Kategorien
Kriegsmarine

Zu der einheimischen Polizeitruppe von 600 Mann Poli-zeisoldaten für die Sicherung der Kolonie im Inneren kommen die Kriegsschiffe der Australischen Station der deutschen Marine hinzu. Die Australische Station um-faßt das Seegebiet von Australien und die Südsee. Die Kriegsschiffe der Australstation sind also nicht nur für Deutsch Neuguinea zuständig, sondern auch für die deutsche Kolonie Samoa weit im Osten von Deutsch Neuguinea und für politische und repräsentative Auf-gaben im Westpazifik allgemein. Wenn notwendig können die Schiffe der Australischen Station unterstützt werden von Schiffen des Ostasiatischen Geschwaders in Tsingtau. Hauptsächlich das australische Sydney, und mit dem Ausbau des deutschen Hafens von Tsingtau vermehrt auch Tsingtau, werden für Wartungs- und Reparaturarbeiten der Schiffe der Australischen Station genutzt. Sydney ist auch der Hafen für die jährliche Ablösung jeweils der Hälfte der Besatzungen der Schiffe der Australstation. Die Ablösung von 1913 beschreibt der nun scheidende Kommandant von SMS Cormoran, Paul Ebert: »Mit dem Lloyddampfer Roon trat ich Mitte April die Rückreise an. Halb Sydney schien sich an Bord eingefunden zu haben, um scheidenden Freunden das Geleit zu geben. Am Kai spielte die Kapelle unseres Vermessungsschiffes Planet die Abschiedsweise ›Muß i denn …‹ ein letzter Gruß aus der unvergeßlichen Süd-see.«

In der Regel sind ein bis zwei Kolonialkriegsschiffe auf der Australischen Station, also Schiffe, die für einen Seekrieg praktisch nicht zu gebrauchen sind, sondern nur zum Beeindrucken von Eingeborenen und für die Niederschlagung von Aufständen von Einheimischen. Als Heimathafen der Australstation dient der Hafen der Insel Matupi in der Blanche-Bucht, in der schließlich auch Rabaul gebaut wird. Auf Matupi hat das Handels-haus Hernsheim & Co. seine Hauptniederlassung in der Südsee. Das Handelshaus hat vor Ort Warenlager und ein Kohlenlager, welche die Kriegsschiffe für ihre Be-kohlung und Versorgung nutzen.

Als Stationsschiffe der Australstation dienen Kreuzer, die in der ersten Hälfte der 1890er Jahre speziell für den Auslandseinsatz gebaut wurden. Es sind Dampfschiffe, die aber auch mit einer Besegelung ausgestattet sind, zur Schonung der Kohlenvorräte, insbesondere bei den riesigen Entfernungen im Pazifik. Diese Schiffe führen nicht nur die übliche Geschützbewaffnung, sondern haben als Auslandskreuzer auch genug Besatzung an Bord für militärische Landungsunternehmen, also für Infanterieeinsätze an Land.

Anfang 1900 sind zwei Kreuzer auf der Australstation vertreten, die Seeadler und die Cormoran. Im Juli 1900 wird aber die Seeadler wegen des Boxeraufstandes in China nach China abgezogen und kehrt nicht mehr zur Australstation zurück, sodaß nun nur noch ein Kriegs-schiff auf der Australstation verbleibt. 1903 löst die Con-dor die Cormoran als Stationsschiff auf der Austral-station ab.

Unter ungünstigen Umständen wäre die Cormoran bereits 1899 auf dem Wirbelwind-Riff, 60 Seemeilen westlich der Witu-Inseln im Bismarck-Archipel, verlo-rengegangen. In der Nacht vom 23. zum 24. März 1899 läuft der Kreuzer bis zur Schiffsmitte auf das Riff auf und der Bug ragt einen Meter aus dem Wasser. Da das Schiff durch Umstauen von Kohle und Munition nicht losge-bracht werden kann, wird die Dampfpinasse mit einem Beiboot mit Kohleladung im Schlepp, zur Versorgung der Dampfmaschine der Pinasse, mit 13 Mann losge-schickt, um im 162 Seemeilen entfernten Friedrich-Wilhelmshafen Hilfe zu holen. Nach 50 Stunden Fahrt erreicht die Pinasse Friedrich-Wilhelmshafen und trifft dort wie erwartet auf den Reichspostdampfer Stettin. Die Stettin geht sofort auf Fahrt zur Cormoran. Der Kommandant der Cormoran rechnet aber mit der Möglichkeit, daß die Dampfpinasse auf See verschollen geht und muß auch das Einsetzen von schlechtem Wetter befürchten, welches sein Schiff auf dem Riff zerschlagen würde, und versucht mit eigenen Mittel sein Schiff zu retten. Alles Entbehrliche sowie Munition und Kohlen werden auf das Riff umgeladen oder über Bord geworfen. Die Geschütze werden in das Achter-schiff transportiert und Fock- und Großmast gekappt. Durch diese Maßnahmen schwimmt der Kreuzer frei.

Am 29. März 1899 trifft die Stettin am Unglücksort ein und nach Anbordnahme des noch Auffindbaren und des an Land verlagerten Materials treten beide Schiffe die Fahrt nach Friedrich-Wilhelmshafen an. Dort erweist sich, daß der Rumpf des Kriegsschiffes nur geringe Schäden davongetragen hat, die in Sydney repariert werden.


Im Oktober 1906 kommt das Vermessungsschiff Planet der Kaiserlichen Marine von Deutschland kommend im Bismarck-Archipel an, seiner zukünftigen Hauptwir-kungsstätte. In der pazifischen Inselwelt ist dieses 1905 gebaute Spezialschiff für alle möglichen wissenschaftli-chen Messungen zuständig, die wichtig für die Siche-rung der militärischen und zivilen Schiffahrt sind. Die Forschungsarbeiten des Schiffes werden von den Offi-zieren der Besatzung selbst durchgeführt, die dafür in Deutschland eine besondere Ausbildung erhalten ha-ben. Zudem wird die Planet von der Kolonialverwaltung Deutsch Neuguineas auch zu anderweitigen Zwecken, hauptsächlich Transportaufgaben, eingesetzt.

Die Planet ersetzt das alte 1879 gebaute Kanonenboot Möwe, welches aber seit 1895 hauptsächlich als Ver-messungsschiff in der deutschen Südsee im Einsatz war. Im August 1905 geht die nun seit 25 Jahren im Tropen-einsatz befindliche Möwe von ihrem Hauptstützpunkt Matupi nach Tsingtau, wo der verbrauchte Schiffs-körper noch als Hulk Verwendung findet.


Der Kreuzer Cormoran wird nach einer Grundüber-holung erneut zur Australstation beordert und ist seit 1909 wieder in Deutsch Neuguinea und Samoa einge-setzt.

Am ebenfalls in der Südsee eingesetzten Kreuzer Con-dor wird während einer im Mai 1913 durchgeführten Reparatur in Tsingtau die inzwischen starke Abnutzung des Rumpfes festgestellt. Die Condor erhält daher im November 1913 den Heimreisebefehl.

Auch die Cormoran muß nach fünf Jahren Einsatz in den Tropen des Pazifiks wieder in Grundreparatur und trifft dafür am 30. Mai 1914 in Tsingtau ein für eine monatelange Instandsetzung.

Das Schwesterschiff Geier von Condor und Cormoran war auf der Ostafrikanischen Station eingesetzt und begibt sich nach seiner Ablösung durch den modernen Kleinen Kreuzer Königsberg am 12. Juni 1914 von Daressalam, der Hauptstadt von Deutsch Ostafrika, auf die Fahrt nach Deutsch Neuguinea, wo die von ihr abzulösende Condor bereits im November 1913 die Heimreise angetreten hat. Ende Juli 1914 wird die Geier noch in Singapur bekohlt und versorgt, vor ihrer Weiterfahrt nach Deutsch Neuguinea.

Geier, Cormoran und Condor sind mittlerweile völlig veraltet und werden auch 1913/14 von Kleinen Kreuzern zu Kanonenbooten umklassifiziert, also deutlich herun-tergestuft in ihrer Eigenschaft als Kriegsschiffe.

Polizeiliche oder militärische Einsätze sieht man auch kaum noch als gegeben an in den Schutzgebieten Neu-guinea und Samoa und so werden diese Kriegsschiffe ab 1912 verstärkt zur Küstenvermessung der deutschen Kolonien eingesetzt, weshalb das Vermessungspersonal aufgestockt wird.

Im Februar 1914 gibt es zwar noch einen Einsatz der Cormoran in ihrer Rolle als Kriegsschiff, aber dabei handelt sich um die Beendigung von Stammesfehden auf der Salomonen-Insel Bougainville.

Die deutsche Kriegsmarine richtet sich auf die Gege-benheiten ein und verstärkt weiter ihre Aktivitäten in der Vermessung der Gewässer zum Nutzen der Schif-fahrt. So wird 1913 auf der reichseigenen Werft in Tsingtau das Peilboot III für Vermessungs- und Trans-portaufgaben der Kaiserlichen Marine in der Kolonie Deutsch Neuguinea gebaut und am 13. April 1914 von der Marine der Australstation zugewiesen. Ende Mai 1914 geht das Peilboot III in Jap in den Karolinen in Dienst. Auch das Peilboot IV wird 1914 in Tsingtau für Vermessungs- und Transportaufgaben der Marine in Deutsch Neuguinea gebaut.

Kategorien
Gesundheit

Malaria ist die Hauptkrankheit der Weißen, übertragen von der Anopheles-Mücke. Deshalb werden die Wohn-häuser der Weißen, so weit möglich, an luftigen Plätzen, am besten am Meer, erbaut, um im ständigen Luftzug der spätestens bei Einbruch der Dunkelheit einsetzen-den Moskitoplage Herr zu werden. Die kleinen Mücken kommen schwer gegen den Luftstrom an.

Ausgerechnet ist auch Neuguinea eine Gegend mit der schlimmsten Malaria. Die Neuankömmlinge in der Ko-lonie bekommen etwa drei Wochen nach der Ankunft ihren ersten Malariafieberanfall. Der normale Mittel-wert bei Europäern liegt bei 10 bis 15 Anfällen pro Jahr. Es gibt Fälle wie der Missionar Nebe in Stephansort in Neuguinea, der gleich beim ersten Anfall das Bewußt-sein verliert und stirbt.

Das einzige wirksame Mittel gegen die Malaria ist Chi-nin, das aus der Rinde einer Baumart gewonnen wird, die in Mittelamerika beheimatet ist, aber nun auch in anderen dem Baum zuträglichen Weltgegenden ge-pflanzt wird. Ist die regelmäßige Einnahme schon vor der Einreise in ein Malariagebiet geboten wird diese Verhaltensmaßnahme von den wenigsten wirklich be-folgt und der bittere Geschmack der Medizin fördert ihre Anwendung auch nicht. Deshalb schlucken die Weißen das Chinin, ein weißes Pulver, oft mit Oblaten oder in Weinbrand aufgelöst – in Wasser ist es nicht löslich – aber auch dann noch schmeckt es schlecht ge-nug. Außerdem kennt niemand die richtige Dosierung, auch kein Arzt oder Wissenschaftler, sodaß selbst bei regelmäßiger Anwendung eine wirkliche Vorbeugung nicht gegeben ist. Auch gibt es unangenehme Begleit-erscheinungen wie starkes Ohrensausen und Benom-menheit. So wird das Pulver oft erst während eines Fieberanfalls, und dann nicht selten in offensichtlichen Überdosen, geschluckt und danach dann in Sorglosig-keit wieder abgesetzt oder gleich der regelmäßige Fieberanfall in Kauf genommen.

Malaria scheint in Zusammenhang zu stehen mit dem zuweilen folgenden Schwarzwasserfieber. Das Schwarz-wasserfieber zeigt sich in einem Nierenversagen mit blutigem Urin und meist tödlichem Ausgang, doch die Wissenschaft kennt die Ursache für das Schwarzwas-serfieber noch nicht. Es wird aber schon vermutet, daß ausgerechnet Chinin, wahrscheinlich Überdosen, die Ursache für das Schwarzwasserfieber sein könnte und 1914 steht in dem im Druck befindlichen Deutschen Kolonial-Lexikon als erste Maßnahme beim Schwarz-wasserfieber: Aussetzen mit Chiningaben.


Über die gesundheitlichen Verhältnisse in Deutsch Neuguinea schreibt der Völkerkundler Karl Sapper: »Habe ich doch 1908 in Südneumecklenburg eine an-sehnliche Landstrecke getroffen, deren gesamte Bevöl-kerung bis auf ganz wenige Leute, die sich noch durch Flucht retteten, durch eine ansteckende Krankheit (wohl Dysenterie) in kürzester Zeit zum Aussterben ge-bracht worden war, und in dem benachbarten Küsten-dorf King herrschte zur Zeit meiner Anwesenheit Dysenterie in solchem Maße, daß eine ganze Anzahl von Hütten bereits völlig ausgestorben war und das im Angesicht der damaligen Hauptstadt Herbertshöhe, wo man von dem Wüten der Epidemie wohl unterrichtet, aber nicht helfen konnte, weil kein Arzt disponibel war, der über den Sankt Georgskanal hätte herübergeschickt werden können.

Nun ist freilich in der Zwischenzeit manches besser geworden, und als 1911 in der neugegründeten Station Manus (Admiralitätsgruppe) der weiße Heilgehilfe das Opfer der in der Umgebung wütenden Dysenterie ge-worden war, konnte von Rabaul aus alsbald ein Arzt und ein Sanitätsgehilfe zur Bekämpfung der Seuche abge-schickt werden. Trotzdem aber breitete sich 1912 die Seuche noch aus und hörte erst im Juni dieses Jahres [1913] auf, nachdem ihr wohl 1200 Eingeborene zum Opfer gefallen waren. Und wenngleich die günstigere Finanzlage des Schutzgebiets in der Hauptsache der sanitären Fürsorge neben dem landwirtschaftlichen Versuchswesen zugute kommen soll, so ist doch eine zufriedenstellende ärztliche Hilfe in allen Teilen des Schutzgebiets noch auf sehr lange Zeit hinaus nicht er-reichbar, denn bei der außerordentlichen Landzersplit-terung, die in Deutsch-Neu-Guinea herrscht, und den großen Verkehrsschwierigkeiten ist es natürlich un-möglich, jedem Inselchen seinen eigenen Arzt oder weißen Sanitätsgehilfen zu geben oder jedem Dorfe ärztliche Hilfe von den Stationsorten aus zuzuschicken. Da ist es denn mit größter Freude zu begrüßen, daß in neuester Zeit damit begonnen worden ist, die Eingebo-renen selbst zur Bekämpfung der Krankheiten und zur Verbesserung der hygienischen Verhältnisse zu benut-zen. Es geschieht dies durch Ausbildung von ›Heiltultul‹ [Tultul ist ansonsten der Titel des jedem Dorfhäuptling beigegebenen Gemeindedieners], das heißt Eingebore-nen, die in den Krankenhäusern einige Monate unter ärztlicher Leitung in die Grundbegriffe der Kranken-pflege und Heilkunst eingeführt werden und nach der Entlassung in ihrer Heimat Wunden und leichtere Krankheiten behandeln, schwere Erkrankungen aber der Behörde melden sollen. Im Bezirk Käwieng (Nord-neumecklenburg) sind bereits etwa 20 Krankenaufseher dieser Art über das Land verteilt; sie besitzen je eine verschließbare Kiste mit Verbandsmaterial und einigen einfachen Arzneien; auch steht im Dorf ein kleines Haus zur Verfügung. Im Norden der Gazellehalbinsel hat die Regierung ferner der Dysenteriegefahr durch Schaffung besseren Trinkwassers (Brunnen) in einigen Dörfern entgegenzuarbeiten gesucht, und ebenso wurde neuer-dings auf Manus versucht, durch Brunnengrabungen und Verteilung eingeborener Sanitätsgehilfen bessere Verhältnisse anzubahnen. Neben Dysenterie sind die Wurmkrankheit, Erkältungskrankheiten, offene Wun-den und Framboisie weit verbreitet. Im Jahre 1912 trat auf Angaur eine Typhusepidemie auf, die, wahrschein-lich durch heimkehrende Arbeiter eingeschleppt, nach Jap übersprang und dort viele Eingeborene befiel.«

Kategorien
Flottenereignisse


Am 9. Juni 1912 trifft hoher Besuch in Tsingtau ein. Prinz Waldemar von Preußen, Sohn des Großadmirals Prinz Heinrich von Preußen, stattet auf seiner Ostasienfahrt der Kolonie einen Besuch ab. Zum militärischen Emp-fang versammeln sich an diesem Sonntage früh die Offizierskorps der Kriegsschiffe und der Garnison in blendend weißer Tropenuniform an der Mole 2 des Hafens und nehmen Aufstellung. Um Punkt zehn Uhr legt der Kleine Kreuzer Leipzig, der den Prinzen abge-holt hat, an der Mole an, und die Vorstellung der ein-zelnen Offizierskorps beginnt. Einige Tage später findet dann beim Gouverneur, Kapitän zur See Meyer-Wal-deck, wo der Prinz wohnt, ein Abendempfang statt, an dem alles was Rang und Namen hat in Tsingtau teil-nimmt.

In dieser Zeit findet auch die alljährliche Ablösung einer jeweiligen Hälfte der in Ostasien stationierten Besatzun-gen der Kriegsschiffe statt und ein großer Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie, die Patricia, bringt die Abge-lösten zurück in die Heimat. Seit 1910 wird die Patricia der HAPAG für Ablösungstransporte der Garnison in Kiautschou und des Ostasiatischen Kreuzergeschwaders eingesetzt. Sie ist das größte Handelsschiff, das die Route Europa-Ostasien befährt. Das 178 m lange 14.500 BRT große Passagierschiff befördert auch Fracht und ist normalerweise als Auswandererschiff nach New York unterwegs. Zwischendurch wird die Patricia als Ablöse-transporter nach Tsingtau gechartert.

So verläßt die Patricia auch am 9. Juni 1914 Tsingtau wieder, nachdem sie 800 Ablösesoldaten aus Deutsch-land für das Ostasiatische Geschwader herangebracht hat, zu ihrer sechswöchigen Rückreise. Ein deutscher Marineoffizier schreibt: »Unendlich lange Heimatwim-pel flatterten in den verschiedensten Farben von den vier Masten, bis in die blaue Flut hinab. Brausende Hurras dröhnten als Abschiedsgruß von den Kriegs-schiffen zu den an Deck des Ablösungsdampfers ste-henden Kameraden hinüber, und nicht minder frisch ward uns ihre Antwort zuteil, während die Musik Abschiedslieder und -märsche spielte. Die Entfernung wurde größer, das Schiff entschwand hinter Ju=nui=san, und wir blieben allein da draußen im fernen Osten.«

Am 20. Juli 1914 kommt der Ablösetransporter wieder in Wilhelmshaven an.


Kategorien
Verwaltung

Die allgemeine Verständigungssprache zwischen Weiß und Schwarz ist Pidgin-Englisch. Ein Einfachst-Englisch, beinahe eine Kindersprache. Pidgin-Englisch ist aber auch für die Eingeborenen untereinander wichtig, we-gen der hunderten von Sprachen und Dialekten im deutschen Pazifikraum. Das beste Pidgin-Englisch spre-chen unter den Einheimischen die bei Weißen als Haus-jungen oder bei der deutschen Verwaltung als Polizei-soldaten angestellten Einheimischen. Es hebt auch das Ansehen eines Kanakers, wenn er Pidgin-Englisch spricht und sich so über den Busch-Kanaker hebt, denn schon bald hinter der Küstenlinie, im Busch, endet der Gebrauch von Pidgin-Englisch.

Das Wort Kanaker stammt von Hawaii, wo es Mensch heißt. Das Wort wird von europäischen Entdeckern, Händlern und Missionaren oft für sämtliche nicht-europäischen Insulaner benutzt und von deutschen Seeleuten für ihre an Bord arbeitenden einheimischen Kameraden verwendet. So findet es Eingang bei den Deutschen im Pazifikraum und dringt schließlich bis nach Deutschland selbst.


1914 beschreibt das Deutsche Koloniallexikon vollstän-dig die Verwaltung von Deutsch Neuguinea:

Der Gouverneur hat seinen Sitz in Rabaul am Simpson-hafen auf Neupommern. Die einzelnen Dienststellen beim Gouvernement in Rabaul gliedern sich in das ei-gentliche Gouvernementsbureau, die Hauptkasse, die Bauverwaltung, das Hauptlager, das Vermessungsbu-reau, die Expeditionstruppe und den Botanischen Gar-ten. Daneben unterstehen dem Gouverneur noch un-mittelbar die gesamte Medizinalverwaltung einschließ-lich des Veterinärwesens.

Als beratende Körperschaft steht dem Gouverneur überdies ein Gouvernementsrat zur Seite, der aus fünf amtlichen und sieben nichtamtlichen Mitgliedern be-steht und der vor Beschlußfassung über alle wichti-geren Angelegenheiten, so vor allen Dingen über die Aufstellung des Etats für das Schutzgebiet gehört wird.

Die Lokalverwaltung gliedert sich in Bezirksämter und Regierungsstationen. Bezirksämter bestehen zurzeit in Rabaul für die Insel Neupommern, einschließlich der ihr vorgelagerten Inseln sowie der Wituinseln (Fran-zösische Inseln), in Käwieng für den nördlichen Teil von Neumecklenburg und Neuhannover nebst den vorge-lagerten Inseln, sowie der St. Matthias- und Sturm-inseln; in Friedrich-Wilhelmshafen für diejenigen Teile von Kaiser-Wilhelmsland, die nicht einer unmittelba-ren Regierungsstation unterstellt sind, in Ponape für das Gebiet der Ost- und Zentralkarolinen sowie der Mar-shallinseln, und in Jap für das Gebiet der Westkaro-linen, Palauinseln und Marianen.

Regierungsstationen, an deren Spitze je nach der Be-deutung des Bezirks ein Stationsleiter II. oder III. Klasse steht, befinden sich zurzeit in Namatanai für das südliche Neumecklenburg nebst vorgelagerten Inseln, in Kieta auf Bougainville für die Salomoninseln Buka und Bougainville, sowie die nördlich davon liegenden Nissan- und Pinepilinseln, in Manus für die Admira-litätsinseln, in Morobe für das Grenzgebiet im Süden von Kaiser-Wilhelmsland und endlich in Eitape (Berlin-hafen) für das nordwestliche, bis an Niederländisch-Neuguinea grenzende Gebiet von Kaiser-Wilhelmsland. Diese Regierungsstationen sind selbständig und unter-stehen unmittelbar dem Gouverneur. Sie sind außer dem Stationsleiter in der Regel noch mit einem Polizei-meister, einem Sanitätsgehilfen und 40-50 Polizeisol-daten besetzt.

Im Inselgebiet der Karolinen, Marianen, Palau- und Marshallinseln bestehen Stationen in Jaluit für das Gebiet der Marshallinseln, in Nauru für diese Insel, in Saipan für die Gruppe der Marianen, in Korror für die Palauinseln, abgesehen von Angaur, in Truk für die diesen Namen tragende Inselgruppe und endlich in Angaur (Palauinseln) für diese Insel. Weitere Stationen befinden sich sodann in Herbertshöhe und seit 1913 auch in Angorum am Mittellauf des Kaiserin-Augusta-flusses. Diese Stationen sind den betreffenden Bezirks-ämtern in Rabaul, Ponape, Jap und Friedrich-Wilhelms-hafen unterstellt.

Die Bezirksämter sowie die erwähnten Stationen haben die gesamten lokalen Verwaltungs- und Polizeiangele-genheiten für die Weißen wie die Eingeborenen zu er-ledigen.

Die Gerichtsbarkeit über die Weißen wird ausgeübt durch das Obergericht, die Bezirksgerichte und die Bezirksrichter. Der Sitz des Obergerichts ist Rabaul. Bezirksgerichte bestehen in Rabaul, Friedrich-Wil-helmshafen, Ponape und Jap. In beschränktem Maße üben auch die Stationsleiter richterliche Geschäfte aus. Ein besonderer Bezirksrichter ist nur für den Bezirk Rabaul bestellt, im Gebiete der übrigen Bezirke und Stationen nimmt zurzeit noch der Bezirksamtmann im Nebenamt die bezirksrichterlichen Geschäfte wahr.

Für Kaiser-Wilhelmsland ist noch ein besonderer Bezirksrat eingerichtet, der in ähnlicher Weise wie der Gouvernementsrat für die Zentralverwaltung so für die lokalen Interessen Kaiser-Wilhelmslands nach Bedarf vom Bezirksamtmann in Friedrich-Wilhelmshafen zu-sammenberufen wird. Er ist im übrigen in gleicher Weise beratende Behörde wie der Gouvernementsrat.


1906 werden die bis dahin als eigenes Schutzgebiet mit einem eigenen Landeshauptmann geführten Marshall-Inseln mit der zur Kolonie der Marshall-Insel zugehö-rigen aber weit südlich von ihnen liegenden Insel Nauru dem Schutzgebiet Deutsch Neuguinea einverleibt.

Die Angliederung ist zunächst nur lose. Die weite Ent-fernung und mit ihr die Seltenheit direkter Verbindun-gen verhindern eine stärkere Beeinflussung der Verwal-tung von der Hauptstadt Herbertshöhe oder später von der neuen Hauptstadt Rabaul aus.

Erst 1909 wird durch die Schaffung einer regelmäßigen Dampfer-Verbindung und durch häufigere Besuche des Gouverneurs oder seines Vertreters ein engerer Zu-sammenschluß ermöglicht, sodaß 1910 auch die Finanz-verwaltung des Inselgebiets mit der von Neu Guinea vereinigt und ein gemeinsamer Etat aufgestellt werden kann. Mit dieser Vereinheitlichung der Verwaltung geht zugleich eine Vereinfachung des Verwaltungsapparates einher.  

Kategorien
Allgemeine Ereignisse

Eine besondere Sorte Mensch hat sich in Kiautschou unter den Chinesen entwickelt. Die für die Deutschen arbeitenden Lieferanten, Handwerker und dergleichen werden mit deutschen Namen belegt, die auch gleich ihre Geschäftstätigkeit anzeigen, wie Willi Schuster, Franz Schneider, Heini Wäscher. Auch diesen Tsingtau-Chinesen ist das angenehm, weil es ihren geschäftlichen Umgang mit den Weißen sehr erleichtert.

Eine weitere Besonderheit sind die als Diener für Deut-sche arbeitenden Chinesen. Praktisch alle Deutschen in der chinesischen Kolonie des Reiches haben einen Chi-nesen als Diener, und da über 2000 von den Deutschen im Schutzgebiet Marinesoldaten sind sind die meisten dieser Chinesen natürlich im Dienst von deutschen Soldaten.

Als Ende des 19. Jahrhunderts Kiautschou unter deut-sche Herrschaft kommt ist eine Verständigung zwi-schen Chinesen und Deutschen gleich Null, da keiner des anderen Sprache spricht. Nun ist chinesische Arbeitskraft sehr billig und jeder Chinese ist froh bei einem Deutschen Beschäftigung zu finden und die Chi-nesen lernen von ihren Herren deren Sprache. Da dieses Lernen der deutschen Sprache keinerlei Schule unter-worfen ist, lernen die Chinesen das Deutsch, das ihr je-weiliger Herr, meistenteils ein Gewerbetreibender oder eben ein Soldat, spricht: Bayerisch, Berlinisch, Ostpreu-ßisch, Sächsisch, Schwäbisch und so weiter. Und da die Deutschen ihre chinesischen Diener natürlich mit Du ansprechen tun die Chinesen natürlich das Gleiche. Den Unterschied von Du und Sie lernen sie nicht und wissen auch nicht, daß es mehr als unhöflich ist einen Fremden oder Höherrangigen mit Du anzusprechen. So bildet sich in Kiautschou die selbstverständliche Gewohnheit heraus, daß die Chinesen, ohne eine Unhöflichkeit begehen zu wollen, alle Deutschen mit Du anreden und jeder versteht und akzeptiert das. Man ist ja froh überhaupt deutschsprachiges Personal zu haben. Daraus ergeben sich denn natürlich auch für Deutsche, die neu nach China kommen, und diese Sitte nicht kennen, merkwürdige Begebenheiten. Als etwa in den 30er Jahren zwei deutsche Studenten der Sinologie in Peking sich so einen Tsingtau-Boy, wie sie ihr lebenlang heißen, auch wenn sie schon alte Leute sind, als Diener nehmen, benehmen sie sich völlig unpassend ihrem chinesischen Diener August gegenüber, weil sie so einen Chinesen doch für unter ihrer Würde halten. Sie beschimpfen August zuweilen und werfen gar mit ihren Pantoffeln nach ihm. August vergilt es ihnen mit mangelndem Pflichteifer. Ein erfahrener China-Deutscher bemerkt die Unsitten der beiden Studenten ihrem Diener gegenüber und mahnt sie des deutschen Ansehen willens und auf die Landessitten hinweisend August besser zu behandeln. Die deutschen Studenten erklären sich zu einer freundlicheren Behandlung ihres Dieners bereit und nun wird auch August geholt, ihm der Fall erklärt und er verspricht denn auch seine Pflichten getreulich zu erfüllen. Abschließend sagt August: „Wenn ihr mich nich mähr mit eiren dreggschen Pandoffeln schmeißen duht, dann werd ich euch auch gein Hühnerdregg mehr ins Gemüse duhn.“

Im Laufe der Jahre steigen einige dieser Diener mit ihren Deutschkenntnissen und ihrem Wissen über deutsche Haushaltsführung zu Nummer-Eins-Boys in größeren deutschen Haushalten auf und haben das Kommando über alles Hauspersonal, das in Fernost oft sehr umfangreich ist, weil jeder Diener meist nur eine bestimmte Arbeit verrichtet und Personal zudem billig ist. Diese Tsingtau-Boys sind in Ostasien bei deutschen Familien begehrt. Auch der Chef von Siemens in Japan hat einen Tsingtau-Boy als Nummer-Eins-Boy und erklärt einem deutschen Gast über die Tsingtau-Boys: „Ihre Originalität ist uns eine stete Quelle der Heiter-keit, während sie, sofern man sie richtig behandelt, ziemlich ehrlich, recht fleißig und vor allem treu wie Gold sind.“

Als der Japan-Chef von Siemens Ende der 30er Jahre in seinem Haus in Tokio einen Empfang gibt, zu dem auch der deutsche Botschafter in Japan geladen ist, gibt er Jupp, dem Nummer-Eins-Boy, den Auftrag, nach dem Essen den Gästen im Salon auf einem Silbertablett verschiedene Liköre und Schnäpse anzubieten, natür-lich dem Botschafter als erstem. Als es soweit ist tritt Jupp mit dem Likörtablett auf den Botschafter zu mit den Worten: “Na, altes Huhn, was säufst du denn am liebsten?“

Alles erstarrt, aber der Botschafter versteht, lacht und amüsiert sich königlich. Zum Abschied reicht der Botschafter Jupp sogar die Hand.


Ein Ausflug von Offizieren der SMS Cormoran im Juni 1912 von Tsingtau in das zur Kolonie Kiautschou gehö-rende Lauschan-Gebirge gibt ein anschauliches Bild der Landschaft. Die Firma J. Richardt, ein Speditionsge-schäft und Droschkenverleih, stellt den Ausflüglern zwei bespannte Wagen mit chinesischen Kutschern. Das Gebirge liegt an der östlichen Grenze des Schutzge-bietes. Der höchste Berg der Kette, der mit etwa 1130 m die Höhe des Brockens erreichende Lauting, liegt dicht jenseits der Mitte der Ostgrenze der Kolonie. Die ganze Bergkette ist rauh zerklüftet und zerrissen, mit Aus-nahme weniger Täler unbewaldet, mit scharfen Graten und bizarr verzackten Spitzen. Alles Gehölz ist von den Chinesen als Brennholz abgeschlagen. Infolgedessen kann die Verwitterungskruste keinen Halt gewinnen, sondern wird alljährlich zur Regenzeit in die Täler ge-spült, wo sich ungeheuere Schutthalden anhäufen.

Früh um sechs Uhr stehen die beiden bestellten Wagen am Hafen und die Fahrt beginnt. Eine breite, gut ange-legte Fahrstraße führt nach zwei Kilometern zu der chinesischen Arbeiterniederlassung Taitungtschen und weiter auf der Landstraße durch zahlreiche Chinesen-dörfer. Überall sind auf den Feldern die fleißigen Land-bewohner mit der Weizenernte beschäftigt. Nach 15 Kilometern ist Litsun erreicht, wo die Pferde gewechselt werden. Litsun liegt am gleichnamigen Fluß und genießt einen besonderen Ruf wegen seiner vielbesuchten Märkte. Die Offiziersgruppe wird in Litsun vom dort stationierten Marinestabsarzt empfangen. Sie besichti-gen das Marinelazarett, das Gefängnis mit in Ketten gelegten Verbrechern und das frühere Lager der deut-schen Truppen mit dessen ehemaligen Offiziershaus.

Weiter geht die Fahrt entlang des Litsun-Flusses, der vollkommen trocken liegt und nur zur Regenzeit Was-ser führt und dann ein reißender Strom werden kann. Vorbei am Jagdhaus des Jagdvereins von Tsingtau geht es in das Lauschantal. In vielfachen malerischen Win-dungen zieht sich die Straße durch die wilden Gesteins-massen dieses von grotesk verzackten Bergrücken ein-gefaßten Felsentals aufwärts durch das Dorf Tschui-tschui und am von einem Bambushain eingefaßten Tempel Tschuitschuian vorbei. Über die Cäcilienbrücke, benannt nach der Kronprinzessin, geht es weiter zum Ausspann Wangtsytschien. Die letzte Strecke geht es zu Fuß hinauf zu den Mecklenburg-Häusern, einem Gene-sungsheim.

Die Mecklenburg-Häuser führen ihren Namen nach dem Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, dem Präsidenten des Kolonialvereins, der sich um ihre Er-bauung große Verdienst erwarb. Die auf dem Tempelpaß in 450 Metern Höhe liegenden Häuser sind in den Jah-ren 1902 und 1903 erbaut worden und sind ein Gene-sungsheim für Unteroffiziere und Mannschaften sowie als für jedermann gegen Bezahlung offenstehendes Hotel unter der Leitung eines Sanitätsfeldwebels. Eine wundervolle Aussicht eröffnet sich von hier aus auf die Berge und das Lauschantal hinab zum Meer und nach Tsingtau.

Nach dem Mittagessen unternimmt die Gruppe eine Wanderung in die Umgebung zum taoistischen Tempel Peitschiuschiumiau, in dessen Nähe einige kleine Villen in der Bergwelt liegen. Von diesem Tempel weiter wan-dernd erreicht die Gruppe den Tempel ›Waldfrieden‹, ebenfalls ein Taoistentempel, aus mehreren kleinen Häuschen bestehend, die friedlich und idyllisch unter schattigen Bäumen versteckt zwischen grünem Ge-strüpp am wildromantischen Abhang gebettet sind. Hier lagern die Wanderer zur Rast und der Priester des Tempels macht gute Geschäfte mit dem Mineralwasser ›Iltisbrunnen‹. 

Marineoffizier Paul Ebert beschreibt die folgenden Wanderererlebnisse:

»Während wir uns so in angeregter Unterhaltung ver-gnügten, bog plötzlich um die nächste Ecke des viel-gewundenen Bergpfades, an des-sen Rande wir saßen, eine reizende Gruppe: Auf dem Rücken eines gewandt und zierlich zwischen den Steinen dahintrippelnden Esels saß ein junges Chinesenmädchen, angetan mit wundervollen Seidengewändern und im vollen Fest-schmuck, vermutlich eine Braut. Wir waren zunächst so überrascht und starr, daß die Reiterin bereits um die nächste Wegbiegung verschwunden war, als wir die Fassung wiedergewannen. Nun brach aber bei unseren Photographen die Begeisterung gewaltig aus und mit lautem Hallo ging es mit gezückter Kamera hinterher, so daß die junge Schöne nicht schlecht erschrak. Aber bald beruhigte sie sich, als ihr die harmlose kleine Huldigung klar wurde; der Versuch, sie auf die Platte zu bringen, mißlang bedauerlicherweise.

Am folgenden Morgen brachen wir schon um sechs Uhr auf, da eine Besteigung des Lauting beabsichtigt war. Ein paar muntere, halbwüchsige Chinesenjungen dienten uns als Führer und Träger. Über den Ostpaß führte der Weg zur Irenenbaude, einem Häuschen des Tsingtauer Bergvereins, dann weiter zum Lauting. Immer romanti-scher gestaltete sich die Szenerie. Wie von Zyklopen-händen aufgetürmt waren riesige Felsblöcke zu mächti-gen Burgen geschichtet. – Nach etwa drei Stunden hatten wir die Spitze des Lauting erreicht. Auf dem Felsen, der die äußerste Bergspitze bildete, ließen wir uns in Gruppen von vier Personen abwechselnd nieder, um von hier aus den prachtvollen Ausblick zu genießen und der unvermeidlichen photographischen Linse in mehr oder weniger malerischen Stellungen als Ziel-objekt zu dienen.«



Kategorien
Tsingtau

Eine gründliche Vermessung schafft die Grundlage für die Anlage von Stadt und Hafen. Die Wohnsitze von Chinesen und Europäern werden örtlich getrennt. Erstere wohnen an der Tsingtau- und der östlich von dieser liegenden Auguste-Viktoria-Bucht. Das ehema-lige Dorf Tsingtau verschwindet dort, mit Ausnahme des ›Yamen‹, einst die Residenz des chinesischen Gouver-neurs, jetzt mit Drachenmauer und Tempelanlage ein reizvolles Denkmal chinesischer Baukunst. An der Nord-seite der Halbinsel, westlich vom Observatoriumsberg, liegt die Chinesenstadt Tapautau. Für die chinesischen Kulis werden besondere Siedlungen in Taisitschen, am Ende der Halbinsel und in Taitungtschen, nordöstlich von Tsingtau, angelegt. Hafenbauten werden an zwei Stellen geschaffen, von denen der große Hafen durch eine etwa fünf Kilometer lange Steinmole eingefaßt wird, der kleine Hafen bei Tapautau ist für den Dschunkenverkehr bestimmt.

Bald nach der Besetzung des Kiautschou-Gebietes lassen sich verschiedene in Ostasien tätige Firmen dort nieder und eine schnelle Entwicklung beginnt.

Aus dem Tagebuch des Hamburger Reeders Albert Ballin: »Am 13. März [1901] frühmorgens gingen wir vor Tsingtau zu Anker. Ich war freudig überrascht von dem, was ich vor mir sah. Eine Stadt ist hier in unglaublich kurzer Zeit unter den schwierigsten Verhältnissen aus der Erde emporgewachsen!

In dem hübschen aber sehr kalten Hotel ›Prinz Hein-rich‹ war Wohnung für uns belegt, und am Nachmittage wanderten wir schon durch die vorläufig noch recht staubigen und teils unfertigen Straßen hinauf auf die Anhöhe, wo der stellvertretende Gouverneur und die höheren Offiziere sich angesiedelt haben. Wenn man auch zugeben muß, daß bei dem bisher geschaffenem die militärischen Bedürfnisse weit in den Vordergrund geschoben sind und die Bedürfnisse von Handel und Verkehr noch zu kurz kommen, so bleibt die Leistung doch eine ganz außerordentliche, und jeder von uns, ganz besonders aber diejenigen, welche – wie der deutsche Generalkonsul Dr. Knappe aus Shanghai – den Ort vor zwei Jahren gekannt hatten, waren ebenso erstaunt wie erfreut über solchen Fortschritt.«

Am Diederichs-Berg – benannt nach dem Admiral Otto von Diederichs, der 1897 in Kiautschou die deutsche Flagge hißte – wird das Gouverneurswohnhaus erbaut und mit einer hübschen Gartenanlage umgeben. Von seinen Fenstern hat man einen prachtvollen Ausblick über Stadt und Bucht. Tsingtau ist eine Marinebasis und so ist auch der Gouverneur eine Marineoffizier. Die Offiziere treffen sich im Tsingtau-Klub in der Nähe der großen Tsingtau-Brücke an der Bucht oder im Hotel ›Fürstenhof‹. Das Hotel ›Prinz Heinrich‹ wird mehr von internationalen Gästen bevorzugt.

1908, aus dem Anlaß des zehnjährigen Bestehens der Kolonie, steht in einer Denkschrift des Gouvernements Kiautschou zu lesen: »Anstelle des Dorfes Tsingtau und der chinesischen Truppenlager ist eine, nach einheit-lichem Plan gebaute, ausgedehnte Stadtanlage getre-ten… – Die Stadtanlage ist mit einem Netz chaussierter Straßen versehen, hat Regen- und Schmutzwasserkana-lisation, Wasserleitung und elektrische Beleuchtung, kirchliche Gebäude, Krankenhäuser und Schulen für Europäer und Chinesen, eine Postanstalt, Markthalle und einen allen Anforderungen der Hygiene genügen-den Schlachthof. – Die Hafenanlagen rechnen auch nach fremden Urteilen zu den besten Ostasiens.«

Mit den chinesischen Truppenlagern ist das von der chinesischen Regierung bei dem ehemaligen Dorf er-richtete Militärlager gemeint, das zur Abwehr einer Landung und Inbesitznahme der Bucht durch eine fremde Macht angelegt worden war. Mit dem Erschei-nen des deutschen Ostasiatischen Geschwaders und der Landung der deutschen Marineinfanterie von den schwer mit Artillerie bestückten Schiffen im November 1897 hielten es die chinesischen Truppen im Lager aber für besser kampflos abzuziehen als gegen die deutsche Übermacht unterzugehen.   

Tsingtau wirkt nun mit seinen roten Ziegelsteinhäu-sern, spitzen Kirchtürmen und großen Gartenanlagen wie eine saubere deutsche Stadt. Diese schöne deutsche Stadt in China ist mit allen modernen Einrichtungen ausgestattet. Sie hat ein Geschäfts- und ein Hafenviertel und ein idyllisch gelegenes Villenviertel am Forstgarten, den Sport- und Rennplatz und natürlich den berühmten Strand.

Tsingtau ist im Sommer eine grüne Insel, im angeneh-men Gegensatz zu seiner sonst so kahlen Umgebung. Die Prinz-Heinrich-Berge und dahinter das hohe Lau-schan-Gebirge verleihen der Stadt einen wirkungsvol-len Hintergrund. Das Anziehendste von Tsingtau im Sommer ist sein ausgezeichneter Badestrand. Das Leben am Tsingtauer Strand gleicht genau dem Badeleben an den Nordseebädern. Strandkonzerte und Reunions im Strandhotel. Für Reiten, Polo, Golf und Tennis sind schöne Gelegenheiten. So zieht es ein internationales Publikum zur feuchtheißen Sommerzeit aus dem gan-zen Osten zur Erholung nach Tsingtau.

Im Laufe der Jahre wird auch die räumliche Trennung der Weißen in der den Europäern vorbehaltenen Stadt-teils in Tsingtau mehr und mehr zugunsten reicher Chinesinnen und Chinesen aufgegeben und 1914 schließlich ganz aufgehoben.



Der Handel im Hafen von Tsingtau ist der wirtschaft-liche Schwerpunkt der Kolonie und nimmt von Jahr zu Jahr zu. Große Ozeandampfer und die deutschen Kriegs-schiffe liegen an langen, fest gemauerten Kaianlagen nebeneinander. Auf der Werft mit ihrem großen Schwimmdock tönt der metallische Lärm eiserner Hämmer und im Hafen wimmelt es von Dschunken und Zampans, wie man die kleinen hölzernen Boote nennt. Die Zampans sind eine Art Ruderboote, sie werden aber nicht gerudert, sondern gewriggt. Das Ruder, oder wie es seemännisch richtig heißt: Der Riemen, ist am Heck angebracht und die beiden Hände des stehenden Ruderers liegen am Ende des Ruders auf und führen dort eine kreisende Bewegung aus durch welche das im Wasser liegenden Ruderblatt ein ›Quirlen‹ erzeugt, welches das Boot vorantreibt.

So ein Zampan wird auch zur Personenbeförderung im Hafen benutzt und für den Fahrgast gibt es ein sauberes, buntes Kattunkissen zum sitzen und der Fahrpreis be-trägt immer nur zwei Cent.

Der deutsche Marineoffizier Fritz Witschetzky: »Wenn man nun von Bord an Land gehen will und im Ausgeh-anzug am Fallreep erscheint, gleich schießen fünf, sechs Zampans auf dieses los.«

In ihrer R-losen Sprache rufen die in blauen Leinen-kitteln gekleideten chinesischen Zampankulis: „Offiffi, Offiffi, nimm mich! Ich schnelle, plenty mache, mache.“ Und dabei drängeln sie sich, bald rechts, bald links drehend, mit größtem seemännischen Geschick ans Fallreep heran, bald schnell, bald langsam wriggend.

„Offiffi, Offiffi,“ rufen die gelben Zampankulis, „nimm mich. Ich swei Maschinen, swei Maschinen! Plenty mache, mache!“

Unter einem Zampan mit „zwei Maschinen“ versteht man einen solchen, in dem zwei Kulis, jeder an einem Riemen, wriggen und so schneller sind als ein Zampan mit einem Kuli.

Man steigt in den ersten besten am Fallreep ange-kommenen Zampan ein. „Achtung!“ kommandiert der Kuliu, indem er den Bootsteurer in unsern Kriegsschiff-booten nachahmt. Und nun beginnt die Vorstellung. Der Kuli ist nämlich Bootsteurer, Bootsgast, Maschinisten-maat und Maschine – alles in einer Person.

Zum Zeichen, daß er einen Offizier im Boot hat, setzt er eine kleine gelbe, phantasievolle Flagge. Nun ruft er: „Wollaus gloße Faht!“ (Voraus große Fahrt). Nun ist der Kuli „Maschine“: „Fumm, fumm, fumm…“, er macht das Fauchen der Dampfzylinder nach und quirlt so schnell, daß hinten das Wasser zu kochen scheint. Es folgt das Kommando „Äußesse Klafft“ (Äußerste Kraft) und der Kuli bewegt seine Arme in so schnellen Achten, daß nur noch eine vibrierende, schwingende Bewegung an Stelle des langen schweren Riemens zu sehen ist. Und un-aufhörlich wackelt und pendelt ruckartig der lange schwarze Zopf. Im eleganten Bogen legt er an der Lan-dungsbrücke an, und unter Erweisung sämtlicher mili-tärischen Ehrenbezeigungen überwacht er das Ausstei-gen seines Gastes. Für die zwei Cent Fahrpreis bedankt er sich auch noch durch eine besonders stramme Hal-tung.

Kaum hat er seinen Fuß an Land gesetzt, da stürzen sich die Rikschakulis auf den Ankömmling: „Offiffi, Offiffi, mich, mich, mich, ich plenty laufe, laufe, hie look me stake Beine!“ Und dabei zeigt der Kuli auf seine gera-dezu erstaunlich dicken Wadenmuskeln. Andere drän-gen sich vor, weisen nach, daß der Umfang ihrer Waden weit stärker ist als der aller anderen, und alles wie-derholt: „Ich plenty laufe, laufe!“

Witschetsky erzählt auch den Ablauf seiner ersten Rickschafahrt: »Ich setze mich in eines der schönen, auf Pneumatikrädern laufenden Wägelchen. Der Kuli, ein stämmiger junger Bursche mit hochgestecktem Zopf, in leichtem blauem, sehr sauberem Leinenkittel, mit bloßen Armen und Beinen, erfaßt mit frohem Lachen die beiden Deichseln, und dann saust er mit mir los.

Man liegt mehr, als man sitzt in der kleinen feinen Kutsche, die bequemer als der schönste Klubsessel ist, und doch fühlt man sich anfangs nicht recht wohl darin. Es widerstrebt dem modernen Europäer zunächst doch, daß hier ein Mensch dieselbe Arbeit tut, die zuhause nur vom Tier verrichtet wird. Und nun erst, Wenn’s bergauf geht! Der Kuli vermindert das Tempo nicht, im schnel-len Laufschritt, schwitzend rennt er weiter. Ich rufe: „He – stopp – stopp!“

Endlich hält der Chinese und sieht mich fragend an. „Wir sind doch noch lange nicht am Ziel,“ sagt sein Blick. Ich steige voller Mitleid aus und sage, er solle weitergehen, oben auf dem Berge will ich wieder ein-steigen.

Da wird der Kuli traurig, bittere Enttäuschung zeigt sich auf seinem glatten, bartlosen Kindergesicht. Er schüttelt ablehnend den Kopf, geht nicht weiter, Tränen treten in seine Schlitzaugen.

Ich ahnte nicht – was mir später erklärt wurde – , daß ich des armen Rikschakulis Herz tödlich beleidigt hatte. Er glaubte, ich hielte ihn für zu schlapp, um mich den Berg hinaufzuziehen, und eine schlimmere Beleidigung kennt der Kuli nicht. Als ich nun notgedrungen wieder einstieg, erstrahlte sein Gesicht, wie man es bei uns nur an Kindern sieht. Er bekam zehn Cent für eine Fahrt von einer halben Stunde etwa.

Mit der Zeit gewöhnt man sich daran und findet nichts mehr dabei. Eines Tages fuhr ich zusammen mit einem europäischen Kaufmann, der mir aber doch etwas unbarmherzig vorkam. Als wir an einem der sauber gekleideten chinesischen Polizisten vorbei fuhren, ließ dieser seinen Kuli anhalten, ging zum Schutzmann und sagte, indem er die Nase furchtbar rümpfte: „Kuli Nummer zweihundertelf plenty stinke, stinke nach Knoblauch!“

Der Polizist beroch den armen Schlucker, der Kaufmann bezahlte nicht, und der Kuli mußte traurig auf die »Sympofangtse«, die Polizeiwache, marschieren. Daß er dort wirklich Schläge auf die Fußsohlen bekommen hat, wie mir erzählt wurde, möchte ich nicht glauben. Und dabei gibt es für den Kuli kein schöneres Gewürz als den Knoblauch! Man gehe nur einmal an einer chinesischen Garküche vorbei, wo die Kulis an langen großen Holztischen sitzen und mit Holzstäbchen ihren Reis – sprich „Leis“ – essen. Schon von weitem duftet’s scharf nach Knoblauch, und Europäernasen pflegen das eben leider nicht zu vertragen.

Wenn man in die Stadt fährt, so behält man meist denselben Kuli den ganzen Tag; geht man in ein Restaurant, so wartet die Droschke draußen – stunden-lang, bis man wieder heraustritt. Dann kommt der Kuli lachend und strahlend angesprungen, fast wie ein Hündchen, dessen Herr nach langer Abwesenheit zurückkehrt.«


Für Fahrten in Tsingtau stehen zwei Klassen von Rik-schas zur Verfügung. Die bessere ist mit Gummibe-reifung. Hat man Eile oder geht es in längeren Strecken bergauf, so mietet man zwei Fahrer, von denen der zweite schiebt. Kommt man vom Hafen, geht es die breite, vorzüglich gepflegte Rechtern-Straße entlang, die hinter der Eisenbahnüberführung in die Schantung-Straße, die Hauptstraße von Tapautau, einmündet. Stets trifft man auf dieser Strecke regen Lastenverkehr an. Ochsenbespannte, hochbeladene Karren oder einzelne Kulis, die auf dem typischen chinesischen Schubkarren mächtige Ballen befördern. Eine beliebte Tragart be-steht auch aus einer quer über die Schulter gelegten Stange, von der an beiden Enden Körbe herabhängen. Kurz vor der Eisenbahnüberführung liegt zur Rechten der sogenannte kleine Hafen, in dem zahlreiche Dschunken und Sampans ein und aus gehen. Hier haben auch die Torpedoboote des Kreuzergeschwaders ihren Liegeplatz.

Tapautau ist die eigentliche chinesische Geschäftsstadt, wo die chinesischen Handwerker, Seiden-, Silber-, Bron-ze- und Porzellanhändler ihre Werkstätten und Ver-kaufshäuser besitzen, darunter verschiedene sehr statt-liche Warenhäuser, besonders solche in Rohseide. Auch einige japanische und indische Läden befinden sich hier. Überall muß natürlich nach orientalischer Sitte vom Preis etwa abgehandelt werden, doch geht es in den größeren Seidengeschäften auch recht solide zu.

Bei den Markthallen geht der Stadtteil Tapautau in das eigentliche europäische Viertel, in den Stadtteil Tsing-tau über. Die Verlängerung der Schantung-Straße nennt sich von hier ab Friedrichstraße. Die Friedrichstraße trifft an der Tsingtau-Bucht auf die Tsingtau-Landungs-brücke. An der Friedrichstraße liegen zahlreiche deut-sche Geschäfte und Restaurants. Das eigentliche euro-päische Wohnviertel zieht sich um den Gouverne-mentshügel, an dessem Südfuß das imposanten Gouvernementsdienstgebäude steht, das im Frühjahr 1906 in Betrieb geht. In einem Seitenflügel dieses Gebäudes ist die Kiautschou-Bibliothek mit Lesezimmer untergebracht. Östlich neben dem Gouvernements-hügel liegt der Diederichs-Berg mit der Signalstation und einer in Stein gemeißelten, auf die Besitzergreifung durch Deutschland hinweisenden Inschrift. Zwischen Gouvernementshügel und Diederichs-Berg steht auf einer kleinen Erhöhung wirkungsvoll sich abhebend, die 1910 eingeweihte, im romanischen Stil errichtete evangelische Kirche. Den Hintergrund des Kirchplatzes nach Norden bildet der Wasserberg mit dem Wasser-turm und dem vom Flottenverein geschenkten Obser-vatorium.

Vom Gouvernementsdienstgebäude führt die Wilhelm-straße zum Kaiser-Wilhelm-Ufer, einer prächtigen Strandpromenade, wo das große Hotel ›Prinz Heinrich‹, die Deutsch-Asiatische Bank und die Schantung-Eisen-bahn- und Bergbaugesellschaft ihre stattlichen Gebäude haben.

Am östlichen Teil des Kaiser-Wilhelm-Ufers liegt als letzter Rest des alten chinesischen Dorfes Tsingtau der von hübschen Anlagen eingefaßte buddhistische Tem-pel und das ›Yamen‹, die frühere Dienstwohnung des Mandarinen, in dessen Hof herrliche Glyzinien blühen. Weiter östlich erhebt sich als weiteres Überbleibsel die sogenannte Heidenmauer, eine Drachengeschmückte Wand, bestimmt die bösen Geister abzuhalten.

Ungefähr beim Yamen biegt die bisher in etwa östlicher Richtung verlaufende Strandlinie nach Süden ab und bildet eine Halbinsel von der ungefähren Form eines gleichseitigen Dreiecks mit 300 m Seitenlänge. Diese Halbinsel trennt die Tsingtau-Bucht von der östlich da-von liegenden Auguste-Viktoria-Bucht, allgemein Clara-Bucht genannt. Auf der in die See vorspringenden Spitze dieses Halbinseldreiecks liegt die Offiziersspeiseanstalt.

Die Auguste-Viktoria-Bucht wird eingefaßt von dem in ganz Ostasien berühmten Badestrand, der von zahlrei-chen geschmackvollen Badehäuschen besetzt ist, und hinter dem sich das sehr komfortable ›Strandhotel‹ erhebt. Hier dehnt sich auch der als Renn- und Sport-platz vielbenutzte Iltis-Platz aus, wo im Frühjahr und Herbst regelmäßig Ponyrennen stattfinden. Nordwest-lich schließt sich an den Iltis-Platz ein reizendes Villen-viertel an, während sich nach Norden und Nordosten im bergigen Gelände die Forstanlagen mit wohlgepflegten, schattigen Wegen, Schonungen, Versuchsgärten, Forst-häusern und herrlichen Aussichtspunkten erstreckt. Mit unendlicher Mühe ist unter Leitung deutscher Forstbeamter hier und weiter im Hinterland die Auf-forstung der Berge im Gange, durch die eine Ver-besserung der Wasserverhältnisse der Stadt erreicht und der Versandung des Hafens durch Schwemmland vorgebeugt wird, zugleich aber eine Versorgung der Bergwerke mit Grubenholz, in diesem holzarmen Land ein äußerst geschätzte Material, ermöglicht werden soll. Unendlicher Geduld hat es bedurft in der Erziehung der chinesischen Bevölkerung, die gewohnt war, jeden heranwachsenden Strauch sofort zu Brennzwecken herauszureißen. Die Kasernen der Garnison liegen am Iltis-Platz (Iltis-Kasernen), westlich des Villenviertels am Bismarck-Berg (Bismarck-Kasernen) und weiter im Hinterland südlich der chinesischen Ansiedlung Tautungtschen (Moltke-Kasernen). In der Nähe der Moltke-Kasernen steht auch die Germaniabrauerei.

Kategorien
Vorwort

Eigentlich müßte nach der Reihenfolge der Beschrei-bung der Kolonien von West nach Ost nun die Kolonie Deutsch Neuguinea folgen. Da aber die Kolonie Mar-shall-Inseln 1906 in die Kolonie Deutsch Neuguinea einverleibt wird, machen wir hier eine Ausnahme.

Die Darstellung der Kolonie der Marshall-Inseln würde bei einer genauen West-Ost-Deutung dann unmittelbar an die Beschreibung der Regierungsstationen der Mar-shall-Inseln und Naurus (welches zur Kolonie der Mar-shall-Inseln gehörte) der Kolonie Deutsch Neuguinea folgen und eine unerwünschte hintereinanderfolgende Doppelung der Geschichte zur Folge haben. Deshalb fü-gen wir hier die Kolonie Marshall-Inseln ein, was zeit-lich gesehen durchaus richtig ist, denn die Marshall-Inseln sind de facto seit 1878 die erste deutsche Kolonie im Pazifik und überhaupt.

Ich wiederhole hierzu zwei Sätze aus dem Kapitel »Das Überseereich des Kaiserreiches« mit Bezug auf den Kommandanten Bartholomäus von Werner des deut-schen Kriegsschiffes Ariadne:

Auf den Marshall-Inseln, wo sich nur deutsche Handels-häuser befinden, erwirkt von Werner 1878 durch Ver-trag unter anderem vom dortigen König »den Hafen von Jaluit als deutsche Kohlenstation abzutreten«.

Von Werner: »Die deutschen Handelsinteressen sind hier [auf den Marshall-Inseln] so bedeutende, daß ich mich, um die Inseln vor den Begehrlichkeiten anderer Nationen zu schützen, zu weitergehenden Maßregeln veranlaßt sah, als ich ursprünglich beabsichtigte. Möge das, was ich gethan habe, dereinst dazu führen, daß diese Inseln dem Deutschen Reiche einverleibt wer-den.« 

Kategorien
Vorbemerkung

Die Blütezeit des deutschen Kolonialreiches beschreibt die Zeit von der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg in den Kolonien und koloniale Ereignisse in Deutschland. Zur Jahrhundertwende setzt auch verstärkt die wirtschaftliche Nutzung der Kolonien ein, durch die wissenschaftliche Herangehensweise an die Aufgabe durch das von Kreisen der deutschen Wirt-schaft und Wissenschaft 1896 gegründete Kolonialwirt-schaftliche Komitee. Ins Jahr 1900 fällt der Amtsantritt von Oscar Stübel als neuem Direktor der Kolonialabtei-lung, der höchsten Instanz in Deutschland für die Ver-waltung der »Schutzgebiete«, und seine Reformansätze in den Kolonien. Die Darstellungen der deutschen Kolonien führen bis in den August 1914, als nicht nur für das deutsche Kolonialreich, sondern auch für die Kolonialreiche der Deutschland angreifenden Länder, die große Zeit der imperialen Kolonialherrschaft und die Zeit der Belle Époque, der Schönen Epoche einer auf-strebenden Welt, mit dem Beginn des Ersten Welt-krieges zu Ende gehen.

Die Beschreibungen der Schutzgebiete gehen aber teil-weise auch noch in die ersten Kriegsmonate hinein, so-fern noch keine militärischen Ereignisse das zivile Le-ben in den Kolonien besonders beeinträchtigten.

Wegen der besonderen Umstände in Deutsch Ostafrika und Kamerun gehen wir in Ostafrika bis ins Jahr 1917 und die Kameruner Erzählung führt sogar bis ins Jahr 1919.

Nun besteht die Welt der Kolonien aus den Ländern mit ihrer Geographie und ihrem Klima, den einheimischen Völkern und als drittem Element der geringen Zahl an Weißen, die aber die Herrschaft inne haben und ihre Wirtschaft den Einheimischen aufzwingen. Werden die Landschaften und ihre Wetterverhältnisse im Überblick vorgestellt, so ist die Geschichte der Deutschen in den Kolonien das eigentliche Thema dieses Werkes, wäh-rend die einheimischen Völker nur als ›Statisten‹ er-scheinen. Das ist unumgänglich, obwohl im gesamten deutschen Kolonialreich bestenfalls ein Deutscher auf 500 Einheimische kommt, eine Verteilung Weiß-Farbig kaum anders als in den anderen Kolonialreichen. Die einheimischen Völker sind aber so zahlreich, kulturell vielfältig und verschieden, daß nur völkerkundliche Fachwerke sie eingehend darstellen können. Die Deut-schen und die Weißen in den deutschen Kolonien dagegen bilden demgegenüber eine sehr geschlossene Bevölkerung, auch wenn sie ihre Verschiedenheiten in katholischer und evangelischer Religion haben, unter-schiedlichen politischen Parteien anhängen, wirtschaft-lich andere Grundlagen haben, wie etwa Beamte und Soldaten gegenüber Pflanzern und Händlern oder Missi-onaren, so sind die Weißen im Ganzen auf jeden Fall ein geschlossener Block gegen die gewaltige Überzahl der schwarzen oder farbigen Bevölkerung.         

Dieses Werk soll aber nicht eine klassische geschicht-liche Darstellung sein, sondern soweit wie möglich an-hand vieler persönlicher Erlebnisse der Beteiligten ei-nen lebendigen Eindruck der kolonialen deutschen Welt liefern.  

Zum Verständnis sei erklärt: Die Weißen in den deut-schen Kolonien sind durchaus nicht alle Bürger des Deutschen Reiches, sondern Europäer als auch Weiße aus Südafrika, Nordamerika und Australien. Sinnvoller-weise sind alle Deutschsprachigen, seien es nun Bürger des Deutschen Reiches, Deutsch-Schweizer, Deutsch-Österreicher und andere Deutschsprachige als Deutsche zusammengefaßt. Dabei ergibt sich bei den Buren, was niederdeutsch ›Bauern‹ heißt, eine Überschneidung. Die Buren sind seit dem 17. Jahrhundert in Südafrika ansäs-sig und stammen aus dem niederdeutsch-holländischen Raum oder sind hugenottischen Ursprungs. Die Huge-notten waren zuvor als Glaubensflüchtlinge aus Frank-reich in die Niederlande und ins Reich geflohen. Die in Südafrika beheimateten Buren sind alle zusammen pro-testantische Glaubensflüchtlinge aus dem Reich und den Niederlanden und haben ihre eigene niederländi-sche Sprache. Die in die deutschen Kolonien eingewan-derten Buren nehmen teilweise die Reichsbürgerschaft an oder zählen sich selbst zu den Deutschen, andere behalten ihre südafrikanische Staatsbürgerschaft und verstehen sich nicht als Deutsche, sondern eben als südafrikanische Buren.

Sind die allgemeinen Ereignisse der deutschen Kolonial-zeit gut dokumentiert, ergibt sich eine besondere Schwierigkeit für das Erfassen des Erlebens der Zeit von der einheimischen Bevölkerung in den deutschen Kolo-nien. Eine beinahe unüberwindliche Barriere ergibt sich zu der Erfahrung der Menschen und Völker unter deutscher Kolonialherrschaft, schon alleine wegen des weitgehenden Fehlens von schriftlichen oder münd-lichen Zeugnissen der einheimischen Menschen in den Kolonien. Mögen mir die einheimischen Menschen in den deutschen Kolonien – nun alle nicht mehr auf dieser Welt – meine möglichen Fehleinschätzungen ihres Erlebens der deutschen Kolonialzeit von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg, die ich als die Blütezeit des deutschen Kolonialreiches beschreibe, verzeihen.  

Für die Vielzahl an Menschen, Völkern, Orten, Flüssen, Seen, Bergen in den Kolonien gibt es zuweilen ver-schiedene Schreibweisen und es ist unmöglich zu sagen welche denn nun die richtige sei. Also ist die jeweils in Dokumenten und Schriftquellen aller Art dort verwen-dete Schreibweise so stehengelassen und keine verein-heitlichte Schreibweise eingeführt. Zum Beispiel wird sowohl Kilimanjaro, Kilimandjaro als auch Kilimand-scharo verwendet und Daressalam, Dar-es-Salam als auch Dar es Salam. Wenn deutlich unterschiedliche Namen für denselben Ort, Fluß und dergleichen ge-schrieben wurden gibt es natürlich einen entspre-chenden Hinweis. So schreibe ich, der Verfasser, alle zusammengesetzten Bezeichnungen wie Neu Moschi, Deutsch Ostafrika und so weiter immer ohne Binde-strich, lasse aber alle anderen Schreibweisen wie Neu-moschi und Neu-Moschi in Dokumenten und sonstigen Schriftstücken auch immer so stehen.

Angemerkt sei noch, daß Kriegsschiffe damals von der Marine als männlich angesehen wurden und nicht als zum Beispiel die Cormoran, sondern der Cormoran angesprochen wurden. In Originaltexten lasse ich selbst-verständlich die männliche Weise stehen, schreibe aber ansonsten die übliche weibliche Anrede für Schiffe.       

Kategorien
Die Flotte

Neben der Erschließung Chinas für die deutsche Wirt-schaft durch einen deutschen Hafen an der chinesi-schen Küste war der hauptsächliche Grund für die Nahme der Bucht von Kiautschou und seines nahen Hinterlandes als Kolonie die Schaffung eines deutschen Marinestützpunktes in Ostasien.

Wegen der starken deutschen Wirtschaftsaktivitäten im Pazifikraum ist zu deren Schutz auch die deutsche Marine im Einsatz. Nur war die Flotte auf japanische und englische Basen für ihre Schiffe im westlichen Pazifik angewiesen. So hatte man schon länger die Küste Chinas erkundet und einen passenden Ort für die Anlage eines eigenen Kriegshafens gesucht. Schließlich wählte man die Bucht von Kiautschou. Die Bucht von Kiautschou hat den Vorteil der nördlichste eisfreie Bereich an der chinesischen Küste zu sein, sodann liegt die Bucht so weit nördlich, daß sie von Taifunen verschont bleibt und es ist möglich in der Bucht einen Hafen anzulegen. Es fehlte nur noch ein Anlaß für die Übernahme der Bucht in deutschen Besitz. Der Mord an zwei deutschen Missionaren in China Anfang November 1897 war dann der willkommene Grund für die Besetzung der Bucht und ihres Hinterlandes.   


Kategorien
Die Garnison

In Kiautschou ist das III. Seebataillon der Marine-infanterie der deutschen Kriegsmarine stationiert. Das Bataillon besteht im Jahre 1900 aus vier Kompanien Infanterie und einer Marine-Feld-Batterie mit Maul-tieren als Zugtieren für die mobile artilleristische Unter-stützung. Durch Verfügung des Gouvernements von Kiautschou vom 14. Juni 1901 wird die Aufstellung eines Reiter-Detachements befohlen, dessen Vorläufer schon im Juni 1900 gebildet wurde. Das Reiter-Detachement wird später in 5. (berittene) Kompanie umbenannt.

Eine weitere Truppe in der Kolonie Kiautschou ist die im September 1899 aufgestellte chinesische Söldnertruppe in Stärke von 120 Mann. Sie ist für die innere Sicherheit verantwortlich, um nicht deutsche Soldaten damit zu belasten, die außerdem sprachunkundig und landun-gewohnt sind. Der Vorteil der Chinesentruppe liegt in ihrem geringen Sold, ihrer Kenntnisse der chinesischen Sprache und Lebensweise und sie sind an Klima und Land gewöhnt. Der Truppe werden deutsche Offiziere und Unteroffiziere zugeteilt. Da die Söldner vorher an-dere Berufe ausgeübt haben, bedarf es einer Einübungs-zeit, bis am Jahresende 1899 nach Berlin über die Chine-sentruppe gemeldet werden kann: »Haltung frisch und tadellos. Die Soldaten zeigen Geschick und Zähigkeit«.

Mit Auflösung des Ostasiatischen Expeditionskorps 1901, das zur Niederschlagung des Boxeraufstands in China von Deutschland nach China transportiert wor-den war, und dessen Umwandlung in die Ostasiatische Besatzungs-Brigade, verlegt das I. Bataillon des 1. Ost-asiatischen Infanterie-Regiments nach Syfang, einem Fischerdorf etwa zehn Kilometer nördlich von Tsingtau. Hier verbleibt das Bataillon bis 1906, dann wird es von der aus der Stadt Kiautschou abgezogenen 1. Kompanie des III. Seebataillons ersetzt.

Der kleine Ort Kaumi liegt in der Mitte der 50 Kilometer tiefen Neutralen Zone, die die Kolonie Kiautschou um-gibt und in der Deutschland das Stationierungsrecht für Truppen hat. So wird gemäß Gouvernementsbefehl vom 25. August 1900 ein ständiges Detachement des III. Seebataillons, die 5. (berittene) Kompanie, als dauerhaf-ter Posten dort stationiert. Im Zuge der Neuorientierung der chinesischen Politik gegenüber Deutschland wird die Stationierung einer Truppe in der Neutralen Zone überflüssig. Daher wird das Detachement gemäß Gou-vernementsbefehl vom 5. November 1905 bis zum 2. April 1906 in mehreren Etappen nach Tsingtau zurück-verlegt.

Zum Schutz der Landseite der Hafenstadt Tsingtau wer-den auf der Halbinsel, auf deren Spitze Tsingtau liegt, hinter den Iltis-, Bismarck- und Moltkebergen, die die Stadt umgeben, fünf Infanteriewerke angelegt. Diese Landbefestigungen sind nur kleine und bescheidene Erdwerke, eigentlich nur Infanteriefeldbefestigungen. Sie sind mit je 60 Mann besetzt. Hauptsächlich sind ihre Besatzungen damit beschäftigt als Posten zwischen den Wällen Wache zu laufen. Das Leben in den militärmäßig einfachen Kasematten der Infanteriewerke ist für die deutschen Soldaten keine Freude. Sie sollen die Werke auch nur Sichern und Instandhalten für den Ernstfall, wenn die Besatzungsstärke aus den modernen und im Verhältnis komfortablen Kasernen von Tsingtau, wo die Soldaten auch das Leben der Stadt genießen können, auf 200 Mann angehoben werden soll. Dafür können dann Betten für die neuen Mannschaften aufgestellt werden, die elektrischen Kraftstationen in Betrieb genommen werden, die Küchen und dergleichen Einrichtungen be-triebsfähig gemacht werden. Die eingemotteten Metall-gegenstände der Infanteriewerke sind zum Schutz ge-gen Rost mit Vaseline eingeschmiert.

Ein weiterer ständiger Stützpunkt des III. Seebataillons ist der Strand des Fischerdorfes Schatsykou. Das Dorf liegt über 20 Kilometer Luftlinie von Tsingtau entfernt und bietet die einzige seichte Landungsstelle für feind-liche Truppen auf der Seeseite der Bucht von Kiau-tschou. Folglich werden hier stetig Detachements des III. Seebataillons als dauerhafte Posten stationiert.

Mit Befehl vom 27. September 1910 wird eine Marine-Pionier-Kompanie für das III. Seebataillon gebildet. Sie soll dem Bataillon als mobile Pionier-Einheit zur Verfü-gung stehen. Schließlich wird mit Befehl vom 25. No-vember 1911 eine Maschinen-Gewehr-Kompanie aufge-stellt. Sie besteht aus zwei selbständigen Zügen.

Zu den Nachrichtenmitteln der Truppe wie Melder auf Pferd oder Motorrad und Telefon gehört auch weiterhin die Brieftaube, die auch bei etwa durch starken Regen unterbrochenen Landverbindungen immer Einsatzfä-higkeit ist.

Der Hauptschutz von Tsingtau gegen Angriffe von See stellt die Matrosenartillerieabteilung Kiautschou dar. Die Abteilung besteht aus vier Kompanien zu je 250 Mann. Die Artillerie der Abteilung steht in einem guten Dutzend Forts in den Tsingtau umgebenden Gebirgs-zügen der Gebirgskette der Iltis-, Bismarck- und Moltke-berge. Teile der Artillerie der Matrosenartillerieabtei-lung Kiautschou sind aus dem im Boxeraufstand in den Taku-Forts, die den Zugang nach Tientsin, der Hafen-stadt von Peking, sperrten, entnommen. Bei den Taku-Fort-Geschützen handelt es sich um von Krupp in Deutschland hergestellten Waffen.

Die gesamte militärische Besatzung von Kiautschou be-trägt 2400 Mann, 1400 Mann des III. Seebataillons und die 1000 Mann der Matrosenartillerieabteilung Kiau-tschou.

Im Sommer 1914 erhält die Truppe zwei Fesselballons mit unterhängenden Körben für Beobachter, die bis zu einer Höhe von 1200 Metern aufsteigen können, und auch ihre ersten beiden Flugzeuge treffen ein.



Der regelmäßige Austausch der Truppen in Kiautschou erfolgt über Schiffstransporte. So wird im Januar 1905 der Frachter Frankfurt als Truppentransportschiff her-gerichtet. Mit 800 Mann Marineinfanteristen und 400 Mann Marineartilleristen an Bord legt das Schiff am 23. Januar 1905 in Wilhelmshaven nach Tsingtau ab. An diesem klaren Wintertag sind zum Abschied der Trup-pen die Hafenschleusen mit Menschenmengen dicht besetzt. Eine Militärmusikkapelle spielt am Molenkopf, und unter tausendstimmigen Hurrarufen und Tücher-schwenken erklingt, zuerst von der Musikkapelle ge-spielt, und dann von den Soldaten im Gesang aufge-nommen:

»Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus«   

Durch Nordsee und Atlantik geht es ins Mittelmeer und in den Suezkanal. Im Roten Meer wird die Hitze uner-träglich und die im Schiff zusammengepferchten Sol-daten leiden und viele von ihnen werden von den hier so häufigen Hautausschlägen befallen. Die Schiffsbesat-zung tut ihr möglichstes, um den Marinesoldaten zu helfen. Aus wasserdichten Persennings werden auf Deck Badevorrichtungen geschaffen, die von Offizieren und Mannschaften getrennt zu verschiedenen Stunden be-nutzt werden können. Im Indischen Ozean bessern sich die Temperaturen und die Kolonialsoldaten können den tropischen Nachthimmel bewundern.

In Colombo auf der Insel Ceylon hat die Frankfurt einen mehrstündigen Aufenthalt, um Proviant, Kohlen und Trinkwasser zu übernehmen. Die Truppen, die meisten-teils vorher noch niemals ihre Heimat verlassen haben, dürfen in diesen Stunden einen Landgang in der tro-pischen Stadt unternehmen. Dann geht es weiter durch den Indik in die Straße von Malakka und nach China. Am 3. März erreicht der Truppentransporter Tsingtau.

Der Erste Offizier der Frankfurt, Adolf Winter, der auch zum ersten Male nach Tsingtau kommt, beschreibt die deutsche Hafenstadt in China:

»Die Einfahrt macht einen ziemlich öden Eindruck. Kahle Felsen ohne Vegetation. Hinter der Stadt, die leuchtend weiß uns entgegengrüßt, ziehen sich hübsche Anpflanzungen von Kiefern und Tannen an den kahlen Bergen empor.

Die Stadt selbst ist sehr ausgedehnt und hat modernes Gepräge. Die Straßen, an denen stattliche, zweistöckige Steinhäuser stehen, sind breit und gut gepflastert, die Bürgersteige mit Baumreihen versehen und erinnern durchaus an die deutschen Provinzstädte.

Und zahlreiche Villen grüßen in gefälliger Bauart deut-schen Geschmacks von höher gelegenen Punkten he-rab.

Natürlich nehmen große und schöne Kasernenbauten mit weiten Exerzierplätzen einen besonderen Vorrang ein. Die Hohenzollernstraße, die Prinz-Heinrichstraße mit dem Prinz-Heinrich-Hotel, ebenso das Bahnhofs-gebäude und die Post könnten überall in Deutschland bestehen. Wie Hongkong, Singapur und viele andere Städte des Ostens völlig englisches Gepräge tragen, atmet uns eben in Tsingtau überall die deutsche Heimat entgegen.

Freilich sind auch hier als Arbeiter die chinesischen Kulis vorherrschend, und ich bin erstaunt, wie gut die meisten die deutsche Sprache erlernt haben.

Und natürlich, wo Deutsche sich heimisch fühlen sollen, da muß es auch gutes, deutsches Bier geben. So erzählen mir die Offiziere, daß es sich ganz vorzüglich in Tsingtau leben lasse. Im Sommer gibt es ein besonders lebhaftes und internationales Leben und Treiben am Badestrand von Tsingtau, dessen Klima außerordentlich milde ist.

Wir blieben 16 Tage im Hafen von Tsingtau, dann haben wir die gleiche Anzahl heimkehrender Truppen an Bord und erreichen am 28. April nach schneller und schöner Fahrt wieder Wilhelmshaven.«