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Windhuk

Der Schutztruppenoffizier Major Ludwig von Estorff schreibt 1901, nach zweijähriger Abwesenheit von Deutsch Südwestafrika: »In Windhuk sind viele neue Häuser entstanden, eine schöne Parkanlage um das neue Kriegerdenkmal herum…«

Am 19. Juni 1902 fährt der erste Zug auf der nun fertiggestellten Bahnlinie Swakopmund – Windhuk in Windhuk ein.

1904 schreibt ein deutscher Soldat über die Hauptstadt von Deutsch Südwestafrika: »Sie ist eine kleine Stadt, sehr weitläufig und ganz unregelmäßig gebaut. Hier und da zerstreut stehn ihre plattdachigen, weißen Häuser auf sandiger, grauer Erde; dazwischen stehn vereinzelt dürftige Bäume.« Weiter schreibt dieser Soldat, der im Februar 1904 aus Deutschland kommend in Windhuk eintrifft – im Januar 1904 hat der Aufstand der Herero in Südwestafrika begonnen – : »Wir keuchten in voller Bepackung [vom Bahnhof von Windhuk] durch Sand und Sonne zu der Feste hinauf, die auf einem mäßigen Hügel lag. Im Hof der Feste, der voll von buntem Leben war, traten wir auseinander.

Was war das für ein Leben das nun anging! Wir hatten vier Tage lang die Kleider nicht ausgehabt und uns nicht gewaschen. Wir hatten auch drei Tage lang keinen tüch-tigen Schluck Wasser getan. [Auf der Bahnfahrt von Swakopmund nach Windhuk.] Nun waren da Hähne an der Mauer des Hofes, aus denen warmes, fast heißes Wasser lief, das aus dem Berg kam. …

Es gingen da Schutztruppler in ihrer Korduniform, braunsamtener Rock und Pluderhose und Reitstiefel. Dazu grauer Schlapphut. Sie waren schon meist jahre-lang in diesem Lande. …

Es waren aber auf dem Hofe der Feste auch Weiber von den Feinden, von denen einige jung und nicht unschön waren, die meisten aber welk und häßlich. Sie holten sich Wäsche von den Soldaten und lungerten herum, schmutzig, eine kleine Pfeife im Munde. Es gefiel mir nicht, daß einige von uns sofort an sie herantraten und durch Gebärde und einige englische oder plattdeutsch-holländische Worte mit ihnen scherzten.

Es waren auch Buren auf dem Hof, stattliche braune, langbärtige Männer in Kord- oder Khakiuniform. Die deutsche Regierung hatte sie als Frachtfahrer angenom-men. Mächtige, vierräderige Wagen, sogenannte Kap-wagen, mit einer Leinwandplane überdeckt, standen auf dem Hof. Diese Wagen sollten morgen mit uns auszie-hen und uns Proviant und Futter in die Wildnis schlep-pen.«

Als dieser Soldat, Gustav Frenssen, nach Monaten wie-der auf der Feste von Windhuk eintrifft, »sah ich im Hof einige Kameraden mit den Weibern der Hottentotten reden und lachen, und einer ging an mir vorüber und sagte, daß alle diese Weiber uns zu jeder Zeit zu Willen wären.«

Ende Mai 1909 findet der »Erste Deutsch-Südwest-afrikanische Farmertag« in Windhuk statt und die erste »Südwestafrikanische Landesausstellung« wird eröffnet, die nun alljährlich Ende Mai in Windhuk stattfindet.

Nach dreijähriger Bauzeit wird am 16. Oktober 1910 die evangelische Christuskirche feierlich eingeweiht. Ihre Orgel stammt aus Ludwigsburg, die Fenster aus Nürn-berg, die Glocken aus Apolda. Kaiserin Auguste Viktoria hat die Bibel gestiftet.

Am 27. Januar 1912 wird der „Südwester Reiter“ in Wind-huk enthüllt. Das Reiterdenkmal ist überlebensgroß aus Bronze gegossen zum Angedenken an die deutschen Opfer der Kämpfe vom Hottentottenaufstand von 1903 bis zur Kalahari-Expedition 1908.

Die in Windhuk wohnende Clara Brockmann:

»In den großen Verkaufsläden Windhuks kann man alles erhalten, was das Herz begehrt, und Luxus wird genug gezüchtet in dem eleganten kleinen Städtchen. Es lebt sich hier wie in Deutschland. Der Gesellschafts-verkehr steht in Blüte, Sport und Toilettenfragen spielen eine Rolle…«

1914 geht die Großfunkstation Windhuk in Betrieb. Sie hat eine Empfangs- und Sendereichweite bis Berlin.

Windhuk hat 1914 11.000 Einwohner. Im Deutschen Kolonial-Lexikon findet sich über die Stadt:

Windhuk, der Hauptort des Schutzgebietes Deutsch-Südwestafrika in rund 1650 m Meereshöhe am Ur-sprung des Hauptseitenriviers des Swakop gelegen, Sitz der Regierung. Windhuk ist sowohl Sitz des Gouver-neurs wie auch der Post- und Zollbehörde (zugleich Postamt, Telegraphenamt, Zollamt in Groß-Windhuk). Es ist ferner der Sitz des Kommandos der Schutztruppe, gleichzeitig auch Garnison einer größeren Abteilung. Die Rheinische und die katholische Mission besitzen Stationen in der Hauptstadt. An Schulen für weiße Kinder sind vier vorhanden, eine Regierungs- und eine Realschule sowie eine Mädchenschule der katholischen Mission in Groß-Windhuk und eine Schule in dem unmittelbar benachbarten Klein-Windhuk. Windhuk ist Endpunkt der von Swakopmund ausgehenden Bahn-linie und Anfangspunkt der über das Auasgebirge geführten Nordsüdbahn. — Der Hauptort nimmt das Gehänge eines südnördlich gerichteten Tales ein, das nach Westen zu von den zu immer größerer Höhe hintereinander aufsteigenden Hügelwellen des Komas-abhanges begrenzt wird. Dem oberen Rande des Stadt-hügels entströmen die heißen Quellen, denen der Ort seinen hottentottischen Namen „Eikhams“ (Feuerwas-ser) verdankt. Ein niedriger Paß führt über diesen Berg-rücken nach Osten in das Tal des eigentlichen Windhu-ker Riviers; dem unteren Gehänge eines diese Senke im Süden begrenzenden Berges entströmen ebenfalls eini-ge allerdings den Sprudeln von Groß-Windhuk an Er-giebigkeit nachstehende Quellen. Dieses Tal umfaßt die Siedlung von Klein-Windhuk. Windhuk ist, Swakop-mund und Lüderitzbucht ausgenommen, der einzige Ort im Schutzgebiet, der auf den Namen einer Stadt auch im europäischen Sinne in vollstem Maße Anspruch ma-chen kann. Zudem ist es der Sitz der meisten Einzel-firmen innerhalb des Schutzgebietes und daher der Mit-telpunkt des geschäftlichen Lebens im innern Schutzge-biet, eine Stellung, die jetzt, nach Vollendung der Nord-südbahn [Windhuk – Keetmanshoop, seit März 1912 in Betrieb], sich noch mehr befestigen wird.


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Die Anreise

Da die Kolonien tausende Kilometer von Deutschland entfernt liegen, ist die Anreise natürlich eine besondere Angelegenheit für die zukünftigen Bewohner der Kolo-nien, ihre Besucher oder Soldaten, welche zeitweilig in einer Kolonie dienen. Viele der Kolonialreisenden waren zuvor noch nie im Ausland gewesen und nun machen sie eine wochenlange Fahrt in eine völlig unbe-kannte Welt. Zunächst gilt es den Abfahrthafen zu er-reichen, um dann mit dem Schiff die weite Reise nach Afrika oder in den Pazifischen Ozean anzutreten. Wir lassen hier die Reisenden selber ihre Erlebnisse schil-dern für einen Eindruck ihres Reiseabenteuers.


Als im Januar 1904 der Hereroaufstand in Deutsch Südwestafrika ausbricht werden sofort freiwillige Solda-ten aus Deutschland in die südafrikanische Kolonie geschickt. An Bord des ersten Truppentransports, der am 21. Januar 1904 von Wilhelmshaven ablegt, befindet sich auch der spätere Direktor des Meereskundemuse-ums von Berlin, Michaelsen, der sein Erlebnis als Soldat unter dem Pseudonym Peter Moor 1906 in dem Buch Peter Moors Fahrt nach Südwest veröffentlicht. Micha-elsen ist in Kiel stationiert als er sich als Freiwilliger nach Südwest meldet. Seine Beschreibung der Reise ist bezeichnend für Truppentransporte in die Kolonien. Meistenteils sind es Ablösetransporte von Truppen oder Kriegsschiffbesatzungen. Michaelsens Fahrt ist zwar eine militärische Sonderfahrt, findet aber nach der »Vor-schrift für Friedensablösetransporte« statt. Im neuen Jahrhundert werden nur im Jahre 1900 und 1904/05 Truppen aus Deutschland zum Kampf in Kolonialkriege geschickt. Die 15.000 Mann der 1900 nach China ent-sandten Truppen kommen allerdings fast gar nicht zum Kampfeinsatz. Die etwa 18.000 nach Südwestafrika ver-schifften Soldaten dagegen schon. 

Michaelsen: »Auch viele Bürger redeten uns an, sagten, es würde eine sehr interessante Fahrt werden und es würde eine angenehme und schöne Erinnerung fürs Leben bleiben, und wünschten uns gute Heimkehr.

Am andern Tage, als wir in der folgenden Nacht mit der Bahn nach Wilhelmshaven abreisen sollten, kamen Va-ter und Mutter auf zwei Stunden von Itzehoe herüber. Ich holte sie vom Bahnhof ab und ging ein wenig mit ihnen die Holstenstraße entlang bis nach dem Schloß-platz. Mein Vater fragte dies und das, ob da wilde Tiere wären, ob die Feinde schon Alle Gewehre hätten, oder ob sie noch mit Pfeil und Bogen schössen, ob es dort sehr heiß und fiebrig wäre und dergleichen. Ich konnte nicht viel drauf antworten; denn ich wußte alles dies nicht. Ich nahm aber an, daß es so wäre, wie er sagte, und gab ihm in allem recht. Wir saßen eine Stunde in einer Wirtsstube in der Nähe des Bahnhofs, sahen aus dem Fenster nach den Leuten, die vorbei gingen, und sagten nicht viel. Meine Mutter schwieg fast ganz. Sie starrte mit großen, steifen Augen auf den Fußboden und wenn sie aufsah und mich mit ihren Augen streifte, sah sie mich an, als ob sie mich das letzte Mal sähe. Als es Zeit wurde, brachte ich sie wieder nach dem Bahnhof.

Als der Hamburger Zug kam und sie einsteigen mußten, bat mich mein Vater, ich möchte ihm irgendeine Klei-nigkeit mitbringen, ein Horn, oder einen Schmuck der Feinde, oder so was. Ich glaube: das hat er sich aufge-spart, damit er im letzten Augenblick etwas zu sagen hätte. Meine Mutter aber umarmte mich plötzlich mit Weinen. Da sie mich seit meiner frühesten Kindheit niemals mehr umarmt hatte, erschrak ich und sagte: „Was tust Du, Mutter?“ Sie sagte: „Ich weiß nicht, mein Sohn, ob ich Dich wiedersehe.“ Ich lachte und schüttelte ihre Hände und sagte: „Es ist gar keine Gefahr! Ich will schon wiederkommen!“

Als ich im Dunkeln nach der Kaserne zurück kam, war da ein großes Leben. Eltern, Geschwister, Verwandte, Bräute und Bekannte waren gekommen; sie tanzten und tranken und redeten.

Um Mitternacht nahmen wir auf dem Hofe Aufstellung und gingen dann mit vollen Kapellen durch die Stadt.

Wenn ich hundert Jahre alt werde, so vergesse ich doch niemals diese nächtliche Stunde, als Tausende von Men-schen mit uns zogen und in unsere Sektion drangen, uns anriefen, grüßten und winkten, und Blumen auf uns warfen und unsere Gewehre trugen und uns zum Bahn-hof brachten. Der Platz vor dem Bahnhof war schwarz von Menschen.

Auf der Bahnfahrt nach Wilhelmshaven schlief und dös-te ich so vor mich hin. Auch die anderen waren müde. Als wir ankamen, ging ich mit einigen anderen in eine kleine Wirtschaft nicht weit vom Hafen und bekam für viel Geld ein wenig schlechtes Essen. Um vier nachmit-tags traten wir wieder an und gingen unter dem Zu-schauen vieler Menschen, die aus der ganzen Umge-bung zusammengelaufen waren, zu zweien, mit voller Bepackung, die lange, schmale Holztreppe hinauf, die vom Kai auf das hohe Schiffsdeck führte. Es war ein heller, bitterkalter Wintertag.

Wir stiegen zwei kurze Treppen hinunter und kamen in einen ziemlich großen, niedrigen Raum, der so ganz und gar und so dicht mit Bettgestellen belegt war, daß wir uns wunderten. In zwei Stockwerken standen sie über- und unter- und hart beieinander. Sehr schmale Gänge liefen zwischen ihnen hin und an den Wänden entlang. Ich bekam ein unteres Bett.

Da stellten und legten wir nun an und über unser Bett alles hin, was wir hatten: Gewehr, Tornister und Klei-dersack. Und packten und hantierten und standen in-zwischen an den Bullaugen und sahen aufs Wasser, und waren sehr lebhaft und guter Dinge, wie immer in einem neuen Quartier; und wurden nur fortwährend durch das Zittern, das vom Gang der Maschinen her durch das ganze Schiff ging, erinnert, daß dies unser Quartier uns in die weite Ferne trug. Wie aßen im selben Raum, an der Seite, an langen Tischen, und bekamen an diesem Abend Erbssuppe und Kaffee.

Nachher ging ich noch einige Zeit hinauf und stand im Windschutz der ersten Kajüte an der Reeling und sah nach der Küste hinüber. Ich sah aber im Dunkeln nichts weiter als von den Lichtern des Schiffes einen gelb-lichen, wirren Schein in schwarzen, schwer rauschen-den Wellen, und in der Ferne einige stillstehende Lich-ter, wohl von Leuchttürmen oder Feuerschiffen; und am Himmel die Sterne. Da wurde ich von dem Gedanken bedrückt, daß ich fortgebracht würde und mich nicht dagegen wehren könnte und in der Fremde vielleicht Furchtbares erleben müßte. Ich fand aber Hilfe, als ich vor Gott gelobte, daß ich gut und fröhlich und mutig sein wolle, was mir auch geschähe.

Am andern Morgen sahen wir nichts als weites, dunkel-graues Meer, soweit das Auge sah. Am Horizont standen einige Rauchwolken und einige kleine Segel. Wir gin-gen zum Appell an Deck und bekamen jeder auf unsern linken Arm einen Anzug aus leichtem braunen Leinen, das Khaki heißt, und große, topfartige, hellbraune Hel-me aus Kork, sogenannte Tropenhelme. Wir wunderten uns und lachten; und gingen in unsern Schlafraum und probierten die Helme und machten viel Unsinn. Nach-her befestigten wir Knöpfe an die Anzüge. Wir standen aber viel an den Bullaugen und sahen hinaus. So waren wir den ganzen Tag sehr tätig. Einige schrieben schon die ersten Ansichtspostkarten.

Am zweiten Tag standen wir lange an der Steuerbord-reeling und sahen nach der Küste von England hinüber, welche, gar nicht fern, mächtig schroff und stark aus dem Wasser aufstieg, und nach den Fischerböten, wel-che in ihren grauen oder schwarzen Segeln in großer Zahl auf dem weiten, bewegten Wasser lagen. … und freute mich, … daß ich wohl als der erste von allen, die mit mir die Itzehoer Volksschule besucht hatten, diese Gegend mit meinen Augen sah.

Das Wetter war kalt, hell und windig. Wir sahen klei-nere Schiffe auf den Wogen auf- und niedergehen; aber unser großes Schiff rührte sich nicht viel, und es waren nur Einige ein wenig seekrank. Ich konnte es nicht er-tragen, das lange, lange Deck entlang zu sehn, wie es sich langsam ein wenig hob und dann wieder hinunter-ging. Es erschien mir so unvernünftig und unglaublich, und es legte sich ein Druck auf den Vorderkopf und auf den Leib. Auch andern ging es so. Aber wenn ich mich dann zusammennahm und mich aufrichtete und hin und her ging und weit übers Meer sah, verging es wie-der. Aber als wir aus dem Englischen Kanal heraus und in das Gebiet der Biscaya kamen, da wurde es plötzlich schlimm.

Ich stand gerade in Gedanken vor meinem Bett, Behrens neben mir; wir besahen gemeinsam ein Bild seiner El-tern, das sie ihm mitgegeben hatten. In dem Augenblick hob und schob sich ganz plötzlich der Boden schräg un-ter unseren Füßen, während im gleichen Augenblick ein mächtiges Krachen, Klirren, Fallen und Schreien von überall her kam und wir beide übereinander und über das Bett fielen, und mit Armen und Beinen nach allen Richtungen Hilfe und Stützen suchten. Mühsam kamen wir wieder hoch und griffen nach den eisernen Stangen, welche die Bettstellen trugen, und torkelten, indem nun die andere Seite des Schiffes gewaltig hoch fuhr, gegen die andere Bettreihe; und strebten aus den Bettreihen heraus, als wenn da Rettung wäre. Ich hatte aber erst wenige Schritte gemacht, da war mit zumute wie da-mals, als ich zwölfjährig die erste Zigarre geraucht hatte. Ein Druck lag mir schwer auf dem Kopf, und mein Ma-gen stieg und stieg zum Hals hinauf. Mein ganzer Mut und all meine Lebenslust war weg, und Angstschweiß tropfte mir von der Stirn. Da ging ich taumelnd und kläg-lich den Gang wieder zurück und warf mich auf mein Bett. Es war nur gut, daß ich nicht in ein oberes Bett hinauf mußte.

Es war eine schlimme Nacht. Wenn ich jetzt, nach zwei Jahren, daran denke, wird mir noch wieder schlimm zumute und ich muß schlucken. Was war das für ein Gespuck und Gewürge! Viele jammerten, als ob ihr letzter Tag gekommen wäre.

Und da, als ich so dastand und auf das Zittern des Schiffes und auf sein schweres Wogen achtete und auf die großen, schwer aufrauschenden und schäumenden Wogen starrte, hatte ich auch wieder ein besonderes Glück. Ich sah, nicht weit von unserem Schiff, einen mächtigen Segler dahingleiten. Alle seine ungeheueren Segel hoch, lag er schräg vorm Wind, daß ich im grau-enden Morgenschein das ganze Deck sehen konnte und den Steuermann im dicken Mantel so recht gemütlich auf dem Skylight sitzen sah, die kurze Pfeife im Mund. Es hob und senkte sich, von der Back bis zu Heck, schwer und machtvoll; aus zwei Fenstern kam heller Lichtschein. So zog es, eine mächtige Erscheinung, wie voll von einer ruhigen, großen Seele, lautlos, schön und mühelos im dunkelgrauen Morgen die dunkle, wilde Meerbahn. Ich habe niemals etwas Schöneres gesehen, von Menschen gemacht. Und ich wurde gesund davon.

Es wurde von Tag zu Tag wärmer. Nicht weil der Frühling kam, sondern weil wir immer weiter nach Süden fuhren und die Sonne also immer senkrechter auf uns fiel. Die Sonne strahlte, das Meer war wieder ruhig. Wir waren vormittags sehr fleißig. Es war überm Heck ein Balken aufgestellt, der an seinem oberen Ende eine Scheibe trug; danach schossen wir mit unseren neuen Geweh-ren. Die Offiziere schossen auch, jeder mit seinem Re-volver; und jeder prahlte mit seiner Waffe. Nachmittags saßen wir auf dem Deck umher, reinigten die Gewehre, oder flickten, oder wuschen; und unterhielten uns und sangen dazu. Abends saßen wir im Kreise und erzählten uns Kasernengeschichten aus Kiel, oder es erzählte je-der aus seiner Heimat. Einige Schelme konnten Stücke vortragen, die sie gelernt hatten, oder aus der Luft grif-fen. Es ging alles auf Hochdeutsch. Sie neckten uns Holsteiner aber, weil wir das „S“ so zwischen die Lippen nahmen, als wäre es eine Nadel.

Einige spielten immer Skat. Ihr Eifer wurde immer grö-ßer; ihre Karten immer schmutziger. Es war ihnen ganz einerlei, was um sie vorging. Ob wir zu ihnen sagten: „Ihr da, da sind fliegende Fische zu sehen! Sie schwenken ein wie Schwadronen!“ Oder: „Ein großer englischer Damp-fer kommt vorüber!“ Oder: „Ihr da, seht mal auf, wie schön die Sonne untergeht: das ganze Meer bis zu ihr hin ist goldgrün, und jede Welle hat einen blauschwar-zen Kamm.“ Oder: „Habt ihr schon Meerleuchten ge-sehen? Geht doch mal nach dem Heck und seht, wie die aufbrodelnden Wellen ganz voll von warmem, rotem Feuer sind.“ Aber sie sahen nicht auf. Sie schüttelten ärgerlich den Kopf; oder sagten: „Guck Dir das man genau an!“ und spielten weiter. Sie spielten um nichts.

Es waren ziemlich viele Kleine und ganz Junge unter uns, zwanzig Jahre alt und noch darunter. Ich glaube, von ihnen hatte mancher schweres Heimweh. Und eini-ge von ihnen erschraken, so schien es mir, über alles Neue, das sie sahen. Es war ihnen verwunderlich und fast unheimlich und sie wurden immer stiller. …

Andere saßen in einer Ecke und übten stundenlang, eine Kapelle zustande zu bringen. Der eine hatte einen Kamm quer vorm Mund, der andere klapperte mit Holz-stücken, der dritte pfiff durch die Finger; unsere Spiel-leute lieferten Flöte und Trommel. Ein kleiner Schlesier war der Hauptmakker. Er war es auch, der an jedem Abend die Lieder anstimmte, die wir zusammen sangen. Und besonders war es ein Lied, das wir sangen, daß es weit und traurig übers Meer klang: ‚Nach der Heimat möchte ich wieder.’ …

Es wurde immer wärmer und sonniger. Wir kamen in die Höhe der Straße von Gibraltar. Wir zogen die blauen Anzüge aus und zogen die leinenen braunen Khaki-sachen an. Immer, Tag und Nacht, zitterte das Schiff vom Gang der Maschine, wie der menschliche Körper vom Schlag des Herzens. … Eines Tages sah ich auf der gro-ßen Karte, welche an der Treppe hing und auf welcher die tägliche Stellung unsres Schiffes bezeichnet war – wir standen oft in Haufen vor dieser Karte –, daß nun bald die Insel Madeira kommen mußte.

Und am andern Morgen schon, in aller Frühe, als ich sofort nach der Back ging, um Ausschau zu halten – viele standen schon da –: da lag vor uns, nicht mehr fern im Meer, ein buntes Eiland. Es erhoben sich rauhe Felsen breit, wuchtig und kahl, von denen der mittlere alte breite Festungsmauern als schöne Krone trug. Davor aber, vom Strand sanft aufsteigend, breitete und dehnte sich eine ziemlich große Stadt von weißen, plattdachigen Häusern, die sich weiter nach oben hin, rund zu Füßen der alten Feste, in üppigem Grün, in Wäldern und Blu-menfeldern verloren.

Immer näher kamen wir dem schönen Wunder. Wir standen und staunten und glitten in die Bucht hinein, wie neugierige Kinder dem Bilderbuch näherrücken, bis wir dicht davor waren. Da hörten wir auf das Schreien und Zurufen unter uns und sahen unter uns Böte dicht am Schiff, deren Insassen aussahen wie Italiener, dun-kelbraun von Haut und bunt gekleidet. Sie standen auf-recht in Böten und hielten Fruchtkörbe in die Höhe und riefen zu uns hinauf. Wir kauften aber nichts, da wir wußten, daß wir an Land kommen würden.

Am Vormittag noch ging ich mit vielen andern die schmale Holztreppe hinunter, die draußen an der Schiffswand hinabgelassen war, und stieg in eins unsrer großen Boote, und wurde an Land gerudert. Wie war alles neu! Und wie war alles bunt! Unser Leutnant hatte uns gewarnt: „Ich will Euch was sagen: Kauft nicht so dumm drauflos! Es ist nicht alles, was bunt ist, schön und echt. Und nehmt euch mit dem Wein in acht!“ Aber es dauerte nicht lange, da standen hier zwei, dort drei, dort fünf und sechs in dem weit geöffneten und niede-ren Läden und kauften für ihre Schwestern und Bräute Blusen und Tücher, alles aus leuchtender Seide in allerschönsten Farben. Und sie riefen mich an und sagten: „Du mußt doch auch ein Andenken mitbringen, Moor. Vielleicht ist der Aufstand vorbei, wenn wir in Swakopmund ankommen und wir kommen gar nicht an Land. Wenn Du dann nachher zu hause sagst, Du wärst auch mit gewesen und hast nichts aufzuweisen, glaubt es dir keiner.“ Das schien mir richtig, was sie sagten, und ich ging hinein und kaufte zwei kleine seidene Hals-tücher für die beiden ältesten Schwestern; denn einen Schatz hatte ich nicht, und meine Mutter würde so Buntes niemals anlegen, Als wir endlich wieder heraus kamen, ging gerade der Leutnant vorüber, der vorhin so großartig von „Ich warne Euch“ geredet hatte und hatte schon ein Paket in der Hand und ich mußte ein wenig lachen und er lachte auch.

Es war überhaupt, als wenn wir alle, sobald wir das Land betreten hatten, von lieblichem Wein trunken waren: so schön hell und weich schien die Sonne und so glänzte alles in Farben und so fröhlich waren die Menschen. Ich dachte: ‚Mach Deine Augen auf, daß Du jetzt etwas siehst; wer weiß, ob Du noch einmal im Leben wieder unterwegs kommst.’ Ich ging durch mehrere Straßen und wunderte mich über alles, was ich sah, so über das langohrige Pferd, das vor seinem Karren ging, und er-kannte plötzlich, daß es ein Maultier war, das ich zu-weilen auf Bildern gesehen hatte. Ich besah die fremden Worte auf den Schildern der Läden und merkte mir am Inhalt des Ladens einige Worte. Ich sah nach den Frau-en in bunten Kopf- und Schultertüchern und nach den Männern, die breite Schärpen um den Leib trugen; wun-derte mich über den Stolz um den Mund und das dunkle Feuer im Auge. Ein Soldat kam langsam des Weges, ein schöner Mensch, aber in schlampiger Uniform. Er legt die Hand an die Mütze und sah mich freundlich an; da grüßte ich ihn ebenso.

Nachdem ich so eine Weile allein gegangen war, kam ich wieder an den Strand und fand einige Kameraden in einer offenen Weinstube sitzen, dicht an der Straße, fast auf dem Bürgersteig. Sie saßen um kleine Tische und schrieben eifrig Ansichtspostkarten und tranken dabei aus kleinen Gläsern. Ich setzte mich zu ihnen, winkte und bekam auch ein Glas und schrieb auch eine Karte an meine Eltern. …

Nach einiger Zeit kamen einige der Unsrigen vorüber, die sangen und waren laut und wankten ein wenig. Da drängte ich die anderen, daß wir weiter gingen. Der Wirt, in roter Weste und Hemdärmeln, konnte sicher kein einziges deutsches Wort sonst, aber die Namen der deutschen Geldstücke kannte er.

Am dritten Morgen hiernach stand ich ziemlich früh an der Reeling und wartete auf den Dienst und sah so in Gedanken verloren übers Wasser, ob ich wohl etwa in der Ferne eine der Kapverdischen Inseln entdecken könnte, in deren Nähe wir nun waren. Es schien mir aber ziemlich zwecklos; denn es war noch neblig.

… So ergriff mich das Wunder, das Gott hier mitten ins weite Wasser und unter die brennende Sonne gestellt hat. [Der 2830 m aus dem Wasser ragende Vulkan Fogo.] Sie standen alle und sahen hinauf. Einige redeten laut; aber viele sahen still hinauf. Und sahen, wie die Nebel da oben in der ungeheuren Höhe zur Seite glitten, und die glatten, schrecklich steilen Felsen sichtbar wur-den, die wie alte, ungeheuere Festungsmauern sich auf-türmten, eine auf die andre. Und auf der obersten, brei-ten, zerfallenen Mauer lag der ewige Schnee. Langsam glitten wir an seinem steinernen Fuß dahin.

Es ging immer weiter, Tag und Nacht, immer nach Sü-den. Es ist ein Wunder, wie groß die Welt ist. Wie leicht und rasch gleitet auf der Landkarte die Hand von Ham-burg nach Swakopmund; aber wie arbeitet die Maschine hastig, eintönig, dumpf fleißig, unermüdet, durch Tag und Nacht, über drei Wochen lang. …

Wir übten vormittags fleißig. Es knallte stundenlang; es wurde auch ein wenig exerziert. Die Stimmung war immer sehr gut. Wir steuerten südöstlich. Der afrikani-schen Küste zu. Wir sollten hier [in Monrovia] unter-wegs siebzig Neger an Bord nehmen, wie die meisten Schiffe tun, die nach Swakopmund hinunterfahren. Die-se siebzig Neger sind unterwegs Trimmer, Heizer und Helfer aller Art und da unten auch Schauerleute, laden ein und aus, und fahren nachher wieder mit dem Schiff zurück und werden an ihrer Küste wieder an Land ge-setzt.

Am siebten Tag nach Madeira sahen wir die Küste von Afrika aufsteigen. Sie war ganz so, wie wir sie uns ge-dacht hatten; liebliche Hütten unter Palmen, viele hohe und schöne Bäume an sanft aufsteigenden grünen Hü-geln und es wimmelte von Menschen. Daß sie schwarz waren, konnten wir noch nicht sehen.

Als wir nicht mehr fern waren, kam Gehlsen zu mir und erzählte mir, daß die Väter und Großväter dieser Neger einst Sklaven in Nordamerika gewesen waren. Die dor-tige Regierung hatte sie wieder hierher [Liberia] in ihre Heimat zurück geführt und hilft ihnen bis heute, daß sie freie Republikaner sind. Als er mir das erzählt hatte, ging er nach vorn, um besser zu sehen; denn wir kamen schon dicht heran. Ich aber ging noch rasch nach un-serm Schlafraum um eine Karte zu schreiben; denn es ging Post an Land. Als ich so saß und schrieb, ganz in Gedanken, kam von draußen ein Wandern und Schrei-en und dummes Gekreische, und ein Schleifen, und Rutschen, und gleiten, daß ich aufsprang und hinaus-ging. Da erschrak ich und staunte mit offenem Munde. Denn über beide Borde kam es, mit Katzenschleichen und Schlangengleiten, schwarz und lang und halbnackt, mit großen entblößten Gebissen, mit lachenden wilden Menschenaugen, ältere und jüngere, und kleine Jungen, um Brust und Leib ein wenig buntes Zeug, mit Säcken und Töpfen und Kisten. Sie liefen schwatzend und la-chend über Deck ganz unbekümmert um unser Staunen und verkrochen sich unter Deck und richteten sich ein. Wir lagen nur einige Stunden dort. Dann ging die Fahrt weiter, Tag für Tag und die ganzen hellen Nächte hin-durch.

In meiner freien Zeit stand ich oft bei den Schwarzen und beobachtete sie, wie sie friedlich beieinander saßen und in gurgelnden Tönen miteinander schwatzten und sie um die großen Eßtöpfe hockten, mit den Fingern eine Unmenge Reis zum Munde führten, und mit ihren großen knarrenden Tiergebissen Beine, Gekröse und Eingeweide ungereinigt fraßen; es schien ihnen gar nicht darauf anzukommen, etwas schmackhaftes zu essen, sondern nur, ihren Bauch zu füllen. Und es schien mir, daß es so stand, nämlich, daß die Leute von Madeira zwar Fremde sind für uns, aber wie Vettern, die man sel-ten sieht, daß diese Schwarzen aber ganz, ganz anders sind als wir.

Es wurde auch viel darüber gescherzt, daß wir dem Äqu-ator näher kämen. Die ein wenig unbeholfen und träu-merisch waren, wurden geneckt, sie sollten aufpassen, daß sie den Strich auf dem Meer sehen könnten und sollten sich gut festhalten, wenn es nun bergab ginge, und dergleichen mehr. Ich nahm an diesen Neckereien nicht teil, da ich gar nicht dazu veranlagt bin; auch taten die mir leid, auf die sie zielten. Die waren nämlich lange nicht die Dummen. Sondern oft waren die, welche neck-ten, die Dummen und Gedankenlosen; sie hatten nur ein großes Maulwerk. …

Die Nacht war in dem engen Raum sehr heiß, ja fast un-erträglich. Einige schalten; aber die Vernünftigen sahen ein, daß es nicht anders sein könnte. Wenn man einmal erwachte, war es fast unmöglich wieder einzuschlafen. Einmal, als ich so schlaflos und unruhig lag, schien mir, als wenn der kleine Schlesier, der, welcher so gern und so fröhlich sang – er lag rechts neben mir –, heiß und kurz aufschluchzte. Als ich ihn fragte, was los war, schwieg er erst. Dann sagte er mit leiser, ruhiger Stim-me: „Dies Fahren wird langweilig, meinst Du nicht auch? Immer, Tag und Nacht, ich weiß nicht wieviele Meilen … es ist gar nicht möglich, daß wir einen so weiten Weg wieder zurückfinden.“ Dann lag er wieder still.«


Für Passagiere der Ersten Klasse ist die Fahrt in die Kolonien auch ein Erlebnis erster Klasse. Ende Juni 1912 fährt Helene Grunicke mit der Bahn von Dresden nach Hamburg für ihre Schiffsreise mit ihrer Schwester und einer Bekannten nach Deutsch Ostafrika, wo sie denn, wie vorgesehen, ein Jahr bleibt. Helene Grunicke:

»Dort [in Hamburg] galt es zunächst im Afrikahaus die Gepäckangelegenheiten in Ordnung zu bringen und sich durch den von der Linie ausgestellten Gepäck-schein zu überzeugen, daß alles Hab und Gut auch beisammen ist; denn das Nachsenden von Gepäck-stücken ist wohl möglich, aber mit viel Kosten und meistens sehr langem Warten verknüpft. Nachdem alles zur Zufriedenheit erledigt, blieb uns noch Zeit zur Besichtigung der alten, interessanten See- und Handels-stadt übrig. Es reist wohl kaum ein Fremder durch Hamburg, der nicht, neben dem vielen anderen Sehens-werten, den Hagenbeck’schen Tierpark in Stellingen besucht. Manche der Leser werden sich sicher schon erfreut haben an dem munteren Wesen der verschie-denen Antilopenarten und der Bewohner des „Heufres-sergeheges“, des indischen Brahma-Zebus, des afrikani-schen Zebras, des südamerikanischen Lamas, der Dro-medare, Mähnenschafe, Zwergesel und der verschie-denen Hirscharten. Auch werden sie die Himalaya-ziegen bewundert haben, die in kühnem Wagemute die höchsten Spitzen und Felsvorsprünge des, natürlich künstlich errichteten, Hochgebirges erklettern. Ein et-was banges Gefühl beschleicht wohl die meisten Besu-cher vor der Raubtierschlucht, wo – anscheinend – die Löwen, Tiger und Leoparden vollständig frei umher-laufen. Jede Gefahr ist jedoch ausgeschlossen, denn ein breiter durch Agaven und anderes Pflanzenwerk ver-deckter Graben verhindert die Tiere am Ausbrechen. In den Felsenhöhlen über der Raubtierschlucht horsten mächtige Adler und Geier.

Nachdem so der Nachmittag im Fluge vergangen ist, machen wir noch eine Fahrt auf der Außenalster zum Uhlenhorster Fährhause, wo die einschmeichelnden Weisen der Militärkapelle und die prächtige Illumi-nation des Gartens uns mit guten Bekannten in der lauen, sternhellen Sommernacht noch lange zusam-menhält.

Die Ausfahrt des Dampfers ist für den nächsten Nach-mittag drei Uhr festgesetzt, und es wird dringend ge-wünscht, daß die Passagiere wenigstens eine Stunde vor Abgang an Bord sind. Die weit ausgedehnten Hafenan-lagen mit ihren vielen Gebäuden und großen Schuppen der bedeutendsten deutschen Schiffahrtslinien, der Hamburg-Amerika und der Deutsch-Ost-Afrika-Linie, ferner die großen und kleinen Werften mit ihren vielen Tausenden von Arbeitern geben auch dem Binnen-länder einen Begriff von dem Welthandel und dem Weltverkehr, der durch Hamburg vermittelt wird. Mit einem gewissen Gefühl des Stolzes betritt man dann solch einen großen Ozeandampfer, welcher in pein-lichster Sauberkeit an einem sonnenhellen Sommer-tage uns entgegenglänzte. Ein ganz besonders lebhaftes Treiben entwickelt sich am Petersenquai, Droschken und Autos bringen die Passagiere mit mancherlei Kabinen- und Handgepäck, andere Reisende kommen zu Fuß mit ihren vielen Lasten, Gepäckträger rennen eilends hin und her, und die verschiedenen Schiffs-kräne verstauen die Frachtstücke in den tiefsten Räu-men des Dampfers. Endlich ist alles fertig, die Schiffs-glocke ertönt zum Zeichen, daß die, welche nicht Passagiere sind, das Schiff verlassen müssen, die Anker werden heraufgewunden, die Taue gelöst, und unter den Klängen der Musikkapelle an Bord und dem Hüte-schwenken und Tücherwinken der Zurückbleibenden wird der Dampfer langsam durch einen Schleppdampfer aus dem Hafengebiet herausgebracht und gleitet end-lich an den lieblichen, anmutigen Vororten Hamburgs vorüber, der Elbmündung und der Vereinigung der Elbe mit der Nordsee bei Cuxhaven entgegen. Mittlerweile ist es dunkel geworden und wir passieren die jetzt stark befestigte Insel Helgoland bei Nacht. In unserer Kabine hat der Steward das Gepäck untergebracht, und wir richten diesen kleinen engen Raum, welcher vier bis fünf Wochen als Schlafgemach dienen soll, etwas be-haglich ein. Daneben stehen natürlich den Reisenden der ersten Kajüte die mit allen Errungenschaften der Technik und moderner Behaglichkeit der Neuzeit aus-gestatteten Gesellschafts- und Speiseräume, die ver-schiedenen Promenadendecks, sowie überhaupt das ganze Schiff zur Bewegungsfreiheit zur Verfügung. All-mählich machen sich auch die leiblichen Bedürfnisse geltend, und wir nehmen die ersten Mahlzeiten auf dem Schiff ein. Da die See vollkommen ruhig, munden sie vortrefflich. Die Verpflegung auf den deutschen Damp-fern gilt allgemein als „vorzüglich“; sie werden daher auch sehr viel von Ausländern, namentlich Engländern, benutzt. Morgens von sechseinhalb bis siebeneinhalb Uhr Kaffee, Thee mit Brötchen, Butter, Marmelade; erstes Frühstück acht bis zehn Uhr; zweites Frühstück zwölf Uhr; Thee oder Kaffee mit Kuchen drei bis vier Uhr; Hauptmahlzeit abends sieben Uhr; auf Wunsch Thee und belegte Brötchen von neun bis zehn Uhr. Die Seeluft und die verschiedenen Bewegungsspiele ma-chen Appetit, und manche Passagiere essen die ganze Speisekarte herunter. Daß zu den Hauptmahlzeiten, vor allem der Abendtafel, stets große Toilette angelegt wird, wie zu Bällen oder Abendgesellschaften, will ich nur nebenbei bemerken. Trotz der vielen neuen Eindrücke, oder vielleicht gerade ihretwegen, stellte sich endlich doch die Müdigkeit ein, und wir suchten unser Schlaf-gemach auf. Aber zur zweiten Lagerstatt zu gelangen war nicht so einfach, eine Treppenleiter mußte eingehakt werden, um mit turnerischer Gewandtheit die obere Bettstatt zu erklimmen. Die erste Nacht brachte uns, des Ungewohnten halber, wenig Schlaf, und zeitig am nächs-ten Morgen waren wir schon am Deck, wo die Liege-stühle von dem diensthabenden Matrosen (quatermas-ter) bereits aufgestellt waren. Auf dem neuesten Damp-fer Tabora, den wir auf der Rückreise benutzten, hat man auch einige Kabinen mit freistehenden Betten, die natürlich bevorzugt werden.

Allmählich kam wieder Land in Sicht; wir näherten uns der flachen holländischen Küste mit ihrem weit aus-gedehnten, fruchtbaren Weideland, ihren Rinderher-den und ihren Windmühlen. Nach sechsundzwanzig-stündiger Fahrt lagen wir im Hafen von Rotterdam vor Anker. Bald begann hier ein ohrenbetäubendes Lärmen und Getöse, welches mit dem Einladen der Waren durch die Krähne verbunden ist. Die Reisenden suchen demselben soviel wie möglich zu entgehen indem sie Ausflüge an Land machen. So war uns Zeit und Gele-genheit geboten, die Sommerresidenz der Königin der Niederlande und das altberühmte Seebad Scheveningen kennen zu lernen. In eineinhalbstündiger Eisenbahn-fahrt von Rotterdam erreichten wir den Haag (hollän-disch ’s-Gravenhage) und fuhren vom Ankunftsbahnhof mit der Straßenbahn nach dem Platz (Plein), Mittelpunkt der Stadt, in deren nächster Nähe sich das Mauris-Haus befindet, die Bildergalerie mit berühmten Bildern holländischer Meister, unter anderem das Original-Gemälde „Die anatomische Lektion“ von Rembrandt.  Nach dem Plein zurückgekehrt, benutzten wir wiede-rum die elektrische Straßenbahn, welche uns durch den berühmten Schevening’schen Bosch (Wald), vor dessen Beginn sich der so viel genannte „Friedenspalast“ befin-det, nach Scheveningen brachte. Riesige Hotels und ein prächtiges Kurhaus sind bereit zur Aufnahme der Bade-gäste, aber keine Blumen oder Bäumchen schmücken die Fenster und Portale dieser Steinkolosse. Ein wunder-voll feiner Sand auf breitem Strande ist aber jedenfalls ein großer Vorzug des Seebades. In Rotterdam sind zwei Museen beachtenswert, das städtische und das Marine-museum. Das letztere zeigt die Entwicklung der Schif-fahrt von den einfachsten Ruder- und Segelbooten der Phönizier und der noch jetzt gebräuchlichen Canoes (sprich Kanus), ausgehöhlte Baumstämme der Eingebo-renen Afrikas, bis zu den hochentwickelten Typen der neuesten Panzerschiffe, der Torpedo- und Untersee-boote.

Gegen Mittag wurden die Anker gelichtet, und wir steuerten wieder der offenen See zu, passierten nachts die Straße von Dover (der Franzose nennt sie Pas de Calais) – man kann hier die beiden Küsten, sowohl die französische, wie die englische, deutlich liegen sehen – und kamen in den wegen seiner Stürme so tückischen Kanal und nach Southampton. Hier wurde die Post ausgewechselt, Passagiere aufgenommen, und nach nur zweistündigem Aufenthalte ging es weiter. Immer an der Nordküste der Insel Wight entlang, welche wir so in ihrer ganzen Ausdehnung und Schönheit bewundern konnten; denn prächtige Landsitze, altehrwürdige Schlösser mit ihren ausgedehnten Parkanlagen und sanft ansteigenden wunderbar grünen Rasenflächen, bewaldete Höhenzüge und endlich die schroffen, steil ins Meer abfallenden Felsen, die Needles, zogen wie in einem Panorama an dem entzückten Auge vorüber.

Nun waren wir im Atlantischen Ozean (dem Atlantic). Soweit der Blick schweift, nichts als Wasser und Him-mel und Himmel und Wasser; und das Meer dabei so ruhig und das Wetter so herrlich, daß die von allen Seeleuten und Seefahrern außerordentlich gefürchtete Biskaya (der Golf von Biscaya) uns keine Schrecken einflößen konnte. Der Wettergott blieb uns auch treu, und nachdem das spanische Kap Finisterre mit seinem Leuchtturm sich in der Ferne gezeigt hatte, erreichten wir nach dreitägiger Fahrt unser nächstes Ziel Lissabon (Lisboa). Von Kennern des Erdballs wird dieser Hafen als einer der schönsten der Welt bezeichnet. Das weite natürliche Hafenbecken, in welches sich in breitem Strom der Tajo ergießt, mit seinen unzähligen kleinen Booten und flinken Seglern, die sich lang hinziehende, terassenförmig aufgebaute Hauptstadt mit ihren vielen Türmen, Statuen und schloßartigen Bauten, der lachen-de blaue Himmel und die schon recht heiß vom Firmament herabscheinende Sonne üben einen ganz eigenartigen, zauberischen Reiz auf uns kühle Nord-länder aus. Und betreten wir Lissabon selbst, so mutet uns diese Stadt ganz anders an als die bisher geschauten. Die Frauen, ich meine die der ärmeren Bevölkerung, tragen schwere Lasten auf den Köpfen und doch mit solch einer Grandezza, als ob sie alle geborene Köni-ginnen wären; die Männer haben meist eine zipfel-mützenartige Kopfbedeckung und führen alle Hantie-rungen im Freien, auf der Straße, vor dem Hause aus. Die Menschen sind mittelgroß, schwarzhaarig und dunkelhäutig. Die Frauen kleiden sich mit Vorliebe in Schwarz. Die Frau aus dem Volke glaubt ein feineres Aussehen zu bekommen, wenn sie ein schwarzes drei-zipfliges Tuch sich um die Schultern schlägt, und die Dame der Gesellschaft sieht man wohl selten ohne die schwarze Spitzenmantilla. In den Markthallen werden außerordentlich viel Südfrüchte, herrliche Blumen und Fische in großer Menge Tag für Tag feilgeboten.

So ist das Kloster Belem eine der größten Sehens-würdigkeiten Lissabons, vollständig aus weißem, unge-schliffenen Marmor erbaut, jetzt eine Erziehungsanstalt für Waisenknaben, welche 800 Kinder, jeder Confes-sion, unterbringen kann. Auch die deutsche Sprache wird dort nach Wahl gelehrt, und wir waren angenehm überrascht, von einem etwa zwölfjährigen Zögling durch die verschiedenen Säle und Gänge geführt zu werden, welcher die kurzen Erklärungen in unserer Mutter-sprache geben konnte. Er hatte sich dadurch auch einen reichlicheren Bakschisch (Trinkgeld) erworben, als es sonst vielleicht der Fall gewesen sein würde. Unmittel-bar schließt sich die frühere Klosterkirche an, ebenfalls in Marmor in maurischem Stil erbaut; in derselben wird natürlich auch jetzt noch Gottesdienst gehalten, und kamen wir gerade zur feierlichen Handlung der Firme-lung hinzu, während welcher ein wunderbar feines, geheimnisvolles Spiel von der Orgel herab ertönte. In einer Seitennische dieser Kirche befinden sich auch die Marmorsarkophage wohl der beiden größten Portugie-sen, Vasco da Gama und Camoëns. Schöne breite Stra-ßen mit prächtigen Anlagen und schattenspendenden Alleen und große Plätze und Springbrunnen und Denk-mälern durchziehen die vornehmeren Stadtviertel, und die Hauptstraße, die Avenaria liberale, sowie der Platz Pedro IV. und der Placa commerciale sind mit ihrem lebhaften Verkehr genau so der Rendevous-Platz der Lissaboner, wie es in Berlin die Straßen „Friedrichstraße und Unter den Linden“ sind. Interessant ist dann auch noch eine Fahrt im Fahrstuhl auf die Plattform einer der vielen Kirchen oder Kirchenruinen, von denen eine, zur Erinnerung an das furchtbare Erdbeben, welches im 18. Jahrhundert, wohl 1755, fast ganz Lissabon zerstörte, als stetes „memento mori“ erhalten wird. Ein prächtiges Panorama bietet sich von hier über die Stadt und den Hafen bis zu den blauen, fast ganz kahlen Höhenzügen der Sierra Estremadura, wo, wie eine trutzige alte Raub-ritterburg, fast uneinnehmbar, Schloß Cintra, die Som-merresidenz der früheren Könige, umgeben von einem prächtigen Parke, liegt. … Und etwas wie Wehmut be-schleicht uns beim Durchwandern der Säle und Zimmer dieses altberühmten Königsschlosses, welches schon von den Mauren um 1420 erbaut wurde und so auch die Glanz- und Blütezeit des portugiesischen Volkes erlebt hat.

In schlanker Fahrt ging es unter der außerordentlich großen Geschicklichkeit der Wagenlenker schnell die vielen Windungen der Bergstraße bis etwa zur Hälfte des Weges hinab, der Sommerfrische Cintra zu, wo die reichen Lissaboner ihre Sommervillen haben. Hier wa-ren im Hotel Netto ein feines Frühstück (früher sagte man Lunch) zubereitet. Auch verfehlten wir nicht, dazu zu trinken eine Flasche des berühmten portugiesischen Weines, Muskateller, zu dem ungeheuren Preise von 1100 Reis (Res) gleich fünf Mark. Weiter wurde uns noch ein sehr schöner Privatbesitz, Schloß Montserrat, ein kleines, im Stil der Alhambra erbautes Marmor-schlößchen, einem reichen Engländer Cook gehörend, gezeigt. Ein Bild tropischer Üppigkeit bietet der wunder-bare Park mit seinen Palmen, Agaven mit den großen Blütendolden, den Azalien- und Kamelienbäumen, den buschhohen Heliotroppflanzen, welche einen betäuben-den Duft ausströmen, und den bis in die höchsten Spitzen der mächtigen Baumfarren [Baumfarne] sich hinaufwindenden, verschiedenfarbigen Clematis.

Nach kurzer Fahrt war die Bahnstation erreicht, und wir bestiegen wieder den Eisenbahnzug, dessen Wagen ers-ter Klasse außerordentlich breit und bequem sind, wel-cher uns am Morgen in etwa eineinhalb Stunden durch ödes, kahles, steiniges Land in diese paradiesische Ge-gend gebracht hatte.

Am nächsten Tage mittags verlassen wir Lissabon, nach-dem achtzig Passagiere (coloured gentlemen, farbige Herren) fast alle zweiter und dritter Kajüte, und viel Ladungsgepäck eingenommen ist, und steuern am Cap Vicento vorüber der Nordspitze Afrikas zu, deren felsige und gebirgige Küste am andern Morgen in Sicht kommt. Jedoch wird es wiederum Mittag, bis vor Tanger, einer der Hafenstädte des so heiß umstrittenen Marokko, die Anker fallen, um einige Passagiere abzusetzen, eventu-ell aufzunehmen. Bei dem sehr hohen Wellengange war ein Ausbooten vom Kapitän verboten, und wir mußten uns genügen lassen an dem malerischen Anblick der orientalischen Häuser mit ihrem leuchtenden, teils wei-ßen, teils blauen Anstrich, den vielerlei Türmen und schlanken Minarets, im Vordergrund ein breiter Strei-fen gelben Wüstensandes. Marokkanische Händler in ihren bunten Gewänder kamen mit kaum glaublicher Geschwindigkeit an Bord, um ihre köstlichen Waren an Decken, Stickereien, Tüchern, Krügen, Bechern, Waf-fen usw. auszubreiten und mit großer Zungenfertigkeit und lebhafter Gestikulation anzubieten. Doch wie eine Fatamorgana, so schnell, wie sie gekommen, mußten sie wieder verschwinden. Denn schon ertönte die Schiffs-glocke, und nach nur zweistündigem Aufenthalte setzte sich der Dampfer wieder in Bewegung, an der afrikani-schen Küste entlang.

Bald jedoch taucht auf der anderen Seite Land auf, ebenfalls steil und gebirgig, Spanien mit Trafalgar in Sicht, und um vier Uhr nachmittags passieren wir die Straße von Gibraltar mit der außerordentlich starken englischen Festung Gibraltar, welcher auf marokkani-scher Seite die spanische Festung Cëuta gegenüber liegt. Wir sind jetzt im blauen Mittelländischen Meere. Das Land tritt allmählich immer mehr und mehr zurück und verschwindet schließlich vollständig, denn wir nehmen direkt östliche Fahrt, bis wir scharf nach Norden, im Kurse genau auf Marseille, wenden.

Der abendliche Sternenhimmel, die Milchstraße mit ihren deutlich erkennbaren Sternhaufen und eine höchst interessante, in den westlichen Meeren seltene Erscheinung „das Meerleuchten“ fesselte uns bei den sanften Weisen der Musikkapelle bis gegen Mitter-nacht an Deck. Das war wie bläulich phosphorschim-mernde Raketen und Schlangen und in die Höhe schnellende Glühwürmchen, welche in der lauen Sommernacht, bei ziemlich bewegter See, wie in einem Märchenzauber zu beiden Seiten das Schiff um-rauschten. Ein unvergeßlicher Anblick! Am folgenden Tage war das Meer wieder ruhig; zeitweise wurde das spanische Küstengebirge, und hier und da verschiedene Städte sichtbar.

Am vierten Tage nach unserer Abfahrt von Tanger sind wir im Golf von Lyon angekommen. Hier änderte sich plötzlich das Wetter. Wir erwachen früh morgens gegen zwei Uhr durch ein eigentümliches Geräusch, einem langgezogenen, schauerlichklingenden, in kurzen Zwi-schenräumen sich wiederholenden Klageton vergleich-bar, und es scheint, als ob das Schiff sich nicht von der Stelle bewegt. Und so war es denn auch; eineinhalb Stunde vor Marseille lagen wir im Nebel fest und wären beinahe auf die felsige Küste aufgelaufen, wenn wir nicht durch ein plötzliches Zerreißen des Nebels die Gefahr erkannt und durch sofortiges Zurückdrehen der Steuerung dies noch glücklich verhindert wurde. An-kunft und Abfahrt in Marseille verzögerte sich auf diese Weise um einen Tag, uns blieb nur wenig Zeit zur Besichtigung dieses hervorragenden Hafenplatzes, des ersten Frankreichs und des größten im Mittelmeere überhaupt. In der Nähe der Dampferanlegestelle befin-det sich am Quai Joliette die neue Kathedrale, ein schöner Bau im neu-romanischen Stil mit vergoldeten Kuppeln und einer reichlich mit Gold und andern Farben verzierten Fassade. Man genießt von hier aus einen wundervollen Ausblick auf die See. Jedoch viel großartiger und imposanter ist derselbe von der Kirche „Notre Dame de la Garde“, welche gegen den alten Hafen hin, auf einer Anhöhe, die zugleich als Fort dient, fünfhundert Fuß über dem Meeresspiegel im Jahre 1864 erbaut worden ist. Im glänzenden Sonnenschein funkelt und gleißt die goldene Gestalt der Heiligen Maria, wel-che die Kirche krönt, zugleich eine Segnerin und Beschützerin der Seefahrer. Vom Portal aus sehen wir zu unsern Füßen ausgebreitet die Stadt, die großen Hafen-anlagen, den blauen Golf, aus welchem düster und kalt die nackten schwarzen Felsen der Frioul-Inseln heraus-ragen, deren eine mit dem finstern Châteaux d’If, dem berühmten Staatsgefängnis gekrönt ist, während land-einwärts die zerklüfteten Gipfel der Seealpen auftau-chen. Der elektrische Aufzug und die Tramway brachten uns schnell wieder in den Mittelpunkt des lebhaftesten Geschäftsviertels, der „Rue Cannebière“ mit seinem erstaunlich großen Verkehr.

Eine der vielen Tramways, die sogenannte „Corniche Circulaire“, unsern Ringbahnen entsprechend, fährt in etwa einer Stunde durch die schönsten Partien der Stadt, am Hafen, am Golf und schönen Villenstraßen entlang und endlich durch den „Prado“, eine von Pla-tanen und Tamarisken eingesäumte Allee, die bevor-zugte Promenade der lebensfrohen Bevölkerung zurück zur „Rue Cannebière“, dem Stolz der Marseiller, welche die geflügelten Worte gebildet haben „Wenn Paris eine Avenue Cannebière hätte, würde es beinahe Klein-Mar-seille sein“. Hier befindet sich auch die prächtige Börse, ein imposanter Steinbau mit schönem griechischen Portal, verschiedene größere und kleinere Kirchen und das Palais Langchamps, ein eleganter in weiß gehaltener Steinbau, der ein naturhistorisches Museum und eine Kunstgalerie enthält. Ein wohlgepflegter tropischer Gar-ten und der Zoologische Garten schließen sich dem Palais an. – Um auch das Nachtleben einer großen französischen Stadt kennen zu lernen, soweit dies für Damen möglich ist, erbot sich einer der Herren unserer kleinen Tafelrunde, unser Führer und Begleiter zu sein; und so strebten wir nach dem Abendessen wieder der Rue Cannebière zu. Wir wollten ein Variété oder eine ähnliche Vorstellung besuchen, fanden jedoch nichts Zusagendes, trotz verschiedener Anfragen bei Passanten und Schutzleuten, die übrigens außerordentlich höflich und bereitwillig Auskunft gaben, obgleich sie uns sicherlich die Ausländer anmerkten. So gelangten wir schließlich in ein „Kino“, welches in Marseille eine genau ebenso große Anziehungskraft auszuüben scheint wie in unsern deutschen Städten. … So war Mitternacht nahe, und wir mußten schleunigst eine Tramway su-chen, die uns nach dem Hafen zurückbrachte, wo wir am Torwächter vorüber, durch das Wirrsal der Hafen-anlagen endlich wieder auf unserm Dampfer anlangten.

In der Frühe des nächsten Morgens ging die Fahrt wei-ter durch die Straße von Ajaccio zwischen den Inseln Sardinien und Corsika, bis wir am Abend des zweiten Tages Neapel erreichten, welches einen feenhaften An-blick bot in der nächtlichen Beleuchtung des großen weiten Halbkreises der Bucht mit seinen vielen Dörfern und Inseln bis hinauf zum Observatorium auf dem Vesuv. – Hier verließ der größte Teil der Passagiere, welche Vergnügungsreisende waren, den Dampfer, und es entwickelte sich daher, kaum als die Anker gefallen waren, sofort reges Leben, wie es mit der Ankunft eines Schiffes verbunden ist. Trotz der mitternächtlichen Stunde fehlten auch die Barken mit den Guitarre-spielern und Sängerinnen, den Wassertauchern und gewandten Schwimmern nicht, und fast ununterbro-chen tönte das berühmte Santa Lucia zum Schiffe he-rauf, und die ebenso berühmte (oder vielmehr berüch-tigte) Bettelei Italiens nahm bereits ihren Anfang. Da infolge der vielen Geräusche (Ein- und Ausladen des Passagiergepäcks und der verschiedenen Warenladun-gen) an Schlaf nicht zu denken war, machten wir uns zeitig am Morgen auf zu einem Gang durch das er-wachende Neapel und bekamen so einen ganz inte-ressanten Einblick in das Volksleben. Abseits der breiten schönen Straßen verzweigt sich ein Labyrinth schmaler, enger Gassen und Gäßchen, welche kaum einem Wa-gen die Durchfahrt gestatten, und von den Fenstern der verschiedenen Stockwerke ziehen sich Seile von einer Seite zur andern und dienen als Trockenplatz. Daß auch noch alle gewerblichen und teilweise häuslichen Han-tierungen in den Gäßchen vor den Häusern vorge-nommen werden, gilt für selbstverständlich. Ganz ei-genartig ist die Versorgung der Neapolitaner mit Milch. Keine glänzend lackierten, mit Namen und Wappen versehene Wagen, mit ihren blitzsauberen Blechkan-nen und Maßen fahren hier umher, sondern die Kühe und Ziegen werden durch die Straßen getrieben und nach Bedarf von ihrem Führer gleich gemolken, wenn eine Köchin oder Hausbursche mit dem Kruge kommt. Es ist also gerade nicht sehr appetitliche, aber doch unverfälschte Milch.

Gar zu gern hätten wir eine Fahrt auf den Vesuv, der immer leichte Rauchwölkchen ausstieß, unternommen oder den untergegangenen Städten Herculaneum und Pompeji einen Besuch abgestattet, aber die Zeit drängte, und so mußten wir uns auf eine Wagenfahrt durch die Stadt und deren Hauptsehenswürdigkeiten beschrän-ken. Ein gut orientierter Führer machte uns auf alle wichtigen Gebäude, Plätze und Standbilder aufmerk-sam; nur wunderte es uns, daß er neben italienisch wohl englisch, aber nicht deutsch verstand. Es ist eine Eigen-tümlichkeit der Deutschen, die man im Auslande immer wieder beobachten kann, sich leicht und schnell den Sitten und Gebräuchen und auch den Sprachen anderer Völker anzupassen und ihre Nationalität zurückzustel-len; andererseits ist es ihnen jedoch hierdurch gelun-gen, sich weite Handelsgebiete zu erobern. – Doch zu-rück zu Neapel; da sind die Arkaden, ein Monumen-talbau ganz aus Marmor, der eine Million Lire gekostet hat, in denen sich prächtige Verkaufsläden, große Geschäftshallen und elegante vornehme Kaffees befin-den. Wir bestiegen wieder den Wagen, fuhren durch schöne, sehr belebte Straßen und großzügig angelegte Promenaden mit Denkmälern und Springbrunnen nach dem Aquarium, welches das vielseitigste und größte der Welt sein soll. Vor allem interessierte uns hier die Tintenschnecke, welche mit ihrem breiten, den Körper bedeckenden Mantel und dem langen Schwanz ganz eigentümlich aussah. Ein weiterer Prachtbau, zu dessen Eingang breite Marmorstufen hinaufführen, ist das Museum, welches die Ausgrabungen von Pompeji in teilweise wieder hergestellter Form enthält – Um auch den alten und ärmeren Teil Neapels, ähnlich dem am Morgen geschauten, kennen zu lernen, ließ der Führer uns durch schmale, enge Gäßchen fahren, welche sehr belebt waren und nur ein langsames Fortkommen er-möglichten. In Anbetracht des regen Verkehrs der oft recht fragwürdigen Gestalten mahnte uns der Führer mit einem bedeutungsvollen Blick auf unsere Hand-täschchen zu einem „Take care for your handpockets“.

Jedoch unangefochten kamen wir zum Dampfer zurück, wo inzwischen neue Passagiere, die Afrikaner, einge-troffen waren. Unter ihnen befanden sich ein Bischof, welcher nach Johannisburg, ein Pater und acht Schwes-tern (vier davon in der ersten Kajüte) die nach Mozam-bique auf eine katholische Missionsstation den Zambesi aufwärts reisten und dort für Lebenszeit verpflichtet waren; zwei Forschungsreisende vom bakteriologischen Institut zu Frankfurt am Main, ein Handelsreisender aus Hamburg und der stellvertretende Oberrichter für Deutsch-Ost-Afrika, deren Ziel Dar-es-salam war.

Bald tauchte auf einsamer Insel wieder ein feuerspei-ender Berg, der Stromboli, auf, welcher in Zwischen-räumen von je fünfzehn Minuten eine Rauchwolke kerzengerade, wie aus einem Eisenschlot, in die Luft ausstieß. Wir näherten uns der Insel Sizilien und kamen in die Straße von Messina, an deren engster Stelle sich die Felsenriffe der Scylla und die starken Strudel der Charibdis befinden, die den Seefahrern des Altertums oft verhängnisvoll wurden, wie es Schiller in seinem „Taucher“ so ergreifend und begeisternd darstellt. So-wohl die Küste Italiens wie diejenige Siziliens bietet unter dem sonnig blauen Himmel landschaftlich so viel Schönes, daß man nicht weiß, wohin den Blick wenden, bis er schließlich auf Messina, das mit seinen blühenden Gärten und duftenden Orangenhainen, mit seiner la-chenden Bevölkerung und den vielen dorthin zur Erho-lung gekommenen Fremden vor mehreren Jahren von dem finster dräuenden Vulkan, dem Aetna, welcher sein Haupt in Wolken einhüllte, mit glühender Lava über-gossen und so dem Verderben anheim gegeben wurde. [Erdbeben vom 28. Dezember 1908 – 100.000 Tote] Doch auch hier blüht „Neues Leben aus den Ruinen“, und die zerstörten Ortschaften sind zum größten Teil fast alle wieder schmuck und nett aufgebaut.

Mehr und mehr entschwindet die Küste den Blicken, und wir nehmen Abschied von dem Erdteil Europa, nachdem noch auf der Höhe von Creta, bei scharfem Auslug, diese Insel mit ihrem goldgelben Sandstrand schwach sichtbar wird. Jetzt endet auch die mitteleu-ropäische Zeit, welche uns auf der Reise bisher oft irregeführt hat, infolge der stets wechselnden Bewe-gung des Schiffes; und wir haben jetzt reine Sonnen-uhrzeit. Es fängt bereits an, ziemlich warm zu werden, und wir bedauern, keine Backbordkabine bekommen zu haben, da auf der Steuerbordseite die Sonne recht heiß brennt. (Wenn man auf dem Schiff steht nach vorn, nach seinem Gang gerichtet, so ist zur Rechten die Steuerbord- und zur linken die Backbordseite).

Nach drei Tagen landeten wir in Port Said, durften das Schiff jedoch erst verlassen, ebenso wie später in Aden, nachdem sämtliche Personen, die Passagiere sowohl wie die Besatzung und Bedienung, sich einer ärztlichen Untersuchung hatten unterziehen müssen. In der ersten Kajüte wurde sie in der Weise geübt, als sich sämtliche Passagiere im Speisesaal versammelten, vom Verwalter einzeln beim Namen aufgerufen wurden und am Hafen-arzt vorüber zur Tür wieder hinausgingen. Da hier der Dampfer Kohlen für seine Weiterfahrt einnehmen mußte, und der feine Staub das ganze Schiff überzieht, booteten wir frühmorgens gegen zwei Uhr aus und betraten somit zum ersten Male afrikanischen Boden.

In einem der vielen Cafés, welche, wenn Dampfer signalisiert, Tag und Nacht geöffnet sind, tranken wir echten arabischen Kaffee (bei der Zubereitung ist der wie Pulver feingemahlene Kaffee mit in der Tasse drin), mit süßer Milch und Cakes serviert, der uns vortrefflich mundete. Vor dem Kaffeehaus zeigten Zauberkünstler, Akrobaten, Tänzer und Gaukler ihre Künste und Händ-ler boten ihre glänzenden Perlen, Talismane und man-cherlei Schmucksachen zu jedem möglichen Preise an. Bald färbte sich der Himmel violett, ein Vorbote des aufgehenden Tagesgestirns, und in Kürze erstrahlte die glänzende Sonne am Himmel. Die Bauart des Orients, offene Hallen, um die Häuser laufende Balkone, der helleuchtende Anstrich der Gebäude, die runden Kup-peln der Moscheen und die schlanken Minarets, die Gebetstürme, von deren Spitze die gläubigen Allah’s von Muezzims (Ausrufer zum Gebet) alle zwei Stunden zum Gebet aufgerufen werden, in den Straßen Palmen und eine unseren Akazien ähnliche Baumart über und über mit Büscheln helleuchtender Blüten bedeckt, der Tamarindenbaum, Gummibäume; dann die Wasser-träger, welche in Krügen und Butten auf dem Rücken der Lastesel Wasser aus den Fluten des heiligen Nil geholt haben, erregen unsere Bewunderung. Weiter eine schmalspurige Straßenbahn von einem Maultier gezogen, welche den Verkehr vom Hafen nach den verschiedenen Stadtvierteln, dem Europäer-, dem Ara-ber-, dem Inder-, dem Griechenviertel vermittelt, und nicht zuletzt die Eingeborenen in ihren teils hell-leuchtenden, malerisch bunten, schweren seidenen, teils ganz düstern, dunkeln Gewändern, die vermumm-ten Frauengestalten, die sich balgenden schwarzen, braunen und gelben Straßenjungen, in ihren meistens recht zerlumpten Anzügen, – all dies vereinigt sich in Port Said zu einem solch eigenartigen, reizvollen Bilde, daß man des Schauens garnicht müde wird. Wir be-schlossen daher noch eine Wagenrundfahrt durch die Stadt, und der Führer mußte uns auf alles Sehenswerte aufmerksam machen. An vielen Hotels vorüber, die durch ihre herabgelassenen Jalousien zeigten, daß jetzt stille Zeit für sie ist, – der Hauptfremdenstrom ergießt sich hierher vom Januar bis April – bewunderten wir die Auslagen in den vielen Schauläden, fuhren an der eng-lischen, griechischen, jüdischen und koptischen Kirche vorüber. (Die Kopten sind die christlichen Nachkommen der alten Ägypter und bekennen sich zu einem alter-tümlichen Christentum; ähnlich wie die Abessinier und Armenier sind sie Monophysiten, eine kirchliche Partei, welche nur eine Mensch gewordene göttliche Natur in Christi Person annahm.) Unser brennender Wunsch war, auch in das Innere einer Moschee einmal eindrin-gen zu dürfen. Ebenso hier wußte unser Führer Rat, denn auch die Anhänger Muhameds haben sich den Zeitströmungen nicht ganz entziehen können und sind vor allem dem Bakschisch (Trinkgeld) sehr zugetan. Sie umgehen daher die äußerst strengen Vorschriften des Korans über das Betreten ihrer Gotteshäuser durch die Ungläubigen und besonders durch die Frauen, indem sie ihnen Strohschuhe hinsetzen zum Anziehen. So konnten auch wir ungehindert das Innere eines solchen Gebetstempels besichtigen und waren eigentlich ziem-lich enttäuscht, denn nur Teppiche liegen darin, die Wände sind mit großen Koransprüchen und Arabesken verziert, eine ziemlich hohe Treppe führt auf eine Art Kanzel für den Geistlichen, während gegenüber sich ein abgegrenzter Raum für die Gläubigen befindet, das heißt nur für die Männer, die Frauen haben ihren Platz auf der Empore. Im Vorhof ist eine halbkreisförmige Halle mit vielen Wasserleitungshähnen, damit die Gläubigen nicht versäumen, die täglich fünfmal vorgeschriebenen Waschungen vorzunehmen.

Wir bestiegen wieder den Wagen, gelangten durch die Araberstadt mit ihren Märkten, Läden, Kaffeehäusern und Handwerksbetrieben jeder Art auf der Straße, nach dem Bahnhof und von dort durch die Griechenstadt zurück zum Hafen, wo wir in einem großen orienta-lischen Kaufhaus einige Andenken mitnahmen.

Schnell war ja die Abfahrtszeit des Dampfers heran-gekommen, und da der Durchfahrt durch den Suezkanal kein Hindernis im Wege stand, ging es mit nur halber Geschwindigkeit, wie dies Vorschrift, an dem pracht-vollen Gebäude der Suezkanalgesellschaft und der Lessepsstatue, dem Erbauer des Kanals, einem fran-zösischen Ingenieur, zu Ehren errichtet, vorüber hinein in die schmale Fahrstraße, welche durch fortwährend arbeitende Bagger vor dem Versanden geschützt werden muß. Der Kanal ist einhundertundsechzig Kilometer lang und sechs bis acht Meter tief, seine Breite ist ungefähr die Gleiche unseres Kaiser Wilhelm-Kanals, welcher die Ostsee mit der Nordsee verbindet. – Somit sind die Kulturländer der alten Welt zu Lande von einander getrennt, zu Wasser einander aber bedeutend näher gebracht. Mit welch riesigen Summen dies Millionenunternehmen rechnet, geht wohl am besten daraus hervor, wenn man bedenkt, daß jeder Dampfer für die etwa fünfzehnstündige Durchfahrt vierzigtau-send Mark bezahlen muß. Ungefähr auf der Hälfte des Weges erweitert sich der Kanal zum Bittersee, der Ausweichstelle der Dampfer, an dessen Ufer, in Palmen, Platanen und Tamarinden malerisch eingebettet, eine Kanal- und Eisenbahnstation Ismailia liegt. Bis hierher begleitete uns auch, auf afrikanischer Seite, der dem Kanal parallel laufende Schienenstrang der Eisenbahn Port Said–Suez–Cairo, und es ist Gelegenheit geboten, wenn der Dampfer in Port Said genügend Zeit hat, den Pyramiden, diesen altehrwürdigen Wahrzeichen ägypti-scher Pracht- und Machtentfaltung im Altertum, einen Besuch abzustatten. Längs der Eisenbahn und an den einzelnen Stationen, kleinen netten Häuschen, unsern Kleinbahnhaltestellen ähnlich, ziehen sich Anpflanzun-gen und kleine Wäldchen einer Cedernart hin, welche zugleich dem Bahndamm Schutz gewähren und dem Auge den Anblick von wenigstens etwas Grün bieten; eine nicht zu unterschätzende Annehmlichkeit gegen-über dem blendenden Wüstensande Arabiens auf der asiatischen Seite des Kanals. Die arabische Wüste wird in ihrer Einförmigkeit zuweilen unterbrochen durch kleine Hügelketten oder auch einzelne Erhebungen, die durch den Wüstenwind im Sande entstanden sind und die den Sand je nach Tageszeit und Beleuchtung weiß, gelb, rot oder braun erscheinen lassen. Ortschaften mit ärmlichen Lehmhäusern, einer kleinen Moschee und einem großen Lagerplatz mit Zelten und Kameelen heben sich grell ab in der helleuchtenden Sonne und senden ihre Karawanen- und Pilgerstraßen in das Innere des Landes, besonders nach Mekka und Medina, den heiligen Wallfahrtsorten der Muhamedaner, anderer-seits werden die Erzeugnisse des Landes hierher zur Küste gebracht.

Gegen Sonnenuntergang zeigt sich diese grelle glän-zende Färbung des Abendhimmels, die alle Conturen scharf hervortreten läßt und den Tropenbildern das ihnen eigene lebhafte Colorit gibt. Denn in Kürze pas-sieren wir den Wendekreis des Krebses und treten somit in die heiße Zone ein, welche sich nördlich und südlich des Äquators zwischen den beiden Wende-kreisen ausbreitet. So wird Suez erreicht. Riesige Tanks, die zur Gewinnung des Seesalzes dienen, fallen hier auf, die Post wird ausgetauscht, und wir steuern in das we-gen seiner Hitze so sehr gefürchtete Rote Meer hinein. Am anderen Morgen wird das Sinaigebirge mit dem alttestamentarischen Mosesberge Sinai und noch meh-reren Bergspitzen, welche die zwölf Apostel genannt werden, sichtbar. Allmählich tritt die Halbinsel Sinai zurück und das Rote Meer wird so breit, daß man nichts von den gegenüberliegenden Ufern sehen kann. Von der Hitze ist bisher noch nichts zu bemerken, es weht im Gegenteil ein kühler Wind auf dem Vorderdeck; dies ist allerdings eine so seltene Erscheinung (meist ist voll-ständige Windstille), daß verschiedene Passagiere, die die Reise schon öfters gemacht, sich gewissermaßen entschuldigend äußerten, als ob wir denken könnten, sie hätten in ihren Angaben übertrieben. Doch es war der erste Tag, und wir gebrauchten viereinhalb Tage Fahrzeit. Bald änderte sich denn auch die angenehme Temperatur, das Thermometer schnellte auf sechsund-dreissig bis vierzig Grad Celsius in die Höhe, und die Hitze wurde unerträglich. Auf der Backbordseite des Schiffes ist es unmöglich sich aufzuhalten, da der heiße Wüstenwind, der von Arabiens Gefilden herüberweht, wie aus glühendem Ofen zu kommen scheint. Die ge-ringste Bewegung, namentlich beim Ankleiden, war eine Last, und es lief der Schweiß am Körper herunter. Die meiste Zeit brachte man da auf seinem Liegestuhl zu und trank Whisky mit eisgekühltem Sodawasser. Ein Bad zu nehmen war auch nicht anzuraten, denn abge-sehen davon, daß es gar keine Erfrischung bot, setzte man sich bei dem hohen Salzgehalt des Wassers (wel-cher zwölf Prozent beträgt, während die Nordsee zwei bis drei und die Ostsee gar nur eineinhalb Prozent auf-weist) der Gefahr aus, den Roten Hund, einen lästigen, juckenden, schmerzhaften Ausschlag zu bekommen. —

Doch auch dies ging vorüber. Die Fahrstraße wurde en-ger, das Blinkfeuer verschiedener Leuchttürme machte auf die Gefährlichkeit der Klippen und Felsvorsprünge, welche kaum aus dem Meer hervorragen, aufmerksam; gegen sieben Uhr Abends passieren wir die Straße von Bab el mandeb, und alles atmet erlöst auf, denn ein kühler Luftzug empfängt uns, und wir sind der Gluthitze des Roten Meeres glücklich entronnen. Wir befinden uns jetzt im Indischen Ozean, und am frühen Morgen ist Aden, das Gibraltar des Orients, erreicht, von den Eng-ländern auf steilen, schroff aufragenden, jedoch voll-ständig kahlen Felsen zu starker Befestigung erbaut. Kein Schiff kann ohne Willen der Engländer aus dieser Verbindungsstraße auslaufen, Kriegsschiffe sind hier stationiert.

Am Fuße des Felsen zieht sich die Stadt mit ihren großen Kaufhäusern in weiten Bogenhallen am Strande entlang. Hauptausfuhrartikel sind Kaffee, Gummi, Tabak, Strau-ßenfedern. Die Indien- und Australienfahrer nehmen hier Kohlen ein. Riesige Cisternen (Wasserbehälter, in denen das Seewasser destilliert und filtriert wird, um als Süßwasser verwendet werden zu können) fallen beson-ders ins Auge. Eine Wasserleitung versorgt seit einiger Zeit auch die Stadt mit Trinkwasser. Trotzdem ist das Wasser dort ein sehr kostbarer Artikel; so sollen bei-spielsweise die einzigen Bäume, welche sich vor dem Gouverneurspalast befinden, durch ihren Wasserbedarf ein kleines Vermögen alljährlich kosten. Aden gilt für einen der heißesten Orte der Welt, wenn nicht für den heißesten überhaupt; es ist dies wohl zu verstehen, da in den letzten sieben Jahren kein Tropfen Regen viel.

Händler kommen an Bord, breiten ihre zum Teil wirk-lich kostbaren orientalischen Waren, auch Straußen-federn, aus und mit großer Zungenfertigkeit und Ge-wandtheit preisen sie deren Echtheit und Vorzüglichkeit in den verschiedensten Sprachen an. — Doch auf ein gegebenes Glockenzeichen müssen sie schnell all ihre Herrlichkeiten wieder zusammenpacken; majestätisch nimmt das Schiff seinen Lauf wieder auf, im Kurs zu-nächst östlich, dann um das Kap Guardafui (Hüte dich) in südlicher Richtung.

Kaum ins offene Meer hinausgekommen, weht uns recht kräftig der Monsun entgegen. Die Monsune sind gleichförmige Winde, die im Indischen Ozean, beson-ders zwischen den Wendekreisen während der einen Jahreszeit (das heißt ein halbes Jahr) von Südwesten nach Nordosten, während der anderen von Nordosten nach Südwesten wehen und nur in ihrer Stärke in den verschiedenen Monaten verschieden sind. Der weiße Gischt spritzte bis zum Promenadendeck der ersten Kajüte und weiter bis zum Mastkorb in etwa zwanzig Meter Höhe über dem Wasserspiegel. Wir hatten Sturm, Windstärke neun (Windstärke zwölf ist der größte Orkan).

Das waren böse Tage, denn natürlich der größte Teil der Passagiere mußte dem Meeresgott Neptun seinen Tri-but zollen, und die Speise- und Gesellschaftssäle waren verödet und verlassen. Die meisten Patienten befanden sich auf Deck in den Liegestühlen eingepackt in Kissen und Decken, einige auch blieben in den Kabinen. Ob-gleich wohl noch kein Fall von tödlich verlaufener See-krankheit vorgekommen und nachgewiesen ist, spielt sie den davon Befallenen so arg mit, daß diese ihr letztes Stündlein herbeigekommen wähnen und gegen äußere Eindrücke vollständig unempfindlich und gleichgültig sind. Merkwürdigerweise bleiben die kleinsten Passa-giere, die Kinder bis etwa zum zweiten Lebensjahre, von diesem Übel verschont.

Am fünften Tage nach dem verlassen von Aden pas-sierten wir den Äquator und zur Feier dieses denk-würdigen Vorganges wird immer ein kleines Fest ver-anstaltet. „Äquator-Fest-Essen mit Tafelmusik.“ Die ge-sunkenen Lebensgeister wurden durch dies köstliche Mahl nach dem langen Fasten wieder gehoben, und eine fröhliche Stimmung griff Platz; um so mehr, da der Speisesaal mit Guirlanden, Lampions und den verschie-denen Fahnen der an Bord befindlichen Nationalitäten als Deutsche, Engländer, Franzosen, Belgier, Portugiesen geschmückt war. Bei dem Gange „Illuminiertes Eis“ wurden sämtliche elektrischen Lampen abgedreht, und, Stewardeß und der Obersteward an der Spitze in aben-teuerlichen Kostümen, zogen die übrigen Stewards mit Lampions und der eine von ihnen mit einem großen Teller mir einem ausgehöhlten Eisklumpen, in dessen Mitte sich ein Licht und ringsherum auf Muscheln die einzelnen Eisportionen befanden, ein anderer mit ei-nem Aufsatz mit Confekt, Knallbonbons, Pfeifen, aufzu-blasenden Zeppelinluftschiffen und andern Scherzarti-keln im Saale umher und boten den Gästen von ihren Herrlichkeiten an. Bis gegen Mitternacht wogte so leb-haftes Treiben.

Am nächsten Tage wurde in dem englischen Hafen Mombassa-Kilindini angelegt. Von hier führt die Ugan-da-Bahn nach dem Viktoria-Nyansasee und den in der Nähe befindlichen Goldminen.

Endlich am achten Tage war unser Ziel Tanga in Deutsch-Ostafrika erreicht. Froh, nach viereinhalbwö-chentlichem Aufenthalte auf den schwankenden Bret-tern des Ozeandampfers wieder festen Boden unter den Füßen zu fühlen, betreten wir das Neue Deutschland, welches noch einmal so groß wie das Mutterland ist.«

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Allgemeines Leben I




1913. Georg Escherich befindet sich im Urwald von Kamerun und hört von Gorillas in der Nähe. Escherich:




Am 7. November 1914 stirbt Bischof Heinrich Vieter mit 61 Jahren in Jaunde. Noch im Februar war er auf Deutschlandbesuch und wurde am 7. Februar 1914 in Berlin von Kaiser Wilhelm II in Audienz empfangen. Vieter war als Pallottiner-Missionar 1890 mit weiteren Missionaren seines katholischen Ordens nach Kamerun gekommen. Nach dreizehn Missionsjahren mit der Eröffnung von Stationen und Schulen wird Vieter 1904 vom Papst zum Bischof ernannt und so wird Vieter der erste Bischof von Kamerun. Im September 1906 führt er in Duala die erste Synode der katholischen Kirche in Kamerun durch. Die Synode ist das Beratungsorgan des Bischofs, zu dem er Priester und andere Gläubige seiner Diözese zur Teilnahme einlädt.    

Karl Atangana, seit 1897 in der Pallottiner-Mission in Kribi erzogen, seit 1900 in der deutschen Kolonialver-waltung tätig und Häuptling der Jaunde, schenkt den Pallottinern das Landgut Mvolye bei der beständig wachsenden deutschen Stadt Jaunde, auf dem die Pal-lottiner eine Station bauen. Dort lebt Vieter in seinem Bischofshaus. In seinen letzten Lebensjahren ist der Bischof durch physische Erschöpfung und tropische Krankheiten geschwächt. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung findet Vieter in Mvolye seine letzte Ruhe-stätte.

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Verwaltung XII

Nauru ist Teil der Gilbert-Inseln und gehört somit nicht zu den Marshall-Inseln. Da aber das nächste deutsche Schutzgebiet die Marshall-Inseln sind, wurde Nauru den Marshall-Inseln verwaltungstechnisch angegliedert. Die Verwaltung der Insel obliegt der deutschen Jaluit-Gesellschaft. Sie setzt den Häuptling der Inselregion Boe, Auweida, und dessen Gemahlin Eigamoiya als Herrscher über die Insel ein.

Nauru ist einer der zwölf Steuerbezirke des Schutz-gebietes der Marshall-Inseln. Die Steuer wird auf den Koprahandel erhoben. Häuptling Auweida bekommt wie die in den anderen Steuerbezirken für die Steuerer-hebung zuständigen Häuptlinge einen Anteil an der Steuer. Unter besonderen Umständen, wie etwa durch Taifunschäden, wird die Koprasteuer erlassen. So zahlt Nauru in den Steuerjahren 1899/1900 und 1900/1901 keine Steuern.

Die evangelische Boston Mission ist seit 1899 auf der Insel und kann erfolgreich Missionieren. Anfang 1903 treffen zwei Missionare der katholischen Herz-Jesu-Mission, die vorher auf dem Jaluit-Atoll der Marshall-Inseln gewirkt hatten, auf Nauru ein. Sie bauen die beiden Missionsstationen Arubo und Menen auf der Insel auf. Im Gegensatz zu den wenigen Übertritten Einheimischer auf den Marshall-Inseln können die katholischen Missionare auf Nauru einige Eingeborene für ihren Glauben gewinnen, aber weit weniger als die evangelische Mission.

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Verwaltung I

Das Deutsche Kolonial-Lexikon über die Verwaltung von Deutsch Südwestafrika:

Die örtliche Verwaltung des Schutzgebiets hat in dem Kaiserlichen Gouverneur in Windhuk ihre Spitze. Der Gouverneur ist für die gesamte örtliche Verwaltung zu-ständig, seine Befugnisse sind nicht erschöpfend fest-gelegt. Er hat das Recht zum Erlaß von Verordnungen auf Grund allgemeiner Übertragung durch den Reichs-kanzler. Ihm unterstehen die Schutztruppe und Polizei. Zur Erledigung der Geschäfte kann er sich der Hilfe des ersten Referenten, der außerdem sein regelmäßiger Vertreter zu sein pflegt, und einer größeren Anzahl von Referenten und Hilfskräften bedienen. Die Verantwor-tung für die Handhabung der Verwaltung liegt aber ausschließlich beim Gouverneur. — Für die allgemeine innere Verwaltung ist das Schutzgebiet in Bezirke und selbständige Distrikte eingeteilt. Der Einteilung in Be-zirke und Distrikte liegt im allgemeinen der Gesichts-punkt zugrunde, daß an die Spitze der wichtigeren Teile des Schutzgebietes Bezirksämter, an die Spitze der noch weniger entwickelten Teile Distriktsämter gestellt sind. Im Jahre 1913 gab es folgende Bezirksämter: Windhuk, Swakopmund, Lüderitzbucht, Keetmanshoop, Gibeon, Karibib, Outjo, Grootfontein, Warmbad, Rehoboth und Omaruru. An selbständigen Distriktsämtern waren vor-handen: Gobabis, Okahandja, Bethanien, Maltahöhe und das für den Caprivizipfel zuständige Distriktsamt in Schuckmannsburg. Die Bezirks- und Distriktsämter un-terstehen dem Gouverneur, haben dessen Anweisungen zu befolgen und sind berufen, die örtliche allgemeine Verwaltung einschließlich der Polizeiverwaltung zu handhaben. — An der Verwaltung des Schutzgebietes steht der Bevölkerung ein Anteil zu. Bereits durch die Gouvernements-Verordnung vom 18. Dezember 1899 bestimmte der Gouverneur Leutwein, daß bei jeder Bezirkshauptmannschaft ein ständiger Beirat von 3 Mit-gliedern zu bilden und vor dem Erlaß von Verordnungen zu hören sei. Zum Zwecke der Beratung des Gouver-neurs wurde der Beirat des Windhuker Bezirks in verdoppelter Kopfzahl herangezogen. Die Verordnung des RK. [Reichskanzlers] vom 24. Dezember 1903 schrieb dann die Bildung von Gouvernementsräten allgemein für die Schutzgebiete vor.

Soweit das Kolonial-Lexikon.

Nach Südwest werden viele Söhne, etwa von den Ritter-gütern Ostdeutschlands, abgeschoben, die nach Mei-nung der Eltern nicht wohlgeraten sind oder etwas auf dem Kerbholz haben. Im Januar 1903 zählt die weiße Bevölkerung in Südwestafrika 4640 Menschen, darun-ter 2998 Deutsche. Die Zahl der weißen Männer beträgt 3391. 622 der weißen Männer sind verheiratet, davon 42 mit Afrikanerinnen.


Der Offizier Theodor Leutwein ist seit 1895 sowohl Gouverneur von Deutsch Südwestafrika als auch Kom-mandeur der Schutztruppe des Schutzgebietes. Er ver-steht mit den einheimischen Führern auszukommen, muß aber gleichzeitig die Wünsche der deutschen Sied-ler berücksichtigen. Ein schwieriges Unterfangen. Als im Januar 1904 der Hereroaufstand losbricht führt er die deutschen Truppen im Feld. In Deutschland ist man unzufrieden mit seiner scheinbar erfolglosen Kriegfüh-rung und der Kaiser ernennt einen neuen Kommandeur für die Schutztruppe, der den Krieg erfolgreich zuende bringen soll. Generalleutnant Lothar von Trotha trifft im Juni 1904 in Südwestafrika ein und maßt sich auch Befugnisse als Gouverneur an. Trotz seiner Proteste in Berlin kann Leutwein an seiner Lage nichts ändern, da zu starke Kräfte in der Reichshauptstadt für Trotha wirken. Am 11. November 1904 erhält Leutwein von Reichskanzler Bülow in der üblichen täuschenden Diplomatensprache ein Telegramm, daß Oberst Leut-weins »längst geäußertem Wunsch nach Beurlaubung nichts mehr im Wege stehe und im Falle seiner Abreise der Regierungsrat von Tecklenburg die Zivilverwaltung übernehmen würde«. Am 30. November 1904 verläßt Leutwein auf dem Großen Kreuzer SMS Vineta Süd-westafrika.

Seit Januar 1905 sind General Trotha auch die Aufgaben eines Gouverneurs übertragen, doch wegen seiner unfä-higen und Eingeborenen-feindlichen Politik fällt er in Ungnade. Der offiziell noch amtierende Leutwein wird aber nicht wieder eingesetzt, sondern mit seiner »Ordre« vom 19. August 1905 bewilligt der Kaiser Gou-verneur Leutwein den erbetenen Abschied und der Generalkonsul in Kapstadt, Friedrich von Lindequist, wird zum Gouverneur ernannt. Lindequist weilt aber zu einem längeren Aufenthalt in Deutschland und General von Trotha hat weiterhin die oberste Gewalt in der Kolonie. Am 4. November 1905 legt er sein Kommando über die Schutztruppe nieder. Dieses übernimmt in Vertretung Oberst Dame. Am 17. November trifft Trotha an der Lüderitzbucht ein und am 18. November trifft Lindequist via Kapstadt aus Deutschland mit der Prinz-regent der Deutsch Ost-Afrika Linie in Lüderitzbucht ein und bekommt von Trotha die Regierungsgeschäfte übertragen. Am 19. November schifft sich Trotha auf der Prinzregent nach Hamburg ein. Nun ist zum erstenmal ein Zivilist Gouverneur von Deutsch Südwestafrika.

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Tanga

Zu Anfang des Jahrhunderts ist Tanga bereits eine Hafenstadt für den Export der landwirtschaftlichen Güter von den Plantagen aus dem Hinterland, welche mit der Bahn herangefahren werden, während Dares-salam noch eine reine Verwaltungsstadt ist, ohne nen-nenswerte wirtschaftliche Betätigungen und eben ohne eine Bahn in das Hinterland. Das mehr von Geschäfts-leuten geprägte Leben in Tanga setzt sich deutlich vom steifen Leben der Beamten in der Hauptstadt ab. Es herrscht eine Rivalität zwischen beiden Städten über politische Angelegenheiten und das gesellschaftliche Leben. Erst mit dem Bau der Mittellandbahn von Daressalam aus seit 1905 wird auch Daressalam von Geschäftsleuten belebt und ein Standort für die Wirt-schaft.

Das Deutsche Kolonial-Lexikon über Tanga:

Die Stadt Tanga liegt an der Tangabucht, einer Verei-nigung der Creeks des Sigi mit dem des kleineren Mkulumusi. Die auf der Grenze beider Gebiete gelegene Toteninsel schließt mit dem Ras (Kap) Kasone zusam-men das eigentliche ziemlich geschützte Hafenbecken ein, das Schiffe bis zu 8 m Tiefgang aufnehmen kann. Der Verkehr mit dem geräumigen Pier der Usambara-bahn, in den die Geleise der Bahn münden, wird durch Leichter vermittelt. Der Ort selbst liegt an der südlichs-ten Stelle der Bucht oberhalb der etwa 15 m hohen Steilküste… — Tanga ist uralt, die Araber saßen hier, ehe die Portugiesen nach Ostafrika kamen. Von 1889 an begannen Europäer hier zu arbeiten. Deren Zahl betrug 1908: 141 bei einer Gesamtbevölkerung von 5689. Die entsprechenden Zahlen für 1913 sind 298 (252 männ-liche, 46 weibliche) und ungefähr 12.000. Schon 1893 wurde von Tanga aus der Bau der Usambarabahn begon-nen.

Im Ort waren 1913 zwölf Handelsgesellschaften und 26 andere europäische Firmen, etwa fünfzig indische ver-treten; es gab in Tanga 4 Gasthöfe, Hospital, Apotheke, eine Zeitung, Bezirksgericht, Post, Telegraph, Eisen-bahndirektion, Hauptzollamt. Der Hafenverkehr betrug 1912: 236 einlaufende Schiffe mit 613.656 Register-tonnen, dazu 384 Dhaus mit 10.003 t Rauminhalt.

Was das Kolonial-Lexikon noch nicht anzeigt, ist, daß Tanga am 3. Dezember 1913 eine Städteordnung erhalten hat und am 1. April 1914 das Stadtrecht verliehen be-kommen hat.


Ein Reisender beschreibt die Anfahrt mit dem Schiff von Norden kommend auf Tanga zu:

»Wenn sich das Schiff Tanga nähert, so erscheint zuerst auf einer weit ins Meer hinausragenden Landzunge der schöne Leuchtturm von Ulenge, der, im maurischen Stil erbaut, der mit Kokospalmen umsäumten Landschaft malerisch sich einfügt. Daneben eine Erholungsstation für Weiße in demselben Stil. Nach kurzen Fahrt zwi-schen den Korallenriffen hindurch, an der sogenannten Toteninsel vorbei, öffnet sich das prachtvolle Hafenbek-ken von Tanga vor den staunenden Blicken des Reisen-den, belebt von zahlreichen Fischerbooten und arabi-schen Dhaus, und eingefaßt von üppigsten Pflanzen-wuchs, dem mächtige Affenbrot- und Mangobäume und schlanke Kokospalmen das Gepräge geben. Am Eingang in den Hafen das schöne Hospital mit seinen weißen Gebäuden, am Landungspier der mächtige Zollschup-pen und am Ufer die Regierungsgebäude und die Han-delshäuser. Dahinter als Abschluß des wundervollen Landschaftsbildes die blauen Berge Usambaras.«

Der Hafen von Tanga besteht aus einem von der Toten-insel seewärts gelegen Außenhafen und einem Innen-hafen zwischen der Toteninsel und der Stadt. Große Schiffe gehen wegen ihres Tiefgangs lieber im Außen-hafen vor Anker. Nach der Abfertigung durch Hafen-behörde und Hafenarzt entwickelt sich schnell ein reger Boots- und Leichterverkehr zwischen Schiff und Land. Während die ankommenden Waren, abgesehen von Wellblech, Bauholz und Maschinenteilen, meist keinen großen räumlichen Umfang, wenn auch um so höheren Wert haben, wie dies besonders bei Konserven und Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens der Fall ist, arbeiten die Kräne des Schiffes Tag und Nacht, um aus den längsseits liegenden Leichtern hunderte von Säcken mit Kautschuk und Kaffee sowie von Hanfballen zu laden. In dem sauberen freundlichen Städtchen, das außer einer Reihe schmucker Steinhäuser auch ein Bis-marck-Denkmal aufweist, entwickelt sich an Schiffsla-de- und -entladetagen ein reges Leben.

Seitdem die Nordbahn 1911 den Kilimandscharo erreicht hat werden die Lade- und Löschvorrichtungen im Hafen erheblich verbessert. Im Frühjahr 1914 führt der Sta-tionskreuzer Geier der Ostafrikanischen Station Ver-messungen des Hafens von Tanga durch. Der Ausbau des Hafens von Tanga kann im April 1914 fertiggestellt werden. 1914 wird auch unter Beibehaltung des Leich-terverkehrs ein besseres Löschen und Laden durch den Bau eines Leichterkais mit größeren Kränen beabsich-tigt.


1912 kommt Helene Grunicke in Tanga an und be-schreibt ihre Erlebnisse:

»Obgleich Tanga mit dem vorspringenden Kap Kasone einen guten natürlichen Hafen bildet, müssen die gro-ßen Dampfer doch noch ziemlich entfernt von der Küste liegen bleiben, und es kommen kleine Ruderboote, um die Passagiere und deren Gepäck an Land zu holen. Die schweren Frachtstücke werden auf sogenannten „Leich-tern“, großen flachen Kähnen, von den Transportgesell-schaften an Land befördert. Nachdem der Zoll passiert ist, geht es durch die prächtige Strandstraße an den Parkanlagen des Kaisergartens vorbei in das Innere der Stadt. Tanga hat den Vergleich mit anderen afrikani-schen Hafenstädten nicht zu scheuen. Schöne wohlge-pflegte Straßen mit prächtigen Alleebäumen, stattliche Geschäfts- und Gasthäuser geben ihr ein freundliches und zugleich elegantes Aussehen. Aus dem Schatten der Mangobäume und unter dem Schutz der hochaufstre-benden Kokospalmen lugen die modernen, luftigen, weiß gestrichenen Häuser der Europäer mit ihren offe-nen hohen Hallen gar einladend hervor. Auf dem Markt-platz mit der großen Markthalle herrscht reges Leben; schwarze Händler bieten neben den Erzeugnissen ihrer Kulturen in Gemüse und Obst, getrocknete Fische, Fleisch und Geflügel feil. Auf dem Bismarckplatz, be-schattet von herrlichen Mangobäumen, steht das Denk-mal des eisernen Kanzlers. In der Nähe ein hübscher Musikpavillon, in dem an Festtagen eine schwarze Ka-pelle, gebildet aus den Schülern der Eingeborenen-schule, ihre ganz ansehnlichen Leistungen ernster und heiterer Musikstücke darbieten. Daneben erhebt sich das stattliche und luftige Heim des deutschen Klubs mit seinen breiten Veranden und prächtigem Garten. Der deutsche Klub ist der gesellige Sammelpunkt der vielen Deutschen, die in Tanga selbst als Kaufleute, Pflanzer oder Beamte oder in der weiten Umgebung Tangas, namentlich im Hinterlande, ihrem aufreibenden Berufe nachgehen. Auch Vorbeireisende und Neulinge, die in Ostafrika eine Stellung antreten oder erst suchen wol-len, finden im Klub freundliche Aufnahme und Unter-stützung mit Rat und Tat. — Wir müssen nun einige Tage hier verweilen, denn der Eisenbahnzug fährt nur zweimal wöchentlich in das Innere des Landes! So neh-men wir eine „Rickschah“, die Droschke des fernen Os-tens, gezogen von einem flinken, gewandten Eingebo-renen, und fahren durch die Straßen der Stadt, des Inder- und Negerviertels, die ebenfalls sauber und wohl-geordnet gehalten und mit breiten Straßen unter Kokos-palmen, Mango- und Tamarindenbäumen versehen sind, nach Kap Ras Kasone und durch Bananen- und Gemüsefelder der Eingeborenen zurück zur Stadt.«

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Neu-Moschi

Als bei der Weiterführung der Usambarabahn von Tan-ga am Indischen Ozean ins Landesinnere der Sitz der deutschen Verwaltung am Kilimandscharo, Moschi, an die Bahn angeschlossen werden soll, hätten sich Schwie-rigkeiten bei einem Bau des Bahnhofs in Moschi selbst ergeben. Um Kosten zu sparen, bautechnische Probleme zu umgehen und der besseren Weiterführung der Bahn nach Aruscha wegen entscheidet man sich die Bahn nicht nach Moschi hinein zu führen, sondern in ein tie-fer gelegenes Gelände bei Moschi. So wird sechs Kilo-meter Luftlinie unterhalb des bis zu 1150 m über Mee-reshöhe gelegenen Moschi der Bahnhof auf 810 m ge-baut. Der Bahnhof als zukünftiger Verkehrsknotenpunkt der Gegend und die am Bahnhof entstehende Siedlung bekommen den Namen Neu-Moschi. Am 4. Oktober 1911 wird die Bahnstrecke nach Neu-Moschi in Betrieb ge-nommen. Mit der Eröffnung der Bahnlinie beginnt Neu-Moschi schnell zu wachsen. Wegen der guten Verkehr-sanbindung siedeln sich wirtschaftliche Unternehmun-gen in der entstehenden Stadt an.

Die Kilimandscharo- und Meru-Zeitung über Neu Moschi:

11. Januar 1913

Für den Bezirksamts-Neubau des Bezirks Moschi ist in dem Haushaltsetat des Jahres 1913 bereits die zweite Baurate angefordert, ohne dass bisher mit dem Bau des Bezirksamts begonnen, noch eine Entscheidung darü-ber, wo es errichtet werden soll, getroffen worden ist. Es wäre wünschenswert, wenn das Gouvernement baldigst eine endgültige Entscheidung über den Ort der Errich-tung dieses neuen Bezirksamts träfe, damit für die Kolo-nisten des Bezirks Klarheit geschaffen wird. Denn viel-fach wird mit der Errichtung von Neubauten in Neu-Moschi nur deshalb gezögert, weil eben der Ort für das neue Bezirksamt noch nicht entschieden ist.

Kaisers Geburtstagsfeier. Den vielfachen Wünschen der Ansiedler entsprechend wird dieses Mal die Feier des Geburtstages Sr. Majestät in Neu-Moschi stattfin-den.

Gerichtstage finden in Neu-Moschi wieder statt in den letzten Tagen des Januar.

8. März 1913

Neu-Moschi macht sich. Seit wenigen Wochen haben sich auch zwei Griechenhotels in Neu-Moschi etabliert, sodass dieser Ort jetzt vier Hotels besitzt.

22. März 1913

Gesundheitskommission. Da die Verordnung zur Bekämpfung der Stechmückengefahr auch für den Ort Neu-Moschi in Kraft getreten ist, so wurde eine aus fünf Personen bestehende Gesundheitskommission gebil-det, der folgende Personen angehören: Stabsarzt Dr. Höring, Polizeiwachtmeister Weckauf, Spediteur Feyer, Kaufmann Siebler und Inder Ismael Ibrahim. (!!!)

Der Wirtschaftliche Verband vom Kilimanjaro hielt am 16. März in Neu-Moschi eine Generalversammlung ab.

10. Mai 1913

Unterkunft für fremde Arbeiter. Verfolgt man eini-germassen den Zustrom fremder Arbeitskräfte und Träger aus dem Innern nach Neu-Moschi, so kann man die Beobachtung machen, dass es diesen Leuten dort fast durchweg an einem ordentlichen Unterkommen mangelt. Es handelt sich hierbei hauptsächlich um Um-bulu-, Umbugwe- und Kondoa-Irangi-Leute die mit Las-ten nach Neu-Moschi kommen, mit der Absicht, dort wieder Lasten zur Heimkehr mitzunehmen. Da die Ein-geborenen stets mehrere Tage in Neu-Moschi bleiben, so fehlt es gerade unter den indischen Kaufleuten nicht an Genies, die sich die Unbeholfenheit der fremden Eingeborenen zu Nutze ziehen und diese zuguterletzt übervorteilen. In dieser Hinsicht braucht man Näheres nicht zu erwähnen. Es würde sich empfehlen, wenn seitens des Bezirksamts Moschi Unterkunftsräume für fremde Eingeborene errichtet werden, in denen sämt-liche Neu-Moschi berührenden, aus anderen Bezirken stammenden Eingeborenen Unterkunft fänden, wofür diese ein geringes Entgelt zu leisten haben nach Art der früher an der Küste bestandenen Karawansereien. Sind von Interessenten Träger oder Arbeiter notwendig, so haben sie sich an das Bezirksamt zu wenden, das die vorhandenen Leute abgibt, selbstverständlich unter Be-rücksichtigung ihrer Wünsche. Durch eine solche be-hördliche Ueberwachung der fremden Eingeborenen würde einer Uebervorteilung derselben vorgebeugt wer-den und die Behörde selbst hätte auch eine Kontrolle über dieselben. Auch für die nach den Plantagendistrik-ten reisenden angeworbenen Arbeiter, die Neu-Moschi berühren müssen, wäre es angebracht, dass sie diese vom Serkal [Regierung] zu errichtende Unterkunfts-räume benutzen. Vielleicht zieht man diesen Vorschlag an zuständiger Stelle in Erwägung.

Stadtbahn. Seit dem 1. April hat Neu-Moschi auch seine Stadtbahn, nach dem Muster der Tangabahn, auf der Frachten- und Personenbeförderung vorgenommen wird. Selbst die Post wird auf dieser Bahn in einem gefällig aussehenden und gelb angestrichenen geschlos-senen Postwagen vom Zug zur Post und umgekehrt be-fördert. Die Gleise der Bahn sind meist durch die Haupt-strassen der weit auseinandergezogenen Stadt gelegt worden. Da vorerst ein ausgedehnterer Wagenverkehr in den unbeschotterten Strassen Neu-Moschis nicht in Frage kommt, so wird die Stadtbahn sicherlich mit der Zeit einen ganz erheblichen Zuspruch erfahren.

Kilimanjaroschützen. Am 13. April hielt das Kiliman-jarofreikorps in Neu-Moschi eine Generalversammlung ab, wobei beschlossen wurde dem Korps den Namen „Kilimanjaroschützen“ zu geben, analog den Meru-schützen- und Usambaraschützen. Am 16. Juni findet auf dem Schiesstand in Neu-Moschi das erste Uebungs-schiessen statt, das von jenem Tage ab regelmässig mo-natlich einmal stattfinden wird.

Kirchenbauverein. In dem rasch aufblühenden Mo-schibezirk fehlt es den zahlreichen katholischen Ansied-lern an einem Versammlungshaus, wo sie sich zur Ab-haltung gemeinsamer Gottesdienste zusammenfinden können. Bisher musste man sich zu diesem Zwecke zur Not mit Privaträumen behelfen. Es haben sich nun vor einigen Wochen einige Ansiedler zusammengefunden und einen Kirchenbauverein gegründet, zu dem Zwek-ke, sobald wie möglich den Bau einer katholischen Kir-che in Angriff zu nehmen. Ihren Platz soll die Kirche in Neu-Moschi erhalten, da dieser Ort überall vom Bezirk aus schnell erreichbar ist.

Ungleiches Mass. Als vor zwei Jahren in Neu-Moschi die Bauplätze vergeben wurden, hatte man bekanntlich an die Abgabe der Bauplätze auch Bedingungen ge-knüpft. Man setzte die Baufristen für Europäer auf zwei Jahre fest, in welcher Zeit ein Steinhaus errichtet wer-den müsse. Den Indern jedoch gab man, wie jetzt be-kannt wird, eine Baufrist von fünf Jahren, sodass diesel-ben heute nach fast zwei Jahren, noch weitere drei Jahre ihre Blechbuden in Neu-Moschi stehen lassen können, ehe sie an die Errichtung von Steinhäuser denken wer-den. Warum man dies ungleiche Mass hier angewendet hat, ist nicht zu verstehen. Das Beispiel Aruschas zeigt doch, dass sich auch die Herren Inder den Anordnun-gen der Behörde anbequemen und Steinhäuser bauen, wenn es verlangt wird.

24. Mai 1913

Ungleiches Mass. Zu der unter dieser Spitzmarke in der letzten Nummer erschienenen Notiz wird uns von inte-ressierter Stelle mitgeteilt, dass die indischen Bau-grundbesitzer wohl versucht haben, eine Verlängerung der Baufrist auf fünf Jahre zu erreichen, jedoch mit ihrem Ansinnen abgewiesen wurden. Wir wollen vor-läufig dieser Mitteilung Glauben schenken. Da eine Baufrist von 2 Jahren zum Bau eines steinernen Hauses seinerzeit bei Versteigerung der Baugrundstücke zur Bedingung gemacht wurde, so dürfte sich demnächst in Neu-Moschi eine rege Bautätigkeit entfalten?? Denn Ende November ds. Js. ist die Baufrist abgelaufen und die Zahl der zu bebauenden Grundstücke übersteigt 50.

5. Juli 1913

Eine kleine Markthalle ist seit wenigen Wochen auf der Bahnstation in Neu-Moschi errichtet worden, damit dort, in erster Linie für das reisende Publikum, die not-wendigsten Produkte, wie Fleisch, Butter, Eier etc. feil-gehalten werden können. In Anbetracht der weiten Ent-fernung der Markthalle Neu-Moschis von der Bahn-station ist diese Neueinrichtung des Herrn F. X. Roth-bletz nur zu begrüssen.

30. August 1913

Reichliche Viehzufuhr. Während noch vor kurzem ein ausserordentlicher Mangel an Schlachtvieh in Neu-Mo-schi und am Kilimanjaro konstatiert werden konnte, ist in den letzten Wochen der Markt mit Schlachtvieh überreichlich versorgt. Besonders die Masai lassen es sich jetzt sehr angelegen sein, regelmässig Schlacht-ochsen auf den Markt zu bringen, wo sie ihr Vieh zu annehmbaren Preisen an den Mann bringen.

22. November 1913

Mit dem Bau der neuen Boma in Neu-Moschi soll nun-mehr zu Beginn des nächsten Jahres begonnen werden. Die Lieferung von Baumaterialien hierzu ist bereits öf-fentlich ausgeschrieben worden.

6. Dezember 1913

In einem längeren Artikel steht in der Kilimandjaro- und Meru-Zeitung unter anderem: Ein 70 m hoher Hügel dicht bei Neu-Moschi ist für Anlage der neuen Boma bereits reserviert und eignet sich hervorragend dafür. Warum also immer noch warten? Der Handel spielt sich in erster Linie bei den Schauris ab — das weiss jeder Eingeweihte und die Inder wollten wieder nach Alt-Moschi zurück, aber das Bezirks-Amt verwei-gert dies. Der Grund, dass die Beamten nicht aus Alt-Moschi heraus wollen, kann nur der sein, dass sie da oben ungestörter sind und weniger zu arbeiten haben. Jeder Bezirks-Chef sagt beim Scheiden aus dem Amt: Die Boma gehört natürlich nach unten zwischen den Ver-kehr und ich werde das Meinige tun, dass die neue Boma sobald wie möglich gebaut wird. Der neue Chef dagegen sagt: Vorläufig bleiben wir oben in Alt-Moschi. Mich wundert es bloss, dass sich das die Europäer und Inder gefallen lassen. Die Meisten haben eben Angst, aus Geschäfts-Interessen, es mit der Boma zu verderben und erheben keinen Protest.

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Moschi

Als 1898 die Ugandabahn in Britisch Ostafrika bis Voi eröffnet wird, hat auch Moschi über den Weg Voi-Ta-veta-Moschi eine Bahnverbindung. Am 19. August 1907 wird die Reichstelegrafenstation in Moschi eröffnet und somit besteht eine ständige Verbindung über das Kabel mit der Hafenstadt Tanga am Indischen Ozean und je näher der Bau der Usambarabahn von Tanga auf Moschi voranschreitet, desto besser wird auch die Verkehrsan-bindung, bis schließlich Moschi selbst von der Bahn er-reicht wird und am 4. Oktober 1911 der Bahnverkehr am Bahnhof von Moschi – Neu Moschi – beginnt.

Das Deutsche Kolonial-Lexikon über Moschi:

Moschi — 1. Der Ort Moschi liegt gut 300 m über der den Berg [Kilimandscharo] umgebenden Steppe an sei-nem Südhang auf ziemlich steil abfallendem Boden. Am obern Ende des Ortes auf 1150 m Meereshöhe liegt die Boma, einst Militärstation, dann Bezirksamt. Das Klima ist gesund. Moschi ist Sitz einer Forstverwaltung, hat Vermessungsbureau, Post und Telegraph, Gasthof; es befinden sich hier etwa 12 Kaufläden. 1910 hatte der Ort ungefähr 800 Einwohner. Wie sich die Zukunft des Ortes unter dem Einfluß der benachbarten Bahnstation gestalten wird, ist noch unklar. Moschi soll Sitz des Bezirksgerichts werden. — 2. Die Bahnstation Moschi wird auch Neu-Moschi genannt; sie liegt in Luftlinie gut 6 km unterhalb des vorigen Ortes Moschi und blüht, zumal als neuer Amtssitz und bisheriger Endpunkt, künftiger Ausgangspunkt für die Verlängerung der Usambarabahn mächtig auf. Aber [Neu-]Moschi liegt mit 810 m Meereshöhe in quellenreicher Gegend, in der Nachbarschaft des sumpfigen Rauwaldes vorläufig we-nig gesund. Doch haben sich bereits eine größere Zahl von Firmen hier niedergelassen. —

Die Kilimandscharo- und Meru-Zeitung schreibt in ei-nem Artikel »Moschi-Reise« am 6. Dezember 1913 über Moschi:

Moschi-Reise

Tanga — Moschi, Abfahrt 6 Uhr 15 Minuten früh, Billet 1. Klasse Rupie 31,20— ein enormer Preis für 350 Kilome-ter. Dafür hat man aber das Vergnügen 14 ganze Stunden sich in dem Eisenbahn-Wagen der Usambara-Eisenbahn aufhalten zu dürfen. Es waren nur wenige Europäer, die dieselbe Reise machen — bei den augenblicklich nie-drigen Kautschuk-Preisen bleibt eben jeder, der nicht reisen muss, daheim und trinkt Wasser verdünnt mit etwas Whisky.

Schon 100 km von Moschi kann man bei klarem Wetter den Kilimanjaro sehen, besonders den weissen Kopf des Kibo. Abends um 9 Uhr langt man endlich in Moschi an. Wer Glück und Mondschein hat, der kann gleich das herrliche Panorama bewundern, das sich gegen das Fir-mament streckt. Es ist etwas Wunderbares, was es auf der ganzen Welt nicht gibt. Was ist Moschi doch für ein schönes Fleckchen Erde. Diese grünen aufsteigenden Fluren, die bebauten Felder und Bananenhaine, der dunkle Urwald und darüber von Wolken umzogen das gewaltige Gebirge.

Nicht immer ist der Ausblick auf die Berge frei, meist bei Sonnen-Aufgang und bei -Untergang und dann nur für etwa 1 Stunde. Es gibt auch Tage, wo man garnichts sieht und man kann sich freuen, wenn man nur hin und wieder die Spitzen des ausgezackten Mawensi, gleich-sam wie eine Insel zwischen den Wolken, herauskom-men sieht. Moschi — von den einheimischen Europäern der Nachbarschaft kurz Loch genannt, weil es so tief wie ein Loch liegt, was wahr ist oder wahrscheinlich, weil die verschiedenen Getränke, die in Moschi genossen wer-den, gleichsam, wie in einem Loch verschwinden — was noch mehr wahr ist — ist ein richtiges Dorf — hier ein Haus, dort ein Haus — dazwischen Gras; Hähne krähen, Hunde lungern umher, Katzen sonnen sich. Es ist wenig Verkehr auf den braunen, staubbedeckten, ungepflas-terten Strassen. Hin und wieder sieht man einen Reiter oder eine kleine Karawane mit wenigen Lasten auf dem Kopf, oder eine Viehherde. In dem Kilimanjaro-Hotel ist man ganz gut aufgehoben, nur wundert man sich, dass es in diesem Kaffee-Land so schlechten Kaffee zu trin-ken gibt und dass man condensierte, gezuckerte Milch, die vorher mit Wasser aufgelöst ist, noch dazu be-kommt. Die Wurst, die man vorgesetzt erhält, stammt aus Kwai und ist tadellos. Butter und Käse, die wohl jeder mit besonderem Vergnügen isst, ist Erzeugnis der Kilimanjaro-Pflanzer. … Man spricht hier davon, dass die liebe Usambara-Bahn am Kilimanjaro demnächst eine Brauerei eröffnen und bei Zeiten schon auf gute hohe Bier-Preise halten will.

Da ich mich in dem „Loch“, um als Einheimischer zu reden, ein wenig umsehen wollte, lud ich einen Bekann-ten … nach einer anderen Kneipe ein, deren es noch zwei in dem Dörfchen gibt. Wir setzten uns auf die grosse Veranda an der Strasse, nachdem wir über einen grossen Haufen frischen Pferdemist gesprungen waren. Nach dem Abendbrot fand sich gewöhnlich eine kleine Gruppe Europäer zusammen und dann wurde, nachdem die Politik in Europa gründlich sämtliche verlorenen und gewonnenen Siege der Türken, Serben, Griechen und Bulgaren noch gründlicherer erörtert worden wa-ren, die afrikanische Politik vorgenommen: 1. Der Bezirk Moschi hat kein Geld. Ganz unverständlich ist es, wa-rum die Boma von Alt-Moschi, die dem Verfall nahe ist, immer wieder geflickt wird und kleine Neubauten statt-finden — trotzdem das Geld für die neue Boma in Neu-Moschi bereits bewilligt und zum Abheben bereit liegt. Die jetzige Boma liegt zwei Stunden von der Eisenbahn entfernt und wenn jemand zum Schauri nach oben geht dann verliert er einen ganzen Tag, abgesehen von den Unkosten, die damit verbunden sind. Die Boma gehört so schnell wie möglich nach Neu-Moschi mitten in den Verkehr und an die Eisenbahn. … Der Handel spielt sich in erster Linie bei den Schauris ab — das weiss jeder Eingeweihte…

3. Die Aruscha-Eisenbahn, die zur Entwickelung des Aruscha-Bezirks und zur Rentabilität der ganzen Usam-bara-Eisenbahn notwendig ist, muss von Moschi aus gebaut werden. Vorgesehen ist eine Schleife, die von Moschi ausgeht. Durch den Weiterbau der Aruscha-Bahn wird Moschi an Wichtigkeit verlieren, weil die Europäer des Aruscha-Bezirks in Zukunft die Bahn be-nutzen für Personen- und Fracht-Beförderung unter Umgehung von Moschi. Die Eisenbahn sollte auch so schnell wie möglich gebaut werden, um Geld in das Land zu bringen. Gerade bei der schlechten Geschäfts-lage, die durch die europäische Krisis und den niedrigen Kautschuk-Markt bewirkt ist, ist Bargeld — das durch den Weiterbau der Eisenbahn an Ort und Stelle gezahlt wird, — sehr viel wert. Augenblicklich kann man Bar-geld nur mit Zuschlag erhalten. Im Umlauf werden meistens „chettis“ geschrieben.

4. Durch die Aruscha-Bahn wird Moschi an Wichtigkeit unbedingt verlieren und ist es daher notwendig, dass Moschi als Endpunkt für Touristen-Verkehr sofort ins Auge gefasst wird. Am Kilimanjaro hat man die Bedeu-tung in dieser Hinsicht noch nicht erkannt. Wer viel in der Welt gereist ist und gesehen hat und zum ersten Mal den Kibo und Mawensi erblickt und die leichten Besteigungs-Möglichkeiten erwägt, der ist entzückt. Es gibt in ganz Afrika nur zwei Sehenswürdigkeiten, wie sie in dieser Grossartigkeit nirgends mehr auf der Welt existieren, das sind: die Zambesi-Fälle und der Kili-manjaro. Bei richtiger Reklame werden hundert und tausend Fremde zum Kilimanjaro reisen und Geld und neue Ideen ins Land bringen — aber es muss etwas ge-schehen, damit die Fremden sich wohl fühlen und ei-nige Zeit im Hochland bleiben können. Also eine Chaus-see von Moschi bis Marangu für Automobil-Verkehr. In Marangu ein oder zwei grosse Hotels oder Sanatorien mit allem Komfort, warme und kalte Bäder. Photogra-phisches Atelier, Ausbau der schon vorhandenen Rast-häuser und Schutzhütten. Ausbesserung der Wege. Ge-schulte Bergführer. … Viele von den Fremden würden sich am Kilimanjaro oder in der Nähe ankaufen und ständig wohnen bleiben.

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Bezirk Moschi

Das Deutsche Kolonial-Lexikon beschreibt den Bezirk Moschi:

Der Bezirk Moschi umfaßte bisher außer dem Gebiet des Kilimandscharo den Meru und weite Gebiete im Wes-ten. Seit der Erhebung der Nebenstelle Aruscha zum Bezirksamt am 1. April 1913 ist das Gebiet von M. nur noch 10700 qkm groß; es umfaßt außer dem Kiliman-dscharo, der südwärts an ihn grenzenden Steppe sowie der Massaisteppe bis zu 4° südlicher Breite auch den größten Teil von Nord-Pare. Die Einwohnerzahl von M. betrug an Eingeborenen Anfang 1913 118300, dazu kamen 343 nichteinheimische Farbige und 467 Weiße, fast so viel wie in Aruscha.

Der Verwaltung dient eine farbige Polizeitruppe von 100 Mann. M. hat 12 Missionsstationen. Pflanzungsgesell-schaften spielen keine Rolle, wohl aber hat 1913 M. 86 selbständige Ansiedler, darunter 29 Griechen; dazu kommen einige europäische Kaufleute, die allerdings meist nebenbei auch noch als Farmer tätig sind und wenige indische Firmen. Die amtlichen Angaben über die Gesamtgröße des in der Hand der Weißen befind-lichen Landbesitzes sind nicht ganz vollständig. 1909 dürften in M. 126 qkm, in Aruscha 327 qkm an Ansiedler verpachtet und verkauft gewesen sein. Anfang 1913 wur-den in M. und Aruscha zusammen vom Gouvernement im Besitz der Eingeborenen in M. 103340 Rinder und 155510 Stück Kleinvieh, 600 Esel geschätzt; die Europäer besaßen in 58 Betrieben 4118 Rinder, 6881 Schafe (davon fast Kreuzungen mit importierten Wollschafen), 1315 Ziegen,  329 Schweine, 159 Esel, 25 Pferde, 29 Maultiere, 22 Strauße. — Der früher recht bedeutende Auslands-handel des Bezirks über die britische Grenze nach Taveta und Voi, der Station der Ugandabahn hatte schon während des Baus der Bahn nach M. sehr abgenommen. 1912 betrug die Einfuhr über M. 263000, die Ausfuhr 43000.


Freiherr von Röll schreibt in der 1912 herausgegebenen Enzyklopädie des Eisenbahnwesens über die Usam-bara-Bahn:

Die Weiterführung nach Moschi an den Fuß des Kili-mandscharo wurde durch Reichsgesetz vom 8. Februar 1910 bewilligt. Die Ausführung erfolgte durch den bis-herigen Unternehmer und am 8. Februar 1912 konnte die Bahn in ganzer Ausdehnung, 352 km, eröffnet wer-den.

Die Bahn hat für den Freund der Hochalpen, den Sport- und Jagdfreund noch einen besonderen Reiz: sie führt von der Küste in einer Tagreise unmittelbar in die Nach-barschaft der schneebedeckten, nahezu 6000 m hohen Berggipfel des Kibo und Mawensi. Dieser Umstand dürfte der Bahn voraussichtlich bald einen lebhaften Touristenstrom zuführen.


Für die Ereignisse des Jahres 1913 im Bezirk Moschi sind hier Artikel der Kilimandjaro- und Meruzeitung wie-dergegeben: 

8. Februar 1913

Neue Jagdreservate im Bezirk Moschi. Wir machen unsere verehrten Leser auf das neue Jagdreservat im Bezirke Moschi aufmerksam, … das den Longido, sowie Kitumbeine, den Elanairobikrater und Magad-(od. Natron-)See einschliesst und nördlich von der deutsch-englischen Grenze begrenzt wird.

In Nummer 7 des Amtlichen Anzeigers vom 29. Januar ist nun ein Spezialreservat für Nashörner abgegrenzt. Die Jagd auf Nashörner wird hierdurch im Ngoron-gorokrater verboten.

22. Februar 1913

Um dem Vaterland zur helfen in seinem Kampfe gegen das Türkentum, haben dieser Tage ca. 20 griechische Ansiedler vom Kilimanjaro die Kolonie verlassen und sind nach Griechenland gereist.

8. März 1913

Schule oder Arbeit

Von einer Mission am Kilimanjaro werden neuerdings alle Anstrengungen gemacht, ihre Eingeborenenschu-len dadurch zu bevölkern, dass sie die schwarze Jugend zum Schulbesuch zwingen lässt. Farbige Hilfskräfte die-ser Mission durchziehen die Landschaften und versu-chen nach ihrer Methode, Kinder und halbwüchsige Schwarze zum Besuch der Missionsschulen zu überre-den. Dass es dabei nicht ohne Zwang abgeht, davon ist Jedermann überzeugt, der nur einigermassen mit den hiesigen Verhältnissen vertraut ist. Die Folge davon ist, dass bei den Ansiedlern zahlreiche Beschwerden einlau-fen und die Schwarzen mit der Bitte an sie herantreten, ihnen Schutz zu gewähren vor dem Zwang zum Besuch der Missionsschule. Da es sich hierbei meistens um die besten Arbeitskräfte der Ansiedler handelt, so lässt es sich nicht umgehen, dass den Schwarzen seitens ihres Arbeitgebers die nötige Aufklärung zuteil wird. Um die wird in den meisten Fällen so lauten, dass der Schwarze nicht zur Schule zu gehen braucht.

Die besten Arbeitskräfte auf den Plantagen der Ansied-ler, als Gummizapfer usw. bilden die halbwüchsigen Schwarzen. Es ist darum logisch, wenn sich die An-siedler solche Kräfte zu erhalten suchen; denn würden sie dies nicht tun, so wären sie mit ihren Betrieben direkt in Verlegenheit. Aber gerade auf diese halbwüch-sigen Schwarzen haben es die Missionssendlinge abge-sehen.

Die wirtschaftlichen Vereine am Kilimanjaro

Ein dortiger Pflanzer schreibt uns: In den letzten Jahren machten sich in den verschiedenen Wirtschaftszentren der Kolonie Bestrebungen geltend, die sich den Zusam-menschluss der Kolonisten zu wirtschaftlichen Vereini-gungen als Ziel setzten.

Diese Bestrebungen führten auch vor einigen Jahren zum Zusammenschluss der Ansiedler am Kilimanjaro, der in der Gründung des Kilimanjaro-Vereins seinen Ausdruck fand.

Von Interesse aber ist es zu wissen, dass heute am Kilimanjaro vier wirtschaftliche Vereine bestehen, die die Interessen ihrer knapp 100 Mitglieder wahrnehmen wollen. Es sind dies folgende Vereine: Wirtschaftlicher Verein vom Kilimanjaro, Verein vom Kilimanjaro-Wes-ten, Verein vom Kilimanjaro-Osten, Wirtschaftlicher und kommerzieller Griechenverband vom Kilimanjaro.

Dem Unparteiischen drängt sich dabei die Frage auf, ist hier nicht des Guten zu viel getan und sind die Inte-ressen der vier Vereine wirklich so grundverschieden, dass sie sich nicht von einer einzigen grossen Vereini-gung aus mit Erfolg vertreten lassen?

Boma la ngombe. Vor einer Reihe von Jahren siedelten sich an der sogenannten Borna la ngombe eine Anzahl ausgedienter Sudanesen-Askaris an, die sich dort im Laufe der Zeit ganz erhebliche Viehherden erwarben.

22. März 1913

Einrichtung von Polizeiposten

Mit dem 1. April dieses Jahres sollen in den Bezirken Kilimanjaro und Meru verschiedene Polizeiposten er-richtet werden. Die Leitung dieser Posten soll je einem Polizeiwachtmeister anvertraut werden. Polizeiwacht-meister und Polizeiaskaris werden beritten gemacht. Die Verwaltung hat sich zu dieser Einrichtung entschlossen, da es unmöglich ist, auf die Dauer die weit zerstreut im Bezirk wohnenden Ansiedler wegen Verwaltungsange-legenheiten zwei bis drei Tagereisen weit nach dem Sitz des Bezirksamts oder der Bezirksnebenstelle zu beor-dern.

Für den Bezirk Moschi wird im Ansiedlerdistrikt Engare Nairobi ein Polizeiposten errichtet. Da dieser Posten die zunächst der Grenze gelegene Dienststelle sein wird, so wird er auch dem Grenzverkehr ein besonderes Augen-merk zu widmen haben. —

Die Gewerbesteuerlisten sowie die Haussteuerlisten für das Etatsjahr 1913 liegen in der Zeit vom 4. März bis zum 15. April in den Diensträumen des Bezirksamts zur Einsicht offen. Gegen die Einschätzung zur Haussteuer kann bis zum 1. April an das Gouvernement, gegen die zur Gewerbesteuer bis zum 15. April an den Vorsitzen-den der Einschätzungskommission Beschwerde einge-legt werden.

10. Mai 1913

Boma la ngombe. Was die Lebensmittelversorgung der Boma la ngombe passierenden Europäerkarawanen be-trifft, so wäre es hier durchaus am Platze, wenn das Be-zirksamt einen festen Tarif für die Lebensmittel fest-setzte. Werden einerseits in der Lebensmittellieferung zwischen Serkal- und Privateuropäer Unterschiede sei-tens des Polizeipostens gemacht, so ist andererseits fest-zustellen, dass die auf Veranlassung des Polizeipostens angelieferten Lebensmittel sehr oft nicht die ihnen ge-bührende Bezahlung erhalten. Und doch müsste die Be-zahlung der Lebensmittel in jedem Falle und gleich-mässig geschehen. Eine diesbezügliche Instruierung des Polizeipostens wäre angebracht. — Die seit einiger Zeit auf dem Rastplatz Boma la ngombe eingeführte Abgabe von einigen Stücken Brennholz an Europäer kommt jetzt während der Regenzeit den Reisenden sehr zu statten. Man kann diese Einrichtung nur anerkennen. Ebenso das jetzige Vorhandensein eines Stalles für Reittiere, wo diese vor den Unbilden der Witterung geschützt sind.

Baumwollbau. Wie man uns mitteilt, wird der Baum-wollbau im Bezirk Moschi in diesem Jahre einen erheb-lichen Rückschlag erleiden. Der grösste Teil der Pflan-zer, der sich in den letzten Jahren mit dem Baumwollbau beschäftigte, hat infolge der Misserfolge, die Baumwoll-kultur aufgegeben. Sie können es sich nicht leisten, der noch erheblicher Anbauversuche erheischenden Baum-wollkultur jahraus jahrein ihre Kräfte und Barmittel zu opfern.

Brücken- und Wegebau am Garanga. Die letzten Boh-len sind dieser Tage über die neue eiserne Garanga-brücke gelegt worden und bald wird diese Brücke auch dem Transportwagenverkehr zur Verfügung gestellt werden. Da möchte man nicht unterlassen, auf einige offensichtliche Mängel aufmerksam zu machen. Die bei-den Zufahrtsstrassen diesseits und jenseits des Garanga zu den Brückenköpfen weisen solche scharfe Kurven auf, dass Transportwagen, die gewöhnlich nicht unter acht Ochsengespanne haben, nicht in die Lage kommen werden (höchstens unter äussersten Schwierigkeiten), die Brücke zu passieren. Es ist klar, dass bei solch schar-fen Kurven nicht die Zugkraft der gesamten Gespanne eines Transportwagens in Tätigkeit treten kann. Höchs-tens drei Gespanne ziehen wirklich an dem Wagen, während die Kraft der übrigen Gespanne verloren geht. Dass drei oder vier Gespanne nicht in der Lage sind, einen Frachtwagen mit 90 — 130 Zentner Fracht vor-wärts zu bewegen, ist klar.

24. Mai 1913

Die Landwirtschaftliche Versuchsstation in Kibongo-to hat fünf verschiedene Sorten Saatmais an Interessen-ten abzugeben. Der Preis beträgt pro Zentner exklusive Sack Rp. 5, kleinere Proben werden gratis abgegeben.

Anwerbeverordnung und Arbeiterverordnung. Es ist notwendig, bereits jetzt auf diese beiden neuen Verord-nungen hinzuweisen, die am 1. Oktober 1913 in Kraft tre-ten und so zahlreiche und wichtige Aenderungen gegen-über den jetzt noch in Kraft befindlichen Arbeiterver-ordnungen enthalten, dass es sich für die Arbeitgeber empfiehlt, sich aufs eingehendste damit vertraut zu ma-chen. Verschiedene der neuen Bestimmungen verlan-gen Einrichtungen, die bereits vor dem 1. Oktober vorbe-reitet werden müssen. Es sei da z. B. genannt die Ausbil-dung eines farbigen Heilgehilfen für Betriebe mit mehr als 100 Arbeitern, die Ausbildung eines europäischen Angestellten in der Krankenpflege für Betriebe mit mehr als 500 Arbeitern und die Anstellung eines aus-gebildeten europäischen Heilgehilfen für Betriebe mit mehr als 500 Arbeitern.

Im Sanja ertrunken. Wie man uns mitteilt, sollen in der letzten Woche des April im Sanja zwei Schwarze ertrunken sein. Die Leute wollten den zur Regenzeit in-folge seiner reissenden Strömung gefürchteten Sanja passieren, wurden aber mitsamt ihrer Lasten hinweg-gerissen und ertranken, um weiter unterhalb die Beute der Krokodile zu werden.

Masai für Hagenbeck. Wie man uns nachträglich aus gutunterichteter Quelle mitteilt, sind die Mitte April von Tanga nach Hamburg abgefahrenen Masai von dem Ver-treter Hagenbecks lediglich zur Begleitung des wertvol-len Tiertransports mitgenommen worden. Jener Vertre-ter Hagenbecks musste sich vor der Bezirksbehörde in Moschi dazu verpflichten, die Masai zu keinerlei Schau-stellungen zu verwenden und beim Ausgehen in Ham-burg stets einen Europäer als Führer mitzugeben. Unter den gleichen Bedingungen hat auch das Gouvernement von Britisch-Ostafrika die Mitnahme von Masai nach Hamburg erlaubt.

7. Juni 1913

Der Sanja und seine Opfer. Von allen den Flüssen zwischen dem Kikafu und Aruscha ist der Sanja bei den Eingeborenen der gefürchteste. Und das nur infolge seiner Brückenlosigkeit. Zur Trockenzeit ein seichtes Wasser von kaum 20 Zentimeter Tiefe, wird der Sanja zur Regenzeit ein reissender Strom. Dann macht sich dort das Fehlen jeglicher Verbindung zwischen den bei-den Ufern des Flusses sehr unangenehm bemerkbar. Der Fluss muss durchwatet werden, und dabei gelingt es einer grossen Zahl der Eingeborenen nicht, der Strö-mung Stand zu halten. Jede Woche treffen während der Regenzeit Hiobsposten ein, dass einer oder mehrere Schwarze im Sanja ertrunken sind oder, dass wertvolle Lasten verloren und fortgeschwemmt worden. Vor 10 Tagen haben wieder drei Eingeborene im Sanja ihr Leben lassen müssen. Vor drei Wochen gelang es mit Mühe ca. 150 m unterhalb einen Postsack mit Post nach Aruscha wieder aus den Sanja zu fischen. Täglich müs-sen im Durchschnitt 150 Menschen den Sanja passieren. Da wäre es doch wohl der Mühe wert, einen Fussteg über den Fluss herzustellen, der das Passieren desselben zu jeder Zeit möglich macht. Diese keine grosse Kosten verursachende Arbeit kann mit wenigen Arbeitern in einem Tage bewerkstelligt werden. Das Bezirksamt Mo-schi täte gut, diesen Uebelstand am Sanja sobald wie möglich zu beseitigen, damit endlich einmal die Ver-luste aufhören, die alljährlich den Geschäftsleuten im Moschi- und Aruschabezirk durch das Verlieren von Lasten im Flusse entstehen.

19. Juli 1913

Mehr Bahnpolitik!

Als die Usambarabahn noch in Mombo ihren Endpunkt hatte, nahm der grösste Teil der Warentransporte usw. für die Gebiete am Kilimanjaro und Meru seinen Weg über die Ugandabahn bis Voi, um von dort mittels Trans-portwagen über Taveta ins deutsche Gebiet zu gelangen. Die englische Regierung, die von diesem Durchgangs-verkehr für die Ugandabahn ziemliche Vorteile sah, tat seiner Zeit ihr Möglichstes um denselben zu erleich-tern, insbesondere was die zollamtliche Behandlung der Waren an der Grenze anbelangte. Zu jener Zeit waren die Ansiedlungsgebiete auf die Route Moschi-Taveta-Voi-Mombasa angewiesen, als den nächsten Weg zur Küste. Inzwischen sind die Verhältnisse anders gewor-den. Die Usambarabahn hat Moschi erreicht und der Transportverkehr nach dort über die Ugandabahn und Taveta ist gänzlich eingestellt. Heute möchte der der Usambarabahn bis auf vier Marschstunden nahegele-gene englische Bezirk Taveta gerne Anschluss suchen an dieselbe, doch vergebens. Es ist bekannt, dass der Kollektor von Taveta vor nicht zu langer Zeit eigens nach Moschi kam, um dort mit der deutschen Behörde ein Uebereinkommen zu treffen, sodass die gesamte Aus-fuhr des Bezirks Taveta seinen Weg über die deutsche Grenze zu der Usambarabahn nehmen könne. Dieses Uebereinkommen sollte den Zweck haben, für den zu erwartenden Transitverkehr durch Beseitigung ver-schiedener einen solchen Verkehr erschwerenden, deutschen Zollvorschriften eine Erleichterung zu schaf-fen. So plausibel die Absicht des englischen Verwal-tungsbeamten auch erscheinen mag, auf deutscher Seite jedoch glaubte man, dessen Ansinnen nicht nach-kommen zu können, und so waren seine Bemühungen erfolglos. Die Ausfuhrprodukte usw. des Bezirks Taveta müssen nach wie vor den weiten Weg zur Ugandabahn zurücklegen. So weit scheint man bei uns anscheinend die Bahnpolitik nicht betreiben zu wollen, um fremde, innerhalb des Aktionsradius der Usambarabahn gele-gene Gebiete dieser Bahn nutzbar zu machen. Man berücksichtige hingegen, wie s. Zt. die Ugandabahn eine Tätigkeit entfaltete, um sich die den Viktoriassee um-grenzenden deutschen Gebiete in betreff des Frachten-verkehrs zu erobern. Selbst Pierbauten wurden auf deut-schem Gebiete errichtet auf Kosten der Ugandabahn. Die der Usambarabahn nahe gelegenen englischen Dis-trikte werden zwar nicht in der Lage sein, ihr im Ver-hältnis gleiche Mengen Frachten zuzuführen wie dies in Bezug auf die deutschen Seengebiete mit der Uganda-bahn der Fall. Trotzdem können sie durch die Ausfuhr ihrer beachtenswerten Eigenproduktion, wie Reis, Häu-te, Felle, Wachs usw. der Usambarabahn ein gutes Teil Frachten liefern und so zur besseren Rentabilität dieser Bahn mit beitragen. Wenn, wie in diesem Falle, durch das Vorhandensein einer Bahn die Möglichkeit gegeben ist, ein Wirtschaftsgebiet an sich zu reissen, sollte man nicht säumen, die Hindernisse aus dem Wege zu räu-men, die der Ausführung noch hemmend im Wege ste-hen. Bei dem Betreiben ihrer Bahnpolitik berücksich-tigt unsere Verwaltung noch viel zu wenig die Wirt-schaftsgebiete unserer Nachbarkolonie; nichts schaden würde es, wenn sie sich auch mit diesem Thema etwas eingehender beschäftigte. —

An den Eisenbahnrat!                         

Steuereinziehung im Masaireservat. Wir haben be-reits verschiedentlich in unserem Blatt darauf aufmerk-sam gemacht, dass dem Masaireservat eine intensivere Verwaltungstätigkeit gewidmet werden muss. Dass es hierin aber noch in erheblichem Masse hapert, beweist uns die zu Beginn des Mai vor sich gegangene Steuer-einziehung im Reservat. Während man in Aruscha ei-nen Europäer mit der Einziehung der Steuer betraute, fand man es in Moschi für richtig, einen schwarzen, des Schreibens kundigen Unteroffizier mit dieser Arbeit zu beauftragen. Auf diese Weise wird es der Verwaltung wohl schwerlich gelingen, in nähere Fühlung mit den Masai zu gelangen. Gerade das Geschäft der Steuerein-ziehung bietet dem Verwaltungsbeamten die günstigste Gelegenheit, sich mit den Eingeborenen näher bekannt zu machen und über deren Anliegen zu orientieren so-wie ihnen eventuelle Wünsche der Verwaltung bekannt zu geben.

16. August 1913

Gründung einer Viehzucht-Genossenschaft

Am 20. Juli 1913 wurde im Park-Hotel am Weru-Weru die Abteilung Moschi der Viehzuchtgenossenschaft Moschi-Aruscha gegründet. Die Satzungen sind die glei-chen wie die der Abteilung Aruscha, ebenso will man die gleichen Zuchtrichtungen wie dort verfolgen.

30. August 1913

Keine Prämien für schädliche Tiere! Das Bezirksamt Moschi machte kürzlich bekannt, dass es „aus Mangel an Geldmitteln nicht mehr in der Lage sei, Prämien für das Erlegen schädlicher Tiere zu zahlen“. Die Prämien-zahlung ist bereits mit dem 1. August eingestellt. Die Jagdverordnung für Deutsch-Ostafrika enthält bekannt-lich auch einen Tarif in dem die Höchstsätze enthalten sind, bis zu denen für das Erlegen schädlicher Tiere usw. von den Bezirksämtern Prämien gezahlt werden dürfen. Es ist jedoch bei den Bezirksverwaltungen Brauch ge-worden, weit geringere Prämien zu zahlen, die in der Regel kaum die Hälfte jener in der Jagdverordnung vor-gesehenen Höchstsätze erreichen. Um so auffallender erscheint es nun, dass das Bezirksamt Moschi sich dazu entschliessen muss, jetzt überhaupt keine Prämien mehr zu zahlen. Wenn die diesjährigen Wirtschafts-gelder des Bezirks Moschi wirklich so knapp bemessen sind, dass es bereits nach vier Monaten mit den Mitteln einzelner Etatspositionen zu Ende ist, so ist dies ein schlechtes Zeichen. Man könnte dies als einen Beweis dafür betrachten, in welchem Masse seitens des Gou-vernements die Etatsmittel der Bezirke entgegen deren Anforderungen beschnitten werden. Es ist selbstver-ständlich, dass die Verwaltung des Bezirks Moschi mit den ihr zur Verfügung stehenden Geldmitteln nur so lange wirtschaften kann, als dieselben ausreichen. In diesem Falle jedoch müsste ein Ausweg gefunden wer-den, ev. mit Hilfe des Gouvernements, damit auch fer-nerhin die Prämienzahlung für erlegte Raubtiere usw. erfolgen kann. Diese Prämienzahlung fördert doch in ganz erheblichem Masse bei Europäern und Eingebo-renen das Interesse für Verfolgung und Vernichtung schädlicher Tiere. Dass dadurch ganz erheblichen kul-turellen Zwecken gedient wird, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden.

Händler-Unwesen im Masaireservat. Das Betreten des Masaireservats ist sowohl für Europäer als auch für Farbige und Eingeborene anderer Stämme untersagt. So sagt wenigstens die vor Jahren [1906] erlassene Verord-nung. Trotz dieses Verbots macht sich in letzter Zeit im Reservat ein Händler-Unwesen bemerkbar, das dem Zweck jener Verordnung direkt widerspricht. Zu Dutzen-den durchziehen die Suahelihändler das Reservat, um mit allerhand Sachen die das Auge der Masai erfreuen, Ziegen und Schafe einzutauschen. Meist wird vom Moschibezirk aus das Reservat betreten und dieses dann bis weit hinter Aruscha und nach Kondoa-Irangi zu durchzogen. Haben die Händler ihre Waren alle an den Mann gebracht und genügend Vieh eingetauscht, so ziehen sie mit diesem Vieh auf Umwegen wieder nach Moschi oder in irgend eine Landschaft am Kilimanjaro, um es dort zu veräussern. Es findet auf diese Weise ein ausgedehnter Viehhandel im Masaireservat statt, von dem die Behörde nicht die geringste Ahnung zu haben scheint. Dass keiner jener Händler einen Viehhandels-erlaubnisschein besitzt, braucht nicht erst erwähnt zu werden.

13. September 1913

Zur Besiedlungssperre

Bereits 1½  Jahre sind es her, dass das Gouvernement Veranlassung nahm, die sogenannte Kulturzone am Kilimanjaro und Meru für Landabgabe an Europäer zu Sperren. Es begründete diese Massnahme damit, dass zu befürchten sei, dass bei weiterer Inanspruchnahme von Ländereien für europäische Pflanzungen den Eingebo-renen der Anbau der für ihre Existenz notwendigen Nah-rungsmittel an verschiedenen Stellen unmöglich würde. Als der Gouverneur im vorigen Jahre den Moschibezirk bereiste, nahm er zu gelegener Zeit Bezug auf jene Land-sperre und betonte dabei, dass die Sperre so lange dau-ern sollte, bis durch örtliche Erhebungen und Vermes-sungen genau festgestellt wäre, wieviel Land für die Ein-geborenen noch zur Verfügung stände. Nach Beendi-gung der Vermessung sollten solche Flächen, welche ohne Beeinträchtigung der Eingeborenen noch für euro-päische Pflanzungen abgegeben werden könnten, dafür zur Verfügung gestellt werden.

In welchem Masse diese lange Sperre eine hemmende Wirkung auf die Entwicklung des Bezirks ausübt, das weiss nur der zu beurteilen, der beobachten konnte, wie zahlreiche bemittelte Ansiedlungslustige nach vergeb-lichem Suchen nach Kulturland den Bezirk wieder un-verrichteter Dinge verlassen mussten. Es ist nicht zu leugnen, und das wird auch die Verwaltung des Meru-bezirks bestätigen können, dass dieser Bezirk ohne die Kulturlandsperre heute eine bereits viel fortgeschrit-tenere Entwicklung aufweisen würde.

25. Oktober 1913

„Auf eigene Rechnung und Gefahr!“ Die bekannte Bo-genbrücke über den Kikafu ist gebrechlich geworden. Infolge dessen hat sich das Bezirksamt Moschi veran-lasst gesehen, zu beiden Seiten der Brücke eine Tafel anzubringen, worauf zu lesen ist, dass das Passieren der Brücke „auf eigene Gefahr“ geschieht. Leider können die wenigsten farbigen Passanten dieser Brücke jene Inschriften entziffern und ahnungslos die gefährliche Brücke passieren, bis eines schönen Tages das Unglück da ist.

8. November 1913

Bevorzugung farbiger Viehhändler!

Schon oft ist an dieser Stelle auf das Treiben farbiger Viehhändler, Abessynier, Sudanesen und besonders der Somalis hingewiesen worden. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird auch seitens der Ansiedler und Vieh-Interessenten auf die unkontrollierbare Tätigkeit jener farbigen Viehhändler aufmerksam gemacht. Um so auf-fallender muss es erscheinen, wenn die Behörden gera-de diese Leute in weitestgehendem Masse unterstützen, wie aus nachstehenden Zeilen einer aus dem Merube-zirk an uns gelangten Zuschrift zu ersehen ist:

„Laut einer Verfügung vom Jahre 1906 ist der Zutritt zum Masaireservat anderen Farbigen sowie Europäern untersagt. Diese Verfügung besteht noch heute zurecht. Das Masaireservat ist ein Viehreservoir erster Güte und das Streben jedes Viehhändlers oder Viehinteressenten geht dahin, ihm gelegentlich einen Besuch abzustatten; ein Besuch, der ihm guten pekuniären Erfolg bringen würde. Doch vergebens pocht der Europäer an die Türen der Behörden, die ihm die Erlaubnis hierzu erteilen sol-len. … Welches Recht haben diese ausländischen Far-bigen vor dem Europäer, dem deutschen Kolonisten, voraus, dass ihnen solche Privilegien erteilt werden? Es ist an der Zeit, dass sich die Oeffentlichkeit etwas ein-gehender mit einer solchen Bevorzugung ausländi-scher, farbiger Viehhändler beschäftigt.“

Wegen der Postverbindung Tanga-Moschi geht uns folgende Zuschrift zu: Es ist in letzter Zeit häufig der Fall, dass die in Tanga eintreffenden Postdampfer nicht mehr den Anschluss erreichen zu den nach Moschi fahrenden Personenzügen. Da sich die Postbehörde nicht dazu ent-schliessen konnte, die Post den von Tanga abfahrenden Güterzügen anzuvertrauen, so entstand in der Regel ei-ne Verzögerung von 3 — 4 Tagen bis zur Ankunft der Post in Moschi und ebenfalls Aruscha; ein Zeitraum, der genügt, um wichtige Posten nach der Küste und Ueber-see zu versäumen. Neulich hat die Postbehörde zum ers-ten Male die verspätet eingetroffene Europapost einem Güterzug zur Weiterbeförderung nach Moschi anver-traut und von dort auch sofort die Abfertigung nach Aruscha vorgenommen. Es wäre dringend zu wün-schen, dass dies in der Folgezeit stets so gehandhabt wird, was schon aus Rücksicht auf die in den Bezirken Moschi und Aruscha ansässigen 1000 Europäer als selbstverständlich betrachtet werden müsste.

22. November 1913

Versteigerung von Farmland. Nachdem nunmehr die Vermessung des Landes der früheren Kilimanjaro-Han-dels- und Landwirtschaftsgesellschaft beendet ist, ist am 17. November die Versteigerung der einzelnen vermes-senen Farmen auf dem Bezirksamt in Moschi vorge-nommen worden. Es handelt sich insgesamt um neun Farmen, die je eine Flächenausdehnung von ca. 2000 Hektar haben. An die Versteigerung des Farmlandes sind besondere Bedingungen geknüpft.

Um den Straussenfang einheitlich zu regeln, sind die Bezirksämter Moschi und Aruscha übereingekommen, dass die für einen Bezirk erteilte Fangerlaubnis für Strausse, soweit sich dieselbe auf Grenzgebiete bezieht, auch für den anderen Bezirk mitgelten soll. Anträge auf Straussenfangerlaubnis sind bis zum 1. Juni eines jeden Jahres bei den Bezirksämtern einzubringen. Später ein-treffende Anträge werden nicht berücksichtigt oder bleiben bis zum nächsten Jahre liegen. Die Fangerlaub-nis erstreckt sich meist bis zum 31. Dezember des in Be-tracht kommenden Jahres.

Weru-Weru. In unmittelbarer Nähe des seit einiger Zeit geschlossenen Hotels am Weru-Weru ist jetzt wieder ein neues Hotel erstanden, das Durchreisenden gastli-che Aufnahme gewährt.

In welchem Masse ordentliche Brücken über die ein-zelnen Flussläufe des Bezirks dem Verkehr dienen kön-nen, dafür gibt uns einen Anhaltspunkt eine in letzter Zeit aufgestellte Statistik der Reisenden auf der Strasse Moschi-Aruscha, die den Sanja kreuzten. Danach haben an jener Furt in den letzten drei Monaten durchschnitt-lich 60 Europäer monatlich den Sanja passiert und durchschnittlich 50 Eingeborene täglich. Zur Regenzeit wird sich die Zahl der den Sanja an jener Stelle pas-sierenden Eingeborenen verdreifachen. Dem Bezirk feh-len die Mittel, um nur die allernotwendigsten Fluss-übergänge herzustellen. Wäre es da nicht viel einfacher, das Bezirksamt überlässt die Herstellung eines Fluss-übergangs einem Unternehmer, dem das Recht zuer-kannt wird, Brückengeld zu erheben? Am Sanja sowohl wie am Kikafu würde sich dieses Mittel zum Zwecke der Aufrechterhaltung des Verkehrs während der Regenzeit sehr empfehlen. Vielleicht überlegt man sich diesen Vorschlag, wozu es im Uebrigen höchste Zeit ist. (Nein! Die Red.)

6. Dezember 1913

Moschi-Reise

… Der Moschi-Bezirk produziert in der Hauptsache Kaf-fee. Den meisten Pflanzern kommt es aber mehr auf die Zahl der gepflanzten Bäume an als auf rationelle Pflege. Es herrscht das Bestreben Kaffee-Pflanzungen anzule-gen und sie schnell weiter zu verkaufen. Es fehlt die Sachkenntnis — es kann nicht jeder, der niemals Kaffee vorher gepflanzt hat, ohne weiteres Kaffeepflanzungen in grösserem Stil anlegen. Rückschläge müssen eintre-ten und die Ergiebigkeit der Kaffeebäume wird plötzlich aufhören. Schattenbäume fehlen vielfach und beson-ders Dünger. Das Fehlen des Düngers muss schon die meisten Pflanzer dahin bringen, dass sie Viehzucht ne-benher betreiben. Im Moschi-Bezirk kann das nur im beschränkten Masse stattfinden, weil grosse Weideflä-chen fehlen. Es wird auch zu viel bewässert, so unwahr-scheinlich das klingt. Durch die vielen Gräben, die meis-tens ein ziemlich starkes Gefälle haben, wird zu leicht der gute Boden weggeschwemmt. Vor allem muss da-rauf gesehen werden, dass ein gleichmässig guter Kaf-fee nur exportiert werden darf. Jetzt kommt guter und schlechter Kaffee zum Versand — alles geht unter dem Namen Kilimanjaro-Kaffee. Wohin soll das schliesslich führen? Der gute Kaffee hat nur darunter zu leiden.

Das Hochland von Ostafrika ist bisher überhaupt viel zu wenig gewürdigt und richtig eingeschätzt worden. Es ist der ideale Aufenthalt für Rentiers, die wenig Geld zu verzehren haben oder die in Deutschland „standesge-mäss“ leben zu müssen glauben, es aber nicht können, weil sie zu wenig Geld haben. Man frage nur bei den Pflanzern am Kilimanjaro und Meru an, ob sie einen Pensionär für Rp. 80,— per Monat aufnehmen wollen. Die meisten würden sagen: ja, und was hat ein Pensionär zu tun? Er bekommt ein einfaches, aber gutes Essen, hat sein eigenes separates Zimmer oder Haus und kann im übrigen machen, was er will. Gemüse bauen oder auf die Jagd gehen. Blumen pflanzen, Studien treiben, sich selbst ein Haus bauen oder sich an der Pflanzung mit betätigen. Dazu lebt er in einem milden, der Gesundheit zuträglichen Klima. „Standesgemäss“ kann er sich nach seinen Begriffen einrichten, und nach seinem Geldbeu-tel.

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Schutztruppe I

Die Schutztruppe von Deutsch Südwestafrika besteht im Unterschied zu den beiden anderen deutschen Afrika-Schutztruppen ausschließlich aus Deutschen und nicht hauptsächlich aus Farbigen. Ihre Angehörigen sind für den Kolonialeinsatz aus dem Reichsheer und der Kaiserlichen Marine freigestellt. Um 1900 besteht die Schutztruppe in Südwestafrika aus etwa 750 Mann, wovon die Hälfte in Zoll-, Polizei-, Gerichtsdienst und dergleichen Verwendung finden für einen nützlichen Einsatz ihrer Arbeitskraft in Friedenszeiten. Die Trup-penführung wird aber nicht wie in Kamerun und Deutsch Ostafrika gleichzeitig für Verwaltungsaufgaben herangezogen. Die Truppe besteht um die Jahrhun-dertwende aus vier Feldkompanien, einer Feldbatterie und einer Handwerkerabteilung. Der Stab liegt in der Hauptstadt Windhuk. Die Truppe ist durchweg gewehr-bewaffnete berittene Infanterie. Das Pferdematerial ist zunächst das deutsche Armeepferd aus ostpreußischen und hannoveranischen Gestüten. Später wird das an-spruchslosere argentinische Pferd eingeführt. Die Be-spannung der Troßfahrzeuge besteht aus langen Zug-ochsengespannen, die von einheimischen Treibern zu Fuß geführt werden.

1902 erfolgt die Aufstellung einer Gebirgsbatterie mit 6cm-Gebirgsgeschützen, verlastbar auf Tragtieren. Die Kriege mit den Herero und Hottentotten von 1904-06 führen zu einem schnellen Ausbau der Nachrichtenver-bindungen der Truppe mit Heliographen, die mit Son-nenlicht Blinksignale abgeben, Signalblinkgeräten mit eigener Lichtquelle und der Telegraphie. Die Heliogra-phen können bei Tage bis zu 50 Kilometer weit Signale geben und bei Nacht bis zu 100 km. In 30 Minuten können zwischen zwei Stationen 60 bis 80 Worte über-tragen werden. 1907 wird noch eine Kamelreiter-Kom-panie aufgestellt, um auch in den wüstenhaften Gegen-den der Kolonie militärisch einsatzbereit zu sein.

1914 gliedert sich die Führung der Truppe in das Kom-mando der Schutztruppe in Windhuk und die neuge-bildeten Stäbe der Militärbezirke des Nordens und des Südens. Die Truppe besteht aus 2000 Mann in 8 Kom-panien zu Pferd und einer Kamelreiter-Kompanie, 3 Bat-terien zu je 4 Geschützen und einer Telegraphen- und Signalabteilung. Dazu kommen 4 Proviantämter, 3 Laza-rette und Artillerie-, Train-, Pferde- und Bekleidungs-depots. Der Südbezirk unterhält zusätzlich ein Kamelge-stüt in Kalkfontein für seine Kamelreiter-Kompanie. Die Truppe ist auch mit Funk ausgerüstet und seit März 1914 besteht dazu über die Großfunkstation in Windhuk eine unmittelbare Verbindung zur Reichsregierung in Berlin. 1914 ist auch eine Fliegerabteilung für die Schutztruppe im Aufbau.

Der Ersatz der Truppe erfolgt durch die Einstellung von Freiwilligen aus dem Reichsheer und von wehrpflichti-gen Reichsangehörigen, die im Schutzgebiet ihren Wohnsitz haben und nach dem Wehrgesetz für die Schutzgebiete vom 22. Juli 1913 ihre Dienstpflicht bei der Schutztruppe zu erfüllen haben.

Der Ausbildungsgrundsatz der Truppe lautet: »… soll eine gut schießende Reitertruppe sein, die sowohl gegen die Eingeborenen des Landes als auch gegen einen eu-ropäischen Gegner zu kämpfen vermag.«


Für die Ausbildung der Truppe, die vollständig beritten ist, bewegt sie sich so viel wie möglich im Gelände, damit die Reiter die Landschaft kennenlernen, ihre Bodenbeschaffenheiten, die Lichtverhältnisse, die star-ken Unterschiede in den Tag- und Nachttemperaturen und vieles mehr. Ein Offizier berichtet von einer solchen Patrouille im Süden der Kolonie Anfang Dezember 1910:

»Einer längeren Patrouille sieht man immer mit großer Spannung entgegen. In einem Land wie Südwest mit seinen extremen Temperaturen sind gute Planung und Vorbereitung für ein solches Unternehmen sehr wichtig. Nach einer letzten Kontrolle der Ausrüstung, die mit-geführt werden mußte, brachen wir nachmittags um 16 Uhr auf. Zwei andere Patrouillen unserer Kompanie, angeführt von Hauptmann Brentano und Oberleutnant Motschenbacher, waren bereits unterwegs. In zwei Ta-gen sollten wir in Leberbeck zusammentreffen.

Mein Trupp bestand aus zehn Reitern, Stabsarzt Dr. Sa-ßerath und mir. Der nötige Proviant, sowie Hafer für die Tiere, befand sich auf einer Karre, die von acht Maul-tieren gezogen wurde. Leutnant von Huber begleitete uns noch bis zum alten Exerzierplatz von Kanus, unse-rem augenblicklichen Standort. Er mußte auf der Station zurückbleiben. Kaum auf der Pad bemerkte ich, daß ich mein Fernglas vergessen hatte. So schickte ich meinen Burschen Johannes zurück, um es zu holen.

Es war ein heißer, schwüler Tag. Aber da wir heute noch das 36 km entfernte Grabwasser erreichen wollten, mußten wir zeitig genug aufbrechen und die Hitze eben in Kauf nehmen. Ich ritt meinen Kastor, das größte Pferd der Kompanie. Für meine Packtasche nahm ich ein Maultier mit, das Johannes an der Hand führte. Wir ritten durch herrliches Weidegelände. Vor uns in der Ferne lagen die Karrasberge, die Habitberge und die Makdonaldberge. Von 18 bis 19 Uhr legten wir eine kurze Rast ein. Die Pferde ließ ich absatteln zum Weiden. Unterdessen traf Johannes mit meinem Fernglas ein. Als wir wieder im Sattel saßen, verschwand die Sonne all-mählich am Horizont und ein angenehm kühler Abend-wind kam auf. In einiger Entfernung war aufgewirbelter Staub zu sehen. Das mußte eine der anderen beiden Pa-trouillen unserer Kompanie sein.

Nach einem schlanken Trab erreichten wir um 21.30 Uhr Grabwasser, eine Farm der Kompanie. Leider war das Wasser im Brunnen nicht genießbar, da eine Menge to-ter Vögel darin lagen. Einige Hütten aus Holz und Stroh standen um den Brunnen herum. Ich zog es jedoch vor, mein Lager im Freien aufzuschlagen, da die Hütten meist Ungeziefer beherbergen. Viele schöne Bäume ga-ben der Anlage ein parkähnliches Aussehen. Unsere Tiere schickten wir zum Grasen auf die Weide. Bald traf auch die Karre ein und so konnte mit den Vorbereitun-gen für das Abendbrot begonnen werden. Trinkwasser führten wir in Wassersäcken mit. Man muß damit im-mer sparsam umgehen. Mein Hund Urib, der stets gro-ßen Durst hatte, erhielt Wasser aus meiner Feldflasche. In kurzer Zeit war das Essen zubereitet. Es gab kalten Hackbraten, Brot und Tee. Danach legten wir uns zur Ruhe nieder…«