Kategorien
Die Menschen VI

Die Marshall-Insulaner sind Mikronesier, die an Körper-größe den Polynesiern etwa von Samoa deutlich zurück-bleiben. Die vielfach hervorstehenden Backenknochen und schräg stehenden Augen scheinen einen mongoli-schen Einschlag anzuzeigen.

Die alte, bei den Männern aus einem Faserschurz, bei den Frauen aus Matten bestehende Tracht sieht man nur noch selten. An deren Stelle ist die häßliche euro-päische Kleidung getreten.

Die einheimische Bevölkerung der Marshall-Inseln be-läuft sich auf etwa 15.000 und auf Nauru leben über 1000 Einheimische, welche Melanesier und Polynesier sind, sodaß die gesamte einheimische Bevölkerung der Kolonie bei etwa 16.000 Menschen liegt.

Kategorien
Die Inseln

Die Kolonie der Marshall-Inseln besteht aus den Mar-shall-Inseln selbst, welche aus der östlichen Ratak-Kette genannten Inselgruppe mit 133 qkm besteht und der westlichen Ralik-Kette mit 277 qkm; dazu kommt die weit weg südlich der Marshall-Inseln liegende Insel Nauru von 21 qkm, die zur Gruppe der Gilbertinseln ge-hört.

Sehr feuchtwarmes, gleichmäßiges Tropenklima be-stimmt das Wetter auf den Marshall-Inseln. Von Tieren sind nur einheimisch eine kleine Eidechse, Land- und Wasserkrabben und die spärlich vorkommende Wild-taube; eingeführt und teilweise schon verwildert sind Schweine, Hunde, Hühner, Enten, Katzen und Ratten. Die dünne Humusschicht auf den Marshall-Inseln wird von Schlinggras, Strauch- und Buschwerk überzogen. 

Das Deutsche Kolonial-Lexikon beschreibt die Mar-shall-Inseln wie folgt:

»Meist sind die Inseln, welche die Atollriffe krönen, nur wenige Meter über den Hochwasserstand erhaben und besitzen bei oft sehr ansehnlicher Länge häufig nur eine Breite von wenigen hundert Metern, so daß man die über das Gebiet ungeheuer zerstreute Landfläche nur auf 400 qkm Fläche berechnen kann. Die Inseln beste-hen an der Oberfläche großenteils aus Bruchstücken von Korallenriffen, Muscheln und dergleichen, von gro-ßen Blöcken an bis zu feinem Sand; wo Korallenkalk in größeren Mengen auftritt, findet man ihn auch wohl zu ansehnlichen Dünen aufgehäuft, die bis 12 m Höhe er-reichen können. Stellenweise hat sich eine seichte Hu-musdecke an der Oberfläche der Inseln angesammelt. Die im Innern der Atolle liegende stille Lagune, die meist Tiefen bis zu 30-50 m, zuweilen auch mehr, er-reichen, bieten gewöhnlich guten Ankergrund und sind für kleinere, seltener auch für große Schiffe in einzel-nen Durchfahrten erreichbar, deren Schmalheit, Ge-wundenheit und starke Strömungen freilich die Passage oft recht schwierig macht. Fließende Gewässer oder Quellen gibt es nicht; wohl aber geben die gegrabenen Brunnen trinkbares Wasser.«

Kategorien
Die Deutschen und ihre Verwaltung I

Das Schutzgebiet der Marshall-Inseln wird von einem Landeshauptmann und seinen Beamten, der Landes-hauptmannschaft, verwaltet. Die Beamten bestehen aus einem Stellvertreter des Landeshauptmanns, einem Regierungsarzt und einem Hafenmeister, welche auch die Gerichtsbarkeit und Polizeihoheit ausüben. Die Kos-ten der Verwaltung werden von der Jaluit-Gesellschaft, die fast den gesamten Handel der Marshall-Inseln in Händen hat, getragen. Im Gegenzug gewährt das Reich der Jaluit-Gesellschaft dafür gewisser Privilegien, wie das ausschließliche Rechte der Aneignung herrenlosen Landes, die Ausübung der Perlfischerei und die Gewin-nung von Guano. Bei wichtigeren Entscheidungen hat der Landeshauptmann zuvor die Vertretung der Jaluit-Gesellschaft anzuhören. Die Landeshauptmannschaft sitzt in Jaboran auf der Insel Jabor in der Jaluit-Gruppe, welche im Süden der Ralik-Kette liegt. Seit dem 24. März 1898 ist Eugen Brandeis Kaiserlicher Kommissar für die Marshall-Inseln, wo er am 28. August, also erst vier Monate nach seiner Ernennung, ankommt. Brandeis wirkte bereits 1889 und 1892 als Kaiserlicher Kommissar der Marshall-Inseln. Sein Titel ändert sich am 22. Fe-bruar 1900 in Landeshauptmann.

Das zum Schutzgebiet gehörende, aber weit abgelegene Nauru hat für seine Verwaltung ein Kaiserliches Be-zirksamt.  

Das Schutzgebiet ist aufgeteilt in zwölf Steuerbezirke in denen die Häuptlinge zuständig sind für die Erhebung der Steuern.

Seit 1900 hat die Kolonie auch eigene Briefmarken mit der Yacht des deutschen Kaisers, der SMS Hohenzol-lern, als Motiv.

Jaluit, der Sitz der deutschen Kolonialverwaltung der Marshall-Inseln, ist auch die Kohlenstation der deut-schen Kriegsmarine in den Marshall-Inseln.

In der Kolonie leben etwa 60 Deutsche, ein Dutzend andere Weiße, hauptsächlich Amerikaner, ein Dutzend Chinesen und um die 90 Mischlinge von Weißen.

In den jährlichen Berichten der Landeshauptmann-schaft an die Kolonialabteilung in Berlin wird auch das Verschwinden der einheimischen Traditionen ver-merkt. Das Christentum verdrängt die alte selbsther-gestellte Kleidung gegen einfachste westliche Frauen-kleider und bei den Männern Hemden und Hosen. Nur auf den entlegenen Inseln weit im Norden, wo die christliche Mission noch nicht Einzug gehalten hat, wird noch die ursprüngliche Bekleidung getragen. Auch halten die deutschen Jahresberichte das Verschwinden der Kriegstrommeln, hergestellt aus Haifischmägen, fest. Der letzte Krieg der Marshallesen gegeneinander fand 1898 statt.


An Missionen gibt es in den Marshallinseln die katho-lischen Missionare der Gesellschaft vom Heiligsten Herzen Jesu und die amerikanische methodistische Bostoner Mission. Das Schulwesen liegt in der Hand dieser beiden Missionsgesellschaften. Auf allen Atollen der Marshallinseln sind Stationen der Missionen mit Jungen- und Mädchenschulen je nach Bedarf vor Ort. Die seit 1857 auf den Marshallinseln tätige protestanti-sche Bostoner Mission ist ins Alltagsleben der Einhei-mischen vorgedrungen und selbst ihre Pastore sind Einheimische. Die Lese- und Schreibbemühungen der Bostoner Mission für die Marshallesen zielen auf das Lesen der Bibel in der in die einheimische Sprache übersetzte Bibel ab. 1898 gibt es 25 Schulen der Bostoner Mission auf den Marshallinseln mit mehr als 1300 Schü-lern.

Die katholische Gesellschaft vom Heiligsten Herzen Jesu ist erst seit 1899 auf den Marshallinseln vertreten und hat ihr Hauptquartier im Jaluit-Atoll in der Ralik-Kette, der westlich gelegenen Inselkette der Marshall-inseln. 1902 hat die Herz-Jesu-Mission drei Missionare und fünf Schwestern in den Marshallinseln mit dem Schwerpunkt auf Jaluit mit ihrer dortigen Schule mit je einem Internat für Jungen und einem für Mädchen. 1902 besuchen 32 Jungen und 25 Mädchen die Schule. Die Kinder sind meistenteils die Kinder von Fremden oder Mischlingen und wenige Kinder von einheimischen Häuptlingen. Für das Lehrprogramm der katholischen Missionsschule auf Jaluit wird das deutsche Grund-schulmodell als Vorbild genommen: Eine achtjährige Schulausbildung mit Deutsch als Unterrichtssprache. Der Lehrplan ist genau gleich dem in Deutschland: Deutsch, Rechnen, Erd- und Heimatkunde, Schönschrift und Religion. Nach dem Schulunterricht arbeiten die Schüler den Rest des Tages mit ihren Lehrern auf dem Schulgelände und lernen Haushaltsarbeiten. Bei dieser Lebensweise lernen die Schüler schnell Deutsch und zeigen schon bald bei Festen und hohen Feiertagen ihre Sprachkenntnisse. Die Jaluit-Missionsschule erhält so den Ruf, die beste Schule in ganz Mikronesien zu sein, also von den Palauinseln im Westen bis zu den Gilbert-inseln im Osten in einem Raum von 4000 Kilometern Ausdehnung.

Die katholische Missionsarbeit wird auf andere Inseln der Marshallinseln ausgeweitet. 1902 wird auf Likieb in der östlich gelegenen Ratak-Kette der Marshallinseln eine Station eröffnet, weil dort die beiden Unternehmer-Familien de Brum und Capelle leben, die Mitte des 19. Jahrhunderts den Koprahandel von den Marshallinseln aus begannen und nun eine gemischte weiß-einheimi-sche Gemeinde auf der Insel bilden. 1906 kommt eine Station der Herz-Jesu-Mission auf Arno, auch eine Insel in der Ratak-Kette, hinzu.

Die Glaubenskongregation des Vatikan trennt am 12. September 1905 per Dekret die Marshallinseln von den Gilbertinseln und richtet ein eigenes Vikariat ein. Pater August Erdland wird zum ersten apostolischen Vikar dieses neuen kirchlichen Jurisdiktionsbezirkes ernannt.


Durch Kaiserliche Verordnung vom 18. Januar 1906 wird das Schutzgebiet der Marshall-Inseln aufgehoben und dem Schutzgebiet Deutsch Neuguinea zugeordnet. Mit dem 18. Januar 1906 tritt auch Eugen Brandeis, der nun 59jährige Landeshauptmann der Marshall-Inseln, in den Ruhestand. 

Am 1. April 1906 werden die staatlichen Aufgaben der jetzt ehemaligen Kolonie der Marshall-Inseln an die Kolonie Deutsch Neuguinea übertragen, der die Mar-shall-Inseln mit Nauru eingegliedert werden.

Kategorien
Siedlungen I

Jaboran – Legieb

Jaboran

Jaboran liegt auf dem Nordende der Insel Jabor des Jaluit-Atolls. Das Jaluit-Atoll besteht aus 91 Inseln, deren gesamte Landfläche nur etwa 11 qkm ausmacht. Die La-gune schließt jedoch mehr als 690 qkm ein.

Jaboran ist der Haupthafen der Jaluit-Inselgruppe, der Sitz der Jaluit-Gesellschaft und der Landeshauptmann-schaft, der deutschen Verwaltung der Marshallinseln. Alle Gebäude von Jaboran, und selbst der Friedhof, liegen am Strand auf der ruhigen Lagunenseite der Insel, nur das Gefängnis liegt etwas landeinwärts. Unmittelbar am Strand läuft auch die Straße von Jaboran entlang.

Der Hafen mit seinen Landungsbrücken liegt naturge-geben in der ruhigen Gewässerlage der Lagune vor der Siedlung Jaboran, in der auch der Hafenmeister seinen Sitz hat. Die Einfahrt in die Lagune und zum Hafen be-findet sich gleich am nördlichen Ende der Insel Jabor, wo sich auch die Kohlenlandungsbrücke und das Gehe-ge des »Vieh-Parks« befinden.

Die Jaluit-Gesellschaft hat auch eine Verkaufsstelle in Jaboran für den Verkauf von Bedarfsartikeln an die Be-völkerung. Es gibt eine Postagentur, ein Gericht, und ein kleines Hospital. Das Hotel Germania ist der gesell-schaftliche Treffpunkt der Siedlung.

Das Wohngebiet besteht aus gepflegten weißgetünch-ten Holzhäusern mit Gartenzäunen – alles typisch deutsch – in denen die Angestellten der zwei großen Handelsgesellschaften und die Beamten wohnen. Etwas abgelegen zwischen den Palmen sieht man den Kirch-turm der Kirche der Bostoner Mission. Die Mission überbrückt mehr als alles andere den kulturellen Unterschied zwischen den Weißen und den Marshal-lesen. 

Nahe dem Hauptquartier der Jaluit-Gesellschaft hat Häuptling Kabua sein Haus. Sein komfortables Holz-haus ist kaum von den anderen Wohnhäusern zu unterscheiden. Wie ein paar andere Häuptlinge ist auch er Eigentümer von Kokosplantagen und besitzt Segel-schiffe. Kabua hat zwei 25-t-Schoner mit Weißen als Offizieren und Marshallesen als Besatzung mit denen Kopra transportiert wird. So profitieren die einheimi-schen Häuptlinge vom Koprabedarf der Weißen und Japaner und die Werft der de Brums auf Legieb hat genug Aufträge.

Am Ufer von Jaboran steht eine »Zeitkanone«, mit der die genaue Uhrzeit für die Bewohner von Jabor ge-schossen werden kann.


Legieb, auch Graf Heyden-Inseln genannt, gehört zur Ratakgruppe, der östlichen Inselkette der Marshallin-seln. Adolph Capelle und José de Brum haben auf dem Legieb-Atoll und vom Atoll aus nach der Mitte des 19. Jahrhunderts wesentlich die Wirtschaft der Marshallin-seln aufgebaut. Adolph Capelle war 1859 in die Marshall-inseln gekommen und ins Koprageschäft eingestiegen. Er heiratete eine Einheimische und zusammen mit dem von den Azoren stammenden Portugiesen José de Brum, der gleichfalls eine Einheimische heiratete, machten sie die Graf Heyden-Inseln zu einem wirtschaftlichen Zen-trum der Marshallinseln. Das Hauptgeschäft der de Brums ist der Handel und der Schiffbau vor Ort. José de Brum stirbt 1901. Auf seinem Grabstein steht zu lesen:

»Hier ruhet in Gott José de Brum – geb. in Pico d.5.März 1837. – gest. in Legieb d.22.März 1901. – Ruhe in Frieden!«.

Adolph Capelle stirbt 1905. Auf seinem Grabstein findet sich:

»Hier ruhet Georg Eduard Adolph Capelle – geb. 8. Mai 1838 zu Meinholz bei Gifhorn – Provinz Hannover – gest. 30. September 1905 in Legieb – Ruhe in Gott!«.

1904/05 baut Joachim de Brum, ältester Sohn von José de Brum, ein großes Wohnhaus auf Legieb aus kaliforni-schen Mammutbaumplanken, welche an den Außensei-ten von Segelschiffen festgemacht von Kalifornien nach Legieb kommen. Das Gebäude ist ein großes Tropen-haus, auf Stelzen gebaut, mit einer drei Meter weiten um das Hauptgebäude umlaufenden Veranda. Das Ge-bäude hat ein hohes Dach mit offenen Enden, um die Warmluft im Haus nach oben entweichen und aus dem Gebäude abströmen zu lassen. Durch das Haus weht bei offenen Türen und Fenstern beständig der Wind und bringt Kühlung. Eine Treppe führt zu dem über dem Boden auf Stelzen stehenden Gebäude, das alle anderen Bauten auf dem Atoll bei weitem an Größe übertrifft. Zudem hat Joachim de Brum eine Bücherei in seinem Anwesen. Wahrscheinlich so ziemlich die einzige in den ganzen Marshallinseln. Zum Wohnhaus gehören auch Zisternen und weitere Gebäude der gesamten Anlage stehen umliegend.

In den 1890er Jahren sind die Geschäftspartner Capelle und de Brum in finanzielle Schwierigkeiten geraten, aber die Erben können alle Schulden abzahlen und 1914 werden den beiden Familien alle ihre Vermögenswerte auf dem Legieb-Atoll zurückübereignet, dessen Name sich nun in Likieb oder Likiëb gewandelt hat.  

Kategorien
Ereignisse I

Der Landeshauptmann der Marshall-Inseln, Eugen Brandeis, ist in zweiter Ehe mit Antonie Ruete ver-heiratet. Antonie Ruete ist eine 1868 geborene Tochter des Kaufmanns Rudolph Heinrich Ruete, der in Sansibar tätig war, und Syyida Salme, der Prinzessin von Oman und Sansibar. Sayyida Salme war die Tochter einer tscherkessischen Sklavin, die die Nebenfrau des Sultans Said ibn Sultan von Oman und Sansibar geworden war.

Die Heirat von Eugen Brandeis mit Antonie Ruete findet am 30. April 1898 in Beirut im Osmanischen Reich statt, als das Paar auf der Reise von Berlin zu den Marshall-Inseln ist, für die Brandeis als Kaiserlicher Kommissar eingesetzt ist, bevor sich sein Amtstitel im Jahr 1900 in Landeshauptmann ändert. Aus der Ehe stammen die Töchter Marie Margaretha, welche am 6. September 1900 in Jaluit geboren wird, und Julie Johanna, geboren am 10. August 1904 in Jaluit.

Antonie Brandeis wirkt auf Jaluit in der Krankenpflege und sammelt völkerkundlich interessante Gegenstände. 1907 erscheint in Berlin ihr Kochbuch für die Tropen – Nach langjährigen Erfahrungen in den Tropen.


Arno Senfft, von 1894 bis 1900 stellvertretender Sta-tionsleiter der Marshall-Inseln, interessiert sich für die Kultur der Eingeborenen und verfaßt völkerkundliche Artikel über sie. Im Jahr 1900 bringt er ein Wörterver-zeichnis der Sprachen der Marshall-Insulaner heraus, welches einem Umfang von 183 Seiten hat.    


Im Jahr 1900 wird in Jabor aus der Gaststätte Germania, einem einstöckigen robusten Holzbau, ein zweistöcki-ges Hotel. Wohl das eleganteste Gebäude der ganzen Marshallinseln. Das Hotel hat neben den Gästezimmern im zweiten Stock im Erdgeschoß ein Billardzimmer, eine Schankstube, ein Restaurant und einen Gemischt-warenladen.


Im Jahr 1900 kommt es zum Streik der marshallesischen Verladearbeiter. Sie verlangen statt zwei Mark nun vier Mark pro Tag für das Verladen von Kopra auf die Schiffe der Jaluit-Gesellschaft. Um den Streik zu beenden macht der Landeshauptmann Druck auf die Häuptlinge, auf daß die Arbeiter weiter zu den bisherigen Löhnen ar-beiten. Tatsächlich gelingt die Unterdrückung der Lohn-erhöhung durch die Häuptlinge bis auf die beiden Atolle Namorik und Mejit. Auf diesen beiden Atollen setzen kirchliche Komitees, die als eine Art Gewerkschaft fun-gieren, einen Tagessatz von vier Mark durch. Als ein deutsches Kriegsschiff die beiden Atolle aufsucht wer-den sieben der Anführer des Streiks dort verhaftet und eine Strafe von 100 Tonnen Kopra verhängt. Aber trotz-dem halten die Bewohner der beiden Inseln durch. Als die Jaluit-Gesellschaft daraufhin die Ankaufpreise für ihr Kopra verringert, stellen die Bewohner der beiden Atolle die Herstellung von Kopra vollständig ein. Die Kolonialverwaltung antwortet mit einer Blockade der beiden Inseln, um die Lieferung von Gütern auf die Atolle zu verhindern. Die Insulaner geben aber nicht auf und für fast drei Jahre, von 1901 bis 1904, dauert die Blockade an. Dann schließlich gibt die Kolonialverwal-tung nach, um die Kopralieferungen wieder in Gang zu bringen, und bewilligt den Arbeitern der beiden Inseln vier Mark pro Arbeitstag beim Kopraverladen.


„Es gibt keine Taifune auf Jaluit“, ist der Satz, der immer wieder von Händlern und Seefahrern in den Marshall-inseln gesagt wird und auch von Reiseschriftstellern und Völkerkundlern verbreitet wird. Und tatsächlich hat keiner der deutschen und anderen weißen Händler auf den Marshallinseln je einen Taifun in ihrer Inselwelt erlebt. Sie haben nur ein paar nicht weiter erwähnens-werte Stürme mitgemacht, nicht aber einen Taifun wie sie in anderen Gegenden des Pazifik zuweilen toben. Doch dann kommt der 30. Juni 1905. Ein Taifun trifft die südlichen Marshallinseln, verwüstet die Atolle Mile, Nadikdik und Jaluit und trifft Arno and Majuro schwer. Etwa 230 Marshallesen verlieren an diesem Tag ihr Leben.

Das Nadikdik-Atoll wird vollständig überschwemmt. Von mehreren seiner bewohnten Inseln sind Sand und Erde völlig verschwunden und nur noch das blanke Korallen-gestein ist übrig geblieben. Alle etwa 60 Bewohner des Atolls sind umgekommen, bis auf zwei Jungen, die, sich an einem ausgerissenen Brotfruchtbaum festhaltend, einen Tag lang bis zur Südküste von Mile trieben.

Majuro verliert einen fünf Kilometer langen schmalen Landstrich an der Südostküste zwischen Rairok und De-lap. Der Landstreifen ist von den Riesenwellen wegge-rissen worden. 

Auch die nordöstlichen Inselchen vom Jaluit-Atoll sind sehr schwer getroffen. Mehrere sind weggespült bis zu ihrem harten Korallenboden. Um die 80 Menschen ver-loren dort ihr Leben. Die Verluste auf Jabor sind ver-hältnismäßig leicht: Ein Marshallese wurde von einem herabstürzenden Dachbalken getötet und mehrere Menschen wurden verletzt, darunter ein katholischer Missionar. Als der Taifun über Jabor hinwegzog, war gerade Ebbe, sodaß die Wucht des riesigen Sturms wesentlich geringer war als auf Mile oder Nadikdik. Trotzdem gibt es auch auf Jaluit Überschwemmungen und in der Lagune sinken mehrere Schiffe oder werden von Wind und Wellen auf die Korallenbänke getrieben. Jaboran ist schwer zerstört. Nur ein Gebäude steht noch, das stärkste Gebäude der Siedlung, das Lagerhaus der Jaluit-Gesellschaft. Alle Weißen und viele Marshallesen haben sich vor dem Taifun in das Lagerhaus geflüchtet.

Die Lagune von Mile und im geringeren Maße die Lagune von Jaluit sind voll von treibenden Büschen, Bäumen, Häusern, zerbrochenen Kanus, hölzernen Gegenständen aller Art und Leichen. Die Menge an treibendem Material in den Gewässern der Marshall-inseln ist im Juli und August 1905 so groß, daß es eine ernste Gefahr für die Schiffahrt darstellt und beein-trächtigt auch die wenigen Hilfsmaßnahmen im betrof-fenen Gebiet.   

Der Reichspostdampfer Germania hat gerade Jaluit auf seinem Weg nach Hongkong erreicht als der Taifun losbricht. Das Schiff legt rechtzeitig vom Landungssteg ab und übersteht den Sturm in der Mitte der Lagune von Jaluit vor beiden Ankern und mit voller Kraft gegen den Sturm laufend. Der Anlegesteg wird total zerstört. Am 4. Juli 1905 verläßt die Germania Jaluit wieder mit den Anweisungen der Landeshauptmannschaft auf den Marshallinseln Bauholz in San Franzisko zu bestellen für den Wiederaufbau der Häuser, chinesische Zimmer-leute für den Wiederaufbau in Hongkong anzuwerben und knappe Versorgungsgüter – auch insbesondere für Bauzwecke – für die Marshallinseln zu bestellen. Die Germania bringt die Nachricht der Verheerungen zu-nächst nach Jap, von wo telegrafisch die Kaiserliche Marine in Tsingtau benachrichtigt wird, die den Kleinen Kreuzer SMS Seeadler, der in der Südsee stationiert ist, nach Jaluit schickt.

Während nun die privaten Unternehmen den Wieder-aufbau so schnell wie möglich vorantreiben, verfällt die deutsche Verwaltung unter dem alten Landeshaupt-mann Eugen Brandeis in völlige Handlungsunfähigkeit. Die Einheimischen helfen sich aus der jahrhundertelan-gen Erfahrung mit Taifunen so weit sie können selbst. Trotzdem verhungern in den folgenden Monaten etwa 90 infolge der zerstörten Lebensmittelbestände und ver-nichteten Fruchtbäume.

Zwei Zweimastschoner, welche in Jaluit ans Ufer ge-drückt wurden, können flott gemacht werden und könnten für die nun dringend notwendige Inspektion der Inselwelt der Kolonie benutzt werden, aber die Verwaltung verharrt in völliger Untätigkeit. Sicher sind die wenigen deutschen Beamten zunächst geschockt von dem überwältigenden Ereignis, aber ihre Unfähig-keit dauert über Monate an. Ende Juli trifft der Kleine Kreuzer Seeadler ein, der die durch einen Taifun im April getroffenen östlichen Karolinen unterstützt hat, und Brandeis hat nun ein voll einsatzbereites Schiff zur Verfügung für die Erkundung der Lage auf den vielen Atollen der Marshallinseln, von denen mittlerweile auch Nachrichten über Zerstörungen auf ihnen in Jaboran eingetroffen sind. Trotzdem tut der Landes-hauptmann überhaupt nichts. Kein deutscher Beamter verschafft sich ein eigenes Bild von der Lage in der Kolonie, noch werden Hilfsmaßnahmen eingeleitet. 

Eugen Brandeis geht im Januar 1906 in Rente und sein nun amtierender Stellvertreter Ludwig Kaiser begeht am 25. Mai 1906 Selbstmord, einen Tag vor dem Ein-treffen von Victor Berg, dem Vizegouverneur von Deutsch Neuguinea, der für eine Besichtigung der Lage auf den Marshallinseln anreist. Berg findet die deutsche Kolonie in einem Durcheinander. Der tatkräftige Berg ist entsetzt und geht sofort ans Werk. Er besucht umge-hend Mile, Arno und Majuro, schickt Lebensmittelhilfe und organisiert eine bereits von den Einheimischen begonnene Umsiedlung vom zerstörten Atoll Mile nach Arno.

Durch die bereits im Januar 1906 beschlossene Über-tragung des Schutzgebietes der Marshallinseln an Deutsch Neuguinea ist nun die neue Verwaltung der Marshallinseln unter Aufsicht des Gouvernements von Deutsch Neuguinea und nicht mehr vom unendlich fernen Berlin.  

      

Kategorien
Verwaltung VII

Am 19. September 1907 lehnt der Bezirksamtmann von Karibib es ab, dem Farmer Rapp von der Farm Neu-Schwabenland weiterhin einheimische Arbeiter zuzutei-len. In seiner Begründung schreibt der Bezirksamtmann an Rapp: »… muß ich Ihnen zu meinem Bedauern eröffnen, daß ich nicht mehr in der Lage bin, Ihnen von Amts wegen Arbeitskräfte zu überweisen. Sie selber wissen, daß die Arbeitsverhältnisse auf Neu-Schwaben von jeher Gegenstand meiner ernsten Fürsorge waren. Nachdem Ihnen die zu wiederholten Malen überwiese-nen Hereros sämtlich nach recht kurzer Zeit entlaufen waren, habe ich es in Anbetracht der ausdrücklichen Vorschriften des Kaiserlichen Gouvernements nicht mehr verantworten können, Ihnen Kriegsgefangene [aus den Aufständen von 1904-07] zu überweisen, und habe mich nach Kräften bemüht, freie Kaffern für sie zu gewinnen, denen gegenüber ich ein Zwangsmittel, um sie zur Arbeit an einem bestimmten Platz anzuhalten, nicht habe. Ich habe große Mühe aufgewandt, die Leute zur Arbeitsaufnahme bei Ihnen zu bewegen, denn ich erachte mich als verpflichtet, einen jungen Farmer tun-lichst zu unterstützen. Zu meinem Bedauern gelang es Ihnen nicht, die Leute an sich zu fesseln und so all-mählich einen festen Stamm Arbeiter zu erziehen. Immer wieder entliefen Ihnen die Leute und es ist charakteristisch, daß sie sich häufig nicht im Felde ver-bargen, sondern zur Polizei kamen, um sich hier zu stel-len. Durchweg klagten die Leute über die Behandlung, insbesondere über Mangel an ausreichender Kost.

Ich habe durch Vernehmungen versucht, den wahren Ursachen der ungünstigen Arbeitsverhältnisse auf den Grund zu kommen und habe auf Grund dieser Ermitt-lungen s. Zt. den Herrn stellvertretenden Gouverneur Regierungsrat Dr. Hintrager in Ihrer Anwesenheit Vor-trag gehalten. Die Ihnen damals gegebenen Direktiven haben Sie offenbar nicht befolgen können, denn immer wieder entliefen Ihnen Leute. Aus dem ganzen Stande der Dinge muß ich entnehmen, daß Sie es noch immer nicht gelernt haben, mit Eingeborenen unzugehen. Es kommt dazu, daß nach ärztlicher Ansicht die Ernäh-rungsverhältnisse auf Neu-Schwaben von den auf ande-ren Farmen erheblich abzuweichen scheinen. Unter-stützt wird diese Annahme durch Zeugenaussagen.

Ich habe noch einmal am 16. 8. 07, als Sie fast ganz ohne Arbeitskräfte waren, mich schweren Herzens entschlos-sen, Ihnen 8 Kriegsgefangene zu überweisen. Auch diese Leute haben bereits einen vergeblichen Flucht-versuch gemacht, und Sie haben sich nicht gescheut, die Weiber dieser Leute durchzuprügeln, also eine Hand-lungsweise, zu begehen, die nicht einmal von Amts wegen vollzogen werden darf.

… wenn Eingeborene bereits so verzweifelt sind, daß sie der Polizei erklären, lieber wollen sie im Gefängnis bleiben und täglich geprügelt werden, als daß sie nach Neu-Schwaben gingen, wenn sie ferner erklären, im Falle zwangsweiser Zuführung würden sie bestimmt wieder entlaufen, und zwar ins Feld, nicht mehr zur Polizei, weil sie da keinen Schutz fänden, so muß es in der Tat mit der Eingeborenen-Fürsorge auf Neu-Schwa-ben schwach bestellt sein. Wie es vornehmlich zwar meine Pflicht ist, den Interessen der Farmer zu dienen, so ist es andererseits auch meine Obliegenheit, die Menschen-Rechte auch der Eingeborenen zu schützen.«  

Kategorien
Landwirtschaft I

Der Deutsche Kolonial-Atlas mit Illustriertem Jahr-buch 1914 berichtet im Teil Die Entwicklung Deutsch-Südwestafrikas im Jahre 1913:

Die wirtschaftliche Lage der Kolonie hat sich langsam, aber stetig weiterentwickelt. Frische Kraft ist dem Schutzgebiet zugeführt worden durch die Bewilligung des Kreditinstitutes, die es den Farmern gleich wie den Gutsbesitzern in der Heimat ermöglicht, staatlich ga-rantierte Kredite aufzunehmen zur Sicherung ihrer Wirtschaft, zur Ausführung von Meliorationsarbeiten. Eine weitere günstigere Wirkung übte die Regelung der Diamantenzwistigkeiten aus, indem an die Stelle der Bruttobesteuerung die Besteuerung nach dem Reiner-trag gesetzt wurde. Die Farmbetriebe haben dank der günstigen Wetterverhältnisse zum Teil so erfolgreich gearbeitet, daß sich laut der Ruf nach Absatzmöglich-keiten erhoben hat. Das Gouvernement hat bei den Farmern eine Schätzung der heutigen schlachtreifen Bestände vornehmen lassen, wobei am 15. März 1913 als schlachtreif ermittelt wurden 11.000 Ochsen, 2000 Kühe, 6000 Kälber, 60.000 Schafe. Selbst wenn hierbei zu sehr der Optimismus mitgesprochen hätte, so wird man doch den Wunsch nach dauerndem Absatz der Fleischerzeugung Deutsch-Südwestafrikas seitens der Farmer für zum mindesten berechtigt halten müssen. Nun haben aber zum Glück in der Kolonie bereits Ver-suche eingesetzt, das Fleisch an Ort und Stelle zu ver-arbeiten. Einzelne Swakopmund anlaufende Schiffe ha-ben sich mit südwestafrikanischem Pökelfleisch verpro-viantiert und ihr Urteil über dessen Güte lautet außer-ordentlich günstig.

Von fachmännischer Seite sind die Farmer immer wie-der auf die guten Aussichten der Wollschafhaltung hin-gewiesen worden. Der amtliche Jahresbericht bemerkt hierzu:

»Angora- und Wollschafzucht finden immer mehr Freunde, trotz der Schwierigkeiten, die sich in erster Linie der Wollschafzucht in den großen Dürren und den daraus resultierenden Verlusten entgegenstellen, mit denen hauptsächlich im Süden, weniger in der Mitte und im Osten zu rechnen ist. Die Überzeugung bricht sich immer mehr Bahn, daß in größerem Umfange Wollschafzucht nur betrieben werden kann, wenn für die Zeiten der Not und des Futtermangels alle verfüg-baren und bewässerbaren Bodenflächen Futterreser-ven produzieren.

Die Sicherheit der Schafzucht und ihre Erfolge lassen sich weiter erhöhen, wenn mit Wassererschließung, Bau von Dippanlagen und mit Einzäunung fortgefahren wird und mehr Erfahrungen und Kenntnisse in der Wollschafzucht gesammelt sein werden. Ein den Fort-schritt hemmender Übelstand ist in dem unausgebil-deten Eingeborenen-Personal zu suchen, das erst ler-nen muß, mit Wollschafen umzugehen und sie zu hü-ten. Die für Wolle und Mohair erzielten Preise ermu-tigen zu weiterer Erzeugung dieser Exportartikel. Die Karakul-Kreuzungszucht hat an Ausdehnung zugenom-men und bei den Farmern an Interesse gewonnen. Die Nachfrage nach reinblütigem Bockmaterial erfolgte aus allen Landesteilen und in solchem Umfange, daß es der Karakul-Stammzucht-Schäferei nicht möglich war, den Bedarf zu decken.«

Auch der Straußenzucht wird immer mehr Aufmerk-samkeit zugewandt. Hierüber finden wir in der oben genannten Quelle die folgenden interessanten Aus-führungen:

»Die Zuchtstraußenfarm Otjituesu wurde weiter ausge-baut. Zur weiteren Verbesserung der Zucht wurden zwei Paar südafrikanischer Zuchtstrauße eingeführt. Durch die Einrichtung und den Erfolg der Regierungsstrau-ßenfarm wurde das Interesse an diesem Zweige der Farmwirtschaft geweckt. Verschiedene Farmbesitzer ha-ben bereits wertvolle Strauße eingeführt und mit der rationellen Straußenzucht begonnen. – Wahrscheinlich wegen der großen Trockenheit während der letzten Brunst- und Brutzeit begnügte sich die Mehrzahl der im Jahre 1911 eingeführten Zuchtstrauße mit je einem Gehege. Die 10 Brutpaare legten zusammen 147 Eier. 8 Brutpaare brüteten ihre Eier selbst aus, während die Eier der übrigen beiden Brutpaare durch die Brutma-schinen ausgebrütet werden mußten. Das Ergebnis waren 87 Kücken, davon 12 aus den Brutmaschinen. Die Kücken aus der Brutmaschine waren gegenüber den natürlich ausgebrüteten sehr schwach und blieben auch im Wachstum etwas zurück. Von den 87 Kücken sind in den ersten 3 Monaten 13 Stück, also 15 v. H. eingegangen. Zur Zeit befinden sich auf der Farm 27 Zuchtstrauße, 20 junge Strauße (Federvögel) erster Nachzucht, 74 Kücken zweiter Nachzucht und 11 wilde Strauße zu Versuchs-zwecken. 16 Vögel von der ersten Nachzucht kommen im Januar 1914 zur Abgabe an Farmer. Erfreulicherweise stehen die teilweise schon schnittreifen zweiten Federn des ersten Nachwuchses in keiner Weise an Güte den Federn ihrer Eltern nach. Der Beweis, daß im Schutzge-biete bei guter Pflege und zweckentsprechender Hal-tung rationelle Zucht edler Strauße getrieben werden kann, dürfte somit erbracht sein.«

Dank dem guten Beispiel der Behörden lenken die Far-mer ihr Augenmerk auch immer mehr auf die Pferde-zucht. Zum Glück kamen auch im letzten Jahre nur we-nige Fälle von Pferdesterbe vor. Trotz des sehr schwa-chen Regenfalles war genug Weide für die Tiere vor-handen.
Die geringen Niederschlagsmengen förderten nicht so den Ackerbau, wie man hätte wünschen können. Gleich-wohl hat sich die Fläche, die in Ackerkultur genommen ist, in Deutsch-Südwestafrika wiederum ausgedehnt. Die Farmer sind bestrebt, die für die Beköstigung der Ein-geborenen und für den Bedarf der eigenen Wirtschaft erforderlichen Vegetabilien der eigenen Scholle abzuge-winnen. Es kommen in Frage Mais, Hirse, Bohnen, Fut-termelonen und an vielen Stellen neuerdings der Tabak. Der Pfeifentabak von Osona ist heute im ganzen Lande geschätzt. Die zur Begutachtung an deutsche Zigaretten-fabriken gesandten türkischen Zigarettentabake erfuh-ren eine günstige Beurteilung. Wein- und Obstbau haben wiederum an Ausdehnung zugenommen. Im Schutzgebiet selber wird immer mehr von den Ernten gekeltert. Der amtliche Bericht besagt hier:

»Die staatliche Versuchsstation für Wein- und Obstbau in Grootfontein, welche künftig den Norden des Schutz-gebietes mit Reben, Obst- und Zitrusbäumen versorgen wird, hat ihre Kulturarbeiten so weit gefördert, daß bis zum Schlusse des Berichtsjahres etwa 17 ha Land urbar und zum Teil bewässert gemacht werden konnten. Fer-ner wurde eine Quelle erschlossen, die pro Tag etwa 250 cbm Wasser liefert und deren Wasser in mehreren Dämmen aufgespeichert und von hier aus über die Ländereien geleitet wird. Die Verschiedenartigkeit des Bodens, welcher zwischen Humusboden, humosem Sand und sandigem Kalkboden wechselt, wird es im Verein mit den günstigen Wasserverhältnissen gestat-ten, alle Versuche auf die breiteste Grundlage zu stellen und es ist zu erwarten, daß die Station ihrer Aufgabe, die sich außerdem auf Anbauversuche mit Getreidesorten aller Art nach dem Trockenkultursystem erstreckt, in jeder Hinsicht gerecht wird.«

Kategorien
Togo II

In seinem 1916 in London erschienenen Werk The German African Empire schreibt Albert Calvert über Togo:

»Eine stabile Regierung wurde eingerichtet, das Hinter-land erschlossen, drei Eisenbahnlinien und viele ausge-zeichnete Straßen sind gebaut worden, die Sklaverei ab-geschafft und Stammeskriege befriedet, außerdem wur-den eine Reihe von Versuchsplantagen eingerichtet. Die [deutsche] Verwaltung hat dank ihrer aktiven Politik die Ressourcen des Landes entwickelt, Handel und Kom-merz auf eine solide Basis gestellt, und einen wesent-lichen Fortschritt in Bezug auf den Wohlstand und Fort-schritt der Bevölkerung geleistet.«




Kategorien
Kolonialskandale

Im Norden Kameruns mit Truppen unterwegs erhält der Schutztruppenoffizier Hans Dominik um die Jahreswen-de 1902/03 die Nachricht nach Deutschland zu kommen, um sich wegen persönlicher Beschuldigungen zu ver-antworten. Der Resident des britischen Protektorates Nordnigeria hatte berichtet, daß Dominik seiner einge-borenen Truppe befohlen habe, den gefallenen Gegnern Köpfe und Glieder abzuschneiden. Dieser archaische Brauch ist alte afrikanische Sitte. Auch die anderen Kolonialmächte in Afrika haben mit ihren eingeborenen Soldaten das gleiche Problem. Als die Deutschen im April 1902 im bisher französischen Dikoa im Norden Kameruns einrückten, sahen sie die auf Stangen ge-spießten Köpfe toter Rebellen.

Nach einer langen Reise bis nach Duala kann Dominik von dort mit dem Schiff am 9. März 1903 nach Deutsch-land abreisen. Im Reichstag sind umfangreiche Diskus-sionen im Gange. Bei Rückfragen in Kamerun treten viele Weiße für Dominik ein. Soldaten, Beamte, Kauf-leute und Missionare zeugen für ihn, so daß das Ver-fahren niedergeschlagen wird und er 1904 wieder nach Kamerun ausreisen kann, um die Station Jaunde zu übernehmen.

1906 wird Dominik erneut angegriffen. Der SPD-Abge-ordnete August Bebel behauptet, daß einheimische Truppen unter Dominiks Befehl 50 Kinder aus Rebellen-gruppen in Bastkörben über die Nachtigallschnellen in den Tod stürzen ließen. Die Anschuldigung macht Schlagzeilen in Deutschland, aber schließlich muß Bebel zugeben, daß sein Informant die Geschichte frei er-funden hat.


In der gelenkten englischen Presse wird Propaganda als grundsätzliches Mittel der Politik betrieben, im Gegen-satz zu Deutschland, wo die Regierung Propaganda als Mittel der Politik kaum versteht. Die Erfolge in der deutschen Kolonialpolitik in der Presse vorzuführen, auch als ›Ausgleich‹ für die Unannehmlichkeiten der im Ganzen gesehen lächerlichen Kolonialskandale – im Gegensatz zu den endlosen Verbrechen der meisten anderen Kolonialmächte in ihren Kolonien – kommt der deutschen Regierung nicht in den Sinn. Die deutsche Regierung hat Propaganda als Werkzeug der Herrschaft nicht begriffen, zumal das Reich demokratisch regiert wird, im Gegensatz etwa zu England, wo die Oberschicht scheinbar demokratisch über das Volk herrscht.

Die moderne Propaganda wird in England erfunden und wissenschaftlich betrieben. England hat den Vorteil ein seit Jahrhunderten geeintes Land zu sein, das darüber hinaus im englischen Club-Wesen der Oberen Zehn-tausend ein festgefügtes Herrschaftssystem über das Volk besitzt, zu dem die von den Clubs kontrollierte Presse zählt, die je nach Wunsch der herrschenden Klasse Propaganda im Volk betreibt. Deutschland dage-gen war jahrhundertelang zerrissen in hunderte Herr-schaften und in die katholische und evangelische Reli-gion. Erst seit 1866 gibt es mit dem Sieg Preußens über Österreich eine übergreifende Regierung in Deutsch-land mit Berlin als Hauptstadt. Eine Herrschaftsstruktur wie in England gibt es nicht und darüber hinaus ent-wickelt sich in Deutschland die Demokratie mehr und mehr, in der das Herrschaftsmittel der Propaganda weit-gehend von der Opposition gegen die Regierung genutzt wird.


In den Parlamenten und der Öffentlichkeit der Kolo-nialmächte Spanien, Portugal, Belgien, Frankreich und England kommt niemand auf die Idee, die überreich in ihren Kolonien vorkommenden Vergehen und Verbre-chen an der einheimischen Bevölkerung anzuklagen. Welchen Nutzen hätte man wohl auch davon haben können? Anders in Deutschland. Als einziger wirklicher Demokratie der genannten Mächte gibt der Reichstag den Abgeordneten Gelegenheit Gewissensentscheidun-gen auf die Bühne der Politik zu bringen und sich dabei gleichzeitig auch einen Namen für die zukünftige Kar-riere zu machen. Der Reichstag gewinnt in der Macht-konstellation zwischen Kaiser, Kanzler, Parteien, Inte-ressengruppen wie etwa dem Flottenverein, der Deut-schen Kolonialgesellschaft und selbstverständlich den Verbänden der Großindustrie, ständig an Macht, da der vom Kaiser eingesetzte Kanzler sich für seine Politik und die Gesetzgebung sich mehr und mehr auf Mehr-heiten im deutschen Parlament stützen muß, einem Par-lament, das immer stärker von der Sozialdemokrati-schen Partei bestimmt wird.

Der Reichstag gewinnt auch durch seine Kontrolle über den Staatsetat immer mehr Einfluß auf das Militär, welches eigentlich ursprünglich nicht vom Reichstag kontrolliert werden sollte. Die Demokratisierung Deutschlands schreitet so auf verschiedenen Ebenen ständig voran. So auch vom langsamen Erodieren des Dreiklassenwahlrechts in den Bundesländern des Reiches hin zum gleichen Wahlrecht wie es im Reich gehandhabt wird.

Hat der Reichstag auch noch keinen Einfluß auf die Außenpolitik, die sich auch schon vom Kaiser auf den Kanzler verlagert hat, so ist die Kolonialpolitik ein Feld der Innenpolitik, das ausgiebig genutzt wird im poli-tischen Kampf, und so eine Kontrolle der Ereignisse in den Kolonien stattfindet für die Rechtsstaatlichkeit und Verantwortung der deutschen Kolonialverwaltungen, die vollkommen ausgeschlossen in den Parlamenten anderer Kolonialmächte ist, wo das Ziel des Abgeord-neten der Aufstieg im System ist, wenn er nicht sowieso zum System der herrschenden Klasse gehört, denn normalerweise können sich nur Reiche den Luxus leisten Abgeordnete zu sein, wo der Abgeordnete kein Gehalt wie in Deutschland, die Diät, bekommt, sondern sein Leben aus seinen privaten Einkünften bestreiten muß, er also reich sein muß, er eben zur herrschenden Oberschicht gehört, die ihre Skandale und Kolonial-skandale natürlich geheim hält.

Kategorien
Kolonien

Bei der Reichstagsdebatte zum Kolonialhaushalt 1914 werden weitreichende Reformen verabschiedet, die sich besonders zugunsten der Kolonialbevölkerung auswir-ken sollen. Die dabei im Februar 1914 vom Reichstag eingebrachten Resolutionen sind die umfassendste Erklärung durch eine Kolonialmacht seiner selbstauf-erlegten Verantwortung gegenüber den Kolonialvöl-kern und der Begrenzung der Ausübung der Kolonial-macht. Die Vorkehrungen der Resolutionen für die ein-heimische Bevölkerung in den Kolonien gehen weiter als alle anderen Bestrebungen von Kolonialmächten für die Völker in ihren Kolonien.

Die Resolutionen 3 bis 7 des Reichstags:

»3. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, eine erhebliche Verstärkung der ärztlichen Versorgung unserer Schutzgebiete, besonders im tropischen Afrika, in die Wege zu leiten, und die wissenschaftliche Weiterbildung der Schutzgebietsärzte zu fördern;

4. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, durch eine alsbald zu erlassene Kaiserliche  Verordnung Leben, Freiheit und Eigentum der Eingeborenen der Schutzgebiete sicherzustellen;

5. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen die Kronlandverordnungen der Kolonien  dahin abzuändern, daß die Anbauverpflichtungen der weißen Erwerber eingeschränkt und für jede Plantage Land für Arbeiterdörfer reserviert wird;

6. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, im Interesse der Erhaltung der Eingeborenenbevölkerung in den Arbeiter-Anwerbungsverordnungen für die Schutzgebiete Bestimmungen zu treffen, wonach

a) der staatliche Arbeitszwang in jeder Form ausgeschlossen ist,

b) die Arbeiter angesiedelt werden bei Schaffung ausreichender Eingeborenen-Reservate für diese, und insbesondere auf Europäerplantagen die daselbst beschäftigten Arbeiter in Dörfern seßhaft gemacht werden unter Zuweisung von ausreichendem Land als freies Eigentum zur Selbstbewirtschaftung,

c) die Frauen von den eingeborenen Arbeitern nicht getrennt werden,

d) die Abgabe von Regierungsländereien zur Anlegung von Plantagen von der Errichtung eigener Bauerndörfer für die Arbeiterfamilien abhängig gemacht wird;

7. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen,

a) über die Sterblichkeit der eingeborenen Arbeiter auf kolonialen Wirtschaftsunternehmungen regelmäßig Erhebungen dem Reichstag zugängig zu machen;

b) bei der Versorgung der wirtschaftlichen Unternehmungen mit eingeborenen Arbeitskräften darauf hinzuwirken, daß die Sterblichkeit der Eingeborenen gemindert und ihr Familienleben gefördert werde, insbesondere eingeborene Arbeitskräfte nicht aus Gegenden mit anderen klimatischen Voraussetzungen beschafft werden dürfen und die dauernde Ansiedlung der Familien auf oder nahe den wirtschaftlichen Unternehmungen gefördert werde, auch über das Fortschreiten dieser Eingeborenenkolonisation dem Reichstag regelmäßig Mitteilung gemacht werde;

c) Eingeborene nicht in solchem Umfange zu Arbeitsleistungen auf wirtschaftlichen Unternehmungen heranzuziehen, daß darüber ihre eigene Wirtschaft und ihr Familienleben zugrunde geht;

d) Plantagen nach Zahl und Größe demgemäß nur in richtigem Verhältnis zu der tatsächlich vorhanden Bevölkerung zuzulassen;

e) den Arbeiterschutz für weiße wie für farbige Arbeiter in den landwirtschaftlichen und den gewerblichen Unternehmungen ohne Verzug auszubauen;

f) Regelung der Arbeiterverhältnisse insbesondere hinsichtlich der Arbeitszeit und Minimalsätze der Löhne durch eine von der Regierung zu erlassende und zu kontrollierende Arbeiterordnung auf Grundlage des freien Arbeitsvertrages.«

Im selben Bericht der »Kommission für den Reichshaus-haltsetat« vom 20. Februar 1914, indem die Resolutionen aufgeführt sind, ist unter »Petitionen« vermerkt:

»d) die Petition der Deutschen Gesellschaft für Einge-borenenschutz in Berlin überreicht Vorschläge für den Schutz der Eingeborenenbevölkerung in den deutschen Schutzgebieten

– Journ. II. Nr. 10459 – [Interne Verzeichnisnummer]

dem Herrn Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen.«