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Umsiedlungen

Mitte Februar 1911 ist der Aufstand auf Ponape nieder-geschlagen. Die Anführer der Jokojs werden erschossen. Der Stamm der Dschokadsch-Leute wird zunächst nach Jap und Angaur deportiert und schließlich ins Dorf Palau auf Babeltaob, der Hauptinsel der Palau-Gruppe, ver-bracht. Das Gebiet der Jokojs auf Dschokatsch wird mit Karolinern besiedelt. Das Lehensrecht der anderen auf Ponape lebenden Stämme wird aufgehoben und die Lehensmänner zu freien Eigentümern ihres Landes ge-macht. Ebenso werden die Naturalabgaben an die ehe-maligen Lehnsherren aufgehoben und dafür die Kopf-steuer an die deutsche Verwaltung eingeführt. Der We-gebau, der ein Hauptanlaß für den Aufstand war, und von der einheimischen Bevölkerung geleistet werden mußte, wird wieder aufgenommen. Ende 1911 werden noch einmal aufrührerische Elemente der Inselbevöl-kerung in die Verbannung geschickt.

Der Völkerkundler Karl Sapper schreibt 1913 über die Deportation der Dschokadsch-Leute und weitere Um-siedlungen auf den Pazifikinseln durch die deutsche Verwaltung:

»Es ist ja für den Europäer so außerordentlich schwer, den Eingeborenen und seine Einrichtungen ganz und gar zu verstehen, und darum ist ein Eingreifen in ihre sozialen Verhältnisse namentlich dann, wenn nicht zu-vor eine eingehende ethnologische Untersuchung der-selben stattgefunden hat, immer eine Tat, die unter Umständen trotz der besten Absichten seitens der Euro-päer doch dem Eingeborenen oder wenigstens einem Teil derselben Gewalt antun und damit den Keim der Unzufriedenheit in sein Herz setzen könnte!«

Über die Deportation der Jokojs schreibt Sapper weiter: »Aber dieselbe hatte gewisse gesundheitliche Folgen, die zeigen, wie vorsichtig man bei Transplantation von Menschen und Volksstämmen vorgehen muß. Die Karo-linier (Mortlock-Leute), die von Saipan aus nach Dscho-kadsch (Ponape) übersiedelten, schleppten dort eine in Saipan seit lange heimische Augenkrankheit ein, eben-so angeworbene Zentralkarolinier nach Nauru; die Dschokadsch-Leute ihrerseits brachten die Augen-krankheit zunächst nach Jap und dann nach Palau, wo sie sich weiter verbreitete. Wohl ist gegen die Krank-heit, namentlich dank der Untersuchungen von Dr. Le-ber und Dr. von Prowaczek, eine sichere Bekämpfungs-weise gefunden worden, so daß sie bei ärztlicher Be-handlung meist gutartig verläuft, aber der Fall an sich zeigt eben doch überzeugend, daß aus der Verpflanzung eines Volksstammes auch manche nicht gewünschte Folgen erwachsen können.

Angesichts dieser Erfahrungen an sich aber muß man einer weitausgreifenden Maßregel der Kolonialregie-rung von Deutsch-Neuguinea mit einiger Sorge entge-gensehen: es ist daß die seit Jahren ins Auge gefaßte und zum Teil schon durchgeführte Transplantation der Bevölkerung der niedrigen Inselchen Mikronesiens nach größeren hohen Inseln des Archipels. Der offizielle Bericht von 1911/12 schreibt darüber: »es war vor allem immer wieder das entsetzliche Elend und die vollkom-mene Hilflosigkeit dieser Insulaner nach den Taifunen, die von Zeit zu Zeit über die niedrigen Inseln hinweg-brausen und zusammen mit der nachfolgenden Flut-welle alles vernichten, die den Gedanken nahelegten, diese Leute an weniger gefährdete Plätze zu bringen. Die Inselbewohner hängen aber mit einer rührenden Liebe und bewundernswürdigen Zähigkeit an ihrer Heimat, und mehrere Versuche, ihnen günstige Wohnsitze zu-zuweisen, sind fehlgeschlagen. Trotzdem ist zu hoffen, daß es in vorsichtiger geduldiger Arbeit gelingen wird, die Verlegung der Wohnplätze durchzuführen. Im Be-richtsjahr ist wiederum an einigen Plätzen mit dieser Aufgabe begonnen worden. Es sind in Ponape in der Landschaft Dschokadsch Zentralkaroliner angesiedelt worden, die sich zunächst auch ganz wohl fühlen, dann sind von anderen Inseln der Zentralkarolinen Eingebo-rene nach Saipan gesandt worden. Dort sitzen seit lan-gem schon stamm- und sprachverwandte Leute, von de-nen die Neuankömmlinge sofort aufgenommen worden sind.

Die Zusammenschiebung auf den großen Inseln wird nicht nur die Taifungefahr mindern, sondern vor allem auch den Lebensmut dieser in ihrer Vereinsamung und Abgeschlossenheit verkümmernden Inselbewohner wiederherstellen; es wird eine größere Blutmischung möglich sein, als auf den kleineren verkehrslosen Atollen und auch die Verwaltung wird besser in der Lage sein, sich mit dem Schicksal dieser liebenswürdigen und intelligenten Bevölkerung zu befassen. Das Land, das durch die Versiedlung frei wird, soll zusammen mit dem jetzt brachliegenden in intensive Plantagenkultur genommen und zu diesem Zweck an kapitalkräftige Un-ternehmer verpachtet werden«.

Es ist ein sorgfältig durchdachtes Programm, das in diesen Worten zum Ausdruck gelangt, ein Programm, das durchaus von menschenfreundlichen Motiven be-herrscht wird, zugleich aber auch den Vorteil der Ver-waltung ins Auge faßt. So sehr ich all dies anerkenne, so muß ich doch meinerseits hinzufügen, daß es sich hier um ein Experiment handelt, von dessen gutem Ausgang ich mich noch nicht habe überzeugen können.«

Sapper fügt dem hinzu: »Aber werden dann nicht die Arbeiter dieser Gesellschaft, die doch wohl wieder Mi-kronesier sein werden und zwar als angeworbene junge Männer geradezu die Blüte ihrer jeweiligen Heimatsbe-völkerung darstellen, eben den Gefahren von Taifunen und mangelnder ärztlicher Hilfe überliefert werden müssen, denen man die ursprüngliche Bevölkerung entreißen will? Es ist schwer, bei solcher Sachlage einen entscheidenden Vorteil aus der Transplantation heraus-zurechnen, selbst wenn man zugibt, daß diese Arbeiter-bevölkerung nur je einen Teil des Jahres auf der betref-fenden Insel weilen müßte. Alles in allem halte ich das Projekt, wie schon erwähnt, für ein Experiment von zweifelhaftem Erfolge und sollte meinen, daß es für die Gesamtbevölkerung Mikronesiens sicherere Früchte trüge, wenn man sie auf ihren angestammten Inseln be-ließe, solange sie nicht selbst den dringenden Wunsch einer Übersiedlung zeigen …«

In einer weiteren Anmerkung hält Sapper fest: »Wenn im amtlichen Bericht von 1912/13 es als eine Aufgabe der Verwaltung angesprochen wird, eine soziale Umgestal-tung der Stämme im Inselgebiet vorzunehmen, nament-lich das Ansehen der Frau in der Familie zu heben und dergleichen mehr, so ist bei der Ausführung dieser Ideen allergrößte Vorsicht notwendig und vorherige gründliche ethnologische Untersuchung der Gebräuche unentbehrlich.«

»Unbedenklich erscheint« Sapper »dagegen die Versie-delung«, die 1912 amtlich gemeldet wird. So wurden in den Westkarolinen östlich von Jap 495 von Taifunen betroffene Bewohner der Ullulsi-Gruppe von neun auf vier Eilande konzentriert, die 616 Menschen zählende Bevölkerung der vorher sechs bewohnten Oleai-Inseln wurden auf die drei Inseln Fallalap, Natagal und Fallalis zusammengezogen und in der Ifalik-Gruppe wurden die 241 Einwohner von zwei Inseln auf der Insel Flalap zusammengeführt.

Auch die Franzosen führen auf ihren Südseeinseln gleichermaßen Umsiedlungen durch.

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Westliche Inseln

Westlich der Admiralitätsinseln liegen die Westlichen Inseln. Sie bestehen aus einer Reihe von Inselgruppen und Inseln nördlich von Kaiser-Wilhelms-Land. Eine dieser Inselgruppen sind die Eremiteninseln, auch Hermit-Inseln genannt, 100 Seemeilen westlich der Admiralitätsinseln. Das Atoll mit seinen 17 Inseln wird 1902 vom Bremer Kaufmann Heinrich Rudolph Wahlen zum Beginn seiner Südseetätigkeit genutzt. Auf der Eremiteninsel Maron baut Wahlen seinen Firmensitz, die Wahlenburg, ein stattliches zweistöckiges Haus mit einem spitzgiebligen Turm, von dem die Reichsflagge weht. Seinen Handels- und Plantagenbetrieb erweitert Wahlen von den Eremiteninseln aus auf die Admira-litätsinseln und weiter ins Bismarckarchipel. Wahlen gründet auch andere Südseefirmen und gehört zu dem Hamburger Konsortium, daß 1910 die Plantagenfirma E. E. Forsayth von Queen Emma, der Südseepartykönigin Emma Kolbe, kauft. Das Unternehmen wird in Südsee-Aktiengesellschaft umbenannt.

Die Zentrale der seit 1910 als Wahlen GmbH firmie-renden Unternehmung bleibt auf Maron, wo hoch über dem Meer Wohnhaus und Verwaltungsgebäude der Ge-sellschaft errichtet sind. Maron wird von den Dampfern der Austral-Japan-Linie regelmäßig angelaufen. Der Ver-kehr zwischen den einzelnen Besitzungen der Gesell-schaft wird von ihren Fahrzeugen, dem Motorschoner Möwe und dem kleinen, in Hongkong neuerbauten Dampfer Hamburg, durchgeführt. Die Gesellschaft ver-fügt noch über eine größere Zahl unbebauter Länderei-en und setzt, wie schon in den letzten Jahren, die An-pflanzungen der Kokospalme in erheblichem Maßstabe fort.  

Paul Ebert, Kommandant von SMS Cormoran, be-schreibt seinen Aufenthalt auf Maron im März 1912:

»Bei unserem Besuche in Maron führte der Bruder des Begründers, Herr Julius Wahlen, die Geschäfte, der uns ein außerordentlich liebenswürdiger Gastgeber war. Wir ankerten südlich der Insel Maron, gegenüber der Landungsbrücke der Firma. Bald erschien Herr Wahlen zu Besuche, der mich gleich zum Mittagessen auf seine stattliche Burg einlud. Herzerfrischend war es, hier zu beobachten, was deutscher Fleiß, deutscher Ordnungs- und Schönheitssinn in kurzer Zeit aus einer Wildnis geschaffen hatten. Unten am Strande, nahe der Brücke, waren die Wirtschaftsgebäude und die Wohnhäuser der farbigen Arbeiter errichtet. Von da aus führte ein mit hübschen Anlagen eingefaßter Weg, den wir im elegan-ten, leichten Wagen des Hausherrn zurücklegten, hinauf zur luftigen Höhe. Luftige Räume umschloß der stattliche Bau, vornehm ausgestattet mit allen mögli-chen fremdländischen Stücken, die die Wahlens auf ihren Weltreisen gesammelt hatten. Vor allem bot sich ein wundervoller Blick über das Atoll, mit den üppigen Palmenpflanzungen Marons und das mit diesem durch einen schmalen Damm verbundene Akib im Vorder-grunde, und darüber hinaus nach Osten die hohen Ber-ge der Insel Luf, das Ganze umrahmt vom blinkenden Brandungsgürtel des Riffs. – Sehr interessant war ein Ausflug mit dem Motorboot der Firma zur Hauptinsel Luf, wo am Carola-Hafen zwei aus wenigen Häusern be-stehende Dörfer mit dem Reste der durch Inzucht und Krankheit aussterbenden ursprünglichen Eingeborenen lagen.«

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Aufstand auf Ponape

Als am 12. Oktober 1899 auf Ponape die offizielle Über-gabe der Ostkarolinen von Spanien an das Deutsche Reich stattfindet, flüstert zum Ende der Zeremonie der spanische Gouverneur seinem deutschen Amtskollegen zu, daß er glücklich sei die Insel zu verlassen, und wenn der neue deutsche Gouverneur seine Haut retten wolle, solle er auf sein Schiff zurückkehren und sofort abfah-ren.

Hatte die spanische Verwaltung auf Ponape 800 Solda-ten stationiert, im ständigen Kleinkrieg der Inselstäm-me gegen die Besatzer, so will die deutsche Verwaltung nach dem Kauf der Karolinen von Spanien 1899 die ge-gen die Weißen aufgebrachte Bevölkerung durch fried-liche Mittel gewinnen. Nur 46 farbige Polizeisoldaten werden auf Ponape stationiert und die spanische Fes-tung im Hauptort Kolonia wird für die Inselbevölkerung zum freien Zutritt geöffnet.

1908 glaubt die deutsche Verwaltung nun den nächsten Schritt gehen und die Insel im westlichen Sinne er-schließen zu können.

Georg Fritz, der bereits viele Jahre Erfahrung in der Ver-waltung der deutschen Südseeinseln gesammelt hat, ist ab April 1908 Bezirksamtmann für den Bezirk der Ostka-rolinen mit Dienstsitz auf der Insel Ponape. Die Bevölke-rung der Insel ist in rivalisierende Gebiete und Fraktio-nen gespalten; zudem gibt es erhebliche Auseinander-setzungen zwischen Katholiken und Protestanten. Gou-verneur Albert Hahl will das bislang geduldete einhei-mische Herrschaftssystem abschaffen und eine deut-sche Lokalverwaltung einführen. Die beschleunigte wirtschaftliche Erschließung Ponapes will er unter an-derem durch den Bau von Straßen fördern. Die für den Straßenbau vorgesehene Zwangsarbeit stößt auf den Widerstand der Einheimischen. So sieht die Ober-schicht Ponapes durch die deutschen Pläne auch ihre Privilegien gefährdet. Fritz will die Maßnahmen einver-nehmlich und in Verhandlungen durchsetzen. Zugleich fordert er aber auch zwei Kriegsschiffe des Ostasien-geschwaders an, um die Opposition einzuschüchtern. Als Fritz katholischen Missionaren vorwirft, die Unruhe zu schüren, wird dies im Reichskolonialamt mißbilligt, da es den politischen Katholizismus in Deutschland ge-gen die Kolonialpolitik aufbringe.

Zunächst muß ein Wegenetz auf der Insel angelegt wer-den, um die wirtschaftliche Erschließung des Inselin-neren zu ermöglichen. Die einheimische Bevölkerung soll diese Arbeiten durchführen, die ihnen ja auch selbst zugute kommt, und dafür wird sie steuer- und arbeits-pflichtig gemacht. Als erstes soll eine Schneise von der Nordküste zur Südküste geschlagen werden. Die Pona-pesen in ihrem Südseeparadies sind allerdings längeren anstrengenden körperlichen Arbeiten abgeneigt und verweigern den Dienst. Um den Willen der deutschen Verwaltung durchzusetzen wird Ende Oktober 1908 das Kanonenboot Jaguar nach Ponape entsandt mit dem Auftrag, dort »Flagge zu zeigen, um die aufmüpfigen Ponapesen zur Raison zu bringen«. Das Kriegsschiff hält sich mit kleineren Unterbrechungen etwa fünf Monate an der Insel auf. Seine Anwesenheit und die Märsche seines Landungskorps im Inselinneren reichen, um den Arbeitseinsatz der Ponapesen beim Bau der Nord-Süd-Wegeschneise zu erzwingen. Auch die Polizeitruppe wird vorsichtshalber auf 150 Mann verstärkt.

Im Oktober 1909 wird Georg Fritz in Ponape abgelöst und übernimmt auf Jap das Amt des Bezirksamtmanns der Westkarolinen. Während Fritz im Konflikt in Pona-pe kompetent, sorgfältig und verständnisvoll gewirkt hat, ist sein Nachfolger aus seiner vorherigen Amtstätig-keit in Deutsch Ostafrika eine härtere Gangart gewohnt. Regierungsrat Carl Boeder will die Maßnahmen auf Ponape gewaltsam durchzusetzen. Als im Juli 1910 das Ostasiatische Kreuzergeschwader mit seinen vielfach größeren und mächtigeren Schiffen als es die Jaguar ist, die Insel besucht, scheint alles friedlich auf der Insel. Der unterschwellige Haß auf die Deutschen mit ihrem Arbeitszwang für den Wegebau macht sich aber bald Luft.

Auf der kleinen Felseninsel Dschokatsch, die der Nord-küste Ponapes vorgelagert und von dieser nur durch ei-nen schmalen Meeresarm getrennt ist, wird im Sommer 1910 mit dem Bau eines Uferweges begonnen, der Dschokatsch über eine Holzbrücke mit der Hauptinsel verbinden soll. Das Vorhaben geschieht im Rahmen des Inselerschließungsplans, der vorsieht entlang der Küste Ponapes Wege anzulegen, da sonst ein Verkehr zwi-schen den fast ausschließlich an der Küste liegenden Dörfern nur mit Booten möglich ist. Besonderen Wert legt Boeder dabei auf die Verkehrsanbindung der bisher schwer zugänglichen Dschokatschinsel, »von jeher Tummelplatz des unruhigsten Stammes der Jokojs und die Zufluchtsstätte unzufriedener Elemente«, die hier, in den Felsenhöhlen der Insel, ihre geheimen Sitzungen abhalten. Unzufrieden mit der Zwangsarbeit sind die nun schon seit einigen Wochen am Bau dieses Weges tätigen Jokojs. Sie verrichten diese Arbeit zur Abgeltung der ihnen von der Verwaltung auferlegten Steuern. Der Weg soll die Missionsstation auf Dschokatsch mit der Holzbrücke verbinden, welche den Übergang über den schmalen Sumpfkanal nach Ponape ermöglicht.

Am 17. Oktober 1910 verweigert eine Gruppe der Jokoj-Leute sich den beiden deutschen Wegebauaufsehern Hollborn und Häfner. Bezirksamtmann Boeder, der zu-vor in Afrika im Kolonialdienst gewesen war, glaubt sich am Besten durch scharfes Durchgreifen Respekt ver-schaffen zu können und läßt dem aufsässigsten Jokoj zehn Stockschläge verpassen. Damit beginnt am nächs-ten Tag der Aufstand, bei dem auch Boeder umkommt, der gleich nach Erhalt der Nachricht von der Unbot-mäßigkeit bewaffneter Jokojs am Morgen des 18. sich unbewaffnet mit seinem Sekretär Braukmann auf einem Ruderboot zur Insel Dschokatsch begibt, um „auch hier wie in Afrika durch persönliche Tapferkeit die Leute einschüchtern zu können.“ Doch Boeder wird gleich erschossen und Braukmann, Hollborn und Häfner und die als Arbeiter angeworbenen Ruderer von den Mort-lockinseln in Boeders Boot werden auch erschossen oder mit Haumessern niedergemacht. Nur ein Ruderer Boeders kann fliehen.

Der Pater Gebhardt der Missionsstation auf der kleinen Insel Dschokatsch und dessen Besucher, ein weiterer Missionspater, werden von den Frauen der Jokojs vor der Ermordung durch die Krieger errettet.

Die ›Kolonie‹ ist das deutsche Wohngebiet innerhalb der alten spanischen Festungsmauer und nun wird als erstes von den Deutschen die weitgehend geschleifte spanische Festung in Kolonia verteidigungsbereit ge-macht. Zwei Drittel der Mauern sind abgetragen, Tore und Zugbrücken verschwunden, die Gräben mit Schutt und Erde aufgefüllt und eine Decke mit Gräsern und Blumen darüber angelegt. Die zwei Kilometer lange Verteidigungslinie wird an den gefährdetsten Stellen mit Stacheldraht geschützt und Gräben werden an-gelegt. In Kolonia stehen nur 50 Polizeisoldaten zur Verteidigung zur Verfügung, aber die deutsche Verwal-tung hat schon am 19. Oktober 470 Krieger loyaler ein-heimischer Stämme in Kolonia versammelt, während die Jokojs nur etwa 200 Krieger aufbieten können. Das Waffendepot wird geöffnet und Gewehre und Karabiner an die 470 Mann verteilt.

Die Jokojs wagen sich nicht an die Festung von Kolonia heran, führen aber nun nächtliche Feuerüberfälle auf die Festung durch, während die Deutschen auf das Ein-treffen des Regierungsdampfers warten, da die nächsten Telegraphenstationen tausende Kilometer von Ponape entfernt liegen und unerreichbar sind. Erst mit dem Eintreffen des Regierungsdampfers kann die Meldung vom Aufstand weitergeleitet werden, um dann mit den ankommenden Verstärkungen zum Angriff überzuge-hen.

Eines Tages bekommt der deutsche Kommandeur Regierungsarzt Medizinalrat Dr. Girschner, der nach dem Tode Boeders die Herrschaftsgewalt übernommen hat, von Jomatau, dem Anführer der Jokojs, einen Brief gesandt, der die Übergabe aller Waffen und der Muni-tion verlangt. »Ich verspreche Euch bei der Unschuld meiner Seele, daß Euch dann kein Haar auf dem Kopfe gekrümmt werden soll.“ wie Jomatau schreibt. Girsch-ner stellt als Gegenforderung die Auslieferung der Schuldigen am Aufstand, die Auslieferung aller Schuß-waffen und der Leichen der ermordeten Deutschen. Die Jokojs antworten mit einem erfolglosen nächtlichen Sturmangriff.

Am 26. November kommt der Dampfer Germania in Kolonia an. Die Germania fährt sogleich wieder ab, um die Meldung vom Aufstand in Ponape nach Rabaul zu bringen. In Rabaul beginnt sofort die Mobilisierung aller vorhandenen Kräfte und mit 68 Polizeisoldaten unter dem Kommando des stellvertretenden Gouverneurs von Neuguinea, Regierungsrat Oßwald, dampft die Ger-mania zurück nach Ponape. Am 13. Dezember trifft dann auch der Dampfer Siar mit 70 Polizeisoldaten in Ponape ein und nun können die ponapesischen Krieger belohnt und entlassen werden.

Am 13. Dezember geht auch als erstes Kriegsschiff die Cormoran von Rabaul aus auf Fahrt nach Ponape. An Bord werden bereits alle Vorbereitungen für die Ausrüs-tung und Kampfbereitschaft des Landungskorps des Schiffes getroffen. Auf dem Oberdeck werden die not-wendigen Arbeiten erledigt. Auf dem Vordeck werden Säbel und Seitengewehre mit Schleifsteinen geschliffen, an der Steuerbordseite wird eine Färberei eingerichtet, die in einem großen Holzbottich weißes Drillichzeug in eine eben nach Kakao duftende Kakaobrühe taucht, für ihre Verwandlung in dunkelbraune Khakianzüge für den Dschungelkrieg. Die beiden Bordschmiede erledi-gen alle Arbeiten an Waffen und Material. An Backbord außenbords, vom Fallreep zu einer an einer Spiere auf-gehängten Schießscheibe, wird Pistolenschießen geübt.

Am 19. Dezember legt die Cormoran neben der Ger-mania an. Die Cormoran beginnt mit der navigatori-schen Vermessung des Gewässers rings um Dscho-katsch für eine gesicherte Anfahrt der noch erwarteten Kriegsschiffe für die völlige Einschließung und Beschie-ßung der Insel. Die Boote des Kriegsschiffes loten das Küstengewässer aus und wird ein Boot von Dschokatsch aus beschossen eröffnet der Kreuzer das Feuer auf die Schützen.

Ab dem 24. Dezember gehen Polizeisoldaten und Lan-dungskorps auf Streifzüge durch Ponape, um die Jokojs vollständig von Ponape zu vertreiben und nach Dscho-katsch zu zwingen und die deutsche Herrschaft auf Ponape zu demonstrieren. Siedlungen und Plantagen der Aufständischen auf Ponape werden vernichtet.

Das leicht bewaffnete Vermessungsschiff der Südsee-station, die Planet, trifft am 3. Januar 1911 ein und unter-stützt die Cormoran bei den Vermessungsarbeiten. Die beiden Kleinen Kreuzer Emden und Nürnberg des Ost-asiatischen Kreuzergeschwaders erreichen Ponape am 10. Januar.

Die Jokojs haben sich nun auf der Felseninsel Dscho-katsch verschanzt und das beim Wegebau verwendete Dynamit für die Brechung von Gestein für Schutz-mauern und für die Bereitstellung von Steinen zum Hinabrollen auf Angreifer auf den Felsen genutzt. Aus dem Dynamit fertigen sie auch Handgranaten.

Die Deutschen ihrerseits bereiten die Erstürmung der Insel vor. Der Sturm auf Dschokatsch beginnt am 13. Januar 1911 mit einem Artilleriebeschuß durch die Kriegsschiffe. Dann stürmt das Landungskorps des Klei-nen Kreuzers Nürnberg und eine durch Bordpersonal der Nürnberg verstärkte farbige Polizeikompanie die Felseninsel. Der Sturmangriff ist so erfolgreich, daß die Verteidigung schnell zusammenbricht und auch die Dynamit-Handgranaten nicht zum Einsatz kommen. Gegen Abend haben die deutschen Truppen kämpfend den höchsten Gipfel der Insel erreicht.

Es ergeben sich 140 Männer, Frauen und Kinder, aber der Masse der Jokojs gelingt eines nachts der Ausbruch von der Insel – trotz der deutschen Belagerung zu Lande und zu Wasser. Dschokatsch ist zwar von deutschen Kriegsschiffen umringt, die nachts die Wasserflächen mit ihren Scheinwerfern ableuchten, dennoch gelingt es den Jokojs nach Ponape zu entkommen. In einer stock-finsteren mondloser Nacht gehen die Jokojs mit Frauen und Kindern, Waffen und Munition auf der Ponape abgewandeten Seite von Dschokatsch ins Wasser. Sie schwimmen durch die Brandung des vorgelagerten Riffs ins offene Meer mit seinen Haien, womit sie die inner-halb des Riffs liegenden deutschen Kriegsschiffe und ihr Scheinwerferlicht umschwimmen. Sie landen schließ-lich Meilen entfernt auf Ponape und verschwinden im Busch. Eine gewaltige Leistung der Jokojs.

Die Jokojs müssen nun auf Ponape gestellt werden. Alle nun noch von den Aufständischen zur Lebensmittelver-sorgung nutzbaren Plantagen von Bananen, Jams und Taro werden jetzt systematisch zerstört, wobei bei Bäu-men nur die Früchte der Bäume vernichtet werden, nicht aber die Bäume selbst, um sie in Zukunft wieder als Fruchtbäume nutzen zu können.

Der neue Bezirksamtmann auf Ponape, Regierungsrat Dr. Hermann Kersting, beruft eine Versammlung aller Häuptlinge der Insel ein und befiehlt ihnen »bei An-drohung der schärfsten Strafe im Nichtbefolgungsfalle, ihr gesamtes Volk unentwegt auf den Beinen zu halten und jede Spur von den Dschokatschleuten in ihrem ei-genen Gebiet festzuhalten und sofort nach der Kolonie zu melden«. Gleichzeitig durchstreift das Landungs-korps der Kriegsschiffe mehrmals erfolglos die Insel. Dann kommt der entscheidende Hinweis eines Häupt-lings: Die Jokojs verschanzen sich auf dem Nankiopberg. Am 26. Januar erfolgt der Angriff auf den Berg. Die Jokojs haben die noch aus der spanischen Zeit stammenden Befestigungen und Wälle instandgesetzt. Von zwei Sei-ten stürmen Landungskorps und Polizeisoldaten in schwerem Kampf durch das ansteigende Urwaldgelände bis zum Gipfel, aber der Gegner entkommt durch ihm bestens bekannte Fluchtwege erneut. Doch durch die Erstürmung auch dieser Festung ist die Moral der bisher noch die Dschokatschleute unterstützenden Bevölke-rung der Insel gebrochen.

Vom Bezirksamt werden auf einer Karte alle von Einge-borenen gemeldeten Plätze im Inneren der Insel fest-gehalten, die den Rebellen Nahrung liefern können, und diese Plätze werden gezielt von den Landungskorps der Schiffe und den Polizeisoldaten angegangen, um die letzten Jokojs zu fassen. Die verstreut durchs Land strei-fenden Jokoj-Krieger ergeben sich nun nach und nach. Je geringer aber die Zahl der Rebellen wird, desto schwieriger wird es, die letzten zu fangen. Für die wei-tere Verfolgung der verbliebenen freien Jokojs soll der Begleitdampfer des Ostasiatischen Geschwaders, die Titania, die die Kriegsschiffe vor Ponape versorgt, nach Tsingtau geschickt werden, um Proviant und vor allem Schuhzeug für das Landungskorps und die Polizeisol-daten zu holen. Doch dazu kommt es nicht mehr, da sich der Anführer der Jokojs, Jomatau, mit seinen letzten fünf Getreuen am 13. Februar stellt.

Am 23. Februar 1911 werden von einem Kriegsgericht in Kolonia, dem Vertreter der Schiffe, der Kolonie und der Mission angehören, unter Vorsitz von Regierungsrat Dr. Kersting 15 Jokojs, die an den Morden am 18. Oktober be-teiligt waren, zum Tode verurteilt. Sie werden am nächs-ten Tag von Polizeisoldaten hingerichtet, aber nicht un-ehrenhaft durch den Strang, sondern ehrenhaft durch Erschießen. Zwei weitere bereits nach Jap deportierte Jokojs werden dort erschossen. Die übrigen Angeklagten werden zur Zwangsarbeit in die Phosphatminen der Palau-Insel Angaur verbannt und die Familien auf die größte Palau-Insel, Babeltaob, verbracht. Der Versor-gungsdampfer Titania bringt die lebenslänglich Ver-bannten nach Palau.

Der neu eingetroffene Kleine Kreuzer Condor über-nimmt die Sicherung der Insel, während alle anderen Kriegsschiffe Ponape wieder verlassen. Der Einsatz der Kriegsmarine Anfang 1911 auf Ponape ist der letzte Kampf deutscher Kriegsschiffe gegen aufständische Eingeborene in den deutschen Kolonien.

Der Landbesitz der Jokojs wird Regierungseigentum oder an treue Stämme verschenkt, die in der Aufstands-zeit auf deutscher Seite gestanden haben. Von der deut-schen Verwaltung wird ein Friedhof für die Gefallenen angelegt.

Die Gesamtzahl an Toten des Aufstandes beträgt vier er-mordete Deutsche und sechs diese begleitende Eingebo-rene, die beim Aufstandsbeginn von den Aufständi-schen getötet wurden, wofür an der Teilnahme an den Morden siebzehn Jokojs hingerichtet wurden; die Ver-luste im Kampf sind auf Jokojseite etwa 6-10 Krieger und auf deutscher Seite drei deutsche Marinesoldaten und zwei einheimische Polizeisoldaten. Im Verhältnis zur Niederschlagung anderer kolonialer Aufstände sind die Menschenverluste also als minimal zu bezeichnen.

Anfang Juli 1911 ist der Kreuzer Cormoran zu Besuch in Ponape, auch um erneut militärische Stärke zu zeigen, aber die Lage ist vollkommen beruhigt. Am 3. Juli wird für die drei deutschen Gefallenen, die alle am 26. Januar am Nankiopberg fielen, ein gemeinsamer Grabstein feierlich enthüllt. Alle Weißen der Kolonie und der benachbarten Missionsstationen nehmen teil, während eine große Menge Eingeborener der Zeremonie zu-schaut. Reden werden gehalten und der Nachfolger eines im Kampf auf Ponape gefallenen Cormoran-Offiziers führt dabei die Ehrenkompanie der Cormoran, die einen Parademarsch vorführt und drei Salven übers Grab feuert.

Georg Fritz, der bis ein Jahr vor dem Aufstand Bezirks-amtmann auf Ponape war, benennt in seinem 1912 er-schienenen Buch Ad majorem Dei Gloriam! Gouver-neur Hahl und Bezirksamtmann Boeder als die Haupt-schuldigen für den Ausbruch des Aufstands. Zugleich behauptet Fritz nur durch katholische Propaganda hät-ten sich die Unruhen entwickeln können. Bereits Ende 1909 hatte Fritz gegen den Apostolischen Präfekten für die Karolinen- und Palauinseln Klage erhoben, der Fritz Feigheit vorgeworfen hatte. Im März 1913 wird der Prä-fekt wegen »verleumderischer Beleidigung unter An-nahme mildernder Umstände« zu einer Geldstrafe ver-urteilt.

Die Ursache des Aufstandes, der Wegebau auf der Insel, wird nach dem Aufstand zügig weitergeführt. Dscho-katsch wird mit einem Fahrdamm mit Ponape verbun-den und im Januar 1913 ist der Kommandant der Cormoran auf der Insel und berichtet: »Von dem guten Wegebau auf Ponape überzeugte ich mich auf einer Fußtour, die ich nach der Missionsstation Auak an der Nordküste unternahm, wobei bei Nanukum ein breiter Wasserarm auf einer erst eben fertiggestellten Brücke überschritten wurde. Bei diesen Arbeiten hatten sich die Ponapesen unter Anleitung eines geschickten und ruhig-wohlwollenden deutschen Technikers als fleißige und anstellige Leute erwiesen.«

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Leben und Ereignisse XI

Im Mai 1901 besucht Georg Fritz in seiner Eigenschaft als Bezirksamtmann der Marianen vom Hafen Tanapag auf Saipan aus die nördlichen Marianen auf dem japa-nischen Schoner Tora maru. Die nördlichen Inseln sind reine Vulkaninseln mit fast keiner Besiedelung und we-nig wirtschaftlichen Aktivitäten, und wenn meist Kokos-plantagen. Der Chamorro Ada, Pächter der Insel Pagan, begleitet den Bezirksamtmann und berät ihn auch in wirtschaftlichen Fragen.

Über seinen Besuch auf der Insel Agrigan schreibt Bezirksamtmann Fritz:

»Ich besuchte mit dem Boot den nördlichen Theil der Westküste, wo besonders reiche Kokosbestände sind. Die Landung an der felsigen Küste ist schwierig; schwa-che Korallenbildungen sind hier sichtbar. Der Orts-schulze der Insel berichtete mir, dass am 12. April 1901 das österreichische Kriegsschiff Donau, Kapitän Anton Haus, hier vor Anker gegangen sei. Offiziere und Mann-schaften kamen an Land und wurden nach Möglichkeit und Landessitte gut aufgenommen.«

Nach dem Besuch der Insel Maug geht die Fahrt mit dem Segler weiter nach Uracas, der 37 Seemeilen nord-westlich von Maug entfernten nördlichsten Marianen-insel. Fritz:

»Mit reicher Beute an Kokoskrabben, Waldhühnern, Fischen kehrten wir an Bord zurück.

Ich halte Maug für geeignet, in den künftigen Zeiten eines regeren Schiffsverkehrs einen guten und sichern Nothafen abzugeben.

Bald nach dem verlassen von Maug wurde am nächt-lichen Himmel die leuchtende Rauchsäule von Uracas sichtbar. Zwischen den spärlichen Trümmern einer älteren Insel ist ein mächtiger Vulkan aufgestiegen. Sein Gipfel ist nicht sichtbar, dichter Rauch senkt sich bis zur halben Bergeshöhe. Vor nicht langer Zeit muss ein Aus-bruch stattgefunden haben, denn die Hänge und das vorgelagerte Lavafeld zeigen noch keine Spur einer Vegetation. Nur die rothen Felsen der alten untergegan-genen Insel sind mit spärlichem Pflanzenwuchs beklei-det.

Einen Strand oder eine bequeme Landungsstelle konn-ten wir nicht finden, doch waren wir nun daran ge-wöhnt, aus dem in der Brandung tanzenden Boot auf einen schlüpfrigen Felsen zu springen. Eine Besteigung des Vulkans wäre zwecklos gewesen; unser Besuch galt lediglich jenen rothen und weissen Felsen, an deren Fuss sich eine schwache Verwitterungsschicht zeigte, in die 100 Kokosnüsse, Kasuarinen, verschiedene Gras-sorten u.s.w. gesät wurde.

Zahlreiche Seevögel legen ihre Eier ohne Nester auf den nackten Boden, der bedeckt ist mit Jungen aller Alters-stufen. Unter ihnen viel mir ein grosser flugunfähiger, oder wenigstens im Fluge sehr unbeholfener grosser Seevogel auf, der bei unserer Annäherung sein einziges Ei oder sein Junges verliess und über die Lavaschollen davonhüpfte. … Ich vermute in dem Vogel eine grosse Seltenheit. Den Eingeborenen war er völlig unbekannt, nur einer von ihnen, der früher einige Monate auf Assongsong war, behauptete, auch dort ihn gesehen zu haben.

Am 15. Mai trat die Tora maru die Rückreise an; denn so gern ich und meine Begleiter die unserer Kentniss noch fehlenden Inseln los Jardines im Osten, Lindsay und Anson im Westen der Marianenkette aufgesucht hät-ten, ich musste mir sagen, dass ein Segelschiff ein unge-eignetes Fahrzeug sei, um Entdeckungsreisen nach verlorenen, von den ersten Entdeckern geographisch falsch bestimmten Inseln zu machen, die von Dampfern schon vergeblich gesucht wurden.

Am 20. Mai ging der Schuner wieder im Hafen von Tanápag vor Anker.«

Nach seiner Inspektionsreise in die nördlichen Mari-anen sendet der Bezirksamtmann »getrocknete Exem-plare« von dort gesammelten Pflanzen und »Boden und Gesteinsproben, ferner Guano von Medinilla, Salpeter von Guguan, Wasser aus den warmen Quellen von Alamágan« zur Untersuchung nach Deutschland.


1912 passiert der Kleine Kreuzer Cormoran Uracas. Sein Kommandant Paul Ebert schreibt darüber:

»Am Sonntag, dem 21. Juli mittags erreichten wir Uracas, die nördlichste [Insel] der Marianen, mit einem tätigen Vulkan. Langsam umfuhr ich die Nordseite der Insel, um festzustellen, ob japanische Vogelfänger, die zuwei-len sich auf der Insel aufhalten sollen, sichtbar wären. In der Tat erkannten wir auch einige halbzerfallene Hüt-ten, die aber offenbar schon seit längerer Zeit nicht mehr benutzt waren. Spärliche Kolonien brütender See-vögel, die früher in größeren Mengen dort vorhanden gewesen sein sollen, unter denen aber die Japaner offen-bar stark aufgeräumt hatten, wurden gesichtet.«

Am 22. Juli erreicht die Cormoran die 47 qkm große Insel Pagan und ankert im Apaan-Hafen an der West-küste der Insel. Paul Ebert:

»Gleich nach dem Ankern kam ein etwas Deutsch sprechender Halbblutmann an Bord, ein Aufseher der Pagan-Gesellschaft, der sich dort mit siebzehn farbigen Arbeitern und deren Frauen und Kindern aufhielt. Un-ter dessen Führung begab ich mich mit einigen Offi-zieren und dem Schiffsarzt an Land. Letzterer fand Gele-genheit, einige Kranke zu behandeln. Die ganze Nieder-lassung bestand nur aus wenigen Arbeiterhütten. An einer Flaggenstange auf der Kalea-Halbinsel war die deutsche Flagge gehißt. Der Boden bestand hier überall aus schwarzem, schweren Lavaland. Eine halbstündige Wanderung brachte uns an den nördlich der Ansied-lung liegenden, nur durch einen schmalen Landstreifen von See getrennten, 350 Meter langen, 150 Meter breiten und 20 Meter tiefen See, der mit schwefel-haltigem Brackwasser gefüllt war. Um 11 Uhr 30 gingen wir wieder an Bord. Sofort wurde Anker gelichtet.«

Die Cormoran fährt weiter zur Regierungsstation Gara-pan auf Saipan auch um mit seinem Vermessungs-detachment den Korallenhafen von Tarapag von Gara-pan zu vermessen. Ebert:

»Der Stationsleiter, Herr v. Heynitz, war leider auf Dienstreise abwesend; sein Vertreter war ein neuer Regierungsarzt Dr. Saalecker. Er und seine Gattin luden uns zu einem abends im festlich geschmückten Amts-gebäude veranstalteten Chamorro-Ball. Dort lernte ich den Chamorro Ada kennen, einen intelligenten Mann, Teilhaber der Pagan-Gesellschaft, dessen Sohn fünf Jahre in Deutschland erzogen war.«


Georg Fritz, der Bezirksamtmann der Marianen, ist sehr an den Marianen und der Kultur der einheimischen Chamorro interessiert und schreibt darüber. So er-scheint 1902 in Berlin sein Beitrag Reise nach den nördlichen Marianen in den Mittheilungen von For-schungsreisenden und Gelehrten aus den deutschen Schutzgebieten. 1903 veröffentlicht er eine Chamorro-Grammatik in den Mitteilungen des Seminars für Orientalische Sprachen an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin und 1904 ein Wörterbuch der Sprache der Chamorro.


Im Mai 1909 treffen der Kleine Kreuzer Arcona und das Marineversorgungsschiff Titania von Samoa kommend in Garapan ein. Sie haben die Aufständischen an Bord, die von der einheimischen Häuptlingsversammlung von Deutsch Samoa verbannt worden sind und welche nach Saipan in Verbannung gehen. Lauati, der Aufstandsfüh-rer gegen den traditionellen einheimischen Herrscher auf Samoa, sein Bruder und fünfzehn weitere führende Aufständische werden mit ihren Familien von den deutschen Kriegsschiffen nach Saipan gebracht und auf der Insel angesiedelt.


Garapan auf Saipan ist der Sitz der Station der Marianen und das kulturelle Zentrum der wenigen Deutschen auf der pazifischen Inselgruppe. Mit seinen weißen Häusern und gelben Eingeborenenhütten schmiegt sich Garapan an die grünen Hügel an. Das Amtsgebäude der Station dient gleichzeitig auch als Veranstaltungsort zum Bei-spiel für Bälle im dann festlich geschmückten Gebäude.

Im Juli 1912 liegt der Kleine Kreuzer Cormoran vor Anker bei der Regierungsstation Garapan. Das im Juni neu an Bord gekommene Vermessungsdetachment des Schiffes – es war auch gerade erst aus Deutschland ein-getroffen – vermißt den nördlich vom Ankerplatz der Cormoran liegenden Korallenhafen Tanapag. Der Kom-mandant des Kriegsschiffes besucht bei dem Saipan-Aufenthalt auch das Dorf der 1909 nach den Lauati-Unruhen auf Samoa nach Saipan verbannten Samoaner.


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Ponape

Die Pflanzenwelt Ponapes ist entsprechend dem feucht-heißen Tropenklima außerordentlich üppig, Kokos- und Steinnußpalmen, Brotfrucht- und Mangobäume liefern der Bevölkerung Früchte und die enormen Knollen der Yams werden viel angebaut und auch die viel kleinere Taro, eine andere Knollenfruchtart.

Im April 1905 fegt ein gewaltiger Taifun über Ponape, welcher die Waldbestände der Insel schwer trifft. Die überall im neu emporwuchernden, dichten Busch ver-streut liegenden, vermodernden Baumriesen machen im Verein mit den engverschlungenen Lianen und der Gebirgslandschaft ein Vordringen außerhalb gebahnter Wege fast unmög-lich.

Hatte die spanische Verwaltung auf Ponape 800 Sol-daten stationiert im ständigen Kleinkrieg der Inselstäm-me gegen die Besatzer, so will die deutsche Verwaltung nach dem Kauf der Karolinen von Spanien 1899 die ge-gen die Weißen aufgebrachte Bevölkerung durch fried-liche Mittel gewinnen. Nur 46 farbige Polizeisoldaten werden auf Ponape stationiert und die spanische Fes-tung im Hauptort Kolonia wird für die Inselbevölkerung zum freien Zutritt geöffnet.

Es gibt fünf Stämme, die in den selbständigen Land-schaften Dschokadsch, Not, U, Ronkiti und Metalanim leben. Mit der Deportation der Dschokatsch-Leute von Ponape nach ihrem Aufstand Ende 1910 scheidet Dscho-kadsch als selbständige Landschaft aus.

Ein kompliziertes Lehenssystem über den Landbesitz gibt zu häufigen Streitigkeiten Veranlassung, sodaß der Bezirksamtmann Hermann Kersting vereinfachte Grundbesitzverhältnisse einführen will. Dafür nutzt er erfolgreich die Oberhäuptlinge mit ihrer Autorität, die auch die obersten Lehnsherren sind. Die Landreform im Jahre 1910 verleiht 1100 Familien Grundbesitz und be-freit die Einheimischen von der Leibeigenschaft und Abhängigkeit von den traditionellen Häuptlingen. Auch wird das Recht der Häuptlinge beschnitten, Hand- und Spanndienste sowie Nahrungsmittelabgaben und Ge-schenke bei den Gemeindefesten einzufordern, deren Anzahl von 22 auf eins im Jahr verringert wird. Die Häuptlinge behalten die Kontrolle über ihre ange-stammten Bereiche wie Streitschlichtung und Steuer-eintreibung.

Eine weitere Änderung der Verhältnisse ergibt sich von selbst. Die Frauen tragen nun meist europäische Stoffe, statt der einheimischen aus Bananenfasern hergestell-ten Webstoffe.

1914 wird die Eingeborenenbevölkerung der Insel auf rund 4000 Seelen geschätzt. Zur selben Zeit besteht die weiße Bevölkerung auf Ponape aus den Beamten, den Missionaren der beiden dort tätigen Missionsgesell-schaften sowie einigen Händlern und sonstigen An-siedlern und beträgt etwa 30 Personen.

Die Liebenzeller Mission hat auf Ponape in der Land-schaft Metalanim beim Dorf Etienlan eine Station mit einem Predigerhaus und einer geräumigen Holzkirche.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse auf der Insel be-schreibt das Deutsche Kolonial-Lexikon:

»Größere europäische Unternehmungen, vor allen Din-gen Plantagen, bestehen auf Ponape noch nicht. Es sind vielmehr nur einige kleinere Kokospflanzungen ange-legt worden, denen aber irgendeine Bedeutung für die Ausfuhr nicht zukommt. Der Handel auf Ponape liegt in der Hauptsache, wie auf den übrigen Inseln der Ost-karolinen, in den Händen der Jaluit-Gesellschaft, die am Langer-Hafen (Santiago-Hafen), eine Zweigniederlas-sung errichtet hat. Außer der Jaluit-Gesellschaft sind noch einige Händler auf der Insel tätig. Das Hauptaus-fuhrprodukt ist die Kopra, daneben gelangen in gerin-gem Maße Muscheln und Schildpatt zur Ausführung. Der Anlage größerer Plantagen steht die ständige Taifungefahr besonders hindernd, im Wege. So hat im Jahre 1905 ein Taifun fast die gesamten Fruchtbäume der Insel zerstört.«

Albert Hahl, der als Vizegouverneur von Deutsch Neu-guinea von 1899 bis 1901 auf Ponape residiert, welche mit 334 qkm die größte der Karolineninseln ist, versucht auf dem internationalen Markt verkaufbare landwirt-schaftliche Produkte – cash crops – auf Ponape einzu-führen. Er bringt Kaffee, Baumwolle, Kakao, Kautschuk, Hanf, Vanille und andere Pflanzen nach Ponape. Er ver-sucht die einheimische Bevölkerung für den Anbau die-ser Geld erwirtschaftenden Pflanzen zu begeistern, doch ohne Erfolg. So bleiben diese Pflanzen in Hahls Ver-suchsgärten. Seine Bemühungen Viehzucht einzuführen zeigen mehr Erfolg, wenn auch nur bei dem portugie-sischen Siedler Joaquin Kilmete und dem einheimi-schen Geschäftsmann Henry Nanpei, der die Viehzucht seinen verschiedenen Geschäftszweigen hinzufügt.

Hahl sieht sich nicht als einen Mann, der im Büro sitzt und viel Tinte verbraucht, sondern als einen Macher, der die Verhältnisse in dem von ihm verwalteten Land verbessert. So wird die bei der Übernahme der Kolonie von Spanien mitgebrachte Polizeitruppe zur Arbeit bei den von ihm eingeleiteten Baumaßnamen herangezo-gen, da er Einheimische für solche Arbeiten nicht ge-winnen kann. So werden Regierungsgebäude instandge-setzt oder neugebaut, Wohnhäuser für die wenigen deutschen Beamten errichtet, wie für den Polizeichef, den Arzt und für Hahl selbst, das Krankenhaus wird vergrößert und Arbeiten an den Straßen in und bei der ›Kolonie‹ durchgeführt. Die ›Kolonie‹ liegt innerhalb des von den Spaniern errichteten, zum großen Teil noch erhaltenen Festungsmauergürtels und ist das Wohnge-biet der Weißen. Das Wohnhaus des Bezirksamtmanns liegt allerdings etwa zehn Minuten außerhalb der Ring-mauer; ein wohlgepflegter, von frischem Grün eingefaß-ter Weg führt dorthin.

Eine breite Riffpassage führt zum Hafen von Ponape. Für Dampfschiffe ist die Einfahrt keine Schwierigkeit, aber kann für einen Segler zu seinem Ende führen, wenn plötzlich Windstille auftritt und die dauernde starke Brandung das Schiff auf das Riff treibt und es dort zer-schellt, wie es zum Beispiel Ende 1911 einer norwegi-schen Bark geschieht.

Ein deutscher Marineoffizier beschreibt den Hafen von Ponape:

»Tagaus, tagein sieht das Seemannsauge den glatten Horizont, und nur ganz wenig erheben sich die flachen Atolle der Karolinen über den Meeresspiegel. Wie ent-zückt waren wir da, als wir an einem prächtigen Sonnentag in den von Bergen umschlossenen Ponape-Hafen einliefen! Vor uns das grüne hüglige Ponape selbst mit den weißen Häusern der Kolonie, rechts schließt sich daran das schroffe Felsennest Dschokadsch und auf der anderen Seite das anmutige Inselchen Langar mit einer Handelsniederlassung darauf. Wenn der Hafen von Ponape so auch einen sehr geräumigen Eindruck macht, so ist doch für Schiffe nicht viel Platz darin, denn zahlreiche weitverzweigte Korallenriffe, die hell smaragdgrün durch den dunklen Meeresspiegel schimmern, engen das Fahrwasser ein.«


Sofort mit der Übernahme der Verwaltung auf Ponape wird der in spanischen Zeit blühende Handel mit Waffen und Alkohol bekämpft. In den ersten ein-zwei Jahren der deutschen Verwaltung ist immer ein deut-sches Kriegsschiff in der Nähe und an der Südseite der Insel werden zwei gut bewaffnete Posten eingerichtet. Damit bricht der Handel amerikanischer Walfänger mit den Schmuggelgütern zusammen.

Das Deutsche Kolonial-Lexikon beschreibt die Verwal-tung des Bezirks der Ostkarolinen, auch Bezirk Ponape genannt, auf Ponape:

»Der Bezirksamtmann des Bezirks Ponape hat seinen Sitz auf Ponape selbst und zwar in Messenieng in der Nähe des Santiagohafens. Zu seiner Unterstützung ist ihm das nötige Unterpersonal, bestehend aus einem Sekretär, einem Polizei- und Hafenmeister beigegeben. Auch ein Regierungsarzt ist auf Ponape zur Ausübung des Gesundheitsdienstes stationiert. Eine aus Melane-sen zusammengesetzte Polizeitruppe sorgt für die Auf-rechterhaltung der Ordnung auf der Insel. Außer dem Bezirksamt befinden sich noch das Bezirksgericht, das Seemannsamt, das Strandamt und das Standesamt für die Ostkarolinen in Ponape. Der Bezirksamtmann nimmt die Geschäfte dieser Behörden im Nebenamt wahr. Das Obergericht für Ponape befindet sich in Rabaul auf Neu-pommern im Bismarckarchipel. Der Hafen von Ponape ist für den Auslandsverkehr geöffnet. Den Verkehr der Insel mit der Außenwelt vermittelt der Reichspostdamp-fer Germania der Jaluit-Gesellschaft, der hier jährlich sechsmal vorläuft. An das Welttelegraphennetz ist Ponape noch nicht angeschlossen, dagegen besteht daselbst eine Postanstalt. Die Missionierung der Insel erfolgt durch die protestantische Liebenzeller Mission, sowie die Rheinisch-Westfälische Ordensprovinz der Kapuziner. Beide Missionen haben auf der Insel Statio-nen und im Anschluß daran Kirchen und Eingebore-nenschulen errichtet. Eine Regierungsschule besteht auf Ponape noch nicht.«


Von Truk hat man im Juli 1914 auf dem Ostasiatischen Kreuzergeschwader auch den Pastor Uhlich, Leiter einer evangelischen Mission auf den Karolinen, nach Ponape mitfahren lassen. »Und weiter sprach Pastor Uhlich von einer wundersamen Periode höchster Kultur, die sich in einer längst entschwundenen und vergessenen Zeit hier abgespielt hat. M e t a l a n i m heißt diese Stätte, da sich die Ruinen großzügig angelegter Paläste befinden, jetzt nur noch durcheinander liegende Gesteinsblöcke von unheimlicher Größe. Wie kamen die hierher nach der weltentlegenen Insel Ponape?« Auch heute gibt es keine Antwort auf die Frage des deutschen Marineoffiziers Joachim Lietzmann, der diese Sätze aufschrieb.

Metalanim ist ein Südsee-Inselchen mit einer verlas-senen Stadt darauf unmittelbar an Ponape anliegend und künstlich aufgeschüttet. Dafür wurden 800.000 Tonnen Basalt über 50 Kilometer über See verfrachtet. Nach der Sage der Einheimischen wurden die Steine von amphibischen Weltraum-Göttern durch die Luft beför-dert.

Metalanim, auch Nanmatal oder Nan Madol genannt, wird 1907 dem deutschen Bezirksamtmann Victor Berg zum Verhängnis, als er Gräber in Nan Madol öffnet und zwei bis drei Meter große menschliche Skelette findet. Am nächsten Morgen, dem 30. April 1907, stirbt Berg. Der deutsche Arzt auf Ponape kann keine Todesursache feststellen. Offiziell wird Sonnenstich und Erschöpfung als Todesursache angeben. Die Eingeborenen sind si-cher, daß übernatürliche Kräfte zum Schutz der Gräber den Eindringling getötet haben.

Der Völkerkundler Paul Hambruch nimmt in den Jahren 1909 und 1910 an der Hamburger Südsee-Expedition von 1908 bis 1910 teil. Dabei sind ihm die ethnographischen Untersuchungen Mikronesiens übertragen, insbeson-dere von Nauru und Ponape. Für die Forschung über Ponapes Ruinenstadt Nanmatal werden Hambruchs Arbeiten die Grundlage für alle zukünftigen Forschun-gen über die rätselhafte verlassene Stadt.


In der zweiten Julihälfte 1914 liegt das Ostasiatische Kreuzergeschwader mit seinen beiden stärksten Schif-fen, den Panzerkreuzern Scharnhorst und Gneisenau, vor Ponape, der größten Karolineninsel. Vom Flaggschiff Scharnhorst werden aus Tsingtau mitgebrachte Grab-steine für die gefallenen deutschen Soldaten vom Auf-stand von 1910 auf der Insel an Land gegeben und auf-gestellt.

Von den seemännisch schwierigen Schiffsliegeplätzen nahe von Untiefen vor der Insel fahren die Besatzungen auf Barkassen fast eine halbe Stunde bis zu einer fluß-aufwärts gelegenen Landungsbrücke für ihre Landgän-ge und zur routinemäßigen Infanterieausbildung mit Übungsmärschen und Schießen auf dem Schießstand von Ponape.

Auf Ponape selbst ist eine Polizeitruppe aus Neuguinea stationiert. »Herrliche hohe Gestalten von edlem Wuchs«, wie ein Deutscher sie beschreibt, und deshalb aus Neuguinea »um zu verhindern, daß sie im Falle von Unruhen mit den Aufständischen gemeinsame Sache machen«.

Erst im Juni 1914 waren 800 Mann in Tsingtau als Ablösemannschaften aus Deutschland neu an Bord von Scharnhorst und Gneisenau gekommen – routinemäßig wird die Hälfte der Besatzungen ausgetauscht – und hier in den Gewässern von Ponape werden immer wieder ›Klar Schiff zum Gefecht!‹-Übungen durchgeführt, um die Kriegsbereitschaft der Schiffe nach dem Mann-schaftswechsel wiederherzustellen.

Die Offiziere des Kreuzergeschwaders lassen es sich zwi-schen den Übungen gut gehen auf Ponape. »Mit den am Ort befindlichen deutschen Beamten und Kaufleuten knüpften wir rege Beziehungen an. Der Bezirksamt-mann selbst war abwesend. Sein Stellvertreter aber hielt uns sein stets gastfreies Haus offen. Beim Genuß köst-licher Wassermelonen saßen wir oft in angeregtem Gespräch mit ihm auf seiner Veranda, tief zu unseren Füßen die lachende Landschaft mit den weißen Häusern der Niederlassung, und dahinter das sich in unermeß-liche Weite dehnende blaue Meer, auf dem sich unsere stattlichen Schiffe wie Kinderspielzeug ausnahmen.

Eines Abends führten uns vor seiner Villa die Eingebo-renen ihre Tänze vor. Besonderen Eindruck machten unter den Palmen im Purpurscheine roter Lampions der Tanz der Polizeisoldaten. Dumpf dröhnten die Trom-meln, und schwermütig waren die Gesänge, als die Hühnengestalten, wild bemalt und einen kriegerischen Helm auf dem schwarzen Haar, langsam und würdevoll im Kreise ihre phantastischen Bewegungen ausführten.

Der Zuschauer geriet durch all das Geheimnisvolle in eine wahre Märchenstimmung, und dieser setzte Pastor Uhlich wiederum die Krone auf. Aus dem Hintergrunde erschollen plötzlich wie aus Engelsmunde mehrstim-mige Harmonien. Die große Schar der Missionskinder war es, die uns auch hier mit heimatlichen Liedern überraschte.

»Deutschland, Deutschland über alles!« Es war das rech-te Lied, das uns mit auf den Heimweg gegeben wurde. Denn soeben hatten die elektrischen Wellen die Kunde von der bevorstehenden Kriegserklärung Österreichs an Serbien zu uns getragen.«

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Truk

Das Truk-Atoll besteht aus 98 Inseln in der Lagune und den Lagunenrand bildend. Die Lagune hat eine Länge von 65 km und eine Breite von 56 km. Die Landfläche beträgt 100 qkm mit einer höchsten Erhebung von 443 m. Die Lagunenfläche beträgt 2131 qkm. Das Truk-Atoll ist eines der wenigen hohen, gebirgigen Atolle der Karolinen und von der Natur mit der üppigsten Ver-schwendung ausgestattet. Jam und Taro, die süßen rie-senhaften Knollengewächse, die den Hauptbestandteil der Nahrung der Eingeborenen bilden, wachsen ohne jeden Ackerbau. Dazu gibt es Kokosnüsse und die süßen mehligen Früchte des Brotfruchtbaumes.

Bald nach der Übernahme der Herrschaft durch die Deutschen wird auch auf Truk der illegale Waffen- und Alkoholhandel bekämpft. Anfang Januar 1901 landet Albert Hahl, Bezirksamtmann der Ostkarolinen, vom Kleinen Kreuzer Cormoran überraschend mit einer Abteilung melanesischer Polizei auf Truk. Er erwischt eine große Gruppe japanischer Händler mitten in ihren Neujahrsfeierlichkeiten und beschlagnahmt ihre Han-delsware an Feuerwaffen und Alkohol. Sieben Japaner werden verhaftet und kommen ins Gefängnis nach Ponape. Alle anderen müssen ihre Geschäfte auf Truk auflösen und werden von der Inselgruppe verbannt. Nur ein japanischer Händler darf bleiben. Dem halben Dut-zend weißen Händlern vor Ort wird gleiche Behandlung angedroht bei Verstoß gegen die geltenden Gesetze. Auch unter den einheimischen Herrschern räumt Hahl auf und verhaftet auf drei Trukinseln jeweils einen der Häuptlinge wegen begangener Morde und sie verbrin-gen die nächsten Jahre im Gefängnis auf Ponape.

Das deutsche Durchgreifen wirkt und beendet die Stam-mesfehden auf dem als unruhig bekannten Trukatoll. Als im Dezember 1904 Bezirksamtmann Viktor Berg auf Truk landet und gegen Bezahlung alle noch vorhande-nen Waffen und die Munition einfordert, werden ihm 436 Gewehre und 2500 Patronen ausgeliefert gegen eine Entschädigung von 9000 Mark. Offensichtlich sind die Einheimischen auch froh über das durch die Deutschen erzwungene Ende ihrer Kleinkriege. Die Einheimischen selbst haben schon begonnen Waffen in Hacken, Angel-haken und andere nützlichere Dinge umzuschmieden.

Als zufällig bei Anwesenheit von Berg auf Truk der Häuptling der Polootinseln mit 30 Kanus auf Truk lan-det, wird er sofort von Bezirksamtmann verhaftet. Auf Anordnung der deutschen Verwaltung dürfen nur noch Gruppen von höchstens fünf Kanus zusammen fahren, um Kriegszüge zu verhindern und um die Männer als Arbeitskräfte zur Ernährung ihrer Familien zuhause zu halten.

Auf Druck der Deutschen werden von den Familienober-häuptern auf Truk Kokospalmen und Fruchtbäume angepflanzt; anderweits will die deutsche Verwaltung ungenutztes Land an Inselbewohner ohne Land abge-ben. Selbst Ngenimun, einer der drei 1901 verhafteten und verurteilten Häuptlinge, beginnt nach seiner Ent-lassung mit der Entwicklung seines Landes und baut nach dem Muster der Deutschen auf seiner Trukinsel Uman eine die ganze Insel durchziehende Straße mit an den Seiten in Stein eingefaßter Drainage zum Ablauf des Regenwassers. Ngenimun hat den deutschen Straßen-bau auf Ponape kennengelernt.

Truk macht so schnelle Fortschritte, daß Bezirksamt-mann Victor Berg regionale Chefs über die sechs Ge-biete des Trukatolls bestimmt, jedem eine eigene Flagge gebend, als Hoheitszeichen ihrer Machtausübung der kaiserlich-deutschen Herrschaft über Truk.


1909 wird auf Truk eine Regierungsstation eingerichtet. Auf den Inseln des Stationsbezirkes leben etwa 11.000 Menschen. Der Sitz des Stationsleiters befindet sich auf Toloas. Am Sitz der Regierungsstation befindet sich auch eine Postagentur.

Auf halber Höhe von Toloas vom Haus des Stations-leiters überblickt man durch majestätische Steinnuß-palmen hindurch das hügelige, saftiggrüne Land mit seinen stillen Buchten und das weite, von vielen Insel-chen und Korallenriffen durchsetzte blaue Meer.

Die protestantische Liebenzeller Mission missioniert auf Truk. Viele eingeborene Frauen tragen deshalb die häßlichen Missionskittel. Schließlich beginnen auch die katholischen Kapuziner ihre Missionstätigkeit. Die Mis-sionen haben auf den Inseln an ihre Stationen Schulen angeschlossen. 1915 soll eine Regierungsschule errich-tet werden.

Die weiße Bevölkerung auf Truk beläuft sich 1913 auf fünf Regierungsbeamte, elf Missionare, einige Kauf-leute und Händler. Außerdem sind noch drei Japaner ansässig. Die meisten weißen Bewohner wohnen auf Toloas. Auf der nahen Nachbarinsel Eten sitzt der Ver-treter der Jaluit-Gesellschaft, der an die zehn Händler auf den einzelnen Inseln verteilt hat.  

An europäischen Unternehmungen befindet sich auf Truk nur die Agentur der Jaluit-Gesellschaft und außer-dem noch eine Zweigniederlassung der japanischen Südsee-Handelsgesellschaft. Die Inselgruppe wird jähr-lich sechsmal vom Dampfer Germania der Jaluit-Gesell-schaft angelaufen.

1913 wird amtlich festgestellt, daß der Regierungsarzt Dr. F. Mayer bei der Bevölkerung von Truk ein starkes Ster-ben, insbesondere durch Lungenkrankheiten, festge-stellt hat, doch hofft man durch die Einrichtung eines ärztlichen Dienstes eine Hebung der Bevölkerungszahl erreichen zu können.


Während eines Aufenthaltes im Juli 1911 auf Truk erlebt die Besatzung der SMS Cormoran die Fliegenplage während der Brotfruchtreife. Nicht nur an Land auch an Bord ist die Fliegenplage fürchterlich. Um der Fliegen Herr zu werden wird geraucht und man umwedelt sich fort-während mit Taschentüchern. Immer und immer wie-der krabbeln die Fliegen im Gesicht oder summen um die Ohren. Öffnet man den Mund ist das von den Fliegen als Einladung gedacht hineinzufliegen. Und des nachts finden die Plagegeister einen Weg durchs Moskitonetz und spazieren auf dem Gesicht herum und finden natürlich auch einen Weg in die Nase. Der Kommandant der Cormoran:

»Die Mahlzeiten gestalteten sich zur reinen Folter, da im Nu die Schüsseln von zappelnden Fliegenleibern, die in die Speisen geraten waren, wimmelten. Die Schnur der über meinem Eßtisch hängenden elektrischen Birne war dauernd so mit den widerlichen Insekten besetzt, daß sie einem schwarzen, flockigen Wollstrick glich. Herr Wulff, der erfinderische Leiter der Jaluit-Station [der Jaluit-Gesellschaft], hatte sich derart geholfen, daß er seine Mahlzeiten in einem auf seiner Veranda aufge-stellten Fliegenspind einnahm. Durch eine kleine Fens-terklappe wurden ihm die Schüsseln von seinem farbi-gen Diener schnell hineingereicht, und so wurde es ihm möglich, wenigsten einigermaßen ungestört speisen zu können.«

Jeder an Bord der Cormoran ist froh das Atoll wieder zu verlassen. In See werden alle Bullaugen auf beiden Sei-ten aufgerissen und der Wind fegt die Fliegenschwär-me ins Meer hinaus.


Ein besonderes Ereignis für Truk ist das Erscheinen der Cormoran Ende Januar 1912, weil das Schiff auch zu Kaisers Geburtstag am 27. Januar 1912 anwesend sein wird. Cormoran-Kommandant Paul Ebert:

»Der bisherige Stationsleiter war seit längerer Zeit bett-lägerig krank, sein Ersatz mit dem letzten Dampfer be-reits eingetroffen. In einer Besprechung mit diesem Be-amten stellte ich fest, daß zur bevorstehenden Feier von Kaisers Geburtstag sich, wie üblich, sämtliche Häuptlin-ge der Truk-Inseln mit ihrer Gefolgschaft bei der Regie-rungsstation auf Toloas einfinden würden. Da alle diese Leute das Kriegsschiff sehen würden, so lag ein Bedürf-nis, die Flagge auch auf den anderen Inseln des Atolls zu zeigen, wie es ursprünglich in meiner Absicht lag, nicht vor. Dagegen wurde mir eine Vermessung der Durch-fahrt zwischen Toloas und Eten und der östlich und westlich davon liegenden Ankerplätze als sehr er-wünscht bezeichnet, die ich nun während der nächsten Tage ausführen ließ.

Zu Kaisers Geburtstag wurde früh bei Flaggenparade über die Toppen geflaggt. Indessen hatte unser sonst so ruhiger kleiner Hafen ein recht belebtes Aussehen an-genommen. Die dem Leiter der Jaluit-Gesellschaft un-terstellten Händler – eine recht bunte aus Weißen, Japa-nern und Halbblutleuten zusammengesetzte Gesell-schaft – waren in ihren Segelkuttern von den verschie-denen Inseln eingetroffen, während die Eingeborenen-häuptlinge mit ihrem Anhang in stattlichen Segelkanus sich einfanden. Um elf Uhr vormittags hielt auf meine Bitte der Leiter der Liebenzeller Missionsstation den Festgottesdienst ab. Hieran schloß sich eine von mir gehaltene Ansprache, worauf Punkt zwölf Uhr mittags der übliche Salut gefeuert wurde. In dieser Zeit waren bei uns an Bord die Beamten der Regierungsstation mit ihren Frauen, die Missionare, der Leiter der Jaluit-Gesellschaftsfiliale mit zwei weißen und einem japani-schen Händler und etwa 15 Häuptlinge versammelt. Das Interesse der letzteren wurde besonders rege, als die Geschütze ihren ehernen Schlund zu rollenden Salut-schlägen öffneten. Einer von ihnen trug übrigens mit Stolz den Uniformrock eines Marineoberstabsarztes. Am Nachmittage fanden an einem Platz nahe der Regie-rungsstation unter zahlreicher Beteiligung der Eingebo-renen die Festtänze statt, die sich über den ganzen Nach-mittag bis zum Abend hinzogen. Es handelte sich wiede-rum um Sitztänze, wie ich sie ähnlich in Samoa und we-nige Tage vorher auch auf den Mortlock-Inseln gesehen hatte. Übrigens zeigte es sich, daß die Leute, sobald sich die Geister etwas erhitzten, auch zu Obszönitäten bei solchen Vorführungen neigten.«


Der Große Kreuzer Gneisenau liegt in der zweiten Juli-woche 1914 vor Truk und setzt die bereits vor Jahren von dem Kleinen Kreuzer Cormoran begonnene Arbeit fort, ein den Hafen beträchtlich beengendes Felsenriff weg-zusprengen. Von früh bis spät sind die beiden Taucher des Kriegsschiffes an der Arbeit für die Sprengungen.

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Kusaie

Kusaie liegt ganz im Osten der Karolineninseln. Die Landfläche der Insel beträgt 108 qkm ohne die gut ein Dutzend kleinen Nebeninseln. Die Landschaft ist hügelig und von tropischen Regenwäldern bewachsen. Der höchste Berg ragt 634 m auf. Eine Besonderheit der Insel ist, daß sie als einzige Mikronesiens als Felseninsel von einem Korallenriff umgeben ist.

Löllö-Hafen, der Hafen von Kusaie, ist eine Bucht, die von der mit einem Quadratkilometer größten Nebenin-sel Löllö begrenzt wird. Auf Löllö befinden sich im dich-ten Busch auch geheimnisvolle Ruinen aus aufeinander gestapelten Basaltblöcken, die genauso aussehen wie jene Ruinen auf Ponape.

Die Einheimischen sind europäisch gekleidet und we-gen der amerikanischen Mission auf der Insel anstatt deutschsprachig englischsprachig. Die protestantische amerikanische Bostoner Mission, die seit 1852 auf Kusaie sitzt, hat die Bevölkerung fast vollständig chris-tianisiert und ihre Traditionen gebrochen. Nur der Oberhäuptling von Kusaie, Tokoscha, er regiert seit 1890, läßt sich nicht christianisieren. Wie viele Männer der Insel ist auch er auf einem amerikanischen Wal-fänger zur See gefahren, um etwas von der Welt zu sehen, und hat folglich Englisch gelernt. Als 1910 die Hamburger Südsee-Expedition Kusaie besucht, kann sie vom betagten Oberhäuptling Tokoscha reichliche Aus-künfte über die alten Verhältnisse auf der Insel erhalten. Im September 1910 verstirbt der Oberhäuptling.

Anfang September 1914 liegt der britische Dampfer Southport wegen der herrschenden Wetterbedingun-gen vor Kusaie, um später in Nauru eine Phosphat-ladung nach Stettin zu übernehmen, als am 4. Septem-ber das alte Kanonenboot Geier und sein Kohlenver-sorger, der kleine Frachter Tsingtau, vor Kusaie erschei-nen. Während die Besatzung der Southport darauf war-tet, eine Ladung Dünger vom deutschen Kolonialbesitz Nauru nach Deutschland zu fahren, erfährt sie nun, daß vor einem Monat England Deutschland den Krieg er-klärt hat und die Welt sich jetzt in einem Weltkrieg befindet.

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Jap

Die vier großen vulkanischen Jap-Inseln bestehen außer den Sandstränden mit Kokospalmen hauptsächlich aus zerklüfteter Hügellandschaft, die ungeeignet ist für Plantagenwirtschaft. Jap, als größte Insel, hat eine Fläche von 56 qkm und die ganze Inselgruppe, einschließlich zehn winziger Koralleninseln, eine Fläche von 100 qkm. Jap ist der Sitz der deutschen Verwaltung der Westkaro-linen mit den Marianen und den Palau-Inseln.

Die beiden Inseln Jap (56 qkm) und Tomil (23 qkm) liegen unmittelbar nebeneinander und sind nur durch einen über einen Kilometer langen und teilweise nur zehn Meter breiten Kanal getrennt. Die Trennung in zwei Inseln erfolgt erst 1901 durch ein Erdbeben.

Der Hafen von Jap wird Tomil-Hafen genannt und von beiden Inseln halb und halb als Bucht gebildet. Tomil-Hafen trägt mit seinen zahlreichen Buchten einen fjord-artigen Charakter. Dichtes Mangrovengebüsch säumt den Strand. Im Hafen liegt die kleine Insel Tarang mit einer primitiven Landungsbrücke. Auf der Insel befin-det sich das Kohlenlager der Westkarolinen-Gesell-schaft, wo Kriegs- und Handelsschiffe mit Hilfe einge-borener Arbeiter ihren Kohlenvorrat auffüllen. Die 1911 gegründete Westkarolinen-Gesellschaft übernimmt das Unternehmen des erfolgreichen Südseegeschäftsmanns David Dean O’Keefe, der auf Tarang seinen Firmensitz hatte. O’Keefe ist schon 1901 auf einer Seefahrt mit einem seiner Schoner verschollen und seine Familie führte das Geschäft weiter.

Am Hafen liegt die Regierungsstation, die Kabelstation der deutsch-niederländischen Telegraphengesellschaft und die Hauptniederlassung der Westkarolinen-Gesell-schaft.

Die Landungsstelle für Boote bei der Kolonie, der Euro-päersiedlung, befindet sich auf der Halbinsel Blelatsch, der alten spanischen Festung, die durch einen Damm mit dem Festland verbunden ist, wo die Gebäude des Bezirksamts und verschiedene andere sich befinden. Ein sanft ansteigender Weg führt von dort aus zu den Häu-sern der Telegraphengesellschaft und zur Wohnung des Bezirksamtmanns, von wo aus sich eine schöne Aus-sicht über das anmutige Hafenbild bietet.

Von der Kolonie führt in nördlicher Richtung, teilweise am Strand entlang, ein hübscher, sauberer Weg in etwa einer halben Stunde zum Hospital und der gleichfalls auf einer luftigen Anhöhe gelegenen Wohnung des Regierungsarztes. An der Ostseite des Hafens liegt der Ort Tomil. Ein mehrere hundert Meter langer Stein-damm ist hier schnurgerade in das seichte Wasser des Riffs eingebaut. Das Dorf hat sehr sauber gepflasterte, mit Zäunen und Zierpflanzen eingefaßte Wege. Ein gro-ßes Bootshaus beherbergt schön gearbeitete Fahrzeuge. Die Kanus der Jap-Leute sind entweder aus einem einzi-gen Baumstamm hergestellt, oder aus einzelnen Teilen durch feste Verschnürung zusammengesetzt. An beiden Enden befinden sich schön geschwungene, hochragen-de Aufsätze. Dreieckige Mattensegel dienen zur Fortbe-wegung, soweit nicht gepaddelt wird.


Auf den Spazierwegen rund um Tomil-Hafen bietet sich reichlich Gelegenheit, das Leben der Eingeborenen zu betrachten. Begegnet man einem Jap-Eingeborenen, ob Mann oder Frau, so bleibt er abgewandten Hauptes ehrerbietig stehen, bis man vorbeigegangen ist. Frauen treten wohl auch in das Gebüsch am Wege. Eine Aufmerksamkeit wie sie auch bei den Einheimischen von den im Rang niedrigeren Stehenden dem im Rang Höheren erwiesen wird.

Die Kleidung der Männer besteht nur aus einer Scham-binde, die zwischen den Beinen durchgezogen und um die Hüften geschlungen wird und entweder aus euro-päischen Stoffen oder aus einem gewebten Pflanzenstoff besteht. Die Kleidung der Frauen besteht aus einem bau-schigen Rock aus langen, schmalen Blättern, der sich in einem mächtigen Wulst um die Hüften legt. Die Kinder sind meist nackt. Vielfach werden aus Pandanuß-Blät-tern gefertigte spitze Hüte getragen. Als Regenschirm dient häufig ein breites Blatt.

Die Frauen belassen den Oberkörper nackt, was die evangelischen Missionaren um die Jahrhundertwende dazu bringt, ihnen buntbedruckte Hemden zum ver-hüllen ihres Busens zu schenken. Für die Mütter sind die Hemden aber unpraktisch und so schneiden sie Löcher in die Hemden, auf daß ihre Brüste frei liegen für das Stillen ihres Babys.

In den Händen der meisten Jap-Bewohner sieht man einen aus dem Wedel der Kokospalme hergestellten Korb, den die Männer unter dem Arm oder in der Hand, die Frauen meist an einer Schnur über die Schulter tragen. Die letztere Tragweise ist wahrscheinlich not-wendig, weil der breite Rockwulst ein zwangloses herun-terhängen der Hände ausschließt. Der Inhalt des Korbes bildet in erster Linie die zum Betelkauen notwendigen Utensilien, nämlich Betelnüsse, Pfefferblätter und eine Büchse mit pulverisiertem Korallenkalk. In den Händen der Männer sieht man häufig das überall in der Südsee gebräuchliche Beil aus einem winkelförmigen Holzstiel mit daran festgebundener Klinge. Letztere wurde früher durch ein Muschelstück gebildet, heutzutage meist durch ein Hobeleisen.

Als Schmuck werden, wie auch sonst in der Südsee, Tätowierungen angewendet. Als Haarschmuck dienen bei den Männern Holzkämme, von denen vielfach aller möglicher Zierat, wie Hahnenfedern und dergleichen, herabhängt. Die Frauen tragen oft Blumen im Haar, an den Armen Ringe aus einer Muschelschale oder meh-rere Ringe aus Kokosschale. Auch Fingerringe verschie-denster Art sind beliebt.

Sehr charakteristisch sind die Häuser der Jap-Leute durch das in zwei mächtige Giebel als Schutz vor dem starken Wind vorspringende Dach. Die Häuser stehen auf einem etwa einen Meter hohem Steinfundament. Es gibt gewöhnliche Familienhäuser und die großen Abais für die unverheirateten Männer.

Die Bildung einer Familie auf Jap beginnt mit dem Aus-zug eines zum Mann werdenden Jungen aus der elter-lichen Hütte in ein Abai, ein Männerhaus von impo-nierender Größe, das zu jeder Dorfgemeinschaft gehört. Dort empfangen die Jungen die allnächtlichen Besuche der jungen Mädchen, die probeweise reihum gehen. Im Laufe vieler Tropennächte stellen sich dann die Paare heraus, die am besten zueinander passen. Dann verläßt der junge Mann das Männerhaus und begründet mit seiner erprobten Partnerin einen eigenen Hausstand.

Es bestehen verwirrende Grundbesitzverhältnisse auf Jap. Um Ordnung in das Durcheinander zu bringen werden von der deutschen Verwaltung Grundbücher angelegt, die Grundstücke vermessen und den Besitzern Urkunden ausgestellt.

Die deutsche Kolonialverwaltung von Jap und dem Be-zirk der Westkarolinen residiert in der alten spanischen Zitadelle. Ein quadratisches Bauwerk aus Korallenblök-ken mit vier Meter hohen Mauern. In der Festung liegen die vor Jahrhunderten üblichen Festungsanlagen wie Kasematten, Kerker, Kammern für Munition, Waffen und Vorräte. Der übrig gebliebene Raum ist bis zur Höhe der Mauerkrone mit gestampfter Erde aufgefüllt. Darauf stehen die aus importierten Ziegelsteinen errichteten Wohnungen für Kommandant, Offiziere und Soldaten. Die Deutschen bauen darauf noch aus importiertem Schnittholz bescheidene Büros und ein einfaches Kran-kenhaus.

Der Marktplatz und die Hauptstraße von Colonia, der geschäftliche Mittelpunkt der Insel, liegen auch bei der Zitadelle.


Eine Besonderheit von Jap ist das Steingeld. Die Steine können von Handtellergröße bis zu vier Metern Durch-messer haben und über fünf Tonnen wiegen. Tausende der Steingeldscheiben stehen überall auf den Inseln am Wegesrand oder um die Häuser herum. Es muß − nach der Tradition − immer auf dem Rand stehend, das heißt angelehnt an Bäume, Häuser und so weiter, aufbewahrt werden.

Das Steingeld wird ausschließlich von Männern benutzt. Wenn ein Stein den Besitzer wechselt, läßt der neue Ei-gentümer den Stein gewöhnlich aufgrund des Gewichts und der damit entstehenden Schwierigkeiten des Trans-ports dort, wo er ist. Wem welcher Stein gehört, wird einfach im Gedächnis festgehalten. Die Eigentumsrech-te an den Scheiben sind den ansässigen Dorfältesten bekannt.

Diese Geldsteine wurden von den Palau-Inseln, von de-ren Hauptinsel Babeldaob, welche 450 Kilometer süd-westlich von Jap liegt, herbeigeschafft. Diese Entfernung wurde mit Auslegerbooten in einer fünftägigen Reise überwunden. Dort brachen und bearbeiteten die Japesen unter mühsamsten Arbeitsbedingungen mit einfachs-ten Mitteln die Steine. Durch die Steine wurde ein Loch geschlagen, so daß man sie mit Hilfe von einem durch-gezogenen Rundholz zum Meer transportieren konnte. Hier wurden sie auf Bambusflöße oder Kanus geladen. Besonders große Steine wurden im Meer aufgestellt und das Floß drumherum gebaut. Dann wurde das Floß von mehreren Kanus mit Mattenbesegelung und Paddeln nach Jap gezogen. Der Transport nach Jap dauerte drei bis vier Wochen und es kam auch vor, daß Geldsteine auf dem Transport verloren gingen.

Die mühsame Herstellung und der lange Transport von Palau nach Jap begrenzten die Anzahl und Größe der Steine und erhöhten ihren Wert. Mit ihnen kann unter anderem Land erworben werden. Der Wert ergibt sich aus verschiedenen Faktoren wie: Größe, natürliche Schönheit, Form, Geschichte der »Münze«, Alter, wie schwierig es war, sie herzustellen, ob jemand beim Transport in Gefahr oder ums Leben gekommen ist und die soziale Stellung der Beteiligten.

Es gab eine Inflation beim Steingeld als der Transport der Steine gefahrlos und billig wurde. Als der Ameri-kaner David Dean O’Keefe in den 1870er Jahren Han-delsstationen für Kopra gründete verkehrte er mit sei-nen Schiffen auch zwischen Palau und Jap. Seitdem gibt es auf Jap sehr große Steine mit nur wenig Prestige und der materielle Wert des Steingeldes ist nicht mehr vor-handen. Das Geld für den alltäglichen Gebrauch besteht aus tellergroßen Muschelschalen, von denen jeweils zehn an einem Strick aus Kokosfasern hängen. So hat eine Jap-Frau bald noch größere Mühe, das Geld zum Markt zu tragen, als die gekaufte Ware nach Hause zu bringen.


Mitte Juli 1911 besucht der Kreuzer Cormoran Jap. Merk-würdigerweise ist kein Mensch zu sehen. Die Landungs-brücke, an der sich sonst beim Einlaufen eines Schiffes alles versammelt, Weiß und Braun, ist leer. Auch bei den Europäerhäusern der Jaluitgesellschaft zeigt sich kein Mensch. Ist hier alles ausgestorben?

Ein Offizier der Cormoran wird als Kundschafter an Land geschickt und klopft am ersten Haus an.

„Um Himmels willen,“ sagt der Bewohner, „kommen Sie schnell herein. Der Polizeimeister ist verrückt gewor-den. Er wohnt dort in dem Hause auf dem kleinen Hügel und schießt mit seinem Gewehr auf jeden Menschen, der sich blicken läßt. Manchmal knallt’s den ganzen Tag, wie auf’m Schießstand. Solang’ es hell ist, wagt sich kein Mensch mehr aus dem Hause. Es ist schon der dritte Polizeimeister, der hier verrückt wird. Auf der kleinen Insel, nichts zu tun, keine Bewegung, glühende Hitze und immer in dem Gedanken: ‚Meine beiden Vorgänger sind auch verrückt geworden’, – da kann man sich gar nicht wundern. Befreien sie uns nun, bitte, von diesem Wahnsinnigen, damit man wieder seines Lebens froh werden und in die Office gehen kann!“

Der Kundschafter begibt sich, hinter Palmen gedeckt gegen das Polizeimeisterhaus, zurück an Bord. Am Nachmittag holt ein Kommando des Kriegsschiffes den Polizeimeister aus seinem Haus und verbringt ihn an Bord. Nun ist er der friedlichste Mensch von der Welt und wird später in Begleitung eines Sanitätsmaaten nach Hamburg gebracht, ohne daß seine Mordgier noch einmal zutage getreten wäre.


Jap ist der Sitz des Bezirksamtes der Westkarolinen und auch Versorgungsstation und Basis für deutsche Kriegs-schiffe. Ein Besatzungsmitglied der Cormoran schreibt 1912:

»Am 14. Februar kamen wir in Jap an. Mittags bekamen wir endlich wieder einmal Post. Sie war für uns ein-gelagert worden. Auch für mich war viel Post und sogar ein Paket dabei. Nachmittags war die Freude schon wie-der vorüber, denn wir übernahmen Kohlen bis 8 Uhr abends.«

Das Bekohlen der Dampfschiffe ist harte Arbeit und äu-ßerst schmutzig dazu.

Jap dient auch für die infanteristische Ausbildung der Landungskorps der Kriegsschiffe und hat dafür einen Übungsplatz.

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Allgemeine Ereignisse III

Der Gouverneur von Deutsch Neuguinea, Rudolf von Bennigsen, und der zukünftige Kaiserliche Bezirksamt-mann auf Jap, der deutsche Kolonialbeamte Arno Senfft, fahren zum Hissen der Reichsflagge von Herbertshöhe, der Hauptstadt von Deutsch Neuguinea im Bismarck-archipel, auf die Karolinen-Insel Jap, wo sie mit Seiner Majestät Schiff Jaguar eintreffen, einem Kanonenboot der deutschen Kriegsmarine. Am 3. November 1899 fin-det unter der Teilnahme einer Ehrengarde der Besat-zung der Jaguar und den Offiziellen von deutscher und spanischer Seite mit dem Abspielen der Nationalhym-nen von Spanien und Deutschland in Colonia auf Jap und den Salutschüssen des Kriegsschiffes die Übergabe der Westkarolinen und der Palau-Inseln von Spanien an das Deutsche Reich statt.


Auf der Fahrt von Australien nach China läuft der Reichspostdampfer München am 3. Februar 1901 in der Einfahrt von Jap auf. Um das Schiff freizukommen wird die Ladung weitestgehend von Bord gegeben, so zum Beispiel die Tabakernte der ersten Tabakplantage von Deutsch Neuguinea. Schließlich treffen die Dampfer Natuna und Wonghoi aus Hongkong zur Hilfeleistung ein und auch der Regierungsdampfer Stephan hilft die München freizubekommen. Die Kaiserliche Marine ent-sendet trotz des Boxeraufstandes in China den Kleinen Kreuzer SMS Seeadler zur Unterstützung, der allerdings erst am 3. Mai eintrifft, als die München wieder aufge-schwommen ist. Nachdem man sie abgedichtet hat, geht sie zu ihrem chinesischen Zielhafen Hongkong, wo sie am 28. Juni eintrifft.


Arno Senfft ist seit 1899 Bezirksamtmann in den West-karolinen mit Sitz auf Jap. Er interessiert sich auch für die Kultur seiner ihm anvertrauten Eingeborenen und verfaßt völkerkundliche Artikel über sie.

Anfang 1909 reist Arno Senfft, der als Bezirksamtmann der Westkarolinen seit 1907 auch Vizegouverneur von Deutsch Neuguinea ist, nach Deutschland. Er verstirbt aber am 14. Februar 1909 auf der Reise in Hongkong an Magenkrebs.

Auf Jap steht am Ufer in einem kleinen Wäldchen das Denkmal für Arno Senfft. Die drei Meter hohe Stele auf einem Sockel trägt auf einer ovalen Metallplatte die In-schrift:

»Gewidmet von seinen Freunden, errichtet von den Ein-geborenen von Jap und Palau in dankbarer Erinnerung an ihren guten Amtmann Arno Senft 1899-1909«

Tatsächlich steht nicht Senfft sondern Senft auf der Ste-le geschrieben.

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Allgemeine Ereignisse VI

Im Januar 1902 besucht der Kleine Kreuzer Cormoran die Hauptinsel der Palau-Gruppe, Korror. Aus dem Be-richt des Kommandanten des Schiffes:

»Am 14. Januar stellten sich der König [von Korror] und die zu einer Versammlung einberufenen Häuptlinge an Bord ein. Mit ihnen waren ungefähr 100 Eingeborene an Bord zugelassen worden.

In einer Ansprache wurde ihnen die große Feuerge-schwindigkeit, Treffsicherheit und Fernwirkung der modernen Schußwaffen klar gemacht und ihnen aus-einandergesetzt, daß die Bestrafung von Ungehorsam gegen die Regierungsgewalt jedem Kriegsschiff mit die-sen Machtmitteln ein leichtes sei. Dann wurde eine Gefechtsübung vorgeführt und dabei mit einem Ma-schinengewehr, einer 3,7-cm-Revolverkanone und einer 10,5-cm-Schnelladekanone vorgeschossen. Der Ein-druck dieser Übung auf die Eingeborenen war ein nach-haltiger.

Der König Abathul, ein Mann von etwa 60 Jahren, ist von einer solchen Fettleibigkeit, daß er stets in einer Sänfte getragen werden muß. Stumpfsinnig und gleichgültig würde er schon längst von seinem Ansehen eingebüßt haben, wenn ihn nicht sein lebhafter und intelligenter Bruder Arikoko unterstützte. Letzterer spricht Englisch und ist vom Bezirksamtmann als Polizeiaufseher einge-setzt, was als ein besonders glücklicher Griff bezeichnet werden muß, zumal derselbe nach dem Erbrecht der Nachfolger seines älteren Bruders Abathul ist.

Arikoko hat schon im Jahre 1876 auf Euer Majestät Schiff ›Hertha‹ Lotsendienste getan.

Wirtschaftlich zerfällt die Inselgruppe in zwei auffallend verschiedene Teile: Die südlichen unbewohnten Inseln sind steil, unzugänglich und von dichtem Urwald be-deckt, die nördlichen haben dagegen große Strecken fruchtbaren anbaufähigen Landes und können sicher-lich ertragfähig gemacht werden.

Die auf etwa 3000 Seelen geschätzte Bevölkerung macht einen unfreundlichen aber bildungsfähigen Eindruck.«

Des weiteren empfiehlt der Kommandant die Einset-zung eines Fachmanns für das Vermessungswesen (»einen Steuermann a.D. der kaiserlichen Marine«) als Regierungsbeamten auf der Inselgruppe, der dann auch die sehr ungenauen Seekarten von den Palau-Inseln verbessern könnte.

Die Spanier hatten auf den Inseln mit Gewalt geherrscht und die Folge war ein ständiger Kriegszustand auf den Inseln. Hatten die Einheimischen die Spanier für ihre Befreiung aus der Terrorherrschaft immer wieder ange-griffen, so ist zu befürchten, daß die Eingeborenen die Deutschen nicht anders sehen als die Spanier und mit Gewalt die neuen Machthaber vertreiben wollen. So wird zum einen eine versöhnliche Politik von den Deut-schen betrieben, zum anderen aber auch kein Zweifel an der militärischen Stärke Deutschlands gelassen durch die Vorführung der Waffengewalt der Kriegsschiffe. Die Spanier hatten keine modernen Kriegsschiffe aufzuwei-sen und konnten so auch nicht die Eingeborenen mit solchen militärischen Darbietungen beeindrucken.


Im Januar 1907 besucht das Vermessungsschiff Planet Korrorhafen. Aus dem Bericht des Besuches des Schiffes auf den Palau-Inseln:

»Die Palauinseln treten wirtschaftlich noch wenig in Erscheinung. Plantagen gibt es nicht. Seit einigen Jahren ist dort eine Regierungsstation errichtet und von dieser der Anbau von Kokospalmen in die Wege geleitet, in-dem die Eingeborenen hierzu angehalten werden. Auch ist beabsichtigt, der Pflege der Viehzucht näher zu tre-ten. Die wirtschaftliche Bedeutung der Inseln wird viel-leicht durch die Phosphatfunde, die bereits zu kommer-ziellen Unternehmungen geführt haben, gehoben wer-den. Auf Angaur sind allein über 2 Millionen Tonnen wertvollsten Phosphats festgestellt worden. Eine Son-derberechtigung zur Ausbeutung der Lager ist der zu diesem Zweck gegründeten ›Deutschen Südsee-Phos-phat-Aktiengesellschaft‹ in Bremen verliehen worden.

Die Eingeborenen verhalten sich ruhig; Anschläge, die von den Zauberern eingeleitet wurden, um ihre schwin-dende Macht wieder zu Ansehen zu bringen, sind von der Stationsleitung im Keim erstickt worden. Die Haupt-missetäter wurden nach Saipan auf den Marianen de-portiert, wo sie sich im Plantagenbau und in sonstigen Arbeiten nützlich betätigen sollen.«


Bei einem Besuch der Cormoran im Februar 1912 auf den Palau-Inseln wird zunächst die Insel Korror ange-laufen. Im Hafen Malakal von Korror besichtigt Kom-mandant Paul Ebert die kleine Insel Malakal, von der der Hafen seinen Namen hat. Auf Malakal hat die West-karolinen-Gesellschaft eine Station und auch zwei japa-nische Gesellschaften. Der Kommandant besichtigt mit Begleitung auch die Umgebung des Hafens. Mit einem Boot setzt Ebert durch eine natürliche Bootsdurchfahrt zum Landungsdamm an der Regierungsstation über. Am inneren Ende des Landungsdammes fällt Ebert ein aus Korallenblöcken gemauertes Bassin auf, ein Wasser-becken für Schildkröten. Auf dem Weg sieht die Gruppe das typisch rote Land von Palau, worauf die Regierung eine Kokospflanzung angelegt hat. Die Erde ist aber nicht so günstig für die Kokospalme wie der Korallen-boden des Strandes.

Nach einer halben Stunde Fußweg wird von Ebert und seinen Begleitern das erste Eingeborenendorf mit der in der Nähe liegenden Kapuzinermissionsstation erreicht. Ebert fallen die wesentlich sorgfältiger hergestellten Häuser der in der Kultur den Jap-Leuten ansonsten ähn-lichen Palau-Leuten auf. In der Schule der Kapuziner sitzen neben den Kindern auch Erwachsene, darunter Frauen, auf den Schulbänken. Die Frauen zum Teil in ihrer heimischen Tracht, zum Teil in den üblichen Missionskitteln. Der Unterricht im Lesen, Schreiben, Rechnen und Erdkunde wird in Deutsch erteilt.

Auf der Nachbarinsel Babeldaob besichtigt Ebert die Ponape-Dörfer, wohin nach dem Aufstand auf Ponape vom Oktober 1910 bis zum Februar 1911 die Familien der Aufständischen umgesiedelt wurden. Beim Besuch Eberts sind sie mit Pflanzungsarbeiten beschäftigt.


Der deutsche Marineoffizier Fritz Witschetzky be-schreibt seinen Besuch auf den Palau-Inseln im Februar 1912:

»So üppige, und doch so graziöse Mädchen sieht man nirgends, ihr langes, bauschiges Grasröckchen steht ab wie eine Krinoline, und darin bewegen sie sich mit einer angeborenen Zierlichkeit. Sie, ebenso wie die Männer, sind von einer kindlichen Zutraulichkeit und Offenheit, und das glückliche Völkchen gewann mit einem Schlage alle unsere Herzen, als sie uns auf Deutsch mit freund-lichem „Guten Tag!“ begrüßten. Hier war die einzige Missionsstation in der ganzen deutschen Südsee, die die Eingeborenen unsere Muttersprache lehrte. Unser Kommandant besichtigte ihre Schule. Er konnte nicht genug von den Kenntnissen und dem guten Betragen der braunen Schüler und Schülerinnen erzählen, und am meisten hatte ihm das Aufsagen schöner deutscher Gedichte und das Singen deutscher Lieder gefallen.

Wir, das heißt der Navigationsoffizier, der Schiffsarzt und meine Wenigkeit, waren von Korrorhafen, wo der Cormoran geankert hatte, nach Baobeldaob gesegelt und wohnten einige Tage in dem verlassenen Holzhäus-chen eines japanischen Händlers mitten unter den Pa-lauleuten. Nirgends sieht man so große Bauten in der Südsee wie hier. Es sind die sogenannten Versamm-lungshäuser, in denen in bunten Malereien und Schnit-zereien alle Ereignisse wohl seit Jahrzehnten wie in ei-nem großen Geschichtsbuch aufgezeichnet sind. Viele Kanus kommen auf die Insel, mit Pfeil und Bogen wird geschossen. Gefangene Walfische sind erkennbar, eini-ge Dampfer sind besonders schön gemalt, drollig sehen die Europäer in gewaltigen Tropenhelmen aus, – alle Decksbalken und Pfeiler sind mit bunten Bildern be-deckt. Wir lebten dort von den Früchten des Landes, Kokosnüssen, Jam, Taro und Bananen. Nur Kommißbrot hatten wir von Bord mitgenommen, denn die süßliche Frucht des Brotfruchtbaumes bleibt gar zu leicht in Europäermägen stecken.«


Scheint das Leben auf den Palau-Inseln mit seiner tropischen Schönheit und der Freigiebigkeit der Natur an allem was der Mensch zum Leben braucht ein Paradies zu sein, so sind doch die unzähligen Gesetze und Sitten der Eingeborenen die reinste Zwangsjacke für sie. Alles ist kompliziert reglementiert. So besitzt zum Beispiel in der Vorstellung der Einheimischen jeder Gegenstand ein Geschlecht, entweder männlich oder weiblich. Gleich ob Baum, Topf, Messer, Feld, Feuer oder Tier ist alles männlich oder weiblich. Nur eine Person gleichen Geschlechts darf sich damit beschäftigen. Auf weiblichen Feldern dürfen nur Frauen arbeiten mit Ge-räten weiblichen Geschlechts. Weibliche Früchte dür-fen nur mit einem weiblichen Messer geschält werden und in einem weiblichen Topf über weiblichen Feuer geschmort werden und so weiter und so fort. All dieser Aberglauben macht das Leben, das so sorglos für sie sein könnte, äußerst schwierig.

Auch das ganze Herrschaftssystem ist für einen Außen-stehenden fast undurchschaubar. Die einflußreichsten Menschen sind in der komplizierten Mechanik der Machtausübung die Medizinmänner, auch wenn sie im Ranggefüge vielleicht keine Stellung haben. Als Beispiel mag eine Begebenheit aus dem Jahre 1937 dienen, als der Missionar Wilhelm Siemer von der Liebenzeller Mission, der mit seiner Familie auf den Palau-Inseln wohnt, ein übliches in aller Höflichkeit geführtes reli-giöses Streitgespräch mit einem Medizinmann führt. Der Missionar glaubt, wenn er diesen mächtigen Zau-berer bekehrt hat, wird die Bevölkerung ihm folgen. Doch dieser Zauberer ist ein mit allen Wassern gewa-schener versierter Gegner. Während des Streitge-sprächs vor der Hütte des Medizinmanns versammeln sich mehr und mehr Eingeborene um die beiden Män-ner. In der langen Auseinandersetzung fallen Sätze wie:

„Nun, mächtiger Rango-Et-su … hast du nachgedacht über alles, was ich dir von unserem Herrn Jesus Christus erzählt habe und vom Lieben Gott?“

„Wohl, geliebter Freund, unablässig habe ich darüber nachgedacht.“

„Und welchen Weg wies dich deine Weisheit … mächtiger Rango-Et-su?“

„Ich kam zu dem Schluß, großer Freund, daß dein Gott und sein guter Sohn mich nicht lieben …, nein … sie lieben mich nicht!“

„Du irrst dich, mächtiger Rango-Et-su, denn unser Vater im Himmel liebt alle Menschen, auch dich!“

„Weißt du es ganz gewiß, daß dein guter Gott mich liebt … ganz, ganz gewiß?“

„Er liebt dich, Rango-Et-su. Er hat es mir selbst gesagt, er liebt dich sogar sehr.“

„So, so, er liebt mich wirklich, dann ist es aber schade, daß er so wenig Macht in dieser Welt hat.“

Während also das Gespräch so vor sich hin plätschert und der Medizinmann noch vor den nun in einiger Zahl versammelten Dorfbewohnern die Machtlosigkeit des Christengottes beklagt, lächelt der alte Zauberer schließlich, schaut gen Himmel, auf das Meer und zu Boden, schließt die Augen und verharrt in kurzem Schweigen, während seine Leute ihn ehrfürchtig und still umstehen.

„Mein liebenswerter Freund“, sagt er sodann, die Augen wieder aufschlagend, „eben, als ich verstummte, sandte ich einen Boten meiner Seele zum Herrn des Donners, und er ließ mir künden, daß er zu mir sprechen wolle. Sobald die Sonnenkugel mit ihrem unteren Rand dort die Spitzen der Palme berühren wird! … Warten wir also schweigend.“

Das feierliche Gebahren des Alten und die Sicherheit, mit der er dies sagt, macht auch auf Hans-Otto Meiss-ner, dem gleichfalls anwesenden weitgereisten und weltgewandten Besucher des Missionars, Eindruck. Bald steht der sinkende Sonnenball über der Königspalme am Strand und alle schauen gebannt auf die Sonne wie sie die Spitzen der Palme erreicht. Dann erfolgt ein ein-ziger lauter Donnerschlag! Die Eingeborenen schreien auf und werfen sich nieder, Rango-Et-su aber verbeugt sich vor den beiden Deutschen und lächelt weltmän-nisch. Dann wendet er sich ernsten und erschöpften Antlitzes seinen Leuten zu:

„Viel Kraft hat der Donnergott mir aus dem Leibe ge-zogen, o Männer von Peliu und wenn ich bei Kräften bleiben soll, auch fürderhin den Göttern eure Wünsche hinaufzusenden, so bedarf ich dringend der Stärkung. Meine Seele möchte das duftende Fleisch eines ganz zarten Ferkels genießen … so wird sie wieder stark wer-den für euch … o Männer von Peliu!“

Schnellsten schlachten die Männer von Peliu ihrem Medizinmann ein junges Schwein und bereiten es ihm zu.

Der Missionar versucht seinem Gast das Geschehen zu erklären: „Ganz einfach, der alte Gauner verfügt über eine ungemein sensible Empfindung für alle Vorgänge in Natur und Witterung, eine Gabe, die wir Kultur-menschen gänzlich verloren haben. Die Wolkenbildung, der Feuchtigkeitsgehalt der Luft und anderes verriet ihm, daß es bald donnern werde.“

Ich, der Verfasser dieses Werkes, bin da anderer Mei-nung, wenn ich auch dem Missionar über die „sensible Empfindung“ des Zauberers zustimme, so bin ich auch geneigt den Zauberer für einen ernsthaften Vertreter seines Berufsstandes zu halten, der mehr Verbindung zu seiner Götterwelt hat als der „Kulturmensch“ aus deut-schen Landen, der auch keinen Beweis über einen ›Draht‹ zu seinem Gott vorweisen kann, außer der Lüge, daß Gott ihm selbst gesagt hätte, er würde den Zauberer lieben.


Abidul, der König von Palau, ist ein sehr gebildeter intelligenter Mann. Sein Haus auf Palau ist ein seltsam raffiniertes Gebäude. Nach außen hin scheint es eine große Eingeborenenhütte, innen jedoch ist es eine bürgerlich-deutsche Wohnung. Es gibt einen großen Bücherschrank mit Meyers Konversationslexikon, Westermanns Monatsheften, den Flottenkalendern und Goethes Werke. Dahinter steht ein silbergerahmtes Foto von Wilhelm II im Gespräch mit Abidul. Zweimal besucht er Deutschland und wird eben auch von Kaiser Wilhelm II empfangen. Abidul: „Seine Majestät waren so gütig, mir dieses Foto zu schenken, nachdem er mich während der Kieler Woche an Bord der Hohenzollern empfangen hatte. – Ich liebe ja so sehr die deutsche Musik und wollte die Festspiele in Bayreuth sehen. Aber ich war auch in Berlin, sogar im Palais de Danse. All die schönen Frauen wollten mit mir tanzen!“

Abidul hat ein weiteres Bild mit dem Kaiser in Garde-grenadieruniform. Das Bild ist signiert:

»Unserem getreuen König Abidul von Palau 

Wilhelm I. R.« 

Das I. R. steht für Imperator Rex = Deutscher Kaiser und König von Preußen.