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Politische Entwicklung Deutschlands

Das Deutsche Reich ist eine konstitutionelle Monarchie in der die gesetzgebende Gewalt zu gleichen Teilen und gemeinschaftlich von der Krone – dem Kaiser – und von der Volksvertretung – dem Reichstag – ausgeübt wird. An völkerrechtlichen Verträgen, sofern sie sich auf Ge-genstände wie Handel, Zölle und Verkehr beziehen, ist verfassungsgemäß auch der Reichstag beteiligt. Nur die Außenpolitik und die Kommandogewalt über die Streit-kräfte liegt alleinig beim Kaiser. Da die Kolonien zum Reich gehören stehen sie unter der Aufsicht des Reichs-tages.

Für die Einbringung von Gesetzen haben sowohl die Regierung als auch der Reichstag das Recht und beide Seite haben auch das Recht Gesetzesvorlagen der je-weils anderen Seite zu blockieren. Der Kaiser ernennt den Reichskanzler und die hohen Regierungsbeamten, die nicht dem Reichstag, sondern dem Kaiser verant-wortlich sind. Regierungsakte kann der Kaiser aber nur vornehmen, wenn der Kanzler sie gegenzeichnet. Der Kanzler und seine Regierung sind zwar nicht dem Reichstag verantwortlich, aber er oder einer seiner Minister – Staatssekretäre genannt – müssen über das Interpellationsrecht des Reichstages auf Verlangen der Volksvertretung ihr über Regierungshandlungen Rede und Antwort stehen.

In der Wirklichkeit des politischen Lebens in Deutsch-land verschiebt sich das Machtgefüge mehr und mehr zum frei vom Volk gewählten Reichstag. Der Kaiser er-nennt zwar den Kanzler, aber ein Kanzler, der keine Mehrheit im Reichstag hat, kann auch keine Gesetze durchbringen. So muß der Kaiser einen Kanzler ernen-nen, der auch über eine Mehrheit im Reichstag verfügt.

Der entscheidende Hebel des Reichstages gegen die Regierung ist sein Recht der Budgetbewilligung. Alle Gelder, die die Regierung verausgaben will – und der Bedarf an Geld der Reichsregierung wird ständig größer, was den Einfluß des Reichstages damit auch ständig erhöht – müssen vom Reichstag genehmigt werden. Und so hat der Reichstag auch Einfluß auf das Militär, dessen Gelder ebenfalls vom deutschen Parlament genehmigt werden müssen.

Spätestens mit der Daily Telegraph-Affäre vom Oktober 1908 wird der Kaiser aus den wichtigen Entscheidungen der deutschen Politik ausgeschaltet. Der Reichskanzler Bernhard von Bülow hat den Kaiser mit dieser Affäre brüskiert und ihn so weit wie möglich aus der deutschen Politik entfernt.

Der Kaiser mußte schon alle seine Veröffentlichungen vorab dem Kanzler zur Begutachtung und Freigabe vor-legen. Bei der Daily Telegraph-Affäre hat Wilhelm ei-nem englischen Offizier freimütig seine Meinungen zu den verschiedensten Themen gegeben und da der Eng-länder um das Recht der Veröffentlichung dieser Ge-spräche bittet, gehen sie zunächst zum Reichskanzler, der sie liest, und anstatt Korrekturen vorzunehmen winkt er sie durch. Der Kaiser wird mit seinen undi-plomatischen Aussagen vor der Welt düpiert als sie im Daily Telegraph erscheinen.

Im Reichstag erklärt Bülow, daß die vom Kaiser nicht gewollte Wirkung seines Interviews diesen dazu führen würde, „fernerhin auch in Privatgesprächen jene Zurückhaltung zu beobachten, die im Interesse einer einheitlichen Politik und für die Autorität der Krone gleich unentbehrlich ist. Wäre dem nicht so, so könnte weder ich noch einer meiner Nachfolger die Verant-wortung tragen.“

Selbst seine geliebte Marine, deren Oberbefehlshaber er, der Kaiser, ja laut Verfassung ist, schaltet ihn aus den Entscheidungsgängen nach 1908 aus und alle wichtigen Informationen werden systematisch von der Marinefüh-rung von ihm ferngehalten. Das demokratischste Land unter den Großmächten hat seinen Kaiser durch diese Schritte weiter entmachtet und geht den Weg zur völli-gen Demokratisierung des Landes durch die alleinige Machtausübung durch den Reichstag. Der Kaiser ver-steht die Zeichen der Zeit und begnügt sich fortan weit-gehend mit der Position eines repräsentativen Staats-oberhauptes.


Es gibt fünf Parteien, die den Reichstag besetzen. Die Deutschkonservative Partei ist die Partei der preußi-schen Junker und ihrer Anhängerschaft. Die Junker haben seit vielen Jahrhunderten die Herrschaft im ost-elbischen Preußen. Die Linksliberalen und die Rechts-liberalen haben ihren Ursprung im liberalen Südwest-deutschland des 19. Jahrhunderts. Die Sozialdemokrati-sche Partei ist das Kind der Industrialisierung und erfaßt große Teile der neuentstandenen Industriearbeiter-schaft. Die Zentrumspartei ist 1870 von den Katholiken gegründet worden und gegen die Liberalen und das evangelische Preußen gerichtet.

Das statt vier fünf Parteien im Reichstag sitzen hat seinen Ursprung im nur halb gelungenen Aufstand Deutschlands gegen die Katholische Kirche im 16. Jahr-hundert, die in der Gegenreformation viel verlorenes Terrain, wie etwa Bayern, zurückgewinnen konnte. Die-se Splitterung in der Parteienlandschaft hält die Macht-übernahme des Reichstages gegen die von der Krone eingesetzte Regierung auf, da sich keine Regierungs-mehrheiten im Fünfparteiensystem finden lassen und die einzelnen Parteien auf Grund ihrer relativen Schwä-che auch gar nicht an eine Beteiligung an der Regierung denken. Die vom Kaiser eingesetzte Regierung muß aber für jedes Gesetz, das sie durchbringen will, immer nach einer Mehrheit im Parlament suchen und so können die Parteien ihre Macht ausspielen. Wenn aber der Reichs-tag selbst die Regierung wählt, fürchten die Parteien, vielleicht als eine Oppositionspartei hoffnungslos gegen die Regierungsparteien mit ihrer beständigen Mehrheit zu stehen und stark an Einfluß auf die Regierung zu verlieren. Zudem wollen nur die SPD und die Links-liberalen eine weitere Parlamentarisierung des Regie-rungssystems in Deutschland, während die anderen Par-teien die konstitutionelle Monarchie erhalten wollen.


Die Reichstagswahl vom Januar 1912 ist ein Vorzeichen für die weitere politische Entwicklung Deutschlands. Die Wahlbeteiligung hat einen Rekord von 84,5 % erreicht und die SPD hat 34,8 % aller Stimmen, das Zentrum als zweitstärkste Partei 16,4 %, die Nationalliberale Partei (Rechtsliberale) 13,6 %, die Fortschrittliche Volkspartei (Linksliberale) 12,3 % und die Deutschkonservative Par-tei 8,5 %. Bei der vorherigen Reichstagswahl von 1907 hatte die SPD als stärkste Partei 28,9 % und das Zentrum als zweitstärkste Partei 19,4 % erreicht.

Bei der beständigen Demokratisierung des Reiches ist die SPD, die in ihren Anfängen noch die Revolution gegen die Monarchie wollte, nun mit der Arbeiterschaft zum festen Bestandteil des Deutschen Reiches und zu ihrer größten Partei geworden. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands geht nun den Weg der kleinen Schritte hin zur völligen Parlamentsherrschaft in Deutschland, die sie absehbar in die Regierung über das Land bringen wird. Die SPD hat kein Programm für die Umgestaltung zur reinen Parlamentsherrschaft, son-dern stellt seit ihrem Wahlsieg von 1907 wiederholt For-derungen für ein rein parlamentarisches Regierungs-system. So verlangt man unter anderem die Entlassung des Reichskanzlers auf Beschluß der Reichstagsmehr-heit, volle parlamentarische Verantwortlichkeit des Reichskanzlers und der Staatssekretäre, Bildung eines Reichstagsausschusses zur Kontrolle der auswärtigen Politik, Mitentscheidung der Volksvertretung über Krieg und Frieden, Zustimmung des Reichstags zu allen Staatsverträgen. Aber von der SPD wird auch immer wie-der klar gemacht, daß man an einer von den bürgerli-chen Parteien getragenen Regierung nicht teilnehmen will. Als der SPD-Abgeordnete Georg Ledebour in der Reichstagsdebatte im Dezember 1908 über die Daily Telegraph-Affäre des Kaisers fordert, daß die Minister aus der Reichstagsmehrheit genommen werden sollten, wird er von rechts von einem Zwischenrufer unterbro-chen: »Sie wollen wohl Minister werden?« Ledebour er-widert: »Wir kommen selbstverständlich dabei absolut nicht in Betracht, denn wir würden in einer Koalition mit den bürgerlichen Parteien zur Bildung eines Mini-steriums nicht eintreten; aber ich hoffe doch, daß Sie soviel Selbstwertgefühl haben, daß sie sich zutrauen, das auch ohne uns machen zu können.« Die gegnerischen Parteien sollen also für die SPD Schrittmacherdienste leisten, damit die Sozialdemokraten, wenn sie einstmals die Mehrheit im Reichstag haben, die Ernte einfahren können.

Die volle Parlamentsherrschaft in Deutschland wird also spätestens seit 1907 ernsthaft erwogen und nicht zufällig bilden sich nun auch vermehrt Kräfte, die diese völlige Herrschaft des Reichstages über das Land verhindern wollen, eben weil der Weg zur Übernahme auch der Regierungsbildung und der Außenpolitik durch die Volksvertretung schon vorgezeichnet ist.

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Wissenschaft und Expeditionen

Die deutschen völkerkundlichen Museen suchen in den Kolonien nach Gegenständen für ihre Sammlungen und sprechen dafür die deutschen Behörden in den Schutz-gebieten an, um solche Exponate erwerben zu können. So wird der Polizeimeister der 1908 gegründeten Polizei-station Morobe im Kaiser-Wilhelms-Land auf Neugui-nea um die Beschaffung von Muschelgeld angegangen.

Der Polizeimeister sagt 1911 zu deutschen Marineoffi-zieren: „Das ist etwas sehr Seltenes, die Museen schrei-ben mir fortwährend, ich solle ihnen Muschelgeld be-schaffen.“

Mit den Marineoffizieren geht der Polizeimeister auf Einkaufstour bei den Einheimischen. Ein Offizier fragt den Polizeimeister:

„Aber sagen Sie mal, was wollen sie eigentlich mit dem Packen Zeitungspapier, den sie mitschleppen?“

„Das ist unser Geld, damit handeln wir die schönsten Sachen ein; passen Sie mal auf!“

„Für Zeitungspapier? Was macht denn das Volk damit?“

„Das wird hierzulande geraucht! Ein Hochgenuß für Mann und Frau so eine Zigarre aus zusammengerolltem Zeitungspapier. Sie müssen aber ordentlich sparsam da-mit sein und nicht gleich für jeden Speer einen ganzen Bogen geben. Eine kleine Ecke tut’s auch. Sonst langen wir nicht mit dem Papier. Und dann noch eins, Drucker-schwärze ist besonders beliebt. Bogen mit fetten schwar-zen Rändern, Traueranzeigen und dicke Reklameschrif-ten, das sind Goldstücke. Dafür können sie meterweise Muschelgeld bekommen.“

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Kolonialleben in Deutschland

Die auffallendste Erscheinung der kolonialen Welt in Deutschland sind die Kolonialwarenläden. Jede Klein-stadt hat einen Kolonialwarenladen und je größer die Stadt, desto mehr von ihnen finden sich. So hat etwa das 800-Seelendorf Helsen in Waldeck seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einen Kolonialwarenladen und 1901 ge-sellt sich ein zweiter, kleinerer Kolonialwarenladen hinzu. Oft gibt es auch Geschäfte, die zum Beispiel Lebensmittel oder andere Artikel und Kolonialwaren anbieten.

In den Kolonialwarengeschäften werden überseeische Lebens- und Genußmittel wie Reis, Zucker, Kaffee, Kakao, Tee, Gewürze und Tabak verkauft, aber auch Petroleum. Um 1900 hat der Siegeszug des elektrischen Lichts in den Haushalten der Oberschicht längst be-gonnen, aber in den bürgerlichen Haushalten werden noch größtenteils Petroleumlampen verwendet. In den »feineren« Gegenden einer Stadt, sieht man häufig Hausfrauen und Kinder mit der Petroleumkanne in der Hand über die Straße eilen. Ein Petroleumreservoir mit der nach Litern eingeteilten Meß-Skala an der Außen-seite gehört zum notwendigen Bestandteil der Droge-rien und Kolonialwarenläden.

Das größte deutsche Kolonialwarenladen-Unternehmen ist um 1900 das Deutsche Kolonialhaus von Bruno Antelmann mit über 400 Verkaufsstellen in deutschen Städten. Antelmann hat sich auf Kolonialwaren aus den deutschen Kolonien spezialisiert. Das Unternehmen hat seinen Sitz in der Berliner Mitte in der Jerusalemer Straße 28. 1903 zieht Antelmann in das von ihm neu errichtet große und prächtige Deutsche Kolonialhaus in der Lützowstraße 89–90 im Westen Berlins im Stadtteil Tiergarten um. Die Architektur orientiert sich an ko-lonialen Motiven: Die orientalisch aussehende Front mit hochaufragender Kuppel wird von Statuen berittener Elefanten, Löwen, afrikanischen Kriegern und den Namen der deutschen Kolonien geschmückt. Auch die Innenausstattung ist kolonial-inspiriert, wie die Decken-gemälde. Der Gebäudekomplex beherbergt Geschäfts- und Lagerräume, aber auch einen großen Verwaltungs-apparat, der sich wiederum in Aufsichtsrat, die Expe-ditionsabteilung (Organisation von Verpackung und Versand), sowie die Werbe-Abteilung für die reichs-weite Werbung organisiert.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. 1898 schließen sich 21 Kaufleute aus ganz Deutschland im Berliner Halle-schen Tor-Bezirk zur Einkaufsgenossenschaft der Kolo-nialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin – kurz E.d.K. – zusammen. Das Unternehmen wächst und gedeiht und nennt sich seit 1911 Edeka. 1914 erwirt-schaften die 72 dem Verband angehörende Genossen-schaften einen Umsatz von 10 Millionen Mark.





Im Sommer 1907 ist der Abidul, der König der im Pazifik liegenden Palau-Inseln, die zum deutschen Kolonial-reich gehören, auf Einladung des deutschen Kaisers zu Besuch in Deutschland. Der König von Palau wird bei Hofe in Berlin empfangen, Besuche in Potsdam, Logen-platz in der Oper, Ehrengast bei der Kaiserparade auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Auch eine Rundreise durch Deutschland gehört zum Programm. Es ist eine von zwei Reisen, die der Abidul nach Deutschland unternimmt.

Auch diesem hochrangigen Untertanen des Kaisers wird die Macht und Herrlichkeit des Reiches vor Augen geführt und hinterläßt den besten Eindruck; eben glücklich sein zu können, den Schutz und die Fürsorge der Deutschen Reiches zu genießen.


Tausende Rückkehrer aus den Kolonien, hauptsächlich Soldaten und Beamte und Leute die sich in den Kolo-nien aufgehalten haben wie etwa Seemänner und Wissenschaftler, erzählen in ihrem Umfeld von ihren Erlebnissen und reizen die Phantasie besonders auch von Kindern und Jugendlichen an und so kommt es vor, daß die Heimkehrer dazu beitragen, daß Menschen in die Kolonien gehen.

Karl Viehweg aus Quedlinburg ist durch die Erzäh-lungen seines Cousins Leo Frobenius, einem Afrika-forscher, so begeistert, daß er auch nach Afrika will. Die nächste Möglichkeit für den jungen Mann ist zwar nicht Afrika, aber in Berlin bekommt er bei der dort ansässi-gen Neuguinea Kompagnie eine Anstellung in deren Südseeplantagen. 1906 reist er nach Deutsch Neuguinea zum Antritt seiner Arbeit. Nach dem Ablauf seines Ver-trages kehrt er trotz eines guten Angebotes der Neu-guinea Kompagnie, die Leitung großer Plantagen zu übernehmen, nach Deutschland zurück.

Es treibt ihn nach Afrika und mit dem in Neuguinea auf den dortigen Pflanzungen erworbenen Wissen will er eine eigene Kautschukpflanzung in Deutsch Ostafri-ka aufbauen.

1910 geht Karl Viehweg dann nach Deutsch Ostafrika und siedelt sich dort als Pflanzer fest an.

Nicht wenige Ansiedler in den deutschen Kolonien sind so durch Verwandte und Bekannte in ihre neue Heimat gekommen.


1906 erscheint das Buch Blätter und Briefe eines Arztes aus dem tropischen Deutschafrika. 1910 erscheint die zweite Auflage des Buches und in dessem Vorwort schreibt sein Autor Dr. Ludwig Külz:

»Ich habe nichts an dem Texte des Buches geändert. Es wird hoffentlich auch heute noch in seiner ursprüng-lichen Gestalt nicht ohne Interesse sein. Denn wie der Stand unserer kolonialen Entwicklung heute ist, wissen daheim die meisten; wie er vor kurzem noch war, das werden bald nur noch wenige wissen.«

Külz ist seit 1902 in Togo und dann seit 1905 in Kamerun Regierungsarzt. Er ist auf Reisen in den Kolonien und sieht ihre schnelle Veränderung selbst mit an und so ist die Zeit von 1902 oder 1905 für 1907 oder 1910 in die Kolonien Gegangene schon nur noch in Büchern oder in Erzählungen der seiner Zeit in den Kolonien anwe-senden Deutschen zu finden.

Da in den Jahren um die Jahrhundertwende noch ver-hältnismäßig wenige Deutsche in den Kolonien sind, und oft vertraglich nur für zwei Jahre, und durch die hohe Sterberate hauptsächlich durch Tropenkrankhei-ten sich auch noch ihre Zahl stark verringert hat, sind etwa 1910 kaum noch Deutsche in den Kolonien die auch 1905 oder gar 1900 dort waren und wenn dann haupt-sächlich Siedler und Missionare.


1910 erscheint das zweibändige Werk Die Deutschen Kolonien in Farbenphotographie. Der Carl Weller Ver-lag hatte dafür Expeditionen nach Afrika und in den Fernen Osten entsandt und 250 Farbaufnahmen von die-sen Foto-Expeditionen für die Buchausgabe ausgewählt und mit erläuternden Texten versehen.

Das große finanzielle Risiko für den Verlag macht sich bezahlt. Das Werk wird für sagenhafte 220 Reichsmark angeboten; daß durchschnittliche Monatseinkommen eines Industriearbeiters beträgt 120 Mark.

1911 erscheint eine preiswerte Volksausgabe mit 80 Farbfotos aus dem doppelbändigen Werk in einer Auf-lage von 20.000 Stück.

Bereits 1912 ist auch die Volksausgabe des kolonialen Fotowerks vergriffen und weiter 20.000 Stück werden gedruckt. 1914 folgen nochmals 20.000 Exemplare der Volksausgabe. Gleichzeitig bringt der Verlag Sammel-alben, Portkarten sowie in Papiertaschen zusammen-gefaßte kleinformatige Einzelbilder heraus.


Freiherr Spiegel von und zu Peckelsheim, der Anfang 1911 einer der Kommandeure der Truppen zur Nieder-schlagung des Jokoj-Aufstandes auf der Pazifikinsel Ponape war, schreibt 1912 im Vorwort zu seinem Buch Kriegsbilder aus Ponape über den Aufstand über seine schwarzen Soldaten aus Neuguinea:

»Und noch eins! Ihr meine „schwarzen Jungens“ aus Neuguinea sollt nicht vergessen werden. Auch ihr gehört an diese Stelle, denn auch ihr seid deutsche Untertanen und habt mit eurem Blut bewiesen, daß ihr dessen würdig seid. Darum widmet euch euer Chiap aus Ponape, dem ihr so oft das Leben beschützt habt, manche Seite seines Buches. Und wenn ihr selbst es auch nicht lesen könnt und nie etwas davon erfahrt, so wird es doch den weißen Misters und Misses, denen mein Buch in die Hände fällt, zeigen, daß auch unter eurer schwarzen Haut treue Herzen schlagen und ihr gar nicht die Kannibalen seid, für die man euch hier [in Deutschland] hält.

 …

Als dann der vorletzte Februartag, der Tag des Ab-schieds, kam und eure vierhundert schwarzen Fäuste sich mir entgegenstreckten: „good-bye, Chiap! good-bye, master!“, da habe ich mir versprochen, euch ein kleines Denkmal zu setzen, damit ihr nicht fehlt in der Geschichte derer, die je für unser Vaterland gestritten und geblutet haben.«


Als 1908 in Südwestafrika große Diamantenfunde ge-macht werden wird ein Chemiker aus Berlin, der als Sachverständiger für Diamanten gilt, von einer Berg-baufirma als Gutachter nach Südwestafrika geschickt. Dort gelingt es ihm mit Hilfe einiger Komplizen größere Mengen Rohdiamanten zur Seite zu schaffen und an deutsche und ausländische Schleifereien weiterzuleiten. Die Berliner Kriminalpolizei ermittelt, daß der Chemi-ker durch Kontaktleute in Dresden, Leipzig, Zittau und Breslau seine Ware an den Mann zu bringen sucht. Aus seinen Gewinnen kauft sich Chemiker Heim in Groß-Lichterfelde bei Berlin eine Villa. Schließlich wird Heim auf offener Straße von der Kriminalpolizei verhaftet. Er bittet, noch einmal seine Villa kurz aufsuchen zu dürfen, um den dort tätigen Handwerkern ein paar Anweisun-gen geben zu können, was auch erlaubt wird. Heim nutzt die Gelegenheit und springt in einem Fluchtversuch aus acht Metern Höhe aus einem Fenster in den Garten, erleidet dabei aber schwere Verletzungen und wird ins Gefängnis-Krankenhaus eingeliefert. In seiner Villa und bei seinem Verwandten findet man Diamanten im Wert von 200 Karat. Es sind vor allem seltene und wertvolle Stücke in mehreren Farben. In seinen Unterlagen findet sich auch, daß seine Komplizen ihm aus Südwest in unauffällig getarnten Sendungen ständig neue Diaman-ten schicken.

Vor der Verhandlung begeht der Häftling Heim in sei-ner Zelle Selbstmord. Hätte er die Rechtslage gekannt, hätte er gewußt, daß ihm eine doch nur verhältnismäßig geringe Strafe erwartet hätte.


Fernreisen werden für die Oberschicht in Europa immer beliebter. So ist zum Beispiel das unter britischer Herr-schaft stehende Ägypten ein Reiseziel. Kairo, Luxor, Tempel und Pyramiden sind schon seit langem Reise-ziele und nun lassen Touristikunternehmen in Oasen Zeltlager errichten, wo reiche Europäer nach der Wer-bung in der reinen Wüstenluft ihren Lungen Gutes tun und in der südlichen Sonne ihre Nerven wiederher-stellen können und sich die Zeit mit Sport, Kamelritten und Jagden auf Füchse, Geier und Schakale vertreiben können.

In deutschen Zeitungen wird von den Ägyptischen Staats-Eisenbahnen geworben:

ÄGYPTEN nur 4 TAGE von BERLIN

In der Anzeige aus dem Jahre 1911 bieten die ägyptischen Bahnen I. Klasse Fahrten in beide Richtungen an:

Port Said-Cairo 4 Stunden 20 Mark / Alexandrien-Cairo 3 Stunden 18,40 Mark / Luxor-Assuan 6½ Stunden 18,70 Mark / Cairo-Luxor 13½ Stunden 43,20 Mark


Über die Zentralauskunftsstelle für Auswanderer in Ber-lin, die im Gebäude der Deutschen Kolonialgesellschaft Am Karlsbad 10 nahe der Potsdamer Straße im Ortsteil Tiergarten gelegen ist, wird 1913 berichtet:

»Über die Wirksamkeit der Zentralauskunftsstelle für Auswanderer herrscht durchweg noch eine falsche Vor-stellung. Man begegnet fast überall der Meinung, die Zentralauskunftsstelle für Auswanderer sei eine Ein-richtung zur Beförderung der Besiedlung der Reichs-kolonien und befasse sich nur so nebenbei auch mit anderen Auswanderungsgebieten. Diese Meinung ist grundfalsch; die Zentralauskunftsstelle für Auswande-rer gibt nicht nur Auskunft über die Ansiedlungsmög-lichkeiten in sämtlichen Ländern und Staaten außerhalb der deutschen Reichsgrenzen, sondern sie ist auch in der Lage, genauen Aufschluß über die Aussichten der einzelnen Berufe wie Kaufleute, Handwerker, Landwirte usw., im überseeischen Auslande zu erteilen.«

Darüber hinaus ist der Rat der Zentralauskunftsstelle kostenlos und kann mündlich oder schriftlich erteilt werden. Zu etwa 80 % sind die Anfragen schriftlich.  

Für das Vierteljahr vom 1. Juli bis 30. September 1912 gibt es 6679 Anfragen bei der Zentralauskunftsstelle. Bei den außerdeutschen Auswanderungsgebieten steht Brasili-en an der Spitze mit 1120 Anfragen. An zweiter Stelle steht Argentinien mit 719 Anfragen. Die dritte Stelle be-legt Kanada mit 414 Anfragen, dann folgen die USA mit 409 Anfragen.

3007 Anfragen beziehen sich auf die deutschen Kolo-nien. Davon auf Südwestafrika 1010, auf Ostafrika 580, Kamerun 128, Togo 52, auf die deutschen Kolonien in Afrika im allgemeinen 193, Kiautschou 84, Samoa 70, Deutsch Neuguinea 42, die Karolinen, Palau und die Marianen 14. aus den Zahlen ist zu ersehen, daß von den Kolonien Südwestafrika die größte Anziehung für Aus-wanderer hat und Ostafrika an zweiter Stelle steht.


Ein Artikel im Jahreskalender 1914 der Gartenlaube heißt Der neue deutsche Edelstein und beginnt mit dem Text:

»Deutsch-Südwestafrika, unsere sooft mit unrecht ge-schmähte Kolonie, der wir schon recht erhebliche Dia-mantfunde verdanken, hat der Welt einen neuen Edel-stein geschenkt, den „Heliodor“…«

Diese Edelsteinart wird 1910 zufällig in Südwest gefun-den und man läßt den Stein in Deutschland schleifen. Er stellt sich als ein »klarer, hellblauer Aquamarin von prächtigem Glanz« heraus.

»Daraufhin belegte die Deutsche Kolonialgesellschaft die Felder um Rössing«. Rössing liegt an der Bahnlinie Swakopmund-Windhuk.

Als besondere Varietät des neuentdeckten Edelsteins gilt die goldgelbe Farbvariante, von der sich aber nur ganz vereinzelt »Nester« im Abbaugebiet finden. »Bisher sind nur ganz geringe Mengen dieses neuen Edelsteins gefunden worden und nach Deutschland gelangt.«

Für den Kaiser und die Kaiserin werden ein paar Stücke des »bisher unbekannten Edelsteins« in Schmuckstücke verwandelt wie ein »Heliodorkreuz« für die Kaiserin. »Die das Kreuz schmückenden Brillanten stammen ebenfalls aus Deutsch-Südwestafrika.«

Weiter steht im Jahreskalender der Gartenlaube zu le-sen: »Es wird hoffentlich nicht lange dauern, bis weitere Heliodore gefunden sind und in den Handel kommen, um schnell die Herzen unserer Damen zu erobern, die diesen im wahrsten Sinn des Wortes deutschen Edel-stein gern tragen werden. Einstweilen erglänzen die schönsten Steine im Kreuz der Kaiserin, und selbst Brillanten können ihren Glanz nicht überstrahlen. Wann es möglich sein wird, diesen deutschen Edelstein der Damenwelt zur Verfügung zu stellen, muß die Zukunft lehren.«


Die Berliner Zeitung meldet am 8. Oktober 1914:

»Noch im letzten Monat hat die afrikanische Abteilung des Berliner Museums für Völkerkunde als Geschenk von der Logone-Pama-Grenzexpedition, Hauptmann Bartsch, Hauptmann Tiller, Oberleutnant Ebert, Dr. Houy, eine sehr schöne Sammlung von etwa 400 Nummern aus Ostkamerun erhalten. Sie stammen hauptsächlich von den Lakka, Talli und Bara. Ober-leutnant Naumann schenkte einige Ethnographika aus demselben Gebiet.«

Die Logone-Pama-Grenzexpedition fand vom Januar bis zum August 1913 statt als Teil der Expeditionen zur Grenzfestlegung zwischen Neukamerun und Franzö-sisch Äquatorialafrika.

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Die neue Kolonialpolitik II

Sehr bedeutend für die deutsche Kolonialpolitik ist die Aufsicht des Reichstages über die Geschehnisse in den Kolonien. Durch das Interpellationsrecht des Reichsta-ges ist die Regierung gezwungen bei Anfragen der Volksvertretung durch das zuständige Regierungsmit-glied Rede und Antwort zu stehen. Gerade weil der Reichstag die Regierung über die Kolonialpolitik angrei-fen kann ist natürlich der in Opposition zur Regierung stehende Teil des Reichstages sehr bemüht alle Unstim-migkeiten in den Kolonien aufzudecken und gegen die Regierung zu verwenden. Aus der Erfahrung mit dieser möglichen Angriffsweise auf die Regierung, etwa 1905/06 durch den Abgeordneten Matthias Erzberger gegen die seinerzeitigen Kolonialskandale, ist die Regie-rung natürlich bemüht möglichst erst gar keine Ereig-nisse in den Kolonien oder ihrer Verwaltung in Deutsch-land aufkommen zu lassen, die vom Reichstag gegen sie verwendet werden könnten. Weder der Reichskanzler, noch sein Staatssekretär für die Kolonien, wollen für Fehler in den kolonialen Politik vor dem Parlament auf-treten müssen.

Diese öffentliche Zurschaustellung der Lage in den Schutzgebieten durch den Reichstag zwingt die Regie-rung von vornherein sehr wachsam bei allen Angele-genheiten der Schutzgebiete zu sein. Die parlamenta-rische Kontrolle über das Kolonialreich ist eine sehr wirkungsvolle Methode zur Bekämpfung von Korrup-tion und Mißwirtschaft in den Kolonien. Eben auch die Überwachung der Angelegenheiten in den Schutzge-bieten durch die Volksvertretung läßt die deutschen Kolonien die bestverwalteten und bestbewirtschafteten Kolonien aller Kolonialreiche werden.


Im Februar 1908 schickt Kolonialstaatssekretär Bern-hard Dernburg der Budgetkommission des Reichstages – dem Finanzausschuß des Parlamentes – einen Bericht, in dem über Deutsch Ostafrika steht, »daß die Pflanzer im Krieg mit jedermann stehen, mit mir selbst, mit der Regierung, mit den örtlichen Beamten und schließlich mit den Eingeborenen. Es macht einen sehr ungünsti-gen Eindruck, so viele weiße Leute mit Nilpferdpeit-schen umherlaufen zu sehen«.

Am 18. Februar 1908 berichtet Dernburg selbst der Budgetkommission des Reichstags über die Afrikako-lonien:

„Meine Herren, ich stelle den Satz an die Spitze, den die Petition der Farmer in Ostafrika auch trägt, nämlich daß das wichtigste Aktivum in Afrika der Eingeborene ist … Was ist denn die Situation der Eingeborenen draußen? Jede Betätigung der Weißen führt ihn natürlich mit dem Schwarzen zusammen. Nur mit ihm kann er seinen Bo-den bestellen lassen und nur mit ihm den Handel trei-ben. Ohne ihn wäre jede Kolonisation Ostafrikas ganz ausgeschlossen … Wir müssen eine kräftige, gerechte, vertrauenswerte Verwaltung dort einführen und halten und vor allen Dingen den Leuten beibringen, daß sie von der deutschen Herrschaft einen Vorteil haben. Das ist ihnen sehr schwer beizubringen, schon deshalb, weil die Vorteile, die sie bisher gehabt haben, sehr gering waren gegenüber den Nachteilen … An der Küste macht es einen unangenehmen Eindruck, daß so viele Weiße mit der Peitsche spazieren gehen … Jeder Weiße hat ein gewisses Züchtigungsrecht gegenüber seinen Dienst-boten, Arbeitern und so weiter … [Es ist schwierig] Schwarze, die im Innern als freie Bauern ein Leben nach ihrem Gusto führen, in die Plantagen zu bringen … Ich habe bereits oben gesagt, daß die Prügelstrafe als solche nicht entbehrlich ist … Ich bin dabei gewesen und habe es mir angesehen. Es ist natürlich unangenehm. Aber ich habe es mir viel ekelhafter vorgestellt, als ich es gefunden habe.“


In den Kolonien gelten alle Gesetze und Gesetzeswerke des Reiches, mit den besonderen Ausnahmen für die Verhältnisse im jeweiligen Schutzgebiet. Der Rechts-wissenschaftler Professor Edgar Loening schreibt in seinem Buch Grundzüge der Verfassung des Deutschen Reiches in der Auflage von 1909:

»Die Eingeborenen aller Schutzgebiete sind gegenwärtig noch durch eine tiefe Kluft von der christlich-euro-päischen Zivilisation getrennt. Wie ihnen jedes Ver-ständnis für unser ausgebildetes und deshalb auch ver-wickeltes Rechtssystem fehlt, so ist es auch ganz un-möglich, sie dem in Deutschland geltendem Rechte zu unterwerfen. Das Reichsrecht, das preußische Allgemei-ne Landrecht und die zu deren Abänderung und Ergän-zung erlassenen kaiserlichen Verordnungen finden des-halb auch auf sie wie auf die Angehörigen fremder far-biger Stämme keine Anwendung. Sie unterstehen ihrem Stammesrecht, und dem Kaiser bleibt es vorbehalten, durch Verordnungen das Stammesrecht nach und nach umzubilden und, soweit es die Fortschritte, die die Zivi-lisation der Eingeborenen macht, erlauben, unserem Rechte anzunähern.

Die Eingeborenen sind zwar Untertanen des Reiches, aber sie sind nicht Reichsangehörige. Sie haben weder deren Rechte noch Pflichten. Wohl aber kann der Reichskanzler oder ein von ihm hiermit beauftragter kaiserlicher Beamter einzelnen Eingeborenen, sowie einzelnen Ausländern, die sich in den Schutzgebieten niedergelassen haben, die Reichsangehörigkeit verlei-hen.«

Weiter heißt es: »In Kamerun und Togo sowie auf Samoa hat das Reich den Häuptlingen der dortigen Stämme einzelne Herrschaftsrechte belassen. Sie sind berech-tigt, die bisherigen Abgaben weiter zu erheben und über ihre Stammesangehörigen die Gerichtsbarkeit auszuü-ben. Aber auch diese Häuptlinge sind Untertanen des Reiches, unterstehen dessen Gewalt und Gerichtsbar-keit und üben nicht eine territoriale Landeshoheit, son-dern nur einzelne Herrschaftsrechte über ihren Stamm aus.«

Über die Finanzverwaltung der Kolonien schreibt der Rechtswissenschaftler Loening in seinem Buch:

»Die Kosten der Zentralverwaltung, die durch den Reichskanzler und die ihm unterstehenden Behörden in Berlin geführt wird, werden von dem Reiche nach Maß-gabe des Reichshaushalts-Etatgesetzes bestritten. Im übrigen aber ist die Finanzwirtschaft der einzelnen Schutzgebiete von der des Reiches getrennt. Jedes Schutzgebiet hat ein von dem Vermögen des Reiches gesondertes Vermögen mit juristischer Persönlichkeit. Es hat seine eigenen Einnahmen und Ausgaben. Für die aus der Verwaltung bestehenden Verbindlichkeiten haf-tet nur das Vermögen des Schutzgebietes. Die Einnah-men bestehen aus den vom Kaiser angeordneten Zöllen, Steuern und Gebühren. Die Schutzgebiete gehören nicht zum deutschen Zollgebiete. Waren, die aus Deutschland eingeführt werden, sind ebenso zollpflich-tig wie Waren, die aus den Schutzgebieten nach Deutschland eingeführt werden. Doch genießen letztere nach dem Beschluß des Bundesrates vom 2. Juni 1893 die Vorteile der Meistbegünstigung. Alle Einnahmen und Ausgaben der Schutzgebiete müssen jährlich veran-schlagt werden und auf den Etat der Schutzgebiete gebracht werden, der durch Reichsgesetz festgestellt wird. Auch hat der Reichskanzler über die Verwendung aller Einnahmen jährlich dem Bundesrate und dem Reichstage zur Entlastung Rechnung zu legen. Dadurch ist dem Bundesrate und dem Reichstage die Möglichkeit gegeben, jedes Jahr die gesamte Verwaltung der Schutz-gebiete einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Die Schutzgebiete sind aber noch weit davon entfernt, die Kosten ihrer Verwaltung aus eigenen Einnahmen be-streiten zu können. Nach dem Reichsgesetz vom 4. April 1909, durch welches der Haushaltsetat für die Schutz-gebiete für das Rechnungsjahr 1909 festgestellt worden ist, sind die ordentlichen Ausgaben für sämtliche Schutzgebiete auf 68.623.530 Mark veranschlagt. Davon werden aber aus den eigenen Einnahmen der Schutz-gebiete nur 36.191.640 Mark gedeckt, während die Zu-schüsse, die das Reich zu zahlen hat, auf 32.431.890 Mark berechnet sind. Nur Togo, das Inselgebiet (die Karoli-nen, Palau-, Marianen- und Marschallinseln) und Samoa vermögen aus ihren eigenen Einnahmen ihre Ausgaben zu decken. Den größten Zuschuß im Betrage von 17.124.914 Mark erhält Südwestafrika. Hier gilt es noch die Wunden zu heilen, die der furchtbare Aufstand der Eingeborenen geschlagen hat. Außerdem erhält Süd-westafrika vom Reiche ein mit 3½ Prozent zu verzinsen-des Darlehen im Betrage von 3.600.000 Mark zum Bau von Eisenbahnen, wie es schon im Jahre 1908 ein solches im Betrage von 7.800.000 Mark zu dem angegebenen Zwecke erhalten hat. In Ostafrika, Kamerun und Togo werden die Kosten der Anlage der Eisenbahnen aus Dar-lehen bestritten, die im Jahre 1909 im Gesamtbetrage von 26.715.000 Mark für diese Gebiete aufgenommen werden, davon 17.480.000 Mark für Ostafrika. Es darf vorausgesetzt werden, daß, auch wenn unsere Schutzge-biete von größeren Aufständen der Eingeborenen künf-tig verschont bleiben, noch lange Jahre hindurch große Beträge für außerordentliche Ausgaben erforderlich sein werden. Das Reich wird sich entschließen müssen, noch große Summen aufzuwenden, um durch Eisenbah-nen das Innere der Schutzgebiete dem Verkehre und der Kultur zu erschließen. Das deutsche Volk ist genö-tigt, jedes Jahr ein großes Kapital auf seine Kolonien zu verwenden. Es geschieht dies in der Hoffnung, daß, was die Gegenwart säet, die Zukunft ernten wird.«

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Mischehen

90 Prozent der Deutschen in den Kolonien haben eine oder mehrere Konkubinen. Entsprechend nimmt die Zahl der Kinder aus solchen Verbindungen zu. Die Kolo-nialverwaltung kann aber nur bei der Ehe gegen die Ent-stehung von Bastardkindern vorgehen. Mischehenver-bote in den Kolonien sollen ausschließen, daß Kinder aus diesen Verbindungen das deutsche Bürgerrecht er-halten können.

In Deutsch Südwestafrika wird 1905 ein Verbot der „standesamtlichen Eheschließung zwischen Weißen und Eingeborenen“ erlassen. Auch Ehen, die bereits vor diesem Zeitpunkt geschlossen wurden, erklärt das Kai-serliche Obergericht zwei Jahre später rückwirkend für ungültig. Die Kirchen wollen sich aber vom Staat nicht in ihr Recht der Eheschließung eingreifen lassen und trauen weiterhin gemischtrassige Paare. Die Höchst-zahl an Mischehen in Südwestafrika wird 1909 mit gerade einmal 50 solcher Ehen erreicht.

Auch für die Kolonien Deutsch Ostafrika und Samoa werden 1906 und 1912 Eheverbote erlassen. Allerdings haben diese Verordnungen keine rückwirkende Kraft.

Am 17. Januar 1912 setzt das Reichskolonialamt unter dem Staatssekretär Wilhelm Solf, der elf Jahre Gouver-neur von Samoa war, für Samoa neben dem Eheverbot auch eine Unterscheidung der Kinder in »legitime« und »illegitime« Mischlinge durch. Nur die bisher gebore-nen Kinder, die in Mischlingslisten eingetragen sind, haben Anspruch auf Bürgerrechte und Unterhalt. Alle später geborenen Kinder, die ohnehin nicht ehelich sein können, gelten als »illegitim«, ohne Ansprüche an ihre Väter oder deren Heimatland.

Im März 1912 bringt die SPD in der Kommission für den Reichshaushaltsetat der Schutzgebiete den Antrag auf eine Legalisierung von Mischehen und für die Alimen-tationspflicht der aus Deutschland stammenden Väter auch für unehelich geborene Kinder in den Kolonien ein.

Die Ehen mit farbigen Frauen betreffen auch haupt-sächlich weniger bemittelte Deutsche, die sich im Ge-gensatz zu reichen Deutschen keine Frau aus Deutsch-land nachkommen lassen können. Ehen oder Beziehun-gen zwischen deutschen Frauen und kolonisierten Män-nern sind in den deutschen Kolonien dagegen äußerst selten.

Paradoxerweise gelten die Eheverbote nicht für Paare, die in Deutschland heiraten. Hier werden weiterhin Ehen, zumeist zwischen Männern aus den Kolonien und deutschen Frauen, geschlossen. Ein allgemeines Verbot gemischtrassiger Ehen diskutiert der Reichstag zwar 1912 in Zuge der Reformierung des Reichs- und Staats-angehörigkeitsgesetzes, führt es jedoch nicht ein.


Der Abgeordnete Wilhelm Lattmann am 3. Februar 1910 im Reichstag: „Zu welchen Würdelosigkeiten wir durch mangelndes Rassenbewußtsein hier in Deutschland kommen, zeigt folgende Notiz, die in diesem Herbste durch die gesamte Presse ging:

»Erwachsene deutsche Mädchen aus besseren Ständen scheuen sich nicht, unter dem Vorwande des Briefsam-melns mit Negern in Togo in brieflichen Verkehr zu treten. Aus den Stilproben aufgefangener Briefe ergibt sich, daß dieser Verkehr in ungesunde Schwärmerei ausartet. Sie reden die Schwarzen mit ›Lieber Freund‹ an, schicken ihre Photographien, und eine aus Sachsen macht sogar einem Schwarzen einen Heiratsantrag. Es scheint sich nach der Zahl der aufgefangenen Briefe um einen weitverbreiteten Unfug zu handeln, würdig der beschämenden Erinnerung der Kolonialausstellung von 1896 [in Berlin], wo weiße Frauen und Mädchen den Negern nachliefen und sich ihnen anboten.«

Meiner Ansicht nach mußte die ganze deutsche Presse solches rasseverräterische Benehmen brandmarken…“ (Sehr richtig! Rechts).


Vollkommen ungewohnt ist eine Verbindung zwischen einer weißen Frau und einem Schwarzen. So sucht in Berlin ein Schwarzer in einer Zeitungsanzeige »auf die-sem nicht mehr ungewöhnlichen Wege« eines weiße Frau zur Ehe und im Schaufenster eines Fotograf in der Berliner Friedrichstraße ist das Brautbild einer weißen Frau mit einem Afrikaner zu bestaunen.

Am 7. Mai 1912 wird im Reichstag ein vor ein paar Jahren zurückliegender Fall einer in Deutschland zwischen ein-er Deutschen und einem Schwarzen aus Deutsch Ostaf-rika geschlossenen Ehe hingewiesen, als deren Ergebnis wegen des Skandals bei ihrem gemeinsamen Aufenthalt in Deutsch Ostafrika der Gouverneur sich veranlaßt sah, die betreffende Deutsche des Schutzgebietes zu verwei-sen. Der Reichstagsabgeordnete Freiherr von Richtho-fen zu dem Fall: „Das sind doch immer Dinge, die zu den-ken geben. Solche Fälle dürfen wir unter keinen Um-ständen zulassen…“


Dr. Wilhelm Solf, vormals Gouverneur von Samoa, seit 1911 Staatssekretär des Reichskolonialamtes, am 2. Mai 1912 im Reichstag über »Mischlinge« und »Mischehen«:

„Meine Herren, ich bitte Sie dringend, sich in dieser Frage von Ihren Instinkten leiten zu lassen, ich bitte Sie dringend, keine sozialpolitischen und dogmatischen Momente in das Problem der Mischehen hineinzu-tragen. Ich bitte Sie, einfach die nackten Tatsachen auf sich wirken zu lassen. Sie senden Ihre Söhne in die Kolo-nien: wünschen Sie, daß sie Ihnen schwarze Schwieger-töchter ins Haus bringen? Wünschen Sie, daß sie Ihnen wollhaarige Enkel in die Wiege legen (Heiterkeit). Aber noch viel schlimmer: die Deutsche Kolonialgesellschaft gibt jährlich 50.000 Mark dafür aus, daß weiße Mädchen nach Südwestafrika geschickt werden. Wollen Sie, daß diese weißen Mädchen mit Hereros, mit Hottentotten und Bastarden zurückkehren als Gatten? Nein meine Herren, lassen sie diese Tatsachen auf sich wirken, Ihre Instinkte als Deutsche, als Weiße! Die ganze deutsche Nation wird Ihnen Dank wissen…“

Der Abgeordnete Adolf Gröber vom Zentrum sagt dazu in seiner Reichstagsrede am 7. Mai: „Meine Herren, der Herr Staatssekretär hat in seinen Ausführungen wieder-holt an den Instinkt der Reichstagsabgeordneten appel-liert. (Heiterkeit) Das habe ich hier bisher noch nie ge-hört. Ich meine, den Instinkt wollen wir lieber den Tie-ren überlassen und bei den Abgeordneten an die Ver-nunft appellieren.“


Auch Adolf Gröber, Abgeordneter der Zentrumspartei, zeigt bei seiner Rede am 7. Mai 1912 im Reichstag Bilder eines „Bastardmädchens“ und von Samoanerinnen und kommentiert: „recht hübsch, hübscher sind sie bei uns auch nicht“. Das Zentrum tritt für die »Zulässigkeit der Rassenmischehen« ein, nicht zuletzt wegen ihrer gerin-gen Zahl.

Gröber in seiner Reichstagsrede: „Nach den neuesten Berichten über das Jahr 1907 auf 1908 sind in Neu-Gui-nea 34 in Mischehe lebende Personen und 170 Misch-linge; in Samoa 90 Mischehen und 938 Mischlinge; in Südwestafrika 42 Mischehen und 3595 Mischlinge, ein-schließlich 2500 Rehoboth-Bastards.“

Gröber zitiert aus einer Broschüre von 1905 des Haupt-manns Bayer, der nun im Großen Generalstab ist, und früher im Generalstab der Schutztruppe in Südwestaf-rika diente. Gröber vermerkt zunächst, daß Hauptmann Bayer schreibt, daß die Rehobother bei der „Nieder-schlagung des Aufruhrs“ der Herero und Hottentotten mit „Treue und Tüchtigkeit“ mitgewirkt hätten.

Weiter zitiert Gröber aus Bayers Schrift:

„»Es gibt eine ganze Anzahl Deutscher, die im Bastard-lande leben, vor allen Dingen auch Schutztruppler, die sich dort bleibend niedergelassen haben. Deutsche Frauen sind im Lande selten. So ergab es sich von selbst, daß es hin und wieder zu Ehen zwischen Weißen und Bastardmädchen kam. Man mag über solche Ehen den-ken wie man will, sie für die Erhaltung der Rasse schäd-lich halten, darauf hinweisen, daß bei den Ehen zwi-schen Eingeborenen letzterer meist nicht emporgezo-gen wird, sondern ersterer – der Weiße – herabsinkt, so verlangt es doch die Gerechtigkeit zu erwähnen, daß die Ehen fast immer glücklich sind.

(Hört! Hört! Links.)

Und da ist auch noch was.«

Das meine ich auch.

(Heiterkeit.)

Wenn man ein solches Kompliment ausspricht, was will man mehr, als das zwei Menschenkinder, die miteinan-der in Ehren zusammenleben wollen, sich glücklich füh-len!

(Zurufe und Heiterkeit.)

In der Broschüre des Hauptmanns Bayer wird weiter gesagt: »Acht Schutztruppler sind bis jetzt mit Bastard-mädchen verheiratet.«

Im Jahre 1905!

»Sechs dieser Ehen sind nur kirchlich, zwei auch stan-desamtlich abgeschlossen. Die der Verbindung ent-sprossenen Kinder werden zumeist nach Deutschland zur Erziehung geschickt. Denen, die mit Recht gegen die Ehen Deutscher mit Bastards sind, muß man aber ent-gegenhalten, daß die Bastards ebenso wenig früher da-mit einverstanden waren.«

Und zwar aus besonderen Gründen, weil sie nämlich ge-merkt haben, daß die Weißen auf diesem Wege in den Besitz ihrer Herden gekommen sind. (Sehr gut! Links.) Das war für die Bastards nicht angenehm, dagegen ha-ben sie Fürsorge treffen müssen.“

Gröber führt später in seiner Rede aus: „Für den Mann ist auch die Unterhaltung der weißen Frau in den Schutzgebieten ganz wesentlich kostspieliger als die Unterhaltung einer farbigen Frau. Das spielt auch eine Rolle mit, das gehört auch zu den menschlichen Dingen, die mit in die Waagschale zu legen sind… .“


Der Abgeordnete Freiherr von Richthofen am 7. Mai 1912 im Reichstag:

„Wenn wir gestatten, daß ein Deutscher oder ein Wei-ßer eine Negerin heiraten kann in den Kolonien, so kön-nen wir billigerweise auch nicht verhindern, wenn zum Schluß einmal auch ein Neger eine Weiße heiratet. Der Herr Abgeordnete Gröber hat bereits mit Recht darauf hingewiesen, daß es für unsere deutschen Frauen ein nicht ganz leichter Entschluß sei, nach den Kolonien zu gehen. Andererseits aber brauchen wir unbedingt die deutschen Frauen dort drüben. Wenn unsere Deut-schen in den Kolonien Kulturträger sein und bleiben sollen, dann brauchen wir auch unbedingt die deut-schen Frauen da drüben, und für die deutschen Frauen brauchen wir dasjenige Maß von Achtung, ohne das sie als Kulturträgerinnen nicht wirken können, und dazu gehört das Verbot von Mischehen. Denn wenn der Neger einmal auf den Gedanken kommt, daß die weiße Rasse der seinen gleichgestellt sei, so schwindet der Respekt vor der deutschen Frau, wie wir es ja in den Vereinigten Staaten gesehen haben; das führt bei dieser schwarzen Rasse häufig zu Verbrechen, und das schadet in erster Linie mit dem Ansehen der deutschen Frau in den Kolonien, und es wird die Folge sein, daß die deutschen Frauen noch schwerer werden zu bewegen sein, in die deutschen Kolonien zu gehen, als es bereits jetzt der Fall ist… .“


Matthias Erzberger, Abgeordneter des katholischen Zen-trums, am 8. Mai 1912 im Reichstag:

„Wenn sie das Mischlingswesen bekämpfen wollen, dann müssen sie die schärfsten Maßnahmen  gegen die Konkubinatsverhältnisse treffen. Das wäre wenigstens logisch, um so mehr, als, wie ich wiederholen muß, 99 Prozent aller Mischlinge aus dem außerehelichen Geschlechtsverkehr stammen und nur 1 Prozent aus der Mischehe.“

Also sei es unlogisch, die Mischehe zu verbieten und ein Verbot würde auch nur das eine Prozent Mischlinge aus den Mischehen in Zukunft im Konkubinat entstehen lassen.    

Erzberger weiter:

„Wir wollen keine Vermehrung der Mischlinge haben. Das ist das Ziel … Ich habe bei allen Rednern einen praktischen Vorschlag vermißt, wie man gegen das Kon-kubinat vorgehen soll. (Zuruf links: Machen Sie mal einen Vorschlag!) Ich will einen Vorschlag machen. Ich weise hin auf das englische Nationalgefühl, das es jedem Engländer verbietet, sich mit Schwarzen einzulassen. Ich fordere den Herrn Staatssekretär auf, in unserer Kolonialverwaltung auch so vorzugehen, wie man gegen einen englischen Beamten vorgeht, der sich mit der farbigen Bevölkerung einläßt. Das tun sie aber nicht und ist nicht geschehen. Ein englischer Beamter, der sich mit Angehörigen einer farbigen Rasse abgibt, ist die längste Zeit Beam-ter im englischen Kolonialdienst ge-wesen. Noch in den letzten Monaten ist in Kalkutta ein Fall passiert, wo ein englischer hoch angesehener Beam-ter, sich mit einer fein erzogenen Inderin eingelassen hat. Sowie es bekannt wurde, wurde er am anderen Tage in die rauhe Gegend des Himalayagebirges versetzt. Ein solches Verfahren ist wenigstens konsequent. Wo ist aber von unserer Kolonialverwaltung auch nur das Ge-ringste getan worden, um dagegen einzuschreiten? Ich will nicht die dunklen Blätter der früheren Kolonialpo-litik wieder aufschlagen. Aber das muß man doch sagen: wenn wir in einzelnen Kolonien mehr Mischlinge als Europäer haben, dann tragen frühere Beamte der Kolo-nialverwaltung einen erheblichen Teil Schuld daran. Wenn man aber immer unverheiratete Beamte in die Kolonien hinausschickt und ihnen gestattet, daß sie sich offiziell schwarze Konkubinen halten – das ist gesche-hen in Togo, in Kamerun im Jahre 1905/06, wo feststeht, daß solche Häuser für die einzelnen unverheirateten Beamten gebaut worden sind – , und wenn dann der Reichstag hier die Hände über dem Kopf zusammen-schlägt wegen der Zunahme der Mischlingsrasse – ich will den Ausdruck nicht gebrauchen, der mir auf der Zunge liegt – , dann sagen wir immer wieder: schicken sie doch dann lieber verheiratete Beamte in die Kolo-nien hinaus. Immer müssen wir in den Etatsvorlagen und in den Rechnungsberichten lesen, daß Wohnräume für unverheiratete Beamte verlangt werden, dann wird noch ein kleiner Schuppen für die schwarzen Konku-binen daneben gebaut; dann klagen Sie noch über die Zunahme der Mischlinge. Greifen Sie doch dann mit rauher Hand zu und entlassen Sie einfach jene Beamte, die sich soweit vergessen, daß sie sich in den Geschlechtsverkehr mit einer Schwarzen einlassen. Das wäre viel wirksamer als das Verbot der Ehe zwischen Weißen und Schwarzen; aber das, was hier vorgeschla-gen wird, läßt von vornherein jede Logik vermissen… .“


Am 8. Mai 1912 genehmigen die Abgeordneten des Deutschen Reichstages mit 265 gegen 67 Stimmen eine Resolution, nach der die Ehen zwischen Weißen und Farbigen in den deutschen Kolonien als Rechtsgültig anerkannt werden.

Am 8. Mai 1912 befürwortet der Reichstag mit 203 gegen 133 Stimmen die Einbringung eines Gesetzesentwurfes, der die Gültigkeit von Ehen zwischen Deutschen und Einheimischen in den Kolonien sicherstellt. CHRONIK 1912 , doch von Seiten des Gesetzgebers gibt es weiter keine Bewegung in der Mischehenfrage und alles bleibt wie gehabt.

Verordnungscharakter erhalten Mischehen über Süd-westafrika hinaus nur noch für Samoa durch das Reichs-kolonialamt am 17. Januar 1912. Das Mischehenverbot für Samoa, das von Kolonialstaatssekretär Solf persönlich ausgeht, besitzt dort allerdings keine rückwirkende Kraft. Überdies werden die Nachkommen aus bis dahin als legitim angesehenen Mischehen zu »Weißen« er-klärt. Schließlich können Einheimische, die fließend deutsch sprechen und europäische Bildung nachweisen, auf Antrag den Europäern gleichgestellt werden (»Kul-turdeutsche«). In der ohnehin an den samoanischen Lebensstil (fa’a Samoa) angepaßten und insgesamt ge-genüber Afrika rassentoleranten weißen Gesellschaft Samoas gibt es zudem eine wesentlich stärkere Gruppe, die sich gegen das Rassenmischehenverbot zur Wehr setzt.


Bei der Hauptversammlung der Deutschen Kolonial-gesellschaft in Hamburg im Juni 1912 beschäftigt sie sich eingehend mit der Frage der Mischehen in den Kolo-nien und faßt den Beschluß:

»Die Deutsche Kolonialgesellschaft hält in der Misch-ehenfrage an ihrem Beschluß vom 4. Dezember 1908 fest. Sie erachtet es nach wie vor im nationalen Interesse für unerläßlich, der Vermehrung des Mischlingstums in den deutschen Kolonien mit allen zu Gebote stehenden Mitteln entgegenzutreten. Sie spricht sich infolgedessen im Gegensatz zu der am 8. Mai d. J. gefaßten Resolution des Reichtages dahin aus, daß gegen die Ehen zwischen Weißen und Farbigen erlassenen Verordnungen auf-recht erhalten werden. Sie ist zugleich der Ansicht, daß auch dem außerehelichen Verkehr zwischen Weißen und Farbigen nach Möglichkeit entgegengetreten wer-de. Sie erneuert zu diesem Zweck die Aufforderung an die Deutschen in den Schutzgebieten, auch an ihrem Teil dazu beizutragen, das Aufkommen einer Misch-lingsrasse zu verhindern und ihrer deutschen Stammes-angehörigkeit bewußt, den Umgang mit eingeborenen Frauen zu meiden. Sie ist zugleich einerseits der An-sicht, daß die Sicherstellung der Alimentation der au-ßerehelichen Mischlinge ein Gebot der Menschlichkeit ist, andererseits, daß dem außerehelichen Verkehr zwi-schen Weißen und Farbigen nach Möglichkeit entge-gengetreten werde«.


Der Kolonialarzt Dr. Thieme schreibt im Februar 1914 in Apia zur »Halbweißen-Frage« auf Samoa. Sein Artikel erscheint in der Morgenausgabe des Berliner Tageblatt am 26. März 1914. Ausschnitte aus Thiemes Artikel:

»…daß die Polynesier aus Indien stammen und mit uns, den Mittelländern, den größeren Teil ihres Blutes ge-meinsam haben. Dieser gemeinsame Ursprung mit den arischen Völkern ermangelt den Negern, Mongolen, Indianern und Australiern völlig. Hieraus ergibt sich ohne weiteres, daß der bezüglich der Halbweißenfrage so beliebte Vergleich zwischen den verschiedenen Kolo-nien Deutschlands für Samoa zu einem durchaus an-deren Ergebnis als für Afrika, Neuguinea und Ostasien führen muß…. . – Auch die Samoaner haben schon seit Jahrzehnten zahlreiche Ehen mit Weißen geschlossen. Daß deren Abkömmlinge auch intellektuell nicht gerade minderwertige Menschen geworden sind, sollte doch schon das Beispiel der in der ganzen Südsee bekannten »Queen Emma« (Frau Luise Kolbe) zeigen, die als junge Halbsamoanerin trotz des ungesunden Klimas in Neu-guinea, dem ihr erster Gatte zum Opfer fiel, in ständiger, ausdauernder Arbeit unter den schwierigsten Verhält-nissen Werte geschaffen hat, wie sie ein sorgfältig er-zogener und ausgebildeter Weißer nicht besser hätte schaffen können. Aber auch die hier in Samoa verblie-benen Halbweißen haben sich trotz geringer Schulbil-dung und oft recht mangelhafter väterlicher Erziehung zu tüchtigen Männern emporgearbeitet. Als Kaufleute, Pflanzer, Schmiede und Bootsbauer, Zimmerleute und Schiffer bilden sie das bodenständige Element der Kolo-nie und stellen als solche einen unentbehrlichen Faktor unseres Wirtschaftslebens dar, mit dem wir nun einmal rechnen müssen. Unter den Kaufleuten sind selbstän-dige Unternehmer, in deren ausgedehnten Betrieben zahlreiche europäische Angestellte Beschäftigung fin-den. Von den halbweißen Frauen sind sehr viele mit den angesehenen Ansiedlern, Pflanzern, Ärzten und Beam-ten verheiratet. Ein großer Teil der Halbweißen hat eine gute Erziehung in Amerika, Neuseeland, Australien und auch in Deutschland genossen und steht körperlich und geistig den Europäern nicht nach. Die halbweißen Söhne deutscher Väter pflegen auf deutschen Kriegsschiffen ihrer Militärpflicht zu genügen.«


8. Mai 1914. Anfrage der freisinnigen Reichstagsabge-ordneten Dr. Müller-Meinigen und Liesching im Reichs-tag an den Kanzler:

»Ist es richtig, daß zur Verhütung von Ehen von christ-lichen Negermädchen mit nichtchristlichen Männern auf gewissen Missionsstationen Deutsch-Ostafrikas die Verhängung der Prügelstrafe gegen ›größere‹ d.h. hei-ratsfähige Mädchen angewendet wird, und was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, um diesem Mißstand ein Ende zu machen.«

Der Direktor im Reichskolonialamt Dr. Gleim antwortet:

»Von den in der Anfrage behandelten Vorfällen ist amt-lich nichts bekannt. Sollte sich die Behauptung bewahr-heiten, dann würden Maßnahmen erlassen werden, die einer Wiederholung solcher Verstöße gegen die gesetz-liche Vorschrift vorbeugen.«


England und Frankreich lassen die Rassenmischehe zu und deutsche Männer können in deren Kolonien Farbi-ge heiraten, oder kurzfristig zur Heirat aus einer deut-schen Kolonie in eine englische oder französische Kolo-nie zur Heirat einreisen. Solche Ehen werden dann auch von den deutschen Behörden anerkannt und die farbige Frau erhält durch die Ehe mit einem Deutschen auch automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Aber die Engländer in den Kolonien schließen jeden Weißen aus ihrer Gesellschaft aus, der eine farbige Frau heiratet.

Ein englisches Sprichwort besagt: »Gott hat den weißen Mann geschaffen und Gott hat den farbigen Mann ge-schaffen; aber der Mischling kommt vom Teufel.«

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Allgemeine Ereignisse V

Carl Peters war 1892 von seinem Posten als Kaiserlicher Kommissar für das Kilimandscharo-Gebiet zurückgeru-fen worden und schließlich 1897 »wegen Mißbrauchs seiner Amtsgewalt« in Deutsch Ostafrika aus dem Staatsdienst entlassen worden und unter Verlust seines Pensionsanspruches. Der zu Peters‘ Zeit im Kiliman-dscharo-Gebiet arbeitende Geograph Oskar Baumann schreibt 1892: »Übrigens ist Peters halb verrückt. Alles um ihn herum geht krumm vor Hieben. 100 bis 150 sind an der Tagesordnung. Es ist kaum zu glauben, welche Angst die Leute vor Peters und seinen Leuten haben«.

In einem englischen Buch findet sich über die Gewalt-herrschaft von Peters: »Zum Unglück für sein Land und für den Ruf seiner Landsleute bekam er die Gelegen-heit, innerhalb weniger Monate all das zunichte zu machen, was Hermann von Wissmann und Leutnant Ehlers mit unendlicher Geduld und in durchaus ver-söhnlichem Geist erreicht hatten, nachdem sie 1890 die deutsche Flagge gehißt hatten.«

Am 23. Januar 1908 gewinnt Carl Peters in Berlin einen Prozeß gegen den ehemaligen Gouverneur von Neu-guinea, Rudolf von Bennigsen. Dieser hatte Peters in einem am 20. März 1906 in der Kölnischen Zeitung erschienenen Artikel beschuldigt einen Schwarzen und eine Eingeborene aus Eifersucht hingerichtet zu haben. Peters macht dem Gericht glaubhaft er habe den Mann wegen Diebstahls gehängt und die Frau sei wegen Fluchtversuchs getötet worden. Die Hinrichtungsbefeh-le wären nicht sexuell motiviert gewesen. Peters konnte das den Schöffen des Gerichts glaubhaft machen.

Anfang 1914 gibt ihm Kaiser Wilhelm II auf dem Gna-denwege die Pension als Reichsbeamter wieder.

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Die Deutschen in der pazifischen Welt


Die meisten Deutschen auf den Inseln des Pazifiks leben nicht in den deutschen Kolonien im größten Ozean der Erde, sondern auf Hawaii. Die Hawaii-Inseln sind der Schwerpunkt deutscher Besiedlung im Stillen Ozean. Seit 1823 laufen Schiffe der Seehandlung, dem Staats-handelsbetrieb von Preußen, Hawaii an. Bremen hat seit 1836 ein Konsulat auf Hawaii und Hamburg seit 1844.

Kapitän Hinrich Hackfeld, der Honolulu von seinen Südseefahrten her kennt, eröffnet 1849 ein Geschäft für Schiffsausrüstungen in Honolulu, das hauptsächlich die mehreren hundert Walfangschiffe, die alljährlich die Insel-Hauptstadt anlaufen, mit Proviant und Ausrüstung versorgt. Hackfelds Geschäft boomt im Königreich Hawaii und bald unterhält er eine eigene Flotte von Walfängern und Frachtseglern von fast 20 Schiffen, viele davon läßt er in Deutschland bauen. Seine Schiffe sind im ganzen Pazifikraum unterwegs, selbst Handels-stationen an der Küste von Alaska und Kamtschatka gehören ihm, und die Segler halten auch die Verbin-dung mit Deutschland. Hackfelds einzige Konkurrenz ist die deutsche Firma Eduard Hoffschläger und Stapen-horst, die auch eine Reederei in Honolulu betreibt.

Hinrich Hackfeld verbreitert die Basis seines Unter-nehmens und kauft Zuckerrohrplantagen auf den Inseln von Hawaii. Ein weiterer Geschäftszweig ist die Einwan-derung von Deutschen nach Hawaii. So geht im Juni 1882 der Hackfeld-Segler Jolani von Bremerhaven mit 183 ländlichen Auswanderern aus der Umgebung von Nien-burg an der Weser nach Honolulu, die sich auf den Hawaii-Inseln im Zuckerrohranbau betätigen wollen.

Das Jahr 1883 hat die Höchstziffer an deutschen Aus-wanderern nach Hawaii aufzuweisen. Hackfeld chartert zusätzlich zwei Schiffe für den Auswanderertransport aus Deutschland. Allein auf dem gecharterten Dampfer Ehrenfels kommen Anfang 1883 rund 800 deutsche Auswanderer in Honolulu an.

Nach keiner anderen Südsee-Inselgruppe sind so viele Deutsche übergesiedelt als zu den 137 Inseln des Hawai-ischen Archipels mit seinen 16.638 qkm; meistenteils durch die Firma Hackfeld organisiert und durchgeführt.

In den 1870er Jahren ist auch Claus Spreckels ins Zuckergeschäft im Königreich Hawaii eingestiegen. Auf seinen Besuchen in der Heimat studiert er den Zuckerrübenanbau in Deutschland und stellt seinen Zuckeranbau auf Hawaii von Zuckerrohr auf deutsche Zuckerrüben um. Bald ist er der »Zuckerkönig«, baut sein Zuckerimperium beständig aus und steigt in andere Wirtschaftsbereiche in den USA ein wie Reederei, Eisenbahnbau und Immobilien. Seine Schiffe verbinden die deutsche Kolonie Samoa auch mit den USA, Austra-lien und Neuseeland. Er hat einen Palast in Honolulu, ist aber auch oft in Deutschland.


Immer, wenn Hawaii von einem deutschen Kriegsschiff angelaufen wird, muß auf Bitten des Königs Kalakaual – er ist von 1874 bis zu seinem Tode 1891 König der Hawaii-Inseln – ein Landemanöver mit der Erstürmung des Punschbowle-Hügels bei Honolulu erfolgen, dem er mit seinem Hofstaat vom Strand aus zusieht. Der König hat auch einen preußischen Kapellmeister für seine Hofka-pelle.

1893 stürzen US-Amerikaner die einheimische deutsch-freundliche Monarchie auf Hawaii und 1898 werden die Inseln von den USA annektiert.

Viele deutsche Schiffe laufen die Inseln an, aber die be-sondere Aufmerksamkeit der Deutschen von Hawaii gilt deutschen Kriegsschiffen und den beiden Viermastbar-ken Herzogin Cecilie und Herzogin Sophie-Charlotte, sehr schöne Segelschiffe, die dem Norddeutschen Lloyd als Segelschulschiffe für die Ausbildung ihrer Offiziere dienen und dabei gleichzeitig Fracht befördern. Die bei-den Schulsegler laufen 1904 und 1905 mehrfach Hono-lulu an, was jedesmal zu Festtagen bei der Deutschen Kolonie führt und zu einer festlichen Bewirtung der deutschen Seeleute.

Als der Kleine Kreuzer Nürnberg am 1. September 1914 Honolulu anläuft – das Schiff war erst fünf Wochen zuvor in Honolulu gewesen als der Weltkrieg noch nicht ausgebrochen war – melden sich hunderte Hawaii-Deutsche als Kriegsfreiwillige. Aber nur 38 Freiwillige können zur Verstärkung der Besatzung des Kriegsschif-fes an Bord genommen werden.

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Wirtschaft V

Auf den Kokosplantagen werden die gesammelten Kokosnüsse zur Station gebracht, wo eine Gruppe von Arbeitern die von einer Faserhülle umgebene Nuß spal-tet, worauf die weiße Kopraschale, der innere Mantel der Nuß, mit dem Messer herausgeholt wird. Die Trock-nung der Kopra wird entweder an der Sonne vorgenom-men oder in einer Darre mittels Heizung.

Die Deutsche Handels- und Plantagengesellschaft setzt zur Freihaltung ihrer Palmplantagen von Unkraut Rin-derherden ein. Die Rinderhaltung ergibt naturgemäß eine weitere Einnahmequelle für die Gesellschaft.

Die Kokospalmenmonokultur bringt natürlich auch die Gefahr von schwerem Schädlingsbefall und folglich Ernteverlusten. So etwa 1911 durch das massenhafte Auf-treten des Nashornkäfers. Durch systematisches Absu-chen der Pflanzungen und Errichtung von Fangstellen, aus denen die Larven von Zeit zu Zeit herausgegraben werden, sucht man der Plage Herr zu werden. Als wei-tere Mittel zur Bekämpfung dieses Käfers ist die Einfüh-rung von Feinden des Schädlings in Erwägung gezogen. Es handelt sich dabei um bestimmte Vogelarten, Insek-ten, große Käfer und Larven, sowie einige Wespenarten. Mit den Flötenvögeln Australiens soll ein Versuch un-ternommen werden.

Von Vorteil ist, daß die Kokospalmen auch schweren Orkanen wie dem vom Februar 1913 standhalten. Dage-gen hat bei dem Orkan die Samoa-Kautschuk-Kompanie einen erheblichen Schaden erlitten, weil ein beträcht-licher Teil ihrer Kautschukbäume in Saluafata entwur-zelt wurden. Ziemlich mitgenommen sind durch den enormen Sturm auch die Bananenpflanzungen auf Samoa.


Da Arbeit im deutschen Verständnis dem Samoaner fer-ne liegt, holt man Bewohner anderer pazifischer Inseln als Arbeitskräfte nach Samoa. Seit 1903 werden auch Chinesen zur Arbeit auf Samoa angeworben. Doch die chinesische Regierung beschränkt den Einsatz von Chinesen auf Samoa, wodurch der Arbeitskräftemangel auf den Inseln ein dauerndes Problem ist. Die Freigabe von jedem Kulitransport durch die chinesische Regie-rung führt zu einem Aufatmen bei den Plantagen-betreibern auf Samoa.

Die Deutsche Handels- und Plantagengesellschaft, die größte Plantagengesellschaft auf Samoa, hat als einzige das Recht Melanesier aus Deutsch Neuguinea anzuwer-ben. Die Melanesier werden aber als unzureichender Ersatz für chinesische Arbeiter angesehen.  Um 1912 sind etwa 800 Arbeiter mit 100 Frauen und 20 Kindern aus Melanesien auf Plantagen auf Samoa tätig.




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Allgemeine Ereignisse IV

Das Deutsche Reich ist zwar schon seit 1879 in der seit diesem Jahr bestehenden deutsch-britisch-amerikani-schen Verwaltung auf der Samoa-Insel Upolu gleichbe-rechtigt beteiligt, aber erst durch den Vertrag der drei Mächte von 1899 gehen die vier westlichen Samoainseln – Upolu, Savaii, Manono und Apolima – vollständig in deutsche Kolonialverwaltung über. So wird am 1. März 1900 auf Upolu unter der Teilnahme des Landungskorps der SMS Cormoran die Reichsflagge gehißt. Zum Gou-verneur ist Dr. Wilhelm Solf ernannt.

Kaufmann Otto Riedel aus Apia über den 1. März 1900:

»Ganz Apia war am Morgen des 1. März festlich ge-schmückt. Überall wehten schwarz-weiß-rote Fahnen. Aus allen Teilen von Upolu, Savaii, Manono und Apolima waren blumenbekränzte Samoaner gekommen. Man schätzte ihre Zahl auf fünftausend. Der Hafen wimmelte von Booten, und die Schiffe hatten über die Toppen ge-flaggt.

Der feierliche Akt selbst sollte auf dem Platz vor dem ›Königspalaste‹ in Mulinuu stattfinden, der dafür beson-ders hergerichtet war. Um neun Uhr rückte mit klingen-dem Spiel eine Matrosenabteilung an und nahm mit Front zum Flaggenmast Aufstellung. An der rechten Sei-te des Platzes stellten sich die Schulen und die Mitglie-der des Munizipalrates auf. Vor dem Flaggenmast stan-den der Gouverneur und der Kommandant [der Cor-moran] sowie die Ehrengäste – darunter auch in sehr würdiger Haltung der weißhaarige Mataafa und seine höchsten Häuptlinge.

Neben ihnen fanden die deutschen und die Angehöri-gen der anderen Nationen ihre Plätze. Dahinter dräng-ten sich dann die Samoaner, für die dies ungewohnte Schauspiel natürlich eine ungeheure Anziehungskraft besaß.

Doktor Solf hatte sich mit Hilfe des Bordschneiders des Cormoran eine Gouverneursuniform herstellen lassen, die zwar nur behelfsmäßig und nicht ganz vorschrifts-mäßig, aber mit ihren Admiralspauletten recht prunk-voll gewesen ist. Dazu trug er einen Tropenhelm, so daß er höchst kriegerisch aussah. In dieser großen Gala eröf-fnete er die Feier mit folgenden sehr sachlichen Wor-ten: „Ich erfülle die ehrenvolle Pflicht, Ihnen Kunde zu geben von dem Allerhöchsten Erlaß, durch welchen Seine Majestät der Kaiser im Namen des Reiches die Inseln Upolu, Savaii, Manono und Apolima als deutsches Schutzgebiet erklärt hat. Der Wortlaut des Allerhöchs-ten Erlasses ist folgender: ›Wir Wilhelm von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen usw. tun kund und fügen hiermit zu wissen: Nachdem die Verei-nigten Staaten von Amerika und Großbritannien auf ihre Rechte und auf die westlich des 171. Längengrades gelegenen Inseln der Samoagruppe zugunsten Deutsch-lands verzichtet haben, nehmen wir hiermit im Namen des Reiches diese Inseln unter unsern kaiserlichen Schutz. Gegeben Jagdschloß Hubertusstock, den 17. Februar 1900.‹

Darauf übergab Vizekonsul Grunow den beiden Herren, die mit der Hissung der Flagge beauftragt waren, die Dienstflagge des Reiches, die bisher auf dem General-konsulat geweht hatte. Während ›Heil dir im Sieger-kranze‹ erklang, die Ehrenwache präsentierte und der Kreuzer im Hafen Flaggensalut schoß, stieg die deut-sche Flagge hoch.«


Von 1902 bis 1905 errichtet Otto Tetens im Auftrag der Königlichen Wissenschaftlichen Gesellschaft zu Göttin-gen das Geophysikalische Observatorium Apia auf der Halbinsel Mulinuu, dessen erster Direktor er auch ist. Das Observatorium ist unter anderem mit einem asta-tischen Pendel ausgestattet. Hiermit werden viele Ein-sichten in den Weg der Erdbebenwellen durch das Erd-innere erlangt. Sein 1000-kg-Horizontalpendel ist so empfindlich, daß es bei stärkeren nahen Beben mehr-fach umfällt.

Die Zeit wird 14-täglich mit Meridian-Instrument und Sternzeitchronometer bestimmt. Dazwischen ist man auf einen Knoblich-Schiffschronometer und zur Kon-trolle auf einen Bröcking-Sternzeitchronometer ange-wiesen, bis das Observatorium 1910 eine genauere Pen-deluhr erhält.

Da der Seismograph nur 1,2 km vom umbrandeten Riff entfernt ateht, wird der Aufprall der Dünung sehr stark aufgezeichnet. Weil das Gebäude auf Korallensand ge-baut ist, werden ferne Beben stark gedämpft.


Im Oktober 1902 bricht überraschend im unbewohnten mittleren Teil der Insel Savaii ein seit Menschengeden-ken ruhender Vulkan aus. Der Ausbruch dauert mehre-re Monate.

Ein noch stärkerer Vulkanausbruch ereignet sich im August 1905 bei Matautu, einige Kilometer im Inland von der Nordküste Savaiis entfernt. Ein mächtiger Kra-ter bildet sich, aus dem ein breiter, Dörfer der Eingebo-renen und europäische Ansiedlungen vernichtender Lavastrom sich zur Küste vorschiebt, um sich unter un-geheuerer Dampfentwicklung ins Meer zu ergießen. Die vulkanische Tätigkeit auf der Insel erlischt schließlich 1911 wieder.

Durch den Vulkanausbruch auf Savaii verliert das Dorf Saleaula durch die hereinbrechende Lava fast sein ge-samtes Land. Deshalb siedelt die Regierung das Dorf in den Osten von Upolu um. Ende Oktober 1911 besucht Gouverneur Solf die eben erst vollendete Ansiedlung und wird von den Bewohnern feierlich empfangen, als Dankbarkeit für die Hilfe in der Not. Der Ort wird nun auch offiziell in die Verwaltungsorganisation der Insel Upolu eingereiht.








Vom 28. Februar bis zum 3. März 1910 finden auf Samoa die Feiern anläßlich der 10. Wiederkehr der Übernahme der Inseln durch das Deutsche Reich statt. Für das Er-eignis ist von der Marine der Kleine Kreuzer Cormoran entsandt, der auch Häuptlinge und ihre Familien von der Insel Sawaii zu den Festlichkeiten nach Apia bringt.

Besucht ein deutsches Kriegsschiff die samoanischen Inseln kann auf Requisition des Kaiserlichen Gouver-neurs aus Gründen der Machtdemonstration bei den schwierigen inneren politischen Verhältnissen der Sa-moaner eine Fahrt zu verschiedenen Küstenorten erfol-gen, für Besuche bei den deutschen Offiziellen und ein-heimischen Größen.

So trifft am 16. Juli 1910 das Flaggschiff des Ostasia-tischen Geschwaders, der Große Kreuzer Scharnhorst, mit dem Kleinen Kreuzer Nürnberg für einen längeren Besuch auf Samoa ein. Am 9. September verläßt die Nürnberg die Inseln wieder und hat dabei das marine-eigene Vermessungsschiff Planet im Schlepp, das einen schweren Maschinenschaden hat. Am 24. September erreicht die Nürnberg mit der havarierten Planet Singapur, für die Reparatur ihrer Kesselanlage.


Die Besatzung eines deutschen Kriegsschiffes kann bei einem Samoa-Aufenthalt Ausflüge auf den Inseln ma-chen, so auch in die Vulkanlandschaften der Inseln. Otto Ohlsen, ein Besatzungsmitglied der SMS Cormoran, beschreibt einen solchen Ausflug:

»Am 19. Oktober 1911 machte die dritte Wache einen Ausflug in die Berge. Es ging bereits um sieben Uhr los. Nach zweistündiger Wanderschaft kehrten wir in die deutsche Waldwirtschaft ‚Kaiserhöh’ ein. Wir trafen da nette Leute an, die uns bestens bewirteten und kein Geld dafür nehmen wollten. Von da ging es in Richtung Kratersee immer durch den Urwald. Der See liegt oben auf einem Berg, der früher ein Vulkan war. Er soll un-endlich tief sein. Da das Wetter schön war, badeten wir in dem doch etwas unheimlichen Gewässer. Nachdem wir oben gegessen hatten, begannen wir mit dem Ab-stieg und erreichten gegen sechs Uhr wieder Apia.«

In der Samoanischen Zeitung findet sich die Anzeige des Erholungsheims Kaiserhöhe:

»Meinen geehrten Landsleuten und dem werten Publi-kum hiermit die Anzeige, daß obiges Heim ein idealer Aufenthaltsort ist für Müde, Abgespannte und Ruhebe-dürftige. Weshalb das Geld dem Lande entziehen, wenn man hier in der herrlichen Aussichtshöhe dieselbe rei-ne, kühle, gesunde Luft hat wie in Neuseeland! Es ist niemals heiß hier oben, und zuzeiten sinkt die Tempe-ratur so weit, daß man Schüttelfrost bekommt. – Stets vorhanden: Frisches Gemüse, Butter, Eier, Milch und Geflügel. Schön möblierte Schlaf-, Speise-, Lesezimmer und Veranda. Das Büfett enthält die feinsten gangbar-sten Getränke und Zigarren zu Apia-Preisen. Vorzüg-liche Küche, Fluß- und Duschebäder. Großer Spielraum für Vereine, Ausflügler und Picknickgesellschaften. Pferde werden auf die Weide genommen.«

Der Betreiber von Kaiserhöhe hat aber nicht nur Neu-seeland als Konkurrenz, sondern auch die ein Stück wei-ter liegende Erholungsstation Afiamalu eines deutschen Mitbewerbers.

Otto Ohlsen über den nächsten Besuchsort der Cormo-ran:

»Auf Saluafata konnten wir morgens an Land. Die Sa-moaner veranstalteten für uns ein „Siva-Siva“; also eines ihrer traditionellen Feste. Zuerst gab es ein großes Fest-essen mit den Offizieren. Es bestand aus im Ganzen gebratenen Schweinen und Hühnern; dazu gab es Taro und Bananen.«

Dann liegt das Schiff vor der Insel Savaii. Der Komman-dant der Cormoran, Paul Ebert, beschreibt den Landaus-flug mit einem großen Teil der Mannschaft zu dem erst wenige Jahre vorher ausgebrochenen und wieder erlo-schenen Vulkan Matavanu unter Führung von Eingebo-renen:

»Fröhlich setzte sich nun die Expedition in Bewegung. Nach etwa zweieinhalb Kilometern Weges gelangten wir auf das breite Lavafeld. Wenn sich der Leser ver-gegenwärtigt, daß hier eine dickflüssige, glühende, sich bergab wälzende Gesteinsmasse zur Erstarrung gekom-men war, so wird er eine Vorstellung gewinnen, welche grotesken Verwerfungen diese versteinerte Strom-schnelle zeigte, gleichzeitig aber wie jämmerlich unser bedauernswertes Schuhwerk von diesem glasharten und messerscharfen Gestein zugerichtet wurde. Etwa 18 Kilometer lang hatte dieser alles vernichtende und un-ter sich begrabende Lavastrom sich bis zu seiner Mün-dung ins Meer erstreckt. Es soll ein überwältigendes Schauspiel gewesen sein, dort am Strande, wo unter gewaltigem Brausen und Zischen ungeheure Dampfwol-ken zum Himmel strebten. An einzelnen Stellen hatte offenbar die erstarrende Masse gewaltige Blasen gebil-det, deren dünne Decke dann später einbrach, so daß nunmehr weite Grotten mit vielgezackten Wänden sich auftaten, auf deren Grunde sich allmählich ein kristall-klares Wasserbecken bildete. Aus diesem Grunde muß-te unser Marsch aber auch mit großer Vorsicht unter kundiger Führung vor sich gehen, da immer noch mit neuen Einbrüchen gerechnet werden mußte. Gegen Mittag waren wir am Krater angelangt, wo eine einfache Holzhütte als Raststätte sich zeigte. Vorsichtig blickten wir am Kraterrande in die jäh abfallende Tiefe. Wenn dort auch der vordem wild kochende Lavasee versiegt war, so machten doch beständig aufsteigende, heiße Schwefeldämpfe eine nähere Untersuchung des Ab-grundes unmöglich. Einen traurigen Anblick gewährte der hinter der Rasthütte beginnende Wald, dessen in-folge der giftigen Dämpfe abgestorbene Baumriesen die blattlosen Äste wie in stummer Klage zum Himmel streckten. Nachdem das mitgebrachte Frühstück ver-zehrt war, wurde der recht beschwerliche Rückweg an-getreten.«

Die Beschreibung Ohlsen von diesem Ausflug:

»Am Sonntagmorgen den 29. Oktober fuhren wir an Land. Der Kommandant sowie Offiziere und die Hälfte der Besatzung waren mit dabei. Zuerst ging es zwei Stun-den durch den Wald. Dann kamen wir an das Lavafeld. Bis zum Krater war es noch eine Stunde zu laufen; im-mer über die schwarze Lava. Der Krater bildete ein brei-tes tiefes Loch, welches noch ziemlich stark rauchte. Der Wald lag viele Kilometer weit unter der Lava begraben, nur hie und da ragte noch ein Baum heraus. Der Vulkan brach zuletzt im Jahre 1903 aus und war bis zum Jahre 1906 aktiv. Jetzt rauchte er nur noch etwas. Nachdem wir gegessen und uns ein paar Stunden ausgeruht hatten, machten wir uns wieder auf den Rückmarsch. Vor Savaii war eine starke Brandung und als wir zurück fuhren, wären wir um ein Haar umgeschlagen. Glücklich erreichten wir das Schiff. Abends gegen 8 Uhr kamen Eingeborene mit Weibern an Bord und machten „Siva-Siva.“«

Dann ist das Schiff wieder in Apia: »Am 4. November fand an Land ein Ball mit Theateraufführung für uns statt. Wir hatten Urlaub bis zum Wecken.«


1910 trifft der junge deutsche Rassenhygieniker Carl Eduard Michaelis auf Samoa ein und prangert in seiner Schrift: »Offener Brief an den Pflanzerverein von Samoa«, der am 1. April 1911 in der Samoanischen Zeitung veröffentlicht wird, die Rassenmischung an. Daraufhin wird Michaelis von wütenden samoanischen Frauen, die um ihre Verbindungen zu deutschen Män-nern fürchten, mit Stöcken und Peitschen die Straße entlang gejagt.

Die deutsche Verwaltung weist Michaelis als Unruhe-stifter aus Samoa aus.



Im Januar 1913 wird ein Vermessungsdetachment von zehn Mann der SMS Cormoran ausgeschifft, daß in der etwa sieben Kilometer breiten Apolimastraße zwischen den beiden größten Samoainseln Upolu und Sawaii Vermessungen durchführen soll. Der Trupp bezieht in den sauberen Hütten der Eingeborenen der Insel Ma-nono in der Apolimastraße Quartier. Technisch wäre es für die Vermessungsarbeiten am besten auf der ganz kleinen Insel Apolima, nach der die Meeresstraße be-nannt ist und die genau in der Mitte der Straße liegt, einen trigonometrischen Punkt festzulegen, da sonst die ganze Vermessungsaufgabe nur ungenügend gelöst werden könnte, nur ist das Inselchen, ein längst erlo-schener Krater, für europäische Boote unerreichbar und selbst die Einheimischen mit ihren Kanus haben Mühe auf der Insel zu landen. Bisher hat es auch nur ein Wei-ßer geschafft auf die Insel zu gelangen, der vormalige Gouverneur von Samoa, Wilhelm Solf.

Das Vermessungsdetachment beschließt auf die Insel zu kommen, um dort den notwendigen trigonometrischen Punkt auf der Insel zu setzen und da die Zeit für die Arbeiten drückt sofort hinüberzufahren. Der Häuptling von Manono rät dringend ab, weil bei dem augenblick-lichen Seegang kein Kanu und kein Boot in Apolima anlanden könnte. Das Detachment läßt sein Ruderboot von einem kleinen Motorboot zur Kraterinsel schleppen und mit einer bronzenen Athletengestalt, einem Einhei-mischen von Manono im Bug des Ruderbootes als Lotse stehend, geht es nach Apolima. An der kreisrunden kegelförmigen Kraterinsel von etwa einem Kilometer Durchmesser schlägt von allen Seiten die Brandung ein. Die Gischt fliegt hoch hinauf bis in die üppigen Palmen und Stauden, die den Abhang bewachsen. Der Lotse führt die Boote bis zum Hafen von Apolima, an dem ein Dorf liegt. Die wenige Meter breite Einfahrt ist von stei-len Felsen eingerahmt. Von außen kann man durch die Einfahrt in das Kraterinnere sehen, wo im üppigen Grün die Hütten des Dorfes sichtbar werden. Der Lotse sagt: „It is too rough“, für eine Einfahrt ist die See zu rauh, doch der befehlshabende Offizier befiehlt vom Motor-boot loszumachen und mit den sechs Ruderern im Boot die Einfahrt zu bezwingen. Das Motorboot soll nachmit-tags wieder zur Stelle sein, um das wieder ausgefahrene Ruderboot erneut an den Haken zu nehmen.

Vor der Einfahrt wird ein Wellenberg abgewartet und mit der Kraft von zwölf starken Seemannsarmen wird das Boot zwischen den Felsen durchgebracht und die Welle wirft das Boot auf den Strand des winzigen run-den Hafenbeckens. Die jubelnden Bewohner des Dorfes ergreifen die Jolle und ziehen sie schnell hinauf aufs Trockene und die Welle flutet ohne das Ruderboot zu-rück ins Meer.

Zum Teil auf den Schultern der Männer des Dorfes hält der deutsche Vermessungstrupp Einzug ins Dorf. Einige der wenigen Bewohner von Apolima hatten schon von einem hohen Felsen herab die beiden Boote kommen sehen und alle haben gespannt das Einfahrmanöver beobachtet. Zwar spricht keiner der Deutschen Samo-anisch und die Apolimaner nur Samoanisch, doch die Deutschen verstehen, daß sie von den Dorfbewohnern zu einem Fest als erste größere europäische Besucher-gruppe auf ihrer Insel eingeladen sind und die Deut-schen können begreiflich machen, daß sie auf die höch-ste Spitze der Insel geführt werden wollen.

Der zwar nur etwa einen Kilometer lange Marsch zur Spitze der Insel ist allerdings eine gewaltige Anstren-gung. Durch den dichten Urwald führt ein ganz schma-ler, zum Teil wieder zugewachsener Eingeborenenpfad. In drückender, feuchter Treibhaushitze führt dieser Pfad über schlüpfrige Steine, Dornengebüsch und Wur-zelwerk, durch nasses Gras, Spinnengewebe und Amei-senhaufen immer steil bergauf. Die Papageien flattern und kreischen erschrocken über die Eindringlinge in ihre Welt. Erschöpft und mit zerrissenen Hemden und Hosen erreicht der Trupp den gewünschten Vermes-sungspunkt, von dem sich ein großartiger Blick auf die Apolimastraße und das an die Apolimainsel brandende Meer bietet. Der kühle Wind und von den Samoanern mitgebrachte Kokosnüsse erfrischen die Deutschen und während die einen ihre Instrumente aufbauen und Ver-messungsarbeiten machen, entasten die anderen einen fest verwurzelten starken Baum als weithin sichtbare Bake, als Peilpunkt für Vermessungen. Eine beim Auf-stieg zerrissene khakifarbene Jacke wird als Fahne zur guten Sichtbarkeit der Bake an die Spitze des entasteten Baumes genagelt und dann wird mit Äxten alles rings um den Baum stehende Gestrüpp und Baumwerk um-gelegt, für eine allseits freie Sicht auf die Bake. Dann beginnt der Abstieg ins Dorf, wo das Fest vorbereitet ist. Es ist ein typisch samoanisches Fest.

Die Gäste sitzen vor dem Versammlungshaus des Dor-fes und die königlich verehrte Dorfjungfrau tanzt im Schmuck einer malerischen, hohen, bunten Krone aus Federn und Muscheln. Sie wird umkreist von den be-waffneten Söhnen des Häuptlings. Der Chor der Männer singt, noch verborgen im Wald, feierlich-ernste Melo-dien. Frauen und Kinder umschließen als Rahmen den Schauplatz. Der Chor der Männer kommt näher, die Me-lodien schwellen an, nehmen ab und erinnern mit die-sem monotonen Auf und Ab an die Dünung des Meeres. Die Tänzer treten zurück, die Melodie verstummt, und gleich einer strandenden Welle flutet der Chor der Männer auf die Gäste und legt seine Festgeschenke nieder. Es sind Hühner, Fische, Kokosnüsse, Bananen und Melonen. Nun folgen für die Deutschen unver-ständliche Begrüßungsansprachen und dann bildet die Bereitung der Kawa den Höhepunkt der Willkommens-feier. Man muß die von der Dorfjungfrau zubereitete Kawa trinken – das verlangt des Landes Brauch. Die Kawa schmeckt zwar sehr nach grüner Seife, aber ist doch ein erfrischendes Getränk.

Die Deutschen haben diese Feier schon in anderen Dör-fern erlebt und sind nicht ganz bei der Sache, weil sie immer ein Auge auf die donnernde Brandung in dem kleinen Hafenbecken haben. Ist die Einfahrt von einer hereinkommenden Welle hoch mit Wasser gefüllt, brandet die tosende See im nächsten Augenblick fast bis zu den Hütten und die eben noch von der einlau-fenden Welle überdeckten spitzen Felsen in der Ein-fahrt liegen frei und ragen drohend empor. Dann strömt das Wasser aus dem Hafenbecken, die Felsen verschwinden unter der herausrollenden Wassermasse und das Hafenbek-ken leert sich. Schon braust die nächste Welle ins Becken und schießt den Strand hoch. Wie kommen sie hier wieder raus?, beschäftigt die Gäste mehr als das Fest.

Nach dem Essen befiehlt der befehlshabende Offizier „Jolle klar!“ und das auf Strand liegende Ruderboot der Cormoran wird von seiner Besatzung bestiegen. Der Häuptling von Apolima übernimmt selbst das Ruder der Jolle und seine Männer fassen das Boot und warten bis das Kommando „Hoi!“ ihres Häuptlings kommt und sie das Boot in eine aufgelaufene Welle stoßen. Die zurück-flutende See reißt die Jolle mit und die Matrosen pullen aus Leibeskräften. Pfeilschnell geht es durch das Felsen-tor hinaus. Das Boot ist draußen und die Dünnung des Meeres hebt und senkt das Boot. Da springt der Häupt-ling ins Wasser, ruft der Bootsbesatzung den Gruß sei-ner Heimat zu: „Tosa“, „Ich liebe dich“, und schwimmt lachend mit weit ausholenden Armen auf dem Rücken einer See wieder in sein kleines, romantisches Reich. Die Deutschen winken den Dorfbewohnern durch das Felsentor noch einige Abschiedsgrüße zu und werden dann vom schon wartenden Motorboot nach Manolo geschleppt, wo sich die Männer des Vermessungsde-tachments auf einem Lager aus weichen geflochtenen Matten von den Anstrengungen und Aufregungen des Tages erholen.




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Apia

Um 1910 bietet Apia folgendes Bild: Sie besteht aus fünf Stadtteilen, die jeweils nach Samoadörfern benannt sind. Den westlichsten Teil der Stadt bildet die lang-gestreckte Halbinsel Mulinuu. Die Halbinsel ist etwa einen Kilometer lang und 50 bis 200 Meter breit. Auf der äußersten Spitze der Halbinsel liegt das von der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen unter-haltene Samoa-Observatorium. Unter den Samoahäu-sern auf der Halbinsel fällt besonders das Fale tele, das Beratungshaus, auf. Auf Mulinuu, dem alten Königssitz, wohnt auch Mataafa, der Vertreter des samoanischen Volkes bei der deutschen Verwaltung. Mataafa hat sich bereits nahe seiner Wohnstätte aus weißem Stein mit runder Kuppel ein Mausoleum errichtet, in dem er zu seiner letzten Ruhe gebettet werden will.

Der seeseitige Teil der Halbinsel wird vom Stadtteil Mulinuu eingenommen. Auf dem Weg von Mulinuu nach dem landseitig auf der Halbinsel liegenden Stadt-teil Songi steht auch das Denkmal der in den Kämpfen mit Samoanern auf der Insel gefallenen Marineange-hörigen der deutschen Kriegsschiffe Olga und Eber und nicht weit davon das Denkmal für die gefallenen engli-schen und amerikanischen Seeleute.

Am Strand von Mulinuu ist auch ein stattliches Kriegs-doppelkanu als Sehenswürdigkeit unter einem Schutz-dach aufgestellt. Diese Kanus sind bei den Samoanern längst aus der Mode gekommen. Nur zum Fischen benutzen sie noch Kanus. Ihre Verkehrsboote sind nun auch in europäischer Weise gebaut, aber nach Kanu-Art häufig übermäßig lang, sodaß es vorkommen soll, daß solche Boote im Seegang in der Mitte durchbrechen.      

Im Stadtteil Songi stehen an der Hauptstraße eine Reihe idyllisch gelegene Wohnhäuser weißer Ansiedler mit freiem Blick auf die Bucht von Apia. Auf dem Festland folgt dann der Stadtteil Savalalo mit der Hauptnieder-lassung der Deutschen Handels- und Plantagengesell-schaft der Südsee. Zur Anlage der D.H.P.G. gehört auch ein Kasino, daß hauptsächlich von den jüngeren Herren der Gesellschaft besucht wird.

An Savalalo schließt sich nach Osten der Stadtteil Mata-fele an, die Geschäftsstadt von Apia, die ›City‹, sofern man von einem für europäische Verhältnisse kleinen Ort wie Apia von einer solchen reden kann. Die Haupt-straße von Apia ist in Matafele auf beiden Straßenseiten bebaut. Das »Centralhotel« bietet hier den ›durstigen Seelen‹ einen Anziehungspunkt, da recht gutes Bier zum Preise von einer Mark das Seidel, also einem halben Liter, ausgeschenkt wird. Auch das deutsche Postamt hat seinen Sitz in Matafele.

Im anschließenden Stadtteil Apia ist die Hauptstraße in Richtung Seeseite wieder unbebaut. Hier steht die statt-liche katholische Kathedrale mit ihren zwei Türmen. Dieser gegenüber etwa 200 Meter vom Strand entfernt liegt das Wrack des Kanonenbootes Adler, welches dort bei dem mehrtägigen Zyklon vom März 1889 auf den Strand getrieben wurde. Nur noch der Rumpf des in zwei Teile zerbrochenen Schiffes ist zu sehen, dessen Ober-deck dem Land zugewendet ist.

An dem mit einem Turm gekrönten »Tivoli-Hotel« liegt im innersten Winkel der Bucht auch die Anlegebrücke. Dicht neben der Brücke liegen die letzten Reste des Kanonenbootes Eber, ein Trümmerstück des Bugs. Die Eber war bei dem Wirbelsturm im März 1889 völlig zerschlagen worden und alle 73 an Bord befindlichen Besatzungsmitglieder kamen um. Von der Adler waren bei dem Sturm 20 Besatzungsmitglieder ums Leben ge-kommen.  

Einen imposanten Eindruck macht die Markthalle in Apia. Ihre Hallen dienen allerdings weniger ihrem ei-gentlichen Zweck als gelegentlichen Festen und Bällen. Die deutsche Verwaltung stellt die Markthalle als Ver-anstaltungssaal zur Verfügung. So etwa sind die Hallen am 4. November 1911 für ein Mannschaftsfest der SMS Cormoran in Beschlag genommen. An dem Fest neh-men auch fast alle Ansiedler teil und Aufführungen und Tanz werden den Gästen geboten.

Die Markthalle wird auch häufiger von der tanzlustigen Jugend von Apia zu Veranstaltungen genutzt, wozu die jungen Samoanerinnen in europäischen Ballkleidern und Schuhen erscheinen. Nach dem Ende der Festlich-keit ziehen die Mädchen aber sofort die unbequemen Schuhe aus und gehen vergnügt barfuß nach Hause.

Vom Stadtteil Apia aus führen zwei breite, von üppigem Grün eingefaßte Straßen langsam bergan ins Landesin-nere. Hier liegen verstreut in idyllischen Gärten eine Reihe hübscher Wohnhäuser der Ansiedler. Auch das Regierungshospital befindet sich hier. Noch weiter land-einwärts, am Fuße des Vaea-Berges, in einem grünen Talgrund, steht die Villa Vailima, die Residenz des Gou-verneurs.

Am Ufer anschließend an Apia kommt der Fluß Vaisin-gano, der Apia von Matautu trennt. An der Mündung des Flüßchens entwickelt sich häufig ein fröhlicher Badebe-trieb der Samoaner. An der äußersten Spitze der Mata-utu-Halbinsel liegt die Lotsenstation und an der Ostseite der Halbinsel befinden sich das amerikanische und bri-tische Konsulat von Deutsch Samoa.

Ein Matrose der SMS Cormoran schreibt im September 1911 in sein Tagebuch: »Im Hafen von Apia gingen wir vor Anker. Von Bord aus gesehen, bildete die Stadt und das sich dahinter erstreckende Bergland einen reizvol-len Anblick.«

Kommt ein Kriegsschiff nach Samoa so ist es gleich nach dem Ankern umringt von Kanus, deren Insassen Früchte verkaufen und ihre Dienste anbieten.

Der Hafen von Apia wird auch von den Einheimischen genutzt. Die häufigen gegenseitigen Besuche der Samoa-ner untereinander werden an der Küste, wo die meisten Siedlungen der Samoaner liegen, mit Booten betrieben. Solche Reisegesellschaften kommen im vollbesetzten Boot, den taktmäßigen Ruderschlag mit melodischem Gesang begleitend und blumenbekränzt, im Hafen an.

Östlich von Apia liegt die Pflanzung Vailele. Der Weg nach Vailele führt durch saubere, parkartige Anlagen und bildet einen besonders beliebten Spaziergang der Bewohner Apias.


Ein lohnendes Ziel für Wanderfreunde ist der Lanotov-Kratersee in den Bergen bei Apia. Von Apia aus geht man ins Land zunächst an der Villa Vailima vorbei, dem Sitz des Gouverneurs. Dann geht es auf einem bequemen Fahrweg aufwärts durch dichten tropischen Wald. Nach zwei bis drei Stunden erreicht man die Gaststätte »Kaiserhöhe« und weiter des Wegs die Erholungsstation »Afiamalu«. Nach Afiamalu zeigt ein Wegweiser in einen Fußpfad zum Lanotov, während der Hauptweg weiter über die ganze Insel zur Siumu-Bucht führt. Dieser vielfach gewundene Fußpfad ist recht beschwer-lich und naß, aber eben. Durch üppigsten Tropenwald führt er zum Krater. Nach gut drei Kilometern über den Pfad folgt in das nasse Dickicht hinein eine teilweise mit Knüppeln befestigte Steige, die nach etwa 20 bis 30 Minuten zum Kraterrand führt. Dort sieht man durch das Grün den See. Sechshundert Meter über dem Meer, auf steiler Bergkuppe, ein tiefes und fast einen Kilo-meter weites Wasserbecken, in dessen unbewegter Fläche die Bäume des Urwaldes sich spiegeln, ein Bild paradiesischer Schönheit. Schaut man zurück sieht man den Hafen von Apia, in dem wie Kinderspielzeuge die Schiffe liegen und in der Ferne am Horizont die un-endliche Weite des Stillen Ozeans. Oben am Kraterrand hat die Regierung einige bescheidene Holzhäuschen gebaut, die malerisch zwischen dem wuchernden Grün versteckt sind. Diese Rasthäuschen bieten gerade ein Dach über dem Kopf. An einfachen Holztischen kann man picknicken. Wer einige Tage hier Oben verweilen will, muß sich alles zum Leben nötige mit Lasttieren herauf schaffen lassen.

In die gleiche Richtung wie der Lanotov-Kratersee liegt von Apia aus auch der Wasserfall Papaseea, einem be-liebten Badeplatz, der wunderbare Gelegenheit bietet, sich im rauschenden Strudel einen glatten Felsen hinab-gleiten zu lassen.