asiatischen Station auf dem Fluß patrouillieren, auch um den Schutz der Deutschen in der deutschen Kon-zession Hankau am mittleren Yangtsekiang zu gewähr-leisten, den der Kaiser ihnen durch die deutsche Flotte zugesichert hat.

Im November 1900 fährt Konteradmiral Richard von Geißler, Kommandeur eines wegen des Boxeraufstandes nach China entsandten Schlachtschiffgeschwaders, mit seinem Flaggschiff, dem Schlachtschiff Kurfürst Frie-drich Wilhelm, trotz der acht Meter Tiefgang des Schif-fes, yangtseaufwärts zu einem Besuch von Nanking, der südlichen Hauptstadt Chinas, wo Liu Kunyi residiert, der Generalgouverneur der Provinzen am unteren Yangtsekiang, um ihn seiner Sicherheit durch die aus-ländischen Mächte gegen die Boxer zu versichern und ihn selbstverständlich durch diese Machtdemonstration auf Seiten der Boxergegner zu halten.    

Auf dem Yangtse wird nach dem improvisierten Einsatz bei der Boxerkrise Mitte 1900 seit dem Herbst 1900 der Dienst der deutschen Schiffe zu einem routinemäßigen Patrouillendienst organisiert, mit fest verteilten Aufga-benbereichen für die Kanonenboote. Bis zum Frühjahr 1901 sind Stationsbereiche und Aufgabenfelder für die Boote auf dem Fluß festgelegt. Mitte Februar 1902 be-fiehlt der Kaiser dann, »daß immer ein paar Kanonen-boote von uns auf dem Yangtse fahren müssen«.

Schon am 13. September 1901 hatte der Chef des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders die Städte Hankau, Nanking und Schanghai mit den entsprechenden Flußabschnitten als Stationsorte für die Kanonenboote festgelegt und diese Organisation wird nun nochmals bestätigt. Vor Schanghai liegt seit dem Sommer 1900 ständig ein deutsches Kriegsschiff als Stationär.

So bekommt das Flußkanonenboot SMS Vorwärts im April 1904 als Stationsgebiet auf dem Yangtse das Gebiet oberhalb der Stadt Jiujiang einschließlich des Ponyang- und Dongting-Sees und den Han-Fluß. Auf diesem wei-ten Gebiet sind die Aufgaben des Stationärs Vorwärts: »Sicherung und Schutz des deutschen Handels und der Reichsangehörigen, sowie Zeigen der deutschen Flagge, und dadurch Einwirkung auf die Entwickelung und Ausbreitung des deutschen Handels.« Admiral Felix von Bendemann, der Chef des Ostasiatischen Kreuzer-geschwaders, sagt dem Kommandanten der Vorwärts außerdem: »Es bestehen aber schon jetzt auf dem gan-zen Yangtse-Fluß große deutsche Schiffahrts-Interes-sen.«

Die Aufgaben zur Beobachtung wirtschaftlicher Mög-lichkeiten für die Kommandanten der Flußkriegsschiffe werden später deutlich ausgeweitet und umfassen ne-ben der Beobachtung der allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen auch die Erkundung der Qualität und Quantität vorhandener Bodenschätze bis hin zur Schätzung der Kosten für Abbau und Transport wie auch der Tauglichkeit des Geländes für den Bau von Eisenbahnen. Mit den chinesischen Beamten und mili-tärischen Befehlshabern ist das beste Einvernehmen anzustreben. Außerdem sollen die militärischen und politischen Tätigkeiten anderer Nationen beobachtet und die chinesischen Machtmittel im Stationsbereich unauffällig festgestellt werden.

In späteren Jahren werden dann von den Stationären auf dem Yangtse regelmäßig militärpolitische Berichte ver-faßt, wozu vor allem die Beobachtung der Bewegungen der Kriegsschiffe anderer Mächte auf dem Stromgebiet gehören, denn das Kommando des Kreuzergeschwaders will ständig über deren Verbleib und ihre Handlungen informiert sein. Selbstverständlich wird von den Statio-nären über die Schiffbarkeit der befahrenen Gewässer und alle Daten der Navigation berichtet und systema-tisch werden die Gewässer im Yangtseraum erkundet, auch um diese Daten der deutschen Handelsschiffahrt zur Verfügung stellen zu können. Die deutsche Schif-fahrt auf dem Yangtse ist allerdings Anfang des Jahr-hunderts noch gering und arbeitet mit Verlusten, da sie spät in den Wettbewerb eintrat und die Verbindungen mit guten Auftraggebern, wie auch die besten Anker-plätze, bereits vergeben sind. Auch werden etwa fran-zösische und japanische Dampflinien subventioniert, im Gegensatz zu den deutschen.       

Die deutsche Kaufmannschaft wünscht ebenfalls die militärische Präsenz Deutschlands im Herzen Chinas für die Sicherung ihrer Geschäfte und spendet über den Verband der deutschen Flottenvereine im Ausland 300.000 Mark an das Reichsmarineamt für den Bau des Flußkanonenbootes Vaterland, das speziell für den Ein-satz auf dem Yangtse bestimmt ist. Das 50 Meter lange Kanonenboot mit einem äußerst geringen Tiefgang für den Flußeinsatz wird 1903 bei Schichau in Elbing in Sektionsbauweise gebaut. Zerlegt in seine Sektionen wird das Kanonenboot mit einem Frachter nach Schang-hai transportiert und dort wieder zusammengesetzt. Am 28. Mai 1904 wird die Vaterland in Schanghai in Dienst gestellt.

Das Schwesterschiff der Vaterland, die Tsingtau, ist genauso in neun Sektionen in Elbing erbaut worden und wird nach Hongkong verschifft und dort wieder zusam-mengebaut am 3. Februar 1904 in Dienst gestellt. Die Tsingtau wird im Perlfluß und seinen Nebenflüssen, dem Westfluß und im Raum der den Mündungen dieser Flüsse anliegenden portugiesischen Kolonie Macao und der britischen Kolonie Hongkong eingesetzt. Die wich-tigsten Aufgaben der Tsingtau sind die Repräsentation des Deutschen Reiches, die Sicherung deutscher Staats-angehöriger und Wirtschaftsinteressen sowie die Be-kämpfung der Piraterie in den chinesischen Gewäs-sern.


Der Verteilungsplan für die Schiffe auf dem Yangtse wird vierteljährlich aufgestellt. Besonders der Mann-schaftswechsel muß sorgfältig geplant werden. Die Dienstzeit in Ostasien beträgt zwei Jahre und jedes Früh-jahr wird die Hälfte der Mannschaft auf allen Schiffen des Kreuzergeschwaders gleichzeitig ausgetauscht. Bei den Kanonenbooten und Flußkanonenbooten auf den Flußgebieten Chinas sind das jeweils mehrere hundert Mann. Um die Mannschaften auf ihre Schiffe zu bringen und gleichzeitig Transportkosten zu sparen läuft der Transportdampfer mit den Austauschmannschaften auf dem Weg nach Tsingtau im Norden Chinas auch Hong-kong und Schanghai an, wo die einzelnen Schiffe ihre neuen Besatzungsmitglieder an Bord nehmen. Dieses Arrangement erfordert das genaue Einhalten von Zeit-plänen der verschiedenen beteiligten Schiffe, was natür-lich in Wirklichkeit zuweilen nicht klappt.

Schon im Herbst 1900 zeigt sich, daß selbst kleine Schiffe wie das Kanonenboot Schwalbe auf dem Yangtse im Winter wegen dem dann geringen Wasserstand des Flusses Schwierigkeiten bekommen und zumindest zum Unterlauf des Flusses verlegt werden müssen oder in einem Flußhafen überwintern müssen.

Die Schiffe der Flußstationen sollen einmal im Jahr zur Überholung und der Reparatur kleinerer Schäden durch Kollisionen oder Auflaufen auf Untiefen. Bereits im normalen Dienstbetrieb setzen die Schiffe Muscheln am Rumpf an, die sowohl die Geschwindigkeit verringern als auch den Kohleverbrauch erhöhen. Da die Fluß-kanonenboote im Gegensatz zu allen anderen Schiffen des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders oft nicht den Seeweg nach Tsingtau zurücklegen können, müssen sie in die britischen Werften in Hongkong und Schanghai, wo sie sich bis zu neun Monaten im Voraus für Werft-arbeiten anmelden müssen, da die Briten natürlich ihre eigenen Schiffe als erste bedienen. So ergibt sich für die Schiffe der Yangtse-Patrouille immer wieder die Not-wendigkeit auch mit leichten Schäden weiter auf Fahrt zu bleiben. Das hochseetüchtige Kanonenboot Jaguar meldet im Januar 1901, daß das Schiff nach Ablösung als Stationär auf dem Yangtse »unbedingt ins Dock« muß, da Unterwasserteile und die Schraubenwelle bereits im November 1899 in einem Taifun bei Jap im Westpazifik beschädigt worden sind.

Die Wohnverhältnisse auf den Flußkanonenbooten sind bescheiden und ein Sanitätsbericht von 1905 schreibt über die Lüftung und Kühlung der Boote auf den chine-sischen Gewässern in den heißen Sommermonaten: »Am ungünstigsten sind die Flußkanonenboote in den Tropen gestellt.«

Auch die verschiedensten Geschlechtskrankheiten fin-den sich bei den Besatzungen. Allein in Schanghai, einem Stationsort der Yangtse-Patrouille, schätzt man die Zahl der Prostituierten auf 40.000.

Die Freizeitgestaltung an Land in China ist ein Problem, da ein Kontakt zur Bevölkerung sprachlich und kulturell ausgeschlossen ist und oft genug sind die Kneipen und Bordelle in den Hafenstädten die Hauptattraktion für die Schiffsbesatzungen. In Schanghai wird von der deut-schen Kaufmannschaft ein Marineheim für die Matro-sen eröffnet und in Hankau richtet der deutsche Frauenverein ein Zimmer für die Seeleute ein mit Lek-türe und Gesellschaftsspielen, da »Hankau den Leuten nur sehr wenig bietet«. »Die Mannschaften erhalten hier Butterbröte, Kuchen und Kaffee und können gegen Bezahlung Bier und Zigarren entnehmen.« Selbiges vermerkt ein Bericht des Kreuzergeschwaders vom April 1911 über das Hankauer Seemannszimmer.

Beliebt sind Treffen mit Besatzungen der Kriegsschiffe der anderen Nationen auf dem Yangtse. Wie es die gesellschaftliche Ordnung verlangt bleiben die Offiziere unter sich und Unteroffiziere und Mannschaften der Schiffe vergnügen sich mit Sportwettkämpfen gegen-einander, wobei Wettrudern und Fußball besonders beliebt sind.

Die Besatzungen der Schiffe der verschiedenen Koloni-almächte in China helfen sich auch untereinander etwa bei technischen Schwierigkeiten ihrer Schiffe.

Für Schießübungen werden von den Flußkanonenboo-ten hauptsächlich die mit dem Yangtse verbundenen Seen benutzt. Die infanteristische Ausbildung der Besat-zungen erfolgt an Land bei Hankau und Schanghai, mit den lokalen deutschen Freiwilligenkompanien als Ma-növergegnern. Die lokalen deutschen Freiwilligenkom-panien werden vom Gouvernement in Tsingtau mit Uniformen und Waffen ausgerüstet.


Die Kanonenboote der Yangtse-Patrouille operieren sowohl auf dem Yangtsekiang als auch auf seinen Nebenflüssen und den mit ihm verbundenen Seen und die deutschen Kanonenboote sind auch an der chine-sischen Pazifikküste auf Fahrt. Sie unterstehen dem Kommando des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders. Eine eigene Einheit bilden die deutschen Kriegsschiffe auf dem Yangtsekiang und den weiteren Flußgebieten Chinas nicht, aber mit der ständigen Anwesenheit deutscher Kanonenboote auf dem Fluß in Stationsbe-reichen mit Stationsorten sind die Yangtse-Kanonen-boote de facto ein eigenes Kommando des Ostasiati-schen Kreuzergeschwaders, dessen Hauptkräfte von ihrer Marinebasis Tsingtau aus im westlichen Pazifik operieren.

Bereits 1876 hatte die deutsche Kriegsmarine zum Schutz der deutschen Schiffahrt in chinesischen Gewäs-sern bei Schichau in Elbing einen flachgehenden »Piratenjäger« in Auftrag gegeben. Als dieses 31 Meter lange Kanonenboot mit dem Namen Otter im März 1878 in Dienst ging, stellte sich heraus, daß das Boot see-untüchtig ist und so blieb es nach Umbau für ver-schiedene Verwendungen in Nord- und Ostsee.

Das erste deutsche Flußkanonenboot in chinesischen Gewässern ist die SMS Schamien. Das 1899 in Hong-kong gebaute 24 Meter-Boot wird aufgekauft, leicht umgebaut und bewaffnet und geht am 10. Oktober 1900 auf dem Perlfluß in Dienst. Zwölf Deutsche und sechs Chinesen bilden die Besatzung. Die Schamien bleibt während ihrer Dienstzeit auf dem Fluß im Raum der Stadt Kanton eingesetzt und wird im Februar 1904 außer Dienst gestellt mit der Indienststellung des 50-Meter-Bootes Tsingtau mit seiner 58 Mann starken Besatzung, wovon elf Chinesen sind. Die Zahl der Chinesen an Bord der deutschen Kriegsschiffe in chinesischen Gewässern schwankt leicht im Laufe der Zeit. 

Im März 1901 wird ein 1899 in Schanghai gebauter Flußdampfer von der deutschen Marine gekauft und in Tsingtau umgebaut und bewaffnet. Am 19. März 1901 wird dieses 48 Meter-Flußkanonenboot als Vorwärts in Dienst gestellt mit einer Besatzung von 36 Mann, wovon drei Chinesen sind. Die Vorwärts wird bis zu ihrer Außerdienststellung im Jahre 1910 auf dem Yangtse eingesetzt, wenn sie nicht zu Werftarbeiten in Tsingtau oder Schanghai ist. 1910 wird die Vorwärts schließlich durch die speziell für den Yangtsekiang gebaute Otter ersetzt.

Die Otter wird in Geestemünde gebaut. Sie ist aus neun durch Schraubenbolzen verbundenen Stahlpontons zu-sammengesetzt für den Transport der Teile auf einem Dampfer. Das Flußkanonenboot verdrängt 314 t und erreicht eine Geschwindigkeit von 15,2 kn. Zwei 5,2cm-Schnellfeuerkanonen und drei Maschinengewehre bil-den die Bewaffnung. Pontons und Aufbauten der Otter werden auf einem Dampfer nach China gefahren, der am 11. November 1909 Geestemünde verläßt. Am 1. April 1910 wird die im Februar 1910 in Schanghai wieder zu-sammengebaute Otter in Dienst gestellt. Das 54 Meter-Kanonenboot ist mit seiner Besatzung von 47 Deut-schen, davon drei Offiziere, und um die 10 Chinesen abwechselnd auf dem Yangtsekiang oder im Raum Schanghai im Einsatz. Schanghai ist auch der Standort für Werftarbeiten am Boot.

Die Yangtse-Patrouille ist nicht nur einfach ein mili-tärisches Machtmittel, sondern die Kommandanten der Kanonenboote liefern – wie alle deutschen Kriegsschiffe im Auslandseinsatz – regelmäßig Berichte über Nautik der Gewässer, Wirtschaft, Politik und Menschen in ihrem Fahrbereich an ihre vorgesetzte Dienststelle und geben somit einen ständigen Überblick über ihren Einsatzbereich an die deutsche Marineführung. Als der 2. Admiral des Kreuzergeschwaders, Graf Friedrich von Baudissin, im Februar/März 1903 eine Erkundungsreise auf dem Yangtse bis Hankau führt schreibt er über das Yangtsetal, daß es ein Gebiet sei, »das politisch und wirtschaftlich noch in den Kinderschuhen steckt, und dessen Entwicklung man kaum begonnen hat, das aber bei rationalem Ausbau seines Gleichen in der Welt suchen dürfte«. In den folgenden Jahren wird es üblich, daß der Chef des Kreuzergeschwaders selbst sich min-destens einmal im Jahr einen Eindruck von der Lage am Yangtse verschafft.

Am 1. Juli 1904 wird offiziell Changsha, die Hauptstadt der Provinz Hunan, dem ausländischen Handel geöffnet. Hunan liegt im Bereich des Mittellaufes des Yangtse-kiang. Als ein Ergebnis des Boxeraufstandes muß China Changsha als weitere Handelsstation für Ausländer öffnen. Changsha liegt am Xiang, einem Nebenfluß des Yangtse. Zur Erkundung der Schiffbarkeit für die neuen Handelsmöglichkeiten geht bereits im Mai 1901 die Vaterland auf eine Tour in den Xiang. Dafür fährt das Flußkanonenboot zunächst vom Yangtse in den Dongtingsee, den zweitgrößten See Chinas, in den der Xiang mündet, und dann den Xiang hoch bis Changsha und weiter bis zur Stadt Xiangtan, wo bis dahin noch kein ausländisches Schiff gekommen ist. Besonders wird der rege Dschunkenverkehr mit Salz und Kohle als Handelsgut auf dem Xiang vermerkt.

Da seit 1900 deutsche Reedereien Dampfschiffahrt auf dem Yangtse betreiben haben sie die Reichsregierung um Unterstützung bei der Sammlung von Datenmaterial über die Nebenflüsse des Yangtse gebeten, für den Ausbau der Dampferlinien im Flußgebiet des großen chinesischen Stromes. Auch dafür ist die Vaterland auf Fahrt auf dem Xiang. Es werden, wie bei allen Fahrten deutscher Kriegsschiffe im Yangtse-Gebiet, militäri-sche, politische, wirtschaftliche und selbstverständlich nautische Daten gesammelt. Weitere Fahrten deutscher Kanonenboote in das Gebiet Dongtingsee und Xiang folgen. Als die Vaterland im Sommer 1904 eine Reise im Raum Dongtingsee und Xiang macht stellt ihr Komman-dant, Kapitänleutnant Georg von Bülow, fest, daß jährlich 100-200 Dschunken bei schlechtem Wetter im Dongtingsee verloren gehen. Bei dieser Fahrt besucht von Bülow mit der Vaterland auch die Stadt Changde und trifft dort den Marinepräfekten der tief im Inland liegenden Provinz Hunan, der in Changde seinen Sitz hat und 50 Kriegsdschunken befehligt.

Für Changsha entwickelt sich der deutsche Handel er-freulich. Im November 1911 wird die Vaterland in die Stadt geschickt, »da dieser Platz wegen unserer namhaf-ten Interessen – augenblicklich liegt der ganze fremde Handel in deutschen Händen – besondere Beachtung verdient«, wie ein Bericht des Kreuzergeschwaders ver-merkt. Allerdings muß man auch die »Unbeliebtheit der Deutschen bei den Revolutionären und im Volk« in Changsha feststellen, weshalb vorsichtshalber bis zum Frühjahr 1912 ständig ein deutsches Kanonenboot vor Ort bleibt.

Wie die wenigen Weißen unter den riesigen Massen an Chinesen sich fühlen, veranschaulicht, was ein Ange-stellter einer deutschen Firma am Yangtse nach seinem China-Aufenthalt schreibt: »Wir segneten die kleinen Schiffe, die wie Zugvögel von Hafen zu Hafen flitzten. … Sie verhinderten Blutvergießen, ohne einen Schuß abzu-feuern. Die Kriegsflagge bedeutete uns ungeheuer viel, und ebensoviel bedeuteten uns Offiziere und Mann-schaften. Die bloße Anwesenheit eines Kanonenbootes im Hafen wirkte ernüchternd auf die Chinesen. Drohten sie einmal übermütig zu werden, so brauchte nur eine Abteilung Blaujacken zu landen und den Damm entlang zu marschieren, um jeden Ausbruch im Keim zu er-sticken.«

Bei den Chinesen sind die Weißen verhaßt als Barbaren, die sie und ihre Kultur mit Füßen treten. Aber der mittelalterlichstrukturierten chinesischen Regierung fehlen jegliche Machtmittel gegen die waffentechnisch weit überlegenen Mächte aus Europa, gegen die USA und gegen Japan.


Nur wenige deutsche Kommandanten haben solche Freiheit der Handlung wie die Kommandanten der Kanonenboote auf dem Yangtse. Die Boote operieren unabhängig und in oftmals weitgehend isolierten Gewässern und so sind diese Kommandanten oft über längere Zeit völlig auf sich allein gestellt. Die einzige Verbindung zwischen Schiff und Geschwaderkomman-do ist der Telegraph – wenn eine Telegraphenstation verfügbar ist. Mit dem Einbau von Funkgeräten auf den Flußkanonenbooten 1912 ändert sich die Lage der Kommandanten zu einer ständigen Verbindung zur Geschwaderführung.

Jedes Kanonenboot führt mehrere tausend mexika-nische Silberdollar mit sich, die in China allgemein akzeptierte Währung, die der Kommandant für die laufende Bezahlung der Versorgung seines Bootes braucht. So für den Kauf von frischem Gemüse und Obst von den Bumbooten, kleine chinesische Boote, die an den ankernden Schiffen anlegen und ihre Waren verkaufen. Aus der Bordkasse werden auch die Kosten für das weitere Personal an Bord, neben der deutschen Besatzung, bestritten. Wie bei den anderen Marinen in Ostasien, und in noch stärkerem Maße in der Handels-schiffahrt, werden für bestimmte Dienste an Bord Chi-nesen angeheuert. Die Chinesen sind billige Arbeits-kräfte, die der Mannschaft schwere und unbeliebte Arbeiten abnehmen und das Leben auf den Schiffen für die Besatzungen angenehmer gestalten. Obwohl auf den deutschen Schiffen etatmäßig Köche vorgesehen sind, werden Chinesen oft als Köche und Bedienung ein-gestellt, die sich gleichzeitig um den Nachschub an Lebensmitteln kümmern. Dazu werden Chinesen als Reinigungskräfte und als Heizer beschäftigt. Wäsche waschen ist fest in chinesischen Händen an Bord der Schiffe und besonders das Kohleschaufeln in den hei-ßen Kesselräumen ist Schwerstarbeit und wird gehaßt. So hat das Flußkanonenboot Otter bei 47 Mann deut-scher Besatzung im März 1912 auch elf Chinesen an Bord, wovon sechs als Heizer Dienst tun. Offiziere und Unteroffiziere der größeren Schiffe im Ostasieneinsatz bezahlen aus ihrer Besoldung Küchenpersonal für ihre persönliche Verpflegung und diese Chinesen verschaf-fen sich noch einen Zusatzverdienst mit dem Angebot von preiswertem und gutem Essen für die Besatzung zur Aufbesserung der Bordverpflegung.

Zeitweise werden an Bord auch chinesische Lotsen und Dolmetscher beschäftigt. Die Lotsen sind notwendig wegen der ständigen Veränderungen im Fluß, die die Navigationskarten vom Yangtse in kürzester Zeit veral-ten lassen können. Die Dolmetscher sind meist arbeits-lose chinesische Beamte mit Sprachkenntnissen für den Verkehr mit den Einheimischen und den chinesischen Behörden, die sich auch auf die nötigen Umgangsfor-men mit chinesischen Offiziellen verstehen. Die Dol-metscher vermitteln ebenso zum chinesischen Dienst-personal, daß bestenfalls etwas Pidgin-Englisch spricht. Ein chinesischer Bordbediensteter mit Deutsch-Kennt-nissen ist eine Seltenheit. So wenn er schon auf einem deutschen Handelsschiff gedient hat wie auf der Linie Schanghai-Hankau des Norddeutschen Lloyd. Die Hei-zer haben noch am ehesten englische oder deutsche Sprachkenntnisse, da sie zum Teil auf deutschen oder englischen Schiffen in asiatischen Gewässern oder zwischen Ostasien und Europa unterwegs waren. So ist ein Dolmetscher ein wichtiges Glied in der Besatzung eines Kanonenbootes auf dem Yangtse und verlangt entsprechend mehr Bezahlung.

Die deutschen Kommandanten wollen den Dolmetscher zu einem festen Bestandteil der Besatzung machen und daß seine Bezahlung somit von der Marine erfolgt und nicht aus der Bordkasse. Ein deutscher Kommandant merkt dazu an, daß englische Kommandanten zuweilen gezwungen sind einen Diener als Dolmetscher mit chi-nesischen Würdenträgern zu verwenden, was zu pein-lichen Situationen führen würde. Die ständige Beschäfti-gung eines Dolmetschers würde ein Kanonenboot eben-falls in Gebieten, in denen weder deutsche Kaufleute noch Konsulate vorhanden sind, vom guten Willen anderer Ausländer unabhängiger machen. Die unerläß-lichen Lotsen, und auch die Dolmetscher, werden den deutschen Kriegsschiffen meistens von den Konsulaten vermittelt. Daß die Beschäftigung von Chinesen an Bord nicht fest geregelt ist ist auch bei den englischen und amerikanischen Kriegsschiffen auf dem Yangtse ein Grund zur Klage.      

Die deutschen Besatzungen haben ansonsten mit den Chinesen nichts zu tun. Ein Matrose schreibt über seine Dienstzeit an Bord des Kanonenbootes Luchs, daß die Mannschaften mit Chinesen kaum in Verbindung kom-men, »außer dem Verkehr mit den drei an Bord befind-lichen Offiziersköchen, dem Waschmann, Bumboots-männern … oder sonstigen Geschäftsleuten. Ansonsten waren die Chinesen für uns tabu, schon wegen der Ver-ständigungsmöglichkeiten. Ich habe auch nicht erlebt, daß Chinesen vom Kommandanten zu den häufigen Diners eingeladen waren, sie waren eben nicht gesell-schaftsfähig.«


Hinter Hankau stellen die Yangtseschluchten ein schier unüberwindliches Hindernis für Dampfschiffe dar. Zum erstenmal gelingt im Juni 1900 der englischen Pioneer die erste Handelsfahrt zum oberen Yangtse durch die Schluchten, der Flußdampfer erleidet dabei aber auch einige Schäden. Ende Dezember 1900 versucht der deutsche Flußdampfer Suihsing flußaufwärts durch die Schluchten zu kommen und scheitert. Schiff und Fracht sind verloren. Auch der deutsche Kapitän und einige Chinesen kommen um, aber die meisten Besatzungs-mitglieder und Passagiere können gerettet werden. Hat durch das Unglück nicht nur die deutsche Handels-schiffahrt auf dem Yangtse einen schweren Schlag er-litten, so ist auch vorläufig der Plan der Stationierung eines deutschen Kriegsschiffes am Oberlauf des Flusses undurchführbar, da kein deutsches Marineschiff die Stromschnellen bewältigen kann; die Kanonenboote haben einen zu großen Tiefgang und das Flußkano-nenboot Vorwärts hat dafür eine zu geringe Maschi-nenleistung. Die Royal Navy dagegen kauft die Pioneer – ein Schaufelraddampfer mit den Schaufeln an den Schiffsseiten – , rüstet sie zum Flußkanonenboot um, und stationiert sie als HMS Kinsha oberhalb der drei Schluchten in Chongqing.

Auch die Franzosen stationieren 1901 ein Kanonenboot auf dem oberen Yangtse. Die Orly wurde speziell für die Flußverhältnisse auf dem oberen Yangtse gebaut. Deutscherseits wird aber von der zuständigen Budget-Kommission des Reichstages Anfang 1903 die Bewilli-gung von Geld für ein weiteres Yangtse-Kanonenboot abgelehnt, was die deutsche Kaufmannschaft am Yang-tsekiang sehr enttäuscht. So schreibt ein Konsular-beamter in Nanking Mitte März 1903 nach Berlin: »Nach meinem gehorsamsten Dafürhalten ist für die zur Zeit in Hunan und Szechuan sich entwickelnden deutschen Unternehmen weniger von Wert, daß in Hankau oder Ichang deutsche Kriegsschiffe liegen, die den Hafen nur bei hohem Wasserstand verlassen können, als daß ein praktisch konstruiertes Flußkanonenboot den Yangtse befährt, welches fähig ist, deutsche Interessen jeden Augenblick und an jedem Platze zu vertreten und zu schützen.« 

Auf den kleineren Flüssen und Seen ist nur das Fluß-kanonenboot Vorwärts zu gebrauchen, und das wegen seines großen Tiefgangs und seiner geringen Maschi-nenleistung auch nur eingeschränkt. So setzen die deut-schen Kaufleute in China durch, daß die angesammel-ten Gelder des Hauptverbandes deutscher Flotten-vereine im Ausland dem Reichsmarineamt für den Kauf eines Kanonenbootes speziell für den Yangtse zur Ver-fügung gestellt wird. Bereits im Mai 1903 kann das Auswärtige Amt der Gesandtschaft in Peking im Hin-blick auf die »Vorstellungen der deutschen Kaufmann-schaft in Hankau für die Streichung der Mittel für den Flußkanonenbootsbau« mitteilen, daß der Bau eines solchen Schiffes durch den Flottenverein gesichert sei. Schon im November 1900 hatte der Vorstand des Haupt-verbandes deutscher Flottenvereine im Ausland ange-regt aus seinen angesammelten Geldern ein Flußka-nonenboot für China zu bauen: »Ein Flußkanonenboot sei für einen Betrag von 300.000 M. herzustellen und bedürfe nur einer ungefähren Bauzeit von 6 Monaten. Das erste, welches in Auftrag gegeben würde, sei zur Verwendung in den chinesischen Gewässern in Aus-sicht genommen.«  

Hauptsächlich hanseatische Kaufleute im Chinage-schäft sind an der militärischen Sicherung ihrer Depen-dancen in China interessiert und spenden Geld für den besagten Zweck. Vom 1898 gegründeten Hauptverband deutscher Flottenvereine im Ausland bestehen schon Anfang 1900 Ortsvereine in Tientsin, Schanghai, Zhifu und Hankau. Im Februar 1902 stellt der Hauptverband dem Reichsmarineamt 400.000 Mark für den Bau des Flußkanonenbootes für den Yangtse zur Verfügung. Wegen der Notwendigkeit die zu Flußkanonenbooten umgerüsteten Schiffe Vorwärts und Schamien durch zweckentsprechend gebaute Boote zu ersetzen ist 1902 die Tsingtau in Bau gegangen und mit dem Geld des Hauptverbandes wird das Schwesterschiff Vaterland gebaut und in drei Teile zerlegt auf einem Frachter nach Schanghai gefahren. Dort wieder zusammengesetzt wird die Vaterland am 28. Mai 1904 in Dienst gestellt. Die Vaterland kann aufgrund ihrer Bauweise auch die Stromschnellen des Yangtse bezwingen und so auch auf dem oberen Yangtse patrouillieren.

Nachdem Engländer und Franzosen schon länger auf dem oberen Yangtse, hinter den schwer zu bewälti-genden Stromschnellen des Flusses, mit Kriegsschiffen anwesend sind, zieht Deutschland nun 1907 nach. Man hat bisher aus Mangel an entsprechenden Schiffen den oberen Yangtse nicht besetzen können, aber nun wird die Vaterland dorthin beordert und erreicht am 4. Mai ihren neuen Stationierungsort Chongqing. Die wenigen Deutschen in Chongqing haben schon lange die Statio-nierung eines deutschen Schiffes in ihrer Stadt erwartet. Der deutsche Konsul ist mit einer Kriegsdschunke, »von der wir mit einem ohrenzerreißenden Feuerwerk begrüßt wurden«, der Vaterland entgegengekommen.

Als Anfang Juni 1907 nicht weit weg von Chongqing, in Wanxian, Unruhen wegen der Erhöhung der Opium-steuer zum Bau neuer Schulen ausbrechen ist auch die deutsche China Inland Mission bedroht und die Vater-land geht mit dem englischen Flußkanonenboot Wood-lark in das Krisengebiet. Die chinesische Provinzregie-rung kann dann aber mit Regierungstruppen den Auf-stand niederschlagen.

Von Chongqing aus erkundet die Vaterland die Gewäs-ser weiter flußaufwärts, zeigt Flagge und ist auch mit politischen Aufgaben wie der Verbindung zur Regierung der großen Provinz Sichuan, die am oberen Yangtse-kiang liegt, beauftragt.

Als notwendiges Ersatzschiff für die Vaterland wird 1908 die Otter in Auftrag gegeben. Wie die Vaterland ist die Otter speziell für die Flußverhältnisse am Yangtse ent-worfen. Nach ihrem Transport nach Schanghai wird die Otter dort am 1. April 1910 in Dienst gestellt. Als erste Werbemaßnahme für die deutsche Industrie und für das deutsche Prestige stellt die Otter einen neuen Re-kord bei der Durchfahrung der Yangtseschluchten mit ihren Stromschnellen auf der »Bergfahrt« zum oberen Yangtse auf. In 38 Stunden durchfährt die Otter die Schluchten und unterbietet den bisherigen Rekord eines französischen Kanonenbootes um drei Stunden. In Chongqing stellt der Kommandant der Otter, Kapitän-leutnant Johannes Jantzen, in einem Bericht vom 31. Juli 1910 fest, daß die wenigen »Reichsangehörigen« in der Provinz Sichuan, und die geringen deutschen Handels-interessen in der Region, kaum die Stationierung eines Kriegsschiffes in Chongqing rechtfertigen. »Wichtiger erscheint mir vielmehr die andere Aufgabe des Sta-tionärs: Die kulturelle Erschließung des Landes und die Propaganda für deutsche Machtstellung und für deut-sche Einrichtungen mit dem Endzweck der Förderung des deutschen Handels in diesem Teil Chinas.« Sollte aber eine »Steigerung unseres Einflusses und Handels in der Provinz« Sichuan nicht durch die Anwesenheit eines Kriegsschiffes erwartet werden, könne man die Otter auch vom oberen Yangtse abziehen.

Auch Geschwaderchef Erich Gühler sieht keinen Sinn in der Stationierung eines Schiffes in Chongqing und schreibt am 4. Oktober 1910 an den deutschen Gesand-ten in Peking, daß »die kostspielige Unterhaltung eines Flußkanonenbootes auf dem oberen Yangtse nicht zu rechtfertigen ist«. Die Aufgabe der deutschen Station am oberen Yangtsekiang steht an, als 1911 die Revolution in China ausbricht und damit eine deutsche Militärpräsenz auch am oberen Yangtsekiang außer Frage steht. Von Chongqing aus werden selbstverständlich Erkundungs-fahrten und Besuche chinesischer Regierungsstellen unternommen. So ist die Otter Ende Juli/Anfang August 1914 bis zur Schiffahrtsgrenze des Yangtse unterwegs und kommt diversen Einladungen chinesischer Behör-den in der Gegend nach, bevor sie wieder nach Chong-qing geht.

Die deutschen Kriegsschiffe auf dem Yangtse beteiligen sich aber auch an zivilen Hilfsmaßnahmen wie etwa die Besatzung der Jaguar, die in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1908 nahe Nanking ein Großfeuer löscht.


Die von allen Ausländern in China allgemein einge-schätzte Lage ist, daß die Fremdenfeindlichkeit im Land von Jahr zu Jahr zunimmt mit dem wachsenden Selbst-bewußtsein der Oberschicht Chinas. So ist nun selbst das Aussehen eines Flußkanonenbootes zum Beeindrucken der chinesischen Bevölkerung von Bedeutung. Die Fluß-kanonenboote sind meist umgerüstete Flußdampfer und sehen folglich auch nicht anders aus. Im Gegensatz dazu ist die als Flußkanonenboot gebaute deutsche Otter sogleich als Kriegsschiff zu erkennen und Admiral Erich Gühler, 1910/11 Chef des Kreuzergeschwaders, schreibt über eine Fahrt der Otter auf dem Yangtsekiang:

»Das Schiff hat überall einen guten Eindruck hinter-lassen und es ist in der That wegen seines militärischen kriegsschiffmäßigen Aussehens und seiner zwei Schorn-steine besonders geeignet, gerade bei der chinesischen Bevölkerung Eindruck zu machen.«

Anfang 1911 geht Gühler mit seinem Flaggschiff, dem Großen Kreuzer und Vier-Schornstein-Schiff Scharn-horst, auf Fahrt nach Nanking, um »den Chinesen durch das Zeigen eines großen deutschen Kriegsschiffes einen Begriff von den Machtmitteln des Reiches zu geben«.

Am 23. September 1914 schreibt der Kommandeur der China-Station der Royal Navy, Vizeadmiral Martyn Jer-ram, in einer Nachricht an die Admiralität nach London: »Dieser große Wasserweg [der Yangtse] ist der wichtig-ste Teil von China und seine Bedeutung wird mit der Entwicklung des Landes wachsen. Es gibt nun tägliche Dienste von Flußdampfern von Schanghai nach Hankau (1120 Kilometer) und es gibt eine große Konkurrenz zwi-schen britischen, chinesischen, deutschen und japani-schen Dampfschiff- und Handelskompanien.«

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Das Ostasiatische Kreuzergeschwader

Seit 1869 ist die Ostasiatische Station der deutschen Kriegsmarine dauernd mit Kriegsschiffen besetzt – es waren aber auch schon seit 1860 deutsche Kriegsschiffe in Ostasien stationiert – , um in Ostasien Flagge zu zei-gen und somit politische und wirtschaftliche Interessen Deutschlands vor Ort zu fördern und, wenn als notwen-dig erachtet, auch mit militärischen Mitteln durchzu-setzen.

Das riesige China wird als ein zukünftig wichtiger wirt-schaftlicher Markt angesehen, der eine entsprechende militärpolitische Beachtung erfordert.

Für den weltweiten Einsatz der deutschen Kriegsmarine sind sogenannte Stationen eingerichtet, in deren Raum sie operieren und wo ihnen Versorgungsstützpunkte zur Verfügung stehen. Die Ostasiatische Station ist aber im Gegensatz zu allen anderen Stationen nicht mit norma-lerweise zwei Kriegsschiffen besetzt, sondern mit einem ganzen Geschwader, dem Ostasiatischen Kreuzerge-schwader. Als weitere Besonderheit ist das Geschwader unmittelbar dem Kaiser unterstellt und handelt unab-hängig und selbständig vom deutschen Gesandten in China und den weiteren deutschen Konsuln im Land und auch unabhängig vom Gouverneur der Kolonie Kiautschou, der ebenfalls der Marine untersteht.

Das Ostasiatische Kreuzergeschwader ist also auch poli-tisch ein eigenständiges Gebilde, mit einem Admiral als Kommandeur, hinter dem wiederum der Kaiser mit seiner Politik steht, zuweilen im Gegensatz zum Kanzler, dem die Diplomaten unterstehen, was zu Reibereien zwischen den deutschen Dienststellen in Asien führt.

Insbesondere sind Unstimmigkeiten zwischen den auch politisch selbständig handelnden Kommandanten der Kriegsschiffe, mit ihrem Admiral als Deckung, und den deutschen Konsuln vor Ort möglich, was bei den ein-heimischen Funktionsträgern in Asien, die sowohl mit deutschen Konsuln als auch mit deutschen Kriegs-schiffkommandanten zu tun haben, wohl einen merk-würdigen Eindruck hinterläßt.

Die politisch eigenständig handelnden Vertreter des Kreuzergeschwaders und die diplomatischen Vertreter des Reiches haben zudem verschiedene Informations-kanäle, die Schiffskommandanten über die Marine, die Diplomaten über das Auswärtige Amt. Und die Kom-mandanten und Diplomaten schicken ihre Berichte an ihre jeweilige zuständige Dienststelle der Marine oder des Auswärtigen Amtes, aber Auswärtiges Amt und Kriegsmarine führen keinen geregelten Austausch ihrer Informationen.

Die politischen Aufgabenbereiche zwischen dem Kreu-zergeschwader und den Diplomaten werden nie abge-grenzt und insbesondere die unabgestimmte Besuchs-praxis bei chinesischen Mächtigen mit den deutschen Marineoffizieren wird von den Vertretern des Auswär-tigen Amtes kritisiert. Im Allgemeinen aber arbeiten die Konsuln und die Marineoffiziere gut miteinander zu-sammen und nur die höheren Chargen pflegen ihre Kompetenzstreitigkeiten.

Die Schiffe des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders wer-den auch weit weg von ihrem eigentlichen Seegebiet eingesetzt. So erhält der Kleine Kreuzer Nürnberg am 16. Oktober 1913 den Befehl, wegen der Unruhen in Mexiko sofort an die Westküste des Landes zu gehen. Am 8. November trifft der Kreuzer in der mexikanischen Hafenstadt La Paz ein, von wo aus in der Folgezeit, zum Teil gemeinsam mit Kriegsschiffen aus den USA, Groß-britannien und Japan, zahlreiche Häfen besucht werden. Ein Eingreifen der Nürnberg zum Schutze deutscher, österreichisch-ungarischer oder schweizer Bürger wird jedoch nicht notwendig. Im Juni 1914 läuft der Kreuzer nach Panama, für einen Besatzungswechsel und die Nachschubübernahme. Am 7. Juli erfolgt in Mazatlán ein Treffen mit dem Kleinen Kreuzer Leipzig, der zur Ab-lösung aus Deutschland gekommen ist. Wegen des schlechten Kesselzustandes läuft die Nürnberg zu-nächst San Francisco an, wo sie vom 14. bis 18. Juli zur Kesselreparatur eingedockt liegt. Am 18. Juli läuft sie von San Francisco über Honolulu nach Apia aus, um sich in Samoa mit den Großen Kreuzern Scharnhorst und Gneisenau zur Südseereise des Ostasiatischen Ge-schwaders zu treffen.



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Leben und Ereignisse in der Residentur

In Bukoba ist der öffentliche Schlachtplatz stets von Aas-geiern belagert. Kaum haben sich die Metzger entfernt, so fällt die ganze Geierschar gierig über das geronnene Blut und den Mageninhalt her. Nach beendeter Mahlzeit starren sie vor Blut und Schmutz, fliegen zum Wasser, säubern sich und sitzen dann verdauend oft stunden-lang mit hängenden Flügeln auf ihrem Platz.

Am Viktoriasee gibt es auch viele Enten und Gänse und der Regierungslehrer Rudolf Sendke schießt genug da-von, damit sein Koch einen Steintopf immer mit Enten- und Gänsefleisch in Gallert gefüllt hat, auf daß die hun-grigen Junggesellen zu Besuch beim Lehrer gut ver-pflegt sind, die deshalb auch gerne vorbeikommen.

Die Papageien am See sind als Wildbret bei den Schwar-zen beliebt. Der Graupapagei mit seinem scharlach-roten Schwanz wird aber auch als Käfigvogel gehalten. Insbesondere die Askaris in der Garnison Bukoba halten Graupapageien, weil sie die deutschen Befehle auf dem Exerzierplatz lernen und unbedarften, verschreckten Vorbeigehenden befehlen: „Achtung“, „Präsentiert das Gewehr“ und natürlich eine Palette deutscher Schimpf-wörter im Kasernenhofstil, wie „Schweinehunde, ver-dammte“.

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Wirtschaft und Verkehr

Zwar bekommt Bezirksamtschef Theodor Gunzert beim Besuch von Gouverneur Albrecht von Rechenberg und Kolonialminister Bernhard Dernburg 1907 in Muansa von Dernburg einen ernsthaften Verweis für seine Eigenmächtigkeiten, das ändert aber nichts an seinem weiteren Verhalten, zumal allein die Entfernung zur Hauptstadt Daressalam und die Besonderheiten des einheimischen traditionellen Häuptlingswesens und der einheimischen Wirtschaftsweise eine entsprechen-de Behandlung dieser Fragen braucht, unabhängig von Regelungen für die riesige Kolonie, deren Anwendung in seinem weit von der Hauptstadt entfernten Bezirk unsinnig wären. So ist Gunzert auch bei der Ansiedlung von Weißen in seinem Bezirk auf einem anderen Kurs als Rechenberg für die Kolonie. Er ist zwar wie Rechen-berg der Ansicht, daß weiße Landwirtschaftsunterneh-mungen wenig wirtschaftlichen Wert haben, setzt aber dennoch weiße Siedler mit ihren Kenntnissen europä-ischer Wirtschaftsweise an zur Unterstützung von wirt-schaftlichen Projekten in entfernten Gegenden seines Bezirks, wofür er die aus Daressalam vorgeschriebenen Pachtpreise für Land in seinem Bezirk doch auf einem verhältnismäßig niedrigem Niveau halten kann.

Gunzert kann Rechenberg auch dazu bringen, seinem Bezirk kommunale Selbstverwaltung zu geben. Er braucht weiße Siedler für den Aufbau und die Leitung seiner wirtschaftlichen Projekte und seiner Verwaltung.

Bezirksamtmann Gunzert baut Straßen, die auch Last-wagenverkehr aufnehmen können, auf Muansa zu, um die erzeugten landwirtschaftlichen Güter des Bezirks über den Hafen Muansa zur Ugandabahn zu transpor-tieren. Bis 1914 ist der Bezirk Muansa zum größten Exporteur von Reis, Erdnuß und Baumwolle in der ganzen Kolonie Deutsch Ostafrika geworden.


Das Deutsche Kolonial-Lexikon berichtet über Stadt und Bezirk Muansa:

Muansa, wichtigster Ort an der deutschen Südhälfte des Victoriasees in Deutsch-Ostafrika, zugleich Name des großen Bezirks, der Ost- und Südufer des Sees um-spannt.

1. Der große Muansagolf erstreckt sich vom See mit durchschnittlich 5 km Breite 40 km südwärts, um sich dann noch in die 15—20 km langen Zipfel des Smith-sundes (nach SW) und des Stuhlmannsundes (nach SO) zu verzweigen. In einer kleinen, noch durch Inseln ge-schützten, östlichen Seitenbucht des Muansagolfes liegt der Ort Muansa im gleichnamigen Gau von Ussukuma. Die Bucht hat noch 11 m Tiefe; auch die großen briti-schen Dampfer legen seit 1906 am Pier von Muansa an.

Der große Ort Muansa ist nur wenige m über dem 1134 m hohen Seespiegel gelegen. Hochragende Felshügel bil-den einen auffallenden Zug des Landschaftsbildes. Der rosafarbene Granit verwittert, zumal unter dem Einfluß der tropischen Sonne, in Formen, die oft gewaltigen Rundhöckern bepackt mit Wollsäcken gleichen. An anderen Stellen wirrt ein Durcheinander von Blöcken, über das einzelne gewaltige Felsnadeln, Menhirs äh-nelnd, emporragen. Das Klima ist äquatorial. Die Regen-menge beträgt 1001 mm (10jähriges Mittel). Dank eifri-ger Sanierungsarbeiten ist der Ort jetzt ziemlich gesund. Seit die Ugandabahn 1903 vollendet war, ist Muansa aus kleinen Anfängen 1913 eine Stadt von etwa 6000 Ein-wohnern geworden. Es ist das Tor des zentralen Hoch-landes nach dem Indischen Ozean.

1913 hatte Muansa etwa 85 weiße Einwohner, 15 Goa-nesen, 300 andere Inder, 70 Araber. Es gab 12 (4 größere) europäische, etwa 50 indische und 20 andere farbige Firmen, durchweg Handelsunternehmungen. Im Au-ßenhandel stand Muansa bis 1911 in Deutsch-Ostafrika nur unter Daressalam und Tanga: 1912 wurde es von Bukoba überholt. Der Wert der Einfuhr war 1910 3,273, der der Ausfuhr 2,959 Millionen Mark; die Zahlen für 1912 sind 2,434 und 2,941. Bedeutend ist die Ausfuhr von Häuten (etwa 1 Mill. M). Erdnüssen (etwa 3000 Tonnen im Wert von 600.000 M. Baumwolle (370 t im Werte von 370.000 M), Gold von Sekenke (etwa 350.000 M), Reis (fast 200.000 M), Samli (etwa 175.000 M), Wachs. Sesam. Bei der Einfuhr waren Textilwaren mit 1,582, Metallfabrikate mit 0,382 Mill. M. Der Verkehr von und nach Sekenke geht seit Vollendung der Eisenbahn Daressalam—Tabora (Mitte 1912) nicht mehr über Mu-ansa. Muansa ist Sitz eines Bezirksamts, Bezirksgerichts, Zollamts, Post, Telegraphen (Draht über Tabora), draht-losen Verkehr mit Bukoba und Daressalam, Heliogra-phenverkehr mit Schirati und Ikoma. Zwei der drei Züge der 14. Kompagnie der Schutztruppe liegen hier in ei-nem Fort auf beherrschendem Hügel. Ferner hat Mu-ansa 85 Mann Polizeitruppe.

2. Der Bezirk Muansa ist mit 63.800 qkm, wozu ungefähr 30.000 qkm Seefläche kommen, einer der großen Be-zirke von Deutsch-Ostafrika, er umschließt den größten Teil von Ussukuma, die größere, östliche Hälfte von Usindscha. Uschaschi, den deutschen südlichen Teil von Ugaia, ferner die ganz dünn bewohnten Landschaften der Hochländer im Osten bis zu einer Linie etwa 70 km westlich von der Ostafrikanischen Bruchstufe; dazu kommen viele Inseln des Victoriasees: die größten sind Ukerewe, Luwondo, Korne, Meissome und Ukara. Die Zahl der Eingeborenen erreichte Anfang 1914 nach sorg-fältigen Schätzungen 625.000. Zwei Drittel davon ent-fallen auf die Wassukuma. Weitere hier zahlreich ver-tretene Stämme sind die Wassindja, Wakerewe, Wa-schaschi, Waruri, Bakulia; dazu kommen noch kleinere Gruppen der hauptsächlich in Tabora beheimateten Stämme, schließlich die Wandorobbo im Osten des Bezirks. Muansa hatte Anfang 1913 783 nicht einhei-mische Farbige und 231 Weiße. 1908 waren in Muansa 17,4 qkm an Plantagen- und Farmland vergeben, 1909/12 wurden 2,9 qkm vom Gouvernement verkauft, 29,6 qkm verpachtet. Der Viehbestand wurde 1913 zu 1.080.900 Rindern ermittelt, wozu 1.171.970 Stück Kleinvieh, 1520 Esel kommen. Im Besitz der Europäer waren 3441 Rinder, 907 Schafe, 591 Ziegen und einiges andere Vieh. Die 6 Farmbetriebe (1913) beschäftigten sich mit Vieh-zucht, etwas Sisal- mehr Baumwollbau. Viel wichtiger waren die Eingeborenenkulturen der Baumwolle, die vom Bezirksamt seit langem planmäßig gefördert wur-den: bei weitem der größte Teil der 650 t = 2600 Ballen, die 1913 aus dem Bezirk ausgeführt wurden, rührt hier-her. Auch die 5700 t Erdnüsse, 458 t Sesam und 995 t geschälter Reis der Ausfuhr des Jahres 1913 wurden in Eingeborenenkulturen erzeugt — Bezirksnebenstellen in Muansa sind Ikoma und Musoma, in einer Hinsicht auch Schirati. — Die menschenarmen, hochgelegenen, gesunden Gebiete im ferneren Osten von Muansa, ebenso die benachbarten Teile des Bezirks Aruscha, würden sich ausgezeichnet zur Besiedelung durch Europäer eignen, wenn diese Gegenden erst durch Fortführung der Nordbahn (Usambarabahn) an den Verkehr angeschlossen wären. Einschließlich einiger Gebiete im Bezirk Kondoa-Irangi handelt es sich um etwa 40.000 qkm besiedelbaren Landes. Hier könnten vermutlich 10.000 Europäer leben. Die mittleren und südlichen Teile des Bezirks Muansa werden von der kommenden Ruandabahn so, wie sie bisher geplant ist, überhaupt nicht berührt werden. So erscheint die Verlängerung der Nordbahn zum Victoriasee doppelt wünschenswert. Ohne sie bleibt Muansa doch beim Wirtschaftsgebiet der Ugandabahn. — Neuerdings hat sich die Zahl der Goldfunde in Muansa sehr gemehrt. Vielleicht werden sie noch einmal größeren Einfluß auf die Entwicklung des Bezirks gewinnen.

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Die Deutschen und ihre Verwaltung

Der Stationschef von Muansa, Oberleutnant Paul Baum-stark, fürchtet einen Aufstand der Häuptlinge und sei-ner eigenen einheimischen Truppen in seinem Militär-bezirk, insbesondere nachdem er im Juli 1905 vom Auf-stand im Südosten der Kolonie hört, und fordert Trup-pen an, die ihm von einem deutschen Kriegsschiff über die Ugandabahn geschickt werden. Als die Marineinfan-terie eintrifft geht Baumstark mit ihr und sicheren eige-nen einheimischen Truppen gegen einen vermeintli-chen Aufständler, den König Makiangoro, vor. Der kann aber der deutschen Marineinfanterie entkommen und er wird erst durch Rugaruga-Krieger des Königs Kahigi von Kijanga aus dem Nachbarbezirk Bukoba gefaßt. Baumstark läßt 1906 weitere zwölf Häuptlinge verhaf-ten, aber seine Aktionen sind offensichtlich weit über-zogen. Als Muansa im gleichen Jahr zum Zivilbezirk er-klärt wird und Regierungsrat Theodor Gunzert die Herr-schaftsgewalt übernimmt, entläßt er sofort die gefan-gengenommenen afrikanischen Herrscher, gegen die keine begründeten Anklagen vorliegen. Gunzert setzt ein Zeichen für den Anbruch einer neuen Ära.


1906 wird der kolonialerfahrene Theodor Gunzert Be-zirksamtmann im nun zivil verwalteten Bezirk Muansa. Wie schon im Küstenbezirk Pangani, dessen Bezirks-amtmann er zuvor war, reist er viel in seinem Verwal-tungsbezirk umher, um vor Ort selbst zu sehen, was in allen Bereichen von Wirtschaft, Verkehr, Soziales und Verwaltung zu tun ist. Bisher war in seinem neuen Be-zirk der Chef von Verwaltung und Militär immer beglei-tet von einer Kompanie Soldaten mit einem Maschi-nengewehr herumgereist, Gunzert schafft diese teuere, einschüchternde und die Geschwindigkeit und Beweg-lichkeit der Reise hemmende Begleitung ab.

Theodor Gunzert will von der vorherigen deutschen Militärherrschaft weg zu einem Einvernehmen mit den einheimischen Herrschern und der Bevölkerung kom-men und sucht als erstes die alten einheimischen Herrscher, die Batemi, für seine Politik der Entwicklung der Wirtschaft des Bezirks durch Zusammenarbeit mit ihnen zu gewinnen. Er reist viel durch seinen Bezirk und gewinnt so einen guten Überblick über sein Reich und sucht dabei den Kontakt zur Bevölkerung des Bezirks. Gleichzeitig stärkt er die Autorität der Batemi, um sie wiederum als Herrschaftsgewalt über das Volk für seine Wirtschaftspolitik einzusetzen. Er gewinnt das Vertrau-en der Batemi, läßt aber auch keinen Zweifel an seiner letztendlichen Oberherrschaft, und greift in die Belange der Batemi ein, wenn er es für notwendig hält. So nimmt Gunzert Batemi, die nicht in seinem Sinne kooperieren, Land und Dörfer ihres Herrschaftsbereiches weg und überträgt sie an Batemi, die sich durch ihre Zusam-menarbeit und gute Leistungen bewährt haben oder setzt Batemi ein, die nach Landessitte diese Stellung gar nicht beanspruchen könnten. Gunzert greift in die ein-heimische Herrschaftsstruktur nach seinem Willen ein und kann sich, ohne Widerstand zu bekommen, durch-setzen. Offensichtlich hat er eine gute Hand bei seinen Entscheidungen.

Da den Batemi Regierungsaufgaben übertragen werden, und sie nach der Zahl der Steuerzahler in ihrem Herr-schaftsbereich bezahlt werden, wird vom Bezirkschef einerseits ihr Ansehen in der Bevölkerung gehoben, zum anderen sind die Batemi an der wirtschaftlichen Entwicklung und Leistungssteigerung ihres Herr-schaftsbereiches interessiert, weil sich dadurch ihr Einkommen steigert. Die Batemi werden also zum festen Bestandteil der deutschen Herrschaft im Lande. Ihre Verwaltung wird von Gunzert mit ausgebildeten schwar-zen einfachen Beamten, landwirtschaftlichen Ausbil-dern zur Unterweisung der Einheimischen in neuen Anbaumethoden, Straßenbauaufsichtskräften und uni-formierter Polizei, den Balugaluga, unterstützt.

Eine weitere Einrichtung der Regierung in Muansa sind die Katikiros. Die Katikiros sind gebildet und des Kisua-heli mächtig. Sie sitzen an der Boma in Muansa, wo sie die Entscheidungen der deutschen Regierung mitgeteilt bekommen und dann zu den Batemi reisen und ihnen diese Gesetze, Verordnungen, Absichten, Ratschläge und sonstige wichtige Meldungen mitteilen. So ist die unmittelbare Verbindung zwischen der Boma in Muan-sa und den einheimischen Landesherren durch die Katikiros, den Botschaftern der Kleinkönigtümer bei Gunzert, gegeben.

Diese Zwischenstellung zwischen der deutschen Boma in Muansa und den Sitzen der Batemi verleiht den Katikiros einige Macht. Die Nähe zur deutschen Ver-waltung macht sie oft mächtiger als die einheimischen Herrscher selbst. So gelangen durch ihre besondere Stellung schließlich auch einige Katikiros in das Amt eines Ntemi (Ntemi = Einzahl von Batemi).

An der Boma in Muansa wird den Katikiros auch eine militärische Ausbildung an modernem Gerät gegeben. Die Rugaruga, die Krieger der Häuptlinge, bekommen nur Vorderladergewehre und ihre Uniformen, soweit man davon reden kann, werden von ihren Häuptlingen gestellt und auch ihre Ausbildung erfolgt durch die Häuptlinge. Im Gegensatz zur Militärverwaltungszeit nimmt Gunzert jetzt auch Wasukuma in die bewaffnete Polizeistreitmacht des Bezirkes auf.

Im Bezirk Muansa gibt es keine ausgeprägten Macht-strukturen wie in Bukoba, sodaß Gunzert die Verwal-tung stark in die Hände der deutschen Siedler legt, ein Grund warum er sie ins Land holt und weitgestreut ansiedelt. Hauptsächlich im Süden seines Amtsbereichs überläßt er einheimischen Territorialherren die Verwal-tung, aber dann deutschen Normen angepaßt.

Im Süden des Bezirks liegen Bereiche, die eigentlich zum Bezirk Tabora gehören, aber von Herrschern in Muansa regiert werden. So wird vorgeschlagen diese Be-reiche des Sukumalandes auch Muansa zuzuschlagen, aber schließlich wird dort in Shinyanga eine Untersta-tion der Verwaltung des Bezirks Tabora eingerichtet.

Die verstreuten Stammesfürstentümer der Sukuma zu größeren Einheiten neu zu organisieren, wenn nicht zu einer politischen Einheit zusammenzufassen, wird vom Bezirkschef Gunzert in Erwägung gezogen.


Für die Aufrechterhaltung von Ordnung und Disziplin behält Gunzert die üblichen Körperstrafen bei. Er gibt aber den Batemi einen Teil der Gerichtsbarkeit zurück, die ihnen von der früheren deutschen Militärverwal-tung genommen worden war. Die Militärverwaltung hatte nur einen Gerichtshof für alle Streitfälle in Muansa. Nun wird an jedem Hof eines Ntemi wieder ein Gericht eingerichtet, während das deutsche Gericht in Muansa das Obergericht ist. Die Batemi-Gerichte kön-nen alle Eigentumsdelikte und alle andere Gerichtsfälle behandeln außer Mord, Landfriedensbruch und Zaube-rei. Als Strafe dürfen sie, wie es immer landesüblich war, Vieh vom Täter einziehen und als Gerichtsgebühren Kleinvieh nehmen.

Die Gerichtsgewalt der einheimischen Herrscher ist wesentlich beschränkter als im Nachbarbezirk Bukoba, aber weiter als in den normalen Bezirken. Gefängnis-strafen dürfen die einheimischen Gerichtsherren nicht aussprechen. Wie in Bukoba führen die einheimischen Gerichte Schauri-Bücher zur Kontrolle der Gerichts-urteile durch die deutsche Verwaltung. Für die deutsche Gerichtsbarkeit werden die Katikiros als Sachverstän-dige herangezogen und bei den Gerichtstagen des Bezirksamtmannes auf seinen Reisen durch den Bezirk werden auf Antrag der Gerichte der Häuptlinge Über-prüfungen von Urteilen vorgenommen.


Die heikele Angelegenheit der Besteuerung ist zur Zeit der deutschen Militärverwaltung ein Punkt der Unzu-friedenheit der Batemi und der Bevölkerung.

1905 wird die Besteuerung von Waren auf Geld umge-stellt.

1907 ordnet der Gouverneur von Deutsch Ostafrika eine Senkung der Steuer pro Haushalt von eineinhalb Rupien auf eine Rupie im Jahr an, auch für die Darstellung der Gerechtigkeit der deutschen Herrschaft und ihre An-nahme durch die Bevölkerung. Gunzert senkt darauf die Besteuerung nicht nur von 1½ Rupien auf eine Rupie pro Jahr, sondern auch statt pro Kopf pro Hütte und gestaltet die Besteuerung im ganzen sinnvoller und gerechter.

Nachdem die von den einheimischen Steuereinneh-mern erhobenen Steuern an das Bezirksamt abgeführt sind wird ein Viertel wieder an die Batemi zurücker-stattet, die die Hälfte davon für sich und für die Bezah-lung ihrer Angestellten verwenden und die andere Hälf-te bekommen die Banangwa, die die Dörfer verwalten. So haben auch die Batemi ein Interesse an der Erhebung von mehr Steuern, da sie dadurch auch mehr Geld ein-nehmen. 

Den Batemi sind Geldmittel für ihre Verwaltung und für Landwirtschaft, Straßen und Schulen aus dem Steuer-aufkommen gegeben. Entgegen von Einwendungen aus Daressalam ist beim Bezirksamt auch ein Etat eingestellt für besondere Angelegenheiten der Häuptlingsherr-schaften.

Durch die Abhaltung alljährlicher Versammlungen der Häuptlinge und Unterhäuptlinge in jeder Häuptlings-herrschaft des Bezirks kann die Verfahrensweise der Steuererhebung besprochen, an die örtlichen politi-schen Verhältnisse angepaßt, vereinheitlicht und ver-einfacht werden. Schließlich kann Gunzert Gouverneur Rechenberg davon überzeugen, die Steuer wieder auf eineinhalb Rupien anzuheben, ohne Schwierigkeiten mit der Bevölkerung heraufzubeschwören.

Über den Etat für die besonderen Angelegenheiten der Häuptlingsherrschaften gibt es die Überlegung diesen Etat ganz unter die Kontrolle der Afrikaner zu stellen und ihnen somit mehr Mitbestimmung zu gewähren.


Da die Ausbildung von Einheimischen für Verwaltungs-aufgaben im Nachbarbezirk Bukoba weiter vorange-schritten ist, kann Gunzert aus Bukoba ein halbes Dutzend von ihnen übernehmen.

Die Schulsituation ist in Muansa bei der Übernahme der Regierungsgewalt durch Gunzert miserabel. Die deut-sche Militärverwaltung wollte 1905 die einzige Schule, geführt für die Ausbildung von Häuptlingssöhnen, wegen der Entlassung des einzigen und unfähigen Lehrers schließen, doch Daressalam befahl die Offen-haltung der Schule. Gunzert holt einen islamischen Lehrer von der Küste nach Muansa für die Schule der Boma und bringt die Batemi und ihre Beamten dazu ihre Söhne auf diese 1907 eingerichtete Schule zu schicken.

Im Landesinneren eröffnen mit der Hilfe der deutschen Verwaltung einige Häuptlinge Schulen und auch in der deutschen Station Schirati am Viktoriasee wird 1909 eine Schule eröffnet, finanziert vom lokalen Verkauf der Produkte des dort angebauten Bogenhanfs.

Weitere Schulen im Bezirk werden von Missionsge-sellschaften eröffnet, wenn auch ihr Standard hinter dem der staatlich geförderten Schulen zurückbleibt. So eröffnet die Afrika Inland Mission amerikanischer Fun-damentalisten Schulen und eine deutsch-amerikani-sche Sieben-Tage-Adventistenmission verbreitet sich mit ihren Schulen im Süden des Bezirks.

Christliche Missionen sind sonst nur in Gestalt der Weißen Väter mit drei Stationen und die englische Church Mission Society mit einer Station vorhanden. 1910 übernimmt von Britisch Ostafrika kommend die amerikanische African Inland Mission die Station der Church Mission Society und breitet sich im Land aus, worauf die Weißen Väter dagegenhaltend 1911 eine weitere Station eröffnen. 1912 eröffnen die deutsch-amerikanischen Sieben-Tage-Adventisten noch eine Station im Bezirk. Die christlichen Missionen finden aber bei der Bevölkerung mit ihrer starken völlig andersgearteten Kultur der Vielweiberei, des Ahnen-kultes und der Bafumu, den Wahrsagern, keinen An-klang. Auch die Bemühungen der Missionen in ihren Schulen Lesen und Schreiben zu verbreiten gehen ge-gen Null.