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Spanisch Muni

Während der Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich anläßlich der zweiten Marokkokrise wird im Sommer 1911 vom deutschen Außenminister Alfred von Kiderlen-Waechter Wert darauf gelegt, daß bei der Festlegung der deutsch-französischen Grenze in Westafrika der Grenzverlauf südlich der spanischen Ko-lonie Muni liegt, weil die »Umklammerung der spani-schen Kolonie Rio Muni von Bedeutung ist«, wie Kider-len am 11. August 1911 schreibt. Durch die »Umklam-merung« wäre Muni bis auf seine Meeresseite voll-ständig von deutschem Gebiet umgeben und für die geplante deutsche Übernahme wirtschaftlich und poli-tisch einfacher ›einzukassieren‹.

Durch den Marokkovertrag vom November 1911 zwi-schen Frankreich und Deutschland kommt es wie von Kiderlen gewollt und Muni ist vollständig von der Ko-lonie Kamerun umgeben. Außerdem überträgt Frank-reich sein Vorkaufsrecht auf die spanische Kolonie vom Juni 1900 an Deutschland. Das Vorkaufsrecht beinhaltet das festländische Muni mit 26.000 qkm, die vor der Küs-te liegenden Inseln Corisco mit 14 qkm und die Große (Elobey Grande) und die Kleine Elobey-Insel (Elobey Chico) mit zusammen 2 qkm.

Das Hinterland von Muni ist nicht von der spanischen Kolonialverwaltung unterworfen und die Kautschukbe-stände im Hinterland werden von Kamerun aus ausge-beutet. In den drei Häfen Bata, Benito und Klein Elobey hat sich ein lebhafter Handelsverkehr entwickelt, der zum weitaus größten Teil in den Händen des Hamburger Hauses Woermann liegt, zu einem kleineren Teil in englischen Händen. Spanien ist fast überhaupt nicht an der wirtschaftlichen Nutzung von Muni beteiligt. Die Ausfuhr besteht hauptsächlich aus Palmkernen, Palmöl, Kautschuk, Elfenbein, Rotholz, Mahagoni und anderen wertvollen Holzarten.

Das zur Westafrikanischen Station der Marine gehörige Kanonenboot SMS Eber verläßt nach einem Werftauf-enthalt Ende Juni 1913 Wilhelmshaven wieder mit ei-nem Vermessungs-Detachment an Bord für Vermes-sungen des Golfs von Guinea. Dazu gehört nicht zufällig auch die Vermessung der Küste von Muni, wofür eine Sondererlaubnis der spanischen Regierung eingeholt wurde.

1913 ist auch der wirtschaftspolitische Referent von Ka-merun im Grenzgebiet gegen Spanisch Muni unterwegs und eine deutsche Expedition erkundet 1913 das Hinter-land von Muni.

Das vollständig von der Kolonie Kamerun umgebene Land ist nach der Tatsachenlage Teil der deutschen Kolonialwirtschaft.

Das jährliche staatliche Defizit Spaniens durch den Be-sitz von Spanisch Guinea beträgt 1½ bis 2 Millionen Mark. Es ist abzusehen, daß Deutschland Muni vom ar-men Spanien, wie 1899 die spanischen Inseln im Pazifik, kaufen wird. Von deutscher Seite ist bereits der Verwal-tungsbezirk Muni eingerichtet, der zunächst die südlich vom spanischen Muni liegenden deutschen Gebiete ver-waltet.

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Schlußbetrachtung

Der französische Historiker Robert Cornevin benannte das 5. Kapitel seines Werkes Geschichte der deutschen Kolonisation »Die Wende um 1907 und das goldene Zeitalter der deutschen Kolonisation«.

Getragen wird »das goldene Zeitalter« des deutschen Kolonialreiches von der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands bei gleichzeitiger Wohlfahrt für das Volk. Tausende von Kilometern Eisenbahnen und Straßen werden in den deutschen Kolonien gebaut, Häfen und Städte angelegt, Schulen und Krankenhäuser hochge-zogen. Eine Infrastruktur, die die Grundlagen bildet für die heutigen Staaten, die ehemals deutsche Kolonien waren.

Es werden gewaltige Fortschritte im Schulwesen und der Gesundheitsvorsorge in den deutschen Kolonien erzielt. So sterben beim Bau der 1252 Kilometer langen Mittellandbahn in Deutsch Ostafrika, die vom Indischen Ozean zum Tanganjikasee führt, von den vielen tausend Arbeitern, die nur noch auf freiwilliger Basis beschäftigt wurden, 1,6 % der schwarzen Arbeiterschaft und 1,7 % der Weißen. Noch nie war eine Eisenbahn in Kolonien europäischer Mächte mit so wenig Menschenverlusten erbaut worden.

Die von Bernhard Dernburg – seit September 1906 in der Reichsregierung verantwortlich für die Kolonien – be-sonders geförderte wirtschaftliche und wissenschaft-liche Herangehensweise an die Entwicklung der Schutz-gebiete, der schnelle Ausbau von Bahnen und Straßen für die wirtschaftliche Erschließung der Kolonien, die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion, insbe-sondere auch für den Bedarf in Deutschland, die syste-matische Bekämpfung von Tropenkrankheiten und die Hebung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der ein-heimischen Bevölkerungen tragen Früchte.

Der US-Amerikaner und Afrikareisende F. A. Forbes schreibt 1911 in der englischen Review of Reviews:

»Von allen Schutzherren in Afrika hat der Deutsche die reinsten Hände und die besten Aussichten.«

Der US-Historiker Herbert Adam Gibsons schreibt 1916, »daß von allen europäischen Kolonialmächten nur Großbritannien so viel Menschlichkeit und Idealismus bewiesen hat wie Deutschland bei der Errichtung und Aufrechterhaltung einer gerechten und aufgeklärten Kolonialherrschaft.«

Der Brite Harry Rudin schreibt nach dem Ersten Weltkrieg über die von den Deutschen durchgeführte »wissenschaftliche Kolonisierung«:

»Das intelligente Verfahren, mit dem Deutschland ver-suchte, das Beste aus seinen Kolonien zu machen, gab Außenstehenden, die sich damit vertraut machten, An-laß zu höchster Anerkennung.«

Auch dem Reichstag kommt ein großes Verdienst für die Verbesserung der sozialen Lage der Bevölkerungen in den deutschen Kolonien zu. Wie in keinem anderen Land mit Kolonien werden von Abgeordneten der deut-schen Volksversammlung immer wieder die sozialen Zu-stände in den Kolonien unter die Lupe genommen und angeprangert und durch die öffentliche Aufmerksam-keit wurden Änderungen in den Verhältnissen in den überseeischen Territorien Deutschlands erreicht.


Man kann den Beginn der Blütezeit des deutschen Kolonialreiches seit der Gründung des Kolonialwirt-schaftlichen Komitees 1896, seit der Jahrhundertwende, als fünfte Phase der Entwicklung der deutschen Schutz-gebiete ansehen, den Beginn der wissenschaftlich-wirtschaftlichen Nutzung der Kolonien, die als Ergebnis der Kolonialkriege in Südwestafrika und Ostafrika 1904/05 in die sechste Phase, die durchdachte politische und wirtschaftliche Entwicklung der Kolonien, mündet. In dieser sechsten Phase beginnt die siebte Phase und die achte Phase, die finanzielle Unabhängigkeit der Kolonien und die Selbstverwaltung der Kolonien be-ginnend mit der 1909 in Südwestafrika eingeführten Kommunalverwaltung und der steigenden Bedeutung des Landesrates des Schutzgebietes Deutsch Südwest-afrika. Erst die finanzielle Unabhängigkeit vom Reich läßt die beginnende Selbstverwaltung der Kolonien zu, welche bei einer weiteren Finanzierung von Berlin nicht möglich gewesen wäre, da Reichstag und Regierung auf einer Verwaltung durch das Reich bestanden hätten, solange sie auch für die Kolonien zahlen.

Und auch die neunte Phase, die Entkolonisierung, hat mit der Ausbildung von Eingeborenen für den Beamten-dienst begonnen. Die Bildung von Eingeborenen ist auch der Beginn ihres Erkenntnisprozesses Untertanen in ei-nem Land zu sein dessen Herrscher kulturell und ras-sisch fremd und verbunden mit der Herrschaft in einem fernen Land sind, von wo aus ihre Geschicke gelenkt werden. Ihre von den Weißen vermittelte Ausbildung gibt ihnen das geistige Mittel der Befreiung aus der Kolonialherrschaft in die Hand. Sehen diese von Wei-ßen gebildeten Einheimischen zunächst ihre Stammes-zugehörigkeit als Nationalität, so ändert sich ihre Sicht-weise durch den Dienst in der Kolonie auch auf diese als ihre neue Nationalität und es geht ihnen um die Befrei-ung der Kolonie, ihrer Heimat, aus der Kolonialherr-schaft der Fremden.

Weder den Weißen noch den Farbigen ist bei dem Pro-zeß der Heranbildung einer farbigen Verwaltungs-schicht, die billiger den Dienst verrichten soll als eben die viel kostspieligeren weißen Verwaltungsbeamten, diese damit stattfindende automatische Nationalisie-rung dieser neugeschaffenen farbigen Führungsschicht bewußt.

Die deutsche wissenschaftlich-wirtschaftliche Entwick-lung von Kolonien ist ein Erfolgsmodell und ohne den von Rothschild und Konsorten gemachten Ersten Welt-krieg und die Nachfolgekriege wäre ohne Zweifel auch die Zukunft der deutsche Kolonien, des deutschen Kolo-nialreiches, gesichert gewesen und das Leben aller sei-ner Bewohner, ob schwarz, farbig oder weiß. Und ich hege keinen Zweifel an einem geordneten, weitgehend gewaltfreien Übergang der deutschen Kolonien in die Selbstverwaltung durch ihre jeweilige einheimische Bevölkerung.

Der vom deutschen Volk gewählte deutsche Reichstag wäre der Garant für diese Lösung der Entkolonisierung gewesen.      

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Ein Vergleich der Kolonialmächte

Interessant ist ein Vergleich der Lektüre der Kolonial-beamten aller Kolonialmächte in den Kolonien. Selbiges läßt den Intelligenzunterschied zwischen den kolonialen Beamten in den Kolonien zwischen den verschiedenen Kolonialnationen erkennen. Soweit feststellbar ist das Niveau der deutschen Kolonialbeamten und Militärs am höchsten. Die von ihnen gelesene Lektüre bewegt sich bis in den obersten Bereich schriftstellerischer Werke. Goethe, Schiller, Geschichte, Philosophen, antike Klassi-ker und ähnliche Schriften gehören zu den gelesenen Büchern der deutschen Kolonialbeamten. In den briti-schen Kolonien läßt die Qualität der gelesenen Werke schon deutlich nach und Kriminalromane und ähnliche Lektüre bilden den Hauptteil des gelesenen Schrift-tums. Bei den Portugiesen sieht es in dieser Hinsicht sehr düster aus. Man kann nur von billiger Schundlite-ratur sprechen, die in den portugiesischen Kolonien von den Regierungsangestellten gelesen wird. Ausnahmen bestätigen da nur die Regel.

Ein Vergleich des Bildungsstandards der Bevölkerungen Deutschlands, Englands, Frankreichs und Portugals um 1900 ist dabei auch nicht zu vergessen. Die Lesekundi-gen in der erwachsenen deutschen Bevölkerung sind gegen 100 %. In England bei 75 %, in Frankreich 90 %, in Portugal bei 20 %. Das Bildungsniveau ist auf Grund der breiten schulischen und universitären Ausbildung der deutschen Bevölkerung in Deutschland eindeutig am höchsten, dann kommen Frankreich und England und Portugal ist weit abgeschlagen in der Ausbildung der eigenen Bevölkerung.

Diese Ausbildungslage der Bevölkerung spiegelt sich in der Verwaltung der Kolonien wieder. Je höher der Bil-dungsgrad und die Intelligenz der in die Kolonien ent-sandten Kräfte desto besser ist auch die Verwaltung und wirtschaftliche Nutzung der Kolonien. Wichtig ist auch die geistige Einstellung der Kolonialbeamten. Ist in England eine Kosten-Nutzen-Kalkulation und das Motto „Right or wrong my country“, welches eben auch ganz einfach offensichtliche Verbrechen deckt, siehe den Burenkrieg 1899-1902, ausschlaggebend, so ist die deut-sche Kolonialverwaltung aus den Fehlern der 1880er und 1890er Jahre zu einer leistungsfähigen, den jewei-ligen Verhältnissen vor Ort angepaßten Organisation geworden, die mit einem humanistischen Hintergrund arbeitet, auf Grund der geistigen Ausbildung der deut-schen Oberschicht.

Das heißt nun nicht, daß in der deutschen Kolonialver-waltung alles zum Besten stände, aber verhältnismäßig reicht nur die britische Verwaltung an die deutsche he-ran. In der französischen Kolonialverwaltung ist der ein-zelne Beamte wesentlich mehr auf persönlichen Ge-winn aus und infolgedessen oft korrupt, während die englische und deutsche Verwaltung von Korruption nicht betroffen sind. Für französische Kolonialbeamte ist es völlig selbstverständlich kleine oder größere Ne-bengeschäfte zu betreiben, legal oder illegal. Die portu-giesische Kolonialverwaltung dagegen fällt vollkommen durch und nur einzelne Beamte fallen positiv auf.

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Der deutsche Kolonialismus

Begonnen hat der deutsche Kolonialismus als Handel von Reedern deutscher Seestädte mit Schwarzafrika in den 1830er Jahren. Schließlich wurden zum Schutz des deutschen Handels seit Ende der 1870er Jahre vom Deutschen Reich Kolonien genommen.

Der französische Historiker Robert Cornevin schrieb in seinem Buch Geschichte der deutschen Kolonisation (Wobei sich Cornevin auf die Zeit der Mitte der 1880er Jahre – der Zeit der großen deutschen Kolonialnahme – als Beginn für »die ersten zwanzig Jahre« bezieht):

»Sicher, die ersten zwanzig Jahre der deutschen Koloni-sation waren durch Fehler gekennzeichnet, aber im gan-zen gesehen erlaubte die lange Regierungszeit der Gou-verneure und Verwalter ihre Länder richtig kennenzu-lernen. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges befand sich das deutsche Kolonialreich in vollem Aufschwung.«

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Das ganze Kolonialreich

Hatte die siebte Phase im zeitlichen Ablauf des deut-schen Kolonialreiches eingesetzt, die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Kolonien vom Mutterland Deutsch-land, und damit als achte Phase, die beginnende Über-nahme der politischen Macht von der Reichsverwaltung in die Hände der deutschen Bevölkerung in den Schutz-gebieten, so hat auch schon die neunte und letzte Phase, das Ende der Kolonialzeit, mit der Ausbildung von Ein-heimischen im Staatsdienst, begonnen.

Diese farbige westlich ausgebildete Beamtenschaft wird zusammen mit erfolgreichen, nationalistisch gestimm-ten einheimischen Geschäftsleuten die geistige Bewe-gung für die Unabhängigkeit ihres jeweiligen kolonialen Staatswesens von Deutschland bilden. Sie werden so-wohl die intellektuelle Protestbewegung gegen die Kolo-nialherrschaft führen und – nachdem das Wahlrecht auch für die einheimische Bevölkerung in den Kolonien vom Reich gewährt ist als letztem Schritt der Entkolo-nisation – auch die Führer der unabhängig gewordenen Staaten sein.

Ein weiterer Gesichtspunkt ist unbedingt zu erwähnen, über den uns das Deutsche Kolonial-Lexikon 1914 be-lehrt:

»Zeitungen in Eingeborenensprachen erscheinen in sämtlichen deutschen Schutzgebieten und zwar, soweit bekannt geworden ist, in Deutsch-Ostafrika 5, Kamerun 2, Togo 2, Deutsch-Südwestafrika 2, Deutsch-Neuguinea 2, Samoa 6 und Kiautschou 7. Sie werden zum größten Teile von Missionsgesellschaften herausgegeben.«

Eine lese- und schreibkundige Bevölkerungsschicht ist also in allen deutschen Kolonien entstanden und sicher wird das Medium Zeitung auch eine Grundlage zur Ver-breitung von freiheitlichen Vorstellungen der farbigen Führungsschicht bieten, auch wenn von deutscher Seite in den Kolonien versucht werden wird, diese Art der Meinungsäußerung unter den Farbigen zu bekämpfen, so wird doch der Reichstag in Berlin die freie Meinungs-äußerung wie sie auch in Deutschland besteht ebenso für die »Schutzbefohlenen« in den Kolonien durchset-zen.

Der einsetzende wachsende Wohlstand der Eingebo-renen bringt auch wachsendes Selbstbewußtsein und wachsende Ansprüche auf politische Mitsprache. Sicht-bar ist der wachsende Wohlstand der Einheimischen in den erstaunlich ansteigenden Zahlen der farbigen Eisenbahnnfahrer in den deutschen Kolonien in Afrika, wo bereits nicht nur die dritte Klasse genutzt wird, sondern schon die Hälfte der Fahrgäste der zweiten Klasse Farbige sind. Die Benutzung der Ersten Klasse ist ihnen einstweilen noch verboten, aber schätzungsweise in den 20er Jahren wird dieses Verbot wohl kippen.

Als am 7. Juni 1893 ein Inder im britischen Südafrika die Erste Klasse in einem Zug benutzen will wird er raus-geworfen. Später sagt dieser Inder:

„My active non-violence began from that date.“

Der Inder hieß übrigens Mahatma Gandhi.

Nach dem Recht der Benutzung der Ersten Klasse in Zü-gen wird sicher – nach vielen Auseinandersetzungen – das Wahlrecht für die Einheimischen stufenweise (Stadt, Bezirk, Kolonie) in ihrem jeweiligen Schutzge-biet folgen – mit dem natürlich die Erlaubnis der Bil-dung von Parteien einhergeht – und eine von der Masse der Einheimischen gewählte einheimische Regierung wird ans Ruder kommen. Ein friedlicher Übergang von der Kolonialherrschaft in die Selbständigkeit. Der Zeit-rahmen für den Übergang der deutschen Kolonien in ihre Unabhängigkeit ist bei einer normalen, friedlichen Entwicklung der Welt zwischen 1940 und 1950 zu er-warten. 


Bekanntlich war die Dekolonialisierung im 20. Jahrhun-dert meistenteils eine blutige Angelegenheit, die zum Teil schon vor dem Ersten Weltkrieg einsetzte wie etwa in Südafrika, in den 20er und 30er Jahren Fahrt aufnahm und nach dem Zweiten Weltkrieg auch mit aller Waf-fengewalt von den Kolonialmächten nicht mehr zu stop-pen war. Es war ein Befreiungskampf der Völker in den Kolonien der europäischen Mächte gegen ihre Unter-drücker und Ausbeuter, massiv unterstützt durch die Sowjetunion und die DDR. So hatte auf merkwürdige Weise ein Teil Deutschlands seinen Anteil an der Befrei-ung der Kolonien.

So ist es auch interessant zu sehen wie sich im Gegen-satz zum britischen, französischen, portugiesischen, spanischen, niederländischen und belgischen Kolonial-reich sich das deutsche Kolonialreich weiterentwickelt und schließlich entkolonisiert hätte. Durchaus wäre es nicht zu den gleichen gewaltsamen Befreiungskriegen der Völker unter deutscher Herrschaft gekommen als es in den Kolonien der anderen Kolonialmächte ge-schah, da in den zehn Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland eine Kolonialpolitik einsetzte, die eine völlig andere Entwicklungslinie aufzeigt.

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Südwestafrika I

Das SWAPO-Mitglied Andreas Shipanga erklärt 1982 im Hearing eines amerikanischen Senatsausschusses, daß er und einige Mitstreiter in den 60er Jahren ver-suchten Unterstützung für den Befreiungskampf seines Landes gegen Südafrika zu gewinnen indem sie in Daressalam die Botschaften der westlichen Länder, der westlichen Demokratien, besuchten, um die Hilfe dieser Staaten zu bekommen. Shipanga:

»Wir glaubten wirklich, daß es möglich wäre, die west-lichen Demokratien davon zu überzeugen, daß unser Selbstbestimmungsrecht und unser Kampf gegen süd-afrikanische Herrschaft eine edle Sache ist, gerecht und ihrer Unterstützung wert.

Als ich zum ersten Mal 1966 nach London und Paris reiste, um unseren Fall den Außenministerien dieser Länder zu unterbreiten, war es noch schlimmer. Die Propaganda-Abteilung der südafrikanischen Regierung hatte ihre Hausaufgaben ernst genommen: Kein Schwarzer, der von Unterdrückung und Ungerechtigkeit redet, ist sein eigener Mann – hinter ihm müssen die Russen stecken. So sagten sie, und der Westen stimmte zu.

Am Ende waren es nicht die Sowjets oder Ostdeutschen (Kuba hatte um diese Zeit keine Botschaft in Dares-salam), welche die Initiative ergriffen, mit uns Kontakt aufzunehmen. Wir taten den ersten Schritt. Wir baten sie um Unterstützung, hauptsächlich materielle, aber auch diplomatische…«

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Kamerun I

Franz Ansprenger, der die politische Geschichte Afrikas erforscht hat, schrieb über einen Besuch im Jahre 1959 in Duala:

»In einer Stadt, die mir damals schon im Ganzen schäbig vorkam, stand ich plötzlich vor einem piekfein heraus-geputzten Haus. Es gehörte einem Geschäftsmann, der sich damals (heute wissen wir, erfolglos) um politischen Einfluß bemühte. Ich fragte meinen Begleiter wie kann dieser Mann hoffen, unter den ärmlichen Leuten hier in Duala Anhänger, Wähler zu finden, wenn er seinen Reichtum zur Schau stellt, also offensichtlich einer dün-nen Oberschicht angehört? Antwort: Im Gegenteil, die Leute freuen sich, daß wenigstens einer von ihnen es zu etwas gebracht hat, und sie wissen daß er etwas für sie tun wird, sollte er Macht bekommen.«

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Einleitung II

1937 erscheint das Buch Der Afrikaner heute und morgen von Diedrich Westermann. Darin beschreibt Westermann den Beginn der Dekolonisation durch die Bildung der Schwarzen durch die Weißen, auch wenn er selbst an die weitere Herrschaft der Weißen in Afrika glaubt:

»Auch solche Neger, die als gebildete und selbstbewußte Vertreter ihrer Rasse die europäische Herrschaft kri-tisch oder feindselig ansehen, beanspruchen für sich selber das Recht, die europäische Kultur sich voll anzu-eignen, denn sie sind sich darüber klar, daß sie nur dann mit dem Weißen in Wettbewerb treten und sich ihm gegenüber behaupten können, wenn sie seine Waffen gebrauchen. Afrikanische Führer erheben den schärf-sten Einspruch gegen jeden Versuch, den Schwarzen eine andere Erziehung und Ausbildung zu geben als den Weißen. Sie lehnen jede arteigene Behandlung ab…

Derartige Anfänge, die sich in vielen Teilen Afrikas fin-den, zeigen, wie neue Gemeinschaften entstehen, die zwar Elemente des Alten in sich tragen, aber doch den Erfordernissen einer neuen Zeit bewußt Rechnung tra-gen.

Der moderne Verkehr bringt auch die Bewohner einer Kolonie näher zusammen. Sie alle unterstehen der glei-chen Verwaltung und Rechtssprechung … eingeborene Angestellte und Arbeiter werden außerhalb ihrer Hei-mat beschäftigt; man lernt sich kennen, rückt einander näher … All dieses führt dahin, das Gewicht der Stam-mesunterschiede zu mindern und die frühere Abge-schlossenheit, die häufig zu Mißtrauen und feindseliger Haltung führte, als überlebt anzusehen. Mit anderen Worten, es entsteht etwas wie ein Staatsbewußtsein oder gar ein Nationalgefühl…«


Keine der afrikanischen Befreiungsbewegungen errang einen militärischen Sieg über eine Kolonialmacht. Die sowjetische Ausbildung war auf konventionelle Offensi-ven nach dem Muster des Zweiten Weltkrieges ausge-richtet, was ihren praktischen Wert unter völlig ande-ren landschaftlichen, klimatischen und völkischen Ge-gebenheiten sehr verringerte.

Von der DDR gelieferte Rezepte zur Herstellung opti-maler Sicherheit, das heißt die Sicherheit des Macht-monopols der jeweiligen Exil-Führung der afrikanischen Befreiungsbewegung, haben sich gut bewährt. Beson-ders ruchlos dabei war das Wirken der SWAPO-Sicher-heitsgruppe in Südwestafrika, die in den 80er Jahren mindestens tausend Aktivisten aus den eigenen Reihen als Spione Südafrikas verhaftet hat, ohne Gerichtsver-fahren einsperrte und folterte, auf daß sie weitere ›Spione‹ verrieten, bis die Vereinten Nationen 1989 im Zuge der von ihnen durchgeführten Repatriierung der Namibia-Flüchtlinge die Freilassung der Überlebenden durchsetzte.

Gesiegt haben am Ende alle afrikanischen Befreiungs-bewegungen, ob sie mit militärischen Mitteln oder nur politischen vorgegangen sind. Doch ihre Siege wurden nicht in den Kolonien errungen, sondern in der öffent-lichen Meinung des jeweiligen kolonialen Mutterlan-des. In West- und Ostafrika räumten England und Frankreich nach 1945 schrittweise, zum Ende der 50er Jahre zügig, das allgemeine und gleiche Wahlrecht ein. Nur Belgien und Portugal nicht, in deren Kolonien bluti-ge Kriege tobten, weil sie auf keinen Fall ihre überseei-schen Besitzungen aufgeben wollten.


Das Ergebnis der Endkolonisation faßt 1986 eine Gruppe aus afrikanischen Wissenschaftlern, Schriftstellern, Gewerkschaftern und ehemaligen Politikern unter der Ägide der International Foundation for Developement Alternatives zusammen. In ihrer Erklärung heißt es un-ter anderem:

»Nach der Unabhängigkeit wurden in den meisten afri-kanischen Staaten die Ziele der Befreiungskämpfe un-terschlagen und die Träume und Pläne der Menschen verraten. Demokratie blieb auf Erklärungen der Politi-ker und auf das vollmundige Formulieren von Verfas-sungen beschränkt, die selten respektiert wurden.

Demokratie findet im Alltagsleben noch nicht statt. Ele-mentare Freiheitsrechte werden oft verletzt. Willkürli-che Festnahmen, Verhaftungen, Folter und Mord haben viele tatsächliche oder vermutete politische Oppositio-nelle zum Schweigen gebracht…«

Die Wirklichkeit der afrikanischen Staaten nach der Un-abhängigkeit besteht aus wuchernder Verwaltung, die unfähig ist, Herrschaft auszuführen und ebensowenig ist sie »öffentlicher Dienst«, denn sie ist unfähig, einer gedeihlichen Entwicklung der Gesellschaft zu dienen. Sie ist ein Versorgungsnetz für Verwandte und Diener der wenigen wirklichen Machthaber, deren Macht nur darin besteht, sich Ressourcen aus dem Volk (Steuern) und aus internationaler »Hilfe«, wie Krediten, sich so-weit wie möglich anzueignen.

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Togo I

Ende 1952 schlagen Vertreter der Ewe, des größten Vol-kes in Togo, dem UN-Treuhandrat in einem Memoran-dum vor, Deutschland möge die durch Großbritannien und Frankreich verwalteten Landeshälften wieder verei-nen und in die Unabhängigkeit führen. Selbstverständ-lich wird diese Eingabe von Schwarzen von der UNO, die von den Siegern des Zweiten Weltkrieges für ihre Inte-ressen gegründet wurde, als völlig abwegig von ihren Interessen nicht auch nur in Erwägung gezogen.

Der letzte deutsche Gouverneur von Togo, Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg, wird von der Regierung von Togo als Ehrengast eingeladen an der Unabhängigkeits-feier Togos von Frankreich 1960 teilzunehmen und er nimmt mit Freuden die Einladung an.

Als ich, der Verfasser dieses Werkes, 1991 über Land von der Goldküste nach Togo einreiste und der zustän-dige togolesische Grenzbeamte an meinem Reisepaß sah, daß ich Deutscher bin, erhob er sich von seinem Stuhl und salutierte vor mir. Aus diesen Begebenheiten schließe ich, daß die Kolonialzeit unter der deutschen Herrschaft bei den Einheimischen in wesentlich freund-licherer Erinnerung ist als diejenige unter den Briten und Franzosen.


Der seit 1904 über eine Landungsbrücke in Lome ab-gewickelte Verkehr für Togo ist bei dem wachsenden Warenumschlag nicht mehr ausreichend und der schon zur deutschen Kolonialzeit angedachte und berechnete Hafen wird in den 60er Jahren schließlich von deut-schen Firmen erbaut.

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Ostafrika III

Die Tschechen Jiri Hanzelka und Miroslav Zikmund reisen 1947/48 im Wagen durch Afrika. In Tanga-nyika/Deutsch Ostafrika treffen sie einen Tschechen, den grauhaarigen Herrn Stocký, der ihnen erzählt:

„Die Anfänge waren schwer. Ich glaube, daß mich der ewige Kampf mit den Deutschen, an den ich mich be-reits in Wien, wo ich als Schlosser in der Lehre war, gewöhnt habe, mein ganzes Leben verfolgt hat. Auch hier in Afrika. Ich kam nach Tanganjika, als das Land einen neuen Herrn bekam, aber während der ganzen folgenden Jahrzehnte sah ich, daß die Deutschen eigent-lich nie aufhörten, hier die wirklichen Herren zu sein … Nie …? Heute haben sich die Verhältnisse geändert. Jetzt, wo ich’s schon nicht mehr nötig habe, bin ich auf einmal die Konkurrenz los.“

Hanzelka/Zikmund: »Die deutsche Kolonie wurde zer-stückelt [Ruanda und Urundi an Belgien / ›Tanganyika‹ an England / Kigoma-Dreieck an Portugal], aber die Deutschen blieben. Sie hatten den größten Teil des Han-dels und der Industrie in der Hand, und ihre Solidarität untereinander machte auch unter den neuen Verhält-nissen ihre Stellung unerschütterlich. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lebten in Tanganjika mehr als drei-tausend Deutsche. Es waren alteingesessene Siedler, die vor Jahrzehnten nach Afrika gekommen waren. Sie tra-ten wieder an die Öffentlichkeit, als die Nazis die Rück-gabe der ehemaligen deutschen Kolonien forderten. Die offizielle und geheime Unterstützung, die den Volksge-nossen in Tanganjika vom Dritten Reich zukam, förderte die Errichtung einer starken Organisation, die nur auf eine passende Gelegenheit wartete.

Umfassende Vorbereitungen zu einer Aktion, deren Ziel die Machtergreifung war, wurden getroffen. Munitions-lager und Listen der künftigen Befehlshaber der einzel-nen Distrikte bewiesen, daß die Nazis in Tanganjika nicht müßig waren. Die Methoden waren die gleichen, im tschechoslowakischen Grenzland wie in Tanganjika.

Aber auch die Briten schliefen nicht. Und so wurden beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges durch das energische Eingreifen der Sicherheitsbehörden alle Na-zis in Tanganjika im Lauf einer Nacht verhaftet und einige Stunden vor Beginn der vorbereiteten Aktion alle bewaffneten Zentren zerschlagen und die Waffenlager beschlagnahmt. Unter dem Belastungsmaterial, das die Entscheidung über die Zukunft der Tanganjika-Deut-schen beschleunigte, befanden sich schwarze Listen, in denen die Namen einer Reihe von Personen verzeichnet waren, die nach Wiedererrichtung der deutschen Kolo-nie „unerwünscht“ waren. Der tschechische Name Sto-cký stand darin mit an erster Stelle.

Vor einiger Zeit legten die Deutschen, die auf ihre Aus-siedlung aus Afrika warteten, bei der UNO Protest gegen ihre Ausweisung ein, aber vergebens. Sie mußten in Gruppen nach Deutschland zurückkehren, und das Wirtschaftsleben von Tanganjika bekam ein anderes Gesicht.

Den geringsten Nutzen von dieser Änderung haben jene, die das größte Anrecht auf ihr Land haben – die Schwar-zen. Sie bleiben weiterhin von jeder Entscheidung über das Schicksal ihres Landes ausgeschlossen, nur das die Ergebnisse ihrer Arbeit in andere Hände fließen als früher.

Die Engländer schaffen sich dabei unter dem Deckman-tel ihrer Entnazifizierung mit einem Schlag die deutsche Konkurrenz vom Hals.«


Als General Paul von Lettow-Vorbeck, der im Ersten Weltkrieg die deutschen Kolonialtruppen in Ostafrika geführt hat, 1953 Daressalam besucht, begrüßen ihn hunderte seiner ehemaligen Soldaten und bitten ihn, einige Tage länger als geplant als ihr Gast in Tansania zu verweilen.

Zur Unabhängigkeitsfeier Tansanias in Daressalam am 9. Dezember 1961 ist Lettow-Vorbeck auch anwesend und gleichzeitig sind deutsche Firmen in den Start-löchern für die Eroberung des Marktes des jetzt freien Landes wie der nun ehemalige englische Kolonialbe-amte in Tanganjika, John David Bee, anmerkt.

Da General Lettow-Vorbeck gegen Kriegsende seinen afrikanischen Soldaten nur noch Schuldscheine statt Sold auszahlen konnte, begleicht 1964 die Bundesrepu-blik Deutschland den noch lebenden ehemaligen afrika-nischen Soldaten der Schutztruppe in Ostafrika ihre Schuldscheine und zahlt ihnen seither alljährlich einen Ehrensold von 50 DM im Jahr und seit 1984 einen Ehrensold von 100 DM im Jahr.


Das von der deutschen Kolonialverwaltung in Ostafrika verbreitete Suaheli ist heute die Landessprache von Tan-sania und noch immer fährt die Goetzen, heute unter dem Namen Liemba, auf dem Tanganjikasee. 1913 im Auftrag der deutschen Ostafrikanischen Eisenbahn-Gesellschaft auf der Meyer Werft in Papenburg als Passagier- und Frachtschiff erbaut, wurde das zerleg-bare Schiff in 5000 Holzkisten verpackt und nach Afrika verschifft. Über die Mittellandbahn wurde die Goetzen von Daressalam nach Kigoma am Tanganjikasee gefah-ren und wieder zusammengebaut. Auch heute fährt das Schiff auf dem zweitgrößten See Afrikas und in dem als deutsche Hafenstadt erbauten Kigoma steht der deut-sche Bahnhof ebenso wie das Jagdschloß für den deut-schen Kaiser Wilhelm dem Zweiten.