Viele Abläufe bei einem deutschen Sieg im Ersten Welt-krieg 1914/15 wären, die Kolonien betreffend, weitge-hend gleich mit denen bei einer Weiterentwicklung des deutschen Kolonialreiches ohne den Krieg. Die Betrach-tungen in diesem Kapitel gehen also in die Bereiche, welche eine andere Entwicklung genommen hätten durch eine Sieg Deutschlands 1915 im Ersten Weltkrieg.
Autor: frankomeda
Als die militärische Lage für die deutschen Kolonial-truppen in Kamerun Anfang 1916 unhaltbar wird geht das Gros der Schutztruppe mit etwa 550 deutschen und etwa fünfeinhalbtausend afrikanischen Soldaten und derem Anhang aus Frauen und Soldatenjungen von 12.000 Menschen in das spanische Muni über, dem Festlandbereich der Kolonie Spanisch Guinea. Der Troß aus Frauen und Jungen ist fürs Kochen und alle Ar-beiten der allgemeinen Versorgung der Truppe zustän-dig, vom Nähen bis zum Tragen von Ausrüstung. Im ganzen sind es aber 60.000 kameruner Zivilisten, die den Übertritt der Truppe von Kamerun ins spanische Muni mitmachen, darunter eine große Zahl Jaunde.
Die Jaunde im Grasland von Kamerun hatten für die Versorgung der kämpfenden Truppen mit Verpflegung, Ausrüstung, wie etwa Uniformen, und der Gestellung von Trägern eine entscheidende Rolle für die Verteidi-gung des Landes gespielt. Die Stadt Jaunde war während des Krieges die Hauptstadt für die Landesverwaltung von Kamerun und der Sitz des Oberkommandos der Streitkräfte gewesen.
Januar 1916. Erich Robert Petersen, ein Zugführer der »Etappenkompanie Dume«, der im Frieden das Gummi-sucherdorf Neu-Mbang im Urwald des deutschen Kongo von Kamerun aufgebaut und geführt hat: »Bevor Leut-nant Bretthauer [Kommandeur der Etappenkompanie Dume] den Befehl [zum Übergang in das spanische Muni-Gebiet] bekannt gibt, läßt er auch alle Träger und die Häuptlinge aus dem vom Gegner besetzten Gebiet, die sich dem Troß angeschlossen haben, kommen und dann sagt er: “Wir haben ein und ein halbes Jahr lang mit den Franzosen gekämpft und immer gedacht, daß der Krieg bald aufhören müßte. Nun aber geht nicht der Krieg zu Ende, sondern unsere Munition. Jeder Soldat hat nur noch zwanzig oder dreissig Patronen. Noch ein Gefecht, und wir stehen mit leeren Patronentaschen da. Was dann? Sollen wir Diener der Franzosen und Engländer werden? Wollt ihr, daß sie über uns lachen und uns zwingen, für sie zu arbeiten? Wollt ihr? — Wir Weißen wollen es nicht, denn wir wissen, daß der Krieg in diesem Lande nicht entscheidend ist. Der große Gouverneur [von Kamerun] und der große Komman-deur [der Schutztruppe von Kamerun] lassen euch sagen, daß weit, weit da unten am großen Wasser Freunde von uns wohnen, die Spanier. Dahin wollen wir gehen und so lange dort bleiben, bis der Krieg zu Ende ist, und wir wieder in unser Land zurückkehren können. Wer von euch mit will, kann uns folgen; wer lieber hier im Lande bleiben will, soll es ruhig sagen. Er bekommt sein Geld und seine Papiere und kann versuchen, seine Heimat zu erreichen.“
Bretthauer hat geendet. Wir wenigen Europäer stehen erwartungsvoll vor unseren Schwarzen, wir sind sechs und drüben zählt die Schar unserer Freunde mit dem ganzen Troß von Häuptlingen, Trägern, Weibern und Kindern an die 1500 Köpfe. Blicke fliegen hinüber und herüber. Da ruft eine helle Stimme, — es ist die meines einstigen Jägers und jetzigen Gefreiten Asika: “Wir gehen mit euch, Massa Leutnant! Wir lassen euch nicht im Stiche.”
Und wie ein Brausen geht es durch das ganze bunte Durcheinander von Soldaten und Jungen, Königen und Dienern, Weibern und Kindern, Händlern und Mis-sionsschülern: “Mit euch, mit euch!” Keiner von all diesen Schwarzen weiß, wohin es geht, niemand hat von dem fernen Lande der Spanier gehört, ganz einerlei, sie wollen mit uns, keiner will uns verlassen. So wenden wir denn dem Feinde den Rücken und marschieren, — marschieren Tag um Tag, hungern des Abends und frieren im Regen der Nacht, aber wir marschieren. Und wie bei uns, geht es auf allen Frontabschnitten. Das ist wie eine große Völkerwanderung, wie der Auszug eines vielstämmigen Volkes, das sein Land verläßt und in die Verbannung zieht.
Bei Akonolinga überschreiten wir den Njong auf einer Pontonbrücke, die der alte Liebert mit Hilfe der vielen Njongkanus gebaut hat. Hinter dem letzten Manne wird die Brücke zerstört. … Sie alle [Die eingeborenen Soldaten des Zuges von Petersen, die schon vor dem Krieg Arbeiter bei Petersen waren.] stehen hier in ihrem Heimatlande. Warum ziehen sie nicht den zerfetzten Soldatenrock aus und gehen in ihre Dörfer? Wir können sie nicht mehr besolden, kleiden und verpflegen. Was hält sie bei uns? Einmal bringe ich die Rede darauf, und bekomme die sehr enrgisch gehaltene Antwort: “Du bist unser Vater! Wie kannst du denken, daß wir dich jetzt allein lassen? Mag kommen, was will, wir bringen dich in das Land der Freunde.” —
Der Gegner hat natürlich unsere Absicht, nach dem neutralen Gebiet durchzubrechen, bald erkannt und macht verzweifelte Anstrengungen, uns den Weg zu verlegen. Er will unter allen Umständen den Triumph auskosten, uns inmitten unserer Schwarzen zu demü-tigen. Aber noch einmal zeigen sich die deutsche Führung und die Schutztruppe überlegen. Der Durch-bruch gelingt, und auch alle Angriffe aus den Flanken werden zurückgeschlagen. Stolz und aufrecht in dem Bewußtsein, ihre Pflicht bis zur letzten Möglichkeit erfüllt zu haben, überschreitet die Truppe mit ihrem Anhang Anfang Februar 1916 die Grenze der spanischen Kolonie Muni.
Das ganze Land wird von den Pangwe bewohnt, die an Wildheit und grausamen Sitten nicht hinter den Ntumm zurückstehen. Die Spanier liegen im ewigen Kriege mit ihnen, auch uns haben sie viel zu schaffen gemacht. Jetzt allerdings, wo wir mit der ganzen Schutztruppe anrücken, halten sie sich zurück. Nur wenn einer unserer Träger sich seitwärts im Busch verirrt, fallen sie wie Hyänen über das Opfer her. Wir haben uns gedacht, hier auf neutralem Gebiet mit der Truppe große Farmen anzulegen, den Spaniern Straßen nach der Küste zu bauen und in Ruhe das Kriegsende abzuwarten. Aber die Feinde dulden es nicht; sie ver-langen von den Spaniern, daß sie uns vom afrikanischen Festlande fortschaffen. Wir dürfen uns dem nicht widersetzen, können es auch nicht, denn unsere Truppe mit ihrem Anhange ist am Verhungern. Das Land kann uns nicht ernähren. Schon aus Mangel an Verpflegung müssen wir danach streben, so schnell wie möglich die Küste zu erreichen, wo Reis lagern soll.
So beginnen wir den Leidensweg durch die unwegsame spanische Kolonie Muni. Kompagnie folgt auf Kom-pagnie, Abteilung auf Abteilung, immer ein Mann hinter dem anderen, eine endlose Marschkolonne. Der Pfad ist schlecht, das Gelände gebirgig, die Niederungen sind von Sümpfen erfüllt. Grauenvoll sind die Szenen, die sich in den grundlos werdenden Morästen abspielen. Die Pferde, die kein Korn und Gras mehr bekommen, klappen zusammen, bleiben in den Sümpfen stecken und kommen elend um. Dann wird auch den Menschen die Hungersnot zum Hungertod. Bei den Kindern fängt es an. Die zarten Dinger sind den Anstrengungen und Entbehrungen der monatelangen Wanderung nicht ge-wachsen. Häufig und häufiger höre ich den gellenden Schrei einer Mutter, die ihr Kleines am Wege ein-scharren muß. Jammern und Klage läuft durch die lange Reihe der Marschkolonne und eines Tages, da es wieder nichts zu beißen gibt, und immer nur der anpeitschende Befehl kommt: “Vorwärts, — vorwärts!” — da pflanzt sich ein Wort von Kompagnie zu Kompagnie fort, das alles zum Halten bringt, das fatalistische Wort der Schwar-zen: “Es geht nicht mehr!”
Petersen spricht zu seinen Soldaten:
“Soldaten, Freunde! Ihr wolltet uns folgen, nun haltet auch durch! Das Wort “Es geht nicht mehr” gilt hier nicht, hier gilt nur eins: Marschieren, marschieren! Wir müssen hinaus aus diesem Busch, wir müssen das große Wasser erreichen; dort sind wir gerettet, aber hier im toten Busch gehen wir alle zu Grunde. Und wir wollen doch leben, wollen die deutsche Fahne wieder in unser Land tragen!”
So wie ich, sprechen alle Deutschen zu ihren Soldaten, und überall springt die Energie des Weißen auf die Schwarzen über. Die hungerdürren Gestalten richten sich auf, straffen sich, schultern das Gewehr und mar-schieren. Auch in dieser letzten, höchsten Not siegt ihre Treue. Vorwärts Soldaten, vorwärts ihr Träger, vorwärts ihr Weiber und Kinder. Wer zusammenbricht, bleibt liegen. Ein paar grüne Zweige decken ihn zu, dieser und jener aus der Kolonne sendet ihm einen letzten Gruß, dann aber weiter, weiter. Eine große Sehnsucht nach dem Meere hat alle ergriffen. Jeder fühlt den Tod hinter sich und stellt sich die Frage, ob nicht die Toten-gräberabteilung, die dem Wanderzuge folgt, gerade ihn morgen tot am Wege finden werde. Hört denn der Busch gar nicht auf? Ans Meer, ans Meer!
Von dieser Sehnsucht getragen, schleppen wir uns vor-wärts; nichts im ganzen Kriege ist diesem Leidenszuge vergleichbar, Und dann kommt die Stunde, wo der Ur-wald sich lichtet, und aus der Ferne im gleichmäßigen Rhythmus eine gewaltige Stimme herüberdonnert. Die Schwarzen wissen noch nicht, was dieser Donner be-deutet, — aber jetzt, aber jetzt erkennen sie es. Der grüne Vorhang fällt, — und der weite Ozean erglänzt vor uns in schimmernder Bläue.
“Das Meer! Das große Wasser, von dem unsere Weißen uns erzählt haben!” Wie ein Jubelruf fliegt die Botschaft zurück, und all die zu Tode erschöpften Verbannten, die aus dem letzten Mangrovensumpfe hochsteigen, erle-ben aufjauchzend das Wunder: “Wir sind am Meer, wir sind am großen Wasser, — wir sind gerettet!” — — «
Das kleine Spanisch Muni kann unmöglich eine Masse von 60.000 Menschen versorgen und muß deshalb über 40.000 wieder nach Kamerun zurückschicken. Über ein-hundert Häuptlinge mit ihrem Anhang von 1500 Men-schen dürfen unter der Führung des Bezirksleiters von Jaunde bleiben, dazu einige hundert Nachzügler und natürlich die gut 16.000 in Internierung gehenden Sol-daten und der Familienanhang der deutschen Schutz-truppe.
Spanisch Muni ist auch in keiner Weise darauf vorbe-reitet plötzlich 18.000 Menschen zusätzlich zu versor-gen, aus einem Land, dessen Bevölkerung von Fischfang und Ackerbau nur sich selbst ernährt. So ist anfangs Hunger unvermeidlich bei den Neuankömmlingen und kostet durch die zunächst völlig ungesunden Wohnver-hältnisse und durch von Krankheiten zusätzlich ge-schwächte Menschen, besonders unter Frauen und Kin-dern, Todesopfer. Aber auch später wächst die Zahl der Kreuze von eingeborenen Soldaten der Schutztruppe auf den Friedhöfen und schließlich werden hunderte von ihnen, und auch eine Reihe Deutsche, in der spanischen Kolonie ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Die Truppe und ihre Angehörigen werden schon bald nach ihrem Übertritt im Februar 1916 nach Muni auf die Insel Fernando Poo verlegt. Fernando Poo liegt etwa 300 Kilometer von Muni entfernt aber nur 40 Kilometer vor Kamerun, vor dem Kamerunberg. Die Ernährungslage ist zunächst schwierig, denn Frachter aus Spanien kom-men nur unregelmäßig und bringen nur bescheidene Mengen an Nahrungsmitteln. Von überallher, vom afri-kanischen Festland und von näheren und entfernteren Inseln werden Lebensmittel zu jedem Preis eingekauft und mit Küstendampfern angefahren, bis die Eigenver-sorgung durch angelegte Felder und eine regelmäßige Versorgung aus Europa erreicht ist. Schließlich kann zur Sicherung der Lebensmittelversorgung bei der Stadt Santa Isabel, der größten Stadt auf Fernando Poo, ein Proviantlager eingerichtet werden, das für mehrere Mo-nate bei ausfallenden Transporten aus Europa oder Ern-teausfällen für die Internierten die Versorgung sichern kann.
Die Schutztruppe kann einige am Meer gelegene Far-men pachten und sich darauf ansiedeln. Die größte die-ser Farmen ist die Kakaoplantage der deutschen Firma Moritz, die ihr Gelände unentgeltlich der deutschen Truppe zur Verfügung stellt und auf der auch über die Hälfte der Truppe untergebracht werden kann. Mög-lichst entsprechend ihrer Formierung als Kampfverbän-de während des Krieges wird die Truppe in gleichen Verbandsformationen in jeweils eigenen Barackenla-gern und anliegenden Dörfern für die Frauen und Solda-tenjungen untergebracht. Diese Lager müssen natürlich erst von der Truppe erbaut werden. Die deutsche Kolo-nialtruppe auf Fernando Poo besteht aus zwölf Kompa-nien zu je 500 Mann. Je vier Kompanien belegen ein Lager. Von den drei Lagern liegen zwei auf dem Gelände der Moritzfarm und eins auf den anderen Farmgelän-den. Jede Kompanie hat 700-800 Frauen und Soldaten-jungen im Troß und so ergibt sich für jede Kompanie eine Gesamtzahl von 1200-1300 Köpfen.
Der Stab der Truppe ist in der zwischen den beiden Lagerkomplexen liegenden Stadt Santa Isabel unterge-bracht. Er ist mit deutschen Verwaltungsbeamten und kaufmännisch geschulten Unteroffizieren für die Ver-waltung und den Einkauf von Verpflegung, Werkzeu-gen, Geräten und Saatgut besetzt. Der Stab schlichtet auch weiterhin die Rechtsstreitigkeiten der Soldaten untereinander.
Jedes der drei Lager hat eine eigene Sanitätsdienststelle mit deutschen Ärzten und deutschen Hilfskräften. Dazu gibt es ein Europäer- und ein Eingeborenenhospital in denen deutsche Ärzte mit deutschem und farbigem Hilfspersonal arbeiten. Im Eingeborenenhospital, des-sen Hauptgebäude unter der Leitung des deutschen Zimmermeisters in Santa Isabel errichtet wird, werden auch alle größeren Operationen für beide Kranken-häuser durchgeführt.
Katholische und evangelische Missionare widmen sich neben ihrer seelsorgerischen Tätigkeit der Kranken-behandlung und anderen gemeinnützigen Arbeiten im Dienst der Truppe.
Die sinnvollen Anordnungen des spanischen General-gouverneurs ermöglichen ein freies und selbständiges Entfalten der Möglichkeiten und Fähigkeiten der Trup-pe und der zivilen Internierten auf Fernando Poo zum Nutzen der Internierten und für das Allgemeinwohl der eigentlichen Bewohner der Insel, die seit dem Einzug der Internierten nur noch ein Drittel der gesamten Bevölkerung der Insel ausmachen.
Der Aufbau der Lager und Dörfer für die Truppe und die Zivilisten findet sowohl im Gelände der Kakaoanbau-flächen wie in den mit ursprünglicher Wildnis, dichtem Busch und Urwald bestandenen nicht bebauten Flächen der Farmen statt. Rund ein Jahr dauert der Aufbau der Dörfer, der Soldatenbaracken, der Europäerhäuser, Dienstgebäude, Offiziersmessen, Waschhäuser, Schup-pen, Abortanlagen, Müllplätze, Werkstätten, Pferdestäl-le, Wege, Brücken, Dämme, Brunnen, Gärten, die An-lage der Anbauflächen für die Lebensmittelversorgung und die Umwandlung des Geländes in eine große Gar-ten- und Parklandschaft. Sumpfgelände und Bodenun-ebenheiten werden mit Sand und Steinen vom Strand verfüllt. Geschotterte Wege mit Wasserabflußrinnen werden angelegt und Holzbrücken führen über Bäche und Geländeeinschnitte. Die schwersten Arbeiten sind nach einem halben Jahr beendet. Die Ausweitung der landwirtschaftlichen Anbauflächen geht natürlich lau-fend weiter.
Hauptsächlich die langgestreckten Soldatenbaracken werden nach ihrer ersten Fertigstellung als brauchbarer Unterkunft im zweiten Jahr laufend verbessert mit Kü-chen, der Vergrößerung des Wohnraums und einer künstlerischen Gestaltung. Selbstverständlich werden auch alle Möbel von den Soldaten selbst hergestellt.
Zwei Kompanien haben das Glück aufgrund der ihnen zur Verfügung stehenden Landflächen statt Baracken Einzelhäuser für ihre Soldaten errichten zu können, die an regelmäßigen Straßenzügen liegen.
Für die Bauarbeiten wird von der ganzen Insel Material beschafft wie Hölzer, Rinden und Palmblätter, die oft in tagelangen Märschen herangebracht werden müssen. Von enormen Vorteil für die Baumaßnahmen ist natür-lich, daß die Truppe in Friedenszeiten ständig alle mög-lichen Bauarbeiten für die Kolonie ausgeführt hat, um die Truppe neben ihrem Drill auf dem Exerzierplatz und den Feldübungen sinnvoll einzusetzen, anstatt sie in den Kasernen sinnlos die Zeit totschlagen zu lassen.
Hat anfänglich ein deutscher Zimmermeister aus Santa Isabel für den Bau der Häuser für die Deutschen Grün-dungspfähle und Fußböden geliefert, so können bald von der Truppe selbst Balken und Bretter hergestellt werden. Aus den stärksten Bäumen aus dem Urwaldge-lände der Farmen stellen im Bootsbau erfahrene einge-borene Soldaten seefähige Kanus für den Küstenver-kehr her, besonders für den Baumaterialtransport. Eini-ge dieser Boote können zwölf Tonnen und mehr Last tra-gen. Mit den selbstgebauten Booten kann auch eine eigene Küstenfischerei zur Versorgung mit frischem Fisch eingerichtet werden. Wichtig sind auch die Schneider und Schuster unter den Soldaten, die sämt-liche Kleidung und Schuhzeug, Sättel und Lederzeug für die Truppe herstellen und auch an private Abnehmer verkaufen.
Auf den für den Anbau von Feldfrüchten hergerichteten Flächen werden hauptsächlich Mais und Kassawa ge-zogen. Von den Deutschen wird Geflügelzucht betrieben und auch einige afrikanische Soldaten übernehmen die-se Art der Fleischversorgung. Dazu wird in den Lagern eine bescheidene Schweinezucht betrieben, von der Verwaltung zuweilen einzelne Rinder zur Schlachtung angekauft und den Deutschen ist die Jagd auf Antilopen auf der Insel erlaubt.
Als nach den ersten Monaten die Hauptarbeiten been-det sind, ergibt sich das Problem der weiteren Beschäf-tigung der Soldaten und natürlich der Aufrechterhal-tung von Disziplin und Kampfkraft der Truppe. Die Schutztruppe mußte selbstverständlich nach dem Über-tritt in spanisches Gebiet alle Waffen abgeben. Die spanische Regierung erlaubt aber das Exerzieren der Truppe auf den Exerzierplätzen, von denen je einer in der Mitte der drei Lager angelegt ist, soweit das ohne Gewehre eben möglich ist. Nach eineinhalb Jahren Kampf hat die Truppe natürlich durch die eingetrete-nen Verluste und die neu in die Truppe aufgenom-menen jungen Soldaten nicht mehr das Bild der Friedenstruppe und insbesondere die zahlreichen nur notdürftig ausgebildeten jungen Soldaten müssen in der militärischen Routine gehalten werden, wozu das Exer-zieren eine Möglichkeit bietet.
Aus ehemaligen Musiksoldaten und neu ausgebildeten Spielleuten wird eine Kapelle gebildet, deren Leistun-gen mit der Zeit immer besser werden.
Am 27. Januar 1917, am Tag des Geburtstages des Kaiser, nach einem Jahr in der spanischen Kolonie Muni und elf Monaten auf Fernando Poo, wird unter dem Kom-mando ihrer deutschen Führung die gesamte Truppe dem spanischen Generalgouverneur und den spani-schen Unteroffizieren und Offizieren, die nun die Füh-rung der deutschen Schutztruppe übernehmen werden, präsentiert, da nun der größte Teil des deutschen Füh-rungspersonals nach Spanien abgeht.
Während des ersten Jahres in der spanischen Kolonie wurde die Truppe ausschließlich von deutschen Unter-offizieren und Offizieren geführt, bis die Gegnermächte durchsetzen, daß das deutsche Führungspersonal nach Spanien in Internierung gebracht wird, um der Truppe ihre Kampffähigkeit zu nehmen. Es bleibt darauf nur noch ein geringer deutscher Stamm für Verwaltungs-aufgaben und medizinische Betreuung auf der Insel.
Zu der Gruppe der Häuptlinge, die mit ihrem Anhang Ende Januar 1916 nach Muni gewechselt sind, kommen in den Wochen nach dem Übertritt der Hauptgruppe noch einige hundert ehemalige Diener von Europäern, farbige Beamte und Träger, die auch in Muni bleiben dürfen. Von diesen insgesamt 2000 Menschen sind 1600 Jaunde.
Die Kameruner Häuptlinge und ihr Anhang sind zu-nächst unter völlig ungenügenden Umständen und schlechter Lebensmittelversorgung an der Küste von Muni angesiedelt. Trotz der miserabelen Umstände keh-ren die Kameruner aber nicht in ihre feindbesetzte Hei-mat zurück. Im April 1916 beschließen die Spanier des-halb die Zivilinternierten zum dauerhaften Aufenthalt auch nach Fernando Poo zu überführen, was bis Juli 1916 geschieht. Durch weitere Nachzügler wächst die Zahl dieser Zivilistengruppe schließlich noch auf 3000.
Auf Fernando Poo werden die zivilen Internierten zu-nächst in Klein Bokoko und bei Groß Bokoko angesie-delt. Die beiden Orte sind einige Wegstunden voneinan-der entfernt. Groß Bokoko ist für die Mohammedaner bestimmt und alle anderen sind in Klein Bokoko ver-sammelt. Klein Bokoko ist eine alte verwachsene Kakaofarm und besteht aus nichts weiter als einem Wellblechschuppen. Nachdem das Land mit Beilen und Haumessern vom dichten Gestrüpp befreit ist, proviso-rische Unterkünfte für alle hergerichtet sind, ein Kran-kenhaus vorhanden und erste Pflanzungen angelegt, verpflichtet die spanische Regierung die neuen Bewoh-ner der Insel eine Straße entlang der Küste zwischen Klein Bokoko und Groß Bokoko zu bauen. In drei Mona-ten wird eine 16 km lange fünf Meter breite Straße ent-lang der Küstenlinie zwischen den beiden Orten ange-legt. Die zahlreichen Schluchten des Geländes werden durch gute Brücken von oft fünf Metern Höhe aus Buschholz überbrückt. Sonstige Unebenheiten werden durch Treppenstufen und Knüppeldämme ausgegli-chen. Die Straße ist bei jeder Witterung für Fußgänger, Reiter, Radfahrer und leichte Wagen gangbar und be-fahrbar. Nach Fertigstellung der Straße werden den Zivil-internierten von Klein Bokoko und Groß Bokoko zu bei-den Seiten entlang der Straße das dichte Urwaldgelände zum Bau ihrer Dörfer und zur Anlegung von Farmen zur Verfügung gestellt. Für die Lebensmittelversorgung und das Heranholen von Baumaterial dient die in der Nähe liegende Hafenstadt San Carlos. Alles Baumaterial, das nicht aus dem zur Verfügung gestellten Land gewonnen werden kann, wie die Blätter und Stangen der im Sied-lungsgebiet nicht vorkommenden Raphiapalme, dem unentbehrlichen Baustoff der Kameruner Neger, wer-den per Kanu herangeschafft, die auf Veranlassung des Siedlungsleiters gebaut werden. Die Bereitstellung von einer großen Zahl von Trägern ist nicht möglich, da fast alle arbeitsfähigen Menschen beim Wegebau, Hausbau und in der Feldwirtschaft gebraucht werden und so kön-nen mit den Kanus große Lastenmengen schnell und einfach befördert werden. Für die Kanuflotte wird eine kleine Bucht als Hafen ausgewählt und am Strand wer-den Bootshäuser, Lagerschuppen, Werkstätten und Wohnhütten für die Bootsmannschaften errichtet. So kann San Carlos und die entlang der Küstenstraße am Meer gelegenen Gehöfte und Siedlungen einfach auf dem Wasserweg erreicht werden für die Lastentrans-porte. Auch eine kleine Fischerei entsteht mit dem Bootsbetrieb und einige Häuptlinge haben ihre eigenen Kanus zur Verfügung.
Die mit ihren Häuptlingen nach Stämmen angesiedelten Menschen verwandeln die Flächen links und rechts der Straße bis Ende 1917 in ein zusammenhängendes Farm-land mit hunderten von gut gebauten Hütten. Von der Hauptstraße gehen saubere Wege ab, die das ganze Siedlungsgebiet durchziehen und jedes Dorf und jedes Gehöft erreichen. An jedem Dorf zeigt eine Tafel den Na-men des Stammes und seines Häuptlings an. Die Bane, die Bambelle, die Ekaba, die Jaunde haben ihre Dörfer. Jeder Stamm baut natürlich in der ihm eigenen Bauwei-se. Die Häuptlinge allerdings bevorzugen schon oft Bau-ten nach europäischem Tropenhausstil. Der erstklassi-ge Wegebau der Kameruner auf Fernando Poo ist natürlich übernommen von dem von der deutschen Verwaltung in Kamerun als Pflicht auferlegten Wege-bau, dessen Vorteile für Marsch und Transport die Einheimischen zu schätzen gelernt haben.
Die mohammedanischen Stämme, die Fulbe, Haussah, Kanuri und Laka aus dem Grasland des nördlichen Kamerun, die von Groß Bokoko aus entlang der neuen Straße siedeln, unterstehen alle dem Adja Lifida von Ngaundere, während alle anderen Stämme dem Ober-häuptling Atangana von Jaunde unterstehen. Alle zu-sammen, rund 3000 Menschen, unterstehen sie zwei Deutschen, dem Bezirksleiter von Jaunde und seinem Gehilfen.
Das Anwesen der deutschen Verwaltung liegt nahe beim Kanuhafen. Neben den beiden Wohngebäuden für die zwei deutschen Leiter der gesamten Siedlung stehen dort Verwaltungsgebäude, Werkstätten, Ställe für die Reittiere und alle sonstigen für den Betrieb notwendi-gen Anlagen. Das ganze Gehöft der Verwaltung ist schließlich in eine Gartenanlage eingebettet.
Vom Trommelturm der Verwaltung werden in der in Kamerun üblichen Trommelsprache die Häuptlinge zum Empfang von Geld für die Zwecke ihres Stammes oder zu Weisungen des Leiters gerufen. Der Verwal-tungssitz ist aber auch Wochenmarkt und die Schuster-, Schneider-, Tischler- und Korbflechterwerkstätten im Gehöft der Verwaltung bieten ihre Dienste und Waren an. Eine Verkaufsstelle im Hof der Verwaltung bietet Le-bensmittel und alle in Buschfaktoreien üblichen Gegen-stände zu geringst möglichen Preisen an. Der Viehhof der Verwaltungssiedlung liefert Schweine zu Zucht-zwecken.
Die im Schreibstuben- und Wirtschaftsdienst tätigen farbigen Arbeiter und Angestellten haben ihr eigenes Dorf mit Farmland zwischen dem Verwaltungshof und dem Kanuhafen.
Am Strand ist ein Hospital eingerichtet, dessen einziger Arzt der deutsche Siedlungsleiter selbst ist. Sauberkeit und Ordnung ist natürlich Pflicht im Regierungshof, a-ber auch im ganzen Ansiedlungsgebiet, einerseits na-türlich um Krankheiten zu vermeiden, andererseits we-gen der deutschen Ordnungsliebe, die nun auch schon von den mit in die Internierung gegangenen Kameru-nern in Jahrzehnten deutscher Herrschaft übernommen wurde.
Das nur zwei Deutsche als Internierte in einer fremden Kolonie 3000 Menschen führen können beim Aufbau eines solchen Siedlungswerkes ist nur möglich durch ei-ne enge Zusammenarbeit mit den Häuptlingen und den einfachen Menschen, die aus der Erfahrung mit der deutschen Verwaltung in Kamerun gerne mit der deut-schen Führung zusammenarbeiten. Der Jaunde Häupt-ling Karl Atangana, der zum Oberhäuptling der nicht mohammedanischen Häuptlingsschaft ernannt ist, ist auch Vorsitzender des Eingeborenen-Schiedsgerichts der nicht mohammedanischen Stämme. Bei seinem An-wesen befindet sich auch die Schule der Siedlung.
Atangana und 116 weitere Führer von Kameruner Volks-gruppen senden an den König von Spanien, Alfonso XIII, von der spanischen Insel Fernando Poo aus der Internie-rung eine Bittschrift in der steht:
»In Kamerun haben wir unsere Familien und unsere Güter zurückgelassen, in dem Vertrauen, daß wir eines Tages in unsere Heimat unter der Herrschaft der deut-schen Regierung zurückkehren werden, der wir treu bleiben und mit der uns Bande der Dankbarkeit ver-knüpfen. Wir alle, Stammeshäuptlinge sowohl wie ande-re Flüchtlinge, haben nur das eine Bestreben, nach Ka-merun unter der deutschen Herrschaft zurückzukeh-ren.«
Während der Versailler Konferenz 1919 wird Atangana nach Madrid gebracht, um zugunsten der deutschen Kolonialmacht auszusagen. Von den verlogenen Sieger-mächten, die bereits im Krieg die deutschen Kolonien unter sich aufgeteilt haben, wird ihm aber selbstver-ständlich nicht erlaubt auf ihrer Konferenz aufzutreten.
Erst nach Beendigung der Versailler Konferenz Ende Juni 1919, als im Vertrag von Versailles Kamerun als Mandatsgebiet des Völkerbundes Frankreich und Groß-britannien zugesprochen wird, ist das Exil auf Fernando Poo für die Kameruner und die restlichen verbliebenen Deutschen zu Ende. Die Kameruner kehren in ihre Hei-mat Kamerun zurück und die Deutschen haben Verbot wieder nach Kamerun zu gehen und müssen nach Deutschland zurückkehren.
Gouverneur Heinrich Schnee hat im Juli 1916 in einer Rede gesagt:
„Alles Notwendige gewinnen wir aus dem Lande, ob es Nahrungsmittel, Materialien oder Hilfsmittel aller Art sind, wir finden es in unserem Deutsch Ostafrika. Und da tritt der Wert unserer Kolonie gerade in diesem Kriege glänzend hervor. Ich glaube, selbst mancher alte Kenner des Landes hat bezweifelt, ob es gelingen würde, den Bedürfnissen der Bevölkerung, der weißen wie der farbi-gen, gerecht zu werden. Aber es findet sich solcher, ich möchte sagen, unerwarteter Reichtum im Lande, daß wir kaum in Verlegenheit geraten können und wir uns ausreichend Ersatz auch für solche Gegenstände, die wir früher von außen bezogen haben, hier beschaffen kön-nen.“
Nach einem für Deutschland siegreichen Krieg müssen natürlich die neuen Straßen, die im Krieg in Deutsch Ostafrika angelegt wurden, für den Lastwagenverkehr bereit gemacht werden, was hauptsächlich Brückenbau heißt, wegen der viel höheren Gewichtsbelastung durch die LKWs als bei den Trägerkolonnen. Durch den Krieg bedingt wird der Lastwagen bereits in großen Zahlen hergestellt und wird nach dem Krieg auch in den deut-schen Kolonien schnell zur Verfügung stehen.
Tsetsefreie Viehställe für die Versorgung mit Milch ha-ben sich ausgezeichnet bewährt und werden nach dem gewonnenen Krieg in der Kolonie schnell verbreitet sein. Auch die Fleischversorgung der Städte wird im Lande geschehen, und nicht mehr durch Import, durch die tsetsesicheren Viehwaggons der Bahn.
Besonders die zahlreichen Entdeckungen an Pflanzen für die Ernährung und Rohstoffversorgung sind ein Ge-winn. Obst, Getreide, Knollenfrüchte, Gemüse, die vor dem Krieg der weißen Bevölkerung gänzlich unbekannt waren, können nun angebaut werden und ihre Verar-beitung ist jetzt auch bekannt. Auch kann man sie aus ihren ursprünglichen Herkunftsgebieten nun in allen den Pflanzen zuträglichen Lebensräumen anbauen wie natürlich auch in anderen Kolonien mit den entspre-chenden Anbaubedingungen für die Pflanzen. Durch die Vielfalt der nun bekannten Nutzpflanzen kann die Er-nährung von Schwarz und Weiß wesentlich verbessert und gesünder gestaltet werden. Medizinisch nutzbare Pflanzen und ihre Extrakte sind gefunden und können als Heilmittel, Mundwasser, Zahnpasta und Rasierseife hergestellt werden.
Das heißt für Deutsch Ostafrika, daß der Import, haupt-sächlich auch von Lebensmitteln, stark reduziert wer-den kann, während der Export von neuen landwirt-schaftlichen Produkten beginnen kann. Für den sowieso schon ständig gestiegenen Export der Kolonie werden goldene Zeiten anstehen; also auch ein entsprechend weiterer Ausbau der Infrastruktur und eine weitere Steigerung von sozialen Leistungen für die Bevölkerung sind durch die sich ständig verbessernde finanzielle Lage von Deutsch Ostafrika abzusehen.
Die Übernahme der wirtschaftlichen Kriegserfahrungen in Deutsch Ostafrika auf die anderen deutschen Kolo-nien wird auch deren wirtschaftliche und soziale Basis entsprechend verbessern.
Deutsch Ostafrika hat trotz des Maji-Maji-Aufstandes von 1905 1914 im Verhältnis zur Zahl der farbigen Bevöl-kerung weit weniger Soldaten als die Nachbarkolonien der Engländer, Belgier und Portugiesen. Die Deutschen können sich rühmen eine sicherere Kolonie zu besitzen und mehr Vertrauen in die einheimische Bevölkerung zu haben als die anderen Kolonialnationen in Raum von Ost- und Zentralafrika. Bestätigt wird dies nach Kriegs-ausbruch als die deutsche militärische Präsenz in der Kolonie noch stark vermindert wird, durch den Abzug der Truppen an die Fronten, ohne daß es auch nur im geringsten zu Unruhen kommt, während in den Nach-barkolonien im Laufe des Krieges Aufstände ausbre-chen. Beträgt die Stärke der Schutztruppe in Deutsch Ostafrika 1914 2750 Mann bei etwa 9 Millionen Einwoh-nern stehen in Belgisch Kongo bei 8 bis 9 Millionen Ein-wohnern 15.000 Mann Truppen.
Auf einem Inspektionsmarsch von der Heliographen-station Kidodi nach Kilossa an der Zentralbahn erreicht den Schutztruppenkommandeur Paul von Lettow-Vor-beck am 1. August 1914 ein Eilbote mit einem Telegramm des Gouverneurs sofort nach Daressalam zu kommen. Von Kilossa ab reist Lettow auf einem Güterzug in die Hauptstadt. Am Abend des 3. August trifft er Daressalam ein, wo er von den Mobilmachungen in Europa und in der Kolonie erfährt. Gouverneur Schnee hatte am Mor-gen des 2. August aus Nauen die Funknachricht erhal-ten: »2. August, erster Mobilmachungstag.« und hatte sogleich auch die Mobilmachung in der Kolonie verfügt. Lettow-Vorbeck kommt in einen aufgescheuchten Bie-nenschwarm von Siedlern, Geschäftsleuten und Besu-chern der Landesausstellung – für deren Eröffnung die letzten Vorbereitungsarbeiten laufen – , die allesamt die Behörden belagern, was zu tun sei und was weiter ge-schehen wird. Am 5. August morgens um 6 Uhr 15 wird in Daressalam von der Großfunkstelle Windhuk in Südwestafrika der Funkspruch aufgenommen: »England erklärte am 4. August an Deutschland den Krieg«.
Deutsch Ostafrika ist überhaupt nicht auf einen Krieg gegen äußere Feinde vorbereitet, da von der politischen Führung niemand ernsthaft eine solche Möglichkeit eingerechnet hat. In der 1912 erstellten Denkschrift über einen Krieg der Kolonie mit England wird von einer so-fortigen Aufgabe der als unhaltbar angesehenen Küste und ihren Städten ausgegangen und hinhaltender Widerstand im Landesinneren vorgesehen. Diese Denk-schrift war noch vom vormaligen Schutztruppenkom-mandeur Oberstleutnant Freiherr von Schleinitz ent-worfen und vom damaligen Gouverneur Freiherr von Rechenberg und dem Reichskolonialamt gebilligt wor-den. Dazu kommt, daß die weit im Land verstreuten Kompanien der Schutztruppe nie in größeren Verbän-den von mehreren Kompanien Manöver abgehalten ha-ben, um gegen Gegner europäischen Formats antreten zu können, dafür sind sie eben nicht ausgebildet. Wie in allen anderen deutschen Kolonien, bis auf den Marine-stützpunkt Tsingtau, gibt es keinerlei Befestigungen an den Küsten zum militärischen Schutz von Seeseite und die Forts im Inland sind – wie in allen anderen Schutz-gebieten – ausschließlich zur Sicherung gegen Auf-stände konzipiert.
Als im Januar 1914 der neue Kommandeur der ostafri-kanischen Schutztruppe, Oberstleutnant Paul von Let-tow-Vorbeck, ein erfahrener Kolonialsoldat, in Deutsch Ostafrika eintrifft geht er auf Reisen ins Land, um sein neues Betätigungsfeld kennenzulernen. In den Bergen im Norden der Kolonie, der am dichtesten mit deut-schen Siedlern besetzten Gegend, findet er von ehema-ligen Offizieren, nun Farmer, ein 1913 aufgestelltes frei-williges Schützenkorps, dem alle wehrfähigen Männer angehören und sieht sehr wohl die Möglichkeit gleich zu Beginn eines Krieges sofort offensiv mit der Schutz-truppe gegen einen Gegner vorzugehen, in der alten Weisheit: Angriff ist die beste Verteidigung. Lettow-Vorbeck macht dem Gouvernement entsprechende Vor-schläge, der Verwaltungsbeamte Heinrich Schnee aber bleibt bei der mit dem Reichskolonialamt abgestim-mten Denkschrift von 1912, was bei Kriegsbeginn zu schwerwiegenden Meinungsverschiedenheiten zwi-schen Gouverneur Schnee und dem Kommandeur der Schutztruppe führt, bis sich Lettow-Vorbeck mit seiner Kriegsstrategie durchsetzt. Besonders der große Sieg in der Schlacht von Tanga im November 1914, in der die gelandeten britischen Truppen vernichtend geschlagen werden, hebt die Moral in der Kolonie gewaltig und sichert Lettow-Vorbecks militärische Führungsrolle, der verwaltungstechnisch dem Gouverneur untersteht, aber seine Erfolge machen ihn unabhängig, wenn auch bis zum Kriegsende die Mißhelligkeiten zwischen Let-tow und Schnee andauern.
Lettow-Vorbeck: »Die Schutztruppe bestand bei Beginn des Krieges aus 216 Weißen und 2540 Askari. Dazu kam später die Besatzung der Königsberg mit 322 Mann und der Möwe mit 102 Mann. Im ganzen wurden im Laufe des Krieges etwa 3000 Europäer zur Truppe eingezogen und etwa 12.000 Askari.
In den angegebenen Zahlen ist auch alles enthalten, was nicht focht, wie Polizeischutz-, Sanitätspersonal, Maga-zinbeamte, Besatzung der Etappenlinien, Verpflegungs-posten, Rekrutendepots, Küstenschutz, Relais usw. Eine große Zahl muß also in Abzug gebracht werden, wenn man auf die tatsächliche Gefechtsstärke kommen will.«
Aus militärischer Notwendigkeit schafft Lettow-Vorbeck als der Kommandeur der Schutztruppe in Ostafrika die erste rassisch integrierte Armee der Welt. Auch da-durch kann er seine zu über 90% afrikanische Truppe zu seinen Erfolgen gegen eine zehnfache Übermacht füh-ren und den ganzen Ersten Weltkrieg über mit seinem deutsch-afrikanischen Truppenverband ungeschlagen bleiben. Und die Masse der Afrikaner in dieser deut-schen Kolonialarmee kann in den Wirren und Strapa-zen des jahrelangen Krieges desertieren, aber sie bleibt bei der Truppe.
Die einheimischen Truppen der deutschen Militär-macht stehen ganz eindeutig auf deutscher Seite, was an einfachen Kriegsregeln für Söldnertruppen ablesbar ist. Mit unsicheren Söldnertruppen wird nicht nachts mar-schiert und auch nicht in Wäldern kampiert, wegen der Gefahr der Desertion der Söldner. Mit ihren Askaris ist die deutsche Truppenführung durch die Kriegsereignis-se seit Mitte 1916 gezwungen ständig auf Nachtmär-schen zu sein und im Busch zu kampieren, ohne daß ungewöhnliche Zahlen an Desertionen vorkommen. Das zeigt die hohe Moral der farbigen Truppen unter deut-schem Kommando. Es wäre der Eingeborenentruppen, die natürlich auch Ziel feindlicher Propaganda sind und oft fern ihrer Heimat kämpfen müssen, ein leichtes unter den Kriegsverhältnissen zu desertieren oder ihre Waffen gegen ihre Kommandeure zu wenden.
Ebenso sind die Trägerkolonnen im Land nur unter ein-heimischer Führung und Aufsicht unterwegs und könn-ten leicht flüchten, wenn sie wollten. Die deutsche Trup-penführung hätte keine Soldaten zur Verfügung die Trägerkolonnen zu bewachen. Nur in den Kampfzonen werden schließlich Träger auch von deutscher Seite zwangsweise ausgehoben und zum Teil an Ketten zum Trägerdienst gezwungen.
Träger ist aber auf deutscher Seite nicht gleich Träger. Die Kompanieträger, die schon zu Friedenszeiten Be-standteil der Schutztruppenkompanien waren, sind in die militärische Organisation eingebunden, überneh-men Wachen und Aufklärungen und können im Verlauf des Krieges Askari werden. Sie erhalten Sold und eine medizinische Grundversorgung.
Im Steppengebiet im Nordosten der Kolonie kommt es bei Kriegsbeginn zu Einfällen von Massai aus Britisch Ostafrika ins deutsche Gebiet zum Viehraub. Die einhei-mischen Wassukuma bekämpfen ihre Feinde und legen vor einer deutschen Polizeistation 96 abgeschnittene Massaiköpfe nieder.
An allen Fronten kann die deutsche Schutztruppe er-folgreich die Front halten und steht selbst im Süden von Britisch Ostafrika, von wo aus beständig die Ugandabahn geschädigt wird durch Stoßtruppunternehmen durch die weite Steppenlandschaft bis zur Bahnlinie mit Spren-gungen der Gleise und von Zügen.
Mit Beginn der alliierten Großoffensive gegen Deutsch Ostafrika im März 1916 dringen feindliche Truppen mit überwältigenden Kräften in den Norden der Kolonie ein. Im April 1916, bei der Bedrohung der Mittellandbahn durch den Gegner, geht Gouverneur Schnee von Tabora, welches im Krieg zur Hauptstadt der Kolonie geworden ist, nach Morogoro und im August von Morogoro zur Truppe. Tabora wird am 18. September 1916 von den Belgiern besetzt. Die schwarzen Truppen der Belgier haben auf ihrem Durchzug durch den Osten Deutsch Ostafrikas bereits mit rauben, plündern, vergewaltigen und morden die schwarze Bevölkerung der deutschen Kolonie überfallen und tun das nun auch ausgiebig in Tabora, ohne von ihren belgischen weißen Offizieren daran gehindert zu werden.
Bis zum Ende der Offensive im September 1916 erobern die beiden gegnerischen Kolonialmächte Belgien und England im Laufe der Monate etwa 80 % der Fläche der deutschen Kolonie mit 90 % der farbigen Einwohner-schaft. Trotzdem kann die deutsche Truppe weiter kriegsbereit gehalten werden. Der unter deutscher Ver-waltung verbliebene Teil ist dünn besiedelt und wegen der Verbreitung der Tsetsefliege ohne Viehbestand. Die-se Gegenden sind arm an Nahrungsmitteln, stark bewal-det und von Sümpfen durchzogen. Dazu sind sie weit we-niger von Weißen besiedelt als der Norden und ent-sprechend fehlen Werkstätten und sonstige technische Hilfsmittel wie sie im Norden, bei der dortigen teilweise dichten deutschen Besiedlung, vorhanden sind. Da-durch geht auch die im Krieg hauptsächlich im Norden aufgebaute wirtschaftliche Produktion verloren und kann im Süden nur sehr beschränkt wiederhergestellt werden.
Die von den Truppen nach Süden mitgeführten 20.000 Stück Vieh sind nach zwei Monaten geschlachtet oder an der von der Tsetse übertragenen Krankheit einge-gangen. Für die Fleischbeschaffung hat der Gouver-neur die Tierschutzgesetze der Kolonie aufgehoben, auf daß die Truppe die zum Teil reichen Wildtierbestände zur Fleischgewinnung jagen und als Trockenfleisch in tierarme Gegenden liefern kann.
Für das Backen von Brot wird immer mehr auf Mehl aus einheimischen Körnerfrüchten zurückgegriffen. Als Kaffeeersatz wird ein brauchbarer Malzkaffee aus Mais oder Mtama hergestellt. Auch eine einheimische Boh-nenart erweist sich als ein geeigneter Ersatzkaffee. Salz wird nach dem Verlust der Saline Gottorp aus Salz-wasser des Indischen Ozeans gewonnen. Die Fettgewin-nung wird ergänzt durch den Abschuß von Flußpferden und Elefanten. Bei der Elefantenjagd wird der Stabsarzt Dr. Neubert der Schutztruppe von einem Elefanten mit einem seiner Stoßzähne durchbohrt und getötet. Diese Jagden auf Elefanten sind besonders in der Regenzeit im dann im Süden aufschießenden hohen Gras mit seinen Juckbohnen, die langandauerndes heftiges Jucken ver-ursachen, wahrlich keine Jagdsafaris mehr wie zu Frie-denszeiten, sondern notwendige Fleischversorgung. Selbst ehemalige Großwildjäger sind an diesen Jagden nicht interessiert.
Die Kämpfe zwischen den britischen und den deutschen Truppen in der zweiten Hälfte des Jahres 1916 und 1917 in Deutsch Ostafrika bringen für die betroffene einhei-mische Bevölkerung in den Kampfgebieten hauptsäch-lich im Süden der Kolonie schwere Opfer mit sich, weil beide kriegführenden Parteien über die Maßen Anfor-derungen an Träger, Arbeitskräfte und Lebensmittel stellen, wo in vielen dieser Gebiete selbst in Friedens-zeiten aufgrund der ungünstigen allgemeinen Bedin-gungen – Buschland ohne Viehhaltung – schon kein Überfluß herrscht.
Bis zum Oktober 1916 geht der Norden und die Küste der Kolonie verloren. Die sehr starken Regenfälle in der Regenzeit 1916/17 im Süden bringen eine ausreichende Ernte für die Bevölkerung und die Truppe, aber 1917 verringert sich der unter deutscher Herrschaft stehen-de Raum in der Kolonie durch das Vordringen der gegnerischen Streitkräfte beständig.
Im April 1917 dringt eine Abteilung der Schutztruppe in die portugiesische Kolonie Mosambik im Süden von Deutsch Ostafrika ein und wird in Portugiesisch Ostafri-ka von der schwarzen Bevölkerung als Befreier von der portugiesischen Herrschaft begrüßt. Da Nordmosambik sowieso vertraglich Deutschland zugesprochen ist, han-delt es sich also eigentlich mehr um eine Übernahme, denn um eine Besetzung des nördlichen Mosambik. Das Ziel des Einmarsches in Mosambik im April 1917 ist die Erkundung des Landes und die Erbeutung von Verpfle-gung und Ausrüstung von den Portugiesen. Mit dem Einmarsch der gesamten deutschen Schutztruppe nach Mosambik Ende November 1917 wird auch gleichzeitig der noch deutsch-verwaltete Teil Deutsch Ostafrikas im Süden der Kolonie vor der zehn bis zwanzigfachen feind-lichen Übermacht aufgegeben.
Zu dieser Zeit bekommt Lettow-Vorbeck Unterstützung vom deutschen Handelskreuzer Wolf. Das zum Kriegs-schiff umgebaute Handelsschiff kapert vor Südafrika den aus New York kommenden Segler John H. Kirby. Der Frachtsegler hat große Mengen Lebensmittel und auch 270 Automobile für die alliierten Truppen in Ostafrika an Bord. Am 1. Dezember 1917 wird die Kirby von der Wolf versenkt.
Ende November 1917 tritt die ganze Schutztruppe nach Mosambik über, um sich durch die Eroberung von Stütz-punkten der portugiesischen Kolonialarmee die nötigen Waffen, die Munition und Lebensmittel zu verschaffen für die weitere Erhaltung ihrer Kampfkraft. Schließlich dringt die Schutztruppe nach dem Durchzug durch den Südwesten von Deutsch Ostafrika im September/Okto-ber 1918 am 1. November in das britische Protektorat Nordrhodesien ein. Lettow-Vorbeck macht sich auf den Weg nach Katanga in Belgisch Kongo, von wo er mit seiner Truppe weiter in die portugiesische Kolonie Angola marschieren will. Am 9. November nimmt die Truppe Kasama, 200 Kilometer südlich der Grenze von Deutsch Ostafrika. Lettow-Vorbeck: »Der Ort hatte eine große Reparaturwerkstätte für Automobile und andere Fahrzeuge; mehr als 20 Burenwagen [Ochsenwagen] wurden erbeutet. Recht erheblich war die Beute an Europäerverpflegung.
…
Drei Tagemärsche weiter, den Telefondraht entlang, sollten bei der Chambesi-Fähre große Bestände liegen, die zum Teil mit Booten herantransportiert waren. Ich selbst war mit Fahrrad am 11. November bei Hauptmann Spangenberg in Kasama eingetroffen, und dieser mar-schierte mit 2 Kompagnien sogleich weiter nach Süden auf die Chambesi-Fähre zu.« Der Chambesi-Fährüber-gang ist auch gleichzeitig in Marschrichtung Angola. Am 13. November trifft die Abteilung Spangenberg an der Chambesi-Fähre ein. »Übergänge über den Cham-besifluß zu erkunden« für »einen gesicherten Uferwech-sel«: »Diese Frage war brennend, da die Regenzeit und damit das Anschwellen der Flüsse unmittelbar bevor-stand. Stärkere Gewitter setzten bereits ein.«
Am 13. November 1918 erfährt Lettow-Vorbeck vom Waffenstillstand in Europa, der am 11. November be-gann. Am 25. November 1918 legt die deutsche Schutz-truppe laut Waffenstillstandsvereinbarung die Waffen nieder. Von Nordrhodesien wird die noch etwa 1300 Mann starke Truppe erst nach Kigoma in Deutsch Ostafrika verlegt und dann im Dezember mit der Bahn nach Daressalam abgefahren. Lettow-Vorbeck über die Zugfahrt: »In Tabora waren eine Menge Deutsche auf dem Bahnhof. Sie beklagten sich über die Räubereien durch die Belgier und die Engländer. – In Morogoro war das Eintreffen des Zuges den Deutschen bekanntge-geben. Nachmittags auf dem Bahnhof trafen wir die deutschen Frauen wieder, die wir hier vor zwei Jahren zurückgelassen hatten. Sie bewirteten uns festlich, und ein großes Fragen ging nach ihren Männern und Freunden. Manch einer mußten wir über den Tod ihres Mannes Genaues erzählen. Auch sie, unsere deutschen Frauen, hatten schwere Zeiten hinter sich, und deren, die ihre Männer lebend und gesund wiedersahen, waren wenige.«
Karl Viehweg besitzt keine zehn Kilometer von der Bahnstation Pugu entfernt, die gut 20 Kilometer west-lich von Daressalam liegt, eine Plantage. Er kann auch auf der Straße nach Daressalam – die seiner Plantage noch näher als die Tanganjikabahn liegt – mit seinem Fahrrad in die Hauptstadt fahren und spart damit die Kosten für die Zugfahrkarten. Als der Krieg ausbricht wird Pugu Hauptquartier des Oberkommandos der Schutztruppe und Truppensammelplatz. Durch den nun enormen Verkehr auf der Eisenbahnlinie kann Viehweg viel Holz von den Rodungsarbeiten auf seinem Land zum Befeuern der Lokomotiven an die Bahn verkaufen und an die Truppen in Pugu seine gerade eingebrachte Buschbohnenernte liefern, statt sie, wie geplant, nach Daressalam zum Verkauf zu bringen. Viehweg kann auch Reis, Cassava, Hirse und Mais an die Truppe lie-fern. Die Lasten werden von Trägern von seiner Plantage nach Pugu transportiert.
Er will in Daressalam Einkäufe tätigen, bevor sie viel-leicht durch den Krieg unmöglich werden, fährt aber nicht mit dem Fahrrad, da die Schutztruppe gelegentlich schon Fahrräder requiriert, sondern nimmt den Zug. Die Züge aus Daressalam sind überfüllt mit Zivilisten, Uni-formierten, Waffen, Maschinen, Ersatzteilen, Lebens-mitteln, Hühnern und vor allem Akten, Büroschränken und sonstigem unersetzlichem Mobiliar der Gouverne-mentsverwaltung, die sich ins Landesinnere verlagert. Karl Viehweg gelingt es noch in einem Güterwagen bis Pugu mitzufahren, wo sich auch alle Reservisten aus Daressalam versammeln. Für den 8. August 1914 hält Viehweg in seinem Tagebuch fest:
»Ich melde mich auf Station Pugu bei Major Kepler, dem Stellvertretenden Kommandeur der Schutztruppe, wer-de aber noch nicht angenommen, da ich in der Nähe wohne und jederzeit zu haben bin.
…
Gegen ½ 11 fahre ich mit Frau Lössners Rade weiter bis Mbaruku, wo mehrere Kompanien liegen. Zwischen Pugu und Mbaruku starker Automobilverkehr (requi-rierte, teils für die Landesausstellung bestimmte); Geschütze werden von Schwarzen gezogen, von Pugu nach Mbaruku geschafft, teils sehr sandiger Weg.
Bei Giese Rast gemacht, der Grunds Pflanzung bei Pugu gekauft hat; er hat ein Mischlingsweib, eine von der Missionsstation Entlaufene. Brauerei Schultz/Daressa-lam schafft Bier und Soda in 4spännigen Wagen nach Pugu ins Lager und verkauft die Flasche Bier für 50 Heller.«
Im Lager Pugu sieht Viehweg eine überbreite Straße, an der noch planiert wird. Vor einer Woche war hier noch Buschwerk gewesen. Er fragt einen Unteroffizier, der dort Aufsicht führt:
„Was macht Ihr denn hier? Das sieht ja fast wie ein Exerzierplatz aus?“
„Ein Exerzierplatz? Ha! Dafür ist jetzt keine Zeit.“
„Wofür denn?“
„Das ist ein Flugplatz!“
„Lassen Sie diese Witze.“
„Im Ernst, es ist ein Flugplatz.“
„Wirklich? Kaum zu glauben. Was sind denn das für Flugmaschinen?“
„Es ist eine Flugmaschine! Die Feldmarschall hat sie für die Landesausstellung mitgebracht.“
Tatsächlich kam das Flugzeug nicht mit der Feldmar-schall aus Deutschland, sondern mit dem deutschen Dampfer Khalif aus Südwestafrika von der dortigen Landesausstellung. Der Doppeldecker ist zur Zeit auf dem Flugplatz auf der Halbinsel Kurasini am Stadtrand von Daressalam stationiert.
Weitere Flugzeuge für Deutsch Ostafrika stehen bei der Rumpler Luftfahrzeugbau GmbH in Berlin-Johannisthal vor dem Transport nach Ostafrika und Dr. Kurt Wege-ner, der am 22. Juni 1914 das Flugzeugführerzeugnis Nr. 796 erwarb, sollte zum Studium der meteorologischen Verhältnisse für das Fliegen in Deutsch Ostafrika in die Kolonie gehen, aber durch den Kriegsausbruch ist dies nun nicht möglich.
Von Kurasini aus fliegt Bruno Büchner mit seinem Pfalz-Doppeldecker Aufklärung bis zur britischen Insel Sansi-bar. Büchner über einen dieser Flüge: „…ich startete der Küste entlang nach Sansibar. Ich mochte etwa zwei Stunden unterwegs gewesen sein, als ich plötzlich unter mir zwei Kanonenboote gewahrte, die sofort auf mich zu schießen begannen, leider mit recht gutem Erfolg. Ich bekam eine schmerzhafte Armverletzung…“. Er setzt daraufhin mit dem beschädigten Flugzeug zur Landung am Strand an. Der weiche Sand läßt das Fahrwerk einsinken, worauf sich das Flugzeug überschlägt und zu Bruch geht. Büchner schleppt sich zu Fuß nach Dares-salam und wird dort in ein Lazarett eingeliefert. Die Flugzeugteile holt man in den folgenden Tagen nach Daressalam, wo in der Schmiede Haller der Wieder-aufbau beginnt.
Während Büchner noch im Lazarett liegt übernimmt der Oberleutnant Ernst Ludwig Henneberger von der Schutztruppe, der 1912 bei der Bayerischen Flieger-truppe seine Feldfliegerprüfung absolvierte, die Maschi-ne. Am 24. Oktober beginnt er mit Probeflügen und soll schließlich am Kilimandscharo als Luftaufklärer ins englische Gebiet hinein stationiert werden.
Am 15. November wird Henneberger bei einem Probe-flug Opfer der afrikanischen Flugbedingungen. Das Flugzeug sackt plötzlich ab, berührt die Palmwipfel und stürzt ab. Henneberger ist sofort tot. Sein Beobachter Leutnant der Reserve Wilhelm Gutzmer von Gussmann wird schwerverletzt aus den Trümmern geborgen, kann aber schließlich seinen Dienst bei der Schutztruppe wieder aufnehmen.
Der genesene Bruno Büchner bekommt nun den Auf-trag das Flugzeug als Wasserflugzeug wieder aufzu-bauen, um es als Luftschutz für den jetzt südlich von Daressalam im Rufiji-Delta liegenden Kreuzer Königs-berg zu nutzen. Büchner kommen dabei seine Erfah-rungen mit einem Wasserflugzeug aus dem ersten deutschen Wasserflugzeugwettbewerb in Heiligen-damm 1912 zugute. Wieder in der Werkstatt von Haller wird die Maschine neu aufgebaut und mit Schwimmern ausgerüstet. Büchner macht mit dem Flugzeug Probe- und Aufklärungsflüge. Versuche mit selbstgefertigten Bomben schließen sich an. Büchner:
„Zuerst übten wir mit Kokosnüssen das Abwerfen, dann nahmen wir 15 cm-Granaten [Es sind wohl 10,5 cm-Granaten der Königsberg gemeint] mit in die Luft, die wir einfach über Bord schmissen. Verstaut wurden sie mit aufgesteckten Zündern, indem wir sie irgendwo auf den Boden des Führersitzes warfen.“
Der Mangel an Flugbenzin beendet die Flüge und Bruno Büchner wird zur Kraftfahrabteilung der Schutztruppe versetzt.
Natürlich zeitigen Kriege auch immer unerwartete Er-gebnisse. Ein deutscher Soldat, der früh im Krieg in bri-tische Gefangenschaft gerät, kommt in ein Kriegsgefan-genenlager nach Ägypten. Der Mann war im Frieden Farmer in Ostafrika gewesen und nun, im Krieg, führt seine Frau die Farm. Dem Farmer kommt die Zeit im Kriegsgefangenenlager als die schönste Zeit seines Le-bens vor, denn er ist einmal all die ewigen Pflanzungs- und Arbeitersorgen los und kann Fußball spielen und lesen. Ein interessanter Einblick in die Schwierigkeiten des Lebens der Farmer in Deutsch Ostafrika.
Zum Geburtstag des Kaisers wird auch im zweiten Kriegsjahr am 27. Januar 1916 in Daressalam eine Parade abgehalten.
Der Kaiserliche Gouverneur von Deutsch Ostafrika, Heinrich Schnee, hält im Juli 1916 bei einem großen Bierabend für die deutsche Bevölkerung eine öffent-liche Ansprache, in der er auch ausführt:
„Der Feind hat die Hoffnung, daß wir hier auch wirt-schaftlich vernichtet werden. Im bisherigen Verlaufe des Krieges haben wir bereits gesehen, daß diese Hoff-nung unbegründet ist. Wirtschaftlich kann der Feind uns hier nicht niederringen. Alles Notwendige gewin-nen wir aus dem Lande, ob es Nahrungsmittel, Materia-lien oder Hilfsmittel aller Art sind, wir finden es in un-serem Deutsch Ostafrika. Und da tritt der Wert unserer Kolonie gerade in diesem Kriege glänzend hervor. Ich glaube, selbst mancher alte Kenner des Landes hat be-zweifelt, ob es gelingen würde, den Bedürfnissen der Bevölkerung, der weißen wie der farbigen, gerecht zu werden. Aber es findet sich solcher, ich möchte sagen, unerwarteter Reichtum im Lande, daß wir kaum in Ver-legenheit geraten können und wir uns ausreichend Er-satz auch für solche Gegenstände, die wir früher von au-ßen bezogen haben, hier beschaffen können. – Es eröff-net uns aber auch den Ausblick in die Zukunft, daß nach einem ehrenvollen und günstigen Frieden für das Deut-sche Reich in der Kolonie noch Entwicklungsmöglich-keiten stecken, die wir bisher noch nicht in dem Maße erkannt hatten.“
Auch im Krieg geht die verwaltungstechnische Durch-dringung der Kolonie weiter und so werden im noch nicht so weit entwickelten Süden neue Nebenstellen der Bezirke geschaffen und im August 1916 wird der Bezirk Tabora in die Bezirke Tabora-Nord und Süd-Tabora ge-teilt.
Durch die Fluchtbewegung der deutschen Zivilbevölke-rung nach Süden mit den feindlichen Offensiven im Norden seit März 1916 werden für die Frauen und Kin-der in Tabora, aber auch an anderen Orten, von der Ver-waltung solide Häuser gebaut, solange Zement vorhan-den ist. Dann werden kleine primitive Lehmhäuser er-richtet, die aber, als schließlich kein Moskitonetz zur Sicherung der Bauten gegen die Stechmücken mehr vorhanden ist, besonders im moskitoverseuchten Tabo-ra keine gesundheitlich zuträgliche Unterkunft bieten.
Mit Rücksicht auf die ungünstigen Lebensverhältnisse im Süden des Schutzgebietes hat Gouverneur Schnee deutschen Frauen und Kindern den Zug in das Rück-zugsgebiet im Süden verboten. Dort selbst leben nur we-nige weiße Frauen und Kinder, da der Süden noch weit-gehend unerschlossen ist.
Im Januar 1915 ernennt die britische Regierung das New Yorker Bankhaus J. P. Morgan & Co. zum alleinigen Finanzagenten für alle seine Kriegseinkäufe in den USA. Morgan ist auch alleiniger Verkäufer von britischen Kriegsanleihen an Kunden in den USA und vermittelt Bankkredite an England. Bald darauf übernimmt Eng-land die Garantie für alle Kredite seiner Kriegsverbün-deten Frankreich, Rußland und Italien.
Für den weiteren Ablauf der Geschehnisse ist ein Blick auf die Geschichte des Bankhauses Morgan von größter Wichtigkeit. Alles beginnt mit der Reise von George Peabody im Jahre 1835 von Amerika nach London. Pea-body betreibt einen Großhandel mit Textilien und ist auch im Sklavenhandel tätig. Da er mehr und mehr Ge-schäfte mit England abwickelt reist er selbst für die Er-weiterung des Englandhandels 1835 nach London. Bald nach seiner Ankunft in London bekommt er eine über-raschende Einladung von einem Baron Nathan Mayer Rothschild. Als Peabody bei dem schwerreichen Roth-schild erscheint, eröffnet ihm Nathan Rothschild ohne Umschweife, daß die Londoner Aristokratie ihn, den Ju-den Rothschild, nicht mag und Einladungen in sein Haus ablehnt. So schlägt er dem in London unbekann-ten Amerikaner Peabody, der ein Mann von nur beschei-denem Wohlstand ist, vor auf Kosten von Rothschild ein gastfreies Haus mit allem Luxus und Unterhaltungs-möglichkeiten für Peabodys Gäste einzurichten, das schnell zum Gesprächsthema und Anziehungspunkt für die Londoner Oberschicht werden soll. Selbstverständ-lich würde Rothschild auch alle laufenden Kosten für das spendable Etablissement von Peabody zahlen. Über Peabodys daraus entstehenden Geschäftsmöglichkei-ten, auch großzügig unterstützt von Rothschild, würde Nathan Rothschild, ohne daß er oder sein Name irgend-wo in Erscheinung treten würde, durch Peabody als Frontmann in Geschäfte in England einsteigen können, die ihm bisher verwehrt sind. Wie nicht anders zu er-warten schlägt George Peabody in das Geschäft ein. Schnell wird Peabodys Heim ein begehrter Treffpunkt für die Reichen des Landes und sein alljährliches Fest zum 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, ist einer der Höhepunkte des Jahres für die englische High Society. Natürlich macht man auch gerne mit Peabody Geschäfte, der riesige Summen etwa für die Gründung neuer Unternehmungen zur Verfügung hat, und nun auch in den USA groß ins Geschäft kommt.
In Amerika ist Peabodys Geschäftspartner die Bostoner Firma Beebe, Morgan and Company, die von Junius S. Morgan geführt wird. Eines der großen Geschäfte von Peabody ist der Export englischer Eisenbahnschienen für die schnell wachsenden Eisenbahnlinien in den USA. Und im amerikanischen Bürgerkrieg, der 1861 beginnt, wird George Peabody von der Nordstaatenregierung zu ihrem Repräsentanten in allen Finanzgeschäften mit England ernannt. 1864 zieht sich Peabody aus dem Geschäftsleben zurück und da er weder geheiratet noch Nachkommen hat wählt er Junius Morgan als seinen Nachfolger im Geschäft mit den Rothschilds. Durch den Tod von Junius bei einem Pferdewagenunfall an der Rivi-era 1890 übernimmt sein Sohn John Pierpont Morgan das Geschäft und mit dem Hintergrund des gewaltigen Reichtums der Rothschilds wird die J. P. Morgan Bank schnell zur mächtigsten Bank der USA. Die Rothschild-Familie hat mittlerweile durch ihren unendlichen Reichtum und ihre Macht einen so schlechten Ruf, daß sie in den USA lieber hinter der Fassade von J. P. Morgan agiert. Doch da überhaupt kein Erscheinen der Roth-schilds in den Vereinigten Staaten auch Mißtrauen und Verdacht erregen würden, halten die Rothschilds in den USA immer eine offizielle Rothschild-Repräsentanz.
1915 wird das U. S. Committee of Industrial Prepared-ness, das US Komitee für Industrielle Bereitschaft, einer Bereitschaft auf eine Kriegswirtschaft, gegründet, dem auch Bernhard Baruch angehört. 1915 bittet US-Präsi-dent Woodrow Wilson den Wallstreet-Banker Bernard Baruch einen Plan für die Vorbereitung der Industrie der USA auf eine Kriegswirtschaft auszuarbeiten. Aus diesem Plan wird am 9. April 1917 der General Munitions Board und am 28. Juli 1917 der War Industries Board, der Kriegsindustrieausschuß, die oberste US-Behörde für die Herstellung von Rüstungsgütern, seit Januar 1918 geführt von Bernhard Baruch.
Schon am 24. August 1916 richtet US-Präsident Woo-drow Wilson auch den Council of National Defense, den Nationalen Verteidigungsrat, ein, ein Mitglied: Bern-hard Baruch. Wilson: „Das Land ist am besten für Krieg vorbereitet, wenn es gründlich für Frieden vorbereitet ist.“
Gäbe es für Politiker einen Preis für den verlogensten Spruch des Jahres, so hätte Woodrow Wilson für das Jahr 1916 diesen Preis auf jeden Fall gewonnen.
Auch die US Navy wird aufgerüstet und richtet 1916 auf den zu Portugal gehörenden Atlantikinseln der Azoren einen Flottenstützpunkt ein. Schon im Mai 1915 begann in den USA in den Plattsburgh Camps die Ausbildung Freiwilliger zu Soldaten für den Kriegseinsatz in Europa.
Die Plattsburgh Camps sind ein Trainingsprogramm für Freiwillige vor der Einberufung, organisiert durch priva-te Bürger vor dem Eintritt der USA in den Ersten Welt-krieg. Die Camps werden errichtet und finanziert vom Preparedness Movement, einer Gruppe einflußreicher pro-Alliierter Amerikaner, also Gegnern Deutschlands. Sie sehen, daß das stehende Heer der Vereinigten Staa-ten viel zu klein ist, um den Krieg zu beeinflussen und müßte enorm vergrößert werden, wenn die USA in den Krieg einträten. Die Bewegung richtet die Camps ein, um zusätzliche mögliche Heeresoffiziere während der Sommer 1915 und 1916 zu trainieren. Das größte und bestbekannte dieser Camps liegt nahe Plattsburgh, Bun-desstaat New York.
Um herauszufinden, wer denn diese einflußreichen pro-Alliierten Amerikaner sind, brauchen wir nur zu schauen, wer dieses merkwürdige Preparedness Move-ment führt. Sonderbarerweise finden wir wieder Theo-dore Roosevelt an der Spitze, den die Wallstreet-Banker schon 1912 aus der Mottenkiste geholt hatten, als sie für ihre politischen Ziele kurzfristig einen dritten Kandida-ten für die US-Wahlen des Jahres brauchten.
Mit dem Krieg in Europa haben die USA nichts zu tun. Von den großen Kriegsparteien Frankreich, England, Deutschland und Rußland hat die USA nichts zu be-fürchten. Nur die Engländer besitzen eine Flotte, die den USA gefährlich werden kann, aber England wird von den USA als eine befreundete Nation angesehen. Es gibt also keinen Grund für die Vereinigten Staaten eine Armee aufzustellen und die Industrie der USA auf Krieg umzu-stellen. Die Armee wird nicht gebraucht, denn eine Inva-sion der USA ist ausgeschlossen und die Industrie sollte für die Bevölkerung zivile Güter herstellen. Das Ganze ist also vollkommen unverständlich, zumal die gewalti-gen Kosten, insbesondere für die unsinnige Aufrüstung der Armee und der Flotte, vom amerikanischen Steuer-zahler bezahlt werden.
Am 5. März 1917 schreibt der US-Botschafter in London, Walter Hines Page, unter merkwürdiger Umgehung sei-nes Vorgesetzten, dem neuen Außenminister der USA, an Präsident Woodrow Wilson:
»Ich denke, daß der Druck dieser herannahenden Krise über die Möglichkeiten der Morgan Finanz Agentur für die britische und französische Regierung geht… Die größte Hilfe, die wir den Alliierten geben können, würde ein Kredit sein. Sofern wir nicht gegen Deutschland in den Krieg eintreten, kann unsere Regierung natürlich nicht eine solche unmittelbare Bewilligung eines Kredi-tes geben.«
Page bekommt zu seinem Diplomaten-Gehalt zusätzlich von der New Yorker National City Bank 25.000 Dollar im Jahr zugeschossen. Eine von Hines gerne genommene Bankenunterstützung, die auch nicht jedem zuteil wird, für die er offensichtlich auch alljährlich seinen Gönnern entsprechende Dienste in London leistet, sonst wäre es wohl bei einer Einmal-Zahlung geblieben.
Nach der Erfahrung mit dem im Juni 1915 zurückgetre-tenen Außenminister William Jennings Bryan, der strikt gegen den Eintritt der USA in den Krieg war und sagte: „Geld ist die schlimmste aller Konterbande“, hat Page gute Gründe den neuen US-Außenminister zu umge-hen. Bis zum Frühjahr 1917 hat das Bankhaus Morgan be-reits gigantische Geldsummen als Konterbande an die Gegner Deutschlands geliefert. Morgan/Rothschild ha-ben den Krieg Englands gegen Deutschland durch Kre-dite an die Alliierten mitfinanziert und die USA haben den militärischen Nachschub der Briten organisiert. Die Munitionsindustrie in den USA kassiert im Großen ab. Vor allem aber profitiert das Bankhaus J. P. Morgan & Company glänzend am Krieg, in dem es alle Geld-geschäfte vermittelt und selbst riesige Kredite an die Kriegsgegner Deutschlands gibt. Die Anleihen, die wohl-habende Amerikaner gezeichnet haben, wären auch ge-fährdet, ja verloren, einschließlich der Kredite der Mor-gan-Bank selbst, sollten die Alliierten nicht gewinnen. Die angeblich neutralen USA unterstützen also massiv den Krieg gegen Deutschland.
Der amerikanische General John J. Pershing, nach dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg Oberbefehls-haber der US-Truppen in Frankreich, sagt 1924 für die Zeit vor dem Kriegseintritt der USA über die Sicherung der Front der Franzosen und Engländer in Frankreich:
“Wir waren für deren Aufrechterhaltung der Front ver-antwortlich und wir schossen das Geld vor, das es ihnen möglich machte, die Front aufrechtzuerhalten.”
Ein Ausschuß des US-Senats kommt nach zweijähriger Arbeit in seinem am 26. Juni 1936 vorgelegten Bericht über den Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im April 1917 zu dem Schluß, daß das New Yorker Bankhaus Mor-gan zwischen 1914 und 1916 mit seinen Operationen zu Gunsten Englands und Frankreichs die USA-Finanzen so tief in den europäischen Krieg verstrickt habe, daß eine Niederlage der beiden Schuldner eine tiefe Wirtschafts-krise in den USA ausgelöst hätte. Die US-Regierung habe daher Anfang 1917 gar keine Handlungsfreiheit mehr gehabt, ihr Land aus dem Krieg herauszuhalten.
Der amerikanische Historiker Eustace Mullins:
»Das Federal Reserve System begann 1914 seine Arbeit, zwang das amerikanische Volk den Alliierten 25 Milli-arden Dollar zu leihen, welche nicht zurückbezahlt wur-den, obwohl beträchtliche Zinsen an New Yorker Banker bezahlt wurden. Das amerikanische Volk wurde in einen Krieg gegen das deutsche Volk getrieben, mit welchem wir keinen erkennbaren politischen oder wirtschaftli-chen Streit hatten.«
Wie die angebliche Demokratie in den USA funktioniert sehen wir sehr schön am Beispiel der US-Wahlen von 1912. Es geht den Großbankiers darum ihr Gesetz – den Federal Reserve Act – für die Übertragung des Herr-schaft über den Dollar auf sie selbst durchzubringen und der derzeitige Präsident, der Republikaner William Howard Taft, ist dafür nicht geeignet. Aber ihr Kandidat von den Demokraten, Woodrow Wilson, würde die Wahl gegen Taft nicht gewinnen können. Was tun? Eine Partei gründen speziell zur Gewinnung von Taft Wäh-lern, aber uninteressant für Wilson-Wähler. So wird flugs die Progressive Party mit enormen finanziellen Mitteln aus dem Boden gestampft und man holt den ehemaligen Präsidenten Teddy Roosevelt aus der Ver-senkung, um ihn an die Spitze der neuen Partei zu stel-len. So gewinnt Woodrow Wilson mit knapper Mehrheit die ›Wahl‹.
Im Juni 1914 wird von einem Ausschuß des US-Senates eine Untersuchung über diese Machenschaften der Großbankiers geführt und es kommt am 1. August 1914 zu einer Anhörung von Paul Warburg vor dem Senats-komitee Banken und Währung (Senat Banking and Currency Committee). Paul Warburg hatte seit Jahren die Gründung der Federal Reserve Bank betrieben und er ist zur Zeit der Anhörung der Chef der neu gegründe-ten Federal Reserve Bank.
Senator Joseph L. Bristow: „Wieviele dieser Partner [von der Bank Kuhn, Loeb & Company] sind amerikanische Staatsbürger?“
Paul Warburg [Der Deutsche Paul Warburg ist seit 1911 amerikanischer Staatsbürger]: „Sie sind alle amerikani-sche Staatsbürger außer Herrn Kahn. Er ist britischer Staatsbürger.“ [Kuhn und Kahn sind zwei verschiedene Personen.]
Bristow: „Sie sagten sie wären Republikaner, aber als Herr Theodore Roosevelt auftauchte, wurden sie ein An-hänger von Herrn Wilson und unterstützten ihn?“
Warburg. „Ja.“
Bristow: „Während ihr Bruder [Felix Warburg] Taft un-terstützte?“
Warburg „Ja.“
Das heißt, daß die drei Partner der Großbank Kuhn, Loeb & Co, Paul Warburg, Felix Warburg und Otto Kahn sich jeweils einen eigenen Kandidaten für die Wahl zum US-Präsidenten hielten, denn Otto Kahn finanzierte Theo-dore Roosevelt, also gehörten der Bank alle drei Kandi-daten für die US-Präsidentschaftswahl. Als das Senatsko-mitee diese höchst merkwürdige Herrschaft einer einzi-gen Bank über alle drei Präsidentschaftskandidaten der USA hinterfragt, antwortet Paul Warburg, daß eben je-der der drei Bankiers seine eigene politische Meinung habe und man habe keinen Einfluß auf die Meinung des anderen, und sich „Finanzen und Politik nicht mischen.“ Trotzdem wird Paul Warburg vom neuen Präsidenten Woodrow Wilson zum Chef der neuen Privatbank Federal Reserve Bank, der nun der Dollar als Eigentum gehört, vorgeschlagen. Warburg nimmt zwar nicht den Vorsitz, sondern einen Sitz im Board of Governors der Bank an, ist aber in Wirklichkeit Chef der Bank, die er erfunden und in die Welt gesetzt hat. Und Paul Warburg hat auch durchgesetzt, daß die Fragen, die ihm im Ban-kenausschuß des Senats gestellt würden, ihm vorher schriftlich zugestellt werden und er nur Fragen beant-worten würde, die seine Mitgliedschaft im Board of Go-vernors der FED nicht beeinträchtigen würden, weshalb die Frage, ob er der Repräsentant der Familie Rothschild in den USA sei, nicht gestellt werden konnte.
Von den Mitgliedern im Board of Governors muß der von Woodrow Wilson eingesetzte Thomas D. Jones allerdings schnell seinen Posten räumen, weil er unter Anklage des Generalstaatsanwaltes der USA steht. Ein anderes Mitglied des Board of Governors der FED ist William McAdoo, Schwiegersohn von Präsident Woo-drow Wilson und ein weiteres sein Onkel Frederick Adrian Delano.
Den internationalen Bankiers gehören mit ihrer Geld-macht und ihren Verbindungen immer beide Kandida-ten für das Präsidentenamt der Vereinigten Staaten von Amerika. Die ›Wahl‹ von 1912 ist nur ein Fall, an dem wir sehr schön die Machenschaften der Großbanker sehen können. Das Volk der USA kann immer wählen zwischen den beiden Kandidaten, die ihm von den internationalen Herren des Geldes vorgesetzt werden. Und so ist es überall auf der Welt. Die internationalen Banker setzen gnadenlos ihre Form von Demokratie mit Hilfe der Ar-mee der Vereinigten Staaten von Amerika auf der Welt durch. Mit dieser Art Demokratie haben sie immer alle wichtigen Parteien mit ihrer Finanzierung in der Hand und es ist egal welche Partei am Ende an der Regierung sitzt, es ist immer die Partei der internationalen Eigentü-mer aller Währungen.
Am 31. Oktober 1936 sagt US-Präsident Franklin Delano Roosevelt bei einer öffentlichen Rede in New York: „Sie haben begonnen die Regierung der Vereinigten Staaten als bloßes Anhängsel ihrer eigenen Angelegenheiten zu betrachten. Wir wissen nun, daß das Regieren durch organisiertes Geld ebenso gefährlich ist wie eine Regie-rung des organisierten Mobs.“
1917 hätte der Krieg in Europa wegen der Erschöpfung aller Kriegsparteien sein Ende finden können, doch die Alliierten wußten die USA an ihrer Seite, ohne die sie den Krieg schon längst verloren hätten, mußten aber auf den Kriegseintritt der USA warten, damit die US-Armee das notwendige Übergewicht an der Front gegen Deutschland bringen konnte. Der US-Präsident konnte auch nicht vorher in den Krieg eintreten, da er zunächst einmal seine Wiederwahl im November 1916 sichern mußte, gegen ein Volk das kein Interesse an einem Eintritt in einen Weltkrieg hatte.
US-Senator Porter J. McCumber befragt 1919 den US-Präsidenten Woodrow Wilson über den Eintritt der USA in den Krieg am 6. April 1917 gegen Deutschland:
„Do you think if Germany had committed no act of war or no act of injustice against our citizens that we would have gotten into this war?“ / „Denken Sie, wenn Deutschland keinen Kriegsakt oder einen Akt der Ungerechtigkeit gegen unsere Bürger [Versenkung des englischen Schiffes Lusitania mit 128 toten US-Ameri-kanern] begangen hätte, wir in den Krieg eingetreten wären?“
Wilson: “I do think so.” / “Das denke ich.”
McCumber: “You think we would have gotten in any-way?” / „Sie denken wir wären so oder so in den Krieg eingetreten?“
Wilson: “I do.” / „Ja.“
Winston Churchill war immer darum bemüht, die Grö-ße Englands zu wahren und zu steigern. Er selbst sieht schließlich, wie sein Wille, die Vereinigten Staaten in den Krieg gegen Deutschland zu treiben, ihn zum Toten-gräber der britischen Weltmacht werden ließ. 1936 ver-sichert er in der Zeitschrift New York Enquirer:
»Der Eintritt Amerikas 1917 in den Krieg war ein unse-liger Schritt. Wäret ihr zuhause geblieben und hättet ihr euch um euere eigenen Geschäfte gekümmert, dann hätten wir im Frühjahr 1917 mit den Mittelmächten Frie-den geschlossen. Dadurch hätten wir das Leben von mehr als einer Million Engländer und Franzosen geret-tet.«
In einer Rede am 12. November 1917 vor einem Kreis amerikanischer Kaufleute und Industrieller erklärte US-Präsident Woodrow Wilson:
„Denken Sie daran, welches die Stellung Deutschlands in der Welt war, eine so beneidenswerte Stellung, die je eine Nation eingenommen hat. Die ganze Welt stand in Bewunderung seiner herrlichen geistigen und materiel-len Errungenschaften. Die Intellektuellen der ganzen Welt gingen bei ihm zur Schule.
…
Seine Gelehrten hatten seine Industrien zu den hervor-ragendsten der Welt gemacht, und die Aufschrift »made in Germany« gab die Gewähr für gute Arbeit und tadel-loses Material. Deutschland hatte Zutritt zu allen Märk-ten der Welt, und jede andere Nation, die auf jenen Märkten Handel trieb, fürchtete Deutschland wegen seines starken und fast unwiderstehlichen Wettbe-werbs.“
Am 21. Juni 1914 fordert der Reichsverband der deut-schen Presse auf seiner Delegiertenversammlung in Leipzig: »Der Reichsverband der deutschen Presse er-achtet den Ausbau des ausländischen Nachrichten-dienstes durch eine selbständige, rein deutsche Orga-nisation für eine dringende Notwendigkeit.«
Es gilt gegen die antideutsche britische Presseagentur Reuter eine eigene weltweite Nachrichtenagentur auf-zubauen. Das einzige deutsche Nachrichtenbüro ist Wolffs Telegraphenbureau, das am 27. November 1849 gegründet wurde. Wolffs Büro hat zwar auch eigene Vertreter in der Welt, bezieht aber eine Vielzahl von Nachrichten von ausländischen Nachrichtenagenturen, mit denen das Büro Verträge hat. Somit ist Wolffs Nach-richtenagentur nicht unabhängig in seiner Nachrichten-berichterstattung.
Die Londoner Times, das bestorientierte und mächtigste Blatt der Weltpolitik, bringt gleich nach Kriegsausbruch am 4. August 1914 Tag für Tag und Woche für Woche in Riesenlettern eine Artikelserie »The War on German Trade« / »Der Krieg gegen den deutschen Handel.«
Unter der Leitung der britischen Regierung wird eine Kommission von Industrie- und Handelsbaronen nach Deutschlands überseeischen Märkten gesandt, um die-se für England zu sichern, und es wird eine Sammlung deutscher Waren zur Ausstellung als Muster für engli-sche Fabrikate veranstaltet. Im März 1915 erklärt Pre-mierminister Asquith, “es sei eine Hauptaufgabe der britischen Politik gewesen, Deutschlands Handel zu ver-nichten.”
Eine äußerst erlogene und erstunkene Gräuelpropagan-da wird nun von England aus in der Welt über Deutsch-land verbreitet. Die Australier Richard Guillatt und Peter Hohnen schreiben in ihrem 2009 erschienenem Buch The Wolf:
»Das geheime Kriegspropagandabüro der englischen Regierung beschäftigte volkstümliche Schriftsteller wie John Buchan und Arthur Conan Doyle, um einen Strom von probritischen Geschichten und Artikeln herzustel-len, welche von Zeitungen veröffentlicht wurden… Die-se Geschichten von tapferem britischen Heroismus und unbeschreiblichen deutschen Ausschreitungen, oft geschmückt mit Karikaturen von monströsen deut-schen Soldaten, die geraubte Mädchen und tote Kinder über ihren Schultern tragen, bestritten viel von dem was als Kriegsreportagen durchging…
Im Jahre 1915 griffen in London, Liverpool und Man-chester randalierende Menschenmengen deutsche Ein-wanderer an, nachdem die Lusitania versenkt worden war und nach der Veröffentlichung eines Reports über vorgebliche deutsche Gräueltaten in Belgien, geschrie-ben vom ehemaligen britischen Diplomaten Viscount James Bryce. Die schockierenden Berichte im Report von Bryce über vergewaltigte Nonnen und gefolterte Kinder wurde später als von zweifelhafter Herkunft an-gesehen, aber der Haß den sie erzeugten dauerte Jahre an und inspirierte Herausgeber von Zeitungen anti-deutsche Kampagnen mit zügellosem Fremdenhaß zu führen. Ausgemachte Erfindungen – Geschichten von gekreuzigten alliierten Soldaten und von für Schmier-fett für Waffen ausgekochten Menschenkörpern – bekamen ebensoviele Zeitungsspalten wie tatsächliche deutsche Exzesse wie die Hinrichtung der britischen Krankenschwester Edith Cavell wegen Spionage.«
Soweit die Australier Richard Guillatt und Peter Hohnen.
In England tun sich besonders die schon vor dem Krieg deutschfeindlichen Blätter Times und Daily Mail mit Berichten über Kriegsgräuel hervor. Im London wird unter der Leitung des britischen Ex-Botschafters in den USA, Lord Bryce, eine sogenannte Untersuchungskom-mission gebildet, die die schlimmsten Verbrechen deut-scher Soldaten in Belgien erfindet. Der Bryce-Bericht er-scheint 1915 und hat eine ungeheuere Wirkung auf die Öffentlichkeit, nicht zuletzt in den USA. Als die belgische Regierung 1922 die Vorwürfe noch einmal untersuchen läßt, stellt sich heraus, daß keine der von der Bryce-Kommission genannten Fakten einer Überprüfung standhält. Auch die Gräuelpropaganda über eine deut-sche »Kadaververwertungsanstalt«, in der angeblich menschliche Leichen verwertet wurden, platzt nach dem Krieg. 1925 enthüllt die New York Times, daß ein hochrangiges Mitglied des britischen Geheimdienstes, Brigadegeneral John Charteris, für diese Desinformation verantwortlich war. Als Anfang 1917 William Shepard, ein Korrespondent der amerikanischen Agentur United Press, das ganze Lügengebäude zum Einsturz bringt, ist die erwünschte Wirkung längst eingetreten. Shepard reiste als neutraler Berichterstatter in den Kriegsjahren durch Belgien und konnte nicht den geringsten Hinweis auf deutsche Verbrechen finden – selbst gegen hohe Geldangebote für entsprechende Fotos nicht.
Der weltberühmte Asienforscher Sven Hedin schreibt in der schwedischen Tageszeitung Svenska Dagbladet vom 7. August 1926:
»Die Anklagen gegen die deutsche Kolonisation waren größtenteils erdichtet. Die Propaganda betrieb ihr Hand-werk ohne Rast und Ruhe.«
Der amerikanische Historiker William Roger Louis schreibt in seinem 1967 erschienenen Werk Great Britain and Germany’s Lost Colonies 1914-1919:
»Die Doktrin, der zufolge Deutschland eine schuldbela-dene, beispiellos brutale und grausame Kolonialmacht war, entstand erst während des Ersten Weltkriegs.«
Am Tanganjikasee bauen bei Kriegsbeginn im August 1914 rund 250 einheimische Arbeiter und 20 Inder aus der Eisenbahnwerkstatt Daressalam unter der Leitung weniger Deutscher das Fracht- und Passagierschiff Graf Goetzen wieder zusammen. Die 71 m lange Goetzen mit ihrer Vermessung von 790 BRT war von Deutschland in Einzelteilen über Schiffs- und Bahnfracht nach Kigoma transportiert worden. Infolge des Brandes eines Eisen-bahnwaggons auf dem Transport in Ostafrika war eine Schraubenwelle des Zweischraubendampfers verbogen. Die Schraubenwelle und alle noch benötigten Teile wer-den jetzt in Ostafrika nachgefertigt. Durch den Kriegs-ausbruch kommt auch die Querstapellaufanlage nicht mehr nach Ostafrika. So muß der Stapellauf improvisiert werden. Der Ingenieur Friedrich Hübener läßt vor der Werft ein Dock graben, in welches das Schiff allmählich hinabgelassen wird. Dann wird der Damm, der die Dockgrube vom See trennt, durchstoßen, worauf die Goetzen am 5. Februar 1915 aufschwimmt. Ende Mai 1915 ist das Schiff fertig. Die Probefahrten finden am 8. und 9. Juni 1915 statt und am 9. Juni erfolgt auch die In-dienststellung als bewaffneter Frachter.
Die hafentechnischen Einrichtungen von Kigoma, Werkstätten, Kräne, Kaianlagen, Hellinge, werden bis 1916 für den deutschen Schiffsbetrieb auf dem Tangan-jikasee immer weiter ausgebaut. Vom Indischen Ozean werden weitere Seefahrzeuge über die Bahn nach Kigo-ma gebracht. So liegt Mitte 1916 der 35 m lange 230 BRT-Dampfer Adjutant der Deutschen Ostafrika-Linie, auch über die Bahn in Einzelteilen vom Indischen Ozean herübergebracht, auf Stapel in Kigoma.
Der bereits begonnene Bau der Ruandabahn von Tabora zum Kageraknie zur unmittelbaren bahntechnischen Anbindung Ruandas an Daressalam – und somit an den Weltverkehr von einem deutschen Hafen aus, statt über das britische Mombasa – wird im Krieg, soweit das Gleismaterial reicht, weitergebaut. Es können zwar nur 40 Kilometer Strecke von Tabora Richtung Norden fertiggestellt werden, diese 40 Kilometer ersparen aber auf der Strecke Tabora-Muansa mit seinen umfangrei-chen Transporten zwei Tagesmärsche für Trägerkolon-nen und machen entsprechend Träger frei für andere Aufgaben.
Nach Kriegsbeginn laufen Landvermessungen für eine Bahn von der Tabora-Ruanda-Strecke ab nach Muansa am Viktoriasee, um den landwirtschaftlichen Überschuß des Bezirks Muansa in andere Gegenden der Kolonie fahren zu können.
Da keine Verbindungsstraße zwischen dem Norden mit der in Ost-West-Richtung verlaufenden Usambarabahn und der Mitte mit der ebenfalls in Ost-West-Richtung verlaufenden Zentralbahn besteht – im Frieden war die Verbindung der Seeverkehr entlang der Küste – wird eine Etappenstraße gebaut auf der Träger zwölf Tagen zwischen den beiden Bahnen brauchen. Durch den Bau einer handbetriebenen Verbindungsbahn – bis kein Gleismaterial von beschlagnahmten Kleinbahnen von Plantagen mehr vorhanden ist – kann die Trägerstrecke auf neun Tage verringert werden. Durch den Regenaus-fall im Norden Ende 1915 müssen im März/April 1916 – ausgerechnet mit Beginn der großen Regenzeit – außer den normalen Nachschubtransporten an Salz und Reis, beides im Norden grundsätzlich nicht vorhanden, Muni-tion und allem möglichen Militärbedarf der Truppe an der Nordfront auch noch über diese Etappenstraße von 20.000 zusätzlichen Trägern Lebensmittel von der Mittellandbahn nach Norden verfrachtet werden. Durch die starken Erkrankungszahlen bei diesen Transporten in der Regenzeit mit Lungenentzündung und Ruhr kommen schätzungsweise 2000 Träger ums Leben.
Die kartographische Erfassung und Erkundung der wei-ßen Flecken auf der Karte von Deutsch Ostafrika werden für die Schutztruppe und ihre Bedürfnisse an Karten und für ihre Lebensmittel- und insbesondere Wasser-versorgung im Lande auch im Krieg weitergeführt. Die weitere Erkundung des Landes für die Kriegswirtschaft und die Truppe führt zur Entdeckung von bis dahin für unfruchtbar gehaltenen Gebieten als fruchtbare Gegen-den. Grundsätzlich ist aber der Süden weniger erschlos-sen als der Norden und unfruchtbarer. So hat der Süden auch noch eine Anzahl weißer Flecken auf der Landkar-te.
Erst langsam kann der Etappendienst den Süden durch-dringen, bis die Verhältnisse im Straßenwesen und Transportdienst sich denen im Norden angleichen.
Bei der Mobilmachung im August 1914 werden die Trup-pen der Kolonie zunächst östlich von Daressalam, in Pu-gu, versammelt, wo auch das militärische Oberkom-mando seinen Sitz genommen hat. Auch die proviso-rische Telefonzentrale in Pugu muß natürlich die Lei-tungsverbindungen zwischen zwei Teilnehmern von Hand zusammenstöpseln.
Lettow-Vorbeck schreibt darüber: »Der Betrieb, den die-se ganze Tätigkeit der Mobilmachung mit sich brachte, hielt nicht nur uns, sondern auch die Eingeborenen am Telephon zu Pugu Tag und Nacht in Atem, und es war erstaunlich, mit welcher Gewandtheit hier und anders-wo der Eingeborene diese Apparate bediente. Seine gro-ße Begabung für Technik hat uns die wertvollsten Dien-ste geleistet.«
Besonders im Krieg ist der Heliograph wieder ein wich-tiges Nachrichtenmittel der Truppe bei dem vorwiegen-den Sonnenwetter in Ostafrika. Heliographenstationen sind schnell und einfach errichtet und dienen für die schnelle Übermittlung von Nachrichten zwischen den Truppenteilen. Bei einer unbehinderten Sicht können bis zu 100 Kilometer zwischen zwei Stationen über-brückt werden.
In Panikreaktionen sprengen die deutschen Behörden im August 1914 die Funkmasten von Bukoba und Dares-salam. In Daressalam fürchtet man landende britische Truppen könnten den Mast als Ausguck in die deut-schen Stellung landeinwärts von Daressalam nutzen. Als Ersatz für die hohen Funkmasten werden Erdantennen gebaut, die allerdings nur Funkmeldungen empfangen können. Diese Erdantennen sind aus Draht und auf ein bis zwei Meter hohen Pfosten etwa einen Kilometer lang in Richtung Nauen ausgerichtet aufgestellt.
Anfang August 1914 ist die Großfunkanlage für Deutsch Ostafrika an Bord des Frachters General, der sich bei Kreta befindet als er wegen der politischen Krisenlage nach Konstantinopel umgeleitet wird. Die Anlage wird dann in Damaskus aufgebaut – für den Funkverkehr nach Deutsch Ostafrika. Die Funkstelle Daressalam kann im August 1914 noch die Funksprüche aus Togo emp-fangen und nach der feindlichen Besetzung Togos noch bis Mitte 1915 Funksprüche aus Südwestafrika, bis auch Südwest besetzt ist. Unter günstigen atmosphärischen Bedingungen kann Daressalam auch Nauen empfangen. Nachts zwischen 1 bis 3 Uhr, wenn die Empfangsbedin-gungen am besten sind, sitzen die deutschen Funker am Gerät und tun ihr bestes, um die schwachen Signale aus Deutschland aufzunehmen.
Die einfache Antennenanlage, die als Erdantenne auf Pfosten nahe über dem Boden errichtet werden kann, ist selbst überall im Busch aufbaubar, sofern eine ein Kilo-meter lange Schneise für die Antenne in den Busch ge-schlagen werden kann und der Boden gut für die Erdung der Antenne ist. Bedauerlicherweise findet in Deutsch-land keine sinnvolle Auswahl der gesendeten Nach-richten statt, sodaß zuweilen vollkommen unwichtige Zeitungsmeldungen gesendet werden als für Ostafrika interessante und wichtige Meldungen. Dienstliche Nachrichten der Heimatbehörden an die Regierung von Deutsch Ostafrika werden äußerst selten gesendet. Immerhin kann man sich in Daressalam aus den Funk-nachrichten aus Nauen, und später auch von der Funk-anlage in Damaskus gesendete Meldungen, ein unge-fähres Bild über die Lage in Deutschland und der Welt machen, da man ansonsten nur auf erbeutete und ge-schmuggelte stark propagandistisch gefärbte englische Zeitungen angewiesen ist.
Nach dem Ausfall der Funkanlage in Daressalam kann die Leistung der Feldfunkstellen der Schutztruppe auch mit Hilfe der aus den Schiffen in Daressalam ausgebau-ten Funkanlagen soweit gesteigert werden, daß sie Nau-en und Damaskus empfangen können. In Tabora wird mit Hilfe von Funkgeräten der deutschen Handelsschif-fe in Daressalam eine Funkempfangsanlage aufgebaut, die insbesondere Feindfunk aus Belgisch Kongo auf-nimmt. Mit dem Eintreffen neuer Liebig-Röhren im März 1916 mit dem Blockadebrecher Marie verbessert sich die Funklage weiter.
Eine Hauptaufgabe der Funkstationen in der Kolonie im Krieg ist aber nicht das Empfangen von Nachrichten aus Deutschland, sondern das Abhören von Feindsendern. Chiffrierter Feindfunk kann aber meistenteils nicht ent-schlüsselt werden, da es im Schutzgebiet an Fachleuten dafür fehlt. Aus dem aufgefangenen Schiffsfunk und dem meist unverschlüsselten Funkverkehr Belgisch Kongos lassen sich trotzdem wichtige Schlüsse auf feindliche militärische Operationen gegen Deutsch Ostafrika erkennen.
Funk spielt auch eine wichtige Rolle als das Marine-Luftschiff L 59 am 21. November 1917 in Bulgarien mit 22 Mann Besatzung abhebt für einen Versorgungsflug nach Deutsch Ostafrika. Die Strecke von Bulgarien bis in den Süden der ostafrikanischen Kolonie Deutschlands be-trägt rund 6000 Kilometer. Das Luftschiff hat 50 Tonnen wertvollen Militärnachschubs aller Art an Bord und der Zeppelin selbst, der ein Leergewicht von gut 27 Tonnen hat, kann auseinandergenommen und restlos für die Zwecke der Kolonie und der Schutztruppe verwendet werden. So kann die Hülle des Zeppelins zu Uniformen und Zelten verarbeitet werden und aus dem Alumini-umgerippe kann ein Funkmast gebaut werden, für die Verwendung des Bordfunkgerätes, und einer der fünf Motoren des Luftschiffes kann für die Funkanlage den Strom liefern.
Die Engländer wissen von dem Flug und haben Jagdflug-zeuge in dem von ihnen besetzten Teil von Deutsch Ost-afrika stationiert. Gleichzeitig ist Lettow-Vorbeck mit seinen Truppen auf dem Marsch im Grenzland von Deutsch Ostafrika und Portugiesisch Ostafrika und schwer zu finden, sodaß man dem Luftschiff über Funk den Befehl gibt den Flug abzubrechen und zurückzu-kehren als es schon bei Khartum im Sudan steht und zwei Drittel des Weges nach Ostafrika hinter sich hat. Es ist der 23. November als der Zeppelin kehrt macht und am 25. November wieder in Jamboli in Bulgarien landet. Am 25. und 26. November kann Lettow-Vorbeck große Mengen an Vorräten in Portugiesisch Ostafrika erbeu-ten.
Die Verwaltung, die Gerichtsbarkeit und das Polizeiwe-sen bleiben auch im Krieg vollständig unter der zivilen Verwaltung des Gouvernements. Und so auch die Ver-waltung und Rechtssprechung der Eingeborenen. Im Unterschied für die Eingeborenenbevölkerung zur Frie-denszeit ist die Schutztruppe, deren eigentliche Aufgabe ja die Niederschlagung von Eingeborenenaufständen war, an die Front abgezogen und die Polizei durch Abga-be ihrer besten Einheiten an die Schutztruppe stark ver-mindert. Das eingeborene Verwaltungspersonal, die far-bigen Beamten, stellen jetzt die hauptsächliche Verwal-tung unter der durch Einziehung zur Truppe stark ver-minderten Zahl deutscher Beamter. Trotzdem kann die Kopfsteuer und die Hüttensteuer weiterhin ohne Schwierigkeiten eingezogen werden und im Kriegsjahr 1915 kann sogar ein Rekord an Steuereinnahmen ver-zeichnet werden, ohne daß die Steuern erhöht wurden. Das alles bei gleichzeitig erhöhten Anforderungen an die schwarze Bevölkerung durch die Gestellung von Trä-gern für die Kriegswirtschaft und für die Versorgung der Fronttruppen.
Eine fundamentale Änderung für die Askaris ist nun die Tatsache, daß sie jetzt auch gegen Weiße eingesetzt wer-den. Ist der Weiße an sich unantastbar, so ist er jetzt so-gar, sofern er zu den feindlichen Truppen gehört, zu er-schießen. Dies gilt für alle farbigen Truppen der krieg-führenden Mächte und untergräbt eindeutig die Stel-lung des weißen Mannes in Afrika im Krieg der Weißen gegen die Weißen.
Die Einheimische Bevölkerung nutzt nicht etwa den Krieg gegen Deutschland für einen Aufstand in der Ko-lonie. Selbst ein passiver Widerstand der schwarzen Be-völkerung würde das schnelle Ende der deutschen Herr-schaft bedeuten. Trotz des Abzuges der Truppen an die Fronten bleibt es völlig ruhig im Land. Selbst die Poli-zeitruppe wird zur Schutztruppe eingezogen und kann nun nicht mehr für die innere Sicherheit herangezogen werden. Schnell ausgehobene »Knüppel-Polizisten«, bloß mit einem Knüppel bewaffnete Polizisten, ersetzen die gut ausgebildeten und bewaffneten Polizei-Askaris. Und nicht nur die Truppen gehen an die Front und las-sen das Land ohne die übliche innere Sicherung, auch ein großer Teil der deutschen Verwaltungskräfte wird zur Truppe eingezogen und steht nun auch nicht mehr für die Aufrechterhaltung der Herrschaft im Lande zur Verfügung.
Gleichzeitig werden durch den Krieg an die schwarze Zivilbevölkerung große Lasten für den Straßenbau und den Transport gestellt, und doch gibt es nicht einmal kleine Revolten der Eingeborenen. Die einzige Unruhe-quelle im Krieg sind die Inder, die die einheimische afri-kanische Bevölkerung übervorteilen und sie so zum Haßobjekt der Schwarzen werden und Ausschreitungen gegen die Inder vorkommen.
Noch 1910-12 erwarteten der damalige Kommandeur der Schutztruppe von Ostafrika, Oberstleutnant Freiherr Kurt von Schleinitz, und Oberstleutnant Kurt Johannes, der im Stab der Schutztruppe seinen Dienst tat – beide langjährige Truppenangehörige, die noch bei der Nie-derschlagung von Aufständen in der Kolonie dabei wa-ren – mit großer Wahrscheinlichkeit im Kriegsfall den Ausbruch umfangreicher Eingeborenenaufstände. Das zeigt, wie sehr sich seit der Amtsübernahme von Gou-verneur Albrecht von Rechenberg 1906 mit seiner den Eingeborenen freundlich gesonnenen Politik die Ein-stellung der farbigen Bevölkerung zur deutschen Herr-schaft gewandelt hat. So wird aus der Residentur Bukoba Mitte August 1914 die 7. Kompanie der Schutztruppe abgezogen, weil man die Residentur gegenüber den Eng-ländern im benachbarten britischen Uganda für militä-risch unhaltbar hält, und so ist nun die Residentur mili-tärisch völlig schutzlos. Resident Willibald von Stuemer stellt aus bewaffneten Eingeborenen an der Grenze zu Uganda und an der Küste des Viktoriasees einen Beo-bachtungs- und Nachrichtendienst auf. Mitte September besetzen dann britische Truppen den äußersten Norden der Residentur und schicken eingeborene Hilfskrieger aus Uganda weiter ins Land, um Vieh und Lebensmittel zu stehlen. Die geplünderte einheimische Bevölkerung wendet sich an die Residentur um Hilfe. Daraufhin erbit-tet Stuemer vom Gouverneur in Daressalam 400 Ge-wehre und 40.000 Patronen zur Bewaffnung von Hilfs-kriegern. Aus dem Depot der Schutztruppe in Tabora wird ihm die erbetene Bewaffnung zugeschickt und der Resident rüstet eine improvisierte einheimische Truppe damit aus, die aber auch erst einmal ausgebildet werden muß. Als Führer für diese Truppe hat er nichts anderes aufzubieten als elf Deutsche, die bei Trassierungsarbei-ten für die Ruandabahn beschäftigt sind. Die Ruanda-bahn ist im Bau und verläuft von Tabora, an der Mittel-landbahn gelegen, nach Ruanda. Ihre Strecke führt auch durch den Süden von Bukoba. Dort arbeiten die elf Män-ner beim Bahnbau und werden in der zweiten Septem-berhälfte von Stuemer für seine Einheimischentruppe eingezogen.
Mitte Oktober 1914 dringen die Briten weiter in die Resi-dentur vor und Stuemer ruft am 18. Oktober den Land-sturm auf, noch wehrfähige ältere deutsche Männer. Britische Hilfskrieger vom Stamme der Waranga aus Uganda fallen über die von den Briten besetzte Zone hinaus noch weiter in Bukoba ein und können trotz Gegenwehr der einheimischen farbigen Bewohner der Residentur 7000 Rinder abtreiben. Mitte November kommen dann Verbände der Schutztruppe nach Bukoba zurück und können die bis Anfang November noch wei-ter vorgedrungenen Briten aus der Residentur hinaus-werfen. Hätte bei der prekären Lage die einheimische Bevölkerung und die Sultane gegen die deutsche Herr-schaft gestanden, die nach dem Abzug der Schutztruppe Mitte August sachlich nicht mehr vorhanden war, wäre die Residentur sofort gefallen. Im Gegenteil wurde die einheimische Bevölkerung von deutscher Seite bewaf-fnet und kämpft freiwillig auf deutscher Seite gegen den von Norden eindringenden Feind.
So hält der deutsche Oberkommandierende in Ostafri-ka, Paul von Lettow-Vorbeck, auch die beiden Residentu-ren im äußersten Nordwesten von Deutsch Ostafrika für militärisch unhaltbar und zieht bei Kriegsbeginn die Schutztruppenverbände aus Ruanda und Urundi ab. Der deutsche Befehlshaber in Ruanda, Hauptmann Max Wintgens, sieht die Lage anders und stellt aus der afri-kanischen Polizei in Ruanda eine Truppe von 80 Mann auf, mit der er sogar zum Angriff auf Belgisch Kongo ansetzt und die Insel Idschwi im Kiwu-See besetzt. Mit den dabei erbeuteten belgischen Waffen wird ein weite-rer Verband aus 100 Mann einheimischer Soldaten aus-gerüstet. Afrikanische Hilfskrieger werden rekrutiert und im Schnellverfahren zu Soldaten ausgebildet. Auch der König von Ruanda, Yuhi V. Musinga, zieht die Uni-form der deutschen Schutztruppe an und unterstützt die Verteidigung seiner Heimat gegen die Angriffe der Bri-ten und Belgier. Er stellt auch Krieger unter das Kom-mando des deutschen Befehlshabers. Zusätzlich melden sich Afrikaner freiwillig für den Dienst als Soldaten un-ter deutschem Kommando. Mit diesem zusammenge-würfelten Verband kann lange Zeit Ruanda und Urundi gehalten werden. Im Mai 1916 muß dann aber gegen die belgisch-britische Übermacht Ruanda geräumt werden. Auf einen militärischen Widerstand in Urundi ver-zichtet daraufhin die deutsche Führung und im Juni 1916 wird auch Urundi von den Belgiern besetzt. Die belgi-schen Kolonialtruppen machen sich in diesen und den noch darüber hinaus besetzten Gebieten Plünderungen, Vergewaltigungen und einer Vielzahl anderer Verbre-chen an der Zivilbevölkerung schuldig.
Es ist offensichtlich, daß die einheimische Bevölkerung in Deutsch Ostafrika mit der deutschen Herrschaft zu-frieden ist und sie durch ihre gewaltige Arbeitsleistung im Krieg unterstützt. Die über das Maß beanspruchten deutschen Truppen, die ja ihrerseits zu 90 % aus einhei-mischen Soldaten bestehen, hätten bei der tatsächli-chen Unterlegenheit von 10 : 1 gegen die Feindtruppen nicht jahrelang Krieg führen können, ohne die freiwil-lige Unterstützung der millionenstarken schwarzen Be-völkerung in Deutsch Ostafrika. Auch melden sich wäh-rend des Krieges immer genug Freiwillige für die Schutztruppe, um die personelle Kampfkraft der deut-schen Streitkräfte zu erhalten. Es könnten aus den Frei-willigen noch mehr Truppen aufgestellt werden, aber der Mangel an Waffen verhindert eine weitere Vergrö-ßerung der Askaritruppe. Selbst die Araber, die Feinde der Deutschen in den Kämpfen Ende der 1880er Jahre um die Vorherrschaft in Ostafrika, stellen ein mehrere hundert Mann starkes Freiwilligenkorps. Militärisch sind die Araber aber untauglich und der Verband wird nach einiger Zeit wieder aufgelöst, politisch aber hat der arabische Freiwilligenverband seine Wirkung bei der schwarzen Bevölkerung, deren alten Leute sich noch an den Haß der Araber auf die Deutschen erinnern können.
Im Gegensatz zur Loyalität der Bevölkerung zur deut-schen Herrschaft brechen in den Nachbarkolonien von Deutsch Ostafrika im Krieg Unruhen und Aufstände aus, die mit militärischer Gewalt niedergeschlagen werden. So 1915 im britischen Protektorat Njassaland. Ein auf-ständischer Häuptling in Njassaland bittet den Gouver-neur von Deutsch Ostafrika um Hilfe gegen die Englän-der, aber es kann keine Hilfe geschickt werden. Meh-rere Unruhen und Aufstände brechen in Belgisch Kongo und in Portugiesisch Ostafrika aus. Auch die Mawia bit-ten um deutsche Unterstützung bei ihrem Aufstand Mit-te 1917 in Portugiesisch Ostafrika und auch ihnen kann nicht geholfen werden.
Alle alltäglichen Gebrauchsartikel müssen nun in der Kolonie selbst gefertigt werden. Ohne einen industriel-len Hintergrund wie im Heimatland wird mit allen Mit-teln improvisiert, um doch brauchbare Gegenstände für die Bedürfnisse der weißen Bevölkerung herzustellen. Nur Artikel wie Uhren und Augengläser, für deren Ferti-gung Spezialisten und eine hochentwickelte Industrie notwendig sind, können mit den bescheidenen techni-schen Mitteln der Kolonie nicht hergestellt werden.
An Stoffen für die Bekleidung der schwarzen Bevölke-rung waren durch die Vorbereitung auf die Landesaus-stellung 1914 große Mengen in der Kolonie eingetroffen, werden aber gleich nach Kriegsbeginn hauptsächlich von den indischen Händlern gehortet und im Laufe der Jahre überteuert wieder verkauft. Für die Bekleidung der Europäer werden bald nach Kriegsbeginn auf An-ordnung des Gouverneurs mit im Lande gesponnenen Garn und gewebten Stoffen Versuche gemacht, die wi-der Erwarten gut ausfallen. Mit Ausnahme weniger Handspinnräder und Webstühle bei Indern gibt es in der Kolonie keine maschinelle Textilherstellung. Nur ein deutscher Laienbruder der Berliner Mission, ein Tischler, ist einigermaßen vertraut mit der Weberei und nun werden unter seiner Leitung mühselige und lang-wierige Versuche mit der Herstellung von Spinnrädern und Webstühlen unternommen. Schließlich können Spinnräder und Webstühle nach alter Art in den Hand-werkerschulen hergestellt und unter der Leitung von Regierungsbeamten in Betrieb genommen werden. Hauptsächlich Inder werden für den Betrieb der Hand-webstühle eingestellt und Schwarze, vielfach Schulkin-der, für die Spinnräder. Die schwarzen Arbeiter zeigen sich bald sehr geschickt im Bedienen der Gerätschaften. Eine Reihe staatlicher Textilherstellungsbetriebe wer-den mit den selbstgebauten Handwerksgeräten einge-richtet und produzieren Stoffe für den Bedarf der Kolo-nie.
Die Handweberei der Eingeborenen, die durch den Im-port von fertigen Stoffen fast ausgestorben war, wird wiederbelebt und bald können starke und brauchbare Stoffe gewebt werden, die auch zu Uniformen für die Truppe verarbeitet werden. Auch das Färben von Stoffen mit aus Rinden und Wurzeln gewonnenen Farbstoffen gelingt und ist besonders wichtig für das Färben der weißen Stoffe für die Militäruniformen in braun. Selbst Steppdecken mit Baumwollfüllung für Frauen und Kin-der werden in Handarbeit hergestellt. Doch Decken für die Schutztruppe können in großen Mengen nicht her-gestellt werden und der Mangel an Decken insbeson-dere in den Regenzeiten und in kalten Gebirgsregionen führt zu Erkrankungen und den Tod von Trägern.
Die Versorgung der Bevölkerung mit Kleidung kann mit handwerklichen Methoden nicht erreicht werden und so wird die Bekleidungslage immer dürftiger. Die mit der Marie im März 1916 eingetroffenen 15.000 Askari-uniformen, Europäerbekleidung und Stoffe sind trotz ih-rer Menge für den Bedarf der Kolonie nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Verlust von Gebieten der Kolo-nie seit März 1916 an die Gegner, wodurch auch textil-herstellende Betriebe verloren gehen, wirkt sich eben-falls ungünstig auf die Bekleidungslage aus.
Die unter Leitung eines Ingenieurs der Firma Krupp stehende Herstellung mechanischer Webstühle und Spinntechniken, und die Einrichtung ebensolcher me-chanisch arbeitender Betriebe, wird durch den feindli-chen Vormarsch in die Kolonie hinein verhindert.
Die Eingeborenen müssen notgedrungen von den schö-nen leichten importierten Stoffen zu den alten Lenden-schürzen und den harten Holzstoffen aus Baumrinde zurückgreifen. Die Regierung und die Schutztruppe ver-wendet schließlich beim Knappwerden von Bargeld die noch vorhandenen Reserven an Baumwollstoffen als Bezahlung und Belohnung für Schwarze im Dienste der Kolonie. Selbst für die Truppe, die durch den Buschkrieg einen enormen Verschleiß an Uniformen hat, wird sein Frühjahr 1917 der Bekleidungszustand immer schlechter und verbrauchte Militärbekleidung muß bis zum Kriegsende im November 1918 durch Uniform-Beute vom Gegner ersetzt werden.
Beim Schuhwerk fängt man erst an sich um Ersatz zu kümmern, als Schuhe und Stiefel knapp werden. Im Frieden war das Schuhzeug aus der Heimat mitgebracht worden oder wurde bei den in der Kolonie ansässigen europäischen Handelshäusern bestellt. Genug Schuh-macher, hauptsächlich unter den Goanesen und In-dern, gibt es in der Kolonie, doch ihnen fehlt der Roh-stoff für ihr Handwerk: Leder. Häute und Gerbstoffe gibt es im Überfluß, aber vom Beginn der Herstellung von Leder bis zum fertigen Schuh vergeht ein Jahr. Haupt-sächlich der Prozeß des Gerbens ist langwierig. So wer-den Gerbereien aus dem Boden gestampft und bei der Unerfahrenheit in der Verarbeitung von Häuten zu Leder wird natürlich auch manches Lehrgeld bezahlt. So entsteht ein Mangel an Schuhen und Stiefeln selbst bei der Armee, die natürlich vorrangig beliefert wird. Bei der Ankunft der Marie im März 1916 kann für die Schutztruppe und die weiße Bevölkerung das Problem gelöst werden, denn das Schiff hat große Mengen her-vorragender Stiefel aller Größen mitgebracht.
Ein anderes Problem der Fußbekleidung wird von den deutschen Frauen der Kolonie gelöst: Strümpfe. Insbe-sondere beim Marschieren sind Strümpfe in den Stie-feln für die Truppe unerläßlich. Durch den großen Vor-rat an indischer Wolle in der Kolonie haben die Strümp-fe strickenden Mädchen und Damen keinen Mangel an Rohmaterial für ihre Werke. Da die Inder mit künstli-chen Farbstoffen gefärbte Wolle importierten, sehen die Strümpfe auch entsprechend aus und färben beim Tragen stark ab. Die gewaltigen Marschleistungen der deutschen Truppen im Buschkrieg, insbesondere im Bewegungskrieg seit 1916, wären wohl ohne die Strümp-fe nicht zu bewältigen.
Die deutschen Frauen in der Kolonie richten Komitees ein für die verschiedenen Aufgaben, die sie bewältigen können. So werden die Lazarette von ihnen eingerich-tet. Weitere Arbeitsbereiche der Komitees sind die Hinterbliebenenfürsorge, das Sammeln von allen mögli-chen Gebrauchsutensilien für die Soldaten an der Front, die sogenannten »Liebesgaben«, die Anfertigung von Khakihemden für die Truppe und eben das Stricken von Strümpfen für die Soldaten. Stricken hatten die meisten Damen längst aufgegeben und nun wird zuerst mit selbstgefertigten Holznadeln gestrickt und dann mit Stahlnadeln, die von den Eisenbahnwerkstätten gelie-fert werden. Die Damen sammeln auch bedeutende Summen etwa für die Hinterbliebenenfürsorge.
Petroleum als Leuchtmittel und Benzin für die wenigen Motorfahrzeuge der Kolonie wurde im Frieden einge-führt und so wird alles Benzin bei Kriegsbeginn für die Fahrzeuge der Schutztruppe beschlagnahmt. Mitte 1916 gelingt es in Morogoro eine Anlage in Betrieb zu neh-men, die einen Petroleum- und Benzinersatz herstellt, dessen Namen »Treböl« von der Regierung unter Mar-kenschutz gestellt wird. Um Erfindungen in der Kolonie in der Kriegszeit für die spätere Anmeldung als Patent beim Reichspatentamt in Berlin zu schützen werden vom Gouverneur eingereichte Patente durch Verord-nung unter Schutz gestellt.
Ersatzreifen für die Kraftfahrzeuge aus Kautschuk er-weisen sich als haltbarer als die ursprünglichen Pneus. Als Leuchtmittelersatz werden in großen Mengen Ker-zen hergestellt. Bienenwachs wurde im Frieden expor-tiert und steht nun für die Kerzenherstellung zur Ver-fügung. Die Einheimischen greifen als Leuchtmittel auf Palmöl und Kokosöl zurück. Auch Seife kann mit den Rohstoffen der Kolonie in genügender Menge herge-stellt werden. Als das importierte Ätznatron für die Sei-fenfabriken der Friedenszeit in Daressalam zu Ende geht wird in mühseligen langen Märschen vom Natronsee im Bezirk Aruscha Ersatz herbeigeschafft. Die Einheimi-schen müssen allerdings wieder auf Reinigungsmittel zurückgreifen die sie vor der Einführung der Seife be-nutzten. Zahnbürsten werden aus Knochen und Borsten von Schweinen und Maultieren fabriziert. Gewaltige Mengen von Körben und Säcken aus Rindenstoffen und Gräsern werden hergestellt, hauptsächlich für die Trag-lasten der Trägerkolonnen.
Da die Mühlsteine für das Mahlen von Korn sich abnut-zen, nicht durch neue aus Europa ersetzt werden kön-nen und nur umständlich einige mit eigenen Mittel her-gestellt werden können, wird auf das üblich Stampfen des Korns im Mörser durch die schwarzen Frauen zu-rückgegriffen. Eine nicht zu umgehende zusätzliche Ar-beitsbelastung für die Frauen.
Die Eisenbahnwerkstätten sind ein technisches Rückrat der Kolonie und die größte Werkstattanlage Deutsch Ostafrikas ist die Kriegsmarinewerft in Daressalam. Es gibt nur sehr wenig technisches Fachpersonal in der Kolonie für den Aufbau der notwendigen Industrien für die Selbstversorgung, sodaß der Einsatz von etwa 400 Mann technischem Personal der durch den Krieg in Deutsch Ostafrika festliegenden Kriegs- und Handels-schiffe in der Armee und in der Wirtschaft eine große Bedeutung zukommt. Dieses Maschinenpersonal der Schiffe bildet dann auch weitere schwarze Kräfte in ihren Fachgebieten aus.
Ein weiteres Problem ist der schwindende Bestand an Münzgeld. Die Münzgeldprägung für Ostafrika erfolgt in Deutschland und so geht durch natürlichen Verlust, und hauptsächlich durch Hortung, immer mehr Münzgeld dem Geldkreislauf verloren. Leider hat man auch ver-säumt, die noch in Deutschland lagernden Hartgeldbe-stände für Ostafrika dem Blockadebrecher Marie mitzu-geben. Um der Geldknappheit ein Ende zu machen wer-den seit Ende 1915 in der Kolonie Banknoten gedruckt, und besonders auch viele kleinwertige Banknoten, um das Münzgeld damit ersetzen zu können. Die Notenpres-se arbeitet auf Hochtouren, kommt aber mit der Nach-frage nach Geld kaum nach, und auch die Papierqualität der Banknoten nimmt nach dem Ende der Friedensbe-stände an Papier ab. Dazu drucken die Briten die Noten nach, schmuggeln sie mit Dhaus über Sansibar ins Land, um die deutsche Wirtschaft zu unterminieren, was das Vertrauen der Schwarzen in das Papiergeld schwächt und, sie wenn möglich, nur noch Münzgeld und Stoffe als Bezahlung annehmen. Der Prozeß führt zu einer Inflation an der Küste und zur Rückkehr zum Tausch-handel. Zur Sicherung des neugedruckten Papiergeldes gegen Fälschung greift man zu einer ungewöhnlichen Methode: Bei der von Daressalam nach Tabora verleg-ten Deutsch-Ostafrikanischen Bank wird jede einzelne Banknote von je zwei Bankbevollmächtigten mit Tinte unterzeichnet, bis man ein Druckverfahren findet, das fälschungssicher scheint und bei dem die Unterschrif-ten gleich mitgedruckt werden.
Ein weiteres Problem sind die Inlandstämme, die noch kaum vom Tauschhandel zum Geldverkehr gekommen sind, und selbst Silbermünzen nur ungern annehmen. Ihnen Papiergeld, das sie meist noch gar nicht kennen, von den Aufkäufern von Lebensmitteln und Vieh anzu-bieten ist schlechterdings unmöglich. Durch die Kopf- und Hüttensteuer kommt zwar viel Münzgeld in die staatlichen Kassen, aber der Münzgeldbestand an sich verringert sich durch besagte Gründe.
Um dem Problem abzuhelfen, wird seit 1916 in einer mit selbstgefertigten Maschinen ausgestatteten Münze im Gebäude der Eisenbahnwerkstatt von Tabora Hartgeld hergestellt. Aus Messing werden über 1,6 Millionen 20-Hellerstücke und etwa 300.000 5-Hellerstücke geprägt und aus dem im Lande gewonnenen Gold werden Mün-zen im Wert von 15 Rupien hergestellt. Für diese 15-Rupien-Goldmünzen fertigte ein singhalesischer Gold-arbeiter aus Sansibar, »der besonders sorgfältig arbei-tete, wenn er unter Alkohol stand«, die Stempel an. Die wohlgelungene Ziselierung der Goldmünze zeigt auf der Vorderseite den Reichsadler und auf der Rückseite ei-nen trompetenden Elefanten vor dem Kilimandscharo. Zum Prägen dient eine kleine hydraulische Handpresse. Als diese schließlich ihren Dienst versagt, wird die Prä-gung in dem 25 km entfernten Lulanguru auf einer we-sentlich stärkeren Ölpresse fortgesetzt. Im abschließen-den Arbeitsschritt polieren die Münzarbeiter die Gold-stücke mit Messingbürsten in einem aus Früchten des tropischen Seifenbaumes hergestellten Seifenwasser auf Hochglanz. Die Prägeleistung liegt bei 200 Münzen am Tag. Gold für die Prägung von einer Million Münzen ist vorhanden. Die Münzen haben den besten Ruf und werden von den Regierungskassen nur an Deutsche ver-ausgabt, damit die Inder sie nicht in die Hände bekom-men und sie sofort als goldene Reserve aus dem Ge-schäftsverkehr ziehen.