Das Deutsche Kolonial-Lexikon berichtet über das Volk der Ovambo: Ovambo, Hereroname für die Bewohner des Ambolandes im Norden von Deutsch-Südwestafrika. Sie selbst nennen sich Aajamba = „die Reichen“, im Gegensatz zu den armen Herero. Sie bewohnen indes-sen nicht nur das unter deutscher Oberhoheit stehende Gebiet zwischen dem 19° südlicher Breite und dem 14. und 18° östlicher Länge, sondern ihr Gebiet reicht noch weit in die portugiesische Kolonie Angola hinein. Das Volk zerfällt in eine ganze Anzahl von Stämmen, deren für unsere Kolonie wichtigster, die Ondonga oder Aan-donga, als Hauptvertreter desselben gelten kann. Auch ist dieser Stamm ethnologisch am besten bekannt. Die Ovambo gehören, wie die Herero, der Bantufamilie an, sind aber kleiner als jene. In Lebensweise und Charakter standen sie indessen von jeher in scharfem Gegensatz zu ihnen. Der Natur ihres Landes entsprechend widmen sie sich vorwiegend dem Ackerbau, so daß die Hacke ähnlich wie im tropischen Afrika als das Hauptwerkzeug dieses Volkes gelten kann. Auch die wichtigsten Acker-gewächse, das Sorghum, ferner Hirse (Pennisetum) und die Bohnen erinnern an die in Zentralafrika verbreiteten Kulturen. Mais wird dagegen wenig gebaut. Gegen die Ackerkulturen tritt die Viehzucht stark zurück, auch ist die heimische Rinderrasse kleiner und bei weitem we-niger ausdauernd als das Hererorind. Die an persönliche Zuneigung grenzende Wertschätzung des Hornviehs, die den Herero auszeichnete, kennt der Ovambomann nicht. Dagegen zeichnen sie sich vor den übrigen Einge-borenen des Schutzgebiets durch den Betrieb von Ge-werben aus, von denen namentlich das Schmiedehand-werk erwähnt werden muß. Der Stamm der Ovakuan-jama widmet sich ganz besonders dieser Beschäftigung, während die Ondonga in der Kupferbearbeitung Hervor-ragendes leisten. Auch die Töpferei wird von einigen Stämmen betrieben. Die zierlichen Messer mit den selt-sam geformten, breit geflügelten Scheiden sind ein Er-zeugnis dieser Industrie. Erzeugnisse des Handwerks, besonders eiserne Perlen, Messer usw. sind Gegenstän-de eines ehemals bis weit in das Hereroland betriebenen Handels. Ein Gemeingut sehr vieler Bantustämme ist die Klimper, die Sansa der Westafrikaner, die Ulimba mancher Ostafrikaner. Der bei den Ovambo übliche Typ gleicht den übrigen Vorkommnissen vollkommen; nur insofern hat er etwas Besonderes, als unter jeder Metall-zunge, dem freien Ende nah, je ein Harzklümpchen be-festigt ist, das allem Anschein nach die Tonhöhe beein-flussen soll. — Die Werften, in denen bei den südlichen Stämmen die Hütten kreisförmig um den in der Mitte liegenden Kraal angeordnet sind, sind wie eine Festung von Palisadenzäunen umgeben und nur durch enge Gänge zugänglich. Sie werden alle paar Jahre verlegt, und damit wird eine zu starke Inanspruchnahme des Ackerbodens vermieden. — Der Charakter des Volkes ist in einer nicht unwichtigen Beziehung besser geartet als derjenige der Herero. In sittlicher Beziehung stehen sie nach Aussage ihres besten Kenners, des Missionars Rautanen [ein Finne], weit über jenen. Dagegen sind auch sie diebisch und unterscheiden sich von dem stol-zen und selbstbewußten Herero früherer Zeiten wieder zu ihrem Nachteil durch eine ins Kriecherische aus-artende Unterwürfigkeit gegenüber dem Mächtigen. Auch ihr Verhältnis zum Häuptling ist ein ganz anderes, denn die Ovambo sind das einzige völlig despotisch regierte Volk innerhalb unseres Schutzgebietes. Aus der Klasse der vor der Masse bevorzugten Adligen gehen die Häuptlinge hervor, während neben dem Adel auch eine Art von Priesterkaste vorhanden ist. Der Häuptling ist Herr über Leben und Tod, er ist zugleich der alleinige Besitzer allen Gutes im Lande. Mit der Gewöhnung an einen alles beherrschenden Willen steht die Arbeits-willigkeit der Ovambo entschieden in Zusammenhang. Diese und die verhältnismäßig große Volksdichte des Ambolandes sind andererseits wieder die Ursache dafür, daß sich in neuerer Zeit eine Art von Sachsengängerei unter den Ovambo ausgebildet hat. So suchen sie selbst entfernte Teile des Schutzgebietes auf, um sich als Ar-beiter zu verdingen. In den nördlichen Verwaltungs-bezirken, vor allem aber in dem Diamantengebiet an der Südküste, werden Ovamboarbeiter in steigender Zahl verwendet; während aber im Norden die Leute vielfach mit Weib und Kind zusammenleben, sind in den Küs-tengegenden fast nur männliche Arbeiter anzutreffen.
Autor: frankomeda
Aus dem Deutschen Kolonial-Lexikon erfahren wir über das Amboland: Unter Amboland versteht man in der Regel nur das von den Ovambo bewohnte Gebiet in Südwestafrika. Doch ist festzuhalten, daß die deutsche Grenze etwa in der Mitte schneidet, so daß also ein nicht geringer Teil der im weiteren Sinne als Amboland zu bezeichnenden Landschaften in der portugiesischen Angolakolonie liegt. Hier soll indessen nur auf den deutschen Teil, des Amboland eingegangen werden. Das innerhalb des Schutzgebietes von Ovambo eingenom-mene Gebiet erstreckt sich von 14° östlicher Länge bis etwas über 17° hinaus nach Osten. Nach Süden reicht es etwa bis zum 19° südlicher Breite, bis in die Nach-barschaft der großen Etoschapfanne. Das innerhalb des Schutzgebietes von Ovambo eingenommene Gebiet erstreckt sich bis in die Nachbarschaft der großen Etoschapfanne. Die Größe des Ganzen beträgt somit nicht mehr als rund 40.000 qkm, beherbergt aber, obwohl es nur etwa ein Zwanzigstel der Gesamtfläche des Schutzgebietes bildet, doch wenigstens den dritten, wenn nicht gar einen noch größeren Teil seiner Gesamtbevölkerung. Das Amboland trägt einen ausge-sprochen ebenen Charakter. Seine Höhe beträgt zwi-schen 1000 und 1100 m. Selbst Hügel fehlen hier, und kaum ein Land außerhalb der Kalahari und des Okavangogebiets gelegenen Landschaften zeichnet sich durch eine so durchgehende Flachheit aus wie dieses Gebiet. — Auch in den hydrographischen Verhältnissen äußert sich dieser Charakterzug des Landes in mehr-facher Hinsicht. Bei der Geringfügigkeit der Höhen-unterschiede vermochten selbst die nach der Etoscha-pfanne gerichteten Rinnsale eigentliche Täler nicht aus der flachen Landschaft herauszuarbeiten. Zwischen Olukonda und der Pfanne beträgt das Gefälle selbst in der Luftlinie 1 : 2500, eine im außertropischen Süd-westafrika kaum wieder vorkommende Verhältniszahl. Mit seiner Zugehörigkeit zum Etoschagebiet rechnet ferner ein großer Teil des Ambolandes zu den ab-flußlosen Landschaften des Schutzgebiets. — Das Klima ähnelt dem des nördlichen Hererolandes, unterscheidet sich aber von ihm durch die größere Höhe der Temperaturen. Jedenfalls sind diese zu hoch für den Nordeuropäer, der körperlich anstrengende Arbeit leis-ten will.
Die Niederschläge sind reichlicher als im Süden, aber sie haben bei der Flachheit des Landes eine Durchfeuch-tung des Bodens zur Folge, die, im Süden unbekannt, zu weiteren Unzuträglichkeiten in gesundheitlicher Hin-sicht führt. Schwerere Fieber als im Hererogebiet und manche andere Krankheiten, namentlich aber eine größere Schwüle, sind die Folge davon, und besonders der zuletzt angeführte Umstand verbietet ebenfalls eine spätere Besetzung des Landes mit weißen Ansiedlern. — Günstig wirken diese Niederschläge allerdings in jeder anderen Beziehung auf das Land; obwohl auch eine längere Trockenzeit die sommerlichen Regen unter-bricht, ist der Norden des Landes nicht mehr von Steppenwuchs bedeckt, sondern er wird von einer Waldzone eingenommen, die allerdings zur Trockenzeit nicht den gleichen Anblick gewährt wie im Sommer. Der Wald erscheint dann weniger dicht, der Boden nackt und die Bäume selbst entbehren der Blätter. Anders in der Regenzeit; die Waldungen bieten dann ein völlig entgegengesetztes Bild, und ihr dichtes grünes Laub-dach läßt nur selten einen Sonnenstrahl ungehindert hindurch. Seinen tropischen Charakter offenbart das Amboland auch in der Häufigkeit der Palmen, die stellenweise in größeren Beständen auftreten [Ein besonderes landschaftliches Merkmal des Ovambolan-des ist die große Zahl der dort wachsenden Doum-palmen]. Die Tierwelt ist, wie aus der nördlichen Lage des Landes hervorgeht, eine Übergangsfauna zwischen den im außertropischen Schutzgebiete verbreiteten Arten und denen des wasserreicheren Sambesigebiets. Doch ist ihre Entwicklung bei der verhältnismäßig dichten Bevölkerung keineswegs so sehr in die Augen fallend wie selbst heute noch in den weniger stark besiedelten Landschaften des Schutzgebiets.
1901 erreicht der Bau der Schmalspurbahn von Swakop-mund Okahandja. Die Bahnlinie hat eine Länge von 311 Kilometern. Die Verlängerung der Bahnlinie von Oka-handja bis ins 71 Kilometer entfernte Windhuk wird 1902 eröffnet. 1904 wird aus militärischen Gründen eine 256 km lange Straße von Okahandja zum Waterberg gebaut. Das Deutsche Kolonial-Lexikon schreibt über Okahandja:
Okahandja, Hauptort des ehemals selbständigen Here-rogebiets in Deutsch-Südwestafrika. Okahandja liegt in 1340 m Meereshöhe im Tale des oberen Swakop, also innerhalb der das zentrale Hochland von Deutsch-Süd-westafrika von den Plateaus des mittleren Hererolandes trennenden Zone. Während die alte von Ochsenwagen benutzte Verkehrsstraße bereits bei Groß-Barmen die Südrichtung einschlug, ist Okahandja Station der nach Windhuk führenden Bahnlinie, und darin sowie in sei-ner früheren Stellung als Hauptort der Herero beruht seine wirtschaftliche Bedeutung während des Jahr-zehnts bis zum großen Eingeborenenaufstande (Herero-aufstand [1904]). Okahandja nimmt den Rang eines der wichtigeren Orte im Schutzgebiet ein. Es ist Mittelpunkt des gleichnamigen Verwaltungsbezirks, Sitz eines Zoll-amts, einer Post- und Telegraphenstation, einer Schule für weiße Kinder und einer Station der Rheinischen Mission. 1912 wurde ferner in Okahandja eine Versuchs-station für Tabakbau begründet. Sie nimmt vergleichen-de Anbauversuche mit Tabaksorten verschiedener Her-kunft zur Gewinnung von Schnittgut und Zigaretten-tabak und Fermentationsversuche vor und verfügt über Trockenanlagen. Weißes Personal: 1 Leiter, 1 Assistent.
Was das Kolonial-Lexikon nicht erwähnt, ist, daß am 24. September 1913 eine Fleischverwertungsgesellschaft in Okahandja gegründet wird, für die Verwertung der Rin-derherden des Landes.
Benannt ist Keetmanshoop nach dem 1865 verstorbenen deutschen Kaufmann und Bankier Johann Keetman. Er spendete der Rheinischen Missionsgesellschaft 1000 Taler für eine Missionsstation in Südwestafrika.
Keetmanshoop liegt im Süden der Kolonie. Der Ort ent-wickelt sich zum wirtschaftlichen Zentrum der Gegend. Keetmanshoop besteht im Jahre 1907 aus etwa einem Dutzend Geschäften, drei Hotels, einer Bäckerei, einer Schlachterei und einer Bierbrauerei. Dazu kommen die vielen militärischen Einrichtungen wie Festung, Etap-penverwaltung, Proviantsamt, Pferdedepot, Artilleriede-pot, Intendantur, Hospital, Kasernen und Polizeistation. Der militärische Charakter beherrscht vollkommen den Ort.
Max Ewald Baericke: »Das Schützenhaus in Keetmans-hoop war ein imposanter Bau, der größte im Ort. Außer einem großen Saal von etwa 15 x 20 Metern im Geviert, besaß er noch eine Bar und eine Bühne für Theater-vorstellungen. In dem geräumigen Hofraum befanden sich die Fremdenzimmer, die Wohnung des Inhabers und Zimmer für Angestellte. Der Bau wurde 1906 be-gonnen und 1907 fertiggestellt. Er war seiner Zeit weit vorausgeeilt, denn ein Bedürfnis für einen so großen Tanzsaal lag noch nicht vor, da der Damenflor fehlte. Außer einigen Burenfrauen gab es überhaupt keine Vertreterinnen des zarten Geschlechts. So war es denn kein Wunder, daß alle Festlichkeiten mit einer wüsten Sauferei endeten.
Der Inhaber des Schützenhauses war Hermann Schmitz, uralter Schutztruppler, danach Frachtfahrer. Mit der Frachtfahrerei hatte er sich in den Aufstandsjahren [1904/05] viel Geld verdient, wovon er nun das Schüt-zenhaus gebaut hatte. Wegen seiner rauhen Art nannte man ihn allgemein den „groben Gottlieb“.
Dem Übelstand des Damenmangels gedachte Hermann Schmitz dadurch abzuhelfen, indem er sich zwei junge und schicke Bardamen aus Deutschland kommen lassen wollte. Durch Vermittlung einer Hamburger Export-firma ließ er Inserate in einer deutschen Tageszeitung einsetzen auf welche sich Hunderte von auswande-rungslustigen jungen und auch älteren Mädchen mel-deten. Die Hamburger Firma hatte ihm ein ganzes Post-paket Briefe mit beigelegten Fotographien geschickt, die Hermann Schmitz gewissenhaft durchsah und seine psychologischen Studien daran machte, wobei ihm sei-ne Freunde und Gäste mit großem Vergnügen behilflich waren. Es war nicht leicht, unter den vielen Bewerbe-rinnen die richtige Auswahl zu treffen, ihre Charakter-eigenschaften zu ergründen und ihre Eignung für einen Barbetrieb festzustellen. Die Fotografien wurden unter ein Vergrößerungsglas genommen, um eventuelle Gebrechen oder andere Schönheitsfehler festzustellen. Nachdem er ein halbes Dutzend Bewerberinnen zur engeren Auswahl zusammengestellt hatte, sandte er die Briefe an das Hamburger Exporthaus, das nun von den sechs Anwärterinnen die zwei hübschesten aussuchen und nach Lüderitzbucht verfrachten sollte. … Im Juni 1907 erhielt der „grobe Gottlieb“ ein Telegramm aus Hamburg daß mit einem Woermanndampfer zwei der gewünschten Damen abgefahren seien. Der Name des Dampfers und die Namen der Damen wurden in dem Telegramm genannt und jeder Gast, der das Schützen-haus betrat, konnte die zukünftigen Bardamen schon im Bilde kennen lernen. Die Spannung war groß, denn seit seinem Bestehen hatte Keetmanshoop noch keine schicken Damen gesehen. Und nun kamen gleich zwei auf einmal, jung, hübsch und unverheiratet, sozusagen für jedermann erreichbar. …
Hermann Schmitz rüstete seine sechsspännige Pferde-karre für die weite Reise nach Lüderitzbucht. Die Eisen-bahn fuhr damals erst bis Aus, das 250 Kilometer von Keetmanshoop entfernt war. Dort ließ er die Karre ste-hen und fuhr mit dem Zug weiter nach Lüderitzbucht. Als der Dampfer in den Hafen von Lüderitzbucht einlief, nahm er als Aufpasser für die zweite Dame einen jungen Angestellten der Firma Alfred Berger mit an Bord, während er die andere Dame selbst unter seine Fittiche nehmen wollte. Dies war sehr nötig, denn die junge Lüderitzerbuchter Männerwelt fuhr zu jedem Dampfer, der Bardamen mitbrachte, zu ihrem Empfang an Bord, und so mancher von diesen hatte sich eine Braut ge-angelt.
Die beiden Damen waren wirklich über alles erwarten hübsch und elegant. Der Schützenhauswirt war in bester Laune und schwelgte bereits im Vorgenuß der großen Tagesumsätze an Bier und Spirituosen, die nun bald seine Kasse füllen würden. Denn daß die beiden Damen die ganze Männerwelt von Keetmanshoop anziehen würden, darüber bestand kein Zweifel. Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew’ger Bund zu flechten, und das Unglück, schreitet schnell, sagte schon Schiller in seiner Glocke.
Am Vorabend der Abreise nach Keetmanshoop kam der bereits erwähnte Angestellte der Firma Alfred Berger, den Hermann Schmitz als Vertrauensmann mit an Bord genommen hatte und erklärte ihm kategorisch, daß Fräulein X nicht mitfahren könne, da er sich inzwischen mit ihr verlobt habe und sie demnächst heiraten wolle. Der „grobe Gottlieb“ war außer sich vor Wut und wurde noch gröber als er ohnehin war, schalt den Angestellten einen Verräter, Schuft, Betrüger und prophezeite ihm, daß ihm dieser Vertrauensbruch teuer zu stehen kom-me. Kochend vor Ärger ging er zum Bezirksamt und legte Beschwerde ein. Unter Vorlegung des von Fräulein X unterschriebenen Vertrages ersuchte er den Bezirks-amtmann, die ungetreue Dame unter polizeilicher Be-wachung nach Keetmanshoop zu begleiten. Der Bezirks-amtmann las ihm aber ein Verfügung des Kaiserlichen Gouverneurs vor, derzufolge alle weiblichen Personen im Schutzgebiet im Falle einer Verehelichung von allen Verträgen und Verpflichtungen enthoben sind. Der ein-zige Trost, den er ihm geben konnte, bestand darin, daß er von dem Bräutigam die Schiffspassage zurückfordern konnte.«
Jedenfalls kann der „grobe Gottlieb“, unter scharfer Be-wachung des Fräuleins Imker gegen jeden männlichen Annäherungsversuch, wenigstens eine Bardame nach Keetmanshoop bringen und sie mit einem großen Fest mit der Musik einer Kapelle in seinem brechend vollen Schützenhaus einführen.
»Das Geschäft hob sich, wie Hermann Schmitz voraus-geahnt hatte. Die Bar war von morgens bis tief in die Nacht hinein von Gästen umlagert. Aber der starke Besucherandrang brachte auch große Sorgen mit sich. Wie konnte sich der „grobe Gottlieb“ der vielen Hei-ratskandidaten erwehren, die täglich seine Bardame mit Heiratsanträgen überhäuften und ihr teure Geschenke machten? Dagegen gab es nur ein Mittel. Er mußte Fräu-lein Imker hohe Prozente vom Umsatz zusichern. Ein neuer Vertrag wurde abgeschlossen, wonach Fräulein Imker auf die Dauer von drei Jahren zehn Prozent vom Umsatz bei freier Station zustanden. Der Schützen-hauswirt glaubte sich gesichert, und Fräulein Imker trug monatlich zwischen tausend und zweitausend Mark auf die Bank. In den ersten sechs Monaten ging das Geschäft gut, dann flaute es ab. Die Firma T.D. Jearey hatte auch eine Bar gebaut und ein lustiges und junges Barmädel engagiert, das einen großen Teil der Kund-schaft an sich zog.«
Fräulein Imker weiß sich aber zu helfen. Sie lockt den Schützenhauswirt, dem sie nun immer wieder verführe-risch zulächelt, in eine Falle und läßt ihn eines nach-mittags in ihr Zimmer im Schützenhaus. »Im Begriffe, sich ihr zu nähern, zog Fräulein Imker eine Pistole unter dem Kopfkissen hervor, zerschoß die Fensterscheiben und schrie laut um Hilfe. Hermann Schmitz wußte nicht wie ihm geschah und wie ein begossener Pudel verließ er schnell das Zimmer. Da waren aber auch schon die Soldaten da, die in der Bar gesessen, die Pistolenschüsse und Hilferufe gehört hatten und nun im Laufschritt herbeikamen um Hilfe zu leisten. Als sie in den Hof kamen, sahen sie, wie der Schützenhauswirt das Zimmer seiner Bardame verließ. Es gehörte kein Scharfsinn dazu um zu wissen, was vorgefallen war. Sofort spielten sich die Soldaten als die Beschützer der Unschuld auf und begleiteten Fräulein Imker, die rasch ihre Sachen ge-packt hatte, in ein Hotel. Durch einen Rechtsanwalt reichte sie die Klage gegen den Schützenhauswirt ein.
Die Klage stand schlecht für Hermann Schmitz. Nie-mand glaubte ihm, daß er in das Zimmer gelockt worden war. Vom Bezirksgericht Keetmanshoop wurde er zur Zahlung von dreißigtausend Mark Schadensersatz ver-urteilt. Seine Berufung gegen dieses Urteil wurde abge-wiesen. Da er die Summe nicht aufbringen konnte, wurde das Schützenhaus gepfändet und versteigert. Hermann Schmitz war ein armer Mann. Später traf ich ihn in Lüderitzbucht wieder, wo er ihm sein alter Kamerad, der Bürgermeister Kreplin, einen Wasser-wagen mit zwei Maultieren gekauft hatte. Er zog von Haus zu Haus und verkaufte kondensiertes Trinkwasser zu 5 Pfennig pro Liter.
Nach dem gewonnenen Prozeß fuhr Fräulein Imker mit der Postkutsche des Spediteurs Raupenmüller von Keet-manshoop nach Aus. Mit derselben Postkutsche fuhren außer mir noch die Herren Eddy Rust, Jonny Spence und Nelke. Raupenmüller und Fräulein Imker saßen vorn auf dem Bock.«
Noch in der nächsten Nacht verlobt sich Raupenmüller mit Frau Imker. »Die Hochzeitsfeier entsprach durchaus seinem Ansehen als Prominenter. An die hundert Gäste waren geladen, und nach einem pompösen Festessen artete die Hochzeitsfeier in eine wüste Sauferei aus.« Aber gegen ein Leben als Frau Raupenmüller hat die ehemalige Bardame schon in der Hochzeitsnacht vor-gesorgt und sich noch während der Hochzeitsfeier mit Herrn Nelke, der schon gleich nach dem Festessen die Feier verlassen hatte, in dessen Haus in ihrem Hoch-zeitskleid in seinem Schlafzimmer eingefunden.
»Als Raupenmüller am anderen Morgen seinen Rausch ausgeschlafen hatte, ging er zu seinem Rechtsanwalt und reichte die Scheidungsklage ein. … Fräulein Imker, geschiedene Frau Raupenmüller, fuhr nach knapp ein-jähriger Gastrolle in Südwest, während welcher sie zwei rauhe Männerherzen geknickt hatte, sorglos und heiter mit einem ansehnlichen Vermögen nach Deutschland zurück.«
Die Eisenbahn von der Hafenstadt Lüderitzbucht fährt 1907 nur bis zum 250 Kilometer von Keetmanshoop entfernt liegende Aus. Die Strecke Lüderitzbucht-Keet-manshoop wird einmal die Woche vom Speditionsge-schäft Raupenmüller in Lüderitzbucht mit einer Post-kutsche befahren. Im Juli 1908 geht dann die Bahnlinie von der Lüderitzbucht bis in das 366 Kilometer entfernte Keetmanshoop in Betrieb.
Der Deutschkoloniale Frauenbund eröffnet 1910 in Keetmanshoop ein Heimathaus, in dem von ihm aus Deutschland nach Südwestafrika geschickte Frauen zu-nächst eine Unterkunft finden, bis sie eine Anstellung gefunden haben, und wo in dem an weißen Frauen armen Land die Bekanntschaft mit alleinlebenden Far-mern arrangiert wird. Besonders im Süden der Kolonie gibt es wenige deutsche Frauen, weshalb Keetmanshoop für das Heimathaus des Frauenbundes in Südwest ge-wählt wurde.
1911 beginnt die Keetmanshooper Zeitung mit ihrem erscheinen.
Im Mai 1912 wird in Keetmanshoop der Deutsch-Süd-westafrikanische Luftfahrerverein gegründet.
Anfang 1912 ist auch die 507 Kilometer lange Eisen-bahnstrecke zur Landeshauptstadt Windhuk, in der Mitte des Landes gelegen, vollendet.
Am 22. August 1913 findet die Eröffnung des Johanniter-krankenhauses in Keetmanshoop statt.
1914 erhält Keetmanshoop auch einen Flugplatz.
Das Deutsche Kolonial-Lexikon berichtet über die Stadt:
Keetmanshoop, die wirtschaftliche Hauptstadt des in-neren Namalandes in Deutsch-Südwestafrika, zumal seit der Vollendung der verschiedenen südlichen Bahnli-nien. Der Ort liegt auf dem östlich vom Großen Fisch-flusse sich hinziehenden Hochlande in wenig mehr als 1000 m Seehöhe. Keetmanshoop ist Hauptort des gleich-namigen Verwaltungsbezirks, ferner Sitz eines Zollam-tes, einer Post- und Telegraphenstation. Ferner befindet sich dort eine Regierungsschule. Die Station Keetmans-hoop der Rheinischen Missionsgesellschaft ist im Jahre 1866 gegründet. Die wirtschaftliche Bedeutung des Or-tes wird am besten dadurch bezeichnet, daß schon im Jahre 1910 rund 40 Einzelfirmen daselbst ansässig wa-ren.
Zur Jahrhundertwende erreicht der Bahnbau von Swa-kopmund aus Karibib. Es handelt sich um eine Schmal-spurbahn gebaut aus Feldbahnmaterial des deutschen Heeres. Karibib hat Anfang 1900 zehn Einwohner plus vier Soldaten, die 1899 nach Karibib verlegt wurden zum Schutz des Bahnbaus. 1900 wird auch der Weg des Ochsenwagenverkehrs zwischen Küste und Landesinne-rem, der über die seit 1849 bestehende deutsche Sied-lung Otjimbingwe lief, nun über Karibib geführt. Am 30. Mai 1900 erreicht die Gleisspitze Karibib – Kilometer 194 von Swakopmund – und nun wird auch der Rat des Distrikts von Otjimbingwe nach Karibib verlegt. In Kari-bib wird ein Bahnhof gebaut, eine Wasserversorgung für die Dampfkessel der Lokomotiven durch einen Wasserturm in dem wasserarmen Land eingerichtet und die Hauptwerkstatt für die Bahnlinie Swakopmund – Windhuk aufgebaut. Am 1. Juli 1900 geht die Strecke Swakopmund – Karibib in Betrieb.
Mit dem Bahnbau beginnt auch der schnelle Aufbau von Karibib. Der erste Arzt zieht 1900 in die entstehende Stadt. Am 1. Juli 1901 wird Karibib Hauptstadt des neu eingerichteten Distrikts Karibib. 1901 – die Einwohner-schaft zählt nun 92 Köpfe – ist auch der Bahnhof fertig-gestellt, ein Gefängnis gebaut und Wohnraum für neue Bewohner wird geschaffen. Für die Wasserversorgung der Einwohner werden die Wohnquartiere an die Wasserversorgung für die Bahn angeschlossen und so kann fließend Wasser in den Gebäuden eingerichtet werden; zuvor war das Wasser aus Wasserlöchern ge-wonnen worden.
Schutztruppenoffizier Major Ludwig von Estorff schreibt 1901 in einem Brief an seine Eltern nach zweijähriger Abwesenheit aus der Kolonie: »Hier habe ich doch vieles verändert gefunden; neue Menschen, viele neue Anla-gen. Swakopmund ist vergrößert, die Mole halb fertig. Karibib nördlich Otjimbingwe eine völlig neue Stadt ge-worden.«
Am 1. Dezember 1901 zieht auch die Distriktverwaltung von Otjimbingwe nach Karibib um.
Mit der Fertigstellung der Eisenbahnbauten in Karibib und dem Weiterwandern der Gleisbaustelle mit all ihren Arbeitern Richtung Windhuk beruhigt sich auch das geschäftliche Leben in Karibib.
Im Juni 1902 beginnt der Bahnverkehr auf der 188 km-Strecke von Karibib nach Windhuk und im gleichen Jahr zählt die wachsende Stadt 274 Einwohner.
Um den Marmor bei Karibib abzubauen wird 1903 die Deutsch Afrikanische Marmorgesellschaft gegründet und im gleichen Jahr beginnt in zwei Steinbrüchen die Gewinnung des wertvollen Gesteins. Die Steinbrüche haben eine Anbindung an die Eisenbahnlinie und so kann der Marmor kostengünstig nach Swakopmund be-fördern werden und von dort mit Schiff nach Deutsch-land.
Da eine Bahnlinie von Swakopmund in den Norden der Kolonie zu den Erzminen in Kapspur (107 cm), der üb-lichen Spurweite in Südafrika, gebaut wurde – eine Bahn auch mit stärkerem Gleisunterbau für die schweren Erztransporte – die bis nahe Karibib beinahe parallel zur Schmalspurbahn verläuft, bis sie nach Norden abbiegt, wird zwischen Karibib und der Kapspurbahn ein 14 km langes Verbindungsgleis gelegt und im Mai 1905 eröff-net.
Im Juni 1907 hat Karibib 316 weiße Einwohner.
Am 15. Mai 1909 wird Karibib durch Verordnung zu einem »Gemeindeverband« erklärt und im Juli des Jah-res findet die erste Gemeinderatswahl statt.
Der Durchgangsverkehr auf der alten Strecke Swakop-mund-Karibib wird am 1. April 1910 geschlossen und dient nur noch dem Ortsverkehr. Der Umbau der Strek-ke Karibib-Windhuk auf Kapspur beginnt 1910 und am 22. August 1911 kann der Kapspurbetrieb eröffnet wer-den.
Am 7. März 1913 wird in Karibib eine Fleischkonser-venfabrik gegründet. Die Fabrik soll nicht nur den Markt von Südwest beliefern, sondern auch nach Deutschland exportieren. Die Fabrik bezieht ihr Fleisch von den Rin-derherden in Deutsch Südwestafrika.
1914 finden sich 339 Einwohner in Karibib und im April des Jahres wird ein Flugplatz bei Karibib eingerichtet.
Das Deutsche Kolonial-Lexikon schreibt über die Stadt, die auch von Reisenden zwischen Swakopmund und Windhuk als Übernachtungsmöglichkeit genutzt wird:
Karibib, wichtiger Ort Deutsch-Südwestafrikas in 1170 m Seehöhe gelegen. Karibib, noch vor zwei Jahrzehnten eine Wasserstelle in völlig menschenleerer Steppe, hat sich nach Fertigstellung der Eisenbahnlinien zu einem bedeutenden Mittelpunkt des Verkehrs entwickelt. Heute ist es der Hauptplatz sowohl zwischen der Küste und Omaruru wie auch an der nach Osten weiter-führenden Strecke der Hauptbahn bis Okahandja. 1901 gab es erst eine einzige Niederlassung einer Handels-firma in dem Ort, ein Jahrzehnt später zählte er deren ein Viertelhundert. Karibib ist Sitz einer Post- und Telegraphenstation, eines Zollamtes, ferner befindet sich daselbst eine Missionsstation der Rheinischen Missionsgesellschaft. Außerdem ist es der Mittelpunkt des gleichnamigen Verwaltungsbezirks.
Lüderitzbucht liegt am südlichen Ende der Küste von Deutsch Südwestafrika an der Namibwüste. Hinter der Wüste liegt eine auch nur wenig landwirtschaftliche nutzbare Gegend. Um 1900 macht der Ort einen sehr bescheidenen Eindruck. So gibt es das 1882 in Bremen auf den Segler Tilly verladene Holzhaus der Firma Lüderitz von 10 x 20 Metern mit Verkaufsraum, Lagerraum und Wohnraum für die Angestellten. Im Ganzen besteht die Siedlung aus sechs Holz- bezie-hungsweise Wellblechhäusern mit zehn Weißen und einigen Einheimischen. Das Trinkwasser wird seit 1897 mit einem Dampfkondensator erzeugt und mußte vorher von Kapstadt herangeschafft werden. Es gibt eine kleine Landungsbrücke mit einem Dampfkran und seit 1899 verkehrt monatlich ein Schiff von Woermann über Swakopmund nach Lüderitzbucht.
Bereits 1898 wird ein Bebauungsplan für Lüderitzbucht von der Bauverwaltung in Windhuk erstellt, aber bis 1904 kommen nur wenige Holz- und Wellblechhäuser hinzu, bei nun etwa 20 Europäern im Ort. Mit dem im Januar 1904 in der Mitte der Kolonie begonnenen Auf-stand der Herero befürchtet das Oberkommando der deutschen Schutztruppe in Südwest ein Übergreifen des Aufstandes auf die Hottentotten in Süden der Kolonie und so treffen Anfang Juli 1904 deutsche Truppen in Lüderitzbucht ein und beginnen sofort mit der Her-richtung der Landungseinrichtungen für die Anlandung von größeren Truppenkontigenten und derem Nach-schub.
Als im Oktober 1904 der Hottentotten-Aufstand aus-bricht wird Lüderitzbucht auch zum Nachschubhafen für die deutschen Truppen zur Niederschlagung dieses Aufstandes. Lüderitzhafen, die bisherige Landestelle der Siedlung, ist vom Roberthafen durch eine etwa 500 m x 500 m messende Halbinsel getrennt und nun werden vom Pioniertrupp Süd 2 im Roberthafen zwei zusätzliche Landungsbrücken gebaut. Eine davon ist 170 m lang und trägt drei Dampfkräne. Aus dem verschlafenen Ort wird in kürzester Zeit ein Truppenlager mit allen dazugehö-rigen Einrichtungen. Hunderte von Deutschen, Buren und anderen Weißen sowie etwa 2000 Einheimische sind auch schnell eingetroffen und arbeiten als Hand-werker, Händler und im Transportwesen.
Aus der einsamen Faktorei an der Lüderitzbucht ist im Verlaufe weniger Monate ein stark belebter Landungs-platz geworden und eine große Barackenstadt ist ent-standen. Geschäftshäuser, Hotels und Restaurants schießen wie Pilze aus dem Boden. Bäckereien und Schlachtereien öffnen ihre Läden. Barbiere, Schuster, Schneider und andere Gewerbe etablieren sich, ja sogar eine Bierbrauerei entsteht, die eine ziemlich saure Imitation der Berliner Weiße fabriziert. Auch die Swakopmunder Buchhandlung eröffnet eine Filiale in Lüderitzbucht.
Ende 1905 hat Lüderitzbucht bereits 3000 Einwohner. Für die Deckung des großen Bedarfs an Unterkünften und Lagerhäusern werden fast nur Holz- und Well-blechbauten errichtet, aber auch die ersten Steinbauten entstehen nun und das erste Elektrizitätswerk in Süd-westafrika wird in Lüderitzbucht von der Schutztruppe errichtet..
Am 17. November 1905 trifft General Lothar von Trotha zu Pferde in Lüderitzbucht ein, um die Amtsgeschäfte an den auf dem Reichspostdampfer Prinzregent in Anreise befindlichen neuen Gouverneur Friedrich von Linde-quist zu übergeben und selbst auf dem Schiff nach Deutschland abzureisen. Trotha schreibt über Lüderitz-bucht in sein Tagebuch:
»Mächtig viel gebaut; sehr hübsch. Das Meer; Schiffe über die Toppen [geflaggt]; englische Buren; three cheers for the governor [für General Trotha]. Eisenbahn [Der Eisenbahnbau von Lüderitzbucht aus ins Inland hat begonnen]. In Parade, Musik; Jeremias [sein Reitpferd] vergißt alle Müdigkeit; gut untergekommen; geschlafen, gewaschen; allen Staub von Afrika, von Leib und Seele. Basta!«
Die Verkehrsverhältnisse von Lüderitzbucht durch die Wüste sind bis zum Bau der Bahn unglaublich schwierig und nur mit Ochsenwagen zu bewältigen. Ein Ochsen-wagentransport durch die Namib gestaltet sich auf fol-gende Weise: Die Ochsen, etwa 20 pro Wagen, werden in Lüderitzbucht mit argentinischer Luzerne gefüttert und mit destilliertem Kondenswasser, von dem jeder Liter etwa 5 Pfennig kostet, getränkt. Jeder Ochse frißt pro Tag etwa einen halben Ballen Luzerne und säuft 25 bis 30 Liter Wasser. Nach mehreren Ruhetagen geht dann die Reise los. Gewöhnlich wird nur nachts ge-treckt, da die Nächte kühler sind, und tagsüber gerastet. Der erste Treck durch die gefürchteten Flugsanddünen bei Kolmanskuppe geht gegen Abend von Lüderitzbucht ab und fährt etwa 25 Kilometer bis Grasplatz. Am Grasplatz wächst zwar kein einziger Grashalm – der Platz liegt mitten in der Wüste – , aber hier wird für die Ochsen Heu gelagert. Grasplatz ist der Grasabladeplatz, wo die argentinische Luzerne gestapelt ist, womit die Treckochsen noch einmal vor dem Gewaltmarsch durch die Wüste gefüttert werden. Die Ochsen werden nach Lüderitzbucht zurückgetrieben, noch einmal getränkt, und dann geht es in einem nächtlichen Gewaltmarsch von 40 bis 50 Kilometer durch die Wüste. Kurz vor Sonnenaufgang wird Halt gemacht und bis mittags geruht. Dann folgt wieder ein Gewalttreck von 30 bis 40 Kilometern, es wird ausgespannt, und die Ochsen zu dem noch etwa 30 Kilometer entfernten Kubub zum Wasser vorausgetrieben. Nach ein bis zwei Ruhetagen in Kubub werden die Wagen nachgeholt. Der Rück-marsch nach Lüderitzbucht geht auch wieder in Etappen vor sich.
Eine Eisenbahn-Baukompanie stellt eine Telefonleitung ins Landesinnere her und beginnt Ende 1905 mit dem Bau der Bahn ins Landesinnere. Mit dem Eisenbahnbau kommen viele Ingenieure, Techniker, Schachtmeister und Handwerker ins Land, die das Stadtbild beleben. Aus Kapstadt eingewanderte Obst- und Gemüsehändler errichten kleine Stores, in welchen man südafrikani-sches Obst und Gemüse, frische Butter, Eier und Ge-flügel zu erstaunlich niedrigen Preisen einkaufen kann. Auch farbige Arbeiter aus der Kapkolonie, sogenannte Cape Boys, kommen zu Hunderten ins Land und werden beim Bahnbau beschäftigt. Wenn auch am 4. August 1906 durch ein Großfeuer zahlreiche Getreide- und Heumagazine vernichtet werden, so macht Lüderitz-bucht gegen Ende des Jahres 1906 den Eindruck einer schnell aufblühenden Stadt. Auch die ersten weißen Frauen sieht man und im Hotel Kendrik fungiert die erste Lüderitzbuchter Barmaid, eine Engländerin.
Am 1. November 1906 kann der Betrieb der Bahnlinie bis Aus, 140 Kilometer von Lüderitzbucht entfernt, aufge-nommen werden und der Bau der Bahn wird weiter ins Land vorangetrieben. Damit ist die Namibwüste ver-kehrstechnisch endgültig bezwungen.
Als Ende 1906 die Aufstände in der Kolonie beendet sind, ziehen auch die deutschen Truppen ab. 1907 steht im Zeichen der Heimattransporte und sie beleben noch einmal die Geschäfte. Als dann aber die Heimattrans-porte beendet sind und auch die Einfuhr von Kriegs-material, Futter- und Lebensmittel für die Truppe auf-hört, schwinden die Geschäfte. Die große Zeit für Lüde-ritzbucht ist vorbei und die Zukunft sieht düster aus. Anfang 1908 ist die Einwohnerzahl auf 2000 gefallen, davon 589 Weiße, meist Deutsche und 1400 Einhei-mische. Als dann zu Anfang des Jahres 1908 auch der Bahnbau Aus–Keetmanshoop seinem Ende entgegen-geht, und viele beim Bahnbau beschäftigte Weiße und Cape Boys entlassen werden, verschärft sich der wirt-schaftliche Rückgang der Geschäfte zu einer Katas-trophe. Viele Läden entlassen ihre Angestellten oder schließen gleich ganz die Türen, andere geraten in Konkurs. Bauten werden eingestellt und Handwerker entlassen. Doch dann geschieht ein Wunder für Lüde-ritzbucht: Im Mai 1908 werden in der Wüste rings um Lüderitzbucht Diamanten gefunden. Ganz Lüderitz-bucht wird vom Diamantenfieber erfaßt. Jeder, der noch Ersparnisse hat, kauft sich einen oder mehrere Schürf-scheine, kauft oder leiht sich ein Reittier und reitet hinaus in die Wüste, um an irgend einer noch nicht belegten Stelle seinen Schürfpfahl aufzustellen. Inner-halb weniger Tage ist die ganze Wüste in einem Um-kreis von mehreren Kilometern um Lüderitzbucht herum mit Schürftafeln gespickt und gleicht mit seinen Holzkreuzen einem weitläufigen Friedhof.
Unter den Wohlhabenden gibt es einige, die körperlich nicht im Stande sind, die Strapazen eines Wüstenrittes auf sich zu nehmen, und unter den Mittellosen gibt es viele, die sich keinen Schürfschein kaufen können. Arm und Reich kommen zusammen, setzen sich an einen Tisch und gründen Syndikate. Die Reichen bringen ihre Schürflizenzen und Bargeld für die Anschaffung von Reittieren, Handwerkszeug, Proviant und Ausrüstungs-gegenständen, die Mittellosen ihre Arbeitskraft in das Syndikat ein. Dies ist der Anfang aller Diamantengesell-schaften von Lüderitzbucht. Dann ziehen die Karawanen mit Kamelen, Maultieren oder zu Pferde, bepackt mit Zelten, Wasserfässern, Proviant und Handwerkszeug hinaus in die Wüste, die bis zu dieser Zeit nur selten ein Weißer betreten hat.
Unter allen Lüderitzbuchtern befindet sich keiner, der Erfahrungen im Abbau von Diamantenfeldern hat. An-fangs legt man sich auf den Bauch und sucht so lange im Wüstensand herum, bis man ein Steinchen gefunden hat, was oft stundenlang, manchmal sogar tagelang dauert. Später entstaubt man erst den Wüstensand mit einem feinem Drahtsieb, bevor man das so gewonnene gröbere Korn auf Diamanten untersucht, was immerhin schon ein kleiner Fortschritt ist.
Dann taucht ein fast 70jähriger deutscher Abenteurer auf, Charly Bannau. Als 1870 die ersten Diamanten in Südafrika gefunden wurden, ging der Seemann an Land und stieg ins Diamantengeschäft ein. Er wurde reich und durch Fehlspekulationen und Kartenspiel verlor er wieder alles. Schließlich endet Charly Bannau Ende 1907 in Swakopmund als Hoteldiener im Hotel Kaiserhof. Als er von den Diamantenfunden bei Lüderitzbucht hört läuft er durchs Hotel und ruft: „Ich muß nach Lüderitz-bucht, ich muß nach Lüderitzbucht, es ist die letzte Chance meines Lebens!“ Der Hotelbesitzer und einige Hotelgäste sammeln für ihn das Fahrgeld für eine Schiffspassage nach Lüderitzbucht. In der Hafenstadt angekommen wendet er sich an die Geschäftsführer der Diamantensyndikate: „Ihr habt ja alle keine Ahnung, wie man Diamanten wäscht, ich werde euch das mal zeigen, aber fünf Prozent Beteiligung verlange ich dafür.“ Die Geschäftsführer sind froh, jemanden gefunden zu ha-ben, der etwas vom Diamantenabbau versteht. So wird Charly Bannau durch seine Beteiligung an verschie-denen Syndikaten auf seine alten Tage noch einmal ein reicher Mann.
Die Diamanten-Waschmethode, welcher sich Charly Bannau bedient, ist die denkbar einfachste und auf allen Diamantenfeldern Afrikas die gebräuchlichste. Dazu ge-hört eine Schaufel, ein Sieb mit nicht zu feinem Draht-boden, eine runde Waschbalge und eine leere Bierkiste. Mit der Schaufel schippt man den Wüstensand in das Sieb und entstaubt ihn, um das gröbere Korn zu gewin-nen. Alsdann taucht man das Sieb in die mit Seewasser oder Brackwasser gefüllte Waschbalge und macht mit den Händen halb rotierende und halb schüttelnde Bewegungen unter Wasser. Sind Diamanten im Sieb vorhanden, so konzentrieren sich diese durch die Schüttelbewegungen ruckweise zur Mitte des Sieb-bodens. Hat man auf diese Weise etwa fünf Minuten gewaschen, nimmt man das Sieb heraus, läßt es ab-tropfen und klappt es herum auf die leere Bierkiste. Jetzt sieht man deutlich wie sich die Sandkörner nach ihrem Gewicht geordnet haben. In der Mitte des Waschgutes gewahrt man einen etwa handtellergroßen Kreis aus kleinen, schmutzigroten Rubinen, den man das Herz nennt, und in der Mitte des Herzens liegen die Dia-manten. Dieses Verfahren wird später von der Lüderitz-buchter Maschinenfabrik mechanisiert, wodurch mit Hilfe von Wasser die Diamanten automatisch ausge-waschen werden. Der deutsche Ingenieur Schiechel vervollkommnet diese Verfahren durch die nach ihm benannten Schiechelanlagen, die bis zu hundert Siebe haben und mit Motoren angetrieben werden. Viele sol-cher Anlagen werden in den größeren Abbaubetrieben aufgestellt.
Immer weiter dringen die Diamantensucher in die un-bekannte, wasserlose und von Flugsandstürmen heim-gesuchte Wüste ein. Je weiter sie nach Süden kommen, desto schöner und größer werden die Steine. Aber auch die Gefahr des Verdurstens und Verirrens wird immer größer. In der kühleren Jahreszeit sind es die Seenebel, in der heißen Zeit die Sandstürme, die eine Orientierung erschweren und ohne Kompaß unmöglich machen. Besonders gefürchtet sind die Flugsandstürme, gegen welche die Diamantensucher sich und ihre Tiere durch Sandbrillen zu schützen suchen.
Max Ewald Baericke, der im Juli/August 1910 in der Namib auf Diamantenexpedition ist, beschreibt das Leben mit einer Karawane von Diamantensuchern in der Wüste:
»Vor der Karawane herreitend, mit dem Kompaß die Richtung haltend, mit dem Feldstecher die Gegend nach Schürftafeln absuchend, nachts am wärmenden Lager-feuer sitzend und sich nach den Sternen am immer wolkenlosen Himmel richtend, ist das nicht ein herr-liches und freies Abenteuerleben? Auch gibt es ab und zu eine Jagdgelegenheit, zwar nicht auf Löwen und Elefanten, aber doch stehen öfters zwischen den Sand-dünen oder auf den Flächen kleine Antilopen oder Springböcke, die in Rudeln die Namib durchziehen, ihren Durst nur am Morgentau stillend, der an den Grasbüscheln oder Brackbüschen hängt. Und wenn man etwas Glück hat und ein gutes Schürffeld findet, dann ist dieses Abenteuer sogar gewinnbringend.«
1907 hatte Baericke in der Berliner Illustrierten Zeitung einen Bericht vom Missionar Tönjes gelesen. Tönjes war vom Ovamboland ganz im Norden der Kolonie mit zwei Ochsenwagen nach Walfischbucht unterwegs, um für seine Missionsstation Proviant und Handelsgüter zu holen. Dicht vor der englischen Walfischbucht, in der Nähe des Eingeborenendorfes Scheppmannsdorf, ließ er die Ochsen ausspannen, damit sie in dem mit Gras bestandenen Kuisebtal weiden konnten. Während der Rast kam ihm ein eingeborener Viehwächter angelaufen und meldete dem Missionar, daß unweit der Aus-spannstelle ein Weißer tot in der Wüste liege. Der Missionar begab sich an den bezeichneten Ort, wo der Weiße mit einem Buschmannspfeil im Rücken tot am Boden lag. Er ließ den Giftpfeil herausschneiden und gab dem Weißen ein christliches Begräbnis.
Im Besitz des Weißen fand der Missionar einen leeren Wassersack, eine leere Feldflasche, ein Notizbuch und in den Zipfel seines Taschentuches eingeknotet einige winzig kleine Diamanten. In dem Notizbuch waren in Geheimschrift einige Notizen gemacht, die nicht ent-ziffert werden konnten. Wie sich herausstellte, war der Tote ein ehemaliger Angestellter der Firma Mertens & Sichel in Walfischbucht, der vor vielen Monaten in die Wüste gegangen war, um das Hottentotten-Paradies zu finden.
Ein Jahr nach der Veröffentlichung dieses Artikels wer-den dann bei Lüderitzbucht Diamanten entdeckt und das sagenumwobene Hottentotten-Paradies, von dem bei Weiß und Schwarz schon seit langem die Rede ist, ist eine Oase irgendwo mitten in der Namib, mit grünen Bäumen, frischem Wasser und nun natürlich auch mit großen Diamanten.
Die Buschmänner leben auch in der Namib, während die Hottentotten immerhin die Wüste durchstreifen kön-nen. So durchqueren die Hottentotten von Bethanien die Wüste, um an der Küste gestrandete Segelschiffe zu plündern und selbst das kostbare Holz der Schiffs-rümpfe schleppen sie nach Bethanien zum Hausbau.
Nun erzählt ein Hottentotte Baericke von den riesigen Diamanten im Hottentotten-Paradies und er wüßte auch wo das Paradies läge. Baericke rüstet eine Expedition aus: »Zu meinen zwei Reitpferden kaufte ich noch sechs Maultiere, eine Karre, mehrere Reit- und Packsättel, Waschsiebe, Handwerkszeug, Proviant und vier Kisten Rum und Cognak. Zur Teilnahme an der Expedition ver-pflichtete ich die ehemaligen Polizeisergeanten Koppel und Hartkopf und den ehemaligen Schutztruppen-sergeanten Wiemers, alles handfeste Kerls, die den Hottentottenaufstand mitgemacht und sich in Aus als Handwerker niedergelassen hatten. Sie bekamen freie Verpflegung und wurden mit je fünf Prozent an der Expedition beteiligt.
Am 18. Juli startete die Expedition von der Eisenbahn-station Aus in nördlicher Richtung. Es war ein bitter-kalter Morgen, die Wassersäcke an der Karre waren zu Eisklumpen gefroren.« Auch der Hottentotte ist natür-lich dabei und huldigt dem Rum, bis er sich rechtzeitig auf und davon macht.
Noch vor dem Erreichen der Wüste haben sie ein be-sonderes Erlebnis: »Am anderen Morgen bot sich uns ein interessantes Schauspiel, das wir von unserem Lager aus beobachteten. Eine Herde Paviane hatte einen Klipp-bock eingekreist – die Klippböcke gleichen unseren hei-mischen Gemsen – , der sich auf eine steile Felsklippe flüchtete. Von allen Seiten kletterten die Paviane den Fels hinauf, um den Klippbock zu fangen. Als die Paviane schon die höchste Spitze erreicht hatten, gaben wir Schnellfeuer auf sie ab, daß sie schreiend flüchteten.«
Dann besucht Baericke Baron Hansheinrich von Wolff in seinem in rotem Sandstein erbauten Schloß Duwisib, welches umringt ist von weißgekalkten Wirtschafts-gebäuden. Italienische Mauerer und Steinmetze hatten jahrelang daran gearbeitet und die Fassaden mit rei-chem Ornamentschmuck versehen.
Hier am Rande der Wüste hat sich der Baron 50.000 Hektar Weideland erworben, halb so groß wie das Königreich Sachsen, und sein Schloß errichtet. Baron von Wolff ist ehemaliger Schutztruppenhauptmann, sein Vater Kammerherr beim König von Sachsen. Auf einem Heimaturlaub hat er die Tochter des amerikani-schen Gesandten am sächsischen Hof kennen gelernt und geheiratet, eine echte Dollarprinzessin. Auf seiner Farm züchtet er ungarische Halbblutpferde als Reit-pferde für die Schutztruppe. Er gilt als einer der reichs-ten Farmer des Schutzgebiets.
Der Baron warnt Baericke dringend vor der Wassernot in der Wüste und auch vor dem Farmer Klinge. „Und dann warne ich Sie vor dem Farmer Klinge in Swart-modder, sehr gefährlicher Mann. Man nennt ihn den weißen Buschmannkönig.“ Der Baron hat Klinge gerade in Aus getroffen: „Doch, er ist gestern Abend zurück-gekommen und wird sie von seinen Buschleuten auf Schritt und Tritt überwachen lassen. Auf seiner Farm sitzen etwa fünfzig Buschleute, ich warne Sie nochmals.“
Baericke besucht trotzdem Klinge, der auch ein Kunde von seinem Laden in Aus ist, auf seiner Farm vor dem Marsch in die Wüste. Auch wenn Baericke Klinge nichts von seinem Vorhaben erzählt hat, so weiß der Farmer spätestens von dem entflohenen Hottentotten von der Diamantensuche.
Ein Erlebnis mit einer Schlange scheint dann tatsächlich ein Omen für die Expedition zu sein:
»In der Nacht war der Hottentot entlaufen. Im Morgen-grauen sattelten Hartkopf und ich die Pferde und ritten nach Swartmodder zurück. Unterwegs lief uns eine schwarze Mamba über den Weg. Ich zerschoß ihr das Rückrat und sie verschwand unter einer schräg über-hängenden Klippe. Als ich ihr den Fangschuß geben wollte, schnellte sie hervor und spuckte mich an, aber das Gift traf nur mein Kinn, das wie Feuer brannte. Ich ging an den Sattel, schnallte die Feldflasche ab und wischte das Gift mit warmen Kaffee ab. Hartkopf unkte und sagte: „Von links nach rechts – was Schlecht’s“. Die Mamba war uns von links nach rechts über den Weg gelaufen, was er für ein böses Vorzeichen ansah.«
»Am 30. Juli zogen wir in die Namib. Die beiden Pferde und zwei Maultiere dienten als Reittiere. Zwei weitere Maultiere trugen die großen Wassersäcke und die bei-den anderen den Proviant und die Schürfgeräte. Nach dem Kompaß reitend schlugen wir südwestliche Rich-tung ein.«
»In dem warmen, tagsüber von der Sonne durchglühten Wüstensand bereiteten wir uns unser Nachtlager. Den Sattel als Kopfkissen und die Füße gegen das Lagerfeuer gestreckt, wickelten wir uns in unsere Woylachs (Sattel-decken). Noch lange schauten wir so in den klaren Nachthimmel und hofften nun bald das ersehnte Hottentotten-Paradies zu entdecken.«
Als sie auf einem Wildpfad zur nächsten Wasserstelle reiten, fallen ihnen die die immer zahlreicher werden-den Zebrakadaver auf. »Unsere Tiere haben das Wasser gewittert und drängen vorwärts, und es kostet uns Mühe, die freilaufenden Packtiere einzufangen und zurückzuhalten. Koppel und ich gehen zur Wasserstelle und sehen zu unserem allergrößten Erstaunen eine ganze Menge armdicker Stücke der Kandelaber-Eu-phorbie, die in der Mitte aufgeschnitten sind, im Wasser schwimmen. Die Wasserstelle ist vergiftet. Der Milchsaft der Kandelaber-Euphorbie, auch Wolfsmilch genannt, ist ein sehr starkes Gift, das die Buschleute nicht nur zum Vergiften von Wasserstellen, sondern auch als Pfeilgift benutzen.
…
Wir zweifelten nicht daran, daß man die Wasserstelle vergiftet hatte, um unsere Expedition zum Scheitern zu bringen.«
Die Frage ist, war es Klinge?
»Die andere Vermutung war die, daß Klinge nichts damit zu tun hatte, sondern daß die Buschleute, in Überein-stimmung mit ihren alten Stammessitten, ein Eindrin-gen der Weißen in ihre Jagdgründe verhindern wollten. Und da wir vier Gewehre stark waren und sie uns mit ihren Giftpfeilen schwerlich etwas anhaben konnten, vergifteten sie die Wasserstelle, um uns zum Verlassen der Namib zu zwingen.«
Doch trotz der dringender Warnung vom Baron vor dem Wassermangel in der Wüste können sie der Versu-chung nicht widerstehen, Diamanten zu finden, und kommen dann bald vor Durst in der Namib um.
Den beiden Pferden gibt Baericke den Gnadenschuß. »Die Maultiere ließen wir liegen, wir waren selbst zu erschöpft, um uns noch mit ihnen abzuquälen. Wir dachten jetzt nur noch an unsere eigene Rettung. Unter einer Zeltbahn, die wir an unseren Gewehren aufge-spannt hatten, suchten wir Schutz vor den sengenden Sonnenstrahlen. Keiner redete mehr ein Wort. Die Zunge klebte uns geschwollen im Munde.
Gegen Abend brachen wir auf, nur noch mit Gewehr, Feldflasche, Woylach oder einer Zeltplane bepackt. Der feine Flugsand drang in unsere Schuhe ein und scheu-erte unsere Füße wund. wir achteten nicht darauf. Oft-mals legten wir uns in den Sand, um etwas auszuruhen. Nur der Gedanke, nicht in der Wüste zu verdursten, trieb uns wieder hoch.
…
Erbarmungslos brannte die Sonne auf uns hernieder und schmerzhafte, wasserunterlaufene Brandblasen be-deckten Rücken und Nacken. Wir hatten große Lust, uns die Hemden vom Körper zu reißen, unterließen es aber, da wir wußten, daß dies das letzte Stadium von Verdurstenden ist. Unser Gepäck trugen wir daher auf dem Kopf. Oft kam ich in Versuchung, den letzten Schluck Kaffee aus meiner Feldflasche zu trinken, be-zwang mich aber immer wieder. Wieder erschien um die Mittagszeit ganz in unserer Nähe eine Fata Morgana, die uns so naturgetreu einen See mit grünen Palmen vorzauberte, daß wir uns auf eine Düne setzten und so lange dieses prächtige Naturschauspiel betrachteten, bis es wieder verschwunden war.«
»Zwei Monate nach unserer Rückkehr nach Aus er-schien in der Lüderitzbuchter Zeitung vom November 1910 ein Artikel, wonach eine Polizeipatrouille in der Namib den Farmer Klinge tot aufgefunden hat. Mit seinem eigenen Gewehr hatte man ihm während des Schlafes einen Schuß in die Stirn gegeben. Neben der Leiche fand man noch das abgeschossene Gewehr mit der leeren Patronenhülse. Anscheinend wurde er von einem Buschmann erschossen, denn ein Hottentot hätte wohl das Gewehr mitgenommen. In der Tasche des Toten fand man in einer leeren Patronenhülse einige kleine Diamanten.«
Durch die Sperrverfügung vom Reichskolonialamt vom 22. September 1908 wird die Neuvergabe von Schürf-rechten zwischen dem 26. Breitengrad, etwa 200 Kilo-meter nördlich von Lüderitzbucht gelegen, und der Grenze zu Südafrika, etwa 400 Kilometer südlich von Lüderitzbucht, verboten und alle noch freien Schürf-rechte in diesem ungeheuer riesigen Wüstenland an die Deutsche Diamanten G.m.b.H. vergeben. Diese Diaman-tengesellschaft ist von der Deutschen Kolonial-Gesell-schaft für Südwestafrika gemeinsam mit der Metallur-gischen Gesellschaft in Frankfurt am Main gegründet und dem Deutschen Reich ist eine Gewinnbeteiligung an der Unternehmung gesichert. Die Ausschließung der Bevölkerung in Südwestafrika von der Diamantenge-winnung – bis auf die bisher vergebenen Schürfrechte – erzeugt viel Unmut bei der deutschen Bevölkerung, besonders in Lüderitzbucht. Bernhard Dernburg, der Staatssekretär des Reichskolonialamtes, dagegen meint, daß dem Reich nach seinen vielen Investitionen in die Kolonien nun auch einmal Gewinn aus den Kolonien zusteht und er glaubt, nur große Kapitalgesellschaften könnten den finanziellen Aufwand stemmen, für die industrielle Gewinnung der Diamanten. Mit Sicherheit spielen seine Verbindungen zum Großkapital aus seiner Zeit als Bankier hier eine Rolle zu Gunsten der Groß-kapitalisten gegen den kleinen Mann in Südwestafrika. Die Gewinnung der Diamanten aus der Wüste ist im September 1908 längst gut eingespielt.
Die schon etablierten Lüderitzbuchter Diamantenför-derer protestieren gegen die Dernburg’schen Verord-nungen und schicken im Dezember 1908 eine Kom-mission nach Berlin, um mit dem Staatssekretär Dern-burg über die Aufhebung der Sperrverfügung und die Organisation des Diamantenhandels zu konferieren. Aber noch vor Eintreffen dieser Kommission wird durch eine kaiserliche Verordnung vom 16. Januar 1909 den Förderern das alleinige Verkaufsrecht über ihre Dia-mantenproduktion genommen. Sie müssen künftig die Steine an eine von Dernburg ins Leben gerufene Ver-kaufsorganisation abliefern. Diese wird am 25. Februar 1909 unter dem Namen Diamantenregie des südwest-afrikanischen Schutzgebietes in Berlin gegründet und besteht im wesentlichen aus 16 Großbanken der Heimat. Der Vertreter dieser Regie kommt im Februar 1909 in Lüderitzbucht an und richtet sein Büro im Hause der Deutschen Afrika-Bank ein. Alle Diamantenförderung muß ihm ausgeliefert werden, zur Weiterleitung ins Hauptbüro nach Berlin. Die abgelieferten Diamanten werden bevorschußt, vor der Endabrechnung. Den För-derern ist damit jeder Einfluß auf den Verkauf ihrer Steine genommen.
Ende des Jahres 1908 sind über 2000 Ausländer in Süd-west, die zum großen Teil durch die Nachrichten von der Auffindung der Diamanten ins Land gekommen sind und nun wieder umkehren müssen, weil keine neuen Schürfrechte mehr genehmigt werden. Aber auch viele deutsche Diamantensucher werden brotlos und suchen nach neuen Mitteln und Wegen um wieder Arbeit zu finden. Auf die nicht unter die Sperrverfügung fallenden Gebiete stürzen sich nun die Diamantensucher. So auf den zu beiden Seiten der Lüderitzbucht-Eisenbahn 30 Meter breiten Landstreifen, der nun von Privatschür-fern belegt und abgebaut wird. Auch ein paar ganz kleine Inselchen unmittelbar vor der Küste von Deutsch Südwestafrika gehören nicht zum Sperrgebiet, weil sie britisch sind. So die unmittelbar vor Lüderitzbucht gele-gene Pinguin-Insel.
Der Lüderitzer Kaufmann Georg Winkelvoss läßt sich im Mai 1909 eines nachts in einer geheimen Unter-nehmung mit einer Diamantensucherausrüstung und ein paar Cape Boys als Arbeitern zur Pinguin-Insel vor dem Roberthafen von Lüderitzbucht rudern, für die Diamantensuche auf der Insel. Drei Tage später soll er wieder mit dem Ruderboot abgeholt werden. Doch Winkelvoss findet keine Diamanten und abgeholt wird er auch nicht. Proviant und Wasservorrat gehen zur Neige und es muß dringend etwas geschehen, wenn man nicht verhungern und verdursten will. Winkelvoss erinnert sich, daß ein Dampfer der Deutschen Ostafrika-Linie fällig ist und läßt angeschwemmtes trockenes Holz zusammentragen und zu einem Stapel aufschichten. Er will dem Dampfer bei seiner Einfahrt in den Robert-hafen ein Feuersignal geben und mit Decken winken. Als der Dampfer gegen Abend einläuft, werden Feuer und Winken an Bord wohl gesehen, doch als Begrüßung aufgefaßt. Als der Dampfer um Mitternacht wieder aus-läuft, wird das Signal wiederholt, aber wieder ohne Ergebnis. Nun will Winkelvoss nach Lüderitzbucht herüberschwimmen. Er ist Mitte 30, groß und hager und stark kurzsichtig, ein richtiger Büromensch. Die Entfer-nung von der Pinguin-Insel bis zur Haifischinsel beträgt rund 1500 m. Die Haifischinsel ist etwa einen Kilometer lang und durch einen hundert Meter langen Damm mit Lüderitzbucht verbunden.
Aus angeschwemmten Holzteilen läßt er ein Floß bauen, an welchem er sich festzuhalten gedenkt, falls ihn die Kräfte verlassen sollten. Doch kaum ist er hundert Me-ter weit geschwommen, als ihm im eiskalten Wasser die Kräfte versagen und die starke Meeresströmung ihn und das Floß wieder zur Pinguin-Insel zurücktreiben. Die Cape Boys schwimmen ihm entgegen und ziehen den bewußtlosen Winkelvoss an Land. Sie packen ihn in warme Decken und flößen ihm warmen Kaffee ein. So liegt er zwei Tage in seinem Zelt, unfähig zu sprechen oder aufzustehen. Man hat ganz einfach vergessen Win-kelvoss und seine Leute von der Insel wieder abzuholen und durch einen Zufall erinnert man sich seiner und er wird von einer Barkasse der Woermann-Linie von der Insel gerettet.
Gingen die meisten Diamantensucher von Lüderitz-bucht aus gleich in die Wüste, so ist die auch noch völlig unerforschte Küste zwischen Lüderitzbucht und dem 500 km nördlich gelegenen Swakopmund nördlich des 26. Breitengrades für Diamantensucher nun interessant. Die erste Schürfexpedition, die von Lüderitzbucht nach Swakopmund durchkommt ist die des alten Woermann-Kapitäns Parow, der 1904 etwa 15 Kilometer nördlich von Swakopmund mit seiner Gertrud Woermann gestran-det ist. Sie bringt die Kunde mit, daß sich entlang der ganzen Küste ausgedehnte Diamantenlager befinden, daß die Steine aber sehr klein sind und etwa 12 bis 15 Stück auf ein Karat kommen. Weitere Expeditionen entlang der Küste folgen, wovon die Expedition des Diamantensuchers Groenefeldt mit allen Teilnehmern und Tieren ihren Tod in der Wüste findet.
Die weitaus größte Gefahr der Namib ist ihre Wasser-losigkeit. Zwar gibt es in den Tälern in Küstennähe Salzwasserstellen, doch ist das Wasser ungenießbar für Mensch und Tier. Ach hier wissen sich die Diaman-tensucher zu helfen, indem sie kleine Wasserkon-densatoren mit sich führen, die sie vor der Gefahr des Verdurstens schützen sollen. Das sind einfache kleine, etwa 20 Liter fassende Eisenfässer, in denen eine Münchener Brauerei ihr Bier verschickt. In eines dieser Fässer wird Salzwasser gefüllt und Feuer darunter ge-macht. In dem anderen Faß, das mit einer Kühlschlange versehen ist, wird der Wasserdampf aus dem ersten Faß abgekühlt, der in ein darunterstehendes Gefäß tropft und das Trinkwasser ist fertig.
Eine für Menschen und Tiere sehr gefährliche Küsten-strecke liegt in der Nähe von Sandfischhafen, wo hohe Sanddünen bis an das Meer reichen und nur bei Ebbe passierbar sind. Ein Ausweichen vor der haushohen Flut in die Dünen ist nicht möglich, da die herabgleitenden Sandmassen dies verhindern. Viele Tragtiere, Reiter und Maultierkarren, die auf dieser Strecke von der Flut überrascht werden, kommen in der Brandung ums Leben. Weitere Gefahren drohen den Karawanen in den Salzpfannen der Küste, die unter einer dünnen und harten Kruste grundlosen Boden aufweisen, in denen Tragtiere versinken. Es ist hier nicht anders wie überall auf den Diamantenfeldern. Der kleine Mann riskiert sein Leben zur immer weiteren Erforschung der Namib, und wenn er eine Diamantenfundstelle entdeckt hat, kommen Kapitalistengruppen und bauen sie ab.
Viele wagemutige Diamantensucher, die in die Wüste ziehen, um ihr Glück zu machen, sind verschollen und vergessen. Wenn zufällig spätere Karawanen die von der Sonne gebleichten Gerippe von Menschen und Tieren finden, erhält man Kunde von ihrem Tod.
Es gibt unter den Lüderitzbuchtern auch einige, wenn auch nur wenige, die weder Geld noch Mut haben, sich in waghalsige Unternehmen zu stürzen. Sie halten es für viel einfacher und gefahrloser, die leichtlebigen Dia-mantensucher auszubeuten, als selbst das eigene Leben zu riskieren. Auch Spekulanten und andere zweifelhafte Elemente aus dem Ausland werden von den Diamanten-funden in der deutschen Kolonie angezogen und Ver-suchen ihre Schiebungen und krummen Touren. Ein südafrikanischer Prospektor behauptet 1909 angeblich Diamanten in Holoog an der neugebauten Eisenbahn-linie von Seeheim nach Kalkfontein-Süd entdeckt zu haben, sodaß sich viele Schürfer daraufstürzen und Felder belegen. Die Sache erweist sich aber sehr bald als Schwindel und der Betrüger flüchtet in die Kapkolonie, nachdem er seine Geldgeber geschröpft hat. Im allge-meinen aber ist die Kriminalität sehr gering. Wildwest-szenen, wie solche bei großen Ansammlungen von Abenteurern vorzukommen pflegen, gibt es in Südwest nicht. Dies ist hauptsächlich der scharfen Polizeikon-trolle des Bezirksamtmanns Dr. Böhmer zu verdanken, der sich eine gut geschulte und leicht bewegliche Polizeitruppe geschaffen hat, die das unbefugte Betreten der Diamantenfelder außerhalb der öffentlichen Wege überwacht.
In den Diamantenfeldern um Lüderitzbucht werden grö-ßere Orte wie Kolmanskuppe, Elisabethbucht, Pomona oder Bogenfels gegründet und Lüderitzbucht ist Hafen und wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt für die Diamantenwelt von Deutsch Südwestafrika. Es geht steil bergauf mit Lüderitzbucht. Im Februar 1909 erläßt der Bezirksamtmann eine »Verordnung für das Bauwesen«, die nur noch die Errichtung massiver Steinbauten in Lüderitzbucht gestattet. Ist Lüderitzbucht 1908 eine Barackensiedlung aus Holz und Wellblech, bekommt sie im September 1909 wie gleichzeitig andere große Orte in Südwestafrika auch das Recht, Bürgermeister- und Gemeinderatswahlen abzuhalten und wird eine Stadt, gebaut aus Stein. Viele Wohn- und Geschäftshäu-ser entstehen. An öffentlichen Bauten werden fertigge-stellt: 1908 das Postamt, 1911 das Bezirksgericht und 1912 die evangelische Kirche, das Bergamt und das Bezirks-krankenhaus. Das Bezirkskrankenhaus wird auf der Hai-fischinsel erbaut. Die Haifischinsel diente im Herero- und Hottentottenkrieg als Gefangenenlager. 1905 wurde die längliche Insel, die nur etwa 100 Meter nach dem Ende der Lüderitzhafen und Roberthafen trennenden Halbinsel beginnt, mit einem Holzsteg mit der Halb-insel verbunden. Der durch Sturm immer wieder be-schädigte Holzsteg wird 1908 durch einen Damm mit vermauerten Außenwänden ersetzt. 1912 wird schließ-lich die Turnhalle mit angebauter Lesehalle fertig und das neue leistungsstarke Elektrizitätswerk wird 1913 fertiggestellt, das auch die Nachbargemeinden und die Diamantenfelder mit Strom versorgt, und 1914 wird dann der neue Bahnhof von Lüderitzbucht eröffnet. Die Bahn ins Inland ist schon seit 1906 in Betrieb.
1912 hat die deutsche Hafenstadt Lüderitzbucht wieder 3000 Einwohner, wovon 1170 Europäer, meist Deutsche, sind. Neben den Behörden wie Bezirksamt, Polizeiamt, Bezirksgericht, Bergbauamt, Hauptzollamt, Hafenamt, Post- und Telegraphenamt gibt es über hundert gewerb-liche Betriebe, Selbständige und Handelsgesellschaften in der Stadt. 1915 soll dann eine über 120 Kilometer lange Wasserleitung vom Koichab-Rivier nach Lüderitzbucht gebaut werden, um den Bedarf an ausreichend saube-rem und kostengünstigem Trinkwasser zu decken.
Um die Jahreswende 1912/13 leitet der Gouverneur von Südwestafrika in Berlin Verhandlungen ein, für eine militärische Verteidigung der Lüderitz-Bucht in einem Kriegsfall. Die militärischen Stellen unterstützen den Plan des Gouverneurs, Strandbatterien aufzustellen, und ordnen Vorarbeiten dafür an.
Das Deutsche Kolonial-Lexikon:
Lüderitzbucht. Die Bucht selbst wird durch eine felsige Halbinsel gebildet, die sie gegen die Wirkungen des Benguellastromes sichert. Innerhalb eines etwa 7 km nach Süden in das Land hineinziehenden Beckens, in der Nähe des Ostufers, wird durch die mit dem Fest-lande verbundene Haifischinsel eine zweite innere Wasserfläche vom Meere abgeschnitten, dessen äuße-rer Teil, der Roberthafen, eine Meerestiefe von 7—8 m besitzt. Am inneren Ende dieser Nebenbucht liegt der Ort Lüderitzbucht innerhalb des hier so gut wie regen-losen Wüstengebiets der Küste. Er gehört zu den jüngs-ten Siedelungen des Schutzgebiets und hat viele Jahre überhaupt nicht den Namen einer solchen verdient. Ursprünglich nur aus einer Faktorei bestehend, begann er sich erst während des großen Krieges mit den Hottentotten zu entwickeln. Bereits 1905 erlangte er als Ausgangspunkt eines starken Wagenverkehrs nach dem Innern eine gewisse Bedeutung, die indessen erst nach Vollendung der nach Keetmanshoop führenden Bahn zu seiner geschäftlichen Fortentwicklung führte. Zu seiner jetzigen, außerordentlich wichtigen Stellung gelangte der Platz indessen erst mit der Auffindung der Diamanten in dem ihm benachbarten Namibgebiet. Während 1906 erst drei Einzelfirmen in Lüderitzbucht gezählt wurden, finden wir 1910 deren bereits 48 in der allmählich zu einer Stadt gewordenen Siedelung. Auch der Schiffsverkehr blieb 1910 nur wenig hinter dem-jenigen von Swakopmund zurück. — Lüderitzbucht ist Sitz eines Zollamts; es besitzt eine Post- und Telegra-phenstation. Zugleich ist es Sitz der Verwaltung des gleichnamigen Bezirks; auch befindet sich daselbst eine gut besuchte Regierungs- sowie eine Realschule. In Lüderitzbucht hat auch die Minenkammer ihren Sitz, die die bergbaulichen Interessen, insbesondere die des Diamantenbergbaus vertritt.
Über die Landungsbrücke in Lüderitzbucht schreibt das Kolonial-Lexikon:
Die Landungsbrücke in Lüderitzbucht, im innersten Winkel des Roberthafens gelegen, nimmt den größten Teil des Lüderitzbuchter Seeverkehrs auf. An der Brücke ist nur eine Tiefe von 2-3 m vorhanden. Die Seeschiffe ankern in einer Entfernung von 1-2 km von der Brücke. Zur Verbindung mit der Brücke können Leichter von 100 und mehr Tonnen Ladefähigkeit und Schlepp-dampfer benutzt werden. Die auf der Brücke liegenden Gleise haben ebenso wie die im Zollhof liegenden nur 60 cm Spur und können daher von den Wagen der von Lüderitzbucht ausgehenden Eisenbahn, die die Kapspur hat, nicht befahren werden. Die Brücke ist Eigentum des Fiskus.
Die Brücke ist 170 m lang, 8 m breit, mit 3 Kränen von 1½-5 t Tragfähigkeit ausgerüstet. Sie wurde, ebenso wie die Swakopmunder Brücke, in der Aufstandszeit aus Holz erbaut und ist später erweitert und vervollkomm-net worden. Es wird geplant, sie noch weiter auszubauen und für Wagen mit Kapspur zugänglich zu machen. Auch sollen die Dampfkräne durch elektrisch betrie-bene von 3 t und 20 t Hubkraft ersetzt werden.
Als eine Sturmflut auf Lüderitzbucht zukommt verlas-sen wie üblich alle Schiffe den Hafen, um Sicherheit auf hoher See zu suchen. Nur der englische Frachtdampfer Dunbeth, ein Schiff von rund 2300 BRT, gebaut 1890 in Stockton/England, kann keinen Dampf aufmachen für die Ausfahrt und wird am 6. Juni 1906 bei der Sturmflut im Roberthafen von Lüderitzbucht auf den Strand ge-worfen. Die Dunbeth ist für den Süßwassertransport von Kapstadt in die Wüstenstadt Lüderitzbucht mit großen Wassertanks versehen worden und hat ihre erste Reise von Kapstadt nach Lüderitzbucht gemacht. Die Entlee-rung der Wassertanks nimmt mehrere Tage in An-spruch. Beim Einsetzen der Sturmflut hat die Dunbeth nicht genügend Dampf im Schiffskessel und das Schiff kann den Hafen nicht verlassen. Von der Sturmflut ge-packt wird die Dunbeth an der Südostecke des Robert-hafens, dicht hinter dem neuen Geschäftshaus der Woermann-Linie, auf den Strand geworfen. Ein am Strand befindlicher spitzer Granitfelsen dringt einige Meter tief in das Vorschiff ein und hält es fest. Selbst bei hoher Flut liegt es dort wie verankert und rührt sich nicht. Die Schiffahrtsgesellschaft wie auch die Versiche-rungsgesellschaft entsenden eine aus Ingenieuren und Sachverständigen ernannte Kommission von Kapstadt nach Lüderitzbucht um festzustellen, ob man das Schiff noch abschleppen kann. Übereinstimmend stellen sie einen Totalverlust fest. Um das Schiff wieder seetüchtig zu machen, sei die Heranbringung eines Trockendocks von Kapstadt erforderlich, was jedoch mit Kosten ver-bunden sein würde, die den Wert des Schiffes bei weitem übersteigen. Die Versicherungsgesellschaft ver-kauft daher das Wrack für 35.000 Mark an eine aus Lüderitzbuchter Bürgern gegründete Dunbeth Verwer-tungsgesellschaft. Von Land aus stellt man Leitern an das Schiff, durch welche man ins Innere des Schiffes gelangen kann. Als 1908 das Diamantfieber ausbricht vermietet man Kabinen und Laderäume an minder-bemittelte Diamantensucher.
Fast drei Jahre liegt die Dunbeth bereits auf Strand und gehört mittlerweile zum Stadtbild von Lüderitz, als zu Beginn des Jahres 1909 Herr Howaldt, Mitinhaber der Firma Howaldt & Vollmer in Windhuk, nach Lüderitz-bucht zu Besuch kommt und das Schiff auf dem Strand liegen sieht. Herr Howaldt gehört zu der Familie der weltbekannten Howaldtswerke in Kiel, einer großen Schiffsbauwerft, in welcher ein jüngerer Bruder von Howaldt als Ingenieur arbeitet. Nach Besichtigung des Schiffes macht er seinem Bruder genaue Angaben über die Lage der Dunbeth und die Art der Beschädigungen und sagt in seinem Gutachten, daß es nach seiner Mei-nung wohl möglich wäre, das havarierte Schiff mittels Preßluft zu heben und abzuschleppen. Ein Trockendock sei nicht erforderlich. Der jüngere Bruder kommt nach Lüderitzbucht, besichtigt das Schiff und schließt mit der Dunbeth Verwertungsgesellschaft einen Vertrag ab, durch welchen er sich einen großen Anteil am Verkauf des Schiffes für den Fall zusichert, daß er es wieder flott machen kann. Dann geht er an die Arbeit. Von Kiel hat er sich einen erfahrenen Werkmeister der Howaldtswerke mitgebracht und einige weiße und farbigen Arbeiter werden angestellt. Zuerst wird der im Vorderschiff sit-zende Felsen mit Dynamit abgesprengt, dann um das große freigelegte Loch eine starke Eisenbetonwand ge-legt, durch die ein Eisenrohr zum Einpumpen der Preß-luft führt. Als die Arbeit fertiggestellt ist, wird das Schiff bei Flut durch einen Schlepper der Woermann-Linie ohne Schwierigkeiten abgeschleppt und schwimmt frei im Hafen. Im Schutze der Pinguin Insel liegt es dann noch einige Monate, um die zum Teil stark verrosteten Maschinen wieder instandzusetzen. Ein Kapitän mit einer Spezialerlaubnis zum Fahren auf havarierten Schiffen kommt von Deutschland nach Lüderitzbucht, eine Schiffsmannschaft, die größtenteils aus heimat-losen Abenteurern besteht wird angemustert, Dampf unter dem Kessel gemacht und eine Probefahrt unter-nommen, die zufriedenstellend ausfällt. Nach Über-nahme von Proviant und Kohlen wird über die Toppen geflaggt, und unter dem Tuten aller im Hafen liegenden Schiffe und Barkassen, die gute Fahrt wünschen, und dem Jubel der Bevölkerung, geht die Dunbeth in See in Richtung England. Die Werft Craig, Taylor & Co, die das Schiff für die Reederei MacBeth & Gray gebaut hatte, hat die Dunbeth gekauft.
Über die Bardamen schreibt Max Ewald Baericke:
»Um die Mentalität der alten Diamantensucher [1908 wurden die Diamanten entdeckt] zu verstehen, muß man sich in ihre Lage zurückversetzt denken. Südwest und insbesondere Lüderitzbucht waren in der ersten Diamantenzeit fast frauenlos. Nach monatelanger, oft sogar jahrelanger Arbeit auf den Prospektions- und Abbaufeldern des Diamantengebiets, bei täglich starken Flugsandstürmen, sandigem, halbgekochten Essen, brackigem Trinkwasser und Kaffee, den Wüstensand als Bett und den klaren Sternenhimmel als einziges Dach überm Kopf, galt uns die weiße Frau als etwa Überirdisches, Unerreichbares, ja fast wie eine Heilige, die wir vergötterten und auf Händen trugen. Wer mehrere Jahre in der Wüsteneinsamkeit tätig war, tagein, tagaus nur mit Schwarzen, Kamelen und Maul-tieren umging, konnte sich kaum noch vorstellen, wie eine weiße Frau aussieht. Nachts im Traum sah er vielleicht die Mutter, die Braut oder die Schwester, sobald aber der Tag anbrach und die rauhe Wirklichkeit ihn wieder an die Arbeit trieb, war diese traumhafte Vorstellung wie eine Fata Morgana wieder verschwun-den. An eine Heirat konnte der Diamantensucher nicht denken, solange er ein abenteuerliches Leben in der Wüsteneinsamkeit führte und bald hier, bald dort seine Zelte aufschlug, denn das Suchen von Diamanten war rauhe Männerarbeit. Auch die jungen und oftmals auch älteren Mädchen, die der Deutsche Frauenverein impor-tierte, waren für ihn unerreichbar und blieben der Traum seiner schlaflosen Nächte. Er war als Abenteurer verfemt, hätte nie den Heiratskonsens [des Frauenver-eins] bekommen und hatte auch keine Gelegenheit zu Teeabenden [des Frauenvereins] und zum Flirten.
Und dann kamt ihr, ihr lieben Barmädels. Die Ham-burger Exporteure, die euch herausschickten, vielleicht schon einmal in Südwest waren, verstanden sich auf so etwas. Unter den vielen Angeboten hielten sie eine scharfe Auslese wie auf einer Schönheitskonkurrenz. Sie legten mehr Wert auf natürliche Reize, gutes Aus-sehen, schlanke Figur, graziöse Haltung und freundli-ches Benehmen als auf guten Leumund. In einer Kon-kurrenz mit den „Weihnachtspaketen“ [Den in kleinen Gruppen nach Südwestafrika geschickten Frauen des Frauenvereins] wäret ihr als Schönheitsköniginnen hervorgegangen.
Wer von euch das Glück hatte, nach Südwest hinaus-geschickt zu werden, der hatte von vornherein das große Los gezogen, ihr war ein warmer Platz an der Sonne sicher, wenn sie sich ihr Glück nicht selbst verscherzte. Schon an Bord des Dampfers, der euch nach Lüderitz-bucht brachte, merktet ihr den Unterschied. Südwester, die in das Sonnenland zurückfuhren, begegneten euch mit ausgesuchter Höflichkeit und nannten euch in ihrer Ehrfurcht vor der weißen Frau „gnädiges Fräulein“. Viele überschütteten euch mit Aufmerksamkeiten und die Tage an Bord waren wie ein schönes Sommernachts-fest. Manche lernten bereits an Bord ihren zukünftigen Gatten kennen und betraten Südwest als glückliche Bräute. Und wenn der Dampfer in Lüderitzbucht ankam, ging eine Gruppe junger Männer zu euerem Empfang an Bord und führte euch unter fröhlichem Geplauder an eure Arbeitsplätze in die Bar, in der sie euch zu Ehren eine Antrittsfeier veranstalteten. In schmucken und sauberen Waschkleidern begannt ihr euren Dienst, und dezent parfümiert bedientet ihr eure Gäste. Die Süd-wester waren eigensinnig konservativ und altmodisch, duldeten keine Seidenkleider und rot gefärbte Lippen oder Fingernägel, die sie an Halbweltdamen erinnerten. Ihr verdientet gut, denn die Diamantensucher waren freigiebig und konnten kein Bargeld in der Tasche leiden. In der Bar hattet ihr hohe Prozente vom Umsatz und nach wenigen Monaten bereits ein Bankkonto. Euer Beruf war ehrbar wie jeder andere, und wer sich von euch anständig führte, machte bald eine gute Partie. Ihr hattet „Seltenheitswert“, wie sich einmal die Gattin des Gouverneurs von Schuckmann ausdrückte. Und wenn einmal gewisse Romanschriftsteller, welche die Diaman-tenstadt flüchtig passierten, euch als zweideutig hin-stellten, als Bardamen, die sich Rohdiamanten in den Busenausschnitt stecken ließen, so liest sich das in Romanen ganz interessant, hat aber mit der Wirklich-keit nichts gemein. Zudem hätte man euch mit solchen Geschenken keinen Gefallen erwiesen, sondern nur Unannehmlichkeiten verursacht und der Gefahr ausge-setzt, ins Gefängnis gesperrt zu werden. Viele von euch haben sich gut verheiratet und wurden glücklich, denn eure Männer waren Südwester, die euch verehrten und euch auf Händen trugen. So heiratete z.B. die Goldelse den Bilse, die Swakopmunder Goldelse den Kapellmeis-ter Suhle, die Berta den Strohmeier, die Olli den Kühn-rich, die Gerda den Hertig, die Hanni den Siebert und so fort. … So haben viele Bardamen, die etwas auf sich hielten, in der Diamantenzeit ihr Glück gemacht. …im Diamantenland von Lüderitzbucht.«
Mit den Diamantenfunden blüht in Lüderitzbucht auch die Prostitution mehr als je zuvor. Hoteliers suchen durch die Südwester Zeitungen junge Damen für ihre Bars auf Provisionsbasis und auch um Servierfräulein und Mädchen für den Zimmerservice wird über Annon-cen geworben. So gedeiht auch die nebenberufliche Pro-stitution in der Hafenstadt. Außer dem amtlich zuge-lassen Bordell am Burenkamp gibt es auch nichtamt-liche Häuser mit gleichem Betätigungsfeld und auf ei-nem Hügel residiert das Treibhaus genannte Etablisse-ment, welches bei der Schutztruppe und den Fracht-kutschern beliebt ist.
Zwischen den bescheiden besoldeten Soldaten der Schutztruppe und den besser verdienenden Fuhrleuten besteht Zwietracht. Die Damen des horizontalen Gewer-bes bevorzugen natürlich die besser zahlenden Freier. So hecken die Uniformierten einen Plan aus. Das Treib-haus auf seinem Hügel ist ein Holzbau aus Fertigteilen. Die verprellten Soldaten wollen nun eines nachts ge-räuschlos am Gebäude Anker mit langen Tauen befes-tigen und dann mit aller Kraft mit drei schweren Win-den das Hurenhaus bergab stürzen. Bei der Ausführung des Unterfangens bemerken Freier die geplante Tat und rufen die Militärpolizei. Es kommt zu einem Verfahren vor dem Militärgericht. Die Attentäter erklären zu ihrer Verteidigung, sie hätten nur aus sittlicher Entrüstung gehandelt. Das Verfahren endet mit Verwarnung und Freispruch für die Beteiligten wegen mildernder Um-stände.
Dem Treibhaus tut der versuchte Anschlag keinen Ab-bruch und es wird mit dem Einsetzen der Diamanten-funde in der Umgebung durch Anbauten erweitert, um dem Ansturm der durch den Diamantenrausch ins Land strömenden Diamantensucher bewältigen zu können. Die neureichen Diamantenfinder zahlen Preise für die Damen, die weit außerhalb der Möglichkeiten der Frachtkutscher und Soldaten liegen und Champagner wird nun zum bevorzugten Getränk. Aber nicht nur die Kundschaft und ihre Trinkgewohnheiten wechseln, auch das Geschäftsfeld des Bordells erweitert sich. Das Treibhaus wird nun auch ein Haus des Diamanten-schmuggels, denn zahlreiche Freier zahlen mangels Bargeld mit kleinen Diamanten. Die Bordellwirtin Frau Zimmer versteckt die kostbare Ware in der Hütte ihres Schäferhundes.
Frau Zimmer ist auch an einer neuen Diamanten-unternehmung beteiligt. Drei illegale Schürfer kommen auf die Idee, die Firma Pomona Diamanten Fischerei zu gründen – Pomona liegt im 1908 geschaffenen Diaman-ten-Sperrgebiet – mit der vorgeblichen Absicht auf dem Meeresgrund nach Edelsteinen zu suchen, weil das Meer nicht zum Diamanten-Sperrgebiet gehört. Sie wol-len ihre unrechtmäßig im Sperrgebiet gefundenen Diamanten als in Fischernetzen vom Meeresboden ge-holte Steine ausgeben. Auf diese Weise können die drei Firmeninhaber ihre Funde zur Diamanten-Regie brin-gen und dort gegen Bargeld rechtlich einwandfrei ein-lösen. Die meisten ihrer im Sperrgebiet verbotenerwei-se aufgesammelten Diamanten geben sie aber in die Hände von Puffmutter Zimmer, zu ihrer Verwahrung in der Hundehütte ihres Schäferhundes.
Die Polizei schöpft langsam Verdacht und immer häu-figer finden Razzien im Treibhaus statt. Schließlich wird Frau Zimmer die Sache zu heiß. Sie will das Treibhaus verkaufen und in Lourenço Marques, der Hauptstadt der portugiesischen Kolonie Mosambik, ein neues Bordell eröffnen. Von einem Schreiner läßt sie eine Transportkiste für ihr Schoßhündchen anfertigen, mit doppeltem Boden, für den Transport ihres Schatzes aus der Hütte des Schäferhundes. Um ein verdächtiges Rascheln der Diamanten zu vermeiden werden sie in die Finger alter Handschuhe verpackt. Niemandem, auch nicht der Zollkontrolle, fällt das Versteck auf. Doch die deutschen Behörden haben bereits mit ihren Kollegen in Mosambik Verbindung aufgenommen, mit der Bitte, um Überwachung der Reisenden aus Lüderitzbucht. Falls es den Portugiesen gelingt, Frau Zimmer als Schmugglerin deutscher Diamanten zu überführen, ver-spricht man ihnen die Hälfte der kostbaren Steine als Belohnung.
Als das Trio der Pomona Diamanten Fischerei in Kap-stadt ein größeres Fischerboot kaufen will bleiben sie während ihrer Südafrikareise mit Frau Zimmer unter Deckadressen und falschen Namen in Verbindung. Frau Zimmer logiert im feinsten Hotel von Lourenço Mar-ques und ist im Briefverkehr mit ihren Komplizen, ohne zu ahnen, daß die Polizei alle Nachrichten mitliest. Als ein Telegramm an Frau Zimmer in ihr Luxushotel gesendet wird: Als ein Telegramm an Frau Zimmer in ihr Luxushotel gesendet wird: »WAS MACHT DAS PÄCK-CHEN IN DER HUNDE-HÜTTE?«, wird sofort von der portugiesischen Polizei die Transportkiste für den Schoßhund durchsucht und die Diamanten gefunden. Die Portugiesen verschicken sodann ein Telegramm nach Johannesburg, wo sich gerade zwei der drei Pomona Diamanten Fischerei-Gesellschafter befinden: »ERWARTE EUCH BEIDE HOTEL CENTRAL LOURENCO MARQUES +++ Frau Zimmer +++«. Schnell reisen die beiden von Johannesburg nach Lourenço Marques, wo Frau Zimmer schon verhaftet ist und ihre beiden Kum-pane nun das gleiche Schicksal ereilt. Mit dem nächsten Schiff werden sie nach Lüderitzbucht verbracht, wo sie der Prozeß erwartet. Je fünf Jahre Gefängnis sind das Urteil für die drei dem Diamantenschmuggel über-führten Täter.
Zu den selbstverständlichen Einrichtungen von Lüde-ritzbucht gehört, wie in jeder anderen deutschen Stadt auch, der Männerturnverein. Mehr auf den Frauenman-gel in der Kolonialstadt bezogen ist die Junggesellen-vereinigung Lüderitzbucht, aber auch ein Gefängnis fehlt nicht. Als Stadt am Meer gibt es in einer kleinen Bucht einen Badestrand mit entsprechender Umbauung für Wohnen und den Strandbetrieb.
Über das Leben in Lüderitzbucht seit 1908 bemerkt Max Ewald Baericke:
»Mit zunehmendem Wohlstand, den der Diamanten-reichtum mit sich brachte, hielten auch Geselligkeiten ihren Einzug. Konzertabende, Theatervorstellungen, Wohltätigkeitsbasare und Varietévorführungen wech-selten miteinander ab. … Ein Vortragsabend des Blitz-dichters Bauer verdient erwähnt zu werden, da er mit seinem Humor ganz Lüderitzbucht zum Lachen brachte. Er ließ sich vom Publikum Stichworte zurufen, die er auf einem Schreibblock notierte, um sie dann in Poesie zu kleiden. Dann ging er hinter die Bühne und kam nach einigen Minuten mit den Zitaten zurück. … Stichwort: „Verflucht und zugenäht.“ Wie oft hat man wohl im Leben dieses Schlagwort selbst gebraucht, oder gehört, aber einen Sinn hatte es nicht. Man wollte wohl damit sagen, verflucht noch mal oder so, was aber das Wort „zugenäht“ dahinter zu bedeuten hatte, das war den meisten schleierhaft, bis Bauer es uns erklärte. Sein Zitat lautete:
„Als mir heut früh mein Lieber Schatz,
die Folgen unsrer Liebe eingesteht,
da hab ich meinen Hosenlatz,
verflucht und zugenäht.“
Kaum waren die letzten Wortes des Zitats verklungen, da setzte ein Beifallssturm von so ungeheurer Wucht ein, daß der Saal wie unter einem Trommelfeuer dröhnte. Händeklatschen, Füßetrampeln und Beifalls-rufe wollten kein Ende nehmen und brausten immer wieder auf. Das Publikum war außer Rand und Band und tobte vor Begeisterung. Kein Wunder, denn endlich hatte nun dieses altbekannte Schlagwort einen Sinn er-halten und noch dazu einen recht pikanten. Bauer wur-de mehrmals herausgeklatscht und verneigte sich lä-chelnd vor dieser spontanen Huldigung. Tagelang war das Zitat Stadtgespräch von Lüderitzbucht, was nicht zu verwundern war, denn die Diamantensucher waren alle rauhe Gesellen, die starken Tabak liebten.
Auch einen akademischen Schürfverein gab es in Lüde-ritzbucht. Der schürfte aber mehr im Morgengrauen nach Bier und Speiseresten, als nach Diamanten. …
Im Jahre 1908 kam das erste Kino nach Südwest. Die Filme flimmerten stark und verursachten Kopfweh. Man sah einen Elefanten in einem Porzellanladen, Kellner, die ganze Stöße von Porzellan hinfallen ließen, Autos, die in Schaufenster hineinfuhren und andere aufregende Sachen. Von Filmkunst war keine Spur zu entdecken.
Beliebt waren die Pferderennen im Burenkamp in Lüde-ritz, die stets starken Zuspruch hatten. Der Burenkamp ist eine ausgetrocknete Lagune, die bei hoher Flut manchmal unter Wasser steht, gewöhnlich aber trok-ken und glatt wie eine Tenne ist. Hier hatte man eine schöne, achthundert Meter lange Rennbahn in Ellipsen-form angelegt und eine Tribüne errichtet, mit Totalisa-torbetrieb, sowie Kaffee- und Bierzelten. Gewöhnlich fanden die Pferderennen statt, wenn ein deutsches Kriegsschiff im Hafen lag. Die Kanonenboote Sperber, Möwe, Eber und andere waren häufige Gäste. Es war jedesmal ein farbenfrohes Bild. Die Matrosenkapelle spielte flotte Märsche, die Damenwelt zeigte ihre besten Toiletten und Offiziere, Matrosen, Soldaten, Jockeys und Zivilisten vervollständigten das buntbewegte Bild. Das Pferdematerial war ausgezeichnet, es gab viele Voll- und Halbblüter, größtenteils aus der Kapkolonie eingeführt. Champions im Hürdenrennen waren der Araberhengst des Bürgermeisters Kreplin, der Vollblutwallach Klein-kop des Herrn Lemmermann und andere. Bei Flach-rennen unterschied man Vollblut-, Halbblut- und Kalt-blutklassen. Die Totalisatorumsätze für Sieg und Platz-wetten waren bedeutend. Die Pferderennen endeten stets mit einem Ball und Preisverteilung im großen Saal von Kapps Hotel.
Von Zeit zu Zeit veranstaltete der Reiterverein Fuchsjag-den im näheren Umkreis von Lüderitzbucht. Master wa-ren Rittmeister a.D. Kramm und Bürgermeister Kreplin, die das Feld durch die Wüstentäler über Hürden und Gräben führten. War der Fuchs gefangen, dann wurde Halali geblasen und heimgeritten.
Während der starken Sandstürme des Tages waren in allen Häusern die Fenster und Türen geschlossen. Den-noch legte sich der feine Flugsand, der durch alle Ritzen und Fugen drang, zum Kummer der Hausfrau auf Mö-bel, Decken, Geschirr und Gegenstände aller Art. Aber abends, wenn sich der Wind gelegt hatte, wurden Fens-ter und Türen geöffnet und fast aus jedem Haus krächzte ein Grammophon über die Straße. In den Bars sangen die Diamantensucher die neuesten Schlager nach der Grammophonmusik und machten sich häufig ihre eigenen Texte dazu, wie z.B.:
„Komm in meine Wellblechbude, in mein Paradies, denn in meiner Wellblechbude träumt es sich so süß.“
Familien hatten die Diamantensucher nicht, und so spielte sich denn ihr Leben, wenn sie nicht auf den Feldern arbeiteten, ausschließlich in Hotels und Bars ab.
Die Zivilverwaltung der Stadt Lüderitzbucht bestand aus Bezirksamt, Bezirksgericht, Hafenamt und Bürgermeis-terei. Außerdem gab es noch eine evangelische und eine katholische Kirchengemeinde, eine deutsche Schule mit Realschule und ein Krankenhaus.
Die Leitung des Bezirksamts, das die Polizeigewalt in der Stadt und auf den Diamantenfeldern ausübte, lag in den bewährten Händen des Bezirksamtmanns Dr. Böhmer, der sich durch seine Zuvorkommenheit und Korrektheit wie kein anderer Beamter des Schutzgebiets der allge-meinen Beliebtheit der Bevölkerung erfreute. Ihm zur Seite stand ein ausgezeichnetes Hilfspersonal, das sich aus dem Sekretär Ettling, dem Polizei-Oberwachtmeis-ter Rafalski, dem Polizeiwachtmeister Eschen und zahl-reichen Polizeisergeanten zusammensetzte. Dieser aus-gezeichneten Behörde war es zu verdanken, daß trotz der vielen ausländischen Elemente von zweifelhaftem Ruf eine vorbildliche Ordnung auf den Diamantenfel-dern herrschte. Dr. Böhmer hatte sich eine leichtbeweg-liche Polizeitruppe geschaffen, die mehr Wert auf schnelles Eingreifen als auf langweilige bürokratische Maßnahmen legte. …
An lokalen Einrichtungen gab es noch die Minenkam-mer und den Börsenverein. Sekretär des Börsenvereins war Herr Heinicke, der zwei hübsche Töchter, Lotte und Gertrud, hatte, die beliebte Partnerinnen bei Spazier-ritten waren. Die Börse tagte an Wochentagen im gro-ßen Saal von Kapps Hotel. Während der Börse ging es meistens sehr lebhaft zu. Angebot und Nachfrage wech-selten in lauten Zurufen, die auf einer schwarzen Tafel notiert wurden. …
Lüderitzbucht hatte das bedeutendste Elektrizitätswerk der Kolonie, das von Herrn August Stauch gegründet wurde und die Stadt Lüderitzbucht, wie auch die Dia-mantenfelder mit Licht und Kraft versorgte. Auch die Pomona-Grubenbahn, die Kolmanskuppe mit Bogenfels verband, wurde von August Stauch ins Leben gerufen. Sie war eine der teuersten Kleinbahnen der Welt. Ihr Erbauer war der Ingenieur Hans Bauer, der die Flug-sanddünen immer in der Windrichtung durchschnitt, so daß sich nur selten Sanddünen auf den Bahnkörper festlegen konnten.
An staatlichen Einrichtungen sei noch das Zollamt er-wähnt, das Einfuhrzölle nur auf alkoholische Getränke und Tabak erhob. Sonst waren alle Ein- und Ausfuhr-güter zollfrei. …
So verlief das Leben sorglos und heiter. Wer nicht alles Geld verspielte oder vertrank, konnte sich in kurzer Zeit ein kleines Vermögen ersparen, auch ohne in Diaman-tenanteilen zu spekulieren.«
Während einer Expedition durchs Land besucht Gou-verneur Jesko von Puttkamer im Januar 1897 auch Lolo-dorf. In seinem 1912 erschienen Buch Gouverneurs-jahre in Kamerun schreibt Puttkamer darüber:
»In dem hochgelegenen Dorf Epussi fanden wir in reiner Höhenluft ein kühles und erquickendes Nachtquartier. Bald hinter Epussi bemerkten wir mitten im Walde seit-lich des Weges eine eingefriedigte, sauber gehaltene und mit Kreuz und Aufschrift versehene Grabstätte; hier ruhte der vor einigen Jahren als Stationschef für Lolo-dorf herausgekommene Oberleutnant a. D. Lübke, dem das tückische Klima es nicht einmal vergönnt hatte, die ihm bestimmte Station zu erreichen und seinen Dienst anzutreten; mitten auf dem Marsch hatte ihn in hohem Fieber der Schlag getroffen.
Die Station Lolodorf liegt wie eine Burg in Thüringen auf einem isolierten Bergkegel 600 m hoch im Waldtal des Lukonje, der tief unten an dem Stationsberge vorbei-fliesst; ringsum ist der Bergwald niedergeschlagen, so dass sich eine vorzügliche militärische Lage ergibt. Nach allen Richtungen hin erblickt man bis zum fernsten Horizont bewaldete Bergketten. Unten am Fluss liegen Faktoreien der Firmen Karl Maass, Randad und Stein, Lübke & Co., C. Woermann & Co., alle bis jetzt von far-bigen Gabunesen geleitet, sowie verschiedene Ngumba-dörfer; etwas weiter jenseits des Flusses auf halber Bergeshöhe sieht man das erste Jaundedorf unter dem alten Häuptling Ebuda. Über den Lokunje führt eine solide, zu Pferde gut passierbare Holzbrücke. Die Station fand ich besetzt mit einem europäischen Unteroffizier – Sergeant Bauch – und 22 Mann der Truppe. Wohnhaus, Kaserne, Arbeiterwohnungen und Ställe sind in primi-tiver Weise ganz aus einheimischem Material herge-stellt. Da die Station nur zwölf Arbeiter beschäftigte, so verursachte sie nur unerhebliche Kosten. Ich setzte ei-nen Etat für dieselbe fest und unterstellte sie bis auf weiteres der Hauptstation Jaunde. Allerdings nahm ich mir vor, in Lolodorf sobald wie möglich ebenfalls einen Offizier zu stationieren, da gerade diese Station aus vie-len Gründen ganz besonders wichtig ist und eine be-deutende Selbständigkeit in Beobachtung, Berichter-stattung und Entschliessung erfordert. Gerade hier kommen verschiedene Stämme miteinander in Berüh-rung, und die an einem solchen Knotenpunkt unver-meidlichen Reibereien und Palaver sind nicht immer ganz einfach zu erledigen. Mabea, Batanga und Bakoko von der Küste kommen häufig bis hierher, ebenso im Dienst der Firmen stehende Weyleute, welche, meist ohne europäische Aufsicht, zu Ausschreitungen neigen; die Ngumba stossen hier mit den Jaunde zusammen; interessant sind verschiedene Grenzdörfer mit gemisch-ter Bevölkerung. Endlich aber sitzen in unmittelbarer Nähe der Station, den Handelsweg beständig bedro-hend, die vorhin schon erwähnten Buli, ein räuberischer und kriegerischer Mpangwestamm, welcher bereits seit Jahresfrist im Hinterlande von Gross-Batanga Unbe-quemlichkeiten verursacht hatte. Es wurde mir hier schon klar, dass eine militärische Aktion, vielleicht der Durchmarsch einer größeren Abteilung von Lolodorf nach Gross-Batanga, nötig sein würde, um die Sicher-heit des immer mehr an Bedeutung zunehmenden Handelsweges Kribi—Jaunde—Adamaua dauernd zu si-chern. Der Schutz dieser Handelsstrasse, welche man-gels eines Wasserweges — an eine Eisenbahn wagte damals noch niemand zu denken — vorläufig die einzige mögliche Verbindung mit Adamaua bildete, war die Hauptaufgabe der Station Lolodorf, eine Aufgabe, wel-che die Station bisher mustergültig erfüllt hatte. Nach Inspizierung der Station, die ich in vortrefflicher Verfas-sung vorfand, erschienen am 7. [Januar 1897] die haupt-sächlichsten Häuptlinge zum Empfang mit Geschenken von Schafen, Ziegen und Hühnern; alle, besonders Ebu-da, der alte Jaundehäuptling vom Berge, und Bambam, der Bruder Tungas*, klagten übereinstimmend über Vergewaltigungen durch die Buli. Abends wurde die Station mit Magnesiumfackeln erleuchtet, während das Gefolge der Häuptlinge Nationaltänze aufführte.«
*»Am nächsten Morgen [4. Januar 1897] betraten wir das Gebiet des früher verrufenen und von den Karawanen gefürchteten Ngumbastammes und erreichten nach nur vierstündigem Marsch das Dorf des berüchtigten Häuptlings Tunga, der noch vor mehreren Jahren durch seine Leute den bekannten Überfall im Urwalde auf die Morgensche Expedition [Premierleutnant Curt Morgens Expedition von 1889-1891] ausführen liess. Nach jener Zeit hatte er sich lange feindlich zur Regierung und allen Kulturbestrebungen gestellt und durchziehende Händ-ler dergestalt belästigt, dass diese gewöhnlich einen Umweg machten, um Tungas Dorf nicht zu passieren. Tunga wäre seiner vielen Untaten halber eigentlich längst reif für den Galgen gewesen, und als es auf dem Rückmarsche des Kommandeurs von Kamptz einer Abteilung der Truppe endlich gelungen [1896] war, sich seiner Person zu bemächtigen, war man im Zweifel, ob ihm nicht kurzweg an Ort und Stelle der Prozess zu machen sei. Sehr richtiger Weise indessen entschloss sich Herr von Kamptz, Tunga zunächst einmal nach Kamerun [früherer Name der Stadt Duala] mitzuneh-men und ihn dem Gouverneur zur Verfügung zu stellen. Er durfte zwei seiner Weiber und drei Begleiter mit-führen und wurde als oberster Häuptling der Ngumba wie ein politischer Gefangener behandelt. Trotzdem stand er unter dem Eindruck, dass ein Todesurteil gegen ihn verhängt werden würde. Nachdem er Kamerun mit seinen Anlagen und Faktoreien, die Truppe und die Kriegsschiffe gesehen, zeigte er eine merkliche Sinnes-änderung und erklärte, er habe sich nun von der Macht der Regierung überzeugt und werde, falls ihm das Leben geschenkt würde, ein loyaler Untertan sein. Ich über-legte damals, dass Tunga in der Tat im Gegensatz zu den meisten anderen Häuptlingen des Urwaldes einen er-heblichen Einfluss auf sein Volk besass und der Regie-rung mit seinem Tode eigentlich nicht gedient war, dass es auch unmöglich sei, alle widerspenstigen Häuptlinge aufzuhängen — wir hätten sonst bald überhaupt keine Häuptlinge im Schutzgebiet mehr gehabt — und be-schloss, den Versuch zu machen und seinen Verspre-chungen zu trauen. Er musste Urfehde schwören, künf-tiges Wohlverhalten geloben und eine Busse in Elfen-bein zahlen. Ausserdem wurde ihm auferlegt, die bis dahin entsetzlichen Wege in seinem Lande aufzuräu-men und in Stand zu setzen. Dagegen liess ich ihn frei in sein Land zurückkehren und war nun neugierig, wie er nach Bezahlung der Strafe seine übrigen Versprechun-gen halten würde. Schon bei meiner Ankunft in Kribi hatte mir eine aus Jaunde von Dominik entsandte Pa-trouille, gemeldet, dass die Wege im Ngumbalande in Ordnung seien. Ich fand dies in vollem Masse bestätigt. Der ganze Weg durch die Ngumbaberge war zu einem bequemen Reitwege umgewandelt, die reissenden Ge-birgsströme waren überbrückt, nur einzelne besonders steile Berge und Felspartien boten noch Schwierigkeiten für Lasttiere, ohne wirkliche Hindernisse zu sein.
Bei meinem Anmarsch kam mir Tunga, umringt von Weibern und Begleitern, entgegen und begrüsste mich unterwürfig. Er versicherte, dass er alles vollführt habe, wie es ihm aufgegeben sei und bat nochmals um Gnade und Verzeihung. Er hatte in ausgezeichneter Weise für die Unterkunft der Expedition Sorge getragen und brachte mir das erste grosse Gastgeschenk dar, — 4 Schafe, 50 Bund Bananen, 10 Hühner, 8 Eier und einen Korb Makabo (einheimisches Gemüse), woraus sich ein Festtag für meine Leute entwickelte, die bis dahin in dem unbewohnten Walde von den mitgenommenen Vorräten — Reis und getrocknete Fische — hatten leben müssen. Die Internierung Tungas in Kamerun und seine Freilassung war offenbar erfolgreich gewesen und durch die angewandte Milde war viel erreicht worden. Wir Europäer nahmen Wohnung in dem Anwesen eines gabunesischen Händlers der Firma Woermann, der dort seit Jahr und Tag Handel trieb und dessen bildhübsche, ziemlich hellfarbige Frau — Madame Marie Hilarion — nicht nur perfekt Französisch sprach und mit einem kostbaren seidenen Kostüm prunkte, sondern auch in ihrer ganz zivilisiert eingerichteten Küche meinem Koch Peter durch Herstellung aller möglichen Nationalgerichte wertvolle Unterstützung leistete. Tunga arbeitete emsig an der Verbesserung seines Dorfes; ein sehr grosser, luftiger Marktplatz war angelegt, überall sah man frische Rodungen im Urwald zum Bau von neuen, grösseren Häusern und Anlage von Farmen. In dem grossen Palaver, welches ich nachmit-tags mit Tunga abhielt, versicherte er vor allem Volk mich nochmals wiederholt seiner Treue und Botmässig-keit. Hier traten die sich nun immer weiter wieder-holenden ersten Klagen über räuberische, vom Süden her gegen die Handelsstrasse vordringende Bulistämme auf, offenbar schon ein Anzeichen für den späteren frechen Überfall der Buli auf das Bezirksamt Kribi [September 1899]. … Das Benehmen der Tungaleute war freundlich und zutunlich, auch seitens des weiblichen Teils der Bevölkerung, so dass ich den hübschen Tag zur Belohnung der Bevölkerung durch Abbrennen eines kleinen Feuerwerks schliessen liess.
In zwei Tagesmärschen ging es weiter nach Lolodorf, welches am 6. [Januar 1897] nachmittags erreicht wur-de.«
Lolodorf liegt an der Straße von der Hafenstadt Kribi nach Jaunde im Landesinneren. Es ist ursprünglich eine Gründung als Militärstation auf einem Hügel am Fluß Lokundje. Im September 1907 werden Bezirk und Station in die Zivilverwaltung überführt. Die Station umfaßt eine Kaserne, ein Haupthaus für Europäer, ein Dienerhaus, Büros und Post, Europäerwohnungen und Lagerräume, Baracken, ein Gefängnis, ein Unterkunftshaus für Kara-wanen, Hirtenwohnungen, Vieh- und Pferdeställe, Ge-flügelställe, eine Ziegelei und einen Schießstand. Han-delsfirmen im Ort sind: Bremer West Afrika Gesell-schaft, Randad & Stein, Hatton & Cooksen. Fast alle Gebäude in Lolodorf sind aus Holz, Baumrinde und anderen Pflanzenmaterialien gefertigt. Eine Brücke ist über den Lokundje gebaut. Umgeben ist Lolodorf von Dörfern, Farmen, Reiskulturen, Pflanzungen und Wald.
Das Deutsche Kolonial-Lexikon über Lolodorf:
Lolodorf, Regierungsposten im Bezirk Kribi in Kame-run. Der Ort liegt im Lande der Ngumba, die ihm den Namen Bikui ma Lobe geben. Lolodorf liegt am nörd-lichen Ufer des Lokundje; die Einwohner treiben etwas Fischfang, Ackerbau und Jagd, vor allem aber liegen sie dem Handel ob. Die Straße von Kribi nach Jaunde über-schreitet bei Lolodorf zum zweiten Mal den Lokundje. Die Zahl der Europäer in Lolodorf betragt jetzt [1913] 24. In und bei Lolodorf befinden sich mehrere Pflanzungen und Faktoreien. Es ist Sitz eines Regierungspostens und einer Polizeistation, sowie Postagentur. Die amerikani-sche Presbyterianische Mission hat in Lolodorf eine Nie-derlassung.
Benannt ist Misahöhe nach der Geliebten des Kaiser-lichen Kommissars für Togoland um 1890, Jesko von Puttkamer, Mária Esterházy de Galántha, genannt Misa. Hans Gruner, der langjährige Bezirksamtmann des Be-zirks Misahöhe, aufgewachsen in Thüringen, verleiht seinem Amtssitz das Aussehen eines thüringischen Gebirgsdorfes. Die am Hang gelegene Station blickt in eine Tiefe und ziemlich steile Schlucht hinab. Das Deutsche Kolonial-Lexikon weiß über Misahöhe zu berichten:
Misahöhe, Sitz der Lokalverwaltung des gleichnamigen Verwaltungsbezirks (Bezirksamts) in Südtogo. Das Be-zirksamt Misahöhe wurde im Jahre 1890 als Station gegründet; es liegt im zentralen Togogebirge in nächster Nähe des Françoispasses [Benannt nach dem deutschen Offizier Curt von François], etwa 8 km von Palime, dem Endpunkt der Inlandbahn Lome-Palime entfernt, mit dem es durch eine Fahrstraße verbunden ist. In Misa-höhe werden regelmäßig Regenmessungen angestellt. Bei Misahöhe befindet sich eine größere Regierungsver-suchspflanzung. In der Nähe von Misahöhe auf dem Berge Klutó ist ein Schlafkrankenlager eingerichtet, das unter der Leitung eines Regierungsarztes steht. Dem Bezirksamt Misahöhe unterstehen als Verwaltungs-nebenstellen die Stationen Ho und Kpandu. Seehöhe 470 m.
Das Deutsche Kolonial-Lexikon über:
Atakpame, Ort, Landschaft und Verwaltungsbezirk (Be-zirksamt) in Togo. Der Ort A. liegt in einer Einsattelung eines vom Togogebirge in südöstlicher und südlicher Richtung vorstoßenden Bergrückens. Auf einer Anhöhe über dem Ort liegt das 1898 zunächst als Station ge-gründete Bezirksamt. A. ist der Sitz der Lokalverwaltung des gleichnamigen Verwaltungsbezirkes (Bezirksamts) und eines Regierungsarztes, dem zugleich die Leitung der dortigen Regierungsapotheke obliegt, und einer Post- und Telegraphenanstalt. Mit dem Bezirksamt ver-bunden ist eine meteorologische Beobachtungsstation höherer Ordnung. In Kamina bei Atakpame befindet sich eine Telefunkenstation. In A. unterhalten die Nord-deutsche Missionsgesellschaft und die katholische Stey-ler Missionsgesellschaft je eine von Europäern besetzte Hauptstation nebst Kirche, die katholische Mission auch eine Schwesternniederlassung. Zahlreiche euro-päische Handelshäuser unterhalten in A. Faktoreien zum Teil unter europäischer Leitung. Ferner sind dort 2 Baumwollentkernungsanlagen in Betrieb. Der Endpunkt der am 1. April 1911 dem Verkehr übergebenen Hinter-landbahn Lome-A. lag ungefähr 3½ km östlich vom Ort A. beim Dörfchen Agbonu bei km 163. Die Eisenbahn-verbindung zwischen A. und Agbonu ist später gebaut und erst am 2. Mai 1913 eröffnet worden. Die neue Station Atakpame liegt bei km 167. In A. findet alle 5 Tage großer Markt statt, zu dem zahlreiche Eingeborene der Umgegend zusammenströmen. Der Ort A. ist bekannt durch die hübsche und saubere Anlage seiner Straßen, Brücken und öffentlichen Brunnen. Seehöhe des Be-zirksamts Atakpame 308 m.
Das Deutsche Kolonial-Lexikon über Ho, das nicht weit von der Grenze zur britischen Goldküste gelegen ist:
Ho, Landschaft mit gleichnamiger Hauptstadt und Regierungsstation im Verwaltungsbezirk Misahöhe in Togo.
Auf dem Gebirgszug westlich der Stadt Ho liegt die 1902 gegründete Verwaltungszwecken dienende, dem Be-zirksamt Misahöhe unterstehende, dauernd von einem europäischen Beamten besetzte Nebenstation Ho, mit der eine Zollhebestelle und eine Regenmeß-Station verbunden ist. Bei Ho befindet sich eine Regierungs-versuchspflanzung. Ho ist Post- und Telegraphenanstalt. Seehöhe der Station Ho 325 m. — Die Norddeutsche Missionsgesellschaft unterhält in Ho seit 1859 eine von Europäern besetzte Hauptstation, welche 1869 von den Asanteern bei einem Einfall in Ho zerstört wurde, und eine Kirche. Die katholische Steyler Mission besitzt in Ho gleichfalls eine von Europäern besetzte Station. Mehrere europäische Handelshäuser unterhalten in Ho Zweigniederlassungen. Die Togo-Baumwollgesellschaft m. b. H. hat in Ho eine Baumwollentkernerei in Betrieb.