Kategorien
Schiffsverkehr

Neuguinea, die zweitgrößte Insel der Welt, und seine anliegenden Inseln werden als Teil des Kontinentes Aus-tralien angesehen. Die beiden Teile der Kolonie Deutsch Neuguinea, die zur australischen Welt gehören, sind das Kaiser-Wilhelms-Land und das Bismarck-Archipel. Bei-de bilden auch wirtschaftlich gesehen eine einheitliche Welt und so sind sie auch durch Reichspostdampfer, die regelmäßig der Reihe nach Häfen im Kaiser-Wilhelms-Land und im Bismarck-Archipel anlaufen, verbunden und über weitere Häfen im nicht-deutschen Bereich, Hongkong, Singapur oder Sydney als Endhäfen, mit dem Weltverkehr. Auf diesen drei Linien verkehren die Reichspostdampfer, um den australischen Teil von Deutsch Neuguinea mit der Welt zu verbinden.

Die größeren Häfen auf diesen Routen haben Kais und/oder Piers, die kleineren oft nur eine geschützte Reede mit einer hölzernen Rampe oder nur einen Strand von dem aus Waren und Menschen mit Booten vom Schiff zum Strand und umgekehrt befördert werden.

Eine solche Reise auf den Fahrgäste und Fracht beför-dernden Schiffen ist für Passagiere in der ersten oder zweiten Klasse mit einem Kajütplatz eine angenehme Fahrt, die als Gäste mitfahrenden Eingeborenen können sich für ihr weniges Geld aber nur einen Platz auf den Decksplanken leisten. Für sie werden aber gegen Sonne und Regen Planen aufgespannt. Zu den Deckspassagie-ren gehören zum Beispiel finishtimer, die ihren dreijäh-rigen Arbeitsvertrag erledigt haben und mit ihrer mit Schloß versehenen Kiste, in der ihre erworbenen Kost-barkeiten geschützt liegen, in die Heimat zurückkehren. Andere Decksgäste sind die Wallfahrer nach Mekka aus Holländisch Indien. Da oft Schweine an Deck als lebende Frischfleischreserve mitgenommen werden, müssen natürlich die Schweine und die mohammedanischen Pilger so weit wie nur möglich voneinander getrennt werden, um die schweineverachtenden Mohammeda-ner nicht zu verärgern.

Im ›Feldlager‹ der Gäste auf Deck herrscht schon am frühen Morgen ein eifriges Waschen, Schmoren und Teekochen und ein vielstimmiges Palaver, während die Kajütpassagiere noch in ihren Kojen liegen. Aus Ge-päckstücken, Strohmatten und Decken haben die halb-nackten braunen Bordgäste Buden für ihre Familien oder Reisegruppen errichtet und Kochen auf Kohle-feuern ihre Mahlzeiten, die sie selbst mit an Bord ge-bracht haben oder in den Häfen von fliegenden Händ-lern kaufen, die die eingelaufenen Schiffe umlagern, denn den Decksgästen wird nur Trinkwasser für die Reise geboten.

Aber auch für die besser betuchten Tropenreisenden mit Vollverpflegung an Bord wird es unangenehm, wenn der Dampfer an einem Kohlenpier festmachen muß, um neu zu Kohlen. Um den schwarzen Staubwolken beim Kohlen zu entgehen, flüchten sie an Land, während einen Tag lang – Tag und Nacht – hunderte von Tonnen Kohlen von Kulis in Bambuskörben in die Bunker des Schiffes geschüttet werden. Erst nach dem großen Rei-nemachen kehren die Gäste aus der ersten und zweiten Klasse von ihrem Landausflug zurück.

An Bord ist zwar das Glücksspiel für die malaiische und chinesische Mannschaft verboten, aber die leiden-schaftlichen Spieler finden immer wieder Plätze an Bord, wo sie unbeobachtet dem Glücksspiel nachgehen können. Dadurch kommt es zuweilen zu Schlägereien der Malaien und Chinesen untereinander. Die weiße Crew muß dann gegen beide Parteien mit Gewalt vor-gehen, um die malaiischen Matrosen und das chinesi-sche Maschinenpersonal wieder zur Vernunft zu brin-gen.

Sind Rinder oder Pferde an Hafenplätzen ohne jede Anlandemöglichkeit von Bord zu bringen, wird ein Teil der Reeling abmontiert und alle scharfen Kanten ringsrum mit weichen Matten gepolstert, damit wild-werdende Tiere sich nicht auf Deck verletzen. Die Tiere werden dann zur Bordkante geführt und einfach ins Wasser gestoßen, von wo sie dann zum Strand schwim-men – soweit die Theorie, der ein ausgewachsener Bulle aber oft nicht zu folgen vermag. So haben die aus sicherer Entfernung zuschauenden Passagiere ihren Spaß, wenn braune und gelbe Gestalten der Decks-mannschaft versuchen ein widerstrebendes Hornvieh von Bord zu schubsen, insbesondere wenn ein Bulle in seiner Wut den Kopf senkt und mit seinen Hörnern zum Angriff übergeht. Ist das Rindvieh endlich über Bord – seine Hörner sind mit einem langen Tau um-wickelt, dessen anderes Ende einem Boot zugeworfen wurde, das das Tier ans Boot zieht und neben sich her zum Strand schwimmen läßt – muß das an Land ange-kommene Rindvieh, das das Tau hinter sich herschleift, eingefangen werden und viele Männer stürzen sich auf das Tau, um das wegrennende Tier zu Stillstand zu bringen. Dabei können schon mal ein Dutzend Schwarze eine Weile durch den Sand geschleift werden.                       

Bei jedem Anlegen oder Ankern des Schiffes nutzen die Passagiere die Gelegenheit an Land zu gehen. Bei den Einheimischen kann man bei den Landgängen auch oft für Tabak, Glasperlen, Streichhölzer, Taschenspiegel, Angelhaken und dergleichen interessante Souvenire eintauschen. Die Besatzung tut das Gleiche, aber als Handelsobjekt zum Weiterverkauf der Souvenire wie Speere, Schildplatt und Schildkrötenpanzer an Reisende etwa in Singapur mit gutem Gewinn.


Aus den Mitteilungen der Gesellschaft für Erdkunde und Kolonialwesen zu Straßburg im Elsaß [zugleich Abteilung Straßburg der Deutschen Kolonialgesell-schaft] für das Jahr 1913 finden wir an Auskünften, daß von außerordentlicher Wichtigkeit die Schaffung von Landwegen auf den Inseln und im Kaiser Wilhelmsland ist, da die dürftigen Fußpfade der Eingeborenen natür-lich einem Verkehr größerem Maßstabs in keiner Wei-se genügen. Tatsächlich sind auf einigen kleineren und größeren Inseln schon zahlreiche Wege angelegt wor-den. Stellenweise sind, wie auf Nordwest-Neumecklen-burg dank dem ungewöhnlichen Verwaltungsgeschicks des im April 1913 durch einen Schlaganfall verstorbenen Bezirksamtmanns von Neumecklenburg-Nord, Franz Boluminski, sogar ausgezeichnete Straßen in großer Länge erbaut worden. In den letzten Jahren haben auch in den deutschen Salomonen, auf Neu Hannover, auf den Fischer- und Gardener-Inseln, auf der Gazellehalb-insel und einzelnen Teilen des Kaiser Wilhelmslandes die Wegebauten sehr erfreuliche Fortschritte gemacht. Aber ganz besonders im Kaiser Wilhelmsland, wo zwar einzelne Flüsse brauchbare Verkehrswege darstellen, sind die Binnenverbindungen noch äußerst dürftig.

Die Bedeutung des Baues von Straßen für die Verwal-tung und die Wirtschaft sieht man in Nordneumeck-lenburg, wo die neu angelegte Straße zu außerordent-lichen Fortschritten bei der Befriedung, der Erhebung der Kopfsteuer und der wirtschaftlichen Nutzbarma-chung geführt hat.

Kategorien
Wirtschaft I

Noch als kaiserlicher Beamter der Kolonie Neuguinea sorgt Albert Hahl 1899 dafür, daß das Recht, Land von den lokalen Dorfgemeinschaften zu erwerben oder un-bewohntes Gebiet einfach in Besitz zu nehmen, aus-schließlich beim Gouvernement liegt, das beim Weiter-verkauf genau darauf achtet, daß keine Besitzrechte der Einheimischen verletzt werden.

Seit 1902 ist Hahl dann Gouverneur und seit 1903 wer-den darüber hinaus die bestehenden Besitzverhältnisse auf ihre Richtigkeit überprüft. So werden zwischen 1903 und 1914 über 5.740 ha, die bereits in den Besitz euro-päischer Pflanzer übergegangen waren, wieder an die Dorfgemeinschaften zurückgegeben und insgesamt 70 unveräußerliche Reservate mit einer Gesamtgröße von 13.115 ha geschaffen.

Jedem Neuguineer muß mindestens ein Hektar Land zum Siedeln und Bebauen zur Verfügung stehen. Auf diesem Land sollen dann vornehmlich sogenannte »Cash Crops«, exportfähige Waren der Landwirtschaft, also in Deutsch Neuguinea vor allem Kokosnußpalmen, gesetzt werden. Auf diese Weise will Hahl erreichen, daß die Neuguineer selbst am kolonialen Wirtschafts-system teilhaben und nicht gezwungen sind, auf euro-päischen Plantagen zu arbeiten.

1914 kommt fast die Hälfte des Kopra-Exportes von der Gazelle-Halbinsel aus dem Anbau der Einheimischen, während die Festland-Bevölkerung um Friedrich-Wil-helmshafen durch den Verlust ihrer Ländereien zur Arbeit auf den Plantagen gezwungen ist.

Hahl erstellt auch detaillierte Bestimmungen für die einheimischen Arbeiter hinsichtlich Lohn, Dauer der Arbeit und medizinischer Versorgung.


Die wirtschaftliche Erschließung Deutsch Neuguineas hängt entscheidend von Seeverbindungen und guten Wegen und Straßen auf den Inseln ab. Die Ausnutzung des Bodens und der natürlichen Reichtümer ist bis in die ersten Jahre des zweiten Jahrzehnts des neuen Jahr-hunderts nur auf vielen der kleineren Inseln durchge-führt, während auf den größeren und auf Neuguinea selbst die ökonomische Ausnutzung noch nicht ins Innere vorgedrungen ist. Aber die Herstellung von leistungsfähigen Verkehrsverbindungen ist nur eine der Grundbedingungen für eine gedeihliche Entwicklung der Kolonie. Vor allem ein gutes Verhältnis zu den Ein-geborenen ist wichtig für die wirtschaftliche Entwick-lung, denn die Eingeborenen stellen die Arbeitskraft für die Wirtschaft. Gouverneur Hahl und seine Beamten auf den vorgeschobenen Posten haben dafür die beste Arbeit geleistet mit einer vorsichtigen und menschen-freundlichen Politik, wenngleich auch 1912 und 1913 eine Zunahme von Morden und Überfällen zu ver-zeichnen ist, die aber eben im Zusammenhang mit der sich beschleunigenden Erschließung des Inneren der Inseln zu sehen sind und dem dadurch vermehrten Zusammentreffen von Weißen und Steinzeitmenschen.


Fast überall in der Kolonie gibt es einen Arbeitskräfte-mangel. In den Anfangsjahren der Kolonie hatte man deshalb Chinesen und Malaien nach Deutsch Neu-guinea geholt. Aber der Ausfall durch Krankheiten, insbesondere durch Malaria, bei diesen Arbeitern war erschreckend hoch, weil die Chinesen und Malaien den schwierigen klimatischen Bedingungen weniger ge-wachsen sind. Deshalb mußte man auf die Anwerbung von einheimischen Kräften übergehen. Von den geblie-benen Chinesen und Malaien sind viele nun in Auf-sichtspositionen über die angeworbenen einheimischen Arbeiter.

Bei der Anwerbung darf keinerlei Zwang ausgeübt wer-den, alles ist dazu gesetzlich geregelt. Jugendliche unter 14 Jahren dürfen nur für leichtere Arbeiten herangezo-gen werden. Und jeder Arbeiter muß vor und nach Ab-lauf seines Vertrages ärztlich untersucht werden, auch deshalb, damit sich keine ansteckenden Krankheiten verbreiten.

Je mehr Plantagen entstehen, desto mehr Arbeiter wer-den benötigt. Dafür müssen immer neue Gebiete für die Anwerbung erschlossen werden. Gleichzeitig ist es not-wendig genügend Leute in den Dörfern zu belassen für die Feldarbeit, damit keine Hungersnot entsteht. Die Jüngeren haben meist nichts dagegen von den schwar-zen oder weißen Anwerben geworben zu werden, weil sie die Lust auf das Neue in einer anderen Welt treibt und sie dafür auch noch bezahlt werden. Die Älteren in den Dörfern sehen die Anwerber nicht so gern. Sie wissen um den Verlust von Arbeitskräften für die Feld-arbeit und die Jungen werden zum Schutz vor Überfällen aus anderen Dörfern gebraucht. Ja selbst innerhalb ei-nes Dorfes bekämpfen sich zuweilen verschiedene Sip-pen und jeder an die Anwerber verlorene Mann ist dann auch eine Schwächung der eigenen Stärke.

Ist die Anwerbung in einem Dorf erfolgreich, so zahlt der Werber ein Handgeld in Form von Äxten, Busch-messern, bunten Lappen oder Tabak an die Familie oder den Big Fellow Man, wie man die Beherrscher der Dörfer auf Pidgin-Englisch nennt. Alle aus Eisen hergestellten Geräte, insbesondere natürlich Beile, sind für die Stein-zeitmenschen besonders wertvoll und begehrenswert. Den Angeworbenen wird später am Bestimmungsort ein Vertragstext vorgelesen (laut Berliner Vorschrift in Gegenwart von »zwei Zeugen, die fließend deutsch und englisch« sprechen). Tatsächlich sieht es so aus, daß dem Neuangeworbenen das Wichtigste durch einen Dolmetscher in seiner Stammessprache mehr schlecht als recht erklärt wird. Anschließend soll der Angewor-bene das Dokument unterzeichen, was natürlich für einen völlig schreibunkundigen Menschen unmöglich ist. Deshalb malt der Beamte mit dem Federhalter drei Kreuze aufs Papier und der ängstlich danebenstehende Steinzeitmensch wird aufgefordert durch eine Berüh-rung des seltsamen Tintenstiftes seinerseits den Vertrag anzuerkennen.

Darauf folgt die Routineimpfung gegen Pocken. Der Angeworbene wird später die entstehende Narbe durch die Impfung als Spezialtätowierung ansehen, die ihn über die anderen seines Stammes erhebt. Die Ange-worbenen benennen sich auch in Pidgin-Englisch als boy, während die in der Heimat zurückgebliebenen als kanaka eingestuft werden oder auch als kanaka belong bush. Sie sind jetzt eben eine Stufe höher gestiegen.

Natürlich sucht jeder Arbeitgeber seine Leute gut zu verpflegen; denn andernfalls spricht sich das schnell herum, und niemand geht mehr zu ihm trotz schönster Versprechungen und hoher Lohnangebote. Alles ver-gessen und verzeihen Black-fellow-boys dem Master, nur nicht Sparsamkeit in der Eingeborenenküche.

Die Leistungen dieser Arbeiter können allerdings nicht mit denen eines weißen Arbeiters verglichen werden. Deshalb ist man in Neuguinea gezwungen, recht viele Arbeiter zu halten.  

Allgemein werden die jungen Leute auf drei Jahre ver-pflichtet, was oft zu Mißverständnissen führt, da ihnen ein Zeitraum von einem Jahr oder drei Jahren vollkom-men unbekannt ist. Die zurückgebliebene Dorfbevöl-kerung und die Angeworbenen glauben aus den drei erhobenen Fingern des Anwerbers drei Monde zu er-kennen. Wenn also die Vertragsarbeiter nach drei Mo-naten nicht wieder im Dorf erscheinen ist die Erregung und Enttäuschung groß. Kommt ein Anwerber dann wie-der in dieselbe Gegend ist er in Lebensgefahr. Es kann passieren, daß die Männer des Dorfes ihn erschlagen, weil sie meinen, er komme, um wieder junge Leute als Braten für einen Festschmaus zu holen.

Aufgrund dieser Erfahrungen läßt die Neuguinea Kom-pagnie die Erstangeworbenen aus einer Gegend nur ein paar Monate auf den Plantagen arbeiten und bringt sie dann reichlich mit Waren entlohnt in die Heimat zu-rück, woraufhin sofort andere bereit sind, sich ebenfalls anwerben zu lassen.

Trotz aller Vorschriften über die Anwerbungen von der deutschen Verwaltung kommen leider immer wieder unsaubere Geschäfte und Übergriffe gegen Dorfbe-wohner vor, wenn sich niemand anwerben lassen will. Der Richter ist weit weg und die deutsche Inselwelt in der Südsee zieht sich über tausende Kilometer hin.  

Für die Angeworbenen auf jeder Plantage gibt es für jede Gruppe einer Insel oder eines Stammes einen Obmann, der aus dem Stamm oder von der selben Insel kommt und sich als intelligent gezeigt hat, auf daß man ihn zum Vertrauensmann seiner Gruppe ernennen kann. Dieser Obmann zeigt seinen Leuten etwa anhand eines Stockes, mit jedem vergangenen Mond eine Kerbe eingeritzt, die Vertragsdauer an. Sind dreizehn Kerben eingeritzt, also ein Jahr vergangen, beginnt er eine neue Reihe. Drei Reihen voll, Vertrag erledigt.

Das Kerben in Holz oder Stein kennen die Eingebore-nen. Einem Deutschen wird erklärt: „Masta, es ist Tradi-tion bei uns, schöne Dinge in Form einer Kerbe fest-zuhalten. Das machen wir schon immer so. Eine Kerbe für jeden verspeisten Feind.“

Ist die Vertragszeit abgelaufen kaufen die glücklichen Heimkehrenden im Plantagenladen meist zu überhöh-ten Preisen Eisenbeile, Hacken, Hohlbeile zum Kanu-bau, Messer, Taschenspiegel, farbige Baumwollstoffe, bunte Glasperlen, Hüte, Spazierstöcke und anderen Klimbim. Eine abschließbare Holzkiste ist das Trans-portmittel für all diese Schätze. Haben die Vertrags-arbeiter nach langer Bootsfahrt ihr Dorf erreicht, sind all ihre Schätze nach dem Begrüßungsfest in das Eigentum der Großfamilie, der Sippe, des Dorfes übergegangen und die Männer sind so arm wie vor ihrer Abreise zur Arbeit bei den Weißen.


Aus den Mitteilungen der Gesellschaft für Erdkunde und Kolonialwesen zu Straßburg im Elsaß von 1913 über »Das Schutzgebiet Deutsch-Neu-Guinea in der Gegenwart« ergibt sich ein anschauliches Bild der Arbeitskräftelage in der Kolonie. So ist ein Haupt-problem für die europäische Plantagenwirtschaft die Anwerbung von genug Arbeitskräften. Auf allen Inseln sucht man Arbeiter für die Plantagen zu gewinnen und verpflichtet sie für drei Jahre und wenn sie den Vertrag verlängern sind sie sogar sechs Jahre von ihrer Heimatinsel weg. Diese lange Abwesenheit hat natürlich Folgen für das Leben der Inselbevölkerung, wenn ein Teil der erwachsenen männlichen Bevölkerung im Dienst von Weißen entfernt von ihren Inseln und ihren Familien stehen. So sind etwa 1911 an der Ostküste der Salomoneninsel Buka 28 % der erwachsenen männ-lichen Bevölkerung zwischen 17 und 35 Jahren ange-worben und auf Jahre von ihrem Zuhause weg. Dazu wird auch vermehrt die Anwerbung von Frauen betrieben. Um dem entgegenzuwirken hat die deutsche Ver-waltung anfänglich für Nord- später auch für Süd-Neumecklenburg die Anwerbung unverheirateter Mäd-chen ganz verboten und die Anwerbung verheirateter Frauen nur noch gemeinsam mit ihren Männern ge-stattet.

Im August 1913 werden in der Gardener Gruppe 2007 männliche Personen und 1476 weibliche Personen ge-zählt. Die Zahl der männlichen Angeworbenen und nicht auf der Insel befindlichen Personen beträgt 421, der weiblichen 44. Ähnlich sehen die Verhältnisse auf an-deren Inselgruppen aus. Neben den allgemeinen Nach-teilen der Arbeit weit entfernt von Heimat und Familie kommt die Krankheitsverschleppung hinzu.

Bei der Gouvernementsratssitzung des Schutzgebietes Neu Guinea am 13. November 1913 wird festgestellt, daß aus Stichproben der letzten 26 Jahren die Sterblichkeit der Angeworbenen von einem Viertel und noch höher auf ihren Arbeitsstellen auf 3 % bis 1½ % gesunken sei. Es wird beschlossen, daß eine demnächst auszurüstende Expedition die Gesundheitsverhältnisse der Eingebore-nen genauer untersuchen soll.

Ein weiteres Problem bei der Arbeiteranwerbung sind die örtlichen Gewohnheiten wie im größten Teil des Bismarck-Archipels und in den deutschen Salomonen, wo nach Stammesüberlieferungen Feldarbeit Sache der Frauen ist und so die Männer dieser Gegenden nur außerhalb dieser Regionen Landarbeit annehmen, um keinen Prestigeverlust zu erleiden und dafür zu Plan-tagen weit entfernt von ihrer Heimatgegend transpor-tiert werden müssen. Durch sorgfältige Vorkehrungen und Bestimmungen der Kolonialregierung hat sich das Ansehen der Kontraktarbeit bei den Einheimischen ver-bessert und es gelang bisher den Arbeitskräftebedarf für den Pflanzer, den Kaufmann und die Phosphatgesell-schaft zu decken.

Auch durch das immer weitere Vorschieben der Verwal-tung in bisher von der Welt der Weißen noch unbe-rührte Gebiete wurden neue Anwerbemöglichkeiten geschaffen. So wurden 1910 im Kaiser-Wilhelmsland, dem Bismarck-Archipel und den deutschen Salomonen 6428 Arbeitskräfte angeworben, 1911 7542 und 1912 8261. 1912 konnten im Inselgebiet dazu 1007 Arbeitskräfte angeworben werden, dem ersten Jahr, in dem Anwer-bungen im deutschen Mikronesien statistisch erfaßt wurden. Die weitere günstige Entwicklung der Wirt-schaft, absehbar etwa an der Nachfrage an Land von Europäern für Plantagen, wird auch weiterhin eine ver-mehrte Anzahl von Arbeitskräften benötigen oder man wird durch Betriebsverbesserungen mit weniger Arbei-tern mehr leisten müssen, denn ein Mangel an Arbei-tern ist schon jetzt spürbar.

Um nicht auf Chinesen, Malaien oder gar Neger als Arbeitskräfte zurückgreifen zu müssen, und sie folglich nach Deutsch Neuguinea zu importieren, bleibt nur noch das weite unerschlossene Inland des Kaiser Wil-helm Landes als Reservoir für die Anwerbung.

Als letzte Möglichkeit bleibt durch beste Gesundheits-fürsorge und alle möglichen Maßnahmen, wie etwa die vorgeschlagene Steuerverminderung oder Steuerbefrei-ung für kinderreiche Väter, die Bevölkerung zu vermeh-ren für die zukünftige Sicherung der notwendigen Ar-beiterschaft im Schutzgebiet.

Kategorien
Verwaltung I

Für eine wirkungsvolle und reibungslose Verwaltung ernennt Gouverneur Albert Hahl, der von 1902 bis 1914 das Amt führt, auf Neuguinea und dem Bismarck-Archipel »farbige Ortsvorsteher«, die Luluais, die die Brücke zwischen der deutschen Verwaltung und den Einheimischen bilden. Meist ist der Luluai ein früherer Arbeiter der Neuguinea Kompagnie und spricht Pidgin-Englisch. So kennt er die Verhältnisse bei Weiß und Schwarz und kann sich mit beiden verständigen. Durch seine ehemalige Anstellung bei den Weißen hat er automatisch einen höheren Rang bei der Bevölkerung.

Der Titel Luluai ist geschickt gewählt, bedeutet er doch in der Sprache der Tolai ›Kämpfer‹, ›Held‹. Um die Be-deutung der Luluais gegenüber der Bevölkerung weiter zu heben bekommen sie eine Dienstmütze, eine Art Marschallstab und einen Ausweis mit einem großen Amtsstempel.

Die kleineren Verwaltungsangelegenheiten und die nie-dere Rechtssprechung ist den Luluais übertragen. Sie regeln Rechtsstreitigkeiten in Übereinstimmung mit den traditionellen Gebräuchen. Das System eingebore-ner Mitverwaltung durch die Luluais erweist sich als sehr wirksam für die innere Sicherheit der Kolonie und die Erschließung des Hinterlandes.

Mit der Möglichkeit von freiwerdendem einheimischen Personal, das unter deutscher Führung stand und ent-sprechend gedrillt ist, gewöhnlich aus dem Polizeidienst in ihre Dörfer zurückkehrende Söldner, gibt Hahl diese Leute den Luluais als ›Tultuls‹, als einheimische Assis-tenten bei.

Das Luluai-System setzt die willkürliche Herrschaft der bisherigen Oberhäupter im Land außer Kraft und ersetzt sie durch ein für alle Einheimischen gleich geltendes Recht.

Bei der Einführung der Luluais sind auch die Missionen mit ihren Landes- und Sprachkenntnissen als Mittler zwischen den Farbigen und der deutschen Verwaltung wichtig. Ein Luluai wird für seine Tätigkeit bezahlt und hat als Leistung für die koloniale Gesellschaft von Weiß und Farbig unbezahlte Arbeit seiner Untergebenen, meistens für Wegebau, als Steuerleistung zu stellen und hat seit 1906 auch die Kopfsteuer einzusammeln. Von der Kopfsteuer können die Luluais 10 % für sich be-halten. Dieser Anreiz führt natürlich dazu, daß die Lulais von selbst alle Steuerpflichtigen erfassen und sie Be-steuern, um selbst höchstmögliche Einnahmen zu erzie-len. Das Luluai-System trägt auch zur Einfügung der einheimischen Bevölkerung in die deutsche Kolonial-wirtschaft bei. 

Das Luluai-System kann nur in den unmittelbar die wei-ßen Siedlungen umgebenden Bereichen verbreitet wer-den, da es sich schließlich auf die Macht der deutschen Verwaltung stützt, die soweit reicht, wie die Polizeisol-daten der Kolonialverwaltung wirken können. Mit der Erweiterung des deutschen Einflusses von den von Wei-ßen besiedelten Küstengebieten von Neuguinea und den Inseln des Bismarck-Archipels erweitert sich auch das Gebiet unter der Verwaltung von Luluais ins Inland der Inseln und von Neuguinea.


Gouverneur Hahls Strategie zur Entwicklung der Ko-lonie besteht in einem Stufenplan. Zunächst werden Regierungsstationen als sichtbares Zeichen deutscher Herrschaft gegründet. Dann folgt die Ernennung von Luluais für die verwaltungstechnische Durchdringung des Gebietes der Regierungsstation. Danach erfolgt die Einführung einer vierwöchigen Arbeitspflicht für alle Männer. Die Arbeitspflicht wird hauptsächlich im Stra-ßenbau abgeleistet. Anschließend erfolgt anstelle der Arbeitspflicht die Erhebung der Kopfsteuer durch den Luluai. Die Durchführung der einzelnen Schritte wird flexibel gehandhabt.

Zur Einschüchterung von Dörfern, die ihren Pflichten, wie zum Beispiel Wegebau, nicht gut genug nachkom-men, gibt es eine besondere Methode, wenn diese Dör-fer an der Küste liegen. Der örtliche Polizeimeister, im Wissen, daß in nächster Zeit ein Kriegsschiff vor Ort eintreffen wird, erklärt den Leuten in Pidgin-Englisch: „Ihr faul gewesen. Wenn Kriegsschiff kommt, dann wird Kapitän das Stück Sonne, das er vom großen Geist be-kommen hat, in den Busch und in eure Hütten hinein-leuchten lassen, und der große Geist wird sehen kön-nen, was ihr des nachts im Busche treibt.“

Kommt nun das Kriegsschiff vorbei, strahlt es nachts mit seinem Scheinwerfer in das Dorf und seine Um-gebung. Kaum ist der Scheinwerfer aufgeblitzt und sein Lichtkegel schweift herum, schreit es aus hundert angsterfüllten Kehlen im Busch und in den Palm-blatthütten, durch deren dünne Wände das starke Scheinwerferlicht hindurchdringt. Männer, Frauen und Kinder rennen in Todesangst durcheinander und das Ansehen des Polizeimeisters und die Disziplin der Einheimischen sind gewaltig gewachsen.


Aus einem Bericht des Vermessungsschiffes SMS Planet von seiner großen Forschungsfahrt von 1906:

»Die Beruhigung der eingeborenen Bevölkerung schrei-tet stets vorwärts; dort wo Regierungsstationen sind, ist der Friede gesichert, aber auch nur dort. Besonders Neuguinea ist in dieser Hinsicht unsicher. Selbst an der Küste, wo die beiden Regierungsstationen Friedrich-Wilhelms-Hafen und Eitape sowie die Missionssta-tionen die Küstenvölker in Ruhe halten, kann durch plötzlichen Einbruch eines Stammes der Bergvölker der Friede jederzeit gestört werden. Hie Bergstamm, hie Küstenstamm; beide bekriegen sich in grimmiger Fehde wie auf den Admiralitätsinseln die Manus mit den Usiai. Kannibalismus ist außerhalb der Machtsphäre der Re-gierung noch in vollem Gange; schon in der Sprache einzelner Stämme gibt sich dies kund; so findet man auf der Gazellehalbinsel für Gras den Ausdruck Kumba na virua = Lager für die Aufzuessenden oder auch poka na virua = wo man die Aufzuessenden zerwirkt

Das innere von Neuguinea ist ein völlig unsicheres Ge-biet, in das der Arm der Regierung noch nicht reicht. Gelegentliche Strafzüge der Polizeitruppe sind nahezu erfolglos, da sich die Eingeborenen sofort in das unweg-same Innere flüchten. Vermehrung der Polizeistationen und Wegebau werden hier erst Besserung schaffen. Vor-läufig wird mit stetem Grenzkrieg zu rechnen sein.

Irgendwelche Verbände unter den Eingeborenen – Sippen – fehlen. Es fehlt bei den Wilden der Begriff des einheitlichen Zusammenwirkens. … Allmählich kommt Ordnung in diese ungeordneten Zustände und bereits sind durch die Regierung Verbände eingeführt mit ei-nem Oberhaupt (luluai), der auch äußerlich durch Ver-leihung eines Stabes mit silbernem Kopf kenntlich ge-macht ist. Weiter geschieht die Erziehung der Eingebo-renen durch Frohne, Kopfsteuer, Schutzländereien, An-bauzwang unter Aufsicht, Pflege der Gesundheit und Errichtung von Handwerkerschulen neben den Missi-onsschulen.«


Zuweilen ergibt sich ein Problem bei der Anwerbung von Arbeitskräften von Küstenstämmen. Wenn die jun-gen kräftigen Männer auf Plantagenarbeit gehen sind ihre Dörfer den im Inland in den Bergen lebenden Stäm-men schutzlos ausgeliefert. Einige Bergstämme nutzen die Gelegenheit und überfallen diese Küstenstämme. Dann muß die deutsche Verwaltung mit Polizeistraf-aktionen gegen diese Bergstämme vorgehen.

Der Bezirksamtmann Full mit Sitz in Herbertshöhe er-zählt 1908: „Geges aus Buntur, der war kein Freund der Weißen. Er überfiel die Küstendörfer, die zu uns halten, und nahm stets reiche Beute an Menschenfleisch mit zurück in die Berge. Bei unserer Gegenaktion wurden er und acht seiner Leute erschossen. Wir selbst hatten keine Verluste. Wie wir dann hörten, hatte er die Leichen immer ausnehmen lassen und die Körperhöhle mit Bananen und Taro gefüllt, genauso wie bei uns zu Hause die Weihnachtsgänse gefüllt werden.“


Die Missionen sind Träger der Schulbildung als Teil ihrer selbstgestellten Aufgabe der Missionierung der Eingeborenen. Die Eingeborenen haben aber ihre eige-nen Vorstellungen über ihre Missionierung. Eine Ge-schichte besagt, daß in einer Missionskirche auf Neu-pommern die Kirchgänger nach jedem Gottesdienst ein Stück des vielbegehrten Stangentabaks erhielten. Der neu herausgekommene Bischof schafft diesen Brauch ab und muß sehr bald eine starke Abnahme des Kirchenbesuches erleben. Er reist deshalb auf die Dörfer und erkundigt sich nach dem Grund, worauf er prompt überall dieselbe Antwort erhält: „No more tobacco, no more hallelujah.“


1913 ist man in der topographischen Erforschung Deutsch Neuguineas so weit, daß die Schaffung einer 17 Blatt-Karte von Kaiserwilhelmsland und dem Bismarck-archipel im Maßstab 1 : 300.000 in Angriff genommen werden kann, aber weite Flächen werden auf den Karten noch leer bleiben. Deutsch Neuguinea ist von allen deut-schen Kolonien noch am wenigsten erforscht, auch we-gen seiner schwer zugänglichen Gebirgswelten. Desglei-chen zeigt auch ein Vergleich der Landverkehrswege und der wirtschaftlichen Entwicklung, daß es gegenüber den übrigen Kolonien entschieden zurückliegt, und das-selbe gilt von der politischen Befriedung der Eingebo-renenbevölkerung, die allerdings oft noch auf Steinzeit-niveau lebt und folglich unendlich fern einer europäi-schen Vorstellung von Gesellschaftsordnung ist, der sie sich nun einfügen soll. Deutsch Neuguinea hat eben mit seinen Steinzeitmenschen von allen deutschen Kolo-nien die zurückgebliebenste Bevölkerung.   

Der Ethnologe Karl Sapper schreibt 1913: »Wie wäre es, wenn man der Regierung des Schutzgebiets dauernd einen erfahrenen taktvollen Ethnologen, der volles Ver-ständnis für die Eingeborenen besäße, als Berater in allen Eingeborenen-Angelegenheiten beigäbe?«

Kategorien
Leben und Ereignisse in der Kolonie I

Wie in deutschen Landen kleine Wirtshäuser Namen wie »Zum goldenen Apfel oder »Zur Weintraube« tra-gen, so gibt es in der Südsee verschiedene »Restaurants zur Kokosnuß«. »Restaurant« auch dann, wenn es nur eine niedrige, aus Bierkistenbrettern zusammengezim-merte Bude mit Palmendach ist.

Ein typisches Beispiel ist die »Kokosnuß« auf Jap in den Westkarolinen. Eine Szene aus dieser Kneipe aus dem Jahre 1912 veranschaulicht das abendliche Leben vieler Südseemänner. Am Stammtisch werden die Neuigkeiten aus der Welt von der Kabelstation auf Jap besprochen, die Koprageschäfte sind Gesprächsthema und die son-stigen Erlebnisse auf der Insel. Immer wieder rufen die Gäste: „Monkey, make him Bier open!“ Das heißt, der kleine schwarze Kellner soll eine Bierflasche von dem dicken Exportbier öffnen. Die drei ›Monkeys‹ der »Kokos-nuß« sitzen im Hintergrund um einen großen Bottich mit einer kühlenden Sodamischung und drehen in dieser Ersatzeisfabrik unaufhörlich Bierflaschen herum. Auf den Ruf „Make him Bier open!“ schraubt der kleine, auf dem Fußboden sitzende Kanaker den Korkenzieher in die Flasche, klemmt sie zwischen seine Füße – klack, ist der Propfen draußen.

Rums – gibt es einen Krach. Einer der Stammgäste, ein ganz langer, verknöcherter und sehr wortkarger Mann ist unter den Tisch gefallen.

„Macht nischt, macht nischt,“ sagt der Wirt einem neuen, ob des Ereignisses erschreckten Gast, „passiert alle Tage,“ und stellt das umgekippte Bierglas wieder hin.

Um die unter dem Tisch liegende Bierleiche bemühen sich zwei Monkeys, die bis dahin schweigend hinter ihrem durstigen Master gesessen hatten. Der eine stülpt sich den viel zu großen Tropenhelm seines Herrn auf, der andere nimmt dessen Stock unter den Arm, und dann tragen sie den Master am Kopf und an den Füßen heimwärts, die Hände schleifen über den weißen Sand, alles gut eingeübt.

Am Stammtisch geht die Unterhaltung weiter. „Ja, ja, getrunken wird in der Südsee eine ganze Menge, kein Wunder bei der Hitze ’s ganze Jahr hindurch. Feines Geschäft!“ fügt der Gast zum Wirt gesagt hinzu.

Aber der Wirt der »Kokosnuß« antwortet: „Nicht mehr so gut wie früher, längst nicht mehr das! Früher, wissen Sie – wie hier noch keiner Bier trank, nur Genever, silberklaren Genever!“



Zum Schutz des Fischbestandes wird das Dynamitfi-schen in der Kolonie verboten. Laut Verordnung des Gouverneurs von 1. Dezember 1904, Paragraph 1, Absatz 1 wird »mit Gefängnis bis zu 3 Monaten bestraft«, sollte jemand »unter Anwendung von Sprengstoffen fischen«.

Das Überwachen dieser Verordnung ist in der endlosen Inselwelt von Deutsch Neuguinea in der Praxis unmög-lich und so hält sich kein Europäer an die Verordnung, erst recht nicht, wenn er auf irgendeiner abgelegenen Insel hauptsächlich von Fisch lebt. Aber auch etwa der in Rabaul stationierte Kreuzer Cormoran fischt mittels Dynamit für die Versorgung der Besatzung mit Fisch. Der Kreuzer hat zwar ein großes Fischnetz an Bord, und unter den Matrosen sind auch einige Berufsfischer, aber das Netz erweist sich für tropische Verhältnisse als un-geeignet, bleibt an den zackigen Korallen hängen und zerreißt. Paul Ebert, von 1911 bis 1913 Kommandant der Cormoran, über das Dynamitfischen: »Ein Kundiger kann es auch vermeiden, hierbei unnütz junge Brut zu töten, da die Fische meist in Schwärmen gleicher Größe aufzutreten pflegen. Es erfordert einiges Geschick die entzündete Patrone rechtzeitig ins Wasser zu werfen, und tatsächlich kommen häufiger Unglücksfälle dabei vor. Aber unter den farbigen Hausjungen der Ansiedler waren immer einige, die große Übung darin besaßen, und durch solche ließ ich gelegentlich für unsere Be-satzung eine hochwillkommene Fischmahlzeit beschaf-fen.«


Für den Dienstverkehr zur See des Gouverneurs dient seit 1903 die in Stettin bei der Werft Stettiner Vulkan erbaute 62 m-Yacht Seestern. Seit dem 3. Juni 1909 ist die Seestern nach ihrer Ausreise von Brisbane in Aus-tralien, wo Reparaturen vorgenommen worden waren, verschollen. Aufgrund der schlechten Kommunika-tionsverbindungen – die Seestern besitzt keine Funkan-lage und Rabaul ist nicht an das Telegraphenkabelnetz angeschlossen – wird der Dampfer erst im Juli von den deutschen Behörden vermißt. An der Suche nach der Seestern sind unter anderem das Vermessungsschiff Planet und der Kleine Kreuzer Condor sowie australi-sche Schiffe beteiligt. Am 25. August 1909 trifft die Condor nach 18-tägiger Suche nach der verschollenen Yacht in Brisbane ein und die Suche wird endgültig auf-gegeben. Es werden niemals Wrackteile oder irgend-welche anderen Hinweise auf das Verschwinden der Seestern gefunden.

Als Ersatz für die verschollene Seestern wird von der Werft Bremer Vulkan in Vegesack die Komet gebaut. Sie erreicht im August 1911 Rabaul. Die stattliche 69 m-Regierungsyacht hat Wohnräume für den Gouverneur und seine Begleitung. Die Besatzung besteht aus einer farbigen Mannschaft, während die Offiziere vom Nord-deutschen Lloyd zur Verfügung gestellt werden.

Kategorien
Verkehr I

Kategorien
Wirtschaft

Das Haupterzeugnis der Wirtschaft von Deutsch Neu-guinea ist Kopra. Kopra wird aus den Früchten der Kokospalme gewonnen. Die reife grüne Kokosnuß wird geschält, ihr brauner Kern wird aufgebrochen und das weiße Fruchtfleisch wird getrocknet. Aus dem getrock-neten Fruchtfleisch wird in Europa durch auspressen Öl gewonnen. An der Sonne getrocknete Kopra gilt als die wertvollste, weil sie den höchsten Ölanteil hat. An zwei-ter Stelle kommt die unter Hallendächern durch das aus der äußeren Schale der Kokosnuß gewonnene Brenn-material durch Feuer getrocknete Kopra. Die minder-wertigste und billigste Kopra ist die Handelskopra. Sie wird von Aufkäufern den Einheimischen mit Geld oder Tauschwaren abgehandelt und ist durch die unsachge-mäße Behandlung der Eingeborenen verschmutzt und am wenigsten ölhaltig.

Um den Kopraexport zu steigern wird auf Anordnung des Gouverneurs jedem Dorf der Besitz einer bestimm-ten Anzahl von Kokospalmen auferlegt und wenn zu-wenig festgestellt werden muß entsprechend nachge-pflanzt werden.

An weiteren Handelswaren gibt es Schildpatt, Perlmut-ter und Trepang. Schildpatt sind die Rückenschilde bestimmter Schildkrötenarten, die im Kunsthandwerk Verwendung finden. Perlmutt ist eine innere glänzende Schicht mancher Muschelarten und wird im Kunst-handwerk in Europa verarbeitet. Das Zentrum für die Perlmuttverarbeitung in Deutschland ist Frankenhau-sen in Thüringen. Trepang sind Seegurken, die über den Meeresboden kriechen und aus dem Sand Algen und Kleinstlebewesen filtern. Sie werden als begehrte Leckerbissen nach China verkauft.


Die Plantage ist die landwirtschaftliche Fabrik in den Tropen. Angeworbene Arbeiter für die Plantagen sind meistenteils in Kolonnen auf einer Plantage tätig. Ihre Hauptarbeit besteht in der Pflege der Anpflanzungen, das heißt Unkraut jäten. Das tropische Klima läßt alles schnell wachsen und so müssen die Nutzpflanzen vor dem sonstigen sprießendem Grün geschützt werden.

Der Tagesablauf auf einer Plantage läßt sich gut nach-vollziehen anhand einer Auflistung der Arbeiter und ihrer Tätigkeiten auf einer Plantage der Neuguinea-Kompagnie auf der Insel Witu im Bismarck-Archipel am 2. Juli 1908:

Um 5.30 Uhr ein langgezogener, dumpfer Ton mit der Triton-Schnecke. Rund 140 verschlafene Arbeiter ver-sammeln sich auf dem Appellplatz vor dem Stations-gebäude. Plantagenassistent Karl Viehweg teilt die Ar-beiten ein.

Aufseher Li Kau erhält 11 Arbeiter, Ab Him 6, Lom Tag 8, Ab Sing 7, Tscham Fat 8. Die Aufseher sind meistens Chinesen, die Arbeiter sind angeworbene Einheimische. Diese fünf Arbeitsgruppen sind angesetzt für Boots-reparatur, Bau von Haus, Schweinestall und Brücke; Feuerholz holen.

Zum Unkrauthacken in den Plantagen: 37 Arbeiter, 5 Weiber. Gras in der Kokospalmenplantage mit Hau-messer abschlagen: 6 Arbeiter, 10 Weiber. Kopra aus den Nüssen herausschälen: 10 Arbeiter, 6 Weiber. Dampfer Siar entladen, dann Baumscheiben – das un-mittelbare Umfeld eines Stammes – von Kokospalmen reinigen: 11 Arbeiter. Großes Boot zur Fahrt nach Lama; Wellblechplatten für Haus mitnehmen: 7 Arbeiter. Mittagessen kochen: 5 Köche.

Weiter finden sich an Meldungen:

Krank: Katambang, Mariga, Tomaing

Entlassen: Marangas wegen unheilbarer Krankheit in seine Heimat entlassen, wird von der Siar mitgenom-men, die seit gestern im Hafen liegt.

Kaloga Kontrakt beendet

Triwaro  Kontrakt beendet     

Gestorben: Kasaik, vermutlich an Blasenlähmung?

Urlaub: Gau, Wagalli. Beide zum Totenfest nach Bururu

Sonstiges: Nemi kam nicht zum Antreten; Lohn abziehen

Ariol und Mariga erhalten je ein neues Haumesser

Iwalicki beschwert sich über Waringlei, der ihn geschlagen hatte.


Die Entwicklung der Plantagenwirtschaft durch die Weißen läßt sich an den entsprechenden Zahlen ablesen. Die Nachfrage nach Land für Plantagen steigt. Sind 1911 162.500 ha Pflanzungsareal, so sind es 1912 171.000 ha und 1913 185.000 ha. Bei der Abgabe von Land wird von der Kolonialverwaltung dafür gesorgt, daß genug Land für die einheimische Bevölkerung zur Verfügung bleibt.

Für Kopra sind am 1. Januar 1912 28.165 ha mit Kokos-palmen bestanden und am 1. Januar 1913 32.264 ha. Von dem Bestand von 1913 sind 12.289 ertragsfähig.

Trotz der wachsenden europäischen Plantagenwirt-schaft liefern die Einheimischen weiterhin den bei weitem größten Anteil an der Kopraproduktion. Andere Anbauprodukte sind in nur sehr geringen Mengen gepflanzt wie Kaffee, Sisal, Muskatnuß, Tabak, Lemon- und Zitronellgras. Erwähnenswert sind nur noch Kakao und Kautschuk als Anpflanzungen. Kakao ist 1913 mit 394 ha vertreten, wovon 205 ha im Ertrag stehen und bei Kautschukgewächsen sind 1913 1597 ha angebaut mit 937 ha im Ertrag. Aber bei allen Kulturen ist eine beständige Steigerung der Anbauflächen zu beobachten. Diese Einseitigkeit auf die Kokospalme als Monokultur ist natürlich eine Gefahr für die Wirtschaft von Deutsch Neuguinea und deshalb hat man im Oktober 1911 einen landwirtschaftlichen Sachverständigen angestellt als Leiter des Versuchsgartens in Rabaul, der für eine größere Vielfalt der pflanzlichen Produktion sorgen soll und in seinen ersten Berichten bereits viel Wichtiges und Wertvolles in dieser Richtung geleistet hat.

Bei der Nutzung der Urwälder sind noch Möglichkeiten für die Holzwirtschaft und den Export. Viehzucht für den Export oder für den einheimischen Markt existiert praktisch nicht bis auf die Schweinezucht der Einheimi-schen für den Eigenbedarf. Viehzucht wird von den Pflanzungen und Ansiedlern nebenher betrieben, aber neuerdings mit wachsendem Erfolg. Der Viehbestand in Deutsch Neuguinea ergab nach der Zählung von 1913 2706 Schweine, 2572 Stück Rindvieh, 175 Wasserbüffel, 471 Pferde, 17 Esel, 6 Maultiere, 891 Schafe, 556 Ziegen und 15.019 Stück Federvieh.

1911 werden Schildplatt, Perlmutterschalen und ähn-liches und Muscheln für 313.800 Mark ausgeführt und 1912 für 182.000 Mark. Paradiesvogelbälge wurden 1911 8779 Stück für 278.000 Mark ausgeführt und 1912 9840 für 449.000 Mark. Seit nun die Paradiesvogeljagd für eineinhalb Jahre verboten ist zum Schutz der Vögel fällt dieser Posten für den Außenhandel zunächst weg und damit auch die nicht unbeträchtlichen Einnahmen der Regierung daraus. Da aber nach den Berichten der 1913 zurückgekehrten Mitglieder der Kaiserin Augusta-strom-Expedition eine Gefahr für die Vernichtung der Paradiesvögel zur Zeit nicht besteht, dürfte die Jagd auf diese prachtvollen Vögel wohl bald wieder zugelassen werden.

Im Bereich Kaiser Wilhelmsland und Bismarck-Archi-pel ist der Bergbau noch ganz unentwickelt und in sei-nen Aussichten noch absolut nicht überschaubar. Gold wurde gefunden, aber 1912 ganze 65 Gramm für 1400 Mark ausgeführt. Im Eitapebezirk wurde Erdöl entdeckt. Zur Untersuchung der Erdölvorkommen im Kaiser Wilhelmsland hat der deutsche Reichstag im Frühjahr 1914 eine ansehnliche Summe bewilligt und eine Ver-fügung des Reichskanzlers vom 26. Februar 1914 hat dem Landesfiskus des Schutzgebietes Sonderberechti-gung zum ausschließlichen Schürfen und Bergbau auf Bitumen im festen, flüssigen und gasförmigen Zustande erteilt.    

Der Phosphatabbau im Inselgebiet ist der größte Wert im Außenhandel Deutsch Neuguineas. 1910 178.000 t, 1911 133.000 t und 1912 193.000 t. Der Einbruch im Jahre 1911 lag an ungünstigen klimatischen Verhältnissen, die Schwierigkeiten der Trocknung und Verladung des Phosphats mit sich brachten. Der Bestand des in zigtausenden von Jahren abgelagerten Vogelkots, der nun als Phosphat abgebaut wird, wird 1913 auf Feis mit 300–600.000 t geschätzt, auf Angaur mit 1½ bis 2½ Millionen t und auf Nauru wird die alte Schätzung von 42 Millionen Tonnen nun als viel zu niedrig angesehen. So wird also der Phosphatabbau noch auf Jahrzehnte zur Ausfuhr aus der Kolonie beitragen, aber der Wert der Kopraausfuhr von den sich ausbreitenden Kokosplan-tagen beginnt schon den Wert der Phosphatausfuhr zu übersteigen. 

Bei der Einfuhr ist Tabak bemerkenswert. Werden 1911 Tabakwaren im Wert von 149.000 Mark eingeführt, so sind es 1912 schon Tabakwaren im Wert von 392.000 Mark.

Ein- und Ausfuhr Deutsch Neuguineas 1901-1912 in Mark

                              Einfuhr              Ausfuhr

1901                     2.879.000          2.562.000

1902                     3.276.000          2.085.000

1903                     4.265.000          2.499.000

1904                     3.480.000         2.247.000

1905                     5.471.000          2.369.000

1906                     5.492.000          2.615.000

1907                     5.720.000          3.470.000

1908                    5.090.000          6.053.000

1909                     6.461.000          8.328.000

1910                     5.929.000        14.665.000

1911                      8.015.000        12.026.000

1912                     9.207.000        12.087.000


Der Völkerkundler Karl Sapper schreibt über das Geld-wesen in Deutsch Neuguinea: »Als Geld dient zur Zeit [1914] im öffentlichen Verkehr nur noch das deutsche Geld, nachdem die schönen Münzen der Neu-Guinea-Compagnie seit 1909 außer Kurs gesetzt sind und auch an den öffentlichen Kassen seit dem 15. April 1914 nicht mehr angenommen oder umgetauscht werden. Das treffliche, freilich in den verschiedenen Landschaften recht verschiedene Eingeborenengeld (Muschelgeld, Hunde-, Schweine-, Opossum-Zähne, Steingeld usw.) ist für Europäer verboten (durch Verordnung vom 30. Mai 1913; jedoch ist die Verwendung von Hundezähnen als Geld in Kaiserwilhelmsland und auf den Admiralitäts-inseln noch bis zum 1. April 1915 gestattet, Amtsblatt 1913, Seiten 255 und 267). Leider scheinen diesem für das Wirtschaftsleben der Eingeborenen zweifellos sehr ein-schneidenden Verbot keine eingehenden ethnologi-schen Untersuchungen über dessen mögliche Rückwir-kung auf die Eingeborenen vorausgegangen zu sein, da in der Diskussion in der Gouvernementsrats-Sitzung vom 13. November 1913 nur der Standpunkt der Euro-päer genauer ventiliert worden ist…

Am Anfang des Jahres 1913 war sogar darüber beraten worden, ob nicht der Gebrauch des Muschelgeldes auch zwischen den Eingeborenen verboten werden sollte, desgleichen auch die Fahrt nach Nakanai (Neupom-mern), wo die Eingeborenen die als Ausgangsmaterial für Herstellung gewisser Muschelgeldsorten dienenden Muscheln zu fischen pflegen. Hoffentlich wird aber eine so schwerwiegende und zudem schwer durchzuführen-de Maßregel nicht ohne Not zum Beschluß erhoben!«

              

Kategorien
Missionen

Das Küstengebiet des nördlichen Kaiser-Wilhelms-Landes bis zur Astrolabebai im Westen ist Missions-gebiet der evangelischen Neuendettelsauer Mission. Die Mission hat 15 Stationen aufgebaut, die von ihren Missionaren mit deren Frauen betrieben werden. Sie sucht die Jugend im Lande durch Sonntagsgottesdienste und Schulen zu christianisieren. Dafür werden die Eingeborenensprachen erforscht und durch Verfassen von christlichen Liedern in diesen Sprachen und die Übersetzung von Bibelgeschichten immer mehr Lehr-mittel für den religiösen Unterricht gewonnen.

Die Schulen der Neuendettelsauer Mission sind soge-nannte Kostschulen. Die Kostschüler treten freiwillig ein und erhalten Unterricht, freie Kost und Bezahlung. Täglich werden etwa drei Stunden Unterricht abge-halten und im übrigen werden die Schüler zur Arbeit angehalten.

Ein Problem bei der Christianisierung und dem Schul-betrieb sind die außerordentlich vielen verschiedenen Sprachen in Neuguinea und so führt die Neuendettels-auer Mission die Jabim-Sprache als Standardsprache in ihren Missionsstationen als Kirchen- und Schulsprache ein.

Kategorien
Anmerkung

Die gleich nördlich von Australien liegende Insel Neu-guinea wird dem Kontinent Australien zugerechnet, während die im weiten Pazifik liegenden deutschen Inselgruppen keine geographische Verbindung zu Neu-guinea oder Australien haben.

Geographisch beschreibt man Neuguinea und die anlie-gende Inselwelt als Melanesien, weshalb der deutsche Anteil auch Deutsch Melanesien genannt wird, während die deutschen Inselgruppen weit nördlich davon zu Mikronesien gehören und auch als Deutsch Mikrone-sien bezeichnet werden.

Auch rassisch sind die Menschen in Melanesien und Mikronesien verschieden. Die Melanesier haben eine schwarze negroide Erscheinung, während die Mikrone-sier braune Menschen mit mehr europäisch-anmuten-den Gesichtszügen sind.

Da der deutsche Teil von Neuguinea mit dem anliegen-den Bismarck-Archipel auch eine wirtschaftliche Ein-heit bilden werden sie als australische Welt der deut-schen Südsee beschrieben.

Kategorien
Die Menschen

Über das ganze Gebiet des Kaiser-Wilhelms-Landes und des Bismarck-Archipels – also des deutschen Anteils an der Insel Neuguinea und den Neuguinea vorgelagerten Inseln – gibt es bei den Einheimischen Kannibalismus; mal stärker, mal schwächer ausgeprägt. Einen Toten nicht aufzuessen „ist reine Verschwendung, das Fleisch ist doch da“, hören die Missionare. 90 Prozent aller Opfer des Kannibalismus fallen in dafür extra geführten Kriegen an. Dabei geht es nicht nur darum, die Kraft des Gefangenen zu sich zu nehmen, sondern einfach um Fleisch. Denn in Neuguinea fehlen Schlachttiere. Die wilden Schweine sind tabu. Nächtliche Dorfkriege füllen den Kochtopf.

Es gibt aber auch berechnete Morde in Friedenszeiten, wo man mit Magie herauszufinden versucht, wer schuld ist an Mißernten, Stürmen und Krankheiten und der herausgefundene Täter wird von der Gemeinschaft auf-gegessen. Zuweilen werden aber einfach auch nur die Schwächsten, welche ohne Hausmacht im Stamm sind, aufgegessen. Die Deutschen hören von unfaßbaren Bes-tialitäten an den Opfern, bevor sie geschlachtet werden.

Von der deutschen Verwaltung wird die Menschenfres-serei mit scharfen Maßnahmen unterdrückt. Gouver-neur Albert Hahl bestraft im Fall von Kannibalismus das ganze Dorf. Diese Strafmaßnahme hat er sich von den einheimischen Stämmen abgeschaut. Bei den Stammes-verbänden gilt immer nur die Gemeinschaft, nicht der Einzelne. Aber die deutsche Herrschaft ist auf die Küs-tenzonen begrenzt und im Inneren von Kaiser-Wil-helms-Land und auf den Inseln wird der alte Brauch selbstverständlich weiter betrieben. Doch auch in den unter deutscher Verwaltung stehenden Gebieten geht die Menschenfresserei weiter, nur eben nun im Gehei-men.

Dafür typisch ist der Fall eines Beamten, der auf einer Reise eine Schule besucht und einen kleinen Schüler leutselig und gewiß der Antwort fragt: „Na Kleiner, du hast doch wohl noch kein Menschenfleisch gegessen?“ Zum Schrecken und Entsetzen des verantwortlichen Lehrers erhält der Beamte aber die stolze Antwort: „Oh doch, vor vierzehn Tagen in den Ferien zu Hause!“

Sofort wird eine Untersuchung eingeleitet und findet als Ergebnis, daß der Junge im weit entfernten Heimatdorf als geehrter Gast und zukünftiger Tull-Tull (Regierungs-vertreter) an einem üppigen Feindesbratenschmaus teil-genommen hat. Das Dorf muß schwere Buße bezahlen. Die Herkunft des Opfers kann nicht geklärt werden. Man geht davon aus, daß die Dorfbewohner aus Schaden klug und vorsichtiger geworden sind, aber kaum gebes-sert.

Eine andere Sitte bei den Einheimischen auf Neuguinea und im Bismarck-Archipel ist die Witwenerdrosselung. Auf ihren eigenen Wunsch hin wird nach dem Tod des Ehemanns die Witwe erdrosselt. Hatte sie es gut bei ihrem Ehemann geht sie davon aus, daß sie es auch im Jenseits gut bei ihm haben wird. Die deutsche Ver-waltung geht mit aller Strenge gegen diesen Brauch an, aber wo der Arm der Polizeigewalt nicht hinreicht und im Geheimen wird die Witwenerdrosselung weiter be-trieben. 

Eine weitere Merkwürdigkeit für den Europäer ist die Zauberei bei den Einheimischen. Halten die Weißen die Zauberer für Scharlatane gibt es doch genug magische Ereignisse, die auch ein ›vernünftiger‹ Deutscher nicht einfach abtun kann. Unbegreiflich bleibt, wenn ein Ein-heimischer von einem Zauberer zum Tode verflucht wird, ohne daß der Betroffene davon weiß, aber trotzdem dann dahinsiecht und stirbt.


Kapitän Hans Minssen vom Reichspostdampfer Manila schreibt über die Eingeborenen: »Sämtliche Eingebore-nen besitzen aus erklärlichen Gründen mehr Kenntnis vom Körper und Knochenbau, Lage der wichtigsten inneren Teile wie Herz, Lunge, Magen, kurz, anatomi-sche Kenntnisse, als der Durchschnittseuropäer. Ohne Zweifel würde es auch fördernd auf unser Allgemein-wissen wirken, wenn wir wie der Kanake gute Nachbarn und dergleichen auf ihren Nährwert und Vitamingehalt abschätzen würden.«

Minssen schreibt auch: »Schädel- und Gehirnoperatio-nen stellen durchaus keine Seltenheit dar und gelingen häufig. Knochenbrüche werden mit Bambusplatten fachmännisch geschient und ein fester Verband von Bast oder Rotangstreifen darüber befestigt. Brüche im dicken Fleisch, zum Beispiel solche des Oberschenkels, behandelt der schwarze Herr Professor weniger freund-lich. Wie jeder berühmte Chirurg muß auch er seine Freude am Schneiden soviel wie möglich betätigen. Ein kräftiger tiefer Schnitt bis zum gebrochenen Knochen legt die Bruchstelle frei. Durch die Wunde zwängt er eine Bambusschiene, legt sie auf die zusammengefügten Knochenenden und schließt dann die Fleischlappen fest darüber. Die Wunde wird mit Heilkräutern verbunden und darauf das gebrochene Glied fest umwickelt, und das alles ohne Narkose. Ungefähr zehn Tage bleibt dieser Verband unberührt. Dann wird die Schiene herausge-nommen. … Kunstfehler kommen natürlich auch vor. Dann heißt es: Operation gelungen, Patient an der ver-kehrten Beschwörungsformel verstorben.«

Kategorien
Polizeiwesen

Für den Schutz der Kolonie im Inneren gibt es die ein-heimische Polizeitruppe aus farbigen Polizeisoldaten unter deutscher Führung, die aus rund 600 Mann be-steht. Als die besten Polizeisoldaten gelten die kräftigen kohlenschwarzen Männer der Salomoninseln, die des-halb auch bevorzugt in die Truppe eingestellt werden.

Ein deutscher Hauptmann steht der ganzen Polizei-truppe der Kolonie vor. Er gehört zum Gouvernement in Rabaul und ihm unterstehen die überall verteilten deut-schen Polizeimeister, ehemalige Unteroffiziere, denen die einheimischen Polizeisoldaten unterstehen. Die Un-teroffiziere der Polizeitruppe sind wiederum schwarze Einheimische. Die Polizeimeister sind oft die einzigen Regierungsvertreter in einem weitausgedehnten Bezirk und haben eine Polizeitruppe unter sich, deren Stärke je nach den Bedürfnissen ganz verschieden ist.

Die Polizeitruppe ist in Einheiten von 40 bis 50 Mann auf den Regierungsstationen der Kolonie stationiert. Diese Polizeiverbände können auch mit jeder Art gerade ver-fügbarem Schiff zu jedem Küstenort im Schutzgebiet transportiert werden für Strafaktionen gegen unbotmä-ßige Dörfer oder Eingeborenenstämme. Normalerweise geht es dabei um die Sühne für die Ermordung von Weißen oder von farbigen Angestellten von Weißen oder um die Bekämpfung von Kannibalismus und Stammesfehden.

Bei jedem Einsatz der Polizeitruppe wird darauf ge-achtet, daß stets Polizeisoldaten aus anderen Gebieten, Stämmen und Völkern als die der zu bestrafenden Zielgruppe eingesetzt werden.

Die Regierungsyacht Seestern ist schon als Transporter für die Polizeitruppe verwendet worden und auch die seit 1911 als Ersatz für die verschollene Seestern in Dienst stehende neue Gouverneursyacht Komet hat Raum für die Unterbringung farbiger Polizeitruppen an Bord und ist leicht bewaffnet mit einer Revolverkanone.


1911 beobachtet ein deutscher Marineoffizier im alten spanischen Fort von Ponape in den Westkarolinen das Exerzieren einer Einheit der Polizeitruppe. Die Uniform dieser Polizeisoldaten: Rotes Lendentuch, Lavalava ge-nannt, deutsches Soldatenkoppel mit der Aufschrift »Gott mit uns«, Seitengewehr, Gewehr Modell 98 und Khakimütze mit Schirm und Kokarde. Eine Gruppe von acht Soldaten steht still, Gewehr bei Fuß, die Brust weit nach vorn heraus, die Waden weit nach hinten durch-gedrückt, Finger lang. Davor der schwarze Unteroffizier. Er erklärt auf Pidgin-Englisch Wendungen: „Suppose me speak – rechtsum! – you turn mars belong you belong bush“ (Wenn ich sage ›rechtsum‹, dreht ihr euern Rücken nach dem Busch). – „And suppose me speak – linksum! – you turn mars belong you belong sodawater“, wobei unter sodawater die nahe Brandung des Meeres gemeint ist.

Die Wendungen der Truppe werden besonders stramm ausgeführt. Der Marineoffizier vermutet, entweder, weil er zuschaut, oder weil die »Maries«, die Frauen der Soldaten, die mit in der Kaserne wohnen, das Exerzieren aus den Fenstern beobachten.

Nach dem Exerzieren hält der deutsche Polizeimeister eine Instruktion ab. Thema: Der Kaiser. Es ist schwer, den schwarzen Jungen die Stellung des Kaisers klar-zumachen. Der Polizeimeister weiß sich jedoch zu helfen: „Suppose master pilis he speak, all boys he run“ (Wenn der Polizeimeister spricht, rennen alle seine Polizeisoldaten). Nach einer kurzen Pause fährt er fort „Suppose Doctor Hahl [Der Gouverneur] he speak, all master pillis he run.“ (Wenn der Gouverneur Doktor Hahl spricht, rennen alle seine Polizeimeister.) Der Instrukteur legt wieder eine kurze Pause ein, um seine Worte wirken zu lassen und sagt dann mit erhobener Stimme: „Suppose Kaiser he speak, all Doctor Hahl he run!“  


Die überwiegende Strafmethode gegen ungehorsame Arbeiter auf den Plantagen oder generelle Rechtsver-letzungen sind Hiebe mit dem Rohrstock. Von den Geheimräten der Kolonialverwaltung in Berlin sind als Höchstmaß zehn Schläge vorgesehen und nicht mehr als 25 Schläge innerhalb von zwei Wochen. Andere zugelassene Disziplinarmaßnahmen sind Kürzung der Lebensmittelration für eine Woche, keine Tabakaus-gabe, unbezahlte Mehrarbeit bis zu drei Stunden pro Tag an höchstens drei Tagen der Woche, Haft bis zu drei Tagen und 20 Mark Strafe, also ein zweieinhalbfacher Monatslohn. Was allerdings tatsächlich auf den vielen Plantagen an Strafen verhängt wird ist eine andere Angelegenheit. Ein Arbeiter hat aber das Recht sich beim Gouverneur zu beschweren, wenn er sich unge-recht bestraft fühlt. Dann wird die Angelegenheit nach-geprüft und der zuständige Weiße muß den Grund für die Bestrafung angeben. Doch welcher Einheimische wagt sich schon zum Kaiserlichen Gouverneur, der obendrein vielleicht auch noch hunderte oder gar weit über tausend Kilometer entfernt in seiner Hauptstadt sitzt?

Als erschwerend kommt das verschiedene Rechtsver-ständnis der Eingeborenen und der Europäer hinzu. Wenn etwa Land an Weiße verkauft wird bleibt in manchen Gegenden nach dem Verständnis der Einhei-mischen der Besitz an bestimmten Fruchtbäumen auf dem Land im Eigentum von einzelnen Dorfbewohnern weiter erhalten. Wenn also der Baumbesitzer zur Reife-zeit die Früchte seines Baumes aberntet wird er aber vom neuen weißen Landbesitzer wegen schweren Feld-diebstahls vor Gericht gestellt. Der ›Täter‹ leugnet vor Gericht seine Tat auch gar nicht, denn er fühlt sich ja im Recht. Vom weißen Gericht wird er aber unter Um-ständen schwer bestraft. Andererseits sind die von den Weißen verhängten Strafen oftmals viel milder als wenn sie von den Einheimischen geahndet worden wären. Das einheimische Recht ist zum Teil viel drastischer – oft verbunden mit unfaßbaren Grausamkeiten – als das Strafrecht der Weißen, sodaß dem Delinquenten etwa die Stockhiebe, oder die Gefängnishaft, bei der er auch noch umsonst verpflegt wird, als harmlos erscheinen.

Nach den von Berlin aus vorgegebenen Vorschriften sind aber Stockhiebe bei Chinesen und Malaien ver-boten. Diese sind auf den Plantagen die unmittelbaren Vorgesetzten über die Einheimischen und sollen so auch im Strafrecht über diese gestellt werden, um ihre Führungsposition zu stärken. 

Eine weitere Quelle für Rechtsstreitigkeiten sind solche zwischen den verschiedenen Völkern und Stämmen untereinander, besonders auf den Plantagen. Sind auf einer Plantage Chinesen, Malaien, Melanesier und etwa Leute von verschiedenen Papua-Stämmen beschäftigt, sind Schlägereien vorprogrammiert. Messerstechereien werden schwer bestraft, deshalb ist die Faust das Mittel der ›Verständigung‹ bei Auseinandersetzungen, wobei zuweilen auch die ebenso verbotenen Schlagringe An-wendung finden. Es fängt an mit der schwierigen Ver-ständigung zwischen den Volksgruppen. Pidgin-Englisch ist die Verkehrssprache, aber auch diese Hilfssprache muß erst einmal gelernt sein. So können aus sprach-lichen Mißverständnissen schnell Handgreiflichkeiten entstehen.

Der Hauptstreitpunkt zwischen den Kontrahenten sind aber Frauen.