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Allgemeines Leben III


Ist die Tierwelt und die Landschaft Ostafrikas für die Stadtbewohner etwas unbekanntes und eine Safari außerhalb ihrer Möglichkeiten, ist eine Safari für die Farmbesitzer im Landesinnern oft Teil ihrer Freizeit oder gar ihrer Tätigkeit. So ist Werner Schönfeld, wie einige Pflanzer in Deutsch Ostafrika ein ehemaliger Marineoffizier, im Juli 1914 auf Safari in der Steppe zwischen dem Kilimandscharo und dem Meru und Anfang August reitet er von der Farm Krantz zur Farm Weber, um dort von ihm eingestelltes Vieh zu besich-tigen. Ein Ritt durch die Hitze der Buschsteppe ist wiederum auch nicht der Traum vieler Büroangestellter in Daressalam. Dafür bezahlen aber einige vermögende Deutsche und Ausländer viel Geld für die Anreise und die Safari in Afrika. So kommt auch der frühere lang-jährige Bezirksamtmann des Bezirks Kilwa, Hauptmann a. D. Richter, im Juli 1914 für die Jagd zurück nach Deutsch Ostafrika.


Der 5. August 1914 ist ein typischer Tag während der Ernte auf einer Baumwollplantage im Lukuledital im Südosten der Kolonie. Am frühen Morgen, noch im Dunkeln, werden wie üblich durch die Ngoma, die große Wecktrommel, die Leute aus den Hütten zur Arbeit gerufen und auch Otto Pentzel, der Plantagenbesitzer, wird von der Trommel geweckt. Als Pentzel auf den Hofplatz hinaustritt beginnt die aufgehende Sonne die Spitzen der Palmen zu bescheinen und nach dem Abzäh-len der in langen Reihen angetretenen Arbeiter ist es heller Tag, wie eben in den Tropen sich der Übergang von der Nacht zum Tag schnell vollzieht. Eine dichte Menschenmenge schiebt sich nun zu den Feldern. Vo-ran die Arbeiter von der Küste in vielfachen Schattie-rungen von hellem Braun zu tiefem Schwarz und dahin-ter der Zug der stämmigen Wangoni aus dem tiefen Hinterland, die Kerntruppe der Arbeiter. Die aus dem entlegenen Südwesten des Schutzgebietes angeworbe-nen Wangoni sind rauhe Gesellen, die sich gerne mit dem einheimischen Hirsebier betrinken und dann be-geistert Schlägereien mit den Leuten anderer Stämme suchen, wobei sie auch ihre dünnen, aber am Ende mit einem rund geschnitzten Keulenkopf geschmückten Stöcke einsetzen. Schlägereien, die Pentzel genug Gele-genheit bieten, sich als Sanitäter zu betätigen. Jetzt zie-hen die Wangoni mit umgehängten Säcken an die fried-liche Tätigkeit des Baumwollpflückens, die zu den bä-renstarken Gestalten wenig zu passen scheint. Sie sind beim Buschroden besser am Platz, wenn es gilt, mit Axt und Haumesser unter taktmäßigen, sehr melodischen Gesängen auf zähe Baumstämme einzuschlagen. Jetzt lösen sie aus den vertrockneten Kapseln jede Flocke sorgfältig aus. Auch darin sind sie die Zuverlässigsten. Die von ihnen gezupfte Wolle ist die sauberste, während man bei den Küstenleuten scharf aufpassen muß, daß sie nicht von Mäusefraß verdorbene Flocken und dürre Blätter unter das Erntegut mischen.

Die Felder sehen von der aufgegangenen Wolle wie beschneit aus. Teilweise schaukeln die Flocken schon bedenklich lang im steifen Südwind. Es ist höchste Zeit, sie einzubringen, und Otto Pentzel ist froh, dieses Jahr so viele Pflücker zusammenbekommen zu haben. Nicht Mangel an Arbeit, sondern Knappheit an Arbeitern macht den Pflanzern zu schaffen.

In langer Kette ziehen die Sammler die Staudenreihen entlang und legen die vollgestopften Säcke am Feldrand ab, von wo ein besonderer Trägertrupp sie aufnimmt und an große, aus Bambusstangen gebundene Trocken-tische bringt. Hier breitet man die Wolle aus und gibt sie der prallen Sonne preis, um Rotwanzen und andere lästige Insekten zu vertreiben. Sack um Sack wird dann wiederum gefüllt und im Speicher aufgestapelt. Bis an die Decke häuft sich der Erntesegen. Wohlgefällig be-trachtet Pentzel die Ernte und wagt schon heimlich zu überschlagen, welchen Gewinn diese Fülle einbringen wird. Der Baumwollpreis steht 1914 erfreulich hoch.

Während des Arbeitsgetriebes holt Cheramanda, der Boy von Pentzel, ihn aus dem Betrieb heraus. Zu Chera-mandas Pflichten gehört neben dem Wäsche waschen, putzen und dergleichen häuslichen Verrichtungen auch die allmorgendliche Kontrolle der Raubtierfalle. Chera-manda hat auch gleich das Jagdgewehr dabei. Die Falle ist am Ende des Kulturlandes an einem schmalen Pfad ins Schilf des Lukulediflusses aufgestellt. Mindestens einmal die Woche hält das schwere Bogeneisen einen unfreiwilligen Insassen fest, meist nur ein harmloses Stachelschwein oder eine ruppig aussehende Hyäne. Zweimal hat Pentzel mit dem Fangeisen auch schon prächtige Leopardenfelle auf diese Weise erbeutet, aber Löwen sind bisher der Falle immer aus dem Weg gegangen. Diesmal ist ein ungewöhnlicher Fang im Eisen: Ein Krokodil. An Land flieht ein Krokodil ins Wasser, aber im Wasser hat man keine Chance gegen die Echse, da ist sie in ihrem Element. Aber auch am Ufer ist es sehr gefährlich, wenn man sich dort achtlos aufhält. Viele Frauen werden beim Wasserholen von den aus dem Wasser schnellenden Panzerechsen ge-packt und gefressen.

Pentzel und sein Boy nähern sich dem Fangeisen. Pent-zel berichtet: »Ich konnte noch nicht erkennen, ob sich im dichten Schilf ein Krokodilleib vom Boden abhob, sind doch auch die freiliegenden, oft riesenhaften Ech-sen kaum von angeschwemmten Baumstämmen zu unterscheiden, wenn sie zu Dutzenden nebeneinander hingereiht auf einer Sandbank Mittagsruh halten.

Cheramanda wurde mutiger und warf einen Lehm-brocken ins Gebüsch, und da bewegte sich etwas, was ich eben noch für eine Schlammaufhäufung gehalten hatte. Es war ein ganz achtbares Krokodil von vielleicht vier Meter Länge, aber völlig verängstigt suchte es sich im Grase zu verstecken, die linke Hintertatze saß im Eisen. Ich sagte Cheramanda, er solle das Tier zurück-treiben, damit ich einen guten Schuß anbringen könne. Cheramanda holte wieder mit Lehmbrocken aus, um es zum Wenden zu veranlassen. Da schwoll der Echsenleib auf, noch mehr und noch riesiger, und das Krokodil hob an zu brüllen, hob ein tiefes, rollendes Löwenbrüllen an. Das wirkte so seltsam, daß ich ein zweites Mal ansetzen mußte, ehe dieses drachenhafte Fabeltieres Ende ge-kommen war.

Krokodile haben also eine Stimme! Das hatte ich nun heute gelernt. Es verging doch kein Tag in diesem Affen-land, wo man nicht Gelegenheit hatte, irgend etwas Unbekanntes zu entdecken, sei es aus der Pflanzen- oder Tierwelt, auf völkerkundlichem oder sprachlichem Ge-biet. Nach Hause mochte ich diese kleine Neuheit nicht mitteilen, denn da lachte man mich vielleicht aus, so wie es auch die Daressalamer Städter zu tun pflegten, die wohl in Afrika wohnten, aber von Afrikas Leben nicht allzuviel zu sehen bekamen. Vor ihnen hielten wir Pflan-zer und andere Hinterwäldler uns mit unseren Erfah-rungen, namentlich wenn sie Raubzeug betrafen, lieber zurück. Löwen sollten in der Kolonie jährlich Hunderte von Schwarzen aus den Hütten holen? Lächerlich! In der unter elektrischem Licht strahlenden Wißmann-straße in der Haupt- und Gouverneurstadt war derglei-chen nie passiert!

Ich beauftragte Cheramanda, einige Wangoni zu holen und der Jagdbeute den Kopf abschneiden und im Sand vergraben zu lassen, damit ich ihn in einigen Wochen als einen von Insekten blitzblank gefressenen und damit tadellos hergerichteten Schädel herausholen könne. Diesen mit einem unheimlichen Durcheinander von großen und kleinen Zähnen bewaffneten Rachen aufzu-bewahren, lohnte sich. Mit der Haut war nichts anzu-fangen, weil die so wehrhaft aussehende Panzerrüstung nur aus dünnen, zu Buckeln übereinandergeschichteten Plättchen besteht, die beim Trocknen zu losen Horn-splittern zerblättern.

Ich ging zur Erntearbeit zurück und fand mich dabei vollauf beschäftigt, bis nachmittags nach drei Uhr die Ngoma wieder schlug und Feierabend verkündete. Ent-gegen der in Europa herrschenden Ansicht, als ob um die Mittagszeit ganz Afrika in gliederlösenden Schlaf versunken sei, wurde nämlich von morgens ab ununter-brochen durchgearbeitet, die ›desturi‹, die allgewaltige Sitte wollte es so, weil die Neger gewöhnt sind, meist nur einmal des tags zu essen, was gegen Abend, dann aber ausgiebig geschieht. Für mich war die Arbeit noch nicht zu Ende, von den heimkehrenden Leuten sammelte sich wie üblich auch heute wieder ein Trupp vor meiner Veranda zum Shauri.

›Shauri‹ ist das große Wort im Lande und bedeutet die bei den Negern so beliebte ›Unterhaltung‹ und ›Ver-handlung‹. Sie verstehen, alles Erdenkliche zum Gegen-stand eines Shauris zu machen, für sie eine Liebhaberei, für den Bwana oft eine Plage. Aber der Europäer muß mithalten, will er nicht die Fühlung mit den Leuten verlieren, und er lernt auch bald, daß diese tägliche Beanspruchung doch den Gewinn einer Vervollkomm-nung in der Landessprache bietet. Erst der in Kiswaheli wirklich Fortgeschrittene merkt, wieviel weiter er mit den Eingeborenen kommt als ein Sprachfauler, der zwar auch verstanden, aber sehr zu seinem Schaden ausge-nutzt wird. Was die Shauribedürftigen diesmal vor-brachten, war das Übliche. Die meisten wollten Vor-schuß erlisten, teils mit Grund, teils ohne Grund. Den allzeit verläßlichen Wangoni konnte ich das Verlangte geben, bei ihnen war ich sicher, daß sich kein Mann vor Ablauf seiner Verpflichtung mit Hinterlassung von Schulden davonmachen würde, sie waren eben Rasse, diese rauf- und sauflustigen Kerle. Das gemischte Küs-tenvolk wollte mit mehr Vorsicht genossen sein, und dessen Vertreter wußten auch zur Genüge, daß ich nicht mehr auf jeden gestorbenen Großvater hereinfiel, dem zu Ehren die ›Sadaka‹, die Leichenschmauskosten ge-pumpt werden sollten. Wenn alle als plötzlich tot ge-meldeten Großväter, Großmütter, Brüder, Weiber und Kinder, wie angegeben wirklich zu begraben waren, so hätte das Land in Jahresfrist eine Wüste sein müssen. Aber ohne Shauri konnte ich auch die klarste Ableh-nung nicht durchführen und mußte diese Fälle ebenso gewissenhaft durchschwatzen, wie ich die anderen dörf-lichen Schwierigkeiten unter den schwarzen Mitmen-schen zu bereinigen suchte. Da klagte Abderachman bin Hamis, der Omari bin Mohamadi sei ihm schon lange eine Viertelrupie (dreiunddreißig Pfennig) schuldig, und ich möge doch dem bösen Zahler aufs Gewissen drük-ken. Der Toapembe bin Salim behauptete, der Saidi Nungu, zu deutsch: das ›Stachelschwein‹, habe ihm ein Huhn gestohlen (Barwert in unserm Geld zwanzig Pfen-nig), und der Mpalapalingwa vom Stamm der Wayao wies einen handlichen Riß unterm wolligen Kraushaar mit der nicht unwahrscheinlichen Klage vor, da habe ihm der Wangonimann Kwamkope mit dem Keulen-stock eins übergezogen.«

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Kamerun II

Max Kirsch arbeitet an Barre-Dampfern, die wegen ihrem geringen Tiefgang die nur wenig unterwasser liegenden Sandbarrieren vor der Küste von Westafrika überfahren können. Kirsch, der für seinen Auslands-einsatz einen ›Auslandsschein‹ bekommen hat ist mit der Bescheinigung bis 1916 vom Militärdienst befreit und arbeitet zur Zeit in Duala an der Marina, einem 600-t-Barre-Dampfer. Der Dampfer ist wie eine Reihe weiterer deutscher Barre-Dampfer in Lagos in der bri-tischen Kolonie Nigeria tätig. Seine Besatzung besteht aus dem Kapitän Freiherr von Geyer, dem Ersten Offi-zier und zwei Maschinisten. Die übrige Besatzung be-steht aus Negern, Leute, zu denen man großes Ver-trauen hat und die im Dienst schon viel geleistet haben. Ihre Kenntnisse als Matrosen und Heizer sind erstaun-lich gut. Max Kirsch, der einen schwarzen Diener na-mens Freitag hat, beschreibt das Leben im Hafen von Duala Anfang August 1914:

»Auf dem breiten Strome des Kamerunflusses schwimmt unterhalb der Joßplatte das große Dock der Wörmannlinie. Die Landungsbrücken am Ufer von Duala sind voller Menschen. Freundliche Häuser liegen versteckt in dem dunklen Grün der Mangobäume. Auf der andern Seite des Stromes leuchten aus dem Ufer-walde die Häuser von Bonaberi hervor. Weiter nach dem Meere hin ragt der Rücken des Kamerunberges empor. Weiße Nebelstreifen bedecken seinen Fuß.

Auf dem Strome liegen zwei große Dampfer. Ihre Rie-sengestalten und das Dock sind auffallende Erschei-nungen in der weiten, wilden Natur.

Das Dock trägt einen Dampfer, an dem bis heute lebhaft gearbeitet wurde. Schwarz Hände nieteten an den Kiel-platten vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Heute aber hat der Lärm der Arbeit aufgehört, und nur von Land her, aus der Regierungswerkstätte, tönt ein geschäftiges Klopfen, Schlagen und Hämmern, wie das, seit die Europäer ins Land kamen, an so vielen Stellen der afrikanischen Küste zu hören ist, wo früher nur das tiefe Brüllen der Flußpferde und der Schrei der Ufer-vögel die Ruhe unterbrachen.

Auf dem Dock ist reges Leben. Neger stehen an den Ventilen, der Dockmeister pfeift, die Neger drehen die Gestänge und langsam sinken die Kasten in das Wasser, bis der Körper des gedockten Schiffes selbst zum Tragen kommt und die Balken aufschwimmen, die die Bord-wand gegen die Wände des Docks gestützt hatten. Der Kapitän des Schiffes steht auf der Kommandobrücke und wartet auf den Augenblick, wo er den Maschinen-telegraphen nach langen Tagen zum erstenmal wieder bewegen kann.

Endlich schwimmt die Marina. Der Telegraph schnarrt und klingelt, die Maschine springt an, das Schiff steuert im großen Bogen flußaufwärts und fährt sicher durch die Fischerboote der Eingeborenen hindurch, bis auf einen Ankerplatz gegenüber dem Wörmannhause und dem Strandhotel. Der Anker fällt. Der Dampf wird abge-stellt.

Jetzt konnte auch ich an Deck kommen und mich mit meinen Kameraden freuen, daß die Arbeit beendet war. Das Schiff war wieder wie neu. Der Kapitän war froh über das gute Manöver des Schiffes, das so lange ruhig hatte im Dock liegen müssen, und spendete seinen weißen Mitarbeitern einen gemeinsamen Trunk.

Meine Tätigkeit an Bord der Marina war heute beendet. Ich mußte den nächsten Barr-Dampfer erwarten, der hier gedockt werden sollte, und freute mich auf einige Tage der Erholung. Mein eigentlicher Wohnsitz war Lagos. Da war ich bei der Werft angestellt, auf der die Barr-Dampfer ausgebessert werden, wenn sie bei ihrem schweren Dienst zu Schaden kommen. In Lagos selbst aber können nur kleine Arbeiten ausgeführt werden; alle Arbeiten, zu denen ein Dock notwendig ist, müssen in Kamerun gemacht werden. Zu solchen Arbeiten war ich im Mai 1914 nach Kamerun gesandt worden.

Der Kapitän gab auch unseren schwarzen Arbeitern, die uns bei der Arbeit treu unterstützt hatten, Urlaub, damit sie zu ihren Landsleuten gehen und sich einige Tage ausruhen konnten. Er versprach außerdem, daß der Lohn auch für die Tage der Ruhe gezahlt werde, zur Belohnung für die gute Arbeit. Die Neger verließen das Schiff in froher Stimmung, und nun herrschte an Bord eine Stille, die nach dem Lärm der letzten Wochen sehr wohltuend war.

Der Kapitän ließ sich ein Beiboot klarmachen und fuhr an Land, um die Geschäftsstelle der Dampferlinie aufzu-suchen. Wir anderen, die Maschinisten und ich, lagen in den Korbstühlen an Deck, gedachten zu baden und uns auszuschlafen und durchblätterten die letzten Zei-tungen, die schon ziemlich alt waren.«


Im November 1914 ergibt eine englische Einschätzung von Duala: »Der Wert der … Maschinen, Gebäude, Vor-räte und Hafenanlagen ist sehr hoch zu veranschlagen. Viele der Eingeborenen sprechen Englisch und sind den Franzosen feindlich gesonnen.«

Der gegebene Ausgangspunkt für die Erschließung Kameruns durch die Eisenbahnen ist der sehr gute, natürliche Hafen Duala, im Innern der geräumigen gleichnamigen Bucht gelegen. Nach Durchbaggerung der sogenannten Innenbarre werden künftig die großen Seedampfer nach Duala heraufgehen und an den dort geplanten Kais anlegen können, so daß sich dann der Umschlag zwischen Schiff und Bahn – anstatt des gegenwärtigen Leichterverkehrs – auf einfachste Weise vollziehen wird. Die Erschließung des Hinterlandes von Kamerun ist durch ein Netz von Duala ausgehenden Bahnlinien als eine Notwendigkeit gegeben.

Eine ursprünglich vorgesehene Verlängerung der Manenguba- oder Kameruner Nordeisenbahn bis zum Tschadsee muß 1914 vorläufig als undurchführbar gel-ten, wegen der Baukosten durch die hohen Gebirge auf der geplanten Strecke. Die Möglichkeit dieser Bahnver-längerung wird von der wirtschaftlichen Entwicklung von Kamerun abhängen. Die Verlängerung in nordöst-licher Richtung in die Landschaft Bamum bis Fumban wird erwogen und erscheint aussichtsreich.

Die Mittellandbahn Duala – Edea – Njong ist bis zum Kilometer 153 für den Verkehr freigegeben als man am 17. Juni 1914 die Bahnstrecke bis nach Eseka am Bahn-kilometer 173 für den Verkehr öffnen kann. Am 1. Au-gust 1914 kann dann die Linie mit einer Gesamtlänge von insgesamt 181 km bis zur Bahnstation Njock fertig-gestellt und freigegeben werden. Bis zum 24. Juli 1916 soll Mbalmajo am Njong, km 293, erreicht und damit die Mittellandbahn Duala – Edea – Njong vollendet sein.

Erkundungen für die Verlängerung der Bahn von Mbal-majo aus sind schon durchgeführt. Von Mbalmajo ist die Weiterführung der Strecke nach Batua im mittleren Kamerun geplant. In Batua würde eine Strecke durch Adamaua in die Deutschen Tschadseeländer führen und von dieser Linie sind Zweigstrecken ins Land hinein vorgesehen. Eine andere Strecke soll vom Njong zum schiffbaren Sanga in Neukamerun führen. Der Sanga fließt zum deutschen Teil des Kongoflusses und ver-bindet so das südliche Neukamerun mit dem Atlantik. Wenn diese Bahn ausgebaut wird, wird bis zur Fertig-stellung mindestens das Jahr 1922 herankommen. Der Bahnbau in Kamerun – besonders im Urwaldgebiet – ist eben schwieriger als der Bahnbau in Deutsch Ostafrika.


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Mittelafrika

Seit 1911 ist eine Bewegung in der Reichsregierung im Gange ein mittelafrikanisches deutsches Reich zu schaf-fen, das die bisherigen afrikanischen Kolonien Togo, Kamerun, Deutsch Südwestafrika und Deutsch Ostafrika und die noch zu erwerbenden Kolonien Portugals in Afrika mit Belgisch Kongo als Herzstück umfassen soll. In Zusammenarbeit mit Großbritannien soll das große Ziel erreicht werden.

Am 21. Juli 1911 sagt der englische Außenminister Edward Grey zum deutschen Botschafter in London, Graf Metternich, daß er bei einem Besitzwechsel im Kongobecken nicht das geringste dagegen einzuwenden haben würde, wenn Deutschland es erwirbt, desgleichen heißt er das deutsch-englische Abkommen von 1898 über die Aufteilung der portugiesischen Kolonien zwi-schen Deutschland und England gut.

Der Erste Sekretär bei der deutschen Botschaft in Paris, Freiherr von der Lancken, schreibt am 3. Oktober 1911, während der Verhandlungen um das Marokkoabkom-men, an das Auswärtige Amt nach Berlin:

»Spitzer [französischer Beamter] erwähnte ferner noch als französische Konzession geheime Zusicherungen betreffend Belgisch-Kongo. Zu einer geheimen Teilung schon jetzt wollten es die Engländer ja leider nicht kom-men lassen.«

Im deutsch-französischen Marokkovertrag vom 4. No-vember 1911 wird für den Fall, daß territoriale Verände-rungen im belgischen Kongo eintreten, ein deutsches Mitspracherecht zugesichert. Frankreich hat das Vor-kaufsrecht auf den belgischen Kongo und nun verpflich-tet sich Paris, von seinem Vorkaufsrecht nicht ohne vor-herige Verhandlungen mit Berlin über die Neuauftei-lung des gesamten Kongobeckens Gebrauch zu machen.

Der Marokkovertrag ist auch der erste praktische Schritt zur Verwirklichung eines Deutsch Mittelafrika. Durch den Erwerb von Neu-Kamerun dehnt sich Kame-run nach Osten aus und grenzt jetzt an Belgisch Kongo, welches wiederum in seinem Osten an Deutsch Ost-afrika angrenzt.

Am 27. November 1911 setzt sich auch der englische Außenminister Edward Grey vor dem Unterhaus, dem englischen Parlament, für eine Unterstützung der deut-schen Pläne in Mittelafrika ein und einen Tag später er-klärt er gegenüber dem deutschen Botschafter in Lon-don, Graf Metternich, das britische Desinteresse am bel-gischen Kongo und bietet seine Hilfsdienste für einen Erwerb großer Teile des portugiesischen Kolonialbesit-zes an. Mit diesem britischen Freibrief für den Erwerb des belgischen Kongo und der portugiesischen Kolonien geht die weitere Kolonialpolitik Deutschlands in Afrika ans Werk.

Am 9. Dezember 1911 schlägt Metternich in einem Schreiben an Reichskanzler Bethmann Hollweg vor:

»Und zwar sollten wir zwei Verträge schließen. Den ei-nen über den belgischen Kongo und einen anderen revi-dierten Vertrag über die portugiesischen Kolonien.«

Für die Revision des Vertrages von 1898 empfiehlt Metternich in seinem Schreiben den Tausch von Portu-giesisch Timor mit der England zugewiesenen Enklave Loanda im Norden Angolas, wie es im revidierten Vertrag von 1913 dann auch geschieht.

Der Angola-Vertrag vom August 1913 zwischen England und Deutschland ist auch ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum deutschen Mittelafrika. Angola grenzt im Norden an Belgisch Kongo und im Süden an Deutsch Südwestafrika. Nach der Übernahme von Angola ist somit auch Südwestafrika, die zweitgrößte deutsche Kolonie nach Deutsch Ostafrika, mit Deutsch Mittel-afrika verbunden, wenn Belgisch Kongo an Deutschland fällt.

In einem Schreiben des Geschäftsträgers in London, Botschaftsrat Richard von Kühlmann, an den Reichs-kanzler vom 8. Januar 1912 schreibt Kühlmann für die Zeit nach einer Übernahme der portugiesischen Kolo-nien von Deutschland und England:

»Es bedarf nur eines Blickes auf die Karte, um zu sehen, daß dann nur ein unentbehrlicher Schlußstein im Gewölbe fehlt, um das große deutsche Kolonialreich in Zentralafrika zu realisieren, und das ist die Erwerbung des Kongobeckens.«

Kaiser Wilhelm, dem das Schreiben auch zugeht, no-tiert neben diesen Satz Kühlmanns: »Wer soll denn das verwalten und aufschließen woher kommt das Geld!« In einer vorherigen Bemerkung hatte Wilhelm schon an den Briefrand geschrieben: »Colonien haben wir ge-nug!«

In einer eigenhändigen Erörterung des Kaisers zum Schreiben Kühlmanns vom 11. Januar 1912, welche Kühl-mann zur streng vertraulichen, ausschließlich persön-lichen Kenntnis mitgeteilt wird, steht: »Wenn Herr von Kühlmann von dem großen Deutschen Afrikanischen Colonialreich träumt, vergißt er das W i e des Zustande-kommens, das W o m i t unsrer finanziellen Unzuläng-lichkeit, und das W e r der völlig für solche Verhältniße unerzogenen und mangelnden Beamten.«

Der Kaiser ist also im Gegensatz zur Gruppe der ›Mittelafrikapolitik‹-treibenden Diplomaten in London und Lissabon und Regierungsbeamten in Berlin gar nicht begeistert von neuen Kolonien.

Die deutsche Politik nimmt in der afrikanischen Kolo-nialpolitik den Weg erst die portugiesischen Kolonien zu erwerben und in einem zweiten Schritt Belgisch Kon-go. Für die Frage des Kaisers über das »Zustandekom-men« sind entsprechende Verträge geplant, welche im Falle der portugiesischen Kolonien bis 1914 erfolgreich abgeschlossen werden können.

Die »finanzielle Unzulänglichkeit« ist zwar eine Tat-sache, kann aber auch nicht zu groß sein, denn Ende November 1912 betont Ludwig Gwinner von der Deut-schen Bank gegenüber dem deutschen Gesandten in Lissabon, Friedrich Rosen, grundsätzlich das Interesse der Banken an einer Ausdehnung des Kolonialreiches in Afrika und sagt Rosen: „Was die portugiesische Koloni-alfrage im einzelnen betrifft, so kann ich Ihnen mittei-len, daß alle Großbanken sich für sie lebhaft interes-sieren und die Mittel für ihre Lösung bereitzustellen entschlossen sind. Ich werde in den nächsten Tagen mit Ihnen und Helfferich [Karl Helfferich, Direktor der Deutschen Bank] alle Einzelheiten durchsprechen.« So können schließlich die notwendigen Investitionen in die Erwerbung des deutschen Teils an den portugiesischen Kolonien getätigt werden.

Die »unerzogenen und mangelnden Beamten« sind al-lerdings ein massives Problem. Schon die Übernahme der portugiesischen Kolonien wird die deutsche Koloni-alverwaltung auf das Äußerste anspannen. Es besteht kein Zweifel, daß die korrupte portugiesische – und eben auch portugiesischsprachige – Verwaltung vollständig durch deutsche Beamte ersetzt werden muß. Für den deutsch werdenden Teil von Belgisch Kongo muß dann weitgehend auf flämisches Verwaltungspersonal aus der gesamten Kolonie Belgisch Kongo übernommen wer-den. Anders ist eine Übernahme überhaupt nicht denk-bar. Gerade den Gouverneur und ein paar oberste Beam-te kann man selber stellen. Nach einer Probezeit für die übernommenen belgischen Beamten, kann ein dauern-des Vertragsverhältnis entstehen, wenn diese vorläufi-gen Beamten die deutsche Staatsbürgerschaft anneh-men. Für diese flämischen Beamten wäre bei einer deut-schen Übernahme ihre berufliche Zukunft gesichert und die völkische Nähe der Flamen macht eine Über-nahme von Deutsch als Verwaltungssprache verhältnis-mäßig einfach, wie auch die Eindeutschung der Beam-ten selbst.

Eine Besonderheit der Verwaltung des Kongo ist aller-dings, daß König Leopold II die Verwaltung seiner Kolo-nie zum großen Teil auf Ausländer stützte und die belgische Verwaltung diese Kräfte 1908 natürlich über-nahm, um die Verwaltung aufrechtzuerhalten. Dabei waren bezeichnenderweise Engländer, Franzosen und Deutsche als Beamte ausgeschlossen. Unter den Beam-ten sind aber viele Skandinavier – Schweden, Dänen, Norweger – , Schweizer und Holländer, die oft Deutsch sprechen und problemlos in die deutsche Verwaltung übernommen werden können; unter den gleichen Voraussetzungen wie für die Übernahme der flämischen Beamten.

Der Generalgouverneur von Belgisch Kongo ist seit 1912 Felix Fuchs. Seine Eltern sind Deutsche, geboren ist er in Brüssel. Seit 1888 ist er als Rechtsberater im Kongo und in der Regierung der Kolonie tätig. Er könnte auch als deutscher Gouverneur den deutschen Teil vom Kongo weiterführen.   


Der belgische Botschafter in Berlin, Baron Eugène Beyens, schreibt am 2. April 1914, daß Belgien für die Annäherung von England und Deutschland wahrschein-lich mit der Teilung des Kongo zu bezahlen habe.

Am 20. April 1914 regt Kolonialstaatssekretär Wilhelm Solf an, die 1912 zunächst gestoppten Kolonialverhand-lungen über die Teilung des belgischen Kongo wieder-aufzunehmen oder vorerst die »bloße Beschneidung des belgischen Kolonialbesitzes« anstelle der völligen Auf-teilung unter Deutschland, England und Frankreich, welche er für den gangbareren Weg bei der Aufteilung der belgischen Kolonie unter den beteiligten Groß-mächten hält. Solf weist Gottlieb von Jagow, den Staats-sekretär des Auswärtigen Amtes, dabei auf die von Bel-gien geplante Zollerhöhung von 10 % der konventionel-len Kongozölle auf 30 % hin:

»In der gemeinschaftlichen Versagung unserer Zustim-mung zu dieser Zollerhöhung mit England zusammen haben wir ein ausgezeichnetes Mittel, unsere innerafri-kanischen Expansionsabsichten beschleunigt durchzu-setzen.«

Auf einer beigefügten Karte hat Solf die mögliche Tei-lung der Kongo-Kolonie skizziert: Der Südzipfel von Belgisch Kongo an das britische Rhodesien und die Grenzregion zu Uganda ebenfalls an England. Die Fläche vom Norden Angolas bis zum Osten Deutsch Ostafrikas an Deutschland und das Land nördlich davon bleibt halb belgisch und kommt halb zu Frankreich.

Der Kolonialstaatssekretär sieht die »Möglichkeit eines baldigen Zusammenbruchs der belgischen Kolonialwirt-schaft« angesichts der belgischen Defizite im Kolonial-budget für nicht ausgeschlossen an. Solf bezieht sich ausdrücklich auf die Verhandlungen des deutschen Bot-schafters in England, Paul Graf von Metternich, mit dem englischen Außenminister Edward Grey am 9. Dezem-ber 1911 und am 11. März 1912 und will auf dieser Basis die Gespräche weiterführen: Zuschlag Katangas, des tiefen Südens Belgisch Kongos, und »eventuell« eines Gebietes im Nordosten des belgischen Kongos an England und die Region nördlich des Kongoflusses an Frankreich. Für Deutschland nimmt Solf eine »breite Verbindung von Deutsch-Ostafrika nach dem in unsere Interessen-sphäre fallenden Teil von Angola« in Aussicht und für die Zukunft die Erwerbung des großen Kongobogens. Am besten wäre es dabei, die Ansprüche Englands auf »Ober-Katanga« zu beschränken und »weitere englische Forderungen auf das wertvolle belgische Gebiet westlich von Uganda« abzulenken, weil dort wertvolle Kupfer-, Diamant- und Goldvorkommen lägen, so daß England durchaus zufrieden sein könnte. Der Staatssekretär des Reichskolonialamtes hält auch hier ein »Handinhand-gehen mit England« für geboten, das er auch auf die Wahrnehmung deutscher Verkehrsprojekte in Afrika ausgedehnt wissen will. Am 23. April 1914 antwortet Richard von Kühlmann, seit 1908 Botschaftsrat in Lon-don, auf die Solfschen Vorschläge; er beruft sich auf schriftliche Zusicherungen, daß England als Grenze sei-ner Ansprüche von Süden gesehen bis zum 10. Breiten-grad angegeben habe.

Der englische Außenminister Grey hatte im März 1912 betont, daß falls der Kongo „auf den Markt kommen sollte“, das englische Interesse nur an Katanga läge, über das übrige Gebiet müßten sich Deutschland und Frankreich verständigen, sehe doch der deutsch-franzö-sische Marokkovertrag ein französisches Vorkaufsrecht auf den Kongo und ein deutsches Mitspracherecht vor.  

Der deutsche Kolonialminister Wilhelm Solf sieht die Teilung der portugiesischen Kolonien zwischen Deutschland und England als erledigt an, welcher der erste Verhandlungspunkt bei den Kolonialgesprächen zwischen Deutschland und England seit 1911 war, und will nun zum zweiten Punkt schreiten, den belgischen Kongo.

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Portugiesisch Guinea

Obwohl Portugiesisch Guinea seine Ausfuhr von haupt-sächlich Zucker, Kautschuk, Häuten, Wachs, Palmker-nen und Erdnüssen meistenteils nach Deutschland liefert, die meisten die Kolonie anlaufenden Dampfer deutsche sind und ein großer Anteil der Hauptein-nahmequelle der staatlichen Einnahmen dieser portu-giesischen Kolonie die hohe Besteuerung auf Alkohol ist, der zu einem bedeutenden Anteil aus Hamburg eingeführt wird, steht Portugiesisch Guinea nicht auf der Liste der erwünschten deutschen Kolonien. Die mit 34.000 qkm nicht einmal halb so große Kolonie wie das mit 87.000 qkm schon kleine deutsche Togo ist auf Grund seiner Lage ganz in Westen von Westafrika, und vollständig von französischen Kolonien umgeben, für den Plan eines deutschen Mittelafrika nicht interessant. Ökonomisch ist Portugiesisch Guinea sowieso Teil der deutschen Kolonialwirtschaft.

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Nordmosambik

Die gesamte Fläche von Mosambik beträgt 801.590 qkm, davon fallen Deutschland 387.940 qkm zu, also etwa die Hälfte der ostafrikanischen Kolonie Portugals, während die andere Hälfte England zufällt. Nordmosambik hat etwa zwei Millionen Einwohner. Außer der Bantuvölker, also Negern, gibt es an der Küste auch Araber und Inder. Im Süden von Deutsch Ostafrika wohnen teilweise die selben Stämme wie im Norden von Portugiesisch Ost-afrika etwa wie die Wamakua.

Die Ausfuhr des Nordens von Mosambik betrifft wenige typische Tropenprodukte. Seitdem die Deutschen in Deutsch Ostafrika den Sisalanbau eingeführt haben wird auch in Portugiesisch Ostafrika etwas Sisal angebaut und Zuckerrohr, wie es eben die tropische Lage ermög-licht.

Der ganze Norden Mosambiks ist drei gewaltigen Kon-zessionsgesellschaften übergeben, welche hauptsäch-lich mit englischem und französischem Kapital arbeiten. Das wirtschaftliche Zentrum Mosambiks liegt im Süden und wird englische Kolonie. Der nördliche, deutsche Teil von Mosambik, das zukünftige Deutsch Mosambik, ist wirtschaftlich wesentlich schlechter entwickelt als der Süden und besitzt auch keine Bahnlinie.

Nordmosambik ist landschaftlich vergleichbar mit Deutsch Ostafrika. Viele Trockenwälder überziehen das Land, aber mehr Flüsse als in Deutsch Ostafrika durch-ziehen die Landschaft. Wegen der Tsetsefliege ist je-doch kein Viehbestand vorhanden. Im ganzen gibt es aber weniger Tsetsefliegenbefall als in einigen Gegen-den von Deutsch Ostafrika. In einigen Gebieten von Nordmosambik findet sich die schlimmste Form der Schlafkrankheit.

Die Portugiesen beherrschen das Land durch ihre auf Hügeln errichteten Bomas. Ihre Siedlungen sind aber nichts als Ansammlungen von Baracken. Sie führen eine Gewaltherrschaft gegenüber den Einheimischen. Portu-giesische Beamte, Militärs, farbige Regierungsangestell-te und Askaris nehmen ohne Bezahlung von den Ein-heimischen was sie wollen und verlangen unbezahlte Arbeitsdienste. Besonders die Askaris plündern und ihre portugiesischen Herren lassen sie gewähren. Das die schwarze Bevölkerung nur ausgebeutet wird ist er-sichtlich am fast völligen Fehlen von Baumwolltüchern und Stoffen, die bei den Schwarzen so beliebt sind, die sie aber nur gegen Geld erwerben können, welches sie bei den Ausbeutungsmethoden der Portugiesen nicht in die Hand bekommen. Zum Teil gibt es äußerst brutale Strafmethoden und so sind die Portugiesen verhaßt bei der Bevölkerung in Mosambik.

Das Gouvernement in Daressalam beurteilt die wirt-schaftlichen Möglichkeiten von Nordmosambik als un-günstig. Die miserabele portugiesische Verwaltung hat keine Entwicklung vorangetrieben, sondern ausschließ-lich aus dem Land gelebt, ohne etwas für das Land zu tun.

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Bildung

England ist in Schulwesen und Wissenschaft bereits hoffnungslos gegenüber Deutschland abgeschlagen, was langfristig seinen industriellen Niedergang besie-gelt. Nicht zufällig heimst Deutschland bei weitem die meisten wissenschaftlichen Nobelpreise ein und über-haupt fast doppelt so viele Nobelpreise wie jedes andere Volk.

Schon 1828 sagte Goethe: „Deutschland hat über zwanzig im ganzen Reich verteilte Universitäten und über hun-dert ebenso verbreitete öffentliche Bibliotheken, an Kunstsammlungen und Sammlungen von Gegenstän-den aller Naturreiche gleichfalls eine große Zahl; denn jeder Fürst hat dafür gesorgt, dergleichen Schönes und Gutes in seine Nähe heranzuziehen. Gymnasien und Schulen für Technik und Industrie sind im Überfluß da…“

Das sagte Goethe noch zum Beginn der Industriellen Revolution in Deutschland und seitdem wurden und werden neue Universitäten gegründet und technische Fachschulen für alle Bereiche der Industrie geschaffen, was nun Deutschland die weltweite Führung in Wissen-schaft und Technik eingebracht hat und dadurch auch die deutsche Wirtschaft nach ganz vorne gebracht hat, zum Wohle des deutschen Volkes.

Im März 1911 finden Beratung des Kulturetats im Preußischen Abgeordnetenhaus statt. Preußen, das als Bundesland des Deutschen Reiches zwei Drittel des Deutschen Reiches ausmacht, gibt von allen Ländern der Welt am meisten für Schule und Kultur aus: 11,80 Mark pro Kopf. In Frankreich sind es 9,20 Mark und in Großbritannien 7,30 Mark.

Das französische Schulsystem ist mangelhaft und ba-siert auf sinnlosem Auswendiglernen. Auch deshalb fällt Frankreich wissenschaftlich und wirtschaftlich immer weiter hinter Deutschland zurück.

Gustave Le Bon schreibt in seinem berühmten Werk Psychologie der Massen von 1895: »Die erste Gefahr dieser Erziehung [der französischen], die treffend als lateinisch gekennzeichnet wird, beruht auf einem psy-chologischen Grundirrtum, sich einzubilden, die Intelli-genz entwickele sich durch Auswendiglernen von Lehr-büchern. Ferner bemüht man sich, soviel als möglich zu lehren, und von der Volksschule bis zur Doktor- oder Staatsprüfung hat der junge Mann sich nur mit dem In-halt von Büchern vollzustopfen, ohne jemals sein Urteil oder seine Entschlußkraft zu üben. – Ein Kaufmann fin-det schwer einen Stellvertreter in den Kolonien, aber es gibt Tausende von Kandidaten, die sich um die beschei-densten öffentlichen Stellungen bemühen. – Die Erfah-rung allein, die letzte Lehrmeisterin der Völker, wird es übernehmen, uns unseren Irrtum zu zeigen. Sie allein wird mächtig genug sein, uns die Notwendigkeit des Er-satzes unserer abscheulichen Lehrbücher, unserer kläg-lichen Prüfungen durch einen berufsmäßigen Unter-richt zu beweisen, der die Jugend befähigt, zu den Fel-dern, zu den Werkstätten, zu den kolonialen Unterneh-mungen zurückzukehren, die heute verlassen sind. – Urteil, Erfahrung, Tatkraft und Charakter sind die Bedin-gungen des Erfolges im Leben, sie sind nicht aus Bü-chern zu lernen.«

So ist es kein Wunder, daß die französischen Kolonien verwaltet werden von Bürokaten ohne jede Kenntnis der Wirklichkeit des Lebens. Auch ist das zivilisierte Leben in Frankreich dem Leben in Wüsten und Dschungeln fern jeder Zivilisation nicht gerade erstrebenswert für einen französischen Beamten, sodaß zweit- und dritt-klassige Beamte in die Kolonien gehen/gegangen wer-den.

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Wohlfahrt

Vergleicht man die sozialen Einrichtungen für das Volk in den wirtschaftlich und politisch mächtigsten Staaten um die Jahrhundertwende – England, Frankreich die Vereinigten Staaten und Deutschland – die auch gleich-zeitig alle vier Kolonialmächte sind, und England, Frank-reich und Deutschland die drei größten überhaupt, so hat von diesen vier großen, mächtigen Staaten über-haupt nur Deutschland eine wirkliche Sozialfürsorge für sein Volk. So seit 1883 eine Krankenversicherung, seit 1884 eine Unfallversicherung und seit 1889 eine Invali-ditätsversicherung. Reichskanzler Bismarck hatte diese Sozialversicherungen für das deutsche Volk geschaffen.

Doch mit Bismarcks Sozialgesetzgebungen in den 1880er Jahren endet die Entwicklung des Sozialstaates in Deutschland nicht. 1897 wird Arthur Graf von Posa-dowsky Staatssekretär des Reichsamts des Innern und Vizekanzler und die »Ära Posadowsky« beginnt. So wer-den um die Jahrhundertwende sowohl die Renten- wie auch die Unfallversicherung umfassend novelliert. 1903 wird das »Kinderschutzgesetz« geschaffen. Die Weiter-entwicklung des Sozialstaates in Deutschland läuft un-ablässig und wird auch von der oppositionellen SPD im Reichstag unterstützt. Als 1907 Querelen der Parteien im Reichstag aufgrund von Meinungsverschiedenheiten in der Kolonialpolitik Posadowsky die notwendige Mehr-heit für seine Sozialpolitik entziehen, tritt er zurück. Doch Bismarck und Posadowsky haben einen Sozialstaat geschaffen wie er einmalig auf der Welt ist. Abzulesen ist ihr Werk an den jährlichen Sozialausgaben der gro-ßen Staaten. Die Sozialausgaben aus dem Staatshaushalt für 1908 sind in Deutschland 1,69 Mark je Einwohner, in Frankreich 0,27 Mark, in England 0,07 Mark und in den USA gibt es überhaupt keine Sozialausgaben des Staates für das Volk, das doch die Steuern für den Staat und seine Machthaber aufbringt.

Während in Deutschland die Armut beseitigt ist gibt es in England fürchterliche Slums und unsoziale Verhält-nisse. Im Jahre 1900 muß die Mindestgröße von Rekru-ten in England auf fünf Fuß herabgesetzt werden, weil die mangelhafte Ernährung auch das Größenwachstum des Volkes verringert.

Bei den Wahlen von 1906 in England kann erstmals die Labour Party, die Arbeiterpartei, ins englische Parla-ment einziehen und eine Sozialgesetzgebung wird nun begonnen. 1908 erklärt Winston Churchill, Unterstaats-sekretär im Kolonialministerium, dem neuen britischen PremierministerHerbert Henry Asquith: „I say – thrust a big slice of Bismarckianism over the whole underside of our industrial system, and await the consequences, whatever they may be, with a good conscience.” / „Ich sage, werfen Sie ein ordentliches Stück bismarckscher Sozialpolitik unter unsere ganze Industrie und erwarten Sie die Ergebnisse, welche auch immer sie sein mögen, mit gutem Gewissen.“ 

Asquiths Minister David Lloyd George hatte sich schon selbst das deutsche Gesundheitssystem angesehen und schickt Fachleute nach Deutschland, für ein genaues Studium des deutschen Gesundheitswesen, als er zu-sammen mit seinem Premierminister ab 1908, nach deutschem Vorbild, in England, der Weltmacht, soziale Absicherungen für das Volk anfängt einzuführen. 25 Jahre nachdem Deutschland eine Sozialgesetzgebung für seine Bevölkerung geschaffen hat.

Bismarck sagte einmal zu einem US-Amerikaner: „Das Hauptziel der Staatsführung besteht darin, oder sollte darin bestehen, das Volk glücklich und wohlhabend zu machen und ihm Frieden und Reichtum zu geben. Mö-gen die verschiedenen Regierungsformen miteinander wetteifern, um dieses große Ziel zu erreichen. Wir fürchten uns nicht vor Vergleichen.“

In den USA gibt es überhaupt keine soziale Absicherung der Bevölkerung. Bei der Weltausstellung in den Verei-nigten Staaten in Sankt Louis 1904 wird eine Sonder-ausstellung über die Arbeiterversicherungen in Deutschland gezeigt, mit fast 1000 Fotos zu den neue-sten Unfallverhütungseinrichtungen in Deutschland. Deutschland will auf der Weltausstellung auch seine staatlichen Versicherungen und Arbeiterschutzbestim-mungen vorstellen. Von den USA wird dagegen den deutschen Vertretern gegenüber die Auffassung ver-treten, daß die finanzielle Unterstützung von Kranken, Krüppeln, Siechen und Schwachen den natürlichen Ausleseprozeß hindere und nur durch Ausscheidung alles Minderwertigen könne eine Nation groß und stark werden. Diese Ansicht wird von der deutschen Vertre-tung als verfehlt zurückgewiesen.

Die Fotosammlung zu den Unfallverhütungseinrichtun-gen in Deutschland wird der Harvard-Universität über-lassen.

In Frankreich tritt schließlich 1911 das Gesetz über die Altersversorgung in Kraft. Es gibt noch nach den Ge-setzen von 1893 und 1905 eine Fürsorge für ganz Arme, aber in allen anderen Bereichen ist die arbeitsfähige Be-völkerung Frankreichs indes weiterhin zur Absicherung von Risiken auf Selbsthilfe angewiesen.

Arbeitslosigkeit ist ein weiteres Feld der Sozialpolitik, spielt aber in Deutschland kaum eine Rolle und wird deshalb auch nicht als gesetzgeberisch zu behandelndes Thema betrachtet, da die jährliche Arbeitslosigkeit zwi-schen 1895 und 1913 lediglich in den Jahren 1901 und 1902 die Grenze von 3 % übersteigt und liegt in den übri-gen Jahren bei etwa 1 %. Von erheblich höherer Arbeits-losigkeit sind England und Frankreich betroffen wo die Arbeitslosenrate ständig bei 5 bis 10 % liegt und auch keine Absicherung gegen Arbeitslosigkeit existiert.

Auch die Organisation der Arbeiterschaft ist in Deutsch-land am höchsten. Mit der Zahl von rund 3½ Millionen gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern steht Deutschland 1910 an der Spitze aller Länder, in Groß-britannien sind es 3 Millionen und in den USA 2¼ Millionen. Von den über 14 Millionen deutschen Arbei-tern ist somit rund ein Viertel in Gewerkschaften zusammengefaßt. Mit der Drohung von Streiks oder Streiks selbst kann die deutsche Arbeiterschaft also ei-nen starken Druck auf die Arbeitgeber ausüben. Streiks sind in Deutschland aber wesentlich seltener und längst nicht so gewalttätig wie in England und Frankreich, wo Unruhen aufgebrachter Arbeiter von der Staatsgewalt unterdrückt werden.

Dazu kommt die vorbildliche deutsche Kolonialarbeit. Mit Schulen, Krankenhäusern, der Seuchenbekämp-fung und tropische Medizin für die farbige Bevölkerung in den deutschen Kolonien steht Deutschland von allen Kolonialmächten an erster Stelle.

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Wirtschaft VII

In den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende stellt die deutsche Industrie immer neue Höchstleistungen in al-len Bereichen der Wirtschaft auf. Stahlindustrie, Ma-schinenbau und Schiffbau, Elektroindustrie und Chemi-sche Industrie boomen und kein Land stellt mehr Nobelpreisträger als Deutschland. So kann Deutschland von 1880 bis 1913 seinen Anteil an der Weltproduktion von 8,5 auf 14,8 Prozent erhöhen. 1913 hat der deutsche Außenhandel ein Volumen von 22,5 Milliarden Mark und der von England 28,6 Milliarden Mark. Wegen seiner verhältnismäßig geringen Landwirtschaft, auch bedingt durch die Mißwirtschaft der preußischen Jun-ker auf ihren Landgütern, muß Deutschland ein Drittel seiner Lebensmittel einführen, kann diese Importe aber mit Leichtigkeit aus seinen Exporterlösen aus dem Ver-kauf von industriellen Waren bezahlen.

Schon 1910 wird 70 % des deutschen Außenhandels über See abgewickelt. 1914 besitzt Großbritannien mit allen angeschlossenen Staaten (Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland) und den Kolonien seines Weltreiches 18,9 Millionen Bruttoregistertonnen (BRT) an Handels-schiffen, an zweiter Stelle der Rangliste der Weltschif-fahrt steht Deutschland mit 5,4 Millionen BRT und an dritter Stelle die USA mit 2,1 Millionen BRT.

Deutschland hatte seine ersten Maschinen in England, dem Mutterland der Industriellen Revolution, gekauft. 1913 ist ein Selbstversorgungsgrad in der Maschinen-herstellung von 95 % erreicht, während der Englands nur mehr 88 % beträgt.

Die wachsende Wirtschaftskraft Deutschlands ermög-licht ein ständiges Steigen der Einkommen der Massen und eine immer bessere soziale Versorgung der Bevöl-kerung. Deutschland ist weltweit führend in Wohlfahrt und Wohlstand des Volkes. Dabei ist die Zahl der Beam-ten gering und die Kosten des Bürgers für den Staat leicht tragbar. Die Steuern sind niedrig und das Reich nimmt einen großen Teil seiner Einnahmen durch Zölle ein.

Der Jahreslohn von Industriearbeitern und Handwer-kern im Deutschen Reich beträgt 1890 711 Mark, 1900 843 Mark und 1910 1063 Mark und ohne daß es eine Inflation gegeben hätte.

Die Steuerlast liegt 1913 in Deutschland mit 54,62 Mark auf jedem Bürger, in Frankreich mit 72,10 Mark und in England mit 89,92 Mark. Die Staatsschulden belaufen sich 1912 in Deutschland auf 20,5 Milliarden Goldmark gleich 310 Mark Verschuldung je Einwohner. In Frank-reich sind es 658 Mark je Einwohner und in England 324 Mark auf den einzelnen Bewohner an Staatsschulden. Die Schulden der deutschen Bahnen sind im deutschen Gesamthaushalt mit eingerechnet. In England ist die Bahn nicht Bestandteil des Staatshaushaltes. Ohne die Bahnschulden beträgt die deutsche Pro-Kopf-Verschul-dung 167 Mark.

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Demokratie

Als im preußisch-österreichischen Krieg mit dem Sieg Preußens im Juli 1866, und durch seine Verträge mit deutschen Staaten im August des Jahres, das Deutsche Reich wiederersteht – zunächst unter der Bezeichnung Norddeutscher Bund – gilt von Anfang an das allge-meine, gleiche und geheime Wahlrecht für den vom Volk gewählten Reichstag.

Als am 10. Dezember 1870 der Reichstag beschließt den Namen des Staates in Deutsches Reich umzubenennen, bleibt das Wahlrecht für den Reichstag unverändert bestehen. Im deutschen Kaiserreich – mit der Erhebung des preußischen Königs zum deutschen Kaiser im Ja-nuar 1871 – , eine demokratische Monarchie wie das englische Königreich, gilt also von Anfang an das allge-meine, gleiche und geheime Wahlrecht. Die Gleichheit der Wahlberechtigung gibt es in England, das tatsäch-lich vom Adel, der ›nobility‹ und der ›gentry‹, beherrscht wird, erst 1918.

Das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht gilt in Deutschland seit der ersten Reichstagswahl im Jahr 1867, in England sind dagegen nur Männer wahlberech-tigt, die ein eigenes Haus besitzen oder eine jährliche Mindestsumme an Miete zahlen. In Frankreich gilt das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht schon seit 1848, aber mit schweren Wahlmanipulationen. Wahl-berechtigte der Gesamtbevölkerung sind in Deutsch-land 1871 19,4 %, 1905 22,2 %. In England 1883 8,2 %, 1914 16,4 %. In Frankreich sind es immer um die 27-28 % der Bevölkerung.

Allerdings gibt es in allen drei Ländern kein Frauen-wahlrecht. Das erste Land mit Frauenwahlrecht ist Neu-seeland 1893, dann folgt 1902 Australien und Finnland 1906. Der vierte Staat der Welt, der das Frauenwahlrecht einführt ist 1913 Norwegen.

Während der Anteil der Wahlberechtigten in Frank-reich wegen des niedrigeren Wahlalters von 21 Jahren größer ist als in Deutschland mit 25 Jahren, liegen die entsprechenden Zahlen in England mit ebenfalls Wahl-recht ab 25 Jahren stets unter den deutschen. Die Gleich-heit der Wahlberechtigung gibt es in England, das vom Adel, der ›nobility‹ und der ›gentry‹, beherrscht wird, erst 1918.

Die Anpassung der Wahlkreise an die Bevölkerungs-entwicklung erfolgt in allen Staaten nicht ohne Partei-interessen. Doch das Ausmaß der Wahlbeeinflussung nimmt in England einen erschreckend hohen Umfang an (gerrymandering). Frankreichs Wahlen sind eben-falls aus Gründen der Machterhaltung und der Partei-interessen von erheblichen Manipulationen unter-schiedlichster Art gekennzeichnet. Die Wahlen in Deutschland werden dagegen äußerst korrekt abgehal-ten.

Ein weiterer entscheidender Unterschied zwischen den vorgeblich demokratischen Staaten England und Frank-reich und Deutschland sind die Diäten. In Deutschland bekommen die vom Volk gewählten Abgeordneten eben Diäten, ein Gehalt vom Staat für ihre Tätigkeit für das Gemeinwohl, während in England und Frankreich über-haupt nur reiche Leute Abgeordnete werden können, weil die Abgeordneten sich selbst finanzieren müssen. Damit ist in England und Frankreich, im Gegensatz zu Deutschland, gewährleistet, daß die Reichen grundsätz-lich die Armen regieren, egal welcher der Parteien im Parlament das Volk seine Stimme gibt. 

Die Abgeordneten in Frankreich erhalten seit 1906 ausreichend Diäten, so daß nicht mehr nur die adelige Oberschicht das Volk regiert. In England wird am 18. August 1911 das Vetorechts des Oberhauses, der Adli-genvertretung Großbritanniens, abgeschafft, die Parla-mentsdauer von sieben auf fünf Jahre verringert und die Unterhaus-Abgeordneten erhalten Diäten. So können zum ersten Mal von ihrer Arbeit abhängige Menschen in das englische Parlament gewählt werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Zusammensetzung der Regierung. Die deutschen Minister, Staatssekretäre genannt – die englischen Minister heißen Secretaries – , sind überwiegend Beamte vom Fach und keine Partei-größen, die sich im innerparteilichen und innenpoliti-schen Machtkämpfen schließlich zum Ministeramt durchgeboxt haben, ohne die geringste Kompetenz für das Sachgebiet wie oft in England und Frankreich, von anderen Ländern ganz zu schweigen. Zudem erfolgt an der Regierungs- und Gesetzesarbeit in Deutschland eine intensive Mitwirkung von Verbänden, Wissenschafts-vereinigungen und den Vereinen.

Daß in Deutschland die Minister Staatssekretäre ge-nannt werden und die Ministerien Ämter, hängt mit der Gründung des Reiches zusammen. Zu der Zeit war Preu-ßen der Antrieb für die Bildung des Reiches. In Preußen, nun Bundesland Preußen des Deutschen Reiches, das zwei Drittel des Reiches ausmacht, gibt es Minister und Ministerien in seiner Hauptstadt Berlin. Um die preu-ßischen Ministerien von den Ministerien des Reiches, die nun auch in Berlin sitzen, welches jetzt auch Reichs-hauptstadt ist, zu unterscheiden, werden die Reichs-minister und Reichsministerien Staatssekretäre und Ämter genannt. Aber schon Bismarck nannte die Staats-sekretäre auch Minister.

Ein weiterer wichtiger Punkt für die Mitwirkung des Volkes auch in den unteren Organen des Staates ist die Städte- und Gemeindeordnung. Die Städte- und Ge-meindeordnung erlaubt etwa im Vergleich zu England mehr Mitwirkung der Bevölkerung, daher mehr Demo-kratie.

Alles zusammengenommen ist das die angewendete, wirkliche Demokratie im Deutschen Kaiserreich von der die anderen Großmächte noch ein ganzes Stück ent-fernt sind.

So ist Deutschland von den Großmächten das demokra-tischste Land. Verwaltung und Gerichte sind unbestech-lich und niemand würde auch nur wagen einen Beam-ten zu bestechen. Auch die Gemeindeverwaltungen sind sauber, ganz im Gegensatz zu anderen Ländern, wo die Korruption schon auf der Ebene der Stadtverwaltungen blüht. Die Gerichte sind unabhängig und nicht der Re-gierung hörig. Auch der deutsche Kaiser verliert Ge-richtsprozesse. So am 1. März 1913 einen Prozeß gegen den Pächter einer seiner Ländereien vor der Zivilkam-mer des westpreußischen Elbing.

Deutschland ist ein vorzüglich verwaltetes Land, dessen geistiges und wirtschaftliches Leben in reicher Blüte steht. Das Deutsche Reich ist ein Rechtsstaat mit dem freiheitlichsten Wahlrecht in Europa. Und Deutschland ist der erste Sozialstaat, der erste Staat auf der Welt, dessen Fürsorge nicht den Reichen und Mächtigen, sondern dem Volke gilt.

Goethes Worte von 1813 über die »Bestimmung« des deutschen Volkes, »welche um so viel größer sein wird, denn jenes gewaltige Werk der Zerstörung des römi-schen Reiches und der Gestaltung des Mittel-Alters…«, in den Dichterworten von Emanuel Geibel von 1861 Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen, bewahrheiten sich. Deutschland mit seiner Demokratie, seiner Volksbildung, seinen wirtschaft-lichen und wissenschaftlichen Leistungen und seiner Wohlfahrt für das Volk ist ein Vorbild für die Welt.

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Deutsche Geschichte

Das 1806 aufgelöste Reich mit einem kurzen Wieder-erstehen und erneutem Untergehen 1848/49 entsteht schließlich 1866 neu.

Als Arnulf von Kärnten am 11. November 887 in Tribur bei Frankfurt am Main zum König des Ostfränkischen Reiches gekrönt wird, ist mit dieser Krönung das Reich der deutschen Könige und Kaiser aus der Taufe geho-ben. Waren bisher fränkische Teilreiche, wie auch das zuvor schon einmal bestehende Ostfränkische Reich, grundsätzlich nur Erbteile des Fränkischen Reiches, und folglich Verfügungsmasse für andere fränkische Reichsbildungen, so bleibt ab dem Jahre 887 dieses Reich der Ostfranken als Einheit beständig bis zu seiner Auflösung 1806 durch Napoleon.

Über dieses schon längst überlebte Reich, das 887 ohne eigentliche Gründung ins Leben trat und schließlich spätestens seit dem Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 vor sich hin siechte, schreibt Goethe 1807 in einem Brief:

»Wenn aber die Menschen über ein Ganzes jammern, das verloren seyn soll, das denn doch in Deutschland kein Mensch sein Lebtag gesehen, noch viel weniger sich darum bekümmert hat; so muß ich meine Ungeduld verbergen, um nicht unhöflich zu werden…«

Für Goethe existiert das nun politisch vorläufig ver-schwundene Reich weiter, »das verloren seyn soll«, weil er noch große Aufgaben für das deutsche Volk sieht, das nicht nur zur Zertrümmerung des Römischen Reiches seinen Dienst geleistet und das Mittelalter gestaltet, sondern noch Aufgaben in der Zukunft habe wie er 1813 meint:

»Hätten sie [die Deutschen] keine andere Aufgabe zu erfüllen gehabt, als das römische Reich zu zerbrechen und eine neue Welt zu schaffen und zu ordnen, sie würden längst zu Grunde gegangen sein. Da sie aber fortbestanden sind, und in solcher Kraft und Tüch-tigkeit, so müssen sie, nach meinem Glauben, noch eine große Bestimmung haben, eine Bestimmung, welche um so viel größer sein wird, denn jenes gewaltige Werk der Zerstörung des römischen Reiches und der Gestal-tung des Mittel-Alters…«

1866 schlägt die Stunde des neuen Deutschen Reiches.